Nachdem Wilhelm seinen Auftrag umständlich und genau ausgerichtet,
versetzte Lenardo mit einem Lächeln: "So sehr ich Ihnen verbunden bin
für das, was ich durch Sie erfahre, so muß ich doch noch eine Frage
hinzufügen. Hat Ihnen die Tante nicht am Schluß noch anempfohlen,
mir eine unbedeutend scheinende Sache zu berichten?" Der andere
besann sich einen Augenblick. "Ja", sagte er darauf, "ich entsinne
mich. Sie erwähnte eines Frauenzimmers, das sie Valerine nannte.
Von dieser sollte ich Ihnen sagen, daß sie glücklich verheiratet sei
und sich in einem wünschenswerten Zustande befinde."
"Sie wälzen mir einen Stein vom Herzen", versetzte Lenardo. "Ich
gehe nun gern nach Hause zurück, weil ich nicht fürchten muß, daß die
Erinnerung an dieses Mädchen mir an Ort und Stelle zum Vorwurf
gereiche."
"Es ziemt sich nicht für mich zu fragen, welch Verhältnis Sie zu ihr
gehabt", sagte Wilhelm; "genug, Sie können ruhig sein, wenn Sie auf
irgendeine Weise an dem Schicksal des Mädchens teilnehmen."
"Es ist das wunderlichste Verhältnis von der Welt", sagte Lenardo;
"keinesweges ein Liebesverhältnis, wie man sich's denken könnte. Ich
darf Ihnen wohl vertrauen und erzählen, was eigentlich keine
Geschichte ist. Was müssen Sie aber denken, wenn ich Ihnen sage, daß
mein zauderndes Zurückreisen, daß die Furcht, in unsere Wohnung
zurückzukehren, daß diese seltsamen Anstalten und Fragen, wie es bei
uns aussehe, eigentlich nur zur Absicht haben, nebenher zu erfahren,
wie es mit diesem Kinde stehe.
Denn glauben Sie", fuhr er fort, "ich weiß übrigens sehr gut, daß
man Menschen, die man kennt, auf geraume Zeit verlassen kann, ohne
sie verändert wiederzufinden, und so denke ich auch bei den Meinigen
bald wieder völlig zu Hause zu sein. Um dies einzige Wesen war es
mir zu tun, dessen Zustand sich verändern mußte und sich, Dank sei es
dem Himmel, ins Bessere verändert hat."
"Sie machen mich neugierig", sagte Wilhelm. "Sie lassen mich etwas
ganz Besonderes erwarten."
"Ich halte es wenigstens dafür", versetzte Lenardo und fing seine
Erzählung folgendermaßen an.
"Die herkömmliche Kreisfahrt durch das gesittete Europa in meinen
Jünglingsjahren zu bestehen, war ein fester Vorsatz, den ich von
Jugend auf hegte, dessen Ausführung sich aber von Zeit zu Zeit, wie
es zu gehen pflegt, verzögerte. Das Nächste zog mich an, hielt mich
fest, und das Entfernte verlor immer mehr seinen Reiz, je mehr ich
davon las oder erzählen hörte. Doch endlich, angetrieben durch
meinen Oheim, angelockt durch Freunde, die sich vor mir in die Welt
hinausbegeben hatten, ward der Entschluß gefaßt, und zwar geschwinder,
ehe wir es uns alle versahen.
Mein Oheim, der eigentlich das Beste dazu tun mußte, um die Reise
möglich zu machen, hatte sogleich kein anderes Augenmerk. Sie kennen
ihn und seine Eigenheit, wie er immer nur auf eines losgeht und das
erst zustande bringt, und inzwischen alles andere ruhen und schweigen
muß; wodurch er denn freilich vieles geleistet hat, was über die
Kräfte eines Particuliers zu gehen scheint. Diese Reise kam ihm
einigermaßen unerwartet; doch wußte er sich sogleich zu fassen.
Einige Bauten, die er unternommen, ja sogar angefangen hatte, wurden
eingestellt, und weil er sein Erspartes niemals angreifen will, so sah
er sich als ein kluger Finanzmann nach andern Mitteln um. Das
Nächste war, ausstehende Schulden, besonders Pachtreste,
einzukassieren; denn auch dieses gehörte mit zu seiner Art und Weise,
daß er gegen Schuldner nachsichtig war, solange er bis auf einen
gewissen Grad selbst nichts bedurfte. Sein Geschäftsmann erhielt die
Liste; diesem war die Ausführung überlassen. Vom einzelnen erfuhren
wir nichts; nur hörte ich im Vorbeigehen, daß der Pachter eines
unserer Güter, mit dem der Oheim lange Geduld gehabt hatte, endlich
wirklich ausgetrieben, seine Kaution zu kärglichem Ersatz des
Ausfalls innebehalten und das Gut anderweit verpachtet werden sollte.
