Sankt Joseph der Zweite

Schon hatte der Wanderer, seinem Boten auf dem Fuße folgend, steile

Felsen hinter und über sich gelassen, schon durchstrichen sie ein

sanfteres Mittelgebirg und eilten durch manchen wohlbestandnen Wald,

durch manchen freundlichen Wiesengrund immer vorwärts, bis sie sich

endlich an einem Abhange befanden und in ein sorgfältig bebautes, von

Hügeln rings umschlossenes Tal hinabschauten. Ein großes, halb in

Trümmern liegendes, halb wohlerhaltenes Klostergebäude zog sogleich

die Aufmerksamkeit an sich. "Dies ist Sankt Joseph", sagte der Bote;

"jammerschade für die schöne Kirche! Seht nur, wie ihre Säulen und

Pfeiler durch Gebüsch und Bäume noch so wohlerhalten durchsehen, ob

sie gleich schon viele hundert Jahre im Schutt liegt."

"Die Klostergebäude hingegen", versetzte Wilhelm, "sehe ich, sind

noch wohl erhalten."--"Ja", sagte der andere, "es wohnt ein Schaffner

daselbst, der die Wirtschaft besorgt, die Zinsen und Zehnten einnimmt,

welche man weit und breit hierher zu zahlen hat."

Unter diesen Worten waren sie durch das offene Tor in den geräumigen

Hof gelangt, der, von ernsthaften, wohlerhaltenen Gebäuden umgeben,

sich als Aufenthalt einer ruhigen Sammlung ankündigte. Seinen Felix

mit den Engeln von gestern sah er sogleich beschäftigt um einen

Tragkorb, den eine rüstige Frau vor sich gestellt hatte; sie waren im

Begriff, Kirschen zu handeln; eigentlich aber feilschte Felix, der

immer etwas Geld bei sich führte. Nun machte er sogleich als Gast

den Wirt, spendete reichliche Früchte an seine Gespielen, selbst dem

Vater war die Erquickung angenehm, mitten in diesen unfruchtbaren

Mooswäldern, wo die farbigen, glänzenden Früchte noch einmal so schön

erschienen. Sie trage solche weit herauf aus einem großen Garten,

bemerkte die Verkäuferin, um den Preis annehmlich zu machen, der den

Käufern etwas zu hoch geschienen hatte. Der Vater werde bald

zurückkommen, sagten die Kinder, er solle nur einstweilen in den Saal

gehen und dort ausruhen.

Wie verwundert war jedoch Wilhelm, als die Kinder ihn zu dem Raume

führten, den sie den Saal nannten. Gleich aus dem Hofe ging es zu

einer großen Tür hinein, und unser Wanderer fand sich in einer sehr

reinlichen, wohlerhaltenen Kapelle, die aber, wie er wohl sah, zum

häuslichen Gebrauch des täglichen Lebens eingerichtet war. An der

einen Seite stand ein Tisch, ein Sessel, mehrere Stühle und Bänke, an

der andern Seite ein wohlgeschnitztes Gerüst mit bunter Töpferware,

Krügen und Gläsern. Es fehlte nicht an einigen Truhen und Kisten und,

so ordentlich alles war, doch nicht an dem Einladenden des häuslichen,

täglichen Lebens. Das Licht fiel von hohen Fenstern an der Seite

herein. Was aber die Aufmerksamkeit des Wanderers am meisten erregte,

waren farbige, auf die Wand gemalte Bilder, die unter den Fenstern

in ziemlicher Höhe, wie Teppiche, um drei Teile der Kapelle

herumreichten und bis auf ein Getäfel herabgingen, das die übrige

Wand bis zur Erde bedeckte. Die Gemälde stellten die Geschichte des

heiligen Joseph vor. Hier sah man ihn mit einer Zimmerarbeit

beschäftigt; hier begegnete er Marien, und eine Lilie sproßte zwischen

beiden aus dem Boden, indem einige Engel sie lauschend umschwebten.

