Angebeteter --

_Alexios_ (schleudert sie weg):

Rühr' mich nicht an!

Verfluchte!

_Vorhang._

Dritter Aufzug.

Die Szene zeigt einen düsteren Saal, der sein Licht irgendwoher aus der

Höhe bekommt. Eine breite Treppe steigt im Hintergrund auf,

Straßeneingang. In der _rechten_ Seitenwand eine mächtige Bronzetür,

erhöht, über zwei Stufen zu erreichen. Weiter zurück eine kleinere Tür.

Links ebenfalls zwei Türen. Der Thronstuhl des Kaisers steht rechts

vorn, überragt von einem holzgeschnitzten und buntbemalten Gekreuzigten.

Man hört draußen das dumpfe Branden der Volkserregung, aus der sich ab

und zu ein heller Schrei losringt. _Der Henker_ mit zwei Gehilfen kommt

aus der kleinen Tür rechts, bezeigt dem Gekreuzigten seine Verehrung und

geht links vorn ab.

Ein _General_ mit mehreren Soldaten eben daher, ab durch die zweite Tür

links. Indem er hinaus ist und die Türe offen läßt, drängen die _Frauen_

der Theophano herein, scheu, mit starrer Angst in den Zügen. Sie stellen

sich rechts und links von der Tür auf.

_Archonten_ und _Generale_ aus der zweiten Tür rechts, von Soldaten

gefolgt. Sie lauschen auf das Toben des Volkes und stecken die Köpfe

zusammen.

_Erster Archont_:

Das Volk von Byzanz?

_Zweiter Archont_:

Ein Wort genügt!

(Auf den Wink eines Generals besetzen Soldaten die Treppe im

Hintergrund. Eine silberne Glocke läutet lang und heftig von draußen.

Die Flügel der Bronzetür fliegen auf.)

_Alexios_

(mit großem Gefolge tritt auf die Treppe heraus).

_Männerstimmen_:

Christus erhalte deinen Ruhm.

_Frauenstimmen_:

Christus erhalte deinen Ruhm

noch lange im -- -- --

_Alexios_

(winkt ab. Die Männer verstummen, die Frauen plärren weiter):

Schweigt stille!

Mein Ruhm ist nicht fein.

(Er steigt langsam die Treppe hernieder, indes alle niederfallen. Er

neigt sich tief vor dem Bild des Gekreuzigten):

Gekreuzigter! Gequälter!

Immer von neuem kreuzigt man dich!

Wende dein schmerzgezeichnetes Antlitz

bis ich gerichtet hab'.

(Er tritt auf die Erhöhung, auf der der Thronstuhl steht, läßt sich auf

ihn nieder und winkt.)

_Theophano_

(aus der zweiten Tür links, gefolgt vom General und den Soldaten. Sie

ist in ein ganz weißes Gewand gekleidet, ein weißer Schleier, zu beiden

Seiten des Kopfes lang herabhängend, läßt nur ein längliches,

viereckiges Stück ihres Gesichtes frei. Sie schreitet zwischen den

Frauen hindurch, die bei ihrem Anblick zum Teil aufschluchzen. Sie weist

sie mit einer herrischen Gebärde zur Ruhe, stellt sich, halb nach vorn

gewendet, auf und wirft einen fragenden Blick zu den Archonten und

Generälen hinüber. Die verneigen sich tief.)

_Alexios_

(der sich langsam erhoben hatte, sinkt, da sie ihn gar nicht beachtet,

in seinen Sitz zurück und gibt ein zweites Zeichen).

_Harald_

(wird vom Henker und seinen Gehilfen hereingebracht. Er ist mit Ketten

beladen, aber aufrecht, ein wildes Feuer in seinen Augen. Sobald er

auftritt fährt sein Kopf nach dem Hintergrund herum, wo die Frauen

stehen. Da er Theophano gewahrt, richtet er sich noch höher auf und

grüßt sie mit seinem Blick. Dann schweift sein Auge über die Versammlung

der Männer und bleibt schließlich hohnglühend auf Alexios haften).

_Harald_:

Wie groß und feierlich!

Die Feste folgen sich,

doch gleichen sie sich nicht.

