"So vergingen einige Jahre", fuhr der Erzähler fort. "Ich begriff
die Vorteile des Handwerks sehr bald, und mein Körper, durch Arbeit
ausgebildet, war imstande, alles zu übernehmen, was dabei gefordert
wurde. Nebenher versah ich meinen alten Dienst, den ich der guten
Mutter, oder vielmehr Kranken und Notdürftigen leistete. Ich zog mit
meinem Tier durchs Gebirg, verteilte die Ladung pünktlich und nahm
von Krämern und Kaufleuten rückwärts mit, was uns hier oben fehlte.
Mein Meister war zufrieden mit mir und meine Eltern auch. Schon
hatte ich das Vergnügen, auf meinen Wanderungen manches Haus zu sehen,
das ich mit aufgeführt, das ich verziert hatte. Denn besonders
dieses letzte Einkerben der Balken, dieses Einschneiden von gewissen
einfachen Formen, dieses Einbrennen zierender Figuren, dieses
Rotmalen einiger Vertiefungen, wodurch ein hölzernes Berghaus den so
lustigen Anblick gewährt, solche Künste waren mir besonders
übertragen, weil ich mich am besten aus der Sache zog, der ich immer
den Thron Herodes' und seine Zieraten im Sinne hatte.
Unter den hilfsbedürftigen Personen, für die meine Mutter eine
vorzügliche Sorge trug, standen besonders junge Frauen obenan, die
sich guter Hoffnung befanden, wie ich nach und nach wohl bemerken
konnte, ob man schon in solchen Fällen die Botschaften gegen mich
geheimnisvoll zu behandeln pflegte. Ich hatte dabei niemals einen
unmittelbaren Auftrag, sondern alles ging durch ein gutes Weib,
welche nicht fern das Tal hinab wohnte und Frau Elisabeth genannt
wurde. Meine Mutter, selbst in der Kunst erfahren, die so manchen
gleich beim Eintritt in das Leben zum Leben rettet, stand mit Frau
Elisabeth in fortdauernd gutem Vernehmen, und ich mußte oft von allen
Seiten hören, daß mancher unserer rüstigen Bergbewohner diesen beiden
Frauen sein Dasein zu danken habe. Das Geheimnis, womit mich
Elisabeth jederzeit empfing, die bündigen Antworten auf meine
rätselhaften Fragen, die ich selbst nicht verstand, erregten mir
sonderbare Ehrfurcht für sie, und ihr Haus, das höchst reinlich war,
schien mir eine Art von kleinem Heiligtume vorzustellen.
Indessen hatte ich durch meine Kenntnisse und Handwerkstätigkeit in
der Familie ziemlichen Einfluß gewonnen. Wie mein Vater als
Bötticher für den Keller gesorgt hatte, so sorgte ich nun für Dach
und Fach und verbesserte manchen schadhaften Teil der alten Gebäude.
Besonders wußte ich einige verfallene Scheuern und Remisen für den
häuslichen Gebrauch wieder nutzbar zu machen; und kaum war dieses
geschehen, als ich meine geliebte Kapelle zu räumen und zu reinigen
anfing. In wenigen Tagen war sie in Ordnung, fast wie Ihr sie sehet;
wobei ich mich bemühte, die fehlenden oder beschädigten Teile des
Täfelwerks dem Ganzen gleich wiederherzustellen. Auch solltet Ihr
diese Flügeltüren des Eingangs wohl für alt genug halten; sie sind
aber von meiner Arbeit. Ich habe mehrere Jahre zugebracht, sie in
ruhigen Stunden zu schnitzen, nachdem ich sie vorher aus starken
eichenen Bohlen im ganzen tüchtig zusammengefügt hatte. Was bis zu
dieser Zeit von Gemälden nicht beschädigt oder verloschen war, hat
sich auch noch erhalten, und ich half dem Glasmeister bei einem neuen
Bau, mit der Bedingung, daß er bunte Fenster herstellte.
