Erinnerungen

In einem ruhigen Winkel, wo mir ein breiter Felsen den Sturm abhielt, aß

ich mein Mittagsbrot. Schwarzbrot, Wurst und Käse. -- Nach ein paar

Stunden Bergaufmarsch bei starkem Winde der erste Biß in ein belegtes

Brot -- das ist eine Lust, fast die einzige, die noch das ganze

durchdringend Köstliche, bis zur Sättigung Beglückende der echten

Knabenfreuden hat.

Morgen werde ich vielleicht an der Stelle im Buchenwald vorüberkommen,

an der ich den ersten Kuß von Julie bekam. Auf einem Ausflug des

Bürgervereins Konkordia, in den ich Julies wegen eingetreten war. Am Tag

nach jenem Ausflug trat ich wieder aus.

Und übermorgen vielleicht, wenn es glückt, werde ich sie selber

wiedersehen. Sie hat einen wohlhabenden Kaufmann namens Herschel

geheiratet, und sie soll drei Kinder haben, von denen eins ihr

auffallend gleicht und auch Julie heißt. Mehr weiß ich nicht, es ist

auch mehr als genug.

Aber ich weiß noch genau, wie ich ihr ein Jahr nach meiner Abreise aus

der Fremde schrieb, daß ich keine Aussicht auf Stellung und

Geldverdienst habe und daß sie nicht auf mich warten möge. Sie schrieb

zurück, ich solle mir und ihr das Herz nicht unnötig schwer machen; sie

werde da sein, wenn ich wiederkäme, sei es bald oder spät. Und ein

halbes Jahr später schrieb sie doch wieder und bat sich frei, für jenen

Herschel, und im Leid und Zorn der ersten Stunde schrieb ich keinen

Brief, sondern telegraphierte ihr mit meinem letzten Gelde, vier oder

fünf geschäftsmäßige Worte. Die gingen übers Meer und waren nicht zu

widerrufen.

Es geht so närrisch im Leben zu! War es Zufall oder Schicksalshohn oder

kam es vom Mut der Verzweiflung -- kaum lag das Liebesglück in Scherben,

da kam Erfolg und Gewinn und Geld wie hergezaubert, da war das nimmer

Erhoffte im Spiel erreicht und war doch wertlos. Das Schicksal hat

Mucken, dachte ich, und vertrank mit Kameraden in zwei Tagen und Nächten

eine Brusttasche voll Banknoten.

Doch an diese Geschichten dachte ich nicht lange, als ich nach der

Mahlzeit mein leeres Wurstpapier dem Winde hinwarf und, in den Mantel

gewickelt, Mittagsrast hielt. Ich dachte lieber an meine damalige Liebe,

und an Julies Gestalt und Gesicht, das schmale feine Gesicht mit den

noblen Brauen und großen dunkeln Augen. Und dachte lieber an den Tag im

Buchenwald, wie sie langsam und widerstrebend mir nachgab und dann bei

meinen Küssen zitterte und dann endlich wieder küßte und ganz leise, wie

aus einem Traum hervor lächelte, während noch Tränen an ihren Wimpern

glänzten.

Vergangene Dinge! Das Beste daran war aber nicht das Küssen und nicht

das abendliche Zusammenpromenieren und Heimlichtun. Das Beste war die

Kraft, die mir aus jener Liebe floß, die fröhliche Kraft, für sie zu

leben, zu streiten, durch Feuer und Wasser zu gehen. Sich wegwerfen

können für einen Augenblick, Jahre opfern können für das Lächeln einer

Frau, das ist Glück. Und das ist mir unverloren.

Pfeifend stand ich auf und ging weiter.

