Ilgenberg

Das Dorf, das ich nach zwei Stunden auf Fußwegen erreichte, hieß

Schluchtersingen und war mir von einem früheren Besuche her bekannt. Als

ich durch die Dorfgasse schritt, sah ich vor einem neugebauten Gasthof

einen Wagen stehen und erkannte sofort das Gefährt des Kaufmanns aus

Ilgenberg und sein kleines, sonderbar geflecktes Pferd.

Er selber trat gerade aus der Türe, um wieder einzusteigen, als er mich

daherkommen sah. Sogleich grüßte er lebhaft und winkte mir zu.

»Ich habe hier noch Geschäfte gehabt, fahre jetzt aber direkt nach

Ilgenberg. Wollen Sie nicht mitkommen? Das heißt, wenn Sie nicht lieber

zu Fuß gehen.«

Er sah so gutmütig aus und mein Verlangen nach dem Ziel meiner Reise war

allmählich so gespannt, daß ich annahm und einstieg. Er gab dem

Hausknecht ein Trinkgeld, nahm die Zügel und fuhr los. Der Wagen lief

gar leicht und bequem auf der guten, harten Straße und mir tat nach

tagelangem Fußgängertum das herrschaftliche Gefühl des Fahrens wohl.

Wohl tat mir auch, daß der Kaufmann keine Versuche machte mich

auszufragen. Ich wäre sonst sogleich wieder ausgestiegen. Er fragte nur,

ob ich auf einer Erholungsreise sei und ob ich die Gegend schon kenne.

»Wo steigt man denn jetzt in Ilgenberg am besten ab?« fragte ich.

»Früher war der Hirschen gut; der Besitzer hieß Böliger.«

»Der lebt nimmer. Die Wirtschaft hat jetzt ein Fremder, ein Bayer, und

sie soll zurückgegangen sein. Doch will ich das nicht beschwören, ich

hab’s vom Hörensagen.«

»Und wie ist’s mit dem Schwäbischen Hof? Da war seinerzeit einer namens

Schuster drauf.«

»Der ist noch da, und das Haus gilt für gut.«

»Dann will ich dort einkehren.«

Mehrmals machte mein Begleiter Miene, sich mir vorzustellen, doch ließ

ich es nicht dazu kommen. So fuhren wir durch den lichten, farbigen Tag.

»Es geht so doch ringer als zu Fuß,« meinte der Ilgenberger.

»Das wohl, ja. Ein Freund von mir, ein Basler, hat das auch

herausgefunden. Er schwärmt für Fußtouren, aber im zweiten oder dritten

Dorf nimmt er jedesmal einen Einspänner und steigt dann erst kurz vor

der Stadt wieder ab.«

»Die Art kenn ich, ja. Aber zu Fuß ist es gesünder.«

»Wenn man gute Stiefel hat. Übrigens ist Ihr Gaul ein lustiger Patron,

mit seinen Flecken.«

Er seufzte ein wenig und lachte dann.

»Fällt’s Ihnen auch auf? Freilich, die Flecken sind gespäßig. In der

Stadt haben sie ihn mir >die Kuh< getauft, und man soll die Leute

spotten lassen, aber es ärgert mich doch.«

»Gehalten ist das Tier gut.«

»Nicht wahr? Es geht ihm nichts ab. Sehen Sie, ich hab’ das Rößlein

gern. Jetzt spitzt es schon die Ohren, weil wir von ihm reden. Es ist

sieben Jahr alt.«

In der letzten Stunde redeten wir wenig mehr. Mein Begleiter schien

ermüdet, und mir nahm der Anblick der mit jedem Schritt vertrauter

werdenden Gegend alle Gedanken gefangen. Ein bangköstliches Gefühl, Orte

der Jugendzeit wiederzusehen! Erinnerungen blitzen in verwirrender Menge

auf, man lebt ganze Entwicklungen in traumhafter Sekundeneile wieder

durch, unwiederbringlich Verlorenes blickt uns heimatlich und

schmerzlich an.

Eine schwache Erhöhung über die unser Wagen im Trabe lief, öffnete den

Blick auf die Stadt. Zwei Kirchen, ein Mauerturm, der hohe Rathausgiebel

lachten aus dem Gewirre der Häuser, Gassen und Gärten herüber. Daß ich

den humoristischen Zwiebelturm einmal mit Rührung und klopfendem Herzen

begrüßen würde, hätte ich damals nicht gedacht. Er schielte mich mit

seinem heimlichen Kupferglanz behaglich an, als kenne er mich noch und

als habe er schon ganz andere Ausreißer und Weltstürmer als bescheidene

und stille Leute heimkommen sehen.