Hatten jene Bilder und die Gedanken an das Leben des Heiligen meine
Einbildungskraft beschäftigt, so drückte sich das alles nur viel
lebhafter bei mir ein, als ich den Raum wieder für ein Heiligtum
ansehen, darin, besonders zur Sommerszeit, verweilen und über das,
was ich sah oder vermutete, mit Muße nachdenken konnte. Es lag eine
unwiderstehliche Neigung in mir, diesem Heiligen nachzufolgen; und da
sich ähnliche Begebenheiten nicht leicht herbeirufen ließen, so
wollte ich wenigstens von unten auf anfangen, ihm zu gleichen: wie ich
denn wirklich durch den Gebrauch des lastbaren Tiers schon lange
begonnen hatte. Das kleine Geschöpf, dessen ich mich bisher bedient,
wollte mir nicht mehr genügen; ich suchte mir einen viel
stattlicheren Träger aus, sorgte für einen wohlgebauten Sattel, der
zum Reiten wie zum Packen gleich bequem war. Ein paar neue Körbe
wurden angeschafft, und ein Netz von bunten Schnüren, Flocken und
Quasten, mit klingenden Metallstiften untermischt, zierte den Hals
des langohrigen Geschöpfs, das sich nun bald neben seinem Musterbilde
an der Wand zeigen durfte. Niemanden fiel ein, über mich zu spotten,
wenn ich in diesem Aufzuge durchs Gebirge kam: denn man erlaubt ja
gern der Wohltätigkeit eine wunderliche Außenseite.
Indessen hatte sich der Krieg, oder vielmehr die Folge desselben,
unserer Gegend genähert, indem verschiedenemal gefährliche Rotten von
verlaufenem Gesindel sich versammelten und hie und da manche
Gewalttätigkeit, manchen Mutwillen ausübten. Durch die gute Anstalt
der Landmiliz, durch Streifungen und augenblickliche Wachsamkeit
wurde dem übel zwar bald gesteuert; doch verfiel man zu geschwind
wieder in Sorglosigkeit, und ehe man sich's versah, brachen wieder
neue übeltaten hervor.
Lange war es in unserer Gegend still gewesen, und ich zog mit meinem
Saumrosse ruhig die gewohnten Pfade, bis ich eines Tages über die
frisch besäte Waldblöße kam und an dem Rande des Hegegrabens eine
weibliche Gestalt sitzend oder vielmehr liegend fand. Sie schien zu
schlafen oder ohnmächtig zu sein. Ich bemühte mich um sie, und als
sie ihre schönen Augen aufschlug und sich in die Höhe richtete, rief
sie mit Lebhaftigkeit aus: "Wo ist er? habt Ihr ihn gesehen?" Ich
fragte: "Wen?" Sie versetzte: "Meinen Mann!" Bei ihrem höchst
jugendlichen Ansehen war mir diese Antwort unerwartet; doch fuhr ich
nur um desto lieber fort, ihr beizustehen und sie meiner Teilnahme zu
versichern. Ich vernahm, daß die beiden Reisenden sich wegen der
beschwerlichen Fuhrwege von ihrem Wagen entfernt gehabt, um einen
nähern Fußweg einzuschlagen. In der Nähe seien sie von Bewaffneten
überfallen worden, ihr Mann habe sich fechtend entfernt, sie habe ihm
nicht weit folgen können und sei an dieser Stelle liegengeblieben,
sie wisse nicht wie lange. Sie bitte mich inständig, sie zu
verlassen und ihrem Manne nachzueilen. Sie richtete sich auf ihre
Füße, und die schönste, liebenswürdigste Gestalt stand vor mir; doch
konnte ich leicht bemerken, daß sie sich in einem Zustande befinde,
in welchem sie die Beihülfe meiner Mutter und der Frau Elisabeth wohl
bald bedürfen möchte. Wir stritten uns eine Weile: denn ich
verlangte, sie erst in Sicherheit zu bringen; sie verlangte zuerst
Nachricht von ihrem Manne. Sie wollte sich von seiner Spur nicht
entfernen, und alle meine Vorstellungen hätten vielleicht nicht
gefruchtet, wenn nicht eben ein Kommando unserer Miliz, welche durch
die Nachricht von neuen übeltaten rege geworden war, sich durch den
Wald her bewegt hätte. Diese wurden unterrichtet, mit ihnen das
Nötige verabredet, der Ort des Zusammentreffens bestimmt und so für
diesmal die Sache geschlichtet. Geschwind versteckte ich meine Körbe
in eine benachbarte Höhle, die mir schon öfters zur Niederlage gedient
hatte, richtete meinen Sattel zum bequemen Sitz und hob, nicht ohne
eine sonderbare Empfindung, die schöne Last auf mein williges Tier,
das die gewohnten Pfade sogleich von selbst zu finden wußte und mir
Gelegenheit gab, nebenher zu gehen.