Es war dieser Mann von Art der "Stillen im Lande", aber nicht, wie
seinesgleichen, dabei klug und tätig; wegen seiner Frömmigkeit und
Güte zwar geliebt, doch wegen seiner Schwäche als Haushalter
gescholten. Nach seiner Frauen Tode war eine Tochter, die man nur
das nußbraune Mädchen nannte, ob sie schon rüstig und entschlossen zu
werden versprach, doch viel zu jung, um entschieden einzugreifen;
genug, es ging mit dem Mann rückwärts, ohne daß die Nachsicht des
Onkels sein Schicksal hätte aufhalten können.
Ich hatte meine Reise im Sinn, und die Mittel dazu mußt' ich
billigen. Alles war bereit, das Packen und Loslösen ging an, die
Augenblicke drängten sich. Eines Abends durchstrich ich noch einmal
den Park, um Abschied von den bekannten Bäumen und Sträuchen zu nehmen,
als mir auf einmal Valerine in den Weg trat: denn so hieß das
Mädchen; das andere war nur ein Scherzname, durch ihre bräunliche
Gesichtsfarbe veranlaßt. Sie trat mit in den Weg."
Lenardo hielt einen Augenblick nachdenkend inne. "Wie ist mir
denn?" sagte er; "hieß sie auch Valerine? Ja doch", fuhr er fort;
"doch war der Scherzname gewöhnlicher. Genug, das braune Mädchen
trat mir in den Weg und bat mich dringend, für ihren Vater, für sie
ein gutes Wort bei meinem Oheim einzulegen. Da ich wußte, wie die
Sache stand, und ich wohl sah, daß es schwer, ja unmöglich sein würde,
in diesem Augenblick etwas für sie zu tun, so sagte ich's ihr
aufrichtig und setzte die eigne Schuld ihres Vaters in ein
ungünstiges Licht.
Sie antwortete mir darauf mit so viel Klarheit und zugleich mit so
viel kindlicher Schonung und Liebe, daß sie mich ganz für sich
einnahm und daß ich, wäre es meine eigene Kasse gewesen, sie sogleich
durch Gewährung ihrer Bitte glücklich gemacht hätte. Nun waren es
aber die Einkünfte meines Oheims; es waren seine Anstalten, seine
Befehle; bei seiner Denkweise, bei dem, was bisher schon geschehen,
war nichts zu hoffen. Von jeher hielt ich ein Versprechen hochheilig.
Wer etwas von mir verlangte, setzte mich in Verlegenheit. Ich hatte
mir es so angewöhnt abzuschlagen, daß ich sogar das nicht versprach,
was ich zu halten gedachte. Diese Gewohnheit kam mir auch diesmal
zustatten. Ihre Gründe ruhten auf Individualität und Neigung, die
meinigen auf Pflicht und Verstand, und ich leugne nicht, daß sie mir
am Ende selbst zu hart vorkamen. Wir hatten schon einigemal dasselbe
wiederholt, ohne einander zu überzeugen, als die Not sie beredter
machte, ein unvermeidlicher Untergang, den sie vor sich sah, ihr
Tränen aus den Augen preßte. Ihr gefaßtes Wesen verließ sie nicht
ganz; aber sie sprach lebhaft, mit Bewegung, und indem ich immer noch
Kälte und Gelassenheit heuchelte, kehrte sich ihr ganzes Gemüt nach
außen. Ich wünschte die Szene zu endigen; aber auf einmal lag sie zu
meinen Füßen, hatte meine Hand gefaßt, geküßt, und sah so gut, so
liebenswürdig flehend zu mir herauf, daß ich mir in dem Augenblick
meiner selbst nicht bewußt war. Schnell sagte ich, indem ich sie
aufhob: "Ich will das Mögliche tun, beruhige dich, mein Kind!" und so
wandte ich mich nach einem Seitenwege. "Tun Sie das Unmögliche!"
rief sie mir nach.-- Ich weiß nicht mehr, was ich sagen wollte, aber
ich sagte: "Ich will", und stockte. "Tun Sie's!" rief sie auf einmal,
mit einem Ausdruck von himmlischer Hoffnung. Ich grüßte sie und
eilte fort.
Den Oheim wollte ich nicht zuerst angehen, denn ich kannte ihn nur
zu gut, daß man ihn an das Einzelne nicht erinnern durfte, wenn er
sich das Ganze vorgesetzt hatte. Ich suchte den Geschäftsträger; er
war weggeritten; Gäste kamen den Abend, Freunde, die Abschied nehmen
wollten. Man spielte, man speiste bis tief in die Nacht. Sie blieben
den andern Tag, und die Zerstreuung vermischte jenes Bild der
dringend Bittenden. Der Geschäftsträger kam zurück, er war
geschäftiger und überdrängter als nie. Jedermann fragte nach ihm.
Er hatte nicht Zeit, mich zu hören: doch machte ich einen Versuch, ihn
festzuhalten; allein kaum hatte ich jenen frommen Pachter genannt, so
wies er mich mit Lebhaftigkeit zurück: "Sagen Sie dem Onkel um Gottes
willen davon nichts, wenn Sie zuletzt nicht noch Verdruß haben wollen.
"--Der Tag meiner Abreise war festgesetzt; ich hatte Briefe zu
schreiben, Gäste zu empfangen, Besuche in der Nachbarschaft abzulegen.
