Zwölftes Kapitel

Auf einem kurzen und angenehmen Wege war Wilhelm nach der Stadt

gekommen, wohin sein Brief lautete. Er fand sie heiter und wohlgebaut;

allein ihr neues Ansehn zeigte nur allzudeutlich, daß sie kurz

vorher durch den Brand müsse gelitten haben. Die Adresse seines

Briefes führte ihn zu dem letzten, kleinen, verschonten Teil, an ein

Haus von alter, ernster Bauart, doch wohlerhalten und reinlichen

Ansehns. Trübe Fensterscheiben, wundersam gefügt, deuteten auf

erfreuliche Farbenpracht von innen. Und so entsprach denn auch

wirklich das Innere dem Äußern. In saubern Räumen zeigten sich

überall Gerätschaften, die schon einigen Generationen mochten gedient

haben, untermischt mit wenigem Neuen. Der Hausherr empfing ihn

freundlich in einem gleich ausgestatteten Zimmer. Diese Uhren hatten

schon mancher Geburts--und Sterbestunde geschlagen, und was

umherstand, erinnerte, daß Vergangenheit auch in die Gegenwart

übergehen könne.

Der Ankommende gab seinen Brief ab, den der Empfänger aber, ohne ihn

zu eröffnen, beiseitelegte und in einem heitern Gespräche seinen Gast

unmittelbar kennen zu lernen suchte. Sie wurden bald vertraut, und

als Wilhelm, gegen sonstige Gewohnheit, seine Blicke betrachtend im

Zimmer umherschweifen ließ, sagte der gute Alte: "Meine Umgebung

erregt Ihre Aufmerksamkeit. Sie sehen hier, wie lange etwas dauern

kann, und man muß doch auch dergleichen sehen, zum Gegengewicht

dessen, was in der Welt so schnell wechselt und sich verändert.

Dieser Teekessel diente schon meinen Eltern und war ein Zeuge unserer

abendlichen Familienversammlungen, dieser kupferne Kaminschirm

schützt mich noch immer vor dem Feuer, das diese alte, mächtige Zange

anschürt; und so geht es durch alles durch. Anteil und Tätigkeit

konnt' ich daher auf gar viele andere Gegenstände wenden, weil ich

mich mit der Veränderung dieser äußern Bedürfnisse, die so vieler

Menschen Zeit und Kräfte wegnimmt, nicht weiter beschäftigte. Eine

liebevolle Aufmerksamkeit auf das, was der Mensch besitzt, macht ihn

reich, indem er sich einen Schatz der Erinnerung an gleichgültigen

Dingen dadurch anhäuft. Ich habe einen jungen Mann gekannt, der eine

Stecknadel dem geliebten Mädchen, Abschied nehmend, entwendete, den

Busenstreif täglich damit zusteckte und diesen gehegten und

gepflegten Schatz von einer großen, mehrjährigen Fahrt wieder

zurückbrachte. Uns andern kleinen Menschen ist dies wohl als eine

Tugend anzurechnen."

"Mancher bringt wohl auch", versetzte Wilhelm, "von einer so weiten,

großen Reise einen Stachel im Herzen mit zurück, den er vielleicht

lieber los wäre." Der Alte schien von Lenardos Zustande nichts zu

wissen, ob er gleich den Brief inzwischen erbrochen und gelesen hatte,

denn er ging zu den vorigen Betrachtungen wieder zurück. "Die

Beharrlichkeit auf dem Besitz", fuhr er fort, "gibt uns in manchen

Fällen die größte Energie. Diesem Eigensinn bin ich die Rettung

meines Hauses schuldig. Als die Stadt brannte, wollte man auch bei

mir flüchten und retten. Ich verbot's, befahl, Fenster und Türen zu

schließen, und wandte mich mit mehreren Nachbarn gegen die Flamme.

Unserer Anstrengung gelang es, diesen Zipfel der Stadt

aufrechtzuerhalten. Den andern Morgen stand alles noch bei mir, wie

Sie es sehen und wie es beinahe seit hundert Jahren gestanden hat."--

"Mit allem dem", sagte Wilhelm, "werden Sie mir gestehen, daß der

Mensch der Veränderung nicht widersteht, welche die Zeit hervorbringt.

"-- "Freilich", sagte der Alte, "aber doch der am längsten sich

erhält, hat auch etwas geleistet.

Ja sogar über unser Dasein hinaus sind wir fähig, zu erhalten und zu

sichern; wir überliefern Kenntnisse, wir übertragen Gesinnungen so

gut als Besitz, und da mir es nun vorzüglich um den letzten zu tun

ist, so hab' ich deshalb seit langer Zeit wunderliche Vorsicht

gebraucht, auf ganz eigene Vorkehrungen gesonnen; nur spät aber ist

mir's gelungen, meinen Wunsch erfüllt zu sehen.

Gewöhnlich zerstreut der Sohn, was der Vater gesammelt hat, sammelt

etwas anders, oder auf andere Weise. Kann man jedoch den Enkel, die

neue Generation abwarten, so kommen dieselben Neigungen, dieselben

Ansichten wieder zum Vorschein. Und so hab' ich denn endlich, durch

Sorgfalt unserer pädagogischen Freunde, einen tüchtigen jungen Mann

erworben, welcher womöglich noch mehr auf hergebrachten Besitz hält

als ich selbst und eine heftige Neigung zu wunderlichen Dingen

empfindet. Mein Zutrauen hat er entschieden durch die gewaltsamen

Anstrengungen erworben, womit ihm das Feuer von unserer Wohnung

abzuwehren gelang; doppelt und dreifach hat er den Schatz verdient,

dessen Besitz ich ihm zu überlassen gedenke; ja er ist ihm schon

übergeben, und seit der Zeit mehrt sich unser Vorrat auf eine

wundersame Weise.

