Und als Paul wegging, setzte sie noch hinzu: »Sie hat Kopfweh bekommen.«

»Komm, Berta. Es ist zu heiß hier, man erstickt ja vor Schwüle. Komm,

nimm dich zusammen! Wir wollen ins Haus gehen.«

Berta gab keine Antwort. Ihr magerer Hals lag auf dem hellblauen Ärmel

des leichten Backfischkleidchens, aus dem der dünne, eckige Arm mit dem

breiten Handgelenk herabhing. Und sie weinte still und leise schluckend,

bis sie nach einer langen Weile rot und verwundert sich aufrichtete, das

Haar zurückstrich und langsam und mechanisch zu lächeln begann.

* * * * *

Paul fand keine Ruhe. Warum hatte Thusnelde ihre Hand so auf seine

gelegt? War es nur ein Scherz gewesen? Oder wußte sie, wie seltsam weh

das tat? So oft er es sich wieder vorstellte, hatte er von neuem

dasselbe Gefühl: ein erstickender Krampf vieler Nerven oder Adern, ein

Druck und leichter Schwindel im Kopf, eine Hitze in der Kehle und ein

lähmend ungleiches, wunderliches Wallen des Herzens, als sei der Puls

unterbunden. Aber es war angenehm, so weh es tat.

Er lief am Hause vorbei zum Weiher und in den Obstgängen auf und ab.

Indessen nahm die Schwüle stetig zu. Der Himmel hatte sich vollends ganz

bezogen und sah gewitterig aus. Es ging kein Wind, nur hin und wieder im

Gezweig ein feiner, zager Schauer, vor dem auch der fahle, glatte

Spiegel des Weihers für Augenblicke kraus und silbern erzitterte.

Der kleine alte Kahn, der angebunden am Rasenufer lag, fiel dem Jungen

ins Auge. Er stieg hinein und setzte sich auf die einzige noch

vorhandene Ruderbank. Doch band er das Schifflein nicht los: es waren

auch schon längst keine Ruder mehr da. Er tauchte die Hände ins Wasser,

das war widerlich lau.

Unvermerkt überkam ihn eine grundlose Traurigkeit, die ihm ganz fremd

war. Er kam sich wie in einem beklemmenden Traume vor -- als könnte er,

wenn er auch wollte, kein Glied rühren. Das fahle Licht, der dunkel

bewölkte Himmel, der laue dunstige Teich und der alte, am Boden moosige

Holznachen ohne Ruder, das sah alles unfroh, trist und elend aus, einer

schweren, faden Trostlosigkeit hingegeben, die er ohne Grund teilte.

Er hörte Klavierspiel vom Hause herübertönen, undeutlich und leise. Nun

waren also die andern drinnen und wahrscheinlich spielte Papa ihnen vor.

Bald erkannte Paul auch das Stück, es war aus Griegs Musik zum Peer

Gynt, und er wäre gern hineingegangen. Aber er blieb sitzen, starrte

über das träge Wasser weg und durch die müden, regungslosen Obstzweige

in den fahlen Himmel. Er konnte sich nicht einmal wie sonst auf das

Gewitter freuen, obwohl es sicher bald ausbrechen mußte und das erste

richtige in diesem Sommer sein würde.

Da hörte das Klavierspiel auf und es war eine Weile ganz still. Bis ein

paar zarte, wiegend laue Takte aufklangen, eine scheue und ungewöhnliche

Musik. Und nun Gesang, eine Frauenstimme. Das Lied war Paul unbekannt,

er hatte es nie gehört, er besann sich auch nicht darüber. Aber die

Stimme kannte er, die leicht gedämpfte, ein wenig müde und willenlose

Stimme. Das war Thusnelde. Ihr Gesang war vielleicht nichts Besonderes,

vielleicht nicht einmal schön, aber er traf und reizte den Knaben ebenso

beklemmend und quälend wie die Berührung ihrer Hand. Er horchte, ohne

sich zu rühren, und während er noch saß und horchte, schlugen die ersten

trägen Regentropfen lau und schwer in den Weiher. Sie trafen seine Hände

und sein Gesicht, ohne daß er es spürte. Er fühlte nur, daß etwas

Drängendes, Gärendes, Gespanntes um ihn her oder auch in ihm selber sich

verdichte und schwelle und Auswege suche. Zugleich fiel ihm eine Stelle

aus dem Ekkehard ein und in diesem Augenblick überraschte und

erschreckte ihn plötzlich die sichere Erkenntnis. Er wußte, daß er

Thusnelde lieb habe. Und zugleich wußte er, daß sie erwachsen und eine

Dame war, er aber ein Schuljunge, und daß sie morgen abreisen würde.

Da klang -- der Gesang war schon eine Weile verstummt -- die helltönige

Tischglocke, und Paul ging langsam zum Hause hinüber. Vor der Türe

wischte er sich die Regentropfen von den Händen, strich das Haar zurück

und tat einen tiefen Atemzug, als sei er im Begriff einen schweren

Schritt zu tun.

* * * * *

»Ach, nun regnet es doch schon,« klagte Berta. »Nun wird also nichts

daraus?«

»Aus was denn?« fragte Paul, ohne vom Teller aufzublicken.

»Wir hatten ja doch -- -- Sie hatten mir versprochen, mich heut auf den

Eichelberg zu führen.«

»Ja so. Nein, das geht bei dem Wetter freilich nicht.«

Halb sehnte sie sich danach, er möchte sie ansehen und eine Frage nach

ihrem Wohlsein tun, halb war sie froh, daß er’s nicht tat. Er hatte den

peinlichen Augenblick unter der Weide, da sie in Tränen ausgebrochen

war, völlig vergessen. Dieser plötzliche Ausbruch hatte ihm ohnehin

wenig Eindruck gemacht und ihn nur in dem Glauben bestärkt, sie sei doch

noch ein recht kleines Mädchen. Statt auf sie zu achten, schielte er

beständig zu Fräulein Thusnelde hinüber.

Diese führte mit dem Hauslehrer, der sich seiner albernen Rolle von

gestern schämte, ein lebhaftes Gespräch über Sportsachen. Es ging Herrn

Homburger dabei wie vielen Leuten; er sprach über Dinge, von denen er

nichts verstand, viel gefälliger und glatter als über solche, die ihm

vertraut und wichtig waren. Meistens hatte die Dame das Wort und er

begnügte sich mit Fragen, Nicken, Zustimmen und pausenfüllenden

Redensarten. Die etwas kokette Plauderkunst der jungen Dame enthob ihn

seiner gewohnten dickblütigen Art; es gelang ihm sogar, als er beim

Weineinschenken daneben goß, selber zu lachen und die Sache leicht und

komisch zu nehmen. Seine mit Schlauheit eingefädelte Bitte jedoch, dem

Fräulein nach Tisch ein Kapitel aus einem seiner Lieblingsbücher

vorlesen zu dürfen, wurde zierlich abgelehnt.

»Du hast kein Kopfweh mehr, Kind?« fragte Tante Grete.

»O nein, gar nimmer,« sagte Berta halblaut. Aber sie sah noch elend

genug aus.

»O ihr Kinder!« dachte die Tante, der auch Pauls erregte Unsicherheit

nicht entgangen war. Sie hatte mancherlei Ahnungen und beschloß, die

zwei jungen Leutchen nicht unnötig zu stören, wohl aber aufmerksam zu

sein und Dummheiten zu verhüten. Bei Paul war es das erste Mal, dessen

war sie sicher. Wie lang noch, und er würde ihrer Fürsorge entwachsