Der Lateinschüler

Mitten in dem enggebauten alten Städtlein liegt ein phantastisch großes

Haus mit vielen kleinen Fenstern und jämmerlich ausgetretenen

Vorstaffeln und Treppenstiegen, halb ehrwürdig und halb lächerlich, und

ebenso war dem jungen Karl Bauer zumute, welcher als siebzehnjähriges

Schülerlein jeden Morgen und Mittag mit seinem Büchersack hineinging. Da

hatte er seine Herzensfreude an dem schönen, klaren und tückelosen

Latein und an den altdeutschen Dichtern, und hatte seine Plage mit dem

schwierigen Griechisch und mit der Algebra, die ihm im dritten Jahr so

wenig lieb war wie im ersten, und wieder seine Freude an ein paar

graubärtigen alten Lehrern und seine Not mit ein paar jungen; denn die

jungen wollten immer ihren Schülern durchaus den eigentlichen tieferen

Sinn der Dinge beibringen, und die Knaben hatten doch mit dem

Auswendiglernen schon Pein und Mühe genug.

Nicht weit vom Schulhaus, schon in der übernächsten Gasse, stand ein

uralter Kaufladen, da ging es über dunkelfeuchte Stufen durch die immer

offene Türe unablässig aus und ein mit Leuten, und im pechfinsteren

Hausgang roch es nach Sprit, Petroleum und Käse. Karl fand sich aber gut

im Dunkeln durch, denn hoch oben im selben Haus hatte er seine Kammer,

dort ging er zu Kost und Logis bei der Mutter des Ladenbesitzers. So

finster es unten war, so hell und frei war es droben; dort hatten sie

Sonne, soviel nur schien, und sahen über die halbe Stadt hinweg, deren

Dächer sie fast alle kannten und einzeln mit Namen nennen konnten.

Aber von den vielerlei guten Sachen, die es im Laden in großer Menge

gab, kam nur sehr weniges die steile Treppe herauf, zu Karl Bauer

wenigstens, denn der Kosttisch seiner alten Frau Kusterer war mager

bestellt und sättigte ihn niemals. Davon aber abgesehen hausten sie und

er ganz freundschaftlich zusammen, und seine Kammer besaß er wie ein

Fürst sein Schloß. Niemand störte ihn darin, er mochte treiben, was es

war, und er trieb vielerlei. Die zwei Meisen im Käfig wären noch das

wenigste gewesen, aber er hatte auch eine Art Schreinerwerkstatt

eingerichtet, und im Ofen schmolz und goß er Blei und Zinn, und sommers

hielt er Blindschleichen und Eidechsen in einer Kiste -- sie

verschwanden immer nach kurzer Zeit durch immer neue Löcher im

Drahtgitter. Außerdem hatte er auch noch seine Geige, und wenn er nicht

las oder schreinerte, so geigte er gewiß, zu allen Stunden bei Tag und

bei Nacht. Nicht daß er darum viel gekonnt hätte; im Gegenteil, er hatte

das spröde Notenwesen mit Seufzen wieder aufgegeben und fröhnte einem

ziellosen Probieren und Phantasieren, das ihm unendliche Freude machte.

Außerdem spielte er täglich seine Lieblingslieder >Am Brunnen vor dem

Tore<, >z’ Lauterbach han i mein Strumpf verlore<, >Fahr mir net über

mei Äckerle<, >Weißt du wieviel Sternlein< und eine Menge andre, auch

Choräle.

So hatte der junge Mensch jeden Tag seine Freuden und ließ sich die Zeit

niemals lang werden, zumal da es ihm nicht an Büchern fehlte, die er

entlehnte, wo er eins stehen sah. Er las eine Menge, aber freilich war

ihm nicht eins so lieb wie das andre, sondern er zog die Märchen und

Sagen sowie Trauerspiele in Versen allen andern vor.

Das alles, so schön es war, hätte ihn aber doch nicht satt gemacht.

Darum stieg er, wenn der fatale Hunger wieder zu mächtig wurde, so still

wie ein Wiesel die alten, schwarzen Stiegen hinunter bis in den

steinernen Hausgang, in welchen nur aus dem Laden her ein schwacher

Lichtstreifen fiel. Dort war es nicht selten, daß auf einer hohen leeren

Kiste ein Rest guten Käses lag, oder es stand ein halbvolles

Heringsfäßchen offen neben der Tür, und an guten Tagen oder wenn Karl

unter dem Vorwand der Hilfsbereitschaft mutig in den Laden selber trat,

kamen auch zuweilen ein paar Hände voll gedörrte Zwetschgen,

Birnenschnitze oder dergleichen in seine Tasche.

Diese Züge unternahm er jedoch nicht mit Hinterlist, Habsucht und

schlechtem Gewissen, sondern teils mit der Harmlosigkeit des Hungernden,

teils mit den edel verachtungsvollen Gefühlen eines hochherzigen

Räubers, der keine Menschenfurcht kennt und der Gefahr mit kühlem Stolz

ins Auge blickt. Auch schien es ihm ganz den Gesetzen der sittlichen

Weltordnung zu entsprechen, daß das, was die alte Mutter geizig an ihm

sparte, der überfüllten Schatzkammer ihres Sohnes entzogen würde.

Diese verschiedenartigen Gewohnheiten, Beschäftigungen und Liebhabereien

hätten, neben der allmächtigen Schule her, eigentlich genügen können, um

seine Zeit und seine Gedanken auszufüllen. Karl Bauer war aber davon

noch nicht befriedigt. Teils in Nachahmung einiger Mitschüler, teils

infolge seiner vielen schöngeistigen Lektüre, teils auch aus eignem

Herzensbedürfnis betrat er in jener Zeit zum ersten Mal das schöne

ahnungsvolle Land der Frauenliebe. Und da er doch zum voraus genau

wußte, daß sein derzeitiges Streben und Werben zu keinem realen Ziele

führen würde, war er nicht allzu bescheiden und weihte seine Verehrung

dem schönsten Mädchen der Stadt, die aus reichem Hause war und schon

durch die Pracht ihrer Kleidung alle gleichaltrigen Jungfern weit

überstrahlte. An ihrem Hause ging der Schüler täglich vorbei, und wenn

sie ihm begegnete, zog er den Hut so tief wie vor dem Rektor nicht. Das

konnte er gefahrlos wagen, da mindestens ein Dutzend von seinen

Mitschülern dem schönen Kinde dieselben Huldigungen darbrachte. Sodann

versuchte er es mit Gedichten, wobei jedoch nichts Nennenswertes

herauskam, denn außerdem daß seine Verse nicht die edelsten waren,

fehlte auch der lebendige Trieb einer wirklich echten Zuneigung, um

nicht gar Leidenschaft zu sagen.

* * * * *

So waren seine Umstände beschaffen, als durch einen Zufall eine ganz

neue Farbe in sein Dasein kam und neue Tore zum Leben sich ihm öffneten.

Eines Abends gegen Ende des Herbstes, da Karl von der Schale mit dünnem

Milchkaffee wieder gar nicht satt geworden war, trieb ihn der Hunger auf

die Streife. Er glitt unhörbar die Treppe hinab und revierte im

Hausgang, wo er nach kurzem Suchen mit heißem Dankgefühl einen irdenen

Teller stehen sah, auf welchem zwei Winterbirnen von köstlicher Größe

und Farbe sich an eine rotgeränderte Scheibe Holländerkäse lehnten.

Leicht hätte der Hungrige erraten können, daß diese Kollation für den

Tisch des Hausherrn bestimmt und nur für Augenblicke von der Magd

beiseite gestellt worden sei; aber im überquellenden Entzücken des

unerwarteten Anblicks lag ihm der Gedanke an eine gütige

Schicksalsfügung viel näher, und er barg die Gabe mit dankbaren Gefühlen

in seine Taschen.

Noch ehe er damit fertig und wieder verschwunden war, trat jedoch die

Dienstmagd Babett auf leisen Pantoffeln aus der Kellertüre, hatte ein

Kerzenlicht in der Hand und entdeckte entsetzt den Frevel. Der junge

Dieb hatte noch den Käse in der Hand; er blieb regungslos stehen und sah

zu Boden, während in ihm alles auseinanderging und in einen Abgrund von

weinerlich-zorniger Scham versank. So standen die beiden da, von der

Kerze beleuchtet, und das Leben hat dem kühnen Knaben seither wohl

schmerzlichere Augenblicke beschert, aber gewiß nie einen peinlicheren.

»Nein, so was!« sprach Babett endlich und sah den zerknirschten Frevler

an, als wäre er eine Moritat. Dieser hatte leider nichts zu sagen.

»Das sind Sachen!« fuhr sie fort. »Ja, weißt du denn nicht, daß das

gestohlen ist?«

»Doch, ja.«

»Herr du meines Lebens, wie kommst du denn dazu?«

»Es ist halt dagestanden, Babett, und da hab’ ich gedacht --«

»Was denn hast gedacht?«

»Weil ich halt so elend Hunger gehabt hab’ . . .«

Bei diesen Worten riß das alte Mädchen ihre Augen weit auf und starrte

den Armen mit unendlichem Verständnis, Erstaunen und Erbarmen an.

»Hunger hast? Ja, kriegst denn nichts zu futtern da droben?«

»Wenig, Babett, wenig.«

»Jetzt da soll doch! Nun, ’s ist gut, ’s ist gut. Behalt’ das nur, was

du im Sack hast, und den Käs auch, behalt’s nur, ’s ist noch mehr im

Haus. Aber jetzt tät’ ich raufgehen, sonst kommt noch jemand.«

In merkwürdiger Stimmung kehrte Karl in seine Kammer zurück, setzte sich

hin und verzehrte nachdenklich erst den Holländer und dann die Birnen.

Dann wurde ihm freier ums Herz, er atmete auf, reckte sich und stimmte

alsdann auf der Geige eine Art Dankpsalm an. Kaum war dieser beendet, so

klopfte es leise an, und wie er aufmachte, stand vor der Tür die Babett

und streckte ihm ein gewaltiges, ohne Sparsamkeit bestrichenes

Butterbrot entgegen.

So sehr ihn dieses erfreute, wollte er doch höflich ablehnen, aber sie

litt es nicht, und er gab gerne nach.

»Geigen tust du aber mächtig schön,« sagte sie bewundernd, »ich hab’s

schon öfter gehört. Und wegen dem Essen, da will ich schon sorgen. Am

Abend kann ich dir gut immer was bringen, es braucht’s niemand zu

wissen. Warum gibt sie dir’s auch nicht besser, wo doch wahrhaftig dein

Vater genug Kostgeld zahlen muß.«

Noch einmal versuchte der Bursche schüchtern dankend abzulehnen, aber

sie hörte gar nicht darauf und er fügte sich gerne. Am Ende kamen sie

dahin überein, daß Karl an Tagen der Hungersnot beim Heimkommen auf der

Stiege das Lied >Güldne Abendsonne< pfeifen sollte, dann käme sie und

brächte ihm zu essen. Wenn er etwas andres pfiffe oder gar nichts, so

wäre es nicht nötig. Zerknirscht und dankbar legte er seine Hand in ihre

breite Rechte, die mit starkem Druck das schöne Bündnis besiegelte.

