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Paul Graener. Otto Anthes.
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russischen Autorengesetz vom 20. März 1911 und der Deutsch-russischen
Übereinkunft vom 28. Februar 1913, desgleichen für Holland nach dem
holländischen Autorengesetz vom 1. November 1912).
Universal-Edition Aktiengesellschaft.
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Personen:
_Alexios_, der junge Kaiser der Romäer
_Theophano_, seine Zwillingsschwester
_Harald_, der Waräger, des Alexios Jugendgespiele
_Eudokia_, Hofdame der Theophano
_Der Abbas_ des Klosters Laura am Athosgebirge
_Erster_ }
}
_Zweiter_ } _Archont_
}
_Dritter_ }
_Ein Getreuer_ des Kaisers
Mönche des Klosters Laura, Archonten, Generale, Soldaten, Gefolge des
Kaisers, Sklaven und Sklavinnen der Theophano, Tänzer und Tänzerinnen,
ein Henker und zwei Gehilfen.
Die Handlung des ersten Aufzuges geht im Hofe des Klosters Laura vor
sich; der zweite und dritte Aufzug spielen im Kaiserpalast zu Byzanz.
Zeit: Das frühe Mittelalter.
Erster Aufzug.
Der Hof im Kloster Laura am Athosgebirge. Links, sich in die Tiefe der
Bühne erstreckend, das Klostergebäude; das Erdgeschoß massiv,
fensterlos; das Stockwerk mit zahlreichen kleinen vergitterten Fenstern
versehen. Ganz vorn ein gewölbter Durchgang, der die ganze Höhe des
Erdgeschosses einnimmt und in den äußeren Klosterhof führt. Weiter
zurück eine kleine Pforte, zu der zwei Stufen emporsteigen. Das ganze
Haus nicht sehr hoch, so daß darüber hinweg eine mächtig anstrebende
Felswand sichtbar wird, in deren Spalten vereinzelte Taxusbäume und
seltsame, große Blumen wachsen. An dem Hause entlang läuft, durch eine
niedere Mauer gegen den Abgrund abgegrenzt, ein schmaler Gang, der in
der Tiefe der Bühne um das Gebäude herumbiegt.
Nach rückwärts ist der Hof ebenfalls durch eine niedrige Mauer
geschlossen, die sich in der Mitte etwa zu einem hinausspringenden
Balkon ausbuchtet. Darüber hinweg sieht man in der Tiefe das ägäische
Meer, tiefblau, mit einzelnen fernen, weißschimmernden Inseln.
Rechts die Kirche; das Mauerwerk plump, massig, schmucklos. Das Portal
mit Mosaik und Gold schier überladen. Breite Stufen führen zum Portal
hinauf. Im Winkel zwischen Kirche und Hofmauer hängt unter einem
Holzdach eine Glocke, die mit der Hand geschlagen wird. Hinter der
Kirche hervor zieht sich das Waldgebirge im Bogen gegen die Mitte des
Hintergrundes, um in einem trotzigen Vorgebirge zu enden.
Im Hof ein alter Brunnen, aus dessen innerem Mauerrand ein Ölbaum
hervorwächst. Eine primitive Schöpfvorrichtung. Eine Steinbank an der
Mauer im Hintergrund. Zwischen Bank und Balkon in der Mauer befestigt,
ein plumpes Holzkreuz, der Gekreuzigte mit grellen Farben bemalt.
Es ist Morgen. Gleißender Sonnenschein liegt auf dem Hofe, auf den
weißen Mauern, über der blauenden Ferne.
_Alexios_ und _Harald_
(beide in weißer, klösterlicher Tracht, treten aus der kleinen Pforte
links).
_Alexios_:
Wie dieses Morgens Schönheit
mit Weh die Seele füllt!
_Harald_:
Warum mit Weh?
_Alexios_:
Als raffte meine Jugendwelt
all' ihre Köstlichkeit in eins,
um mir den Abschied zu erschweren.
_Harald_:
_Mir_ steht die Welt in _Festes_flammen,
und diese Sonne jauchzt _Triumph_.
_Alexios_:
Hast du, mein Freund, niemals empfunden,
daß Sonne -- _droht_?
_Harald_ (den Kopf schüttelnd):
Ich bin des Nordens Enkelkind.
Hab' ich das düst're Land
auch selber nie geseh'n --
der Väter Seele lebt in mir
und ihre wilde, wehe Sucht,
der Sonne nachzuzieh'n.
