Auf einem kurzen und angenehmen Wege war Wilhelm nach der Stadt
gekommen, wohin sein Brief lautete. Er fand sie heiter und wohlgebaut;
allein ihr neues Ansehn zeigte nur allzudeutlich, daß sie kurz
vorher durch den Brand müsse gelitten haben. Die Adresse seines
Briefes führte ihn zu dem letzten, kleinen, verschonten Teil, an ein
Haus von alter, ernster Bauart, doch wohlerhalten und reinlichen
Ansehns. Trübe Fensterscheiben, wundersam gefügt, deuteten auf
erfreuliche Farbenpracht von innen. Und so entsprach denn auch
wirklich das Innere dem Äußern. In saubern Räumen zeigten sich
überall Gerätschaften, die schon einigen Generationen mochten gedient
haben, untermischt mit wenigem Neuen. Der Hausherr empfing ihn
freundlich in einem gleich ausgestatteten Zimmer. Diese Uhren hatten
schon mancher Geburts--und Sterbestunde geschlagen, und was
umherstand, erinnerte, daß Vergangenheit auch in die Gegenwart
übergehen könne.
Der Ankommende gab seinen Brief ab, den der Empfänger aber, ohne ihn
zu eröffnen, beiseitelegte und in einem heitern Gespräche seinen Gast
unmittelbar kennen zu lernen suchte. Sie wurden bald vertraut, und
als Wilhelm, gegen sonstige Gewohnheit, seine Blicke betrachtend im
Zimmer umherschweifen ließ, sagte der gute Alte: "Meine Umgebung
erregt Ihre Aufmerksamkeit. Sie sehen hier, wie lange etwas dauern
kann, und man muß doch auch dergleichen sehen, zum Gegengewicht
dessen, was in der Welt so schnell wechselt und sich verändert.
Dieser Teekessel diente schon meinen Eltern und war ein Zeuge unserer
abendlichen Familienversammlungen, dieser kupferne Kaminschirm
schützt mich noch immer vor dem Feuer, das diese alte, mächtige Zange
anschürt; und so geht es durch alles durch. Anteil und Tätigkeit
konnt' ich daher auf gar viele andere Gegenstände wenden, weil ich
mich mit der Veränderung dieser äußern Bedürfnisse, die so vieler
Menschen Zeit und Kräfte wegnimmt, nicht weiter beschäftigte. Eine
liebevolle Aufmerksamkeit auf das, was der Mensch besitzt, macht ihn
reich, indem er sich einen Schatz der Erinnerung an gleichgültigen
Dingen dadurch anhäuft. Ich habe einen jungen Mann gekannt, der eine
Stecknadel dem geliebten Mädchen, Abschied nehmend, entwendete, den
Busenstreif täglich damit zusteckte und diesen gehegten und
gepflegten Schatz von einer großen, mehrjährigen Fahrt wieder
zurückbrachte. Uns andern kleinen Menschen ist dies wohl als eine
Tugend anzurechnen."
"Mancher bringt wohl auch", versetzte Wilhelm, "von einer so weiten,
großen Reise einen Stachel im Herzen mit zurück, den er vielleicht
lieber los wäre." Der Alte schien von Lenardos Zustande nichts zu
wissen, ob er gleich den Brief inzwischen erbrochen und gelesen hatte,
denn er ging zu den vorigen Betrachtungen wieder zurück. "Die
Beharrlichkeit auf dem Besitz", fuhr er fort, "gibt uns in manchen
Fällen die größte Energie. Diesem Eigensinn bin ich die Rettung
meines Hauses schuldig. Als die Stadt brannte, wollte man auch bei
mir flüchten und retten. Ich verbot's, befahl, Fenster und Türen zu
schließen, und wandte mich mit mehreren Nachbarn gegen die Flamme.
Unserer Anstrengung gelang es, diesen Zipfel der Stadt
aufrechtzuerhalten. Den andern Morgen stand alles noch bei mir, wie
Sie es sehen und wie es beinahe seit hundert Jahren gestanden hat."--
"Mit allem dem", sagte Wilhelm, "werden Sie mir gestehen, daß der
Mensch der Veränderung nicht widersteht, welche die Zeit hervorbringt.
"-- "Freilich", sagte der Alte, "aber doch der am längsten sich
erhält, hat auch etwas geleistet.
Ja sogar über unser Dasein hinaus sind wir fähig, zu erhalten und zu
sichern; wir überliefern Kenntnisse, wir übertragen Gesinnungen so
gut als Besitz, und da mir es nun vorzüglich um den letzten zu tun
ist, so hab' ich deshalb seit langer Zeit wunderliche Vorsicht
gebraucht, auf ganz eigene Vorkehrungen gesonnen; nur spät aber ist
mir's gelungen, meinen Wunsch erfüllt zu sehen.
Gewöhnlich zerstreut der Sohn, was der Vater gesammelt hat, sammelt
etwas anders, oder auf andere Weise. Kann man jedoch den Enkel, die
neue Generation abwarten, so kommen dieselben Neigungen, dieselben
Ansichten wieder zum Vorschein. Und so hab' ich denn endlich, durch
Sorgfalt unserer pädagogischen Freunde, einen tüchtigen jungen Mann
erworben, welcher womöglich noch mehr auf hergebrachten Besitz hält
als ich selbst und eine heftige Neigung zu wunderlichen Dingen
empfindet. Mein Zutrauen hat er entschieden durch die gewaltsamen
Anstrengungen erworben, womit ihm das Feuer von unserer Wohnung
abzuwehren gelang; doppelt und dreifach hat er den Schatz verdient,
dessen Besitz ich ihm zu überlassen gedenke; ja er ist ihm schon
übergeben, und seit der Zeit mehrt sich unser Vorrat auf eine
wundersame Weise.