Und von dieser Stunde an genoß der Gymnasiast mit Behagen und nicht ohne

eine gewisse dankbare Rührung die Teilnahme und Fürsorge eines guten

Frauengemütes, zum ersten Mal seit den heimatlichen Knabenjahren, denn

er war schon früh in Pension getan worden, da seine Eltern auf dem Lande

wohnten. An jene Heimatjahre ward er auch oft erinnert, denn die Babett

bewachte und verwöhnte ihn ganz wie eine Mutter, was sie ihren Jahren

nach auch annähernd hätte sein können. Sie war gegen vierzig und im

Grunde eine eiserne, unbeugsame, energische Natur; aber Gelegenheit

macht Diebe, und da sie so unerwartet an dem Jüngling einen dankbaren

Freund und Schützling und Futtervogel gefunden hatte, trat mehr und mehr

aus dem bisher schlummernden Grunde ihres gehärteten Gemütes ein fast

zaghafter Hang zu einiger Weichheit und selbstlosen Milde an den Tag.

Diese Regung kam dem Karl Bauer zugute und verwöhnte ihn schnell, wie

denn so junge Knaben alles Dargebotene, sei es auch die seltenste

Frucht, mit ruhiger Bereitwilligkeit und fast wie ein gutes Recht

hinnehmen. So kam es auch, daß er schon nach wenigen Tagen jene so

beschämende erste Begegnung bei der Kellertüre völlig vergessen hatte

und jeden Abend seine >Güldne Abendsonne< auf der Treppe erschallen

ließ, als wäre es nie anders gewesen.

* * * * *

Trotz aller Dankbarkeit wäre vielleicht Karls Erinnerung an die Babett

nicht so unverwüstlich lebendig geblieben, wenn ihre Wohltaten sich

dauernd auf das Eßbare beschränkt hätten. Jugend ist hungrig, aber sie

ist nicht weniger schwärmerisch, und ein Verhältnis zu Jünglingen läßt

sich mit Käse und Schinken, ja selbst mit Kellerobst und Wein nicht auf

die Dauer warmhalten.

Die Babett war nicht nur im Hause Kusterer hochgeachtet und

unentbehrlich, sondern genoß in der ganzen Nachbarschaft den Ruf einer

tadelfreien und doch wieder nicht zu herben Ehrbarkeit. Wo sie dabei

war, ging es auf eine anständige Weise heiter zu. Das wußten die

Nachbarinnen, und sie sahen es daher gern, wenn ihre Dienstmägde,

namentlich die jungen, mit ihr Umgang hatten. Wen sie empfahl, der fand

gute Aufnahme, und wer ihren vertrauteren Verkehr genoß, der war besser

aufgehoben als im Mägdestift oder Jungfrauenverein.

Feierabends und an den Sonntagnachmittagen war also die Babett selten

allein, sondern stets von einem Kränzlein jüngerer Mägde umgeben, denen

sie die Zeit herumbringen half und mit allerlei Rat zur Hand ging, aber

gar nicht kühl und streng, sondern mit Witz und kräftigen Sprüchen.

Dabei wurden Spiele gespielt, Lieder gesungen, Scherzfragen und Rätsel

aufgegeben, und wer etwa einen Bräutigam oder einen ordentlichen Bruder

besaß, durfte ihn gern mitbringen. Freilich geschah das nur sehr selten,

denn die Bräute wurden dem Kreise meistens bald untreu, und die jungen

Gesellen und Knechte hatten es mit der Babett nicht so freundschaftlich

wie die Mädchen. Denn lockere Liebesgeschichten duldete sie nicht; wenn

von ihren Schützlingen eine auf solche Wege geriet und durch ernstes

Vermahnen nicht zu bessern war, so blieb sie ausgeschlossen.

In diese muntere Jungferngesellschaft ward der Lateinschüler als

harmloser Gast aufgenommen, und vielleicht hat er dort mehr gelernt als

im Gymnasium, wenn auch nicht in den offiziellen Lehrfächern. Den Abend

seines Eintritts hat er nicht vergessen. Es war im Hinterhof, die

Mädchen saßen auf Treppenstaffeln und leeren Kisten, es war dunkel und

oben floß der viereckig abgeschnittene Abendhimmel noch in schwachem

mildblauem Licht. Die Babett saß vor der halbrunden Kellereinfahrt auf

einem Fäßchen, und Karl stand schüchtern neben ihr an den Torbalken

gelehnt, sagte nichts und schaute in der Dämmerung die ruhigen Gesichter

der Mädchen an. Zugleich dachte er ein wenig ängstlich daran, was wohl

seine Kameraden zu diesem abendlichen Verkehr sagen würden, wenn sie

davon erführen.

Ach, diese Mädchengesichter! Fast alle kannte er vom Sehen schon, aber

nun waren sie, so im Halblicht zusammengerückt, ganz verändert und sahen

ihn wie lauter Rätsel an. Er weiß auch heute noch alle Namen und alle

Gesichter, und von vielen die Geschichte dazu. Was für Geschichten!

Wieviel Schicksal, Ernst, Wucht und auch Anmut in den paar kleinen

Mägdeleben!

Es war die Anna vom Grünen Baum da, die hatte als ganz junges Ding in

ihrem ersten Dienst einmal gestohlen und war einen Monat gesessen. Nun

war sie seit Jahren treu und ehrlich und galt für ein Kleinod. Sie hatte

große braune Augen und einen herben Mund, saß schweigsam da und sah den

Jüngling mit kühler Neugierde an. Aber ihr Schatz, der ihr damals bei

der Polizeigeschichte untreu geworden war, hatte inzwischen geheiratet

und war schon wieder Witwer geworden. Er lief ihr jetzt wieder nach und

wollte sie durchaus noch haben, aber sie machte sich hart und tat, als

wollte sie nichts mehr von ihm wissen, obwohl sie ihn heimlich noch so

lieb hatte wie je.

Die Margret aus der Binderei war immer fröhlich, sang und klang und

hatte Sonne in den rotblonden Kraushaaren. Sie war beständig sauber

gekleidet und hatte immer etwas Schönes und Heiteres an sich, ein blaues

Band oder ein paar Blumen, und doch gab sie niemals Geld aus, sondern

schickte jeden Pfennig ihrem Stiefvater heim, der’s versoff und ihr

nicht danke sagte. Sie hat dann später ein schweres Leben gehabt,

ungeschickt geheiratet und sonst vielerlei Pech und Not, aber auch dann

ging sie noch leicht und hübsch einher, hielt sich rein und schmuck und

lächelte zwar seltener, aber desto schöner.

Und so fast alle, eine um die andre, wie wenig Freude und Geld und

Freundliches haben sie gehabt und wieviel Arbeit, Sorge und Ärger, und

wie haben sie sich durchgebracht und sind obenan geblieben, mit wenig

Ausnahmen lauter wackere und unverwüstliche Kämpferinnen! Und wie haben

sie in den paar freien Stunden gelacht und sich fröhlich gemacht mit

nichts, mit einem Witz und einem Lied, mit einer Handvoll Walnüsse und

einem roten Bandrestchen! Wie haben sie vor Lust gezittert, wenn eine

recht grausame Martergeschichte erzählt wurde, und wie haben sie bei

traurigen Liedern mitgesungen und geseufzt und große Tränen in den guten

Augen gehabt!

Ein paar von ihnen waren ja auch widerwärtig, krittelig und stets zum

Nörgeln und Klatschen bereit, aber die Babett fuhr ihnen, wenn es not

tat, schon übers Maul. Und auch sie trugen ja ihre Last und hatten es

nicht leicht. Die Gret vom Bischofseck namentlich war eine Unglückliche.

Sie trug schwer am Leben und schwer an ihrer großen Tugend, sogar im

Jungfrauenverein war es ihr nicht fromm und streng genug, und bei jedem

kräftigen Wort, das an sie kam, seufzte sie tief in sich hinein, biß die

Lippen zusammen und sagte leise: »Der Gerechte muß viel leiden.« Sie

litt jahraus jahrein und gedieh am Ende doch dabei, aber wenn sie ihren

Strumpf voll ersparter Taler überzählte, wurde sie gerührt und fing zu

weinen an. Zweimal konnte sie einen Meister heiraten, aber sie tat es

beide Mal nicht, denn der eine war ein Leichtfuß und der andere war

selber so gerecht und edel, daß sie bei ihm das Seufzen und

Unverstandensein hätte entbehren müssen.

Die alle saßen da in der Ecke des dunkeln Hofes, erzählten einander ihre

Begebenheiten und warteten darauf, was der Abend nun Gutes und

Fröhliches bringen würde. Ihre Reden und Gebärden wollten dem gelehrten

Jüngling anfänglich nicht die klügsten und nicht die feinsten scheinen,

aber bald wurde ihm, da seine Verlegenheit wich, freier und wohler, und

er blickte nun auf die im Dunkel beisammen kauernden Mädchen wie auf ein

ungewöhnliches, sonderbar schönes Bild.

»Ja, das wäre also der Herr Lateinschüler,« sagte die Babett und wollte

sogleich die Geschichte seines kläglichen Hungerleidens vortragen, doch

da zog er sie flehend am Ärmel, und sie schonte ihn gutmütig.

»Da müssen Sie sicher schrecklich viel lernen?« fragte die rotblonde

Margret aus der Binderei, und sie fuhr sogleich fort: »Auf was wollen

Sie denn studieren?«

»Ja, das ist noch nicht ganz bestimmt. Vielleicht Doktor.«

Das erweckte Ehrfurcht, und alle sahen ihn aufmerksam an.

»Da müssen Sie aber doch zuerst noch einen Schnurrbart kriegen,« meinte

die Lene vom Apotheker, und nun lachten sie teils leise kichernd, teils

kreischend auf und kamen mit hundert Neckereien, deren er sich ohne

Babetts Hilfe schwerlich erwehrt hätte. Schließlich verlangten sie, er

solle ihnen eine Geschichte erzählen. Ihm wollte, so viel er auch

gelesen hatte, keine einfallen als das Märchen von dem, der auszog, das

Gruseln zu lernen; doch hatte er kaum recht angefangen, da lachten sie

und riefen: »Das wissen wir schon lang,« und die Grete vom Bischofseck

sagte geringschätzig: »Das ist bloß für Kinder.« Da hörte er auf und

schämte sich, und die Babett versprach an seiner Stelle: »Nächstes Mal

erzählt er was andres, er hat ja so viel Bücher daheim!« Das war ihm

auch recht und er beschloß, sie glänzend zufriedenzustellen.

