Nun ist endlich die Höhe erreicht, die Höhe des Gebirgs, das eine
mächtigere Trennung zwischen uns setzen wird als der ganze Landraum
bisher. Für mein Gefühl ist man noch immer in der Nähe seiner Lieben,
solange die Ströme von uns zu ihnen laufen. Heute kann ich mir noch
einbilden, der Zweig, den ich in den Waldbach werfe, könnte füglich zu
ihr hinabschwimmen, könnte in wenigen Tagen vor ihrem Garten landen;
und so sendet unser Geist seine Bilder, das Herz seine Gefühle
bequemer abwärts. Aber drüben, fürchte ich, stellt sich eine
Scheidewand der Einbildungskraft und der Empfindung entgegen. Doch
ist das vielleicht nur eine voreilige Besorglichkeit: denn es wird
wohl auch drüben nicht anders sein als hier. Was könnte mich von dir
scheiden! von dir, der ich auf ewig geeignet bin, wenngleich ein
wundersames Geschick mich von dir trennt und mir den Himmel, dem ich
so nahe stand, unerwartet zuschließt. Ich hatte Zeit, mich zu fassen,
und doch hätte keine Zeit hingereicht, mir diese Fassung zu geben,
hätte ich sie nicht aus deinem Munde gewonnen, von deinen Lippen in
jenem entscheidenden Moment. Wie hätte ich mich losreißen können,
wenn der dauerhafte Faden nicht gesponnen wäre, der uns für die Zeit
und für die Ewigkeit verbinden soll. Doch ich darf ja von allem dem
nicht reden. Deine zarten Gebote will ich nicht übertreten; auf
diesem Gipfel sei es das letztemal, daß ich das Wort Trennung vor dir
ausspreche. Mein Leben soll eine Wanderschaft werden. Sonderbare
Pflichten des Wanderers habe ich auszuüben und ganz eigene Prüfungen
zu bestehen. Wie lächle ich manchmal, wenn ich die Bedingungen
durchlese, die mir der Verein, die ich mir selbst vorschrieb! Manches
wird gehalten, manches übertreten; aber selbst bei der übertretung
dient mir dies Blatt, dieses Zeugnis von meiner letzten Beichte,
meiner letzten Absolution statt eines gebietenden Gewissens, und ich
lenke wieder ein. Ich hüte mich, und meine Fehler stürzen sich nicht
mehr wie Gebirgswasser einer über den andern.
Doch will ich dir gern gestehen, daß ich oft diejenigen Lehrer und
Menschenführer bewundere, die ihren Schülern nur äußere, mechanische
Pflichten auflegen. Sie machen sich's und der Welt leicht. Denn
gerade diesen Teil meiner Verbindlichkeiten, der mir erst der
beschwerlichste, der wunderlichste schien, diesen beobachte ich am
bequemsten, am liebsten.
Nicht über drei Tage soll ich unter einem Dache bleiben. Keine
Herberge soll ich verlassen, ohne daß ich mich wenigstens eine Meile
von ihr entferne. Diese Gebote sind wahrhaft geeignet, meine Jahre
zu Wanderjahren zu machen und zu verhindern, daß auch nicht die
geringste Versuchung des Ansiedelns bei mir sich finde. Dieser
Bedingung habe ich mich bisher genau unterworfen, ja mich der
gegebenen Erlaubnis nicht einmal bedient. Hier ist eigentlich das
erstemal, daß ich stillhalte, das erstemal, daß ich die dritte Nacht
in demselben Bette schlafe. Von hier sende ich dir manches bisher
Vernommene, Beobachtete, Gesparte, und dann geht es morgen früh auf
der andern Seite hinab, fürerst zu einer wunderbaren Familie, zu einer
heiligen Familie möchte ich wohl sagen, von der du in meinem
Tagebuche mehr finden wirst. Jetzt lebe wohl und lege dieses Blatt
mit dem Gefühl aus der Hand, daß es nur eins zu sagen habe, nur eines
sagen und immer wiederholen möchte, aber es nicht sagen, nicht
wiederholen will, bis ich das Glück habe, wieder zu deinen Füßen zu
liegen und auf deinen Händen mich über alle das Entbehren auszuweinen.
Morgens.
Es ist eingepackt. Der Bote schnürt den Mantelsack auf das Reff.
Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, die Nebel dampfen aus allen
Gründen; aber der obere Himmel ist heiter. Wir steigen in die
düstere Tiefe hinab, die sich auch bald über unserm Haupte erhellen
wird. Laß mich mein letztes Ach zu dir hinübersenden! Laß meinen
letzten Blick zu dir sich noch mit einer unwillkürlichen Träne füllen!
Ich bin entschieden und entschlossen. Du sollst keine Klagen mehr
von mir hören; du sollst nur hören, was dem Wanderer begegnet. Und
doch kreuzen sich, indem ich schließen will, nochmals tausend
Gedanken, Wünsche, Hoffnungen und Vorsätze. Glücklicherweise treibt
man mich hinweg. Der Bote ruft, und der Wirt räumt schon wieder auf
in meiner Gegenwart, eben als wenn ich hinweg wäre, wie gefühllose,
unvorsichtige Erben vor dem Abscheidenden die Anstalten, sich in
Besitz zu setzen, nicht verbergen.