Wallfahrten geht des Nordens Herz
viel hundert Jahre schon
dem Süden zu.
Mit süßen Schmerzen lockt sein Gold,
sein Purpur und sein Blut.
(Er breitet sehnsüchtig die Arme nach dem Meer.)
-- Nun wird die Sucht gestillt.
Dort liegt Byzanz!
Und morgen
sind unter Segel wir dahin.
_Alexios_:
Byzanz! Hast du vergessen,
daß wir Byzanz schon einmal sahen?
Daß wir als Kinder schon einmal
sein wildes Schrein vernahmen?
Klingt in den Ohren dir nicht mehr
das Wutgebrüll des Volks,
das, meinen Vater hingeschlachtet,
den Purpur von dem Leichnam riß
und kam, den Sohn zu töten?
Weißt du nicht mehr, wie wir bei Nacht
davongetragen wurden, weinend?
Wie wir von Schiffes Bord
die Flammen grausend sahen,
die Palast und Haus verzehrten?
Byzanz, die Mörderin!
So seh' ich sie.
_Harald_:
Nur umso stolzer macht mich das.
Als Flüchtling gingst du einst,
als _Kaiser_ kehrst du wieder!
_Alexios_:
Als Kaiser! Ich versteh' es nicht.
Dasselbe Volk,
nach meinem Blute schrie es damals;
nun holt es mich hervor
aus meiner Einsamkeit,
daß ich es knechten soll.
_Harald_:
So knechte es! Wie's ihm gebührt.
Steh' auf der kaiserlichen Höh',
unnahbar!
_Mir_ doch gib dein Schwert!
_Alexios_:
Mich lockt es nicht wie dich.
(Auf den Balkon im Hintergrunde tretend.)
Wie lebt' ich still und friedlich
in diesen Klostermauern!
Rein war die Luft und rein das Herz.
Die böse Welt, sie lag dahinten,
das blaue Meer
war Grenze meines Seins.
Und wenn mein Sehnen jene Inseln
mit heißem Wünschen überflog,
wars um die Schwester nur.
Theophano!
Nicht um des Thrones schimmernde Pracht,
um dich allein, Theophano!
_Harald_:
Liebst du sie so,
die du doch kaum gekannt?
_Alexios_ (weich):
Die Zwillingsschwester!
Mir ist, als wäre
meines Wesens Hälfte dort.
An _einer_ Mutter Herz zugleich
sind wir gelegen im Dunkel des Werdens.
_Ein_ Herzschlag hat uns belebt,
_ein_ Blut uns genährt.
_Harald_:
Ob sie wohl schön geworden ist?
_Alexios_:
Seltene Kunde
kam mir von ihr.
Eine große Prinzessin
ist sie im Kaiserpalast.
_Harald_:
Eine große Prinzessin!
_Alexios_:
Goldgestickte Seide
fließt um ihren Leib.
_Harald_:
Seide um ihren Leib!
_Alexios_:
Und der Sklavinnen Schar
zittert vor ihrem Wink.
_Harald_:
Schöner Sklavinnen Schar!
_Alexios_:
Ihre rufende Stimme
dringt an mein brüderlich Ohr.
Byzanz, die Mörderin -- sei ihr's vergeben!
Byzanz, die Brennerin -- sei ihr's verzieh'n!
Denn sie umschließt
was ich liebend ersehne.
Aus dem düsteren Grauen,
das mir die schreckliche Stadt umhüllt,
winkt mir der Schwester weißleuchtende Hand.
_Harald_:
Byzanz, die Spenderin
köstlicher Freuden,
wie ich sie lechzend ersehne!
Wunderschöne Frauen
winken mir lächelnd mit weißer Hand.
_Ein Mönch_
(ist aus dem Hintergrunde den Gang am Haus entlang gekommen und zur
Glocke gegangen, die er nun schlägt):
_Alexios_ (zusammenfahrend):
Die Stunde schlägt. Harald,
meines kindlichen Jammers Gefährte,
meiner Einsamkeit Gespiel' --
bleibe bei mir! Verlaß mich nicht,
wenn sie mich mit der Krone beladen!
_Harald_:
Faß dich, Alexios!
_Die Mönche_ und _Knaben_
(des Klosters kommen, zwei und zwei, den Gang entlang und ziehen zur
Kirche, indem sie psalmodieren):
Ich will in dein Haus gehen auf deine große Güte
und anbeten gehen deinen heiligen Tempel in deiner Furcht.