Nicht alles jedoch, was Sie hier sehen, ist unser. Vielmehr, wie

Sie sonst bei Pfandinhabern manches fremde Juwel erblicken, so kann

ich Ihnen bei uns Kostbarkeiten bezeichnen, die man, unter den

verschiedensten Umständen, besserer Aufbewahrung halber hier

niedergestellt." Wilhelm gedachte des herrlichen Kästchens, das er

ohnehin nicht gern auf der Reise mit sich herumführen wollte, und

enthielt sich nicht, es dem Freunde zu zeigen. Der Alte betrachtete

es mit Aufmerksamkeit, gab die Zeit an, wann es verfertigt sein

könnte, und wies etwas ähnliches vor. Wilhelm brachte zur Sprache:

ob man es wohl eröffnen sollte? Der Alte war nicht der Meinung.

"Ich glaube zwar, daß man es ohne sonderliche Beschädigung tun könne",

sagte er; "allein da Sie es durch einen so wunderbaren Zufall

erhalten haben, so sollten Sie daran Ihr Glück prüfen. Denn wenn Sie

glücklich geboren sind und wenn dieses Kästchen etwas bedeutet, so

muß sich gelegentlich der Schlüssel dazu finden, und gerade da, wo

Sie ihn am wenigsten erwarten."--"Es gibt wohl solche Fälle",

versetzte Wilhelm. "Ich habe selbst einige erlebt", erwiderte der

Alte. "und hier sehen Sie den merkwürdigsten vor sich. Von diesem

elfenbeinernen Kruzifix besaß ich seit dreißig Jahren den Körper mit

Haupt und Füßen aus einem Stücke, der Gegenstand sowohl als die

herrlichste Kunst ward sorgfältig in dem kostbarsten Lädchen

aufbewahrt; vor ungefähr zehn Jahren erhielt ich das dazugehörige

Kreuz mit der Inschrift, und ich ließ mich verführen, durch den

geschicktesten Bildschnitzer unserer Zeit die Arme ansetzen zu lassen;

aber wie weit war der Gute hinter seinem Vorgänger zurückgeblieben;

doch es mochte stehen, mehr zu erbaulichen Betrachtungen als zu

Bewunderung des Kunstfleißes.

Nun denken Sie mein Ergötzen! Vor kurzem erhalt' ich die ersten,

echten Arme, wie Sie solche zur lieblichsten Harmonie hier angefügt

sehen, und ich, entzückt über ein so glückliches Zusammentreffen,

enthalte mich nicht, die Schicksale der christlichen Religion hieran

zu erkennen, die, oft genug zergliedert und zerstreut, sich doch

endlich immer wieder am Kreuze zusammenfinden muß."

Wilhelm bewunderte das Bild und die seltsame Fügung. "Ich werde

Ihrem Rat folgen", setzte er hinzu; "bleibe das Kästchen verschlossen,

bis der Schlüssel sich findet, und wenn es bis ans Ende meines

Lebens liegen sollte."--"Wer lange lebt", sagte der Alte, "sieht

manches versammelt und manches auseinanderfallen."

Der junge Besitzgenosse trat soeben herein, und Wilhelm erklärte

seinen Vorsatz, das Kästchen ihrem Gewahrsam zu übergeben. Nun ward

ein großes Buch herbeigeschafft, das anvertraute Gut eingeschrieben;

mit manchen beobachteten Zeremonien und Bedingungen ein Empfangschein

ausgestellt, der zwar auf jeden Vorzeigenden lautete, aber nur auf ein

mit dem Empfänger verabredetes Zeichen honoriert werden sollte.

Als dieses alles vollbracht war, überlegte man den Inhalt des

Briefes, zuerst sich über das Unterkommen des guten Felix beratend,

wobei der alte Freund sich ohne weiteres zu einigen Maximen bekannte,

welche der Erziehung zum Grunde liegen sollten.

"Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das Handwerk vorausgehen,

welches nur in der Beschränkung erworben wird. Eines recht wissen

und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen. Da,

wo ich Sie hinweise, hat man alle Tätigkeiten gesondert; geprüft

werden die Zöglinge auf jedem Schritt; dabei erkennt man, wo seine

Natur eigentlich hinstrebt, ob er sich gleich mit zerstreuten

Wünschen bald da-, bald dorthin wendet. Weise Männer lassen den

Knaben unter der Hand dasjenige finden, was ihm gemäß ist, sie

verkürzen die Umwege, durch welche der Mensch von seiner Bestimmung,

nur allzu gefällig, abirren mag.

Sodann", fuhr er fort, "darf ich hoffen, aus jenem herrlich

gegründeten Mittelpunkt wird man Sie auf den Weg leiten, wo jenes

gute Mädchen zu finden ist, das einen so sonderbaren Eindruck auf

Ihren Freund machte, der den Wert eines unschuldigen, unglücklichen

Geschöpfes durch sittliches Gefühl und Betrachtung so hoch erhöht hat,

daß er dessen Dasein zum Zweck und Ziel seines Lebens zu machen

genötigt war. Ich hoffe, Sie werden ihn beruhigen können; denn die

Vorsehung hat tausend Mittel, die Gefallenen zu erheben und die

Niedergebeugten aufzurichten. Manchmal sieht unser Schicksal aus wie

ein Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen Ansehn

desselben wohl denken, daß diese starren Äste, diese zackigen Zweige

im nächsten Frühjahr wieder grünen, blühen, sodann Früchte tragen

könnten; doch wir hoffen's, wir wissen's."

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von Johann Wolfgang von Goethe

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Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 23 / 23 题