Unterdessen hatte der Himmel den letzten blauen Schimmer verloren, und

auf seiner matten Schwärze schwamm ein Stern.

»Jetzt müsset ihr aber heim,« ermahnte die Babett, und sie standen auf,

schüttelten und rückten die Zöpfe und Schürzen zurecht, nickten einander

zu und gingen davon, die einen durchs hintere Hoftürlein, die andern

durch den Gang und die Haustüre.

Auch Karl Bauer sagte Gutenacht und stieg in seine hohe Kammer hinauf,

befriedigt und auch nicht, mit unklarem Gefühl. Denn so tief er in

Jugendhochmut und Lateinschülertorheiten steckte, so hatte er doch

gemerkt, daß unter diesen seinen neuen Bekannten ein andres Leben gelebt

ward als das seinige und daß fast alle diese Mädchen, mit fester Kette

ans rührige Alltagsleben gebunden, Kräfte in sich trugen und Dinge

wußten, die für ihn so fremd wie ein Märchen waren. Nicht ohne einen

kleinen Forscherdünkel gedachte er möglichst tief in die interessante

Poesie dieses naiven Lebens, in die Welt des Urvolkstümlichen, der

Moritaten und Soldatenlieder hineinzublicken. Aber doch fühlte er diese

Welt der seinigen in gewissen Dingen unheimlich überlegen und fürchtete

heimlich allerlei Tyrannei und Überwältigung von ihr.

Einstweilen ließ sich jedoch keine derartige Gefahr blicken, auch wurden

die abendlichen Zusammenkünfte der Mägde immer kürzer, denn es ging

schon stark in den Winter hinein, und man machte sich, wenn es auch noch

mild war, jeden Tag auf den ersten Schnee gefaßt. Immerhin fand Karl

noch Gelegenheit, seine Geschichte loszuwerden. Es war die vom

Zundelheiner und Zundelfrieder, die er im Schatzkästlein gelesen hatte,

und sie fand keinen geringen Beifall. Die Moral am Schlusse ließ er weg,

aber die Babett fügte eine solche aus eignem Bedürfnis und Vermögen

hinzu. Die Mädchen, mit Ausnahme der Gret, lobten den Erzähler über

Verdienst, wiederholten abwechselnd die Hauptszenen und baten sehr, er

möge nächstens wieder so etwas zum besten geben. Er versprach es auch,

aber schon am andern Tag wurde es so kalt, daß an kein Herumstehen im

Freien mehr zu denken war, und dann kamen, je näher die Weihnacht

rückte, andre Gedanken und Freuden über ihn.

Er schnitzelte alle Abend an einem Tabakskasten für seinen Papa und dann

an einem lateinischen Vers dazu. Der Vers wollte jedoch niemals jenen

klassischen Adel bekommen, ohne welchen ein lateinisches Distichon gar

nicht auf seinen Füßen stehen kann, und so schrieb er schließlich nur

>Wohl bekomm’s!< in großen Schnörkelbuchstaben auf den Deckel, zog die

Linien mit dem Schnitzmesser nach und polierte den Kasten mit Bimsstein

und Wachs. Alsdann reiste er wohlgemut in die Ferien.

* * * * *

Der Januar war kalt und klar, und Karl ging, so oft er eine freie Stunde

hatte, auf den Eisplatz zum Schlittschuhlaufen. Dabei ging ihm eines

Tages sein bißchen eingebildeter Liebe zu jenem schönen Bürgermädchen

verloren. Seine Kameraden umwarben sie mit hundert kleinen

Kavalierdiensten, und er konnte wohl sehen, daß sie einen wie den andern

mit derselben kühlen, ein wenig neckischen Höflichkeit und Koketterie

behandelte. Da wagte er es einmal und forderte sie zum Fahren auf, ohne

allzusehr zu erröten und zu stottern, aber immerhin mit einigem

Herzklopfen. Sie legte eine kleine, in weiches, feines Leder gekleidete

Linke in seine frostrote Rechte, fuhr mit ihm dahin und verhehlte kaum

ihre Belustigung über seine hilflosen Anläufe zu einer galanten

Konversation. Schließlich machte sie sich mit leichtem Dank und

Kopfnicken los, und gleich darauf hörte er sie mit ihren Freundinnen,

von denen manche listig nach ihm herüberschielten, so herzlich hell und

boshaft lachen, wie es nur hübsche und verwöhnte kleine Mädchen können.

Das war ihm zu viel, er tat von da an diese ohnehin nicht echte

Schwärmerei entrüstet von sich ab und machte sich ein Vergnügen daraus,

künftighin den Fratz, wie er sie jetzt nannte, weder auf dem Eisplatz

noch auf der Straße mehr zu grüßen.

Seine Freude darüber, dieser unwürdigen Fesseln einer faden Galanterie

wieder ledig zu sein, suchte er dadurch zum Ausdruck zu bringen und

womöglich zu erhöhen, daß er häufig in den Abendstunden mit einigen

verwegenen Kameraden auf Abenteuer auszog. Sie hänselten die

Polizeidiener, klopften an erleuchtete Parterrefenster, zogen an

Glockensträngen und klemmten elektrische Drücker mit Zündholzspänen

fest, brachten angekettete Hofhunde zur Raserei und erschreckten Mädchen

und Frauen in entlegenen Vorstadtgassen durch Pfiffe, Knallerbsen und

Kleinfeuerwerk.

Karl Bauer fühlte sich bei diesen Unternehmungen im winterlichen

Abenddunkel eine Zeitlang überaus wohl; ein fröhlicher Übermut und

zugleich ein fast ängstlich beklemmendes Erlebensfieber machte ihn dann

wild und kühn und bereitete ihm ein köstliches Herzklopfen, das er

niemand eingestand und das er doch wie einen Rausch genoß. Nachher

spielte er dann zu Hause noch lange auf der Geige oder las spannende

Bücher und kam sich dabei vor wie ein vom Beutezug heimgekehrter

Raubritter, der seinen Säbel abgewischt und an die Wand gehängt und

einen friedlich leuchtenden Kienspan entzündet hat, um sich noch ein

stilles Feierabendvergnügen zu gönnen.

Als aber bei diesen Dämmerungsfahrten allmählich alles immer wieder auf

die gleichen kleinen Streiche und Ergötzungen hinauslief und als niemals

etwas von den heimlich erwarteten richtigen Abenteuern passieren wollte,

fing das Vergnügen allmählich an ihm zu verleiden, und er zog sich von

der ausgelassenen Kameradschaft enttäuscht mehr und mehr zurück. Und

gerade an jenem Abend, da er zum letzten Mal mitmachte und nur mit

halbem Herzen noch dabei war, mußte ihm dennoch ein kleines Erlebnis

blühen.

Die Buben liefen zu viert in der Brühelgasse hin und her, spielten mit

kleinen Spazierstöckchen und sannen auf Schandtaten. Der eine hatte

einen blechernen Zwicker mit Fenstergläsern auf der Nase, und alle vier

trugen ihre Hüte und Mützen mit burschikoser Leichtfertigkeit schief auf

dem Hinterkopf. Nach einer Weile wurden sie von einem eilig

daherkommenden Dienstmädchen überholt, sie streifte rasch an ihnen

vorbei und trug einen großen Henkelkorb am Arm. Aus dem Korbe hing ein

langes Stück schwarzes Band herunter, flatterte bald lustig auf und

berührte bald mit dem schon beschmutzten Ende den Boden.

Ohne eigentlich etwas dabei zu denken, faßte Karl Bauer im Übermut nach

dem Bändel und hielt ihn fest. Während die junge Magd sorglos

weiterging, rollte das Band sich immer länger ab, und die Buben brachen

in ein frohlockendes Gelächter aus. Da drehte das Mädchen sich um, stand

wie der Blitz vor den lachenden Jünglingen, schön und jung und blond,

gab dem Bauer eine Ohrfeige, nahm das verlorene Band hastig auf und

eilte schnell davon.

Der Spott ging nun über den Gezüchtigten her, aber Karl war ganz

schweigsam geworden und nahm an der nächsten Straßenecke kurzen

Abschied.

Es war ihm sonderbar ums Herz. Das Mädchen, dessen Gesicht er nur einen

Augenblick in der halbdunkeln Gasse gesehen hatte, war ihm sehr schön

und lieb erschienen, und der Schlag von ihrer Hand, so sehr er sich

seiner schämte, hatte ihm mehr wohl als weh getan. Aber wenn er daran

dachte, daß er dem lieben Geschöpf einen dummen Bubenstreich gespielt

hatte und daß sie ihm nun zürnen und ihn für einen einfältigen Ulkmacher

ansehen müsse, dann brannte ihn Reue und Scham so heftig, als hätte er

mindestens einen Brudermord verübt.

Langsam ging er heim und pfiff auf der steilen Treppe diesmal kein Lied,

sondern stieg still und bedrückt in seine Kammer hinauf. Eine halbe

Stunde lang saß er in dem dunkeln und kalten Stüblein, die Stirn an der

Fensterscheibe. Dann langte er die Geige hervor und spielte lang und

viel, aber keine heftigen Phantasieen, sondern lauter sanfte, alte

Lieder aus seiner Kinderzeit und darunter manche, die er seit vier und

fünf Jahren nimmer gesungen oder gegeigt hatte. Er dachte an seine

Schwester und an den Garten daheim, an den Kastanienbaum und an die rote

Kapuzinerblüte an der Veranda, und an seine Mutter. Und als er dann müde

und verwirrt zu Bett gegangen war und doch nicht gleich schlafen konnte,

da geschah es dem trotzigen Abenteurer und Gassenhelden, daß er ganz

leise und sanft zu weinen begann und stille weiter weinte, bis er

eingeschlummert war.

* * * * *

Karl kam nun bei den bisherigen Genossen seiner abendlichen Streifzüge

in den Ruf eines Feiglings und Deserteurs, denn er nahm nie wieder an

diesen Gängen teil. Statt dessen las er den Don Carlos, die Gedichte

Emanuel Geibels und die Hallig von Biernatzki, fing ein Tagebuch an und

nahm die Hilfsbereitschaft der guten Babett nur selten mehr in Anspruch.

Diese gewann den Eindruck, es müsse etwas bei dem jungen Manne nicht in

Ordnung sein, und da sie nun einmal eine Art mütterlicher Fürsorge um

ihn übernommen hatte, erschien sie eines Tages an seiner Kammertür, um

nach dem Rechten zu sehen. Sie kam nicht mit leeren Händen, sondern

brachte ein schönes Stück Lyonerwurst mit und drang darauf, daß Karl es

sofort vor ihren Augen verzehre.

