Wilhelm an Natalien

Nun ist endlich die Höhe erreicht, die Höhe des Gebirgs, das eine

mächtigere Trennung zwischen uns setzen wird als der ganze Landraum

bisher. Für mein Gefühl ist man noch immer in der Nähe seiner Lieben,

solange die Ströme von uns zu ihnen laufen. Heute kann ich mir noch

einbilden, der Zweig, den ich in den Waldbach werfe, könnte füglich zu

ihr hinabschwimmen, könnte in wenigen Tagen vor ihrem Garten landen;

und so sendet unser Geist seine Bilder, das Herz seine Gefühle

bequemer abwärts. Aber drüben, fürchte ich, stellt sich eine

Scheidewand der Einbildungskraft und der Empfindung entgegen. Doch

ist das vielleicht nur eine voreilige Besorglichkeit: denn es wird

wohl auch drüben nicht anders sein als hier. Was könnte mich von dir

scheiden! von dir, der ich auf ewig geeignet bin, wenngleich ein

wundersames Geschick mich von dir trennt und mir den Himmel, dem ich

so nahe stand, unerwartet zuschließt. Ich hatte Zeit, mich zu fassen,

und doch hätte keine Zeit hingereicht, mir diese Fassung zu geben,

hätte ich sie nicht aus deinem Munde gewonnen, von deinen Lippen in

jenem entscheidenden Moment. Wie hätte ich mich losreißen können,

wenn der dauerhafte Faden nicht gesponnen wäre, der uns für die Zeit

und für die Ewigkeit verbinden soll. Doch ich darf ja von allem dem

nicht reden. Deine zarten Gebote will ich nicht übertreten; auf

diesem Gipfel sei es das letztemal, daß ich das Wort Trennung vor dir

ausspreche. Mein Leben soll eine Wanderschaft werden. Sonderbare

Pflichten des Wanderers habe ich auszuüben und ganz eigene Prüfungen

zu bestehen. Wie lächle ich manchmal, wenn ich die Bedingungen

durchlese, die mir der Verein, die ich mir selbst vorschrieb! Manches

wird gehalten, manches übertreten; aber selbst bei der übertretung

dient mir dies Blatt, dieses Zeugnis von meiner letzten Beichte,

meiner letzten Absolution statt eines gebietenden Gewissens, und ich

lenke wieder ein. Ich hüte mich, und meine Fehler stürzen sich nicht

mehr wie Gebirgswasser einer über den andern.

Doch will ich dir gern gestehen, daß ich oft diejenigen Lehrer und

Menschenführer bewundere, die ihren Schülern nur äußere, mechanische

Pflichten auflegen. Sie machen sich's und der Welt leicht. Denn

gerade diesen Teil meiner Verbindlichkeiten, der mir erst der

beschwerlichste, der wunderlichste schien, diesen beobachte ich am

bequemsten, am liebsten.

Nicht über drei Tage soll ich unter einem Dache bleiben. Keine

Herberge soll ich verlassen, ohne daß ich mich wenigstens eine Meile

von ihr entferne. Diese Gebote sind wahrhaft geeignet, meine Jahre

zu Wanderjahren zu machen und zu verhindern, daß auch nicht die

geringste Versuchung des Ansiedelns bei mir sich finde. Dieser

Bedingung habe ich mich bisher genau unterworfen, ja mich der

gegebenen Erlaubnis nicht einmal bedient. Hier ist eigentlich das

erstemal, daß ich stillhalte, das erstemal, daß ich die dritte Nacht

in demselben Bette schlafe. Von hier sende ich dir manches bisher

Vernommene, Beobachtete, Gesparte, und dann geht es morgen früh auf

der andern Seite hinab, fürerst zu einer wunderbaren Familie, zu einer

heiligen Familie möchte ich wohl sagen, von der du in meinem

Tagebuche mehr finden wirst. Jetzt lebe wohl und lege dieses Blatt

mit dem Gefühl aus der Hand, daß es nur eins zu sagen habe, nur eines

sagen und immer wiederholen möchte, aber es nicht sagen, nicht

wiederholen will, bis ich das Glück habe, wieder zu deinen Füßen zu

liegen und auf deinen Händen mich über alle das Entbehren auszuweinen.

Morgens.

Es ist eingepackt. Der Bote schnürt den Mantelsack auf das Reff.

Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, die Nebel dampfen aus allen

Gründen; aber der obere Himmel ist heiter. Wir steigen in die

düstere Tiefe hinab, die sich auch bald über unserm Haupte erhellen

wird. Laß mich mein letztes Ach zu dir hinübersenden! Laß meinen

letzten Blick zu dir sich noch mit einer unwillkürlichen Träne füllen!

Ich bin entschieden und entschlossen. Du sollst keine Klagen mehr

von mir hören; du sollst nur hören, was dem Wanderer begegnet. Und

doch kreuzen sich, indem ich schließen will, nochmals tausend

Gedanken, Wünsche, Hoffnungen und Vorsätze. Glücklicherweise treibt

man mich hinweg. Der Bote ruft, und der Wirt räumt schon wieder auf

in meiner Gegenwart, eben als wenn ich hinweg wäre, wie gefühllose,

unvorsichtige Erben vor dem Abscheidenden die Anstalten, sich in

Besitz zu setzen, nicht verbergen.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 4 / 23 题