Hier wird er getraut; es folgt der englische Gruß. Hier sitzt er

mißmutig zwischen angefangener Arbeit, läßt die Axt ruhen und sinnt

darauf, seine Gattin zu verlassen. Zunächst erscheint ihm aber der

Engel im Traum, und seine Lage ändert sich. Mit Andacht betrachtet er

das neugeborene Kind im Stalle zu Bethlehem und betet es an. Bald

darauf folgt ein wundersam schönes Bild. Man sieht mancherlei Holz

gezimmert; eben soll es zusammengesetzt werden, und zufälligerweise

bilden ein paar Stücke ein Kreuz. Das Kind ist auf dem Kreuze

eingeschlafen, die Mutter sitzt daneben und betrachtet es mit inniger

Liebe, und der Pflegevater hält mit der Arbeit inne, um den Schlaf

nicht zu stören. Gleich darauf folgt die Flucht nach Ägypten. Sie

erregte bei dem beschauenden Wanderer ein Lächeln, indem er die

Wiederholung des gestrigen lebendigen Bildes hier an der Wand sah.

Nicht lange war er seinen Betrachtungen überlassen, so trat der Wirt

herein, den er sogleich als den Führer der heiligen Karawane

wiedererkannte. Sie begrüßten sich aufs herzlichste, mancherlei

Gespräche folgten; doch Wilhelms Aufmerksamkeit blieb auf die Gemälde

gerichtet. Der Wirt merkte das Interesse seines Gastes und fing

lächelnd an: "Gewiß, Ihr bewundert die übereinstimmung dieses

Gebäudes mit seinen Bewohnern, die Ihr gestern kennenlerntet. Sie

ist aber vielleicht noch sonderbarer, als man vermuten sollte: das

Gebäude hat eigentlich die Bewohner gemacht. Denn wenn das Leblose

lebendig ist, so kann es auch wohl Lebendiges hervorbringen."

"O ja!" versetzte Wilhelm. "Es sollte mich wundern, wenn der Geist,

der vor Jahrhunderten in dieser Bergöde so gewaltig wirkte und einen

so mächtigen Körper von Gebäuden, Besitzungen und Rechten an sich zog

und dafür mannigfaltige Bildung in der Gegend verbreitete, es sollte

mich wundern, wenn er nicht auch aus diesen Trümmern noch seine

Lebenskraft auf ein lebendiges Wesen ausübte. Laßt uns jedoch nicht

im Allgemeinen verharren, macht mich mit Eurer Geschichte bekannt,

damit ich erfahre, wie es möglich war, daß ohne Spielerei und

Anmaßung die Vergangenheit sich wieder in Euch darstellt und das, was

vorüberging, abermals herantritt."

Eben als Wilhelm belehrende Antwort von den Lippen seines Wirtes

erwartete, rief eine freundliche Stimme im Hofe den Namen Joseph.

Der Wirt hörte darauf und ging nach der Tür.

"Also heißt er auch Joseph!" sagte Wilhelm zu sich selbst. "Das ist

doch sonderbar genug und doch eben nicht so sonderbar, als daß er

seinen Heiligen im Leben darstellt." Er blickte zu gleicher Zeit

nach der Türe und sah die Mutter Gottes von gestern mit dem Manne

sprechen. Sie trennten sich endlich: die Frau ging nach der

gegenüberstehenden Wohnung. "Marie!" rief er ihr nach, "nur noch ein

Wort!"--"Also heißt sie auch Marie!" dachte Wilhelm; "es fehlt nicht

viel, so fühle ich mich achtzehnhundert Jahre zurückversetzt." Er

dachte sich das ernsthaft eingeschlossene Tal, in dem er sich befand,

die Trümmer und die Stille, und eine wundersam altertümliche Stimmung

überfiel ihn. Es war Zeit, daß der Wirt und die Kinder hereintraten.

Die letzteren forderten Wilhelm zu einem Spaziergange auf, indes der

Wirt noch einigen Geschäften vorstehen wollte. Nun ging es durch die

Ruinen des säulenreichen Kirchengebäudes, dessen hohe Giebel und

Wände sich in Wind und Wetter zu befestigen schienen, indessen sich

starke Bäume von alters her auf den breiten Mauerrücken eingewurzelt

hatten und in Gesellschaft von mancherlei Gras, Blumen und Moos kühn

in der Luft hängende Gärten vorstellten. Sanfte Wiesenpfade führten

einen lebhaften Bach hinan, und von einiger Höhe konnte der Wanderer

nun das Gebäude nebst seiner Lage mit so mehr Interesse überschauen,

als ihm dessen Bewohner immer merkwürdiger geworden und durch die

Harmonie mit ihrer Umgebung seine lebhafte Neugier erregt hatten.

Man kehrte zurück und fand in dem frommen Saal einen Tisch gedeckt.

Obenan stand ein Lehnsessel, in den sich die Hausfrau niederließ.