»Ach laß nur, Babett,« meinte er, »jetzt hab’ ich gerade keinen Hunger.«

Sie war jedoch der Ansicht, junge Leute müßten zu jeder Stunde essen

können, und ließ nicht nach, bis er ihren Willen erfüllt hatte. Sie

hatte einmal von der Überbürdung der Jugend an den Gymnasien gehört und

wußte nicht, wie fern ihr Schützling sich von jeder Überanstrengung im

Studieren hielt. Nun sah sie in der auffallenden Abnahme seiner Eßlust

eine beginnende Krankheit, redete ihm ernstlich ins Gewissen, erkundigte

sich nach den Einzelheiten seines Befindens und bot ihm am Ende ein

bewährtes volkstümliches Laxiermittel an. Da mußte Karl doch lachen und

erklärte ihr, daß er völlig gesund sei und daß sein geringerer Appetit

nur von einer Laune oder Verstimmung herrühre. Das begriff sie sofort.

»Pfeifen hört man dich auch fast gar nimmer,« sagte sie lebhaft, »und es

ist dir doch niemand gestorben. Sag, du wirst doch nicht gar verliebt

sein?«

Karl konnte nicht verhindern, daß er ein wenig rot wurde, doch wies er

diesen Verdacht mit Entrüstung zurück und behauptete, ihm fehle nichts

als ein wenig Zerstreuung, er habe Langeweile.

»Dann weiß ich dir gleich etwas,« rief Babett fröhlich. »Morgen hat die

kleine Lies vom unteren Eck Hochzeit. Sie war ja schon lang genug

verlobt, mit einem Arbeiter. Eine bessere Partie hätte sie schon machen

können, sollte man denken, aber der Mann ist nicht unrecht, und das Geld

allein macht auch nicht selig. Und zu der Hochzeit mußt du kommen, die

Lies kennt dich ja schon, und alle haben eine Freude, wenn du kommst und

zeigst, daß du nicht zu stolz bist. Die Anna vom Grünen Baum und die

Gret vom Bischofseck sind auch da, und ich, sonst nicht viel Leute. Wer

sollt’s auch zahlen? Es ist halt nur so eine stille Hochzeit, im Haus,

und kein großes Essen und kein Tanz und nichts dergleichen. Man kann

ohne das vergnügt sein.«

»Ich bin aber doch nicht eingeladen,« meinte Karl zweifelnd, da die

Sache ihm nicht gar so verlockend vorkam. Aber die Babett lachte nur.

»Ach was, das besorg’ ich schon, und es handelt sich ja auch bloß um

eine Stunde oder zwei am Abend. Und jetzt fällt mir noch das Allerbeste

ein! Du bringst deine Geige mit. -- Warum nicht gar! Ach, dumme

Ausreden! Du bringst sie mit, gelt ja, das gibt eine Unterhaltung, und

man dankt dir noch dafür.«

Es dauerte nicht lange, so hatte der junge Herr zugesagt.

Am andern Tage holte ihn die Babett gegen Abend ab; sie hatte ein

wohlerhaltenes Prachtkleid aus ihren jüngeren Jahren angelegt, das sie

stark beengte und erhitzte, und sie war ganz aufgeregt und rot vor

Festfreude. Doch duldete sie nicht, daß Karl sich umkleide, nur einen

frischen Kragen solle er umlegen, und die Stiefel bürstete sie trotz des

Staatskleides ihm sogleich an den Füßen ab. Dann gingen sie miteinander

in das ärmliche Vorstadthaus, wo jenes junge Ehepaar eine Stube nebst

Küche und Kammer gemietet hatte. Und Karl nahm seine Geige mit.

Sie gingen langsam und vorsichtig, denn seit gestern war Tauwetter

eingetreten, und sie wollten doch mit reinen Stiefeln draußen ankommen.

Babett trug einen ungeheuer großen und massiven Regenschirm unter den

Arm geklemmt und hielt ihren rotbraunen Rock mit beiden Händen hoch

heraufgezogen, nicht zu Karls Freude, der sich ein wenig schämte, mit

ihr gesehen zu werden.

In dem sehr bescheidenen, weißgegipsten Wohnzimmer der Neuvermählten

saßen um den tannenen, sauber gedeckten Eßtisch sieben oder acht

Menschen in ehrbarer Fröhlichkeit beieinander, außer dem Paare selbst

zwei Kollegen des Hochzeiters und ein paar Basen oder Freundinnen der

jungen Frau. Es hatte einen Schweinebraten mit Salat zum Festmahl

gegeben, und nun stand ein Kuchen auf dem Tisch und daneben am Boden

zwei große Bierkrüge. Als die Babett mit Karl Bauer ankam, standen alle

auf, der Hausherr machte zwei schamhafte Verbeugungen, die redegewandte

Frau übernahm die Begrüßung und Vorstellung und jeder von den Gästen gab

den Angekommenen die Hand.

»Nehmet vom Kuchen,« sagte die Wirtin. Und der Mann stellte schweigend

zwei neue Gläser hin und schenkte Bier hinein.

Karl hatte, da noch keine Lampe angezündet war, bei der Begrüßung

niemand als die Gret vom Bischofseck erkannt. Auf einen Wink Babetts

drückte er ein in Papier gewickeltes Geldstück, das sie ihm zu diesem

Zwecke vorher übergeben hatte, der Hausfrau in die Hand und sagte einen

Glückwunsch dazu. Dann wurde ihm ein Stuhl hingeschoben, und er kam vor

sein Bierglas zu sitzen.

In diesem Augenblick sah er mit plötzlichem Erschrecken neben sich das

Gesicht jener jungen Magd, die ihm neulich in der Brühelgasse die

Ohrfeige versetzt hatte. Sie schien ihn jedoch nicht zu erkennen,

wenigstens sah sie ihm gleichmütig ins Gesicht und hielt ihm, als jetzt

auf den Vorschlag des Wirtes alle miteinander anstießen, ruhig und

freundlich ihr Glas entgegen. Hierdurch ein wenig beruhigt, wagte Karl

sie offen anzusehen. Er hatte in letzter Zeit jeden Tag oft genug an

dies Gesicht gedacht, das er damals nur einen Augenblick und seither

nicht wieder gesehen hatte, und nun wunderte er sich, wie anders sie

aussah. Sie war sanfter und zarter, auch etwas schlanker und leichter

als das Bild, das er von ihr herumgetragen hatte. Aber sie war nicht

weniger hübsch und noch viel liebreizender, und es wollte ihm scheinen,

sie sei kaum älter als er.

Während die andern, namentlich Babett und die Anna, sich lebhaft

unterhielten, wußte Karl nichts zu sagen und saß stille da, drehte sein

Bierglas in der Hand und ließ die Junge, Blonde nicht aus den Augen.

Wenn er daran dachte, wie oft es ihn verlangt hatte, diesen Mund zu

küssen, erschrak er beinahe, denn das schien ihm nun, je länger er sie

ansah, desto schwieriger und verwegener, ja ganz unmöglich zu sein.

Er wurde kleinlaut und blieb eine Weile schweigsam und unfroh sitzen. Da

rief ihn die Babett auf, er solle seine Geige nehmen, und etwas spielen.

Der Junge sträubte und zierte sich ein wenig, griff dann aber schnell in

den Kasten, zupfte, stimmte und spielte alsdann ein beliebtes Lied, das,

obwohl er zu hoch angestimmt hatte, die ganze Gesellschaft sogleich

mitsang.

Damit war das Eis gebrochen, und es entstand eine laute, wennschon sehr

ehrbare Fröhlichkeit um den Tisch. Eine nagelneue kleine Stehlampe ward

vorgezeigt, mit Öl gefüllt und angezündet, Lied um Lied klang in der

Stube auf, ein frischer Krug Bier wurde aufgestellt, und als Karl Bauer

einen der wenigen Tänze, die er konnte, anstimmte, waren im Augenblick

drei Paare auf dem Plan und drehten sich lachend durch den viel zu engen

Raum.

Gegen neun Uhr brachen die Gäste auf. Die Blonde hatte eine Straße lang

denselben Weg wie Karl und Babett, und auf diesem Wege wagte er es, ein

Gespräch mit dem Mädchen zu führen.

»Wo sind Sie denn hier im Dienst?« fragte er schüchtern.

»Beim Kaufmann Kolderer, in der Salzgasse am Eck.«

»So, so.«

»Ja.«

»Ja freilich. So . . .«

Dann gab es eine längere Pause. Aber er riskierte es und fing noch

einmal an.

»Sind Sie schon lange hier?«

»Ein halb Jahr.«

»Ich mein’ immer, ich hätte Sie schon einmal gesehen.«

»Ich Sie aber nicht.«

»Einmal am Abend, in der Brühelgasse, nicht?«

»Ich weiß nichts davon. Liebe Zeit, man kann ja nicht alle Leute auf der

Gasse so genau angucken.«

Glücklich atmete er auf, daß sie den Übeltäter von damals nicht in ihm

erkannt hatte; er war schon entschlossen gewesen, sie um Verzeihung zu

bitten.

Da war sie an der Ecke ihrer Straße und blieb stehen, um Abschied zu

nehmen. Sie gab der Babett die Hand und zu Karl sagte sie: »Adieu, denn,

Herr Student. Und danke auch schön.«

»Für was denn?«

»Für die Musik, für die schöne. Also Gutnacht miteinander.«

Karl streckte ihr, als sie eben umdrehen wollte, die Hand hin, und sie

legte die ihre flüchtig darein. Dann war sie fort.

Als er nachher auf dem Treppenabsatz der Babett Gutnacht sagte, fragte

sie: »Nun, ist’s schön gewesen oder nicht?«

»Schön ist’s gewesen, wunderschön, jawohl,« sagte er glücklich und war

froh, daß es so dunkel war, denn er fühlte, wie ihm das warme Blut ins

Gesicht stieg.

* * * * *

Die Tage nahmen zu. Es wurde allmählich wärmer und blauer, auch in den

verstecktesten Gräben und Hofwinkeln schmolz das alte graue Grundeis

weg, und an hellen Nachmittagen wehte schon Vorfrühlingsahnung in den

Lüften.

Da eröffnete auch die Babett ihren abendlichen Hofzirkel wieder und saß,

so oft es die Witterung dulden wollte, vor der Kellereinfahrt im

Gespräch mit ihren Freundinnen und Schutzbefohlenen. Karl aber hielt

sich fern und lief in der Traumwolke seiner Verliebtheit herum. Das

Vivarium in seiner Stube hatte er eingehen lassen, auch das Schnitzen

und Schreinern trieb er nicht mehr. Dafür hatte er sich ein Paar eiserne

Hanteln von unmäßiger Größe und Schwere angeschafft und turnte damit,

wenn das Geigen nimmer helfen wollte, bis zur Erschöpfung in seiner

Kammer auf und ab.