Meine Leute waren zu meiner bisherigen Bedienung hinreichend,
keineswegs aber gewandt, das Geschäft der Abreise zu erleichtern.
Alles lag auf mir; und doch, als mir der Geschäftsmann zuletzt in der
Nacht eine Stunde gab, um unsere Geldangelegenheiten zu ordnen, wagte
ich nochmals, für Valerinens Vater zu bitten.
"Lieber Baron", sagte der bewegliche Mann, "wie kann Ihnen nur so
etwas einfallen? Ich habe heute ohnehin mit Ihrem Oheim einen
schweren Stand gehabt; denn was Sie nötig haben, um sich hier
loszumachen, beläuft sich weit höher, als wir glaubten. Dies ist zwar
ganz natürlich, aber doch beschwerlich. Besonders hat der alte Herr
keine Freude, wenn die Sache abgetan scheint und noch manches
hintennachhinkt; das ist nun aber oft so, und wir andern müssen es
ausbaden. über die Strenge, womit die ausstehenden Schulden
eingetrieben werden sollen, hat er sich selbst ein Gesetz gemacht; er
ist darüber mit sich einig, und man möchte ihn wohl schwer zur
Nachgiebigkeit bewegen. Tun Sie es nicht, ich bitte Sie! es ist ganz
vergebens."
Ich ließ mich mit meinem Gesuch zurückschrecken, jedoch nicht ganz.
Ich drang in ihn, da doch die Ausführung von ihm abhänge, gelind und
billig zu verfahren. Er versprach alles, nach Art solcher Personen,
um für den Augenblick in Ruhe zu kommen. Er ward mich los; der Drang,
die Zerstreuung wuchs! ich saß im Wagen und kehrte jedem Anteil, den
ich zu Hause haben konnte, den Rücken.
Ein lebhafter Eindruck ist wie eine andere Wunde; man fühlt sie
nicht, indem man sie empfängt. Erst später fängt sie an zu schmerzen
und zu eitern. Mir ging es so mit jener Begebenheit im Garten.
Sooft ich einsam, sooft ich unbeschäftigt war, trat mir jenes Bild
des flehenden Mädchens, mit der ganzen Umgebung, mit jedem Baum und
Strauch, dem Platz, wo sie knieete, dem Weg, den ich einschlug, mich
von ihr zu entfernen, das Ganze zusammen wie ein frisches Bild vor
die Seele. Es war ein unauslöschlicher Eindruck, der wohl von andern
Bildern und Teilnahmen beschattet, verdeckt, aber niemals vertilgt
werden konnte. Immer erneut trat er in jeder stillen Stunde hervor,
und je länger es währte, desto schmerzlicher fühlte ich die Schuld,
die ich gegen meine Grundsätze, meine Gewohnheit auf mich geladen
hatte, obgleich nicht ausdrücklich, nur stotternd, zum erstenmal in
solchem Falle verlegen.
Ich verfehlte nicht, in den ersten Briefen unsern Geschäftsmann zu
fragen, wie die Sache gegangen. Er antwortete dilatorisch. Dann
setzte er aus, diesen Punkt zu erwidern; dann waren seine Worte
zweideutig, zuletzt schwieg er ganz. Die Entfernung wuchs, mehr
Gegenstände traten zwischen mich und meine Heimat; ich ward zu
manchen Beobachtungen, mancher Teilnahme aufgefordert; das Bild
verschwand, das Mädchen fast bis auf den Namen. Seltener trat ihr
Andenken hervor, und meine Grille, mich nicht durch Briefe, nur durch
Zeichen mit den Meinigen zu unterhalten, trug viel dazu bei, meinen
frühern Zustand mit allen seinen Bedingungen beinahe verschwinden zu
machen. Nur jetzt, da ich mich dem Hause nähere, da ich meiner
Familie, was sie bisher entbehrt, mit Zinsen zu erstatten gedenke,
jetzt überfällt mich diese wunderliche Reue --ich muß sie selbst
wunderlich nennen--wieder mit aller Gewalt. Die Gestalt des Mädchens
frischt sich auf mit den Gestalten der Meinigen, und ich fürchte
nichts mehr, als zu vernehmen, sie sei in dem Unglück, in das ich sie
gestoßen, zugrunde gegangen; denn mir schien mein Unterlassen ein
Handeln zu ihrem Verderben, eine Förderung ihres traurigen Schicksals.
Schon tausendmal habe ich mir gesagt, daß dieses Gefühl im Grunde
nur eine Schwachheit sei, daß ich früh zu jenem Gesetz, nie zu
versprechen, nur aus Furcht der Reue, nicht aus einer edlern
Empfindung getrieben worden. Und nun scheint sich eben die Reue, die
ich geflohen, an mir zu rächen, indem sie diesen Fall statt tausend
ergreift, um mich zu peinigen. Dabei ist das Bild, die Vorstellung,
die mich quält, so angenehm, so liebenswürdig, daß ich gern dabei
verweile. Und denke ich daran, so scheint der Kuß, den sie auf meine
Hand gedrückt, mich noch zu brennen."