Küsset den Sohn, daß er nicht zürne.
Dienet dem Herrn mit Furcht
und freuet euch mit Zittern.
Küsset den Sohn, daß er nicht zürne,
daß ihr nicht umkommt auf dem Wege.
Denn sein Zorn wird bald entbrennen.
Wohl aber denen, die auf ihn trauen.
_Alexios_:
Küsset den Sohn,
daß ihr nicht umkommet auf dem Wege.
_Der Abbas_
(von zwei dienenden Mönchen gestützt, tritt aus der kleinen Pforte
links. Nachdem sie ihm die Stufen herabgeholfen haben, bleiben sie
wartend links stehen.)
_Alexios_ (dem Abbas entgegen):
Heiliger Vater, muß ich nun scheiden?
_Abbas_:
Ich scheide nicht von dir.
Meine Gebete folgen dir nach.
_Alexios_:
Lieber Vater!
_Abbas_:
Vater ist Einer!
Dem Heimatlosen
Hab' ich die himmlische Heimat gewiesen.
Nun führt dich eine kleine Weile
Der Herr auf einem anderen Weg.
_Alexios_:
Mir graut vor diesem Weg.
_Abbas_:
In deinem Herzen hab ich
ein himmlisch Licht entzündet.
Trag's in das düstre Grauen,
und die Nacht wird hell.
Christus hat dich erwählt,
Christus hat dich gestählt,
sein Werkzeug zu sein.
Viele Kaiser hat es gesehen,
das hehre Byzanz.
In Sünden auf den Thron gestiegen,
in Sünden geherrscht,
in Sünden gefallen --
sei du ein reiner Kaiser!
Laß der Reinheit weiße Sonne
nun mit mildem Freudenschein
strahlen über sie!
_Alexios_ (mit leuchtendem Angesicht):
Ja, ich will vor dem Throne stehn
als ein Diener Christ's des Herrn.
Lächelnder Friede soll vom Palaste
durch die schauernden Gassen geh'n.
(ganz entzückt):
Über das Meer wie weiße Schwäne
sollen die Schiffe die Flügel heben.
Und am fernsten Waldgebirge
blase der Hirt die Friedensschalmei.
_Abbas_:
Amen.
(Er winkt den beiden Mönchen, sie treten an den Brunnen heran.)
_Der erste Mönch_
(senkt den Krug in die Tiefe und zieht ihn wieder herauf, füllt einen
Becher, der in einer kleinen Vertiefung des Brunnenrandes steht, und
reicht ihn dem Abbas.)
_Abbas_
(reicht ihn dem Alexios, feierlich):
Trinke, mein Sohn!
Keusches Wasser aus heiligem Felsen,
kühl und rein,
heilige dich in dieser Stunde
wider den heißen,
trüben Trank der Welt!
(Er winkt dem zweiten Mönch.)
_Der zweite Mönch_
(bricht einen Zweig vom Ölbaum und reicht ihn dem Abbas.)
_Abbas_
(reicht ihn dem Alexios, wie oben):
Dies Zweiglein mahne dich
an deiner Jugend seligen Frieden.
_Alexios_:
An meiner Jugend seligen Frieden.
(Er birgt den Zweig auf seiner Brust und sinkt vor dem Abbas aufs Knie.
Von draußen hört man Trompeten der Abgesandten von Byzanz.)
_Abbas_:
Der Ruf ertönt. Nun folge deiner Pflicht!
(Indem er Alexios noch einmal segnet, schreitet er langsam, auf die
beiden Mönche gestützt der Kirche zu.)
(Aus dem Durchgang links kommt der Zug der _Byzantiner_. Antike
_Trompeten_ voran. _Archonten_ mit ihren Pagen, _Generale_, _Soldaten_.)
_Erster Archont_:
Alexios,
des Alexios Sohn,
Purpurgeborener!
Das Volk der Romäer, das uns gesandt,
aus Wirrsal und Not Erlösung heischend,
deines ruhmreichen Stammes gedenkend,
ruft dich zum Kaiser durch mich.
_Alexios_:
Ich bin bereit.
(Es nähern sich der _zweite_ und der _dritte Archont_, jeder von _einem
Pagen_ gefolgt. Der erste _Page_ trägt auf einem Kissen die roten
Schuhe, der _zweite_ den Purpurmantel.)