_Alexios_:

Harald! Warägersohn!

Aus niederem Stande aufgestiegen -- -- --

_Harald_:

Krieger waren die Ahnen alle!

_Alexios_ (sich gewaltsam beherrschend):

-- -- -- aus niederem Stande.

Eines Kaisers Gunst und Gnade

machte dich zum Gespielen des Sohnes.

_Harald_:

In langer, trauriger Klosterfron

hab' ich es abgedient.

_Alexios_:

Ein unerhörtes Glück erhob

dich zum Freunde des Kaisers -- -- --

_Harald_:

Und zum Geliebten der Schwester!

_Alexios_:

Rasender!

denkst du daran:

An meiner Gnade hängt dein Leben!

_Harald_ (lacht):

Gnade! Du Frömmler!

Glaub' mir, ich kenn' dich!

Eher vergehst du, eh' du verzeihst,

was ich getan!

_Alexios_:

Was du getan!

Mußt du mich mahnen?

Ja, Unsel'ger, wisse, du stehst vorm Tode!

_Harald_:

Heia, der Tod!

Wie ich ihn grüße!

Jauchzend sind die Warägersöhne

immer dem Tod entgegengestürmt!

Glaubst du, daß ich ihn greinend empfange?

_Alexios_:

Harald, Unsel'ger!

_Harald_:

Nicht dein Himmel,

nicht die Erlösung,

selber der Tod ist jubelnde Lust!

_Alexios_:

Läst're nicht!

_Harald_ (in dämonischer Glut):

Wenn ich den tötlichen Streich empfange,

strahlt in meinem Blick noch einmal auf

des Lebens Flamme in heller Glut!

Und im letzten Blitz des Denkens

nehm ich mir das Weib,

das mir Tod und Leben einet --

deiner Schwester Leib!

_Alexios_:

Halt ein! -- Verruchter!

_Harald_:

Einmal noch abwärts

die schneeige Halde ihrer Schultern

gleitet mein Blick,

Einmal noch strahlt ihr heißes Auge

meine wilden Wünsche zurück,

Einmal noch zittert in meinen Armen --

_Alexios_:

Hör' auf! Hör' auf!

_Harald_:

-- -- -- ihrer Glieder geschmeidige Pracht,

Einmal noch drängt sich

in heißester Sehnsucht

an mich ihr Leib mit zärtlicher Macht --

_Alexios_ (rasend):

Henker! Henker!

Schnell! Tu' dein Amt!

_Harald_

(vom Henker und seinen Gehilfen rückwärts gerissen):

Ewig das Wort vor Augen dir steht

in blutigem Schein --

deine Schwester ist mein!

_Theophano_

(die der Szene mit glühender Anteilnahme gefolgt ist, springt mit einem

jubelnden Aufschrei vor, die Gehilfen des Henkers weichen zurück. Sie

reißt dem Henker das Schwert aus der Hand, wirft es zu Boden, setzt den

Fuß darauf und blickt mit wildem Triumph den Kaiser an. Ein Ruck geht

durch die Archonten und Generale, die sich nunmehr schon auf die Seite

der Theophano schieben):

Keines Henkers Schwert

soll ihn berühren!

_Alexios_:

Theophano! Purpurgeborene!

(Zu den anderen):

Nein -- fort mit euch allen!

Laßt uns allein!

Was kümmert euch

der Purpurgebornen Sache!

_Theophano_:

Nein -- bleibt alle hier!

Was hier geschieht, geht alle an!

(an Haralds Halse):

Einziger du, der meine Seele

trunken macht!

_Alexios_:

Soll ich die Zwillingsschwester,

soll ich mein anderes Ich zerstören?

_Theophano_:

Dein _anderes_ Ich!

Begreifst du das nun?

Ein _anderes_ Ich ist deine Schwester!

Heiße Sehnsucht wohnt in uns beiden,

wandert durch unser Blut ohne Rast.

Weiße Flamme ward sie in dir,

die sich verehrend zum Himmel wendet.

In rote Gluten bin ich getaucht!

Der Erde Freuden begehr' ich mir!

Nimm deinen Himmel,

Laß uns das Leben!