Noch sah ich die unvermeidlichen Veränderungen, Neubauten und

Vorstadtstraßen nicht, alles sah aus wie vorzeiten, und mich überfiel

beim Anblick die Erinnerung wie ein heißer Südsturm. Unter diesen Türmen

und Dächern hatte ich die märchenhafte Jugendzeit gelebt,

sehnsuchtsvolle Tage und Nächte, wunderbare schwermütige Frühlinge und

lange, in der schlecht geheizten Mansarde verträumte Winter. In diesen

Gartensträßchen war ich nachts in Liebeszeiten brennend und verzweifelnd

umhergewandert, den heißen Kopf voll von abenteuerlichen Plänen. Und

hier war ich glücklich gewesen wie ein Seliger über den Gruß eines

Mädchens und über die ersten schüchternen Gespräche und Küsse unserer

Liebe.

»Ja, es zieht sich noch,« sagte der Kaufmann, »aber in zehn Minuten sind

wir daheim.«

Daheim! dachte ich. Du hast gut reden.

Garten um Garten, Bild um Bild glitt an mir vorüber, Dinge, an die ich

nie mehr gedacht hatte und die mich nun empfingen, als sei ich nur für

Stunden fortgewesen. Ich hielt es nimmer im Wagen aus.

»Bitte halten Sie einen Augenblick, ich gehe von hier vollends zu Fuß

hinein.«

Etwas erstaunt zog er die Zügel an und ließ mich absteigen. Ich hatte

ihm schon gedankt und die Hand gedrückt und wollte gehen, da hustete er

und sagte: »Vielleicht sehen wir uns noch, wenn Sie im Schwäbischen Hof

wohnen wollen. Darf ich um Ihren Namen bitten?«

Zugleich stellte er sich vor. Er hieß Herschel und war, ich konnte nicht

zweifeln, Julies Mann.

Ich hätte ihn am liebsten erschlagen, doch nannte ich meinen Namen, zog

den Hut und ließ ihn weiterfahren. Also das war Herr Herschel. Ein

angenehmer Mann, und wohlhabend. Wenn ich an Julie dachte, was für ein

stolzes und prächtiges Mädchen sie gewesen war und wie sie meine

damaligen phantastisch kühnen Ansichten und Lebenspläne verstanden und

geteilt hatte, dann würgte es mich im Halse. Mein Zorn war augenblicks

verflogen. Gedankenlos in tiefer, hilfloser Traurigkeit ging ich durch

die alte, kahle Kastanienallee in das Städtchen hinein.

Im Gasthaus war gegen früher alles ein wenig feiner und modern geworden,

es gab sogar ein Billard und vernickelte Serviettenbehälter, die wie

Globusse aussahen. Der Wirt war noch derselbe, Küche und Keller waren

einfach und gut geblieben. Im alten Hof stand noch der schlanke

Ahornbaum und lief noch der zweiröhrige Trogbrunnen, in deren kühler

Nachbarschaft ich manche warme Sommerabende bei einem Bier vertrödelt

hatte.

Nach dem Essen machte ich mich auf und schlenderte langsam durch die

wenig veränderten Straßen, las die alten wohlbekannten Namen auf den

Ladenschildern, ließ mich rasieren, kaufte einen Bleistift, sah an den

Häusern hinauf und strich an den Zäunen hin durch die ruhigen Gartenwege

der Vorstadt. Eine Ahnung beschlich mich, daß meine Ilgenberger Reise

eine große Torheit gewesen sei, und doch schmeichelte mir Luft und Boden

heimatlich und wiegte mich in umrißlose, schöne, wirre Erinnerungen. Ich

ließ keine einzige Gasse unbesucht, stieg auf den Kirchturm, las die ins

Gebälk des Glockenstuhls geschnitzten Lateinschülernamen, stieg wieder

hinunter und las die öffentlichen Anschläge am Rathaus, bis es anfing zu

dunkeln.

Dann stand ich auf dem unverhältnismäßig großen, öden Marktplatz,

schritt die lange Reihe der alten Giebelhäuser ab, stolperte über

Vortreppen und Pflasterlücken und hielt am Ende vor dem Herschelschen

Hause an. Am kleinen Laden wurden gerade die Rolläden heruntergelassen,

im ersten Stockwerk hatten vier Fenster Licht. Ich stand unschlüssig da

und schaute am Haus hinauf, müde und beklommen. Ein kleiner Junge

marschierte den Platz herauf und pfiff den Jungfernkranz; als er mich

dastehen sah, hörte er zu pfeifen auf und sah mich beobachtend an. Ich

schenkte ihm zehn Pfennig und hieß ihn weitergehen. Dann kam ein

Lohndiener und bot sich mir an.

»Danke,« sagte ich, und plötzlich hatte ich den Glockenzug in der Hand

und schellte kräftig.

Diesseits: Erzählungen · 第 18 / 23 题