Als die Straße jenseits vom Hügelkamm abwärts sank und ich genötigt war,

vom Anblick der Seeweite Abschied zu nehmen, lag eben die Sonne, schon

dem Untergehen nah, im Kampf mit trägen, gelben Wolkenmassen, die sie

langsam umschleierten und verschlangen. Ich hielt inne und schaute

rastend den fabelhaften Vorgängen am Himmel zu:

Hellgelbe Lichtbündel strahlten vom Rande einer schweren Wolkenbank in

die Höhe und gegen Osten. Rasch entzündete sich der ganze Himmel

gelbrot, glühend purpurne Streifen durchschnitten den Raum, zur gleichen

Zeit wurden alle Berge dunkelblau, an den Seeufern brannte das rötlich

welke Ried wie Heidefeuer. Dann verschwand alles Gelb, und das rote

Licht wurde warm und milde, spielte paradiesisch um traumzarte,

hingehauchte Schleierwölkchen und lief in tausend feinen Adern rosenrot

durch mattgraue Nebelwände, deren Grau sich langsam mit dem Rot zu einem

unsäglich schönen Lilaton vermischte. Der See wurde tiefblau und nahezu

schwarz, die Untiefen in der Nähe der Ufer traten hellgrün mit scharfen

Rändern hervor.

Als der fast schmerzlich schöne Farbenkrampf erlosch, dessen Feuer und

rapide Flüchtigkeit an großen Horizonten immer etwas hinreißend Kühnes

hat, wandte ich mich landeinwärts und blickte erstaunt in eine schon

völlig abendklare, gekühlte Tälerlandschaft. Unter einem großen Nußbaum

trat ich auf eine bei der Lese vergessene Frucht, hob sie auf und

schälte mir die frische lichtbraune feuchte Nuß heraus. Und als ich sie

zerbiß und den scharfen Geruch und Geschmack verspürte, überraschte mich

unversehens eine Erinnerung. Wie von einem Stück Spiegelglas ein

Lichtstrahl reflektiert und in einen dunkeln Raum geworfen wird, so

blitzt oft mitten im Gegenwärtigen, durch eine Nichtigkeit entzündet,

ein vergessenes, längst gewesenes Stückchen Leben auf, erschreckend und

unheimlich.

Das Erlebnis, an das ich in jenem Augenblick nach vielleicht zwölf oder

mehr Jahren zum ersten Mal wieder dachte, war mir ebenso peinlich wie

teuer. Als ich mit etwa fünfzehn Jahren auswärts in einem Gymnasium war,

besuchte mich eines Tages im Herbst meine Mutter. Ich hielt mich sehr

kühl und stolz, wie es mein Gymnasiastenhochmut forderte, und tat ihr

mit hundert Kleinigkeiten weh. Andern Tages reiste sie wieder ab, kam

aber vorher noch ans Schulhaus und wartete unsere Morgenpause ab. Als

wir lärmend aus den Klassenzimmern hervorbrachen, stand sie bescheiden

und lächelnd draußen, und ihre schönen gütigen Augen lachten mir schon

von weitem entgegen. Mich aber genierte die Gegenwart meiner Herren

Mitschüler, darum ging ich ihr nur langsam entgegen, nickte ihr

leichthin zu und trat so auf, daß sie ihre Absicht, mir einen

Abschiedskuß und Segen zu geben, aufgeben mußte. Betrübt aber tapfer

lächelte sie mich an, und plötzlich lief sie schnell über die Straße zur

Bude eines Fruchthändlers, kaufte ein Pfund Nüsse und gab mir die Tüte

in die Hand. Dann ging sie fort, zur Eisenbahn, und ich sah sie mit

ihrer kleinen altmodischen Ledertasche um die Straßenecke verschwinden.

Kaum war sie mir aus den Augen, so tat mir alles bitter leid und ich

hätte ihr meine törichte Bubenroheit unter Tränen abbitten mögen. Da kam

einer meiner Kameraden vorbei, mein Hauptrivale in Angelegenheiten des

^savoir vivre^. »Bonbons von Mamachen?« fragte er boshaft lächelnd. Ich,

sofort wieder stolz, bot ihm die Tüte an, und da er nicht annahm,

verteilte ich alle Nüsse, ohne eine für mich zu behalten, an die Kleinen

von der vierten Klasse.

Zornig biß ich auf meine Nuß, warf die Schalen ins schwärzliche Laub,

das den Boden bedeckte, und wanderte auf der bequemen Straße unter einem

grünblau und goldig verhauchenden Späthimmel hin zu Tal und bald darauf

an herbstgelben Birken und fröhlichen Vogelbeerbüscheln vorbei in die

bläuliche Dämmerung junger Tannenstände und dann in die tiefen Schatten

eines hohen Buchenwaldes hinein.

Diesseits: Erzählungen · 第 15 / 23 题