Drei- oder viermal war er der hellblonden jungen Magd wieder auf der

Gasse begegnet und hatte sie jedesmal liebenswerter und schöner

gefunden. Aber mit ihr gesprochen hatte er nicht mehr und sah auch keine

Aussicht dazu offen.

Da geschah es an einem Sonntagnachmittag, dem ersten Sonntag im März,

daß er beim Verlassen des Hauses nebenan im Höflein die Stimmen der

versammelten Mägde erlauschte und in plötzlich erregter Neugierde sich

ans angelehnte Tor stellte und durch den Spalt hinausspähte. Er sah die

Gret und die fröhliche Margret aus der Binderei dasitzen und hinter

ihnen einen lichtblonden Kopf, der sich in diesem Augenblick ein wenig

erhob. Und Karl erkannte sein Mädchen, die blonde Tine, und mußte vor

frohem Schrecken erst veratmen und sich zusammenraffen, ehe er die Tür

aufstoßen und zu der Gesellschaft treten konnte.

»Wir haben schon gemeint, der Herr sei vielleicht zu stolz geworden,«

rief die Margret lachend und streckte ihm als erste die Hand entgegen.

Die Babett drohte ihm mit dem Finger, machte ihm aber zugleich einen

Platz frei und hieß ihn sitzen. Dann fuhren die Weiber in ihren vorigen

Gesprächen fort. Karl aber verließ sobald wie möglich, scheinbar um sich

schlendernd ein wenig im Hofe umzuschauen, seinen Sitz und schritt eine

Weile hin und her, bis er neben der Tine Halt machte.

»So, sind Sie auch da?« fragte er leise.

»Jawohl, warum auch nicht? Ich habe immer geglaubt, Sie kämen einmal.

Aber Sie müssen gewiß alleweil lernen.«

»O, so schlimm ist das nicht mit dem Lernen, das läßt sich noch zwingen.

Wenn ich nur gewußt hätte, daß Sie dabei sind, dann wär’ ich sicher

immer gekommen.«

»Ach, gehen Sie doch mit so Komplimenten!«

»Es ist aber wahr, ganz gewiß. Wissen Sie, damals bei der Hochzeit ist

es so schön gewesen.«

»Ja, ganz nett.«

»Weil Sie dortgewesen sind, bloß deswegen.«

»Sagen Sie keine so Sachen, Sie machen ja nur Schund.«

»Nein, nein. Sie müssen mir nicht bös sein.«

»Warum auch bös?«

»Ich hatte schon Angst, ich sehe Sie am Ende gar nimmer.«

»So, und was dann?«

»Dann -- dann weiß ich gar nicht, was ich getan hätte. Vielleicht wär’

ich ins Wasser gesprungen.«

»O je, ’s wär’ schad um die Haut, sie hätt’ können naß werden.«

»Ja, Ihnen wär’s natürlich nur zum Lachen gewesen.«

»Das doch nicht. Aber Sie reden auch ein Zeug, daß man ganz sturm im

Kopf könnt’ werden. Geben Sie obacht, sonst auf einmal glaub’ ich’s

Ihnen.«

»Das dürfen Sie auch tun, ich mein’ es nicht anders.«

Hier wurde er von der herben Stimme der Gret übertönt. Sie erzählte

schrill und klagend eine lange Schreckensgeschichte von einer bösen

Herrschaft, die eine Magd erbärmlich behandelt und gespeist und dann,

nachdem sie krank geworden war, ohne Sang und Klang entlassen hatte. Und

kaum war sie mit dem Erzählen fertig, so fiel der Chor der andern laut

und heftig ein, bis die Babett zum Frieden mahnte. Im Eifer der Debatte

hatte Tines nächste Nachbarin dieser den Arm um die Hüfte gelegt und

Karl Bauer merkte, daß er einstweilen auf eine Fortführung des

Zwiegespräches verzichten müsse.

Er kam auch zu keiner neuen Annäherung, harrte aber wartend aus, bis

nach nahezu zwei Stunden die Margret das Zeichen zum Aufbruch gab. Es

war schon dämmerig und kühl geworden. Er sagte kurz adieu und lief eilig

davon.

Als eine Viertelstunde später die Tine sich in der Nähe ihres Hauses von

der letzten Begleiterin verabschiedet hatte und die kleine Strecke

vollends allein ging, trat plötzlich hinter einem schönen alten

Ahornbaume hervor der Lateinschüler ihr in den Weg und grüßte sie mit

schüchterner Höflichkeit. Sie erschrak ein wenig und sah ihn beinahe

zornig an.

»Was wollen Sie denn, Sie?«

Da bemerkte sie, daß der junge Kerl ganz ängstlich und bleich aussah,

und sie milderte Blick und Stimme beträchtlich.

»Also, was ist’s denn mit Ihnen?«

Er stotterte sehr und brachte wenig Deutliches heraus. Dennoch verstand

sie, was er meine, und verstand auch, daß es ihm ernst sei, und kaum sah

sie den Jungen so hilflos in ihre Hände geliefert, so tat er ihr auch

schon erbärmlich leid, natürlich ohne daß sie darum weniger Stolz und

Freude über ihren Triumph empfunden hätte.

»Machen Sie keine dummen Sachen,« redete sie ihm gütig zu. Und als sie

hörte, daß er erstickte Tränen in der Stimme hatte, fügte sie hinzu:

»Wir sprechen ein andermal miteinander, jetzt muß ich heim. Sie dürfen

auch nicht so aufgeregt sein, nicht wahr? Also aufs Wiedersehen!«

Damit enteilte sie nickend, und er ging langsam, langsam davon, während

die Dämmerung zunahm und vollends in Finsternis und Nacht überging. Er

schritt durch Straßen und über Plätze, an Häusern, Mauern, Gärten und

sanftfließenden Brunnen vorbei, ins Feld vor die Stadt hinaus und wieder

in die Stadt hinein, unter den Rathausbogen hindurch und am oberen

Marktplatz hin, aber alles war verwandelt und ein unbekanntes Fabelland

geworden. Er hatte ein Mädchen lieb, und er hatte es ihr gesagt, und sie

war gütig gegen ihn gewesen und hatte >auf Wiedersehen< zu ihm gesagt!

Lange schritt er ziellos so umher, und da es ihm kühl wurde, hatte er

die Hände in die Hosentaschen gesteckt, und als er beim Einbiegen in

seine Gasse aufschaute und den Ort erkannte und aus seinem Traum

erwachte, fing er ungeachtet der späten Abendstunde an laut und

durchdringend zu pfeifen, worauf er sich ganz vortrefflich verstand. Es

tönte widerhallend durch die nächtige Straße und verklang erst im kühlen

Hausgang der Witwe Kusterer.

* * * * *

Tine machte sich darüber, was aus der Sache werden solle, viel Gedanken,

jedenfalls mehr als der Verliebte, der vor Erwartungsfieber und süßer

Erregung nicht zum Nachdenken kam. Das Mädchen fand, je länger sie sich

das Geschehene vorhielt und überlegte, desto weniger Tadelnswertes an

dem hübschen und flotten Knaben; auch war es ihr ein neues und

köstliches Gefühl, einen so feinen und gebildeten, dazu unverdorbenen

Jüngling in sie verliebt zu wissen. Dennoch dachte sie keinen Augenblick

an ein Liebesverhältnis, das ihr nur Schwierigkeiten oder gar Schaden

bringen und jedenfalls zu keinem soliden und ersprießlichen Ziele führen

konnte.

Hingegen widerstrebte es ihr auch wieder, dem armen Buben durch eine

harte Antwort oder durch gar keine wehe zu tun. Am liebsten hätte sie

ihn halb schwesterlich, halb mütterlich in Güte und Scherz

zurechtgewiesen. Denn obwohl sie keine zwei Jahre älter war als Karl

Bauer und obwohl sie seine Manieren hochschätzte und vor der

Gelehrsamkeit, die sie unnötigerweise bei ihm vermutete, Respekt hatte,

schien er ihr doch gar unerwachsen und bübchenmäßig. Mädchen sind

ohnehin in diesen Jahren häufig schon fertiger und ihres Wesens sicherer

als Knaben, und eine Dienstmagd vollends, die ihr eigen Brot verdient

und ihre feste Stellung und Pflicht im Leben hat, ist in Dingen der

Lebensklugheit ohne Zweifel jedem Schüler oder Studentlein weit

überlegen, zumal wenn dieser verliebt ist und sich willenlos ihrem

Gutdünken überläßt.

Die Gedanken und Entschlüsse der bedrängten Magd schwankten zwei Tage

lang hin und wider. So oft sie zu dem Schluß gekommen war, eine strenge

und deutliche Abweisung sei doch das richtige, so oft wehrte sich ihr

Herz, das in den Jungen zwar keineswegs verliebt, aber ihm doch in

mitleidig-gütigem Wohlwollen zugetan war.

Und schließlich machte sie es, wie es die meisten Leute in derartigen

Lagen machen; sie wog ihre Entschlüsse so lang gegeneinander ab, bis sie

gleichsam abgenutzt waren und zusammen wieder dasselbe zweifelnde

Schwanken darstellten wie in der ersten Stunde. Und als es Zeit zu

handeln war, tat und sagte sie kein Wort von dem zuvor Bedachten und

Beschlossenen, sondern überließ sich völlig dem Augenblick, gerade wie

Karl Bauer auch.

Diesem begegnete sie am dritten Abend, als sie ziemlich spät noch auf

einen Ausgang geschickt wurde, in der Nähe ihres Hauses. Er grüßte

bescheiden und sah ziemlich kleinlaut und kläglich aus, denn das Warten

hatte ihn doch mitgenommen. Nun standen die zwei jungen Leute

voreinander und wußten nicht recht, was sie einander zu sagen hätten.

Die Tine fürchtete, man möchte sie sehen, und trat schnell in eine

offenstehende, dunkle Toreinfahrt, wohin Karl ihr ängstlich folgte.

Nebenzu scharrten Rosse in einem Stall, und in irgendeinem benachbarten

Hof oder Garten probierte ein unerfahrener Dilettant seine

Anfängergriffe auf einer Blechflöte.

»Was der aber zusammenbläst!« sagte Tine leise und lachte gezwungen.

»Tine!«

»Ja, was denn?«

»Ach Tine -- --«

Der scheue Junge wußte nicht, was für ein Spruch seiner warte, aber es

wollte ihm scheinen, die Blonde zürne ihm nicht unversöhnlich.

»Du bist so lieb,« sagte er ganz leise und erschrak sofort darüber, daß

er sie ungefragt geduzt hätte.