Neben sich hatte sie einen hohen Korb stehen, in welchem das kleine

Kind lag; den Vater sodann zur linken Hand und Wilhelm zur rechten.

Die drei Kinder besetzten den untern Raum des Tisches. Eine alte Magd

brachte ein wohlzubereitetes Essen. Speise--und Trinkgeschirr

deuteten gleichfalls auf vergangene Zeit. Die Kinder gaben Anlaß zur

Unterhaltung, indessen Wilhelm die Gestalt und das Betragen seiner

heiligen Wirtin nicht genugsam beobachten konnte.

Nach Tische zerstreute sich die Gesellschaft; der Wirt führte seinen

Gast an eine schattige Stelle der Ruine, wo man von einem erhöhten

Platze die angenehme Aussicht das Tal hinab vollkommen vor sich hatte

und die Berghöhen des untern Landes mit ihren fruchtbaren Abhängen

und waldigen Rücken hintereinander hinausgeschoben sah. "Es ist

billig", sagte der Wirt, "daß ich Ihre Neugierde befriedige, um so

mehr, als ich an Ihnen fühle, daß Sie imstande sind, auch das

Wunderliche ernsthaft zu nehmen, wenn es auf einem ernsten Grunde

beruht. Diese geistliche Anstalt, von der Sie noch die Reste sehen,

war der heiligen Familie gewidmet und vor alters als Wallfahrt wegen

mancher Wunder berühmt. Die Kirche war der Mutter und dem Sohne

geweiht. Sie ist schon seit mehreren Jahrhunderten zerstört. Die

Kapelle, dem heiligen Pflegevater gewidmet, hat sich erhalten, so auch

der brauchbare Teil der Klostergebäude. Die Einkünfte bezieht schon

seit geraumen Jahren ein weltlicher Fürst, der seinen Schaffner hier

oben hält, und der bin ich, Sohn des vorigen Schaffners, der

gleichfalls seinem Vater in dieser Stelle nachfolgte.

Der heilige Joseph, obgleich jede kirchliche Verehrung hier oben

lange aufgehört hatte, war gegen unsere Familie so wohltätig gewesen,

daß man sich nicht verwundern darf, wenn man sich besonders gut gegen

ihn gesinnt fühlte; und daher kam es, daß man mich in der Taufe

Joseph nannte und dadurch gewissermaßen meine Lebensweise bestimmte.

Ich wuchs heran, und wenn ich mich zu meinem Vater gesellte, indem er

die Einnahmen besorgte, so schloß ich mich ebenso gern, ja noch

lieber an meine Mutter an, welche nach Vermögen gern ausspendete und

durch ihren guten Willen und durch ihre Wohltaten im ganzen Gebirge

bekannt und geliebt war. Sie schickte mich bald da-, bald dorthin,

bald zu bringen, bald zu bestellen, bald zu besorgen, und ich fand

mich sehr leicht in diese Art von frommem Gewerbe.

überhaupt hat das Gebirgsleben etwas Menschlicheres als das Leben

auf dem flachen Lande. Die Bewohner sind einander näher und, wenn

man will, auch ferner; die Bedürfnisse geringer, aber dringender.

Der Mensch ist mehr auf sich gestellt, seinen Händen, seinen Füßen

muß er vertrauen lernen. Der Arbeiter, der Bote, der Lastträger, alle

vereinigen sich in einer Person; auch steht jeder dem andern näher,

begegnet ihm öfter und lebt mit ihm in einem gemeinsamen Treiben.

Da ich noch jung war und meine Schultern nicht viel zu schleppen

vermochten, fiel ich darauf, einen kleinen Esel mit Körben zu

versehen und vor mir her die steilen Fußpfade hinauf und hinab zu

treiben. Der Esel ist im Gebirg kein so verächtlich Tier als im

flachen Lande, wo der Knecht, der mit Pferden pflügt, sich für besser

hält als den andern, der den Acker mit Ochsen umreißt. Und ich ging

um so mehr ohne Bedenken hinter meinem Tiere her, als ich in der

Kapelle früh bemerkt hatte, daß es zur Ehre gelangt war, Gott und

seine Mutter zu tragen. Doch war diese Kapelle damals nicht in dem

Zustande, in welchem sie sich gegenwärtig befindet. Sie ward als ein

Schuppen, ja fast wie ein Stall behandelt. Brennholz, Stangen,

Gerätschaften, Tonnen und Leitern, und was man nur wollte, war

übereinander geschoben. Glücklicherweise, daß die Gemälde so hoch

stehen und die Täfelung etwas aushält. Aber schon als Kind erfreute

ich mich besonders, über alles das Gehölz hin und her zu klettern und

die Bilder zu betrachten, die mir niemand recht auslegen konnte.