Nicht alles jedoch, was Sie hier sehen, ist unser. Vielmehr, wie
Sie sonst bei Pfandinhabern manches fremde Juwel erblicken, so kann
ich Ihnen bei uns Kostbarkeiten bezeichnen, die man, unter den
verschiedensten Umständen, besserer Aufbewahrung halber hier
niedergestellt." Wilhelm gedachte des herrlichen Kästchens, das er
ohnehin nicht gern auf der Reise mit sich herumführen wollte, und
enthielt sich nicht, es dem Freunde zu zeigen. Der Alte betrachtete
es mit Aufmerksamkeit, gab die Zeit an, wann es verfertigt sein
könnte, und wies etwas ähnliches vor. Wilhelm brachte zur Sprache:
ob man es wohl eröffnen sollte? Der Alte war nicht der Meinung.
"Ich glaube zwar, daß man es ohne sonderliche Beschädigung tun könne",
sagte er; "allein da Sie es durch einen so wunderbaren Zufall
erhalten haben, so sollten Sie daran Ihr Glück prüfen. Denn wenn Sie
glücklich geboren sind und wenn dieses Kästchen etwas bedeutet, so
muß sich gelegentlich der Schlüssel dazu finden, und gerade da, wo
Sie ihn am wenigsten erwarten."--"Es gibt wohl solche Fälle",
versetzte Wilhelm. "Ich habe selbst einige erlebt", erwiderte der
Alte. "und hier sehen Sie den merkwürdigsten vor sich. Von diesem
elfenbeinernen Kruzifix besaß ich seit dreißig Jahren den Körper mit
Haupt und Füßen aus einem Stücke, der Gegenstand sowohl als die
herrlichste Kunst ward sorgfältig in dem kostbarsten Lädchen
aufbewahrt; vor ungefähr zehn Jahren erhielt ich das dazugehörige
Kreuz mit der Inschrift, und ich ließ mich verführen, durch den
geschicktesten Bildschnitzer unserer Zeit die Arme ansetzen zu lassen;
aber wie weit war der Gute hinter seinem Vorgänger zurückgeblieben;
doch es mochte stehen, mehr zu erbaulichen Betrachtungen als zu
Bewunderung des Kunstfleißes.
Nun denken Sie mein Ergötzen! Vor kurzem erhalt' ich die ersten,
echten Arme, wie Sie solche zur lieblichsten Harmonie hier angefügt
sehen, und ich, entzückt über ein so glückliches Zusammentreffen,
enthalte mich nicht, die Schicksale der christlichen Religion hieran
zu erkennen, die, oft genug zergliedert und zerstreut, sich doch
endlich immer wieder am Kreuze zusammenfinden muß."
Wilhelm bewunderte das Bild und die seltsame Fügung. "Ich werde
Ihrem Rat folgen", setzte er hinzu; "bleibe das Kästchen verschlossen,
bis der Schlüssel sich findet, und wenn es bis ans Ende meines
Lebens liegen sollte."--"Wer lange lebt", sagte der Alte, "sieht
manches versammelt und manches auseinanderfallen."
Der junge Besitzgenosse trat soeben herein, und Wilhelm erklärte
seinen Vorsatz, das Kästchen ihrem Gewahrsam zu übergeben. Nun ward
ein großes Buch herbeigeschafft, das anvertraute Gut eingeschrieben;
mit manchen beobachteten Zeremonien und Bedingungen ein Empfangschein
ausgestellt, der zwar auf jeden Vorzeigenden lautete, aber nur auf ein
mit dem Empfänger verabredetes Zeichen honoriert werden sollte.
Als dieses alles vollbracht war, überlegte man den Inhalt des
Briefes, zuerst sich über das Unterkommen des guten Felix beratend,
wobei der alte Freund sich ohne weiteres zu einigen Maximen bekannte,
welche der Erziehung zum Grunde liegen sollten.
"Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das Handwerk vorausgehen,
welches nur in der Beschränkung erworben wird. Eines recht wissen
und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen. Da,
wo ich Sie hinweise, hat man alle Tätigkeiten gesondert; geprüft
werden die Zöglinge auf jedem Schritt; dabei erkennt man, wo seine
Natur eigentlich hinstrebt, ob er sich gleich mit zerstreuten
Wünschen bald da-, bald dorthin wendet. Weise Männer lassen den
Knaben unter der Hand dasjenige finden, was ihm gemäß ist, sie
verkürzen die Umwege, durch welche der Mensch von seiner Bestimmung,
nur allzu gefällig, abirren mag.
Sodann", fuhr er fort, "darf ich hoffen, aus jenem herrlich
gegründeten Mittelpunkt wird man Sie auf den Weg leiten, wo jenes
gute Mädchen zu finden ist, das einen so sonderbaren Eindruck auf
Ihren Freund machte, der den Wert eines unschuldigen, unglücklichen
Geschöpfes durch sittliches Gefühl und Betrachtung so hoch erhöht hat,
daß er dessen Dasein zum Zweck und Ziel seines Lebens zu machen
genötigt war. Ich hoffe, Sie werden ihn beruhigen können; denn die
Vorsehung hat tausend Mittel, die Gefallenen zu erheben und die
Niedergebeugten aufzurichten. Manchmal sieht unser Schicksal aus wie
ein Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen Ansehn
desselben wohl denken, daß diese starren Äste, diese zackigen Zweige
im nächsten Frühjahr wieder grünen, blühen, sodann Früchte tragen
könnten; doch wir hoffen's, wir wissen's."
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Wanderjahre--Buch 1"
von Johann Wolfgang von Goethe
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