Lenardo schwieg, und Wilhelm versetzte schnell und fröhlich: "So
hätte ich Ihnen denn keinen größern Dienst erzeigen können als durch
den Nachsatz meines Vortrags, wie manchmal in einem Postskript das
Interessanteste des Briefes enthalten sein kann. Zwar weiß ich nur
wenig von Valerinen: denn ich erfuhr von ihr nur im Vorbeigehen; aber
gewiß ist sie die Gattin eines wohlhabenden Gutsbesitzers und lebt
vergnügt, wie mir die Tante noch beim Abschied versicherte."
"Schön", sagte Lenardo: "nun hält mich nichts ab. Sie haben mich
absolviert, und wir wollen sogleich zu den Meinigen, die mich ohnehin
länger, als billig ist, erwarten." Wilhelm erwiderte darauf.
"Leider kann ich Sie nicht begleiten: denn eine sonderbare
Verpflichtung liegt mir ob, nirgends länger als drei Tage zu verweilen
und die Orte, die ich verlasse, in einem Jahr nicht wieder zu
betreten. Verzeihen Sie, wenn ich den Grund dieser Sonderbarkeit
nicht aussprechen darf."
"Es tut mir sehr leid", sagte Lenardo, "daß wir Sie so bald
verlieren, daß ich nicht auch etwas für Sie mitwirken kann. Doch da
Sie einmal auf dem Wege sind, mir wohlzutun, so können Sie mich sehr
glücklich machen, wenn Sie Valerinen besuchten, sich von ihrem
Zustand genau unterrichteten und mir alsdann schriftlich oder
mündlich-- der dritte Ort einer Zusammenkunft wird sich schon
finden--zu meiner Beruhigung ausführliche Nachricht erteilten."
Dieser Vorschlag wurde weiter besprochen; Valerinens Aufenthalt
hatte man Wilhelmen genannt. Er übernahm es, sie zu besuchen; ein
dritter Ort wurde festgesetzt, wohin der Baron kommen und auch den
Felix mitbringen sollte, der indessen bei den Frauenzimmern
zurückgeblieben war.
Lenardo und Wilhelm hatten ihren Weg, nebeneinander reitend, auf
angenehmen Wiesen unter mancherlei Gesprächen eine Zeitlang
fortgesetzt, als sie sich nunmehr der Fahrstraße näherten und den
Wagen des Barons einholten, der, von seinem Herrn begleitet, die
Heimat wiederfinden sollte. Hier wollten die Freunde sich trennen,
und Wilhelm nahm mit wenigen, freundlichen Worten Abschied und
versprach dem Baron nochmals baldige Nachricht von Valerinen.
"Wenn ich bedenke", versetzte Lenardo, "daß es nur ein kleiner Umweg
wäre, wenn ich Sie begleitete, warum sollte ich Valerinen nicht
selbst aufsuchen? warum nicht selbst von ihrem glücklichen Zustande
mich überzeugen? Sie waren so freundlich, sich zum Boten anzubieten;
warum wollten Sie nicht mein Begleiter sein? Denn einen Begleiter muß
ich haben, einen sittlichen Beistand, wie man sich rechtliche
Beistände nimmt, wenn man dem Gerichtshandel nicht ganz gewachsen zu
sein glaubt."
Die Einreden Wilhelms, daß man zu Hause den so lange Abwesenden
erwarte, daß es einen sonderbaren Eindruck machen möchte, wenn der
Wagen allein käme, und was dergleichen mehr war, vermochten nichts
über Lenardo, und Wilhelm mußte sich zuletzt entschließen, den
Begleiter abzugeben, wobei ihm wegen der zu fürchtenden Folgen nicht
wohl zumute war.
Die Bedienten wurden daher unterrichtet, was sie bei der Ankunft
sagen sollten, und die Freunde schlugen nunmehr den Weg ein, der zu
Valerinens Wohnort führte. Die Gegend schien reich und fruchtbar und
der wahre Sitz des Landbaues. So war denn auch in dem Bezirk, welcher
Valerinens Gatten gehörte, der Boden durchaus gut und mit Sorgfalt
bestellt. Wilhelm hatte Zeit, die Landschaft genau zu betrachten,
indem Lenardo schweigend neben ihm ritt. Endlich fing dieser an:
"Ein anderer an meiner Stelle würde sich vielleicht Valerinen
unerkannt zu nähern suchen; denn es ist immer ein peinliches Gefühl,
vor die Augen derjenigen zu treten, die man verletzt hat; aber ich
will das lieber übernehmen und den Vorwurf ertragen, den ich von ihren
ersten Blicken befürchte, als daß ich mich durch Vermummung und
Unwahrheit davor sicherstelle. Unwahrheit kann uns ebensosehr in
Verlegenheit setzen als Wahrheit; und wenn wir abwägen, wie oft uns
diese oder jene nutzt, so möchte es doch immer der Mühe wert sein,
sich ein für allemal dem Wahren zu ergeben. Lassen Sie uns also
getrost vorwärtsgehen; ich will mich nennen und Sie als meinen Freund
und Gefährten einführen."
