Morgengang

Erst als der Ofen erkaltet war und mir die Füße starr wurden, wachte ich

frierend auf, und da war es auch schon Morgen und nebenzu in der Küche

hörte ich jemand den Herd anheizen. Draußen lag, zum ersten Mal in

diesem Herbst, ein dünner Reif auf den Wiesen. Ich war vom harten Liegen

steif und mitgenommen, aber gut ausgeschlafen. In der Küche, wo die alte

Magd mich begrüßte, wusch ich mich am Wasserstein und bürstete meine

Kleider aus, die gestern bei dem windigen Wetter sehr staubig geworden

waren.

Kaum saß ich in der Stube beim heißen Kaffee, da kam der Gast aus der

Stadt herein, grüßte höflich und setzte sich zu mir an den Tisch, wo

schon für ihn gedeckt war. Er tat aus einer flachen Reiseflasche ein

wenig alten Kirschgeist in seine Tasse und bot auch mir davon an.

»Danke,« sagte ich, »ich trinke keinen Schnaps.«

»Wirklich? Sehen Sie, ich muß es tun, weil ich die Milch sonst nicht

vertragen kann, leider. Jeder hat ja so seinen Bresten.«

»Na, wenn Ihnen sonst nichts fehlt, dürfen Sie nicht klagen.«

»Gewiß, ja. Ich klage auch nicht. Es liegt mir fern -- --«

Er gehörte zu den Leuten, denen es ein Bedürfnis ist, sich recht oft

ohne Ursache zu entschuldigen. Zwar weiß ich, daß diese Art von Narren

leicht lästig wird und daß ihre Bescheidenheit, sobald sie irgendwie zu

Courage kommen, ins Gegenteil umschlägt, doch sind sie immerhin amüsant

und ich habe sie nicht ungern. Im übrigen machte er einen anständigen

Eindruck, etwas zu höflich, aber intelligent und offen. Gekleidet war er

kleinstädtisch, sehr solid und sauber, aber schwerfällig.

Auch er musterte mich, und da er mich in Kniehosen sah, fragte er, ob

ich auf dem Veloziped gekommen sei.

»Nein, zu Fuß.«

»So so. Eine Fußtour, ich verstehe. Ja, der Sport ist eine schöne Sache,

wenn man Zeit hat.«

»Sie haben Holz gekauft?«

»O, eine Kleinigkeit, nur für den eigenen Bedarf.«

»Ich dachte, Sie wären Holzhändler.«

»Nein, doch nicht. Ich habe ein Tuchgeschäft. Das heißt einen Tuchladen,

wissen Sie.«

Wir aßen Butterbrot zum Kaffee, und während er sich Butter nahm, fielen

mir seine wohlgebildeten langen und schmalen Hände auf.

Den Weg nach Ilgenberg schätzte er auf sechs Stunden. Er hatte seinen

Wagen da und lud mich freundlich zum Mitfahren ein, doch nahm ich nicht

an. Ich fragte nach Fußwegen und bekam leidliche Auskunft. Dann rief ich

die Wirtin und zahlte meine kleine Zeche, steckte Brot in die Tasche,

sagte dem Kaufmann Adieu und ging die Treppe hinab und durch die

gepflasterte Flur in den kalten Morgen hinaus.

Vor dem Hause stand des Tuchhändlers Gefährt, eine leichte zweisitzige

Kutsche, und eben zog ein Knecht den Gaul aus dem Stall, ein kleines

fettes Rößlein, das weiß und rötlich wie eine Kuh gefleckt war.

Der Weg führte talaufwärts, eine Strecke den Bach entlang, dann

ansteigend gegen die Waldhöhen. Indem ich allein dahin marschierte, fiel

mir ein, daß ich im Grunde alle meine Wege so einsam gemacht habe, und

nicht nur die Spaziergänge, sondern alle Schritte meines Lebens. Freunde

und Verwandte, gute Bekannte und Liebschaften waren ja immer dabei, aber

sie umfaßten mich nie, erfüllten mich nie, rissen mich nie in andere

Bahnen als die ich selber einschlug. Vielleicht ist jedem Menschen, er

sei wie er wolle, wie einem geschleuderten Ball seine Wurfbahn

vorgezeichnet und er folgt einer längst bestimmten Linie, während er das

Schicksal zu zwingen oder zu hänseln meint. Jedenfalls aber ruht das

»Schicksal« in uns und nicht außer uns, und damit bekommt die Oberfläche

des Lebens, das sichtbare Geschehen, eine gewisse Unwichtigkeit, etwas

ergötzlich Spielzeughaftes, dessen Anblick einen stillen Zuschauer sein

Leben lang angenehm beschäftigen kann. Was man gewöhnlich schwer nimmt

und gar tragisch nennt, wird dann oft zur Bagatelle. Und dieselben

Leute, die vor dem Anschein des Tragischen in die Kniee sinken, leiden

und gehen unter an Dingen, die sie nie beachtet haben.