Sie zögerte eine Weile mit der Antwort. Da griff er, dem der Kopf ganz

leer und wirbelig war, nach ihrer Hand, und er tat es so kindermäßig

schüchtern und hielt die Hand so ängstlich lose und bittend, daß es ihr

unmöglich wurde, ihm den verdienten Tadel zu erteilen. Vielmehr lächelte

sie beinahe gerührt und fuhr dem armen Liebhaber mit ihrer freien Linken

sachte übers Haar.

»Bist du mir auch nicht bös?« fragte er, selig bestürzt.

»Nein, du Bub, du kleiner,« lachte die Tine nun freundlich. »Aber fort

muß ich jetzt, man wartet daheim auf mich. Ich muß ja noch Wurst holen.«

»Darf ich nicht mit?«

»Nein, was denkst du auch! Geh voraus und heim, nicht daß uns jemand

beieinander sieht.«

»Also gut Nacht, Tine.«

»Ja, geh jetzt nur! Gut Nacht.«

Er hatte noch mehreres fragen und erbitten wollen, aber er dachte jetzt

nimmer daran und ging glücklich fort, mit leichten, ruhigen Schritten,

als sei die gepflasterte Stadtstraße ein weicher Rasenboden, und mit

blinden, einwärts gekehrten Augen, als komme er aus einem blendend

lichten Lande. Er hatte ja kaum mit ihr gesprochen, aber er hatte >du<

zu ihr gesagt und sie zu ihm, er hatte ihre Hand gehalten, und sie war

ihm mit der ihren übers Haar gefahren. Das schien ihm mehr als genug und

auch noch nach vielen Jahren und vielen Stürmen fühlte er, so oft er an

diesen Abend im Märzen dachte, ein lindes, warmes Glücklichsein und eine

dankbare Güte seine Seele wie ein Lichtschein erfüllen.

Die Tine freilich, als sie nachträglich das Begebnis überdachte, konnte

durchaus nimmer begreifen, wie das zugegangen war. Doch fühlte sie wohl,

daß Karl an diesem Abend ein großes Glück erlebt habe und ihr dafür mehr

als dankbar sei, auch vergaß sie seine kindliche Verschämtheit und

schüchterne Zärtlichkeit nicht und konnte schließlich in dem

Geschehenen, das ja doch nimmer zu bessern war, kein so großes Unheil

finden. Immerhin wußte sich das kluge und brave Mädchen von jetzt an für

den Schwärmer verantwortlich und nahm sich vor, ihn so sanft und sicher

wie möglich an dem angesponnenen Faden zum Rechten zu führen. Denn daß

eines Menschen erste Verliebtheit, sie möge noch so heilig und köstlich

sein, doch nur ein Behelf und ein Umweg sei, das hatte sie, es war noch

nicht so lange her, selber mit Schmerzen am eignen Leben erfahren. Nun

hoffte sie, dem Kleinen ohne allzu vieles unnötige Wehetun über die

Sache hinüber zu helfen.

Das nächste Wiedersehen geschah erst am Sonntag bei der Babett. Dort

begrüßte Tine den Gymnasiasten freundlich, nickte ihm von ihrem Platze

aus ein- oder zweimal lächelnd zu, zog ihn mehrmals mit ins Gespräch und

schien im übrigen nicht anders mit ihm zu stehen als früher. Für ihn

aber war jedes Lächeln von ihr ein unschätzbares Geschenk und jeder

Blick eine Flamme, die ihn mit Glanz und Glut umhüllte.

Einige Tage später aber kam Tine endlich dazu, deutlich mit dem Jungen

zu reden. Es war nachmittags nach der Schule, und Karl hatte wieder in

der Gegend um ihr Haus herum gelauert, was ihr nicht gefiel. Sie nahm

ihn durch den kleinen Garten in einen Holzspeicher hinter dem Hause mit,

wo es nach Sägspänen und trockenem Buchenholz roch. Dort nahm sie ihn

vor, untersagte ihm vor allem sein Verfolgen und Auflauern und machte

ihm klar, was sich für einen jungen Liebhaber von seiner Art gebühre.

»Du siehst mich jedesmal bei der Babett, und von dort kannst du mich ja

allemal begleiten, wenn du magst, aber nur bis dahin, wo die andern

mitgehen, nicht den ganzen Weg. Allein mit mir gehen darfst du nicht,

und wenn du vor den andern nicht Obacht gibst und dich zusammennimmst,

dann geht alles schlecht. Die Leute haben ihre Augen überall, und wo

sie’s rauchen sehen, schreien sie gleich Feurio.«

»Ja, wenn ich doch aber dein Schatz bin,« erinnerte Karl etwas

weinerlich. Sie lachte.

»Mein Schatz! Was heißt jetzt das wieder! Sag das einmal der Babett oder

deinem Vater daheim, oder deinem Lehrer! Ich hab’ dich ja ganz gern und

will nicht unrecht mit dir sein, aber eh’ du mein Schatz sein könntest,

da müßtest du vorher dein eigner Herr sein und dein eignes Brot essen,

und bis dahin ist’s doch noch recht lang. Einstweilen bist du einfach

ein verliebter Schulbub, und wenn ich’s nicht gut mit dir meinte, würd’

ich gar nimmer mit dir drüber reden. Deswegen brauchst du aber nicht den

Kopf zu hängen, das bessert nichts.«

»Was soll ich dann tun? Hast du mich nicht gern?«

»O Kleiner! Davon ist doch nicht die Rede. Nur vernünftig sein sollst du

und nicht Sachen verlangen, die man in deinem Alter noch nicht haben

kann. Wir wollen gute Freunde sein und einmal abwarten, mit der Zeit

kommt schon alles, wie es soll.«

»Meinst du? Ja, du mußt’s wissen. Aber du, etwas hab’ ich doch sagen

wollen --«

»Und was?«

»Ja, sieh -- nämlich -- --«

»Red’ doch!«

»-- ob du mir nicht auch einmal einen Kuß geben willst.«

Sie betrachtete sein rotgewordenes, unsicher fragendes Gesicht und

seinen knabenhaften, hübschen Mund, und einen Augenblick schien es ihr

nahezu erlaubt, ihm den Willen zu tun. Dann schalt sie sich aber

sogleich und schüttelte streng den blonden Kopf.

»Einen Kuß? Für was denn?«

»Nur so. Du mußt nicht bös sein.«

»Ich bin nicht bös. Aber du mußt auch nicht keck werden. Später einmal

reden wir wieder davon. Kaum kennst du mich und willst gleich küssen!

Mit so Sachen soll man kein Spiel treiben. Also sei jetzt brav, am

Sonntag seh’ ich dich wieder, und dann könntest du auch einmal deine

Geige bringen, nicht?«

»Ja, gern.«

Sie ließ ihn gehen und sah ihm nach, wie er nachdenklich und ein wenig

unlustig davonschritt. Und sie fand, er sei doch ein ordentlicher Kerl,

dem sie nicht zu weh tun dürfe.

* * * * *

Wenn Tines Ermahnungen auch eine bittere Pille für Karl Bauer gewesen

waren, er folgte doch und befand sich schließlich gar nicht schlecht

dabei. Zwar hatte er vom Liebeswesen einigermaßen andre Vorstellungen

gehabt und war anfangs ziemlich enttäuscht, aber bald entdeckte er die

alte Wahrheit, daß Geben seliger als Nehmen ist und daß Lieben schöner

ist und seliger macht als Geliebtwerden. Daß er seine Liebe nicht

verbergen und sich ihrer nicht schämen mußte, sondern sie anerkannt,

wenn auch zunächst nicht belohnt sah, das gab ihm ein Gefühl der Lust

und Freiheit und hob ihn aus dem engen Kreise seiner bisherigen

unbedeutenden Existenz in die höhere Welt der großen Gefühle und Ideale.

Bei den Zusammenkünften der Mägde spielte er jetzt jedesmal ein paar

Stücklein auf der Geige vor.

»Das ist bloß für dich, Tine,« sagte er nachher, »weil ich dir sonst

nichts geben und zulieb tun kann.«

Zweimal gewährte sie ihm ein besonderes Stelldichein, einmal an einem

freien Nachmittag hinter dem Hause und einmal an einem Freitag Abend auf

einem einsamen Zimmerplatz in der Vorstadt. Beide Mal, ohne daß sie ihn

irgend zärtlicher behandelt oder ihm mehr als das Halten und Streicheln

ihrer Hand gegönnt hätte, beglückte ihn die Heimlichkeit der Verabredung

und des Zusammenseins und das Vertrauen, das sie ihm damit zeigte, und

er kehrte wie von großen Abenteuern und überschwenglichen Genüssen heim.

* * * * *

Der Frühling rückte näher und war plötzlich da, mit gelben Sternblümlein

auf zartgrünen Matten, mit dem tiefen Föhnblau ferner Waldgebirge, mit

feinen Schleiern jungen Laubes im Gezweige und wiederkehrenden

Zugvögeln. Die Hausfrauen stellten ihre Stockscherben mit Hyazinthen und

Geranien auf die grünbemalten Blumenbretter vor den Fenstern. Die Männer

verdauten mittags unterm Haustor in Hemdärmeln und konnten abends im

Freien Kegel schieben. Die jungen Leute kamen in Unruhe, wurden

schwärmerischer und verliebten sich.

An einem Sonntag, der mildblau und lächelnd über dem schon grünen

Flußtal aufgegangen war und nach Mittag schon ganz erstaunlich wärmte,

ging die Tine mit einer Freundin spazieren. Sie wollten eine Stunde weit

nach der Emanuelsburg laufen, einer Ruine im Wald. Als sie aber schon

gleich vor der Stadt an einem fröhlichen Wirtsgarten vorüberkamen, wo

eine Musik erschallte und auf einem runden Rasenplatz ein Schleifer

getanzt wurde, gingen sie zwar an der Versuchung vorüber, aber langsam

und zögernd, und als die Straße einen Bogen machte, und als sie bei

dieser Windung noch einmal das süß anschwellende Wogen der schon ferner

tönenden Musik vernahmen, da gingen sie noch langsamer und gingen

schließlich gar nicht mehr, sondern lehnten am Wiesengatter des

Straßenrandes und lauschten hinüber, und als sie nach einer Weile wieder

Kraft zum Gehen hatten, war doch die lustig sehnsüchtige Musik stärker

als sie und zog sie rückwärts.

»Die alte Emanuelsburg lauft uns nicht davon,« sagte die Freundin, und

damit trösteten sich beide und traten errötend und mit gesenkten Blicken

in den Garten, wo man durch ein Netzwerk von Zweigen und braunen,

harzigen Kastanienknospen den Himmel noch blauer lachen sah. Es war ein

herrlicher Nachmittag, und als Tine gegen Abend in die Stadt

zurückkehrte, tat sie es nicht allein, sondern wurde höflich von einem

kräftigen, hübschen Mann begleitet, um den ihre nebenher laufende

Freundin sie mit Recht nicht wenig beneidete.