Nun waren sie an den Gutshof gekommen und stiegen in dem Bezirk
desselben ab. Ein ansehnlicher Mann, einfach gekleidet, den sie für
einen Pachter halten konnten, trat ihnen entgegen und kündigte sich
als Herrn des Hauses an. Lenardo nannte sich, und der Besitzer schien
höchst erfreut, ihn zu sehen und kennen zu lernen. "Was wird meine
Frau sagen", rief er aus, "wenn sie den Neffen ihres Wohltäters
wiedersieht! Nicht genug kann sie erwähnen und erzählen, was sie und
ihr Vater Ihrem Oheim schuldig ist."
Welche sonderbare Betrachtungen kreuzten sich schnell in Lenardos
Geist. "Versteckt dieser Mann, der so redlich aussieht, seine
Bitterkeit hinter ein freundlich Gesicht und glatte Worte? Ist er
imstande, seinen Vorwürfen eine so gefällige Außenseite zu geben?
Denn hat mein Oheim nicht diese Familie unglücklich gemacht? und kann
es ihm unbekannt geblieben sein? Oder", so dachte er sich's mit
schneller Hoffnung, "ist die Sache nicht so übel geworden, als du
denkst? denn eine ganz bestimmte Nachricht hast du ja doch niemals
gehabt." Solche Vermutungen wechselten hin und her, indem der
Hausherr anspannen ließ, um seine Gattin holen zu lassen, die in der
Nachbarschaft einen Besuch machte.
"Wenn ich Sie indessen, bis meine Frau kommt, auf meine Weise
unterhalten und zugleich meine Geschäfte fortsetzen darf, so machen
Sie einige Schritte mit mir aufs Feld und sehen sich um, wie ich
meine Wirtschaft betreibe: denn gewiß ist Ihnen, als einem großen
Gutsbesitzer, nichts angelegener als die edle Wissenschaft, die edle
Kunst des Feldbaues." Lenardo widersprach nicht; Wilhelm
unterrichtete sich gern; und der Landmann hatte seinen Grund und Boden,
den er unumschränkt besaß und beherrschte, vollkommen gut inne; was
er vornahm, war der Absicht gemäß; was er säete und pflanzte,
durchaus am rechten Ort; er wußte die Behandlung und die Ursachen
derselben so deutlich anzugeben, daß es ein jeder begriff und für
möglich gehalten hätte, dasselbe zu tun und zu leisten: ein Wahn, in
den man leicht verfällt, wenn man einem Meister zusieht, dem alles
bequem von der Hand geht.
Die Fremden erzeugten sich sehr zufrieden und konnten nichts als Lob
und Billigung erteilen. Er nahm es dankbar und freundlich auf, fügte
jedoch hinzu: "Nun muß ich Ihnen aber auch meine schwache Seite
zeigen, die freilich an jedem zu bemerken ist, der sich einem
Gegenstand ausschließlich ergibt." Er führte sie auf seinen Hof,
zeigte ihnen seine Werkzeuge, den Vorrat derselben sowie den Vorrat
von allem erdenklichen Geräte und dessen Zubehör. "Man tadelte mich
oft", sagte er dabei, "daß ich hierin zu weit gehe; allein ich kann
mich deshalb nicht schelten. Glücklich ist der, dem sein Geschäft
auch zur Puppe wird, der mit demselbigen zuletzt noch spielt und sich
an dem ergötzt, was ihm sein Zustand zur Pflicht macht."
Die beiden Freunde ließen es an Fragen und Erkundigungen nicht
fehlen. Besonders erfreute sich Wilhelm an den allgemeinen
Bemerkungen, zu denen dieser Mann aufgelegt schien, und verfehlte
nicht, sie zu erwidern; indessen Lenardo, mehr in sich gekehrt, an dem
Glück Valerinens, das er in diesem Zustande für gewiß hielt, stillen
Teil nahm, obgleich mit einem leisen Gefühl von Unbehagen, von dem er
sich keine Rechenschaft zu geben wußte.
Man war schon ins Haus zurückgekehrt, als der Wagen der Besitzerin
vorfuhr. Man eilte ihr entgegen; aber wie erstaunte, wie erschrak
Lenardo, als er sie aussteigen sah. Sie war es nicht, es war das
nußbraune Mädchen nicht, vielmehr gerade das Gegenteil; zwar auch eine
schöne, schlanke Gestalt, aber blond, mit allen Vorteilen, die
Blondinen eigen sind.
Diese Schönheit, diese Anmut erschreckte Lenardon. Seine Augen
hatten das braune Mädchen gesucht; nun leuchtete ihm ein ganz anderes
entgegen. Auch dieser Züge erinnerte er sich; ihre Anrede, ihr
Betragen versetzten ihn bald aus jeder Ungewißheit: es war die Tochter
des Gerichtshalters, der bei dem Oheim in großem Ansehen stand,
deshalb denn auch dieser bei der Ausstattung sehr viel getan und dem
neuen Paare behülflich gewesen. Dies alles und mehr noch wurde von
der jungen Frau zum Antrittsgruße fröhlich erzählt, mit einer Freude,
wie sie die überraschung eines Wiedersehens ungezwungen äußern läßt.