_Erster Archont_:
Laß dich mit Kaisers Gewand bekleiden,
daß du geheiligt die Schwelle beschreitest
unserer Hagia Sophia,
wo du am Altar die Krone dir nimmst!
_Zweiter Archont_
(nimmt die roten Schuhe und zieht sie dem Alexios an.)
_Erster Archont_:
Heilig dein Fuß!
Heilig die Erde, die er betritt!
Heilig die Erde,
die dein Fuß betritt!
_Dritter Archont_
(legt dem Alexios den Purpurmantel um.)
_Erster Archont_:
Heilig dein Leib,
vom ewigen römischen Purpur umwallt!
Alexios, Kaiser der Romäer!
_Zweiter_ und _dritter Archont_:
Heilig die Erde, die dein Fuß betritt!
Heilig dein Leib im ewigen Purpur Roms!
(Alle, mit Ausnahme Alexios und Haralds, fallen zu Boden nieder.)
_Alexios_ (zu Harald):
Es schauert mich.
Mir ist, als wär' ich in ein Meer
von Blut getreten,
und blutig flösse es herab
von meinen Schultern.
Nur noch das Haupt ist frei und rein,
und seiner harrt die Perlenbinde
in Hagia Sophia.
_Harald_:
Sei stark! Und laß die andern zittern!
_Alexios_
(sich fassend, zu den Byzantinern):
Steht auf!
(Die Byzantiner erheben sich.)
_Die drei Archonten_:
Christus erhalte Deinen Ruhm!
Herr der Welt, allmächtiger Gott --
Der wunderbar aus dem Grab Erstandene,
Er erhalte dich lange Zeit!
_Alle Byzantiner_:
Christus erhalte seinen Ruhm
noch lange im kaiserlichen Purpur!
Er gewähre dir viele Jahre,
er erhalte dich lange Zeit!
_Alexios_
(grüßt mit der Hand und wendet sich der Kirche zu. Die Kirchentüren
werden aufgestoßen, Mönche und Knaben, an der Spitze der Abbas, treten
aus der Kirche und bleiben auf den Stufen des Portals stehen.)
_Die Mönche und Knaben_:
Herr, der König freuet sich in deiner Kraft,
und wie fröhlich ist er über deine Hilfe!
_Alexios_:
Herr, der König ängstet sich
und bangt nach deiner Hilfe.
_Die Mönche und Knaben_:
Du gibst ihm seines Herzens Wunsch,
Du weigerst nicht, was sein Mund bittet.
Du überschüttest ihn mit gutem Segen,
Du setzest eine goldne Krone auf sein Haupt.
(Der _Abbas_, _Alexios_ und _Harald_ treten in die Kirche. Während die
anderen folgen, schließt sich der Vorhang.)
Zweiter Aufzug.
Haus der Prinzessin Theophano in den großen kaiserlichen Gärten zu
Byzanz. Der Vordergrund stellt eine nach rückwärts offene, von schlanken
Säulen getragene Halle dar. Mosaikfußboden. Die Öffnungen zwischen den
Säulen können durch Vorhänge geschlossen werden. Nach hinten schweift
der Blick in einen weiten Garten. Der Hintergrund ist durch eine weiße
Mauer geschlossen. Darüber hinweg sieht man die Kuppeln und Türme von
Byzanz vor einem dunkelglühenden Abendhimmel. Links läuft den Garten
entlang ein goldschimmernder Gang in die Tiefe. Ganz hinten nach links
hin der Ausgang ins Freie. In der Mitte der linken Seitenwand eine Tür
für die Dienerschaft. Vorn eine andere, groß, vergoldet, von einem
schweren Vorhang überhangen. Dieser Tür gegenüber endet die Außenwand
des Ganges in einer mächtigen Ecksäule, die in Sehhöhe das blasse
Gesicht Christi mit der Dornenkrone wie aufgemalt zeigt. Rechts ist in
den Garten hinaus ein runder Pavillon eingebaut, um einige Stufen
erhöht, mit zierlichen Säulchen, die ein Kuppeldach tragen. Unten
schmiegt sich an die Rundung des Pavillons eine mit Kissen belegte
Marmorbank. In der Halle Sessel und zierliche runde Tischchen.
Den Gang herauf kommen als Trabanten _zwei riesenhafte Neger_ mit
gezogenen Schwertern; hinter ihnen der _Haushofmeister_ der Prinzessin
mit dem goldenen Stab. Dann _Theophano_ in Mantel und Schleier, ein
kostbares Gebetbuch vor der Brust tragend. Hinter ihr _Eudokia_, noch
weiter zurück _mehrere Sklavinnen_, zuletzt abermals Trabanten.