Und diesmal war die hübsche Tine an den Rechten gekommen. Er war

Zimmermannsgesell und ein brauchbarer Mensch, der mit dem Meisterwerden

und einer etwaigen Heirat nicht mehr allzu lange zu warten brauchte. Er

sprach andeutungsweise und stockend von seiner Liebe und deutlich und

fließend von seinen Verhältnissen und Aussichten. Es zeigte sich, daß er

unbekannterweise die Tine schon einige Mal gesehen und begehrenswert

gefunden hatte und daß es ihm nicht nur um ein vorübergehendes

Liebesvergnügen zu tun war. Eine Woche lang sah sie ihn täglich und

gewann ihn täglich lieber, zugleich besprachen sie offen alles Nötige,

und dann waren sie einig und galten voreinander und vor ihren Bekannten

als Verlobte.

Auf die erste traumartige Erregung folgte bei Tine ein stilles, fast

feierliches Fröhlichsein, über welchem sie eine Weile alles vergaß, auch

den armen Schüler Karl Bauer, der in dieser ganzen Zeit vergeblich auf

sie wartete.

* * * * *

Als ihr der vernachlässigte Junge wieder ins Gedächtnis kam, tat er ihr

so leid, daß sie im ersten Augenblick daran dachte, ihm die Neuigkeit

noch eine Zeitlang vorzuenthalten. Dann wieder schien ihr dies doch

nicht gut und erlaubt zu sein, und je mehr sie es bedachte, desto

schwieriger kam die Sache ihr vor. Sie bangte davor, sogleich ganz offen

mit dem Ahnungslosen zu reden, und wußte doch, daß das der einzige Weg

zum Guten war; und jetzt sah sie erst ein, wie gefährlich, wenn nicht

unrecht ihr wohlgemeintes Spiel mit dem Knaben gewesen war. Jedenfalls

mußte sogleich etwas geschehen, ehe der Junge durch andre von ihrem

neuen Verhältnis erfuhr und dumme Streiche machte. Auch wollte sie

durchaus nicht, daß er schlecht von ihr denke. Sie fühlte, ohne es

deutlich zu wissen, daß sie dem Jüngling einen Vorgeschmack und eine

Ahnung der Liebe gegeben hatte und daß die Erkenntnis des Betrogenseins

ihn schädigen und ihm das Erlebte vergiften würde. Sie hatte nie

gedacht, daß diese harmlose Knabengeschichte ihr so zu schaffen machen

könnte.

Am Ende ging sie in ihrer Ratlosigkeit zur Babett, welche freilich in

Liebesangelegenheiten nicht die berufenste Richterin sein mochte. Aber

sie wußte, daß die Babett ihren Lateinschüler ehrlich lieb hatte und

sich um sein Ergehen sorgte, und so wollte sie lieber einen Tadel von

ihr ertragen als den jungen Verliebten unbehütet alleingelassen wissen.

Der Tadel blieb allerdings nicht aus. Die Babett, nachdem sie die ganze

Erzählung des Mädchens aufmerksam und schweigend angehört hatte,

stampfte zornig auf den Boden und fuhr die reumütige Bekennerin mit

rechtschaffener Entrüstung an.

»Mach keine schönen Worte!« rief sie ihr heftig zu. »Du hast ihn einfach

an der Nase herumgeführt und deinen gottlosen Spaß mit ihm gehabt, mit

dem Bauer, und nichts weiter.«

»Das Schimpfen hilft nicht viel, Babett. Weißt du, wenn mir’s bloß ums

Amüsieren gewesen wär’, dann wär’ ich jetzt nicht zu dir gelaufen und

hätte dir’s eingestanden. Es ist mir nicht so leicht gewesen.«

»So? Und jetzt, was stellst du dir vor? Wer soll jetzt die Suppe

ausfressen, he? Ich vielleicht? Und es bleibt ja doch alles an dem Bub

hangen, an dem armen.«

»Ja, der tut mir leid genug. Aber hör mir zu. Ich meine, ich rede jetzt

mit ihm und sag’ ihm alles selber, ich will mich nicht schonen. Nur hab’

ich wollen, daß du davon weißt, damit du nachher kannst ein Aug’ auf ihn

haben, falls es ihn zu arg plagt. -- Wenn du also willst --?«

»Kann ich denn anders? Kind, dummes, vielleicht lernst du was dabei. Die

Eitelkeit und das Herrgottspielenwollen betreffend, meine ich. Es könnte

nicht schaden.«

Diese Unterredung hatte das Ergebnis, daß die alte Magd noch am selben

Tag eine Zusammenkunft der beiden im Hofe veranstaltete, ohne daß Karl

ihre Mitwisserschaft erriet. Es ging gegen den Abend, und das Stückchen

Himmel über dem kleinen Hofraum glühte mit schwachem Goldfeuer. In der

Torecke aber war es dunkel, und niemand konnte die zwei jungen Leute

dort sehen.

»Ja, ich muß dir was sagen, Karl,« fing das Mädchen an. »Heut müssen wir

einander adieu sagen. Es hat halt alles einmal sein Ende.«

»Aber was denn -- -- warum --?«

»Weil ich jetzt einen Bräutigam hab’ --«

»Einen -- -- --«

»Sei ruhig, gelt, und hör mich zuerst. Siehst, du hast mich ja gern

gehabt, und ich hab’ dich nicht wollen so ohne Hüst und ohne Hott

fortschicken, wie man’s auch oft macht. Ich hab’ dir ja auch gleich

gesagt, weißt du, daß du dich deswegen nicht als meinen Schatz ansehen

darfst, nicht wahr?«

Karl schwieg.

»Nicht wahr?«

»Ja, also.«

»Und jetzt müssen wir ein Ende machen, und du mußt es auch nicht schwer

nehmen, es lauft auf der Gasse voll mit Mädchen, und ich bin nicht die

einzige und auch nicht die rechte für dich, wo du doch studierst und

später ein Herr wirst und vielleicht ein Doktor.«

»Nein du, Tine, sag das nicht!«

»Es ist halt doch so und nicht anders. Und das will ich dir auch noch

sagen, daß das niemals das Richtige ist, wenn man sich zum ersten Mal

verliebt. So jung weiß man ja noch gar nicht, was man will. Es wird nie

etwas draus, und später sieht man dann alles anders an und sieht ein,

daß es nicht das Rechte war.«

Karl wollte etwas antworten, er hatte viel dagegen zu sagen, aber vor

Leid und innerem Schluchzen brachte er kein Wort heraus. Doch kämpfte er

tapfer mit den Tränen und hielt sich männlich aufrecht.

»Hast du was sagen wollen?« fragte die Tine.

»O du, du weißt ja gar nicht -- --«

»Was, Karl?«

»Ach, nichts. O Tine, was soll ich denn anfangen?«

»Nichts anfangen, bloß ruhig bleiben. Das dauert nicht lang, und nachher

bist du froh, daß es so gekommen ist.«

»Du redest, ja, du redest --«

»Ich red’ nur, was in der Ordnung ist, und du wirst sehen, daß ich ganz

recht hab’, wenn du auch jetzt nicht dran glauben willst. Es tut mir ja

leid, du, es tut mir wirklich so leid.«

»Tut’s dir? -- Tine, ich will ja nichts sagen, du sollst ja ganz recht

haben -- -- aber daß das alles so auf einmal aufhören soll, alles --«

Er kam nicht weiter, und sie legte ihm die Hand auf die zuckende

Schulter und wartete still, bis sein Weinen nachließ.

»Hör mich,« sagte sie dann entschlossen. »Du mußt mir jetzt versprechen,

daß du brav und gescheit sein willst.«

»Ich will nicht gescheit sein! Tot möcht’ ich sein, lieber tot, als so

-- --«

»Du, Karl, tu nicht so wüst! Schau, du hast früher einmal einen Kuß von

mir haben wollen -- weißt noch?«

»Ich weiß.«

»Also. Jetzt, wenn du brav sein willst -- sieh, ich mag doch nicht, daß

du nachher übel von mir denkst; ich möcht’ so gern im Guten von dir

Abschied nehmen. Wenn du brav sein willst, dann will ich dir den Kuß

heut geben. Willst du?«

Er nickte nur und sah sie aus verweinten Augen ratlos an. Und sie trat

dicht zu ihm hin und gab ihm den Kuß, und der war still und ohne Gier,

rein gegeben und genommen. Zugleich nahm sie seine Hand und drückte sie

leise, dann ging sie schnell durchs Tor in den Hausgang und davon.

Karl Bauer hörte ihre Schritte im Gang schallen und verklingen; er

hörte, wie sie das Haus verließ und über die Vortreppe auf die Straße

ging. Er hörte es, aber er dachte an andre Dinge.

Er dachte an eine winterliche Abendstunde, in der ihm auf der Gasse eine

junge blonde Magd eine Ohrfeige gegeben hatte, und dachte an einen

Vorfrühlingsabend, da im Schatten einer Hofeinfahrt ihm eine Mädchenhand

das Haar gestreichelt hatte, und die Welt war verzaubert und die Straßen

der Stadt waren fremde, selig schöne Räume gewesen. Melodien fielen ihm

ein, die er früher gegeigt hatte, und jener Hochzeitsabend in der

Vorstadt mit Bier und Kuchen. Bier und Kuchen, kam es ihm vor, war

eigentlich eine lächerliche Zusammenstellung, aber er konnte nicht

weiter daran denken, denn er hatte ja seinen Schatz verloren und war

betrogen und verlassen worden. Freilich, sie hatte ihm einen Kuß gegeben

-- einen Kuß . . . O Tine!

Müde setzte er sich auf eine von den vielen leeren Kisten, die im Hof

herumstanden. Das kleine Himmelsviereck über ihm wurde rot und wurde

silbern, dann erlosch es und blieb lange Zeit tot und dunkel, und nach

Stunden, da es mondhell wurde, saß Karl Bauer noch immer auf seiner

Kiste, und sein verkürzter Schatten lag schwarz und mißgestaltet vor ihm

auf dem unebenen Steinpflaster.

* * * * *

Es waren nur flüchtige und vereinzelte Blicke eines Zaungastes gewesen,

die der junge Bauer ins Land der Liebe getan hatte, aber sie waren

hinreichend gewesen, ihm das Leben ohne den Trost und Glanz der

Frauenliebe traurig und wertlos erscheinen zu lassen. So lebte er jetzt

leere, schwermütige Tage und verhielt sich gegen die Ereignisse und

Pflichten des alltäglichen Lebens teilnahmslos wie einer, der nicht mehr

dazu gehört. Sein Griechischlehrer verschwendete nutzlose Ermahnungen zu

Selbstzucht und fleißigerer Arbeit an den unaufmerksamen Träumer; auch

die guten Bissen der getreuen Babett schlugen ihm nicht an und ihr

wohlgemeinter Zuspruch glitt ohne Wirkung an ihm ab.