Ob man sich wiedererkenne, wurde gefragt; die Veränderungen der
Gestalt wurden beredet, welche merklich genug bei Personen dieses
Alters gefunden werden. Valerine war immer angenehm, dann aber
höchst liebenswürdig, wenn Fröhlichkeit sie aus dem gewöhnlichen
gleichgültigen Zustande herausriß. Die Gesellschaft ward gesprächig
und die Unterhaltung so lebhaft, daß Lenardo sich fassen und seine
Bestürzung verbergen konnte. Wilhelm, dem der Freund geschwind genug
von diesem seltsamen Ereignis einen Wink gegeben hatte, tat sein
mögliches, um diesem beizustehen; und Valerinens kleine Eitelkeit, daß
der Baron, noch ehe er die Seinigen gesehen, sich ihrer erinnert, bei
ihr eingekehrt sei, ließ sie auch nicht den mindesten Verdacht
schöpfen, daß hier eine andere Absicht oder ein Mißgriff obwalte.
Man blieb bis tief in die Nacht beisammen, obgleich beide Freunde
nach einem vertraulichen Gespräch sich sehnten, das denn auch
sogleich begann, als sie sich in dem Gastzimmer allein sahen.
"Ich soll, so scheint es", sagte Lenardo, "meine Qual nicht
loswerden. Eine unglückliche Verwechslung des Namens, merke ich,
verdoppelt sie. Diese blonde Schönheit habe ich oft mit jener
Braunen, die man keine Schönheit nennen durfte, spielen sehen; ja ich
trieb mich selbst mit ihnen, obgleich so vieles älter, in den Feldern
und Gärten herum. Beide machten nicht den geringsten Eindruck auf
mich; ich habe nur den Namen der einen behalten und ihn der andern
beigelegt. Nun finde ich die, die mich nichts angeht, nach ihrer
Weise über die Maßen glücklich, indessen die andere, wer weiß wohin,
in die Welt geworfen ist."
Den folgenden Morgen waren die Freunde beinahe früher auf als die
tätigen Landleute. Das Vergnügen, ihre Gäste zu sehen, hatte
Valerinen gleichfalls zeitig geweckt. Sie ahnete nicht, mit welchen
Gesinnungen sie zum Frühstück kamen. Wilhelm, der wohl einsah, daß
ohne Nachricht von dem nußbraunen Mädchen Lenardo sich in der
peinlichsten Lage befinde, brachte das Gespräch auf frühere Zeiten,
auf Gespielen, aufs Lokal, das er selbst kannte, auf andere
Erinnerungen, so daß Valerine zuletzt ganz natürlich darauf kam, des
nußbraunen Mädchens zu erwähnen und ihren Namen auszusprechen.
Kaum hatte Lenardo den Namen Nachodine gehört, so entsann er sich
dessen vollkommen; aber auch mit dem Namen kehrte das Bild jener
Bittenden zurück, mit einer solchen Gewalt, daß ihm das Weitere ganz
unerträglich fiel, als Valerine mit warmem Anteil die Auspfändung des
frommen Pachters, seine Resignation und seinen Auszug erzählte, und
wie er sich auf seine Tochter gelehnt, die ein kleines Bündel
getragen. Lenardo glaubte zu versinken. Unglücklicher--und
glücklicherweise erging sich Valerine in einer gewissen
Umständlichkeit, die Lenardon das Herz zerrreißend, ihm dennoch
möglich machte, mit Beihülfe seines Gefährten, einige Fassung zu
zeigen.
Man schied unter vollen, aufrichtigen Bitten des Ehepaars um baldige
Wiederkunft und einer halben, geheuchelten Zusage beider Gäste. Und
wie dem Menschen, der sich selbst was Gutes gönnt, alles zum Glück
schlägt, so legte Valerine zuletzt das Schweigen Lenardos, seine
sichtbare Zerstreuung beim Abschied, sein hastiges Wegeilen zu ihrem
Vorteil aus und konnte sich, obgleich treue und liebevolle Gattin
eines wackern Landmanns, doch nicht enthalten, an einer
wiederaufwachenden oder neuentstehenden Neigung, wie sie sich's
auslegte, ihres ehemaligen Gutsherrn einiges Behagen zu finden.
Nach diesem sonderbaren Ereignis sagte Lenardo: "Daß wir, bei so
schönen Hoffnungen, ganz nahe vor dem Hafen scheitern, darüber kann
ich mich nur einigermaßen trösten, mich nur für den Augenblick
beruhigen und den Meinen entgegengehen, wenn ich betrachte, daß der
Himmel Sie mir zugeführt hat, Sie, dem es bei seiner eigentümlichen
Sendung gleichgültig ist, wohin und wozu er seinen Weg richtet.
Nehmen Sie es über sich, Nachodinen aufzusuchen und mir Nachricht von
ihr zu geben. Ist sie glücklich, so bin ich zufrieden; ist sie
unglücklich, so helfen Sie ihr auf meine Kosten. Handeln Sie ohne
Rücksichten, sparen, schonen Sie nichts."
"Nach welcher Weltgegend aber", sagte Wilhelm lächelnd, "hab' ich
denn meine Schritte zu richten? Wenn Sie keine Ahnung haben, wie
soll ich damit begabt sein?"