_Theophano_
(geht noch ein paar Schritte innerhalb des Hauses langsam und mit
gesenktem Kopf, wie in frommes Sinnen verloren. Dann plötzlich --
nachdem der Haushofmeister und die beiden Neger links Aufstellung
genommen haben -- wirft sie den Kopf zurück und kommt schnell nach vorn.
Sie verneigt sich flüchtig vor dem Haupt mit der Dornenkrone und reicht
das Buch der Eudokia, die es ihrerseits an die Sklavinnen weitergibt):
Hier nimm! Das Buch!
Nimm mir den Schleier ab! --
Den Mantel auch! -- Und fort damit! --
Und fort sie alle!
_Eudokia_
(spreizt die Finger der rechten Hand radförmig gegen das Gefolge, das
sich daraufhin zurückzieht).
_Theophano_
(wirft sich in einen Sessel).
_Eudokia_
(steht abwartend daneben).
_Theophano_:
Immer hängt das Geplärre der Priester
mir in den schmerzenden Ohren. --
Und ein Nebel von Weihrauch
füllt mir den armen Kopf. --
(Plötzlich):
Hast du ihn angesehen?
_Eudokia_:
Den Kaiser? -- Ja. Er sah so bleich.
_Theophano_:
Mir scheint, du siehst
stets nur den Kaiser.
_Eudokia_:
Er ist so schön.
Wenn am Altar er steht --
nur die Flügel fehlen ihm,
daß er ein Engel wäre.
_Theophano_:
Seit wann, verkappte kleine Heidin,
glaubst du an Engel?
_Eudokia_ (spitzbübisch):
Wenn Engel -- Männer sind.
_Theophano_
(lacht; dann plötzlich ernst werdend, erhebt sie sich und tritt dicht
vor Eudokia):
Ehrgeizige Närrin!
Schau ich in deine listige Seele:
Daß du mir Kaiserin werden willst?
_Eudokia_
(verbeugt sich tief, indem sie mit den Händen eine abwehrende Geste
macht).
_Theophano_ (herrisch):
Sag mir's noch einmal,
wie schon so oft:
Wo stammst du her?
_Eudokia_:
Aus Athen.
_Theophano_:
Wer ist dein Vater?
_Eudokia_:
Ein Philosoph.
_Theophano_:
Ein Schwätzer von Beruf (lacht höhnisch, kehrt zu ihrem Sitz zurück,
plötzlich umgestimmt):
Eudokia,
du willst meine Freundin sein
und hast ihn nicht einmal angeseh'n!
_Eudokia_ (neben ihrem Sessel knieend):
Wen, meine Prinzessin?
_Theophano_ (ihren Arm umklammernd):
Wen? -- Harald!
_Eudokia_:
Das blonde Bild!
_Theophano_:
Das blonde Bild!
Ich zittere, es in meinen Armen
zum Leben zu erwecken. --
Was weißt du, spielendes Kätzchen,
von Weiberschmerzen? --
(Mehr für sich, als zu ihr):
An diesem Hof,
wo alles Spiel ist:
Liebe und Haß,
Wollust und Mord --
geh' ich umher und suche
den schauernden Ernst der Lust;
suche ich den,
der meine Seele trunken macht.
Schamlos wie je ein Weib,
schäm' ich mich mehr als je ein Weib,
daß ich mich immer verschwendet habe,
Reichtum nie mit Reichtum getauscht.
(Mit ihren Fäusten ihre Brust schlagend):
Wieder die Stimme,
die mich verlockt: Bist du's,
der meine Seele trunken macht?
_Eudokia_:
Wessen bedarf es,
als eines Winks,
daß er zu deinen Füßen liegt?
_Theophano_ (aufstehend):
Nein! --
Wenn mein Bruder nicht wäre,
der liebe Narr,
der in weißen Wolken wandelt!
Er ist sein Freund --
ich wag' es nicht.
_Eudokia_:
Wag' es nur immer!
_Theophano_ (herrisch):
Schweig!
(Es tritt eine plötzliche Stille ein. Man hört von draußen verworrenen
Lärm, der sich nähert.)
_Eudokia_ (den Gang hinabspähend):
Der Kaiser!
