Die Flucht nach Ägypten

Im Schatten eines mächtigen Felsen saß Wilhelm an grauser,

bedeutender Stelle, wo sich der steile Gebirgsweg um eine Ecke herum

schnell nach der Tiefe wendete. Die Sonne stand noch hoch und

erleuchtete die Gipfel der Fichten in den Felsengründen zu seinen

Füßen. Er bemerkte eben etwas in seine Schreibtafel, als Felix, der

umhergeklettert war, mit einem Stein in der Hand zu ihm kam. "Wie

nennt man diesen Stein, Vater?" sagte der Knabe.

"Ich weiß nicht", versetzte Wilhelm.

"Ist das wohl Gold, was darin so glänzt?" sagte jener.

"Es ist keins!" versetzte dieser, "und ich erinnere mich, daß es die

Leute Katzengold nennen."

"Katzengold!" sagte der Knabe lächelnd, "und warum?"

"Wahrscheinlich weil es falsch ist und man die Katzen auch für

falsch hält."

"Das will ich mir merken", sagte der Sohn und steckte den Stein in

die lederne Reisetasche, brachte jedoch sogleich etwas anderes hervor

und fragte: "Was ist das?" --"Eine Frucht", versetzte der Vater, "und

nach den Schuppen zu urteilen, sollte sie mit den Tannenzapfen

verwandt sein."--"Das sieht nicht aus wie ein Zapfen, es ist ja rund.

"--"Wir wollen den Jäger fragen; die kennen den ganzen Wald und alle

Früchte, wissen zu säen, zu pflanzen und zu warten, dann lassen sie

die Stämme wachsen und groß werden, wie sie können."--"Die Jäger

wissen alles; gestern zeigte mir der Bote, wie ein Hirsch über den Weg

gegangen sei, er rief mich zurück und ließ mich die Fährte bemerken,

wie er es nannte; ich war darüber weggesprungen, nun aber sah ich

deutlich ein paar Klauen eingedrückt; es mag ein großer Hirsch

gewesen sein."--"Ich hörte wohl, wie du den Boten ausfragtest."--"Der

wußte viel und ist doch kein Jäger. Ich aber will ein Jäger werden.

Es ist gar zu schön, den ganzen Tag im Walde zu sein und die Vögel zu

hören, zu wissen, wie sie heißen, wo ihre Nester sind, wie man die

Eier aushebt oder die Jungen, wie man sie füttert und wenn man die

Alten fängt: das ist gar zu lustig."

Kaum war dieses gesprochen, so zeigte sich den schroffen Weg herab

eine sonderbare Erscheinung. Zwei Knaben, schön wie der Tag, in

farbigen Jäckchen, die man eher für aufgebundene Hemdchen gehalten

hätte, sprangen einer nach dem andern herunter, und Wilhelm fand

Gelegenheit, sie näher zu betrachten, als sie vor ihm stutzten und

einen Augenblick stillhielten. Um des ältesten Haupt bewegten sich

reiche blonde Locken, auf welche man zuerst blicken mußte, wenn man

ihn sah, und dann zogen seine klarblauen Augen den Blick an sich, der

sich mit Gefallen über seine schöne Gestalt verlor. Der zweite, mehr

einen Freund als einen Bruder vorstellend, war mit braunen und

schlichten Haaren geziert, die ihm über die Schultern herabhingen und

wovon der Widerschein sich in seinen Augen zu spiegeln schien.

Wilhelm hatte nicht Zeit, diese beiden sonderbaren und in der

Wildnis ganz unerwarteten Wesen näher zu betrachten, indem er eine

männliche Stimme vernahm, welche um die Felsecke herum ernst, aber

freundlich herabrief. "Warum steht ihr stille? versperrt uns den Weg

nicht!"

Wilhelm sah aufwärts, und hatten ihn die Kinder in Verwunderung

gesetzt, so erfüllte ihn das, was ihm jetzt zu Augen kam, mit

Erstaunen. Ein derber, tüchtiger, nicht allzu großer junger Mann,

leicht geschürzt, von brauner Haut und schwarzen Haaren, trat kräftig

und sorgfältig den Felsweg herab, indem er hinter sich einen Esel

führte, der erst sein wohlgenährtes und wohlgeputztes Haupt zeigte,

dann aber die schöne Last, die er trug, sehen ließ. Ein sanftes,

liebenswürdiges Weib saß auf einem großen, wohlbeschlagenen Sattel;

in einem blauen Mantel, der sie umgab, hielt sie ein Wochenkind, das

sie an ihre Brust drückte und mit unbeschreiblicher Lieblichkeit

betrachtete. Dem Führer ging's wie den Kindern: er stutzte einen

Augenblick, als er Wilhelmen erblickte. Das Tier verzögerte seinen

Schritt, aber der Abstieg war zu jäh, die Vorüberziehenden konnten

nicht anhalten, und Wilhelm sah sie mit Verwunderung hinter der

vorstehenden Felswand verschwinden.