Laß uns das lebenbegehrende,

jauchzende Kaiser-Byzanz!

(Jubelnder Zuruf der Archonten und Generale, die sich jetzt alle auf

Seiten der Theophano schieben. Nur ein einziger Getreuer bleibt bei

Alexios.)

_Alexios_:

Laß euch die Sünde und das Verderben!

Führt sie zum Tode alle beide!

_Theophano_ (auflachend):

Wer soll uns führen?

_Alexios_:

Das Urteil ist gefällt!

Ist niemand hier, es zu vollstrecken?

(Aufschreiend):

So muß ich selbst -- -- --

(Alexios läuft die Stufen des Thrones herab, ergreift das am Boden

liegende Schwert des Henkers und stürzt sich auf Harald. Alles schreit

auf, nur Harald bleibt ruhig. Indem er Alexios furchtlos entgegensieht,

hebt er ein wenig die gefesselten Hände. Da läßt Alexios das Schwert zu

Boden fallen.)

_Alexios_:

Nein, ich kann nicht,

ich darf nicht töten!

(Alexios schreitet zu der Christusfigur am Thronsessel und wirft sich

vor ihr nieder):

Herr Jesus Christ, sei bedankt,

daß du das Schwert mir schlugst

aus der Hand!

Herr Jesus Christ, nun führe mich du

auf deinem Weg zum Frieden!

(Auf einen Wink Theophanos tritt jetzt der Henker herzu und entfesselt

Harald. Der reckt die Arme hoch empor und tut einen Schritt auf den noch

immer knieenden Alexios zu. Von Theophanos Hand wird er zurückgehalten.

Alexios erhebt sich. Indem er sich der Versammlung zuwendet, nimmt er

von seiner Brust den Ölzweig, das Geschenk des Abbas. Sein Blick, der

zuerst die Anwesenden umfaßte, scheint nun ins Weite, Leere gerichtet.

Ganz entrückt, visionär):

Ich wollt' am Throne steh'n,

als ein Diener Christ's des Herrn.

Lächelnden Frieden wollt' ich führen

Durch die schauernden Gassen der Stadt.

Die Stadt will meinen Frieden nicht -- -- --

Die Schwester selbst ist wider mich.

(Er läßt den Purpurmantel von den Schultern fallen und nimmt den Reifen

von der Stirn):

Nehmt zurück, was ihr mir brachtet,

dieser Welt Herr kann ich nicht sein!

(Langsam schreitet Alexios die Stufen des Thrones herab, durch die

schweigende Versammlung dem Tor im Hintergrunde zu.)

_Ein Getreuer_

(sich ihm in den Weg werfend):

Erhabener, geh' nicht hinaus,

sie werden dich töten!

Schone den jungen, geheiligten Leib!

_Alexios_

(wehrt den Getreuen sanft ab und schreitet weiter, die Stufen hinauf zu

dem großen Tor im Hintergrunde. Er stößt das große Tor auf. Man erblickt

die tosende Volksmenge, deren Gebrüll beim Anblick des Kaisers mächtig

anschwillt. Furchtlos steht Alexios da, bis das Geschrei schwächer wird

und endlich nach Aufheben seiner Hände ganz verstummt. Da schreitet der

Kaiser in die lautlose Menge hinein, die ihm unwillkürlich eine Gasse

bildet. Wieder wächst das Gemurmel des Volkes. Plötzlich ertönt ein

einzelner furchtbarer Aufschrei. Darauf Totenstille. Der Getreue, der

dem Kaiser von der Höhe der Treppe nachgespäht hat, dreht sich um und

erdolcht sich. Theophano ergreift Haralds Hand und schreitet mit ihm,

hocherhobenen Hauptes, dem Thronsessel zu. Während sie sich mit

Stirnreif und Purpurmantel bekleidet, fallen alle huldigend auf die

Knie, erheben sich dann und brechen in den größten Jubel aus.)

_Ende_.

[Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt:

* Auf Seite 1 wurde nach Berlin ein Punkt hinzugefügt.

* Auf Seite 37 wurde einmal Eudioka zu Eudokia korrigiert.]

Theophano: Oper in drei Aufzügen · 第 7 / 8 题