_Alexios_
(mit großem Gefolge durch das Tor im Hintergrund. Auf seinen Wink bleibt
alles in der Tiefe der Bühne zurück. Er selbst kommt, nur von Harald
gefolgt, den Gang herauf).
_Theophano_ (verbeugt sich tief).
_Eudokia_ (fällt zur Erde).
_Alexios_
(macht an der Ecksäule halt, küßt das Bild und kniet davor nieder, in
langes, brünstiges Gebet versinkend).
_Harald_
(hinter ihm stehend, heftet seine Augen unverwandt auf Theophano).
_Theophano_
(richtet sich wieder auf und erwidert seinen Blick).
_Alexios_
(erhebt sich nach einer geraumen Weile, macht das Zeichen des Kreuzes
und wendet sich dann endlich zu Theophano, die sich wiederum tief
verneigt. Er hebt sie auf und küßt sie auf die Stirn):
Theophano,
geliebte Schwester.
Nicht der Kaiser,
der Bruder kommt zu dir.
Lass' mich ein Weilchen bei dir sein!
_Theophano_ (auf einen Sessel weisend):
Mein kaiserlicher Herr und Bruder!
_Alexios_ (sich niederlassend):
Sitzen -- ach ja!
Ich bin so müd' -- und traurig.
(Vor sich hinstarrend):
Die Bosheit einer Welt
Liegt schwer auf meinem Herzen.
Grinsende, feile Begierde
seh' ich in jedem Aug',
geifernde, tückische Rache
lauert in jedem Wort.
In einer Wolke von Weihrauch
spür ich geheimes Gift.
Ich flüchte mich zu dir,
Theophano --
_Theophano_
(die, vor ihm stehend, den hinter ihm stehenden Harald nicht aus den
Augen gelassen, schrickt leicht zusammen und beugt sich über seine
Hand):
Mein Herr und Bruder!
_Alexios_ (abwehrend):
Nicht so, Schwester!
(Er erblickt Eudokia, die noch immer kniet.)
Wer ist das dort! -- Steh' auf!
_Eudokia_ (erhebt sich).
_Theophano_:
Eudokia, meine Dame
und Freundin auch.
_Alexios_:
Komm!
Wenn du der Schwester Freundin bist,
bist du mir lieb.
Woher bist du?
_Eudokia_:
Aus Athen.
_Theophano_:
Eines Philosophen Töchterlein.
_Alexios_ (unangenehm berührt):
Athen ist schlimm. Und Philosophen
sollten nicht Töchter haben.
_Eudokia_:
Ich möcht' ein Leiden kennen,
um meine Herkunft abzubüßen.
_Alexios_ (aufstehend):
Nicht leiden! Der Herr am Kreuz
hat für uns alle alles einst gelitten,
damit die Welt des _Leidens_ ledig sei.
_Eudokia_:
Wenn Leiden aber _Wonne_ wäre?
_Alexios_ (ungeduldig):
Nein!
Ich will das reine Glück der Welt.
Die Welt will Wermut in den Wein.
(Sich zu Theophano wendend):
Schwester!
Du fühlst wie ich.
Wenn mich keiner versteht,
du kannst nicht mißverstehen.
Du bist ich,
ich bin du.
Zwillingsgeschwister sind eins.
Aus aller Not
flieht mein Herz zu dir,
flieht es zu sich selber,
findet sich wieder bei dir.
(Er faßt sie bei der Hand und tritt mit ihr in den Garten hinaus.)
_Eudokia_ (sich Harald nähernd):
Ob ich den Kaiser gekränkt?
_Harald_
(in den Garten starrend, abwesend):
Der Kaiser ist gut.
_Eudokia_:
So schön ist er und traurig.
_Harald_ (wie oben):
Schön ist Theophano.
Die Düstere möcht' ich leuchten seh'n.
_Eudokia_ (zugleich):
So schön ist er und traurig.
Ich möcht' ihn lachen seh'n,
den traurigen Kaiser.
_Alexios_
(winkt Harald mit erhobener Hand).
_Harald_ (tritt eilig hinaus).
_Eudokia_ (in zitternder Erregung):
Einmal -- einmal --
ein glückliches Wort
schenkt mir, ihr hehren
Götter auf heimischer Burg!
Oder auch du, heilige Jungfrau!
Schenkt mir das Wort!
Wer es auch sei,
ich will ihn preisen,
will zu ihm beten,
wie nie ich getan.