Es war eine sehr scharfe, außerordentliche Vermahnung vom Rektor und

eine schmähliche Arreststrafe nötig, um den Entgleisten wieder auf die

ebene Bahn der Arbeit und Vernunft zu zwingen. Er sah ein, daß es

töricht und ärgerlich wäre, gerade vor dem letzten Schuljahr noch sitzen

zu bleiben, und begann in die immer länger werdenden Frühsommerabende

hinein zu studieren, daß ihm der Kopf rauchte.

Das war der Anfang zur Genesung, obwohl Karl selber nicht daran glaubte.

Die vielen Stunden trostlos traurigen Brütens hatten ihn elend gemacht,

so daß jetzt die unerläßliche strenge Arbeit ihm wohltat, schon weil sie

seine Gedanken nicht um den ewig gleichen Jammer weiter kreisen ließ.

Freilich zuweilen geschah es trotzdem noch, daß abends im Bett oder auch

auf einsamen Spaziergängen die halbbetäubte Verzweiflung wieder

erwachte, daß er Tines Namen hundertmal aussprach und sich heiß und müde

weinte. Manchmal suchte er auch die Salzgasse auf, in der Tine gewohnt

hatte, und begriff nicht, warum er ihr kein einziges Mal mehr begegnete.

Das hatte jedoch seinen guten Grund. Das Mädchen war schon bald nach

ihrem letzten Gespräch mit Karl abgereist, um in der Heimat ihre

Aussteuer fertig zu machen. Er glaubte, sie sei noch da und weiche ihm

aus, und nach ihr fragen mochte er niemand, auch die Babett nicht. Nach

solchen Fehlgängen kam er, je nachdem, ingrimmig oder traurig heim,

stürmte wild auf der Geige oder starrte lang durchs kleine Fenster auf

die vielen Dächer hinaus.

Immerhin ging es vorwärts mit ihm, und daran hatte auch die Babett ihren

Teil. Wenn sie merkte, daß er einen übeln Tag hatte, dann kam sie nicht

selten am Abend heraufgestiegen und klopfte an seine Türe. Und dann saß

sie, obwohl sie ihn nicht wissen lassen wollte, daß sie den Grund seines

Leides kenne, lange bei ihm und brachte ihm Trost. Sie redete nicht von

der Tine und nichts von Liebessachen, aber sie erzählte ihm kleine

drollige Anekdoten, brachte ihm eine halbe Flasche Most oder Wein mit,

bat ihn um ein Lied auf der Geige oder um das Vorlesen einer Geschichte.

So verging der Abend friedlich, und wenn es spät war und die Babett

wieder ging, war Karl stiller geworden und konnte ohne böse Träume

schlafen. Und das alte Mädchen bedankte sich noch jedesmal, wenn sie

adieu sagte, für den schönen Abend.

Langsam gewann der Liebeskranke seine frühere Art und seinen Frohmut

wieder, ohne zu wissen, daß die Tine sich bei der Babett öfters in

Briefen nach ihm erkundigte. Er war ein wenig männlicher und reifer

geworden, hatte das in der Schule Versäumte wieder eingebracht und

führte nun so ziemlich dasselbe Leben wie vor einem Jahre, nur die

Eidechsensammlung und das Vögelhalten fing er nicht wieder an. Aus den

Gesprächen der Oberprimaner, die im Abgangsexamen standen, drangen

verlockend klingende Worte über akademische Herrlichkeiten ihm ins Ohr,

und da er nun wußte, daß er nicht sitzen bleiben müsse, fühlte er sich

diesem Paradiese wohlig näher gerückt und begann sich nun allmählich auf

die langen Sommerferien ungeduldig zu freuen. Jetzt erst erfuhr er auch

durch die Babett, daß Tine schon lange die Stadt verlassen habe, und

wenn auch die Wunde noch zuckte und leise brannte, so war sie doch schon

geheilt und dem Vernarben nahe.

Auch wenn weiter nichts geschehen und die ganze Sache nun abgeschlossen

gewesen wäre, hätte Karl die Geschichte seiner ersten Liebe in gutem und

dankbarem Andenken behalten und gewiß nie vergessen. Es kam aber noch

ein kurzes Nachspiel dazu, das er noch weniger vergessen hat.

Acht Tage vor den Sommerferien hatte die Freude auf die Heimkehr und

Freiheit in seiner noch biegsamen Seele die nachklingende Liebestrauer

übertönt und verdrängt. Er begann schon zu packen, verbrannte alte

Schulhefte und trieb mit den Büchern, die er im legten Schuljahr nimmer

brauchte, seinen Schacher. Die Aussicht auf Waldspaziergänge, Flußbad

und Nachenfahrten, auf Heidelbeeren und Jakobiäpfel und ungebunden

fröhliche Bummeltage machte ihn so froh, wie er lange nicht mehr gewesen

war. Glücklich lief er durch die heißen Straßen, und an Tine hatte er

schon seit mehreren Tagen gar nimmer gedacht.

Um so heftiger schreckte er zusammen, als er eines Nachmittags auf dem

Heimweg von der Turnstunde in der Malzgasse unvermutet mit Tine

zusammentraf. Er blieb stehen, gab ihr verlegen die Hand und sagte

beklommen Grüßgott. Aber trotz seiner eigenen Verwirrung bemerkte er

bald, daß sie traurig und verstört aussah.

»Wie geht’s, Tine?« fragte er schüchtern und wußte nicht, ob er zu ihr

>du< oder >Sie< sagen solle.

»Nicht gut,« sagte sie einfach. »Kommst du ein Stück weit mit?«

Er kehrte um und schritt langsam neben ihr die Straße zurück, während er

daran denken mußte, wie sie sich früher dagegen gesträubt hatte, mit ihm

gesehen zu werden. Freilich, sie ist ja jetzt verlobt, dachte er, und um

nur etwas zu sagen, tat er eine Frage nach dem Befinden ihres

Bräutigams. Da zuckte Tine so jämmerlich zusammen, daß es auch ihm weh

tat.

»Weißt du also noch nichts?« sagte sie leise.

»Nein, aber was ist denn --«

»Er liegt im Spital, und man weiß nicht, ob er mit dem Leben davonkommt.

-- Was ihm fehlt? Von einem Neubau ist er abgestürzt und ist seit

gestern nicht zu sich gekommen.«

Schweigend gingen sie weiter. Karl besann sich vergebens auf irgendein

gutes Wort der Teilnahme; ihm war es wie ein beängstigender Traum, daß

er jetzt so neben ihr durch die Straßen ging und Mitleid mit ihr haben

mußte.

»Wo gehst du jetzt hin?« fragte er schließlich, da er das Schweigen

nimmer ertrug.

»Wieder zu ihm. Sie haben mich mittags fortgeschickt, weil mir’s nicht

gut war.«

Er begleitete sie bis an das große stille Krankenhaus, das heiter und

reinlich zwischen hohen Bäumen und umzäunten Anlagen stand, und ging

auch leise schaudernd mit hinein über die breite Treppe und durch die

mit Matten belegten sauberen Flure, deren mit Medizingerüchen erfüllte

Luft ihn scheu machte und bedrückte.

Dann trat Tine allein in eine numerierte Türe. Er wartete still auf dem

Gang; es war sein erster Aufenthalt in einem solchen Hause, und die

Vorstellung der vielen Schrecken und Leiden, die hinter allen diesen

lichtgrau gestrichenen Türen verborgen waren, nahm sein Gemüt mit Grauen

gefangen. Er wagte sich kaum zu rühren, bis Tine wieder herauskam.

»Es ist ein wenig besser, sagen sie, und vielleicht wacht er heut noch

auf. Also adieu, Karl, ich bleib jetzt drinnen, und danke auch schön.«

Leise ging sie wieder hinein und schloß die Türe, auf der Karl zum

hundertstenmal gedankenlos die Ziffer siebzehn las. Seltsam erregt

verließ er das unheimliche Haus. Die vorige Fröhlichkeit war ganz in ihm

erloschen, aber was er jetzt empfand, war auch nicht mehr das einstige

Liebesweh. Wohl fühlte er dieses noch, aber eingeschlossen und umhüllt

von einem viel weiteren, größeren Fühlen und Erleben. Er sah sein großes

Entsagungsleid klein und lächerlich werden neben dem greifbaren Unglück,

dessen Anblick ihn überrascht hatte. Er sah auch plötzlich ein, daß sein

kleines Schicksal nichts Besonderes und keine grausame Ausnahme sei,

sondern daß auch über denen, die er für Glückliche angesehen hatte,

unentrinnbar das Schicksal walte.

Aber er sollte noch mehr und noch Besseres und Wichtigeres lernen. In

den folgenden Tagen, da er Tine häufig im Spital aufsuchte, und dann,

als der Kranke so weit war, daß Karl ihn zuweilen sehen durfte, da

erlebte er nochmals etwas ganz Neues.

Da lernte er sehen, daß auch das unerbittliche Schicksal noch nicht das

Höchste und Endgültige ist, sondern daß schwache, angstvolle, gebeugte

Menschenseelen es überwinden und zwingen können. Noch wußte man nicht,

ob dem Verunglückten mehr als das hilflos elende Weiterleben eines

Siechen und Gelähmten zu retten sein werde. Aber über diese angstvolle

Sorge hinweg sah Karl Bauer die beiden Armen sich des Reichtums ihrer

Liebe erfreuen, er sah das ermüdete, von Sorgen verzehrte Mädchen

aufrecht bleiben und Licht und Freude um sich verbreiten und sah das

blasse Gesicht des gebrochenen Mannes trotz der Schmerzen von einem

frohen Glanz zärtlicher Dankbarkeit verklärt.

Und er blieb, als schon die Ferien begonnen hatten, noch mehrere Tage

da, bis die Tine selber ihn zum Abreisen nötigte.

Im Gang vor den Krankenzimmern nahm er von ihr Abschied, anders und

schöner als damals im Hof des Kustererschen Ladens. Er nahm nur ihre

Hand und dankte ihr ohne Worte, und sie nickte ihm unter Tränen zu. Er

wünschte ihr Gutes und hatte selber in sich keinen besseren Wunsch, als

daß auch er einmal auf die heilige Art lieben und Liebe empfangen möchte

wie das arme Mädchen und ihr Verlobter. Darauf reiste er nach Hause, und

am ersten Ferienabend, als er früh zu Bett gegangen war, sagte sein

Vater lächelnd zur Mutter: »Ist er nicht verändert, der Karl? Was denkst

du?«

»Ja,« meinte sie nachdenklich, »er ist anders geworden. Beinahe schon

wie ein rechter Mann, und mehr soll er ja auch nicht werden.«

Diesseits: Erzählungen · 第 10 / 23 题