Franz Blei

Daß plötzlich ein gelber Herr aus dem achtzehnten Jahrhundert (den linken

Lackschuh schleppt er ein bißchen nach; und wenn er wollte, könnte er den

devoten Körper sehr leicht zu Korkzieher-Spiralen ringeln) in einen Kreis

Entwurzelter eintritt, dunkel lächelnd »Guten Abend« bietet und allsogleich

beginnt, durch viel Ordnung und Anordnung allerlei Seelchen nachdrücklich

zu verwirren --: das hat allen Schein und Anspruch so sehr gegen sich, daß

ich kaum jemanden bitten mag, zu genehmigen, es sei geschehen irgendwann.

Ich selbst habe es gesehen; aber ich glaube es nicht und wünsche, alles

geträumt zu haben. Erleben sagt wenig für den Erlebenden, und alles nur für

das Erlebnis; der Träumende aber darf sich fast so hoch schätzen wie seinen

Traum . . .

Der Doktor Blei entwindet sich der Finsternis und ist, von der Taille

abwärts, hinter einem niedrigen Säulen-Oktogon schnell so sicher

verschanzt, daß nunmehr eine Büste im Frack, aus bösem Stamme erwachsen,

vor einer schwarzen Leere schwebt und wirbt. In der Geste Eines, der dem

großen Brummel Diener und Vertrauter war. Eines, der das rührende

Evangelium des Dandysmus in pflichtschuldiger Pedanterie ein bißchen

forciert. Da dieser Getreue den entschwundenen Vorbildlichkeiten seines

Herrn melancholisch nachgrübelt, drängt sich ihm dermaßen die

Unzulänglichkeit aller Späteren auf, daß aus dem dünnen, blassen Kreis

seines Mundes ganz zerbrechliche O -- O -- O!'s in die Luft puffen, kleine,

mokant schillernde Seifenblasen, die nach kurzer Bahn zerplatzen und einen

süßlich-irritierenden Hauch hergeben. Und nun ist keiner mehr überrascht,

hinter dem grauen Dandy, auf dessen hoher Stirn die gravitätische Heraldik

sechs paralleler Wellenlinien eingefurcht war, einen gelben Höfling aus

»Kabale und Liebe« wiederzuerkennen, hurtig dann auch den Doktor Coppelius,

hinter riesigen Brillenscheiben versteckt, und endlich Mephisto selbst,

der, wiederum lächelnd, die Maske des die Sinnlichkeit protegierenden

Privatdozenten ablegt und, ein arbeitsamer Systematiker, mit seinen

moralischen Anekdoten aus besserer Zeit einer sublimen Selbstgefälligkeit

fröhnt. Er respektiert die Moral und distanziert sie. Darauf wird die

Beschränktheit der Gottlosen geduckt. Diesem Doktor ist es nicht um die

Rationalisten zu tun. Er endet -- die Wachsmaske eines allzu durchwühlten

Goethekopfes -- als gemessener, orphisch tönender Fatalist. Aus der

Puderwolke starrt tief-tröstlich und korrekt ein Totenschädel.

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