Dirnen haben den Thron bestiegen,
Gauklerinnen schon Kaiser gebannt --
ich will hinauf,
ich will siegen:
Götter -- Satan --
schenkt mir das Wort!
_Alexios_
(kommt beruhigt und glücklich durch den Garten geschritten, hier einen
Strauch liebkosend, dort sich zu einer Blume beugend).
_Eudokia_ (leise):
Wie schön er ist! --
Schenkt mir das Wort! --
Das Wort!
_Alexios_ (für sich):
Wie ich die Stille liebe
und dieses Gartens Duft! --
(Eudokia gewahrend und zu ihr tretend):
Hab ich dir wehgetan,
Kind von Athen?
_Eudokia_:
Was du auch tust,
ist selige Wohltat, Herr.
_Alexios_ (sie aufhebend):
Keinem möchte ich Schmerzen bereiten,
und wenn ich strafe,
blutet mein Herz!
_Eudokia_:
Straf mich wieder!
Strafe mich immer!
Strafe von dir ist köstliche Lust.
_Alexios_:
Bist du so böse, Kind von Athen?
_Eudokia_ (leise):
Ja, ich bin bös. Deine himmlische Güte
hat mich, wie bös' ich bin, erst gelehrt.
_Alexios_:
Lästere nicht!
_Eudokia_ (sich vor ihm niederwerfend):
Sei barmherzig!
Tritt in den Staub mich!
Und ich küsse den heiligen Fuß.
_Alexios_ (zurückweichend):
Wesen, wer bist du?
_Eudokia_
(außer sich, ihm auf Knien nachrutschend):
Ich bin ein Weib.
Ich kann leiden,
ich kann beglücken,
kann beglücken und leiden in eins.
Gib mir die Stunde,
daß ich dir's weise,
daß ich das süße
Geheimnis dir enthülle,
das Geheimnis,
wie ich gekreuzigte Göttin dir bin.
(Sie umschlingt seine Knie.)
_Alexios_ (aufschreiend):
Satan, Satan,
weiche von mir! --
Christ, Überwinder
höllischer Mächte,
stehe mir bei! --
Hinaus, hinweg,
Höllendirne!
(Zu Theophano, die mit Harald herbeieilt):
Schick sie hinweg noch diese Stunde!
Schick sie ins Kloster!
Ein Meer dazwischen!
Daß ich niemals wieder
einen Boden mit ihr trete!
(Er geht in höchster Erregung, von Harald gefolgt, durch den Gang ab.
Das Gefolge läßt ihn hindurch und schließt sich an.)
_Eudokia_ (liegt vernichtet am Boden).
_Theophano_
(steht an eine Säule gelehnt und betrachtet sie höhnisch):
Kleine Eudokia,
listige, kluge,
ist dir dein Streich mißglückt?
_Eudokia_
(auf den Knien zu ihr herankriechend):
Gnade, Gnade!
_Theophano_:
Kleine Tochter
des Philosophen
streckt ihre Hände
der Krone zu.
_Eudokia_ (näher):
Nicht ins Kloster!
Hab' Erbarmen!
Lass' deine Magd,
deine letzte, mich sein!
_Theophano_:
Alles weiß sie,
die list'ge Dirne.
Nur, daß das Gold
der Krone brennt,
dieses eine wußte sie nicht.
_Eudokia_:
Lass' mich die niedrigsten
Werke verrichten!
Nur aus Byzanz
verbann mich nicht!
_Theophano_:
Was kann ich tun,
da der Kaiser gesprochen?
_Eudokia_:
Dich liebt der Kaiser
mehr als sein Leben.
Leid' es nicht,
daß ich fern vergehe.
Sprich du ein Wort,
ein einziges nur --
_Theophano_:
Warum nur sollt' ich?
_Eudokia_
(da Theophano lacht, mit flehend emporgehobenen Händen):
Lass' einen großen
Dienst mich dir tun!
Etwas gewaltiges,
etwas, das niemand anders dir tut!
_Theophano_
(sie plötzlich bei den Händen fassend):
Etwas, das niemand anders mir tut?
-- Schaffe ihn mir!
Den blonden Waräger!
Schaff' ihn zur Stunde
hierher zu mir!
Such' ihn und hol' ihn,
wo du ihn findest;
hol' ihn vom Sessel
des Kaisers hinweg!
Denn ich begehre ihn
mit meiner Seele
heißesten Gluten.
_Eudokia_ (aufstehend):