"Hören Sie!" antwortete Lenardo. "In voriger Nacht, wo Sie mich als
einen Verzweifelten rastlos auf und ab gehen sahen, wo ich
leidenschaftlich in Kopf und Herzen alles durcheinanderwarf, da kam
ein alter Freund mir vor den Geist, ein würdiger Mann, der, ohne mich
eben zu hofmeistern, auf meine Jugend großen Einfluß gehabt hat. Gern
hätt' ich mir ihn, wenigstens teilweise, als Reisegefährten erbeten,
wenn er nicht wundersam durch die schönsten Kunst--und altertümlichen
Seltenheiten an seine Wohnung geknüpft wäre, die er nur auf
Augenblicke verläßt. Dieser, weiß ich, genießt einer ausgebreiteten
Bekanntschaft mit allem, was in dieser Welt durch irgendeinen edlen
Faden verbunden ist; zu ihm eilen Sie, ihm erzählen Sie, wie ich es
vorgetragen, und es steht zu hoffen, daß ihm sein zartes Gefühl
irgend einen Ort, eine Gegend andeuten werde, wo sie zu finden sein
möchte. In meiner Bedrängnis fiel es mir ein, daß der Vater des
Kindes sich zu den Frommen zählte, und ich ward im Augenblick fromm
genug, mich an die moralische Weltordnung zu wenden und zu bitten:
sie möge sich hier zu meinen Gunsten einmal wunderbar gnädig
offenbaren."
"Noch eine Schwierigkeit", versetzte Wilhelm, "bleibt jedoch zu
lösen: wo soll ich mit meinem Felix hin? denn auf so ganz ungewissen
Wegen möcht' ich ihn nicht mit mir führen und ihn doch auch nicht
gerne von mir lassen; denn mich dünkt, der Sohn entwickele sich
nirgends besser als in Gegenwart des Vaters."
"Keineswegs!" erwiderte Lenardo, "dies ist ein holder väterlicher
Irrtum: der Vater behält immer eine Art von despotischem Verhältnis
zu seinem Sohn, dessen Tugenden er nicht anerkennt und an dessen
Fehlern er sich freut; deswegen die Alten schon zu sagen pflegten:
"Der Helden Söhne werden Taugenichtse", und ich habe mich weit genug
in der Welt umgesehen, um hierüber ins klare zu kommen.
Glücklicherweise wird unser alter Freund, an den ich Ihnen sogleich
ein eiliges Schreiben verfasse, auch hierüber die beste Auskunft
geben. Als ich ihn vor Jahren das letztemal sah, erzählte er mir gar
manches von einer pädagogischen Verbindung, die ich nur für eine Art
von Utopien halten konnte; es schien mir, als sei, unter dem Bilde
der Wirklichkeit, eine Reihe von Ideen, Gedanken, Vorschlägen und
Vorsätzen gemeint, die freilich zusammenhingen, aber in dem
gewöhnlichen Laufe der Dinge wohl schwerlich zusammentreffen möchten.
Weil ich ihn aber kenne, weil er gern durch Bilder das Mögliche und
Unmögliche verwirklichen mag, so ließ ich es gut sein, und nun kommt
es uns zugute; er weiß gewiß Ihnen Ort und Umstände zu bezeichnen,
wie Sie Ihren Knaben getrost vertrauen und von einer weisen Leitung
das Beste hoffen können."
Im Dahinreiten sich auf diese Weise unterhaltend, erblickten sie
eine edle Villa, die Gebäude im ernst-freundlichen Geschmack, freien
Vorraum und in weiter, würdiger Umgebung wohlbestandene Bäume; Türen
und Schaltern aber durchaus verschlossen, alles einsam, doch
wohlerhalten anzusehen. Von einem ältlichen Manne, der sich am
Eingang zu beschäftigen schien, erfuhren sie, dies sei das Erbteil
eines jungen Mannes, dem es von seinem in hohem Alter erst kurz
verstorbenen Vater soeben hinterlassen worden.
Auf weiteres Befragen wurden sie belehrt: dem Erben sei hier leider
alles zu fertig, er habe hier nichts mehr zu tun und das Vorhandene
zu genießen sei gerade nicht seine Sache; deswegen er sich denn ein
Lokal näher am Gebirge ausgesucht, wo er für sich und seine Gesellen
Mooshütten baue und eine Art von jägerischer Einsiedelei anlegen wolle.
Was den Berichtenden selbst betraf, vernahmen sie, er sei der
mitgeerbte Kastellan, sorge aufs genaueste für Erhaltung und
Reinlichkeit, damit irgendein Enkel, in die Neigung und Besitzung des
Großvaters eingreifend, alles finde, wie dieser es verlassen hat.
Nachdem sie ihren Weg einige Zeit stillschweigend fortgesetzt,
begann Lenardo mit der Betrachtung, daß es die Eigenheit des Menschen
sei, von vorn anfangen zu wollen; worauf der Freund erwiderte, dies
lasse sich wohl erklären und entschuldigen, weil doch, genau genommen,
jeder wirklich von vorn anfängt. "Sind doch", rief er aus, "keinem
die Leiden erlassen, von denen seine Vorfahren gepeinigt wurden; kann
man ihm verdenken, daß er von ihren Freuden nichts missen will?"