Ihr denkt, ohne daß ich es weitläufig beschreibe, wie wunderlich mir
zumute war. Was ich so lange gesucht, hatte ich wirklich gefunden.
Es war mir, als wenn ich träumte, und dann gleich wieder, als ob ich
aus einem Traume erwachte. Diese himmlische Gestalt, wie ich sie
gleichsam in der Luft schweben und vor den grünen Bäumen sich her
bewegen sah, kam mir jetzt wie ein Traum vor, der durch jene Bilder
in der Kapelle sich in meiner Seele erzeugte. Bald schienen mir jene
Bilder nur Träume gewesen zu sein, die sich hier in eine schöne
Wirklichkeit auflösten. Ich fragte sie manches, sie antwortete mir
sanft und gefällig, wie es einer anständig Betrübten ziemt. Oft bat
sie mich, wenn wir auf eine entblößte Höhe kamen, stillezuhalten,
mich umzusehen, zu horchen. Sie bat mich mit solcher Anmut, mit
einem solchen tief wünschenden Blick unter ihren langen schwarzen
Augenwimpern hervor, daß ich alles tun mußte, was nur möglich war; ja
ich erkletterte eine freistehende, hohe, astlose Fichte. Nie war mir
dieses Kunststück meines Handwerks willkommener gewesen; nie hatte
ich mit mehr Zufriedenheit von ähnlichen Gipfeln, bei Festen und
Jahrmärkten, Bänder und seidene Tücher heruntergeholt. Doch kam ich
diesesmal leider ohne Ausbeute; auch oben sah und hörte ich nichts.
Endlich rief sie selbst mir, herabzukommen, und winkte gar lebhaft
mit der Hand; ja, als ich endlich beim Herabgleiten mich in
ziemlicher Höhe losließ und heruntersprang, tat sie einen Schrei, und
eine süße Freundlichkeit verbreitete sich über ihr Gesicht, da sie
mich unbeschädigt vor sich sah.
Was soll ich Euch lange von den hundert Aufmerksamkeiten unterhalten,
womit ich ihr den ganzen Weg über angenehm zu werden, sie zu
zerstreuen suchte. Und wie könnte ich es auch! denn das ist eben die
Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, daß sie im Augenblick das
Nichts zu Allem macht. Für mein Gefühl waren die Blumen, die ich ihr
brach, die fernen Gegenden, die ich ihr zeigte, die Berge, die Wälder,
die ich ihr nannte, so viel kostbare Schätze, die ich ihr zuzueignen
dachte, um mich mit ihr in Verhältnis zu setzen, wie man es durch
Geschenke zu tun sucht.
Schon hatte sie mich für das ganze Leben gewonnen, als wir in dem
Orte vor der Türe jener guten Frau anlangten und ich schon eine
schmerzliche Trennung vor mir sah. Nochmals durchlief ich ihre ganze
Gestalt, und als meine Augen an den Fuß herabkamen, bückte ich mich,
als wenn ich etwas am Gurte zu tun hätte, und küßte den niedlichsten
Schuh, den ich in meinem Leben gesehen hatte, doch ohne daß sie es
merkte. Ich half ihr herunter, sprang die Stufen hinauf und rief in
die Haustüre: "Frau Elisabeth, Ihr werdet heimgesucht!" Die Gute trat
hervor, und ich sah ihr über die Schultern zum Hause hinaus, wie das
schöne Wesen die Stufen heraufstieg, mit anmutiger Trauer und
innerlichem Selbstgefühl, dann meine würdige Alte freundlich umarmte
und sich von ihr in das bessere Zimmer leiten ließ. Sie schlossen
sich ein, und ich stand bei meinem Esel vor der Tür, wie einer, der
kostbare Waren abgeladen hat und wieder ein ebenso armer Treiber ist
als vorher." Der Lilienstengel
"Ich zauderte noch, mich zu entfernen, denn ich war unschlüssig, was
ich tun sollte, als Frau Elisabeth unter die Türe trat und mich
ersuchte, meine Mutter zu ihr zu berufen, alsdann umherzugehen und wo
möglich von dem Manne Nachricht zu geben. "Marie läßt Euch gar sehr
darum ersuchen", sagte sie. "Kann ich sie nicht noch einmal selbst
sprechen?" versetzte ich.--"Das geht nicht an", sagte Frau Elisabeth,
und wir trennten uns. In kurzer Zeit erreichte ich unsere Wohnung;
meine Mutter war bereit, noch diesen Abend hinabzugehen und der
jungen Fremden hülfreich zu sein. Ich eilte nach dem Lande hinunter
und hoffte, bei dem Amtmann die sichersten Nachrichten zu erhalten.