Nichts war natürlicher, als daß ihn dieses seltsame Gesicht aus

seinen Betrachtungen riß. Neugierig stand er auf und blickte von

seiner Stelle nach der Tiefe hin, ob er sie nicht irgend wieder

hervorkommen sähe. Und eben war er im Begriff, hinabzusteigen und

diese sonderbaren Wandrer zu begrüßen, als Felix heraufkam und sagte:

"Vater, darf ich nicht mit diesen Kindern in ihr Haus? Sie wollen

mich mitnehmen. Du sollst auch mitgehen, hat der Mann zu mir gesagt.

Komm! dort unten halten sie."

"Ich will mit ihnen reden", versetzte Wilhelm.

Er fand sich auf einer Stelle, wo der Weg weniger abhängig war, und

verschlang mit den Augen die wunderlichen Bilder, die seine

Aufmerksamkeit so sehr an sich gezogen hatten. Erst jetzt war es ihm

möglich, noch einen und den andern besondern Umstand zu bemerken. Der

junge, rüstige Mann hatte wirklich eine Polieraxt auf der Schulter

und ein langes, schwankes eisernes Winkelmaß. Die Kinder trugen

große Schilfbüschel, als wenn es Palmen wären; und wenn sie von

dieser Seite den Engeln glichen, so schleppten sie auch wieder kleine

Körbchen mit Eßwaren und glichen dadurch den täglichen Boten, wie sie

über das Gebirg hin und her zu gehen pflegen. Auch hatte die Mutter,

als er sie näher betrachtete, unter dem blauen Mantel ein rötliches,

zart gefärbtes Unterkleid, so daß unser Freund die Flucht nach

Ägypten, die er so oft gemalt gesehen, mit Verwunderung hier vor

seinen Augen wirklich finden mußte.

Man begrüßte sich, und indem Wilhelm vor Erstaunen und

Aufmerksamkeit nicht zu Wort kommen konnte, sagte der junge Mann:

"Unsere Kinder haben in diesem Augenblicke schon Freundschaft gemacht.

Wollt Ihr mit uns, um zu sehen, ob auch zwischen den Erwachsenen ein

gutes Verhältnis entstehen könne?"

Wilhelm bedachte sich ein wenig und versetzte dann: "Der Anblick

eures kleinen Familienzuges erregt Vertrauen und Neigung und, daß

ich's nur gleich gestehe, ebensowohl Neugierde und ein lebhaftes

Verlangen, euch näher kennen zu lernen. Denn im ersten Augenblicke

möchte man bei sich die Frage aufwerfen, ob ihr wirkliche Wanderer

oder ob ihr nur Geister seid, die sich ein Vergnügen daraus machen,

dieses unwirtbare Gebirg durch angenehme Erscheinungen zu beleben."

"So kommt mit in unsere Wohnung", sagte jener. "Kommt mit!" riefen

die Kinder, indem sie den Felix schon mit sich fortzogen. "Kommt mit!"

sagte die Frau, indem sie ihre liebenswürdige Freundlichkeit von

dem Säugling ab auf den Fremdling wendete.

Ohne sich zu bedenken, sagte Wilhelm: "Es tut mir leid, daß ich euch

nicht sogleich folgen kann. Wenigstens diese Nacht noch muß ich oben

auf dem Grenzhause zubringen. Mein Mantelsack, meine Papiere, alles

liegt noch oben, ungepackt und unbesorgt. Damit ich aber Wunsch und

Willen beweise, eurer freundlichen Einladung genugzutun, so gebe ich

euch meinen Felix zum Pfande mit. Morgen bin ich bei euch. Wie weit

ist's hin?"

"Vor Sonnenuntergang erreichen wir noch unsere Wohnung", sagte der

Zimmermann, "und von dem Grenzhause habt Ihr nur noch anderthalb

Stunden. Euer Knabe vermehrt unsern Haushalt für diese Nacht; morgen

erwarten wir Euch."

Der Mann und das Tier setzten sich in Bewegung. Wilhelm sah seinen

Felix mit Behagen in so guter Gesellschaft, er konnte ihn mit den

lieben Engelein vergleichen, gegen die er kräftig abstach. Für seine

Jahre war er nicht groß, aber stämmig, von breiter Brust und

kräftigen Schultern; in seiner Natur war ein eigenes Gemisch von

Herrschen und Dienen; er hatte schon einen Palmzweig und ein Körbchen

ergriffen, womit er beides auszusprechen schien. Schon drohte der Zug

abermals um eine Felswand zu verschwinden, als sich Wilhelm

zusammennahm und nachrief: "Wie soll ich euch aber erfragen?"

"Fragt nur nach Sankt Joseph!" erscholl es aus der Tiefe, und die

ganze Erscheinung war hinter den blauen Schattenwänden verschwunden.

Ein frommer, mehrstimmiger Gesang tönte verhallend aus der Ferne, und

Wilhelm glaubte die Stimme seines Felix zu unterscheiden.

Er stieg aufwärts und verspätete sich dadurch den Sonnenuntergang.

Das himmlische Gestirn, das er mehr denn einmal verloren hatte,

erleuchtete ihn wieder, als er höher trat, und noch war es Tag, als

er an seiner Herberge anlangte. Nochmals erfreute er sich der großen

Gebirgsansicht und zog sich sodann auf sein Zimmer zurück, wo er

sogleich die Feder ergriff und einen Teil der Nacht mit Schreiben

zubrachte.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 3 / 23 题