Lenardo versetzte hierauf: "Sie ermutigen mich zu gestehen, daß ich
eigentlich auf nichts gerne wirken mag als auf das, was ich selbst
geschaffen habe. Niemals mocht' ich einen Diener, den ich nicht vom
Knaben heraufgebildet, kein Pferd, das ich nicht selbst zugeritten.
In Gefolg dieser Sinnesart will ich denn auch gern bekennen, daß ich
unwiderstehlich nach uranfänglichen Zuständen hingezogen werde, daß
meine Reisen durch alle hochgebildeten Länder und Völker diese
Gefühle nicht abstumpfen können, daß meine Einbildungskraft sich über
dem Meer ein Behagen sucht und daß ein bisher vernachlässigter
Familienbesitz in jenen frischen Gegenden mich hoffen läßt, ein im
stillen gefaßter, meinen Wünschen gemäß nach und nach heranreifender
Plan werde sich endlich ausführen lassen."
"Dagegen wüßt' ich nichts einzuwenden", versetzte Wilhelm, "ein
solcher Gedanke, ins Neue und Unbestimmte gewendet, hat etwas Eigenes,
Großes. Nur bitt' ich zu bedenken, daß ein solches Unternehmen nur
einer Gesamtheit glücken kann. Sie gehen hinüber und finden dort
schon Familienbesitzungen, wie ich weiß; die Meinigen hegen gleiche
Plane und haben sich dort schon angesiedelt; vereinigen Sie sich mit
diesen umsichtigen, klugen und kräftigen Menschen, für beide Teile
muß sich dadurch das Geschäft erleichtern und erweitern."
Unter solchen Gesprächen waren die Freunde an den Ort gelangt, wo
sie nunmehr scheiden sollten. Beide setzten sich nieder, zu
schreiben; Lenardo empfahl seinen Freund dem oberwähnten sonderbaren
Mann, Wilhelm trug den Zustand seines neuen Lebensgenossen den
Verbündeten vor, woraus, wie natürlich, ein Empfehlungsschreiben
entstand; worin er zum Schluß auch seine mit Jarno besprochene
Angelegenheit empfahl und die Gründe nochmals auseinandersetzte,
warum er von der unbequemen Bedingung, die ihn zum ewigen Juden
stempelte, baldmöglichst befreit zu sein wünsche.
Beim Auswechseln dieser Briefe jedoch konnte sich Wilhelm nicht
erwehren, seinem Freund nochmals gewisse Bedenklichkeiten ans Herz zu
legen.
"Ich halte es", sprach er, "in meiner Lage für den
wünschenswertesten Auftrag, Sie, edler Mann, von einer Gemütsunruhe
zu befreien und zugleich ein menschliches Geschöpf aus dem Elende zu
retten, wenn es sich darin befinden sollte. Ein solches Ziel kann
man als einen Stern ansehen, nach dem man schifft, wenn man auch nicht
weiß, was man unterwegs antreffen, unterwegs begegnen werde. Doch
darf ich mir dabei die Gefahr nicht leugnen, in der Sie auf jeden
Fall noch immer schweben. Wären Sie nicht ein Mann, der durchaus sein
Wort zu geben ablehnt, ich würde von Ihnen das Versprechen verlangen,
dieses weibliche Wesen, das Ihnen so teuer zu stehen kommt, nicht
wiederzusehen, sich zu begnügen, wenn ich Ihnen melde, daß es ihr
wohlgeht; es sei nun, daß ich sie wirklich glücklich finde oder ihr
Glück zu befördern imstande bin. Da ich Sie aber zu einem Versprechen
weder vermögen kann noch will, so beschwöre ich Sie bei allem, was
Ihnen wert und heilig ist, sich und den Ihrigen und mir, dem
neuerworbenen Freund, zuliebe, keine Annäherung, es sei unter welchem
Vorwand es wolle, zu jener Vermißten sich zu erlauben; von mir nicht
zu verlangen, daß ich den Ort und die Stelle, wo ich sie finde, die
Gegend, wo ich sie lasse, näher bezeichne oder gar ausspreche: Sie
glauben meinem Wort, daß es ihr wohl geht und sind losgesprochen und
beruhigt."
Lenardo lächelte und versetzte: "Leisten Sie mir diesen Dienst, und
ich werde dankbar sein. Was Sie tun wollen und können, sei Ihnen
anheimgegeben, und mich überlassen Sie der Zeit, dem Verstande und wo
möglich der Vernunft."
"Verzeihen Sie", versetzte Wilhelm; "wer jedoch weiß, unter welchen
seltsamen Formen die Neigung sich bei uns einschleicht, dem muß es
bange werden, wenn er voraussieht, ein Freund könne dasjenige
wünschen, was ihm in seinen Zuständen, seinen Verhältnissen notwendig
Unglück und Verwirrung bringen müßte."
"Ich hoffe", sagte Lenardo, "wenn ich das Mädchen glücklich weiß,
bin ich sie los."
Die Freunde schieden, jeder nach seiner Seite.