Allein er war noch selbst in Ungewißheit, und weil er mich kannte,
hieß er mich die Nacht bei ihm verweilen. Sie ward mir unendlich
lang, und immer hatte ich die schöne Gestalt vor Augen, wie sie auf
dem Tiere schwankte und so schmerzhaft freundlich zu mir heruntersah.
Jeden Augenblick hofft' ich auf Nachricht. Ich gönnte und wünschte
dem guten Ehemann das Leben, und doch mochte ich sie mir so gern als
Witwe denken. Das streifende Kommando fand sich nach und nach
zusammen, und nach mancherlei abwechselnden Gerüchten zeigte sich
endlich die Gewißheit, daß der Wagen gerettet, der unglückliche Gatte
aber an seinen Wunden in dem benachbarten Dorfe gestorben sei. Auch
vernahm ich, daß nach der früheren Abrede einige gegangen waren,
diese Trauerbotschaft der Frau Elisabeth zu verkündigen. Also hatte
ich dort nichts mehr zu tun noch zu leisten, und doch trieb mich eine
unendliche Ungeduld, ein unermeßliches Verlangen durch Berg und Wald
wieder vor ihre Türe. Es war Nacht, das Haus verschlossen, ich sah
Licht in den Zimmern, ich sah Schatten sich an den Vorhängen bewegen,
und so saß ich gegenüber auf einer Bank, immer im Begriff anzuklopfen
und immer von mancherlei Betrachtungen zurückgehalten.
Jedoch was erzähl' ich umständlich weiter, was eigentlich kein
Interesse hat. Genug, auch am folgenden Morgen nahm man mich nicht
ins Haus auf. Man wußte die traurige Nachricht, man bedurfte meiner
nicht mehr; man schickte mich zu meinem Vater, an meine Arbeit; man
antwortete nicht auf meine Fragen; man wollte mich los sein.
Acht Tage hatte man es so mit mir getrieben, als mich endlich Frau
Elisabeth hereinrief. "Tretet sachte auf, mein Freund", sagte sie,
"aber kommt getrost näher!" Sie führte mich in ein reinliches Zimmer,
wo ich in der Ecke durch halbgeöffnete Bettvorhänge meine Schöne
aufrecht sitzen sah. Frau Elisabeth trat zu ihr, gleichsam um mich
zu melden, hub etwas vom Bette auf und brachte mir's entgegen: in das
weißeste Zeug gewickelt den schönsten Knaben. Frau Elisabeth hielt
ihn gerade zwischen mich und die Mutter, und auf der Stelle fiel mir
der Lilienstengel ein, der sich auf dem Bilde zwischen Maria und
Joseph als Zeuge eines reinen Verhältnisses aus der Erde hebt. Von
dem Augenblicke an war mir aller Druck vom Herzen genommen; ich war
meiner Sache, ich war meines Glücks gewiß. Ich konnte mit Freiheit
zu ihr treten, mit ihr sprechen, ihr himmlisches Auge ertragen, den
Knaben auf den Arm nehmen und ihm einen herzlichen Kuß auf die Stirn
drücken.
"Wie danke ich Euch für Eure Neigung zu diesem verwaisten Kinde!"
sagte die Mutter. --Unbedachtsam und lebhaft rief ich aus: "Es ist
keine Waise mehr, wenn Ihr wollt!"