Genug, ich wußte, daß der Heilige, dessen Leben oben gezeichnet war,

mein Pate sei, und ich erfreute mich an ihm, als ob er mein Onkel

gewesen wäre. Ich wuchs heran, und weil es eine besondere Bedingung

war, daß der, welcher an das einträgliche Schaffneramt Anspruch

machen wollte, ein Handwerk ausüben mußte, so sollte ich, dem Willen

meiner Eltern gemäß, welche wünschten, daß künftig diese gute Pfründe

auf mich erben möchte, ein Handwerk lernen, und zwar ein solches, das

zugleich hier oben in der Wirtschaft nützlich wäre.

Mein Vater war Bötticher und schaffte alles, was von dieser Arbeit

nötig war, selbst, woraus ihm und dem Ganzen großer Vorteil erwuchs.

Allein ich konnte mich nicht entschließen, ihm darin nachzufolgen.

Mein Verlangen zog mich unwiderstehlich nach dem Zimmerhandwerke,

wovon ich das Arbeitszeug so umständlich und genau, von Jugend auf,

neben meinem Heiligen gemalt gesehen. Ich erklärte meinen Wunsch;

man war mir nicht entgegen, um so weniger, als bei so mancherlei

Baulichkeiten der Zimmermann oft von uns in Anspruch genommen ward,

ja bei einigem Geschick und Liebe zu feinerer Arbeit, besonders in

Waldgegenden, die Tischler--und sogar die Schnitzerkünste ganz nahe

liegen. Und was mich noch mehr in meinen höheren Aussichten

bestärkte, war jenes Gemälde, das leider nunmehr fast ganz verloschen

ist. Sobald Sie wissen, was es vorstellen soll, so werden Sie sich's

entziffern können, wenn ich Sie nachher davor führe. Dem heiligen

Joseph war nichts Geringeres aufgetragen, als einen Thron für den

König Herodes zu machen. Zwischen zwei gegebenen Säulen soll der

Prachtsitz aufgeführt werden. Joseph nimmt sorgfältig das Maß von

Breite und Höhe und arbeitet einen köstlichen Königsthron. Aber wie

erstaunt ist er, wie verlegen, als er den Prachtsessel herbeischafft:

er findet sich zu hoch und nicht breit genug. Mit König Herodes war,

wie bekannt, nicht zu spaßen; der fromme Zimmermeister ist in der

größten Verlegenheit. Das Christkind, gewohnt, ihn überallhin zu

begleiten, ihm in kindlich demütigem Spiel die Werkzeuge nachzutragen,

bemerkt seine Not und ist gleich mit Rat und Tat bei der Hand. Das

Wunderkind verlangt vom Pflegevater, er solle den Thron an der einen

Seite fassen; es greift in die andere Seite des Schnitzwerks, und

beide fangen an zu ziehen. Sehr leicht und bequem, als wär' er von

Leder, zieht sich der Thron in die Breite, verliert verhältnismäßig

an der Höhe und paßt ganz vortrefflich an Ort und Stelle, zum größten

Troste des beruhigten Meisters und zur vollkommenen Zufriedenheit des

Königs.

Jener Thron war in meiner Jugend noch recht gut zu sehen, und an den

Resten der einen Seite werden Sie bemerken können, daß am Schnitzwerk

nichts gespart war, das freilich dem Maler leichter fallen mußte, als

es dem Zimmermann gewesen wäre, wenn man es von ihm verlangt hätte.

Hieraus zog ich aber keine Bedenklichkeit, sondern ich erblickte das

Handwerk, dem ich mich gewidmet hatte, in einem so ehrenvollen Lichte,

daß ich nicht erwarten konnte, bis man mich in die Lehre tat;

welches um so leichter auszuführen war, als in der Nachbarschaft ein

Meister wohnte, der für die ganze Gegend arbeitete und mehrere

Gesellen und Lehrburschen beschäftigen konnte. Ich blieb also in der

Nähe meiner Eltern und setzte gewissermaßen mein voriges Leben fort,

indem ich Feierstunden und Feiertage zu den wohltätigen Botschaften,

die mir meine Mutter aufzutragen fortfuhr, verwendete."

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 6 / 23 题