Ich dachte: Was treibt mich jetzt, mich freien Mann, nach dem Städtlein

Ilgenberg, wo Häuser und Menschen mich nichts mehr angehen und wo ich

kaum anderes als Enttäuschung und vielleicht Leid zu finden hoffen kann?

Und ich sah mir selber verwundert zu, wie ich ging und ging und zwischen

Humor und Bangigkeit hin und wider schwankte.

Es war ein schöner Morgen, die herbstliche Erde und Luft vom ersten

Winterduft gestreift, dessen herbe Klarheit mit dem Steigen des Tages

abnahm. Große Starenzüge strichen in schöner keilförmiger Ordnung mit

lautem Schwirren über die Felder. Im Tale zog langsam die Herde eines

Wanderschäfers hin, und mit ihrem leichten Staube vermischte sich der

dünne blaue Rauch aus des Schäfers Pfeife. Das alles samt den Bergzügen,

farbigen Waldrücken und weidenbestandenen Bachläufen stand in der

glasklaren Luft frisch wie ein gemaltes Bild, und die ergreifende

Schönheit der Erde redete ihre leise, sehnsüchtige Sprache, unbekümmert

wer sie höre.

Das ist mir immer wieder sonderbar, unbegreiflich und hinreißender als

alle Fragen und Taten des Tages und Menschengeistes: wie ein Berg sich

in den Himmel reckt und wie die Lüfte lautlos in einem Tale ruhen, wie

gelbe Birkenblätter vom Zweige gleiten und Vogelzüge durch die Bläue

fahren. Da greift einem das ewig Rätselhafte so beschämend und so süß

ans Herz, daß man allen Hochmut ablegt, mit dem man sonst über das

Unerklärliche redet, und daß man doch nicht erliegt, sondern alles

dankbar annimmt und sich bescheiden und stolz als Gast des Weltalls

fühlt.

Am Saume des Waldes flog mit lautklatschendem Flügelschlagen ein

Wildhuhn vor mir aus dem Unterholz. Braune Brombeerblätter an langen

Ranken hingen über den Weg herein, und auf jedem Blatte lag seidig der

durchsichtig dünne Reif, silbrig flimmernd wie die feinen Härchen auf

einem Stück Sammet. Wenn einem Maler oder Kunststicker oder Keramiker

eine halbe Nachahmung solcher Töne gelingt, so reißt man in der Stadt

die Augen auf.

Als ich nach längerem Steigen im Walde eine Höhe und eine

aussichtsreiche freie Halde erreichte, kannte ich mich bald wieder in

der Landschaft aus. Den Namen des Dörfleins, in dem ich genächtigt

hatte, wußte ich aber nicht und habe auch nicht nach ihm gefragt.

Mein Weg führte am Rand des Waldes weiter, der hier die Wetterseite

hatte, und ich fand meine Kurzweil an den kühnen, bedeutungsvoll

grotesken Formen der Stämme, Äste und Wurzeln. Nichts kann die Phantasie

stärker und inniger beschäftigen. Zuerst herrschen meistens komische

Eindrücke vor: Fratzen, Spottgestalten, und Karikaturen bekannter

Gesichter werden in Wurzelverschlingungen, Erdspalten, Astgebilden,

Laubmassen erkennbar. Dann ist das Auge geschärft und sieht, ohne zu

suchen, ganze Heere von wunderlichen Formen. Das Komische verschwindet,

denn alle diese Gebilde stehen so entschlossen, keck und unverrückbar

da, daß ihre schweigende Schar bald Gesetzmäßigkeit und ernste

Notwendigkeit verkündet. Und endlich werden sie unheimlich und

anklagend. Es ist nicht anders, der wandelbare und maskentragende Mensch

erschrickt, sobald er ernsthaft zusieht, vor den Zügen jedes natürlich

Gewachsenen. Denselben Eindruck wie vor den Formen des Gesteins und der

Bäume hatte ich einst vor einigen Photographieen von Indianern, deren

gewaltige, furchtbare Gesichter Züge wie von Holz oder Eisen hatten --

vielleicht auch Masken, aber unveränderliche.

Es ist lustig, im Umrisse eines Berggipfels ein Gesichtsprofil zu

entdecken und in einem Felsen die Figur eines Tieres. Aber wer nie

anders als so betrachtet, wer nie übers Zufällige hinaus die natürlich

entstandenen Formen vergleicht und sieht, wem diese Formen nie zu

ergreifenden Gebärden, zu stummer Sprache, zu gefesselter Kraft und

Leidenschaft werden, der ist ein Tropf, und es gibt nichts

Ärgerlicheres, als eine Strecke weit mit so einem wandern zu müssen.

Diesseits: Erzählungen · 第 17 / 23 题