Frau Elisabeth, klüger als ich, nahm mir das Kind ab und wußte mich
zu entfernen.
Noch immer dient mir das Andenken jener Zeit zur glücklichsten
Unterhaltung, wenn ich unsere Berge und Täler zu durchwandern
genötigt bin. Noch weiß ich mir den kleinsten Umstand zurückzurufen,
womit ich Euch jedoch, wie billig, verschone. Wochen gingen vorüber;
Maria hatte sich erholt, ich konnte sie öfter sehen, mein Umgang mit
ihr war eine Folge von Diensten und Aufmerksamkeiten. Ihre
Familienverhältnisse erlaubten ihr einen Wohnort nach Belieben. Erst
verweilte sie bei Frau Elisabeth; dann besuchte sie uns, meiner Mutter
und mir für so vielen und freundlichen Beistand zu danken. Sie
gefiel sich bei uns, und ich schmeichelte mir, es geschehe zum Teil
um meinetwillen. Was ich jedoch so gern gesagt hätte und nicht zu
sagen wagte, kam auf eine sonderbare und liebliche Weise zur Sprache,
als ich sie in die Kapelle führte, die ich schon damals zu einem
wohnbaren Saal umgeschaffen hatte. Ich zeigte und erklärte ihr die
Bilder, eins nach dem andern, und entwickelte dabei die Pflichten
eines Pflegevaters auf eine so lebendige und herzliche Weise, daß ihr
die Tränen in die Augen traten und ich mit meiner Bilderdeutung nicht
zu Ende kommen konnte. Ich glaubte ihrer Neigung gewiß zu sein, ob
ich gleich nicht stolz genug war, das Andenken ihres Mannes so
schnell auslöschen zu wollen. Das Gesetz verpflichtet die Witwen zu
einem Trauerjahre, und gewiß ist eine solche Epoche, die den Wechsel
aller irdischen Dinge in sich begreift, einem fühlenden Herzen nötig,
um die schmerzlichen Eindrücke eines großen Verlustes zu mildern.
Man sieht die Blumen welken und die Blätter fallen, aber man sieht
auch Früchte reifen und neue Knospen keimen. Das Leben gehört den
Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefaßt sein.
Ich sprach nun mit meiner Mutter über die Angelegenheit, die mir so
sehr am Herzen lag. Sie entdeckte mir darauf, wie schmerzlich Marien
der Tod ihres Mannes gewesen und wie sie sich ganz allein durch den
Gedanken, daß sie für das Kind leben müsse, wieder aufgerichtet habe.
Meine Neigung war den Frauen nicht unbekannt geblieben, und schon
hatte sich Marie an die Vorstellung gewöhnt, mit uns zu leben. Sie
verweilte noch eine Zeitlang in der Nachbarschaft; dann zog sie zu
uns herauf, und wir lebten noch eine Weile in dem frömmsten und
glücklichsten Brautstande. Endlich verbanden wir uns. Jenes erste
Gefühl, das uns zusammengeführt hatte, verlor sich nicht. Die
Pflichten und Freuden des Pflegevaters und Vaters vereinigten sich;
und so überschritt zwar unsere kleine Familie, indem sie sich
vermehrte, ihr Vorbild an Zahl der Personen, aber die Tugenden jenes
Musterbildes an Treue und Reinheit der Gesinnungen wurden von uns
heilig bewahrt und geübt. Und so erhalten wir auch mit freundlicher
Gewohnheit den äußern Schein, zu dem wir zufällig gelangt und der so
gut zu unserm Innern paßt: denn ob wir gleich alle gute Fußgänger und
rüstige Träger sind, so bleibt das lastbare Tier doch immer in
unserer Gesellschaft, um eine oder die andere Bürde fortzubringen,
wenn uns ein Geschäft oder Besuch durch diese Berge und Täler nötigt.
Wie Ihr uns gestern angetroffen habt, so kennt uns die ganze Gegend,
und wir sind stolz darauf, daß unser Wandel von der Art ist, um jenen
heiligen Namen und Gestalten, zu deren Nachahmung wir uns bekennen,
keine Schande zu machen."