Sturm

Am verstürmten Himmel trieben zerfaserte Wolkenbänder, grau und lila,

und ein heftiger Wind empfing mich, als ich am nächsten Vormittag nicht

zu früh meine Weiterreise antrat. Bald war ich oben auf dem Hügelkamm

und sah das Städtchen, das Schloß, die Kirche und den kleinen Bootshafen

eng und spielzeughaft lustig am Gestade unter mir liegen. Schnurrige

Geschichten aus der Zeit meines früheren Hierseins fielen mir ein und

machten mich lachen. Das konnte ich brauchen, denn je näher ich dem Ziel

meiner Wanderung rückte, desto befangener und schwüler wurde mir, ohne

daß ich es mir gestehen mochte, das Herz.

Das Gehen in der kühlen sausenden Luft tat mir wohl. Ich hörte dem

ungestümen Winde zu und sah im Vorwärtsschreiten auf dem Gratsteig mit

aufregender Wonne die Landschaft weiter und gewaltiger werden. Von

Nordost her hellte der Himmel auf, dorthinüber war die Aussicht frei und

zeigte lange, bläuliche Gebirgszüge in großartiger Ordnung aufgebaut.

Wunderlich, wie aus diesem Halbkreis wild und wirr geschichteter

Bergzüge, die wie eine erstarrte Sintflut oder Titanenschlacht aussehen,

plötzlich ein klares, vernünftig und sogar elegant konstruiertes System

wird, sobald man sie als Wasserspeicher für die Tieflande ansieht! Ein

Naturforscher hat mich einmal darauf hingewiesen. Freilich kann ich nur

für Minuten auf seine Art betrachten, dann fließt die Ordnung wieder ins

Chaos zusammen und ich mag nicht glauben, dieses Gebirge sei so zackig

und jenes so mild gewellt, nur damit die Leute in der und jener Stadt

auch Trink- und Waschwasser haben.

Der Wind nahm zu, je höher ich kam. Er sang herbstlich toll, mit Stöhnen

und mit Lachen, fabelhafte Leidenschaften andeutend, neben denen unsere

nur Kindereien wären. Er schrie mir niegehörte, urweltliche Worte ins

Ohr, wie Namen alter Götter. Er strich über den ganzen Himmel hinweg die

irrenden Wolkentrümmer zu parallelen Streifen aus, in deren gleicher

Linie etwas widerwillig Gebändigtes lag und unter welchen die Berge sich

zu bücken schienen.

Dem Brausen der Lüfte und dem Anblick der weiten Bergländer wich die

leise Befangenheit und Bänglichkeit meiner Seele. Daß ich einem

Wiedersehen mit meiner Jugendzeit und einem Kreise noch ungewisser

Erregungen entgegenging, war nicht mehr so wichtig und beherrschend,

seit Weg und Wetter mir lebendig geworden waren.

Bald nach Mittag stand ich ausruhend auf dem höchsten Punkte des

Höhenweges und mein Blick flog suchend und bestürzt über das ungeheuer

ausgebreitete Land hinweg. Grüne Berge standen da, und weiter entfernt

blaue Waldberge und gelbe Felsberge, tausendfach gefaltete Hügelgelände,

dahinter das Hochgebirg mit jähen Steinzacken und milden, bleichen

Schneepyramiden. Zu Füßen in seiner ganzen Fläche der große See,

meerblau mit weißen Wellenschäumen, zwei vereinzelte flüchtige Segel

darauf, geduckt hingleitend, an den grün und braunen Ufern lodernd gelbe

Weinberge, farbige Wälder, blanke Landstraßen, Bauerndörfer in

Obstbäumen, kahlere Fischerdörfer, hell und dunkel getürmte Städte. Über

alles weg bräunliche Wolken fegend, dazwischen Stücke eines tief klaren,

grünblau und opalfarben durchleuchteten Himmels, Sonnenstrahlen

fächerförmig aufs Gewölk gemalt. Alles bewegt, auch die Bergreihen wie

hinflutend und die ungleich beleuchteten Alpengipfel jäh, unstet und

springend.

Mit dem Sturm- und Wolkentreiben flog auch mein Fühlen und Begehren

ungestüm und fiebernd über die Weite, ferne Schneezacken umarmend und

flüchtig in hellgrünen Seebuchten rastend. Alte, betörende Wandergefühle

liefen wechselnd und farbig wie Wolkenschatten über meine Seele,

Empfindung der Trauer über Versäumtes, Kürze des Lebens und Fülle der

Welt, Heimatlosigkeit und Heimatsuchen, wechselnd mit einem

hinströmenden Gefühl der völligen Loslösung von Raum und Zeit.

Langsam verrannen die Wogen, sangen und schäumten nicht mehr, und mein

Herz wurde still und ruhte unbewegt, wie ein Vogel in großen Höhen.

Da sah ich mit Lächeln und wiederkehrender Wärme Straßenkrümmen,

Waldkuppen und Kirchtürme der vertrauten Nähe; das Land meiner schönen

Jünglingsjahre blickte mich unverändert mit den alten Augen an. Wie ein

Soldat auf seiner Landkarte den Feldzug von damals aufsucht und

überliest, von Rührung so sehr wie vom Gefühl der Geborgenheit erwärmt,

las ich in der herbstfarbenen Landschaft die Geschichte vieler

wundervoller Torheiten und die schon fast zur Sage verklärte Geschichte

einer gewesenen Liebe.

Diesseits: Erzählungen · 第 14 / 23 题