Sie saß . . . und wußte (weil es ja zu ihrer Kriegsrüstung gehörte), daß
diese Tatsache: »_Manon sitzt_«, die Augen vieler feiner Herren zu
triefenden Sternen machte.
Sie wußte das so nebenbei.
Jene Herren waren in Revolte, seitdem Manon ihnen zum erstenmal die Hand
hingehalten hatte.
Eine fleischige, saftige Hand, die viel wog, immer eine liebe Temperatur
hatte und weitere, treu innegehaltene Fleischlieferungen in Aussicht
stellte.
Alle jene dont la chair était en volupté hatten kindlich diese
artischockenrunde Hand genossen, und diese Uniformierung des Genusses, des
Flirts und der Werbung war eine bemerkenswerte stilistische Eigenschaft der
Manon.
Das junge Mädchen war etwas zu üppig für achtzehn Jahre. In D . . . war es
noch nicht aufs Pferd gestiegen, hatte es kein Auto mehr gelenkt. Dafür
zügelte es Herren, chauffierte es Existenzen, die sich längst einen
Stundenplan approbierter kleiner Empörungen zurechtgelegt hatten.
Manon _entordnete_ diese Revolutionäre, deren einzige Bürgerpflicht
geworden war: gelegentlich sehr diplomatische Wendungen oppositioneller
Eleganz auf irgendeine ungefährdete Tribüne zu tragen.
Manons Geruch war der eines Rehs. Viele waren leise betäubt, wenn sie ihr
nahe kamen. Sie erlagen der Andeutung einer Ohnmacht, und nichts konnte
süßer sein. Das Parfüm, in dem dieser Leib jung einherging, war leise
würzig, von zarter Kraft, im Grunde aber nur zwei Generationen von den
Selbstanzeigen der Kuhmagd entfernt.
Man raffiniere die Bäuerin, und man wird eine lächelnde, boxende, duftende
Manon erhalten.
Sicherlich war sie ein freches Wunder. Wenn sie _saß_, so konnte man sie
_reifen sehen_, Ganz vorsichtig schwollen ihre Hüften, schob sich ihre
Taille in die Breite. Manon war im Knospen.
Ihrer Hand folgte ein zuverlässiges Stück unbedeckten Arms, bis zum
Ellenbogen, wo es in den Tunnel des gesprenkelten Blusenärmels einfuhr. Um
den Hals kreiste ein gestickter Kinderkragen. Manons Haare, lieblich
gewellt, spielten wie dunkelblaue Nattern, die, etwas rechts auf diesem
Köpfchen, ungern des Scheitels nicht immer sauberen Grenzgraben
innehielten.
In der Tat, der Kopf der jungen Dame war zu klein für ihre in prononcierter
Haltung gelegentlich junonischen Formen. Hier waren die Proportionen der
Venus aus dem Louvre in einen preußischen Vorort geraten, Doch berauschend
schön entschloß sich, zwischen dem reizenden Schwalbenflug der Augenbrauen,
der Nasenansatz, nach berechnetem Zögern, zum klassisch-reinen,
artig-starken Vorsprung.
In Ansehung ihrer Brust war Manon überzeugt: diese sei vor einem halben
Jahr voller gewesen als jetzt. Aber vielleicht glaubte Manon das nicht
wirklich; sie äußerte es nur, damit ihrer Wohlhabenheit ein dokumentiertes
Kompliment nicht fehle, einmal zu einem Herrn, der Gelegenheit hatte, den
leichten Ausschlag, den sie vorne trug, rührend zu finden, Schema Backfisch
und herzenswert.
Wie sie nun _saß_ (mit jenem Lächeln der Brandstifterin), erfüllte diese
Jungfrau, deren einziger Herr _Napoleon_ war, ein wichtiges Geschäft.
Sie schrieb einen Brief an ihren Onkel, den Abbé, der gefragt hatte wie oft
sie zur Beichte gehe. Die Wahrheit war, daß Manons Herz allzu beschäftigt
gewesen war, als daß sie auch nur im Beichtspiegel die Rubrik hätte
aufsuchen mögen, in die sich ihre anmutig variierten Sünden einreihen
ließen. Manon escamotierte geschickt des Onkels Besorgnis durch die
Unschuld einer heuchlerischen Stadtbeschreibung: »La vie de D . . . diffère
bien de celle de Paris . . .« Dieses Bekenntnis fanatisch abgelegt, war die
Strafarbeit in rettende Schwatzhaftigkeit gelenkt.
Dann stürmte das Mädchen mit Dragonerbeinen ans Klavier.
Die Valse brune im Kreise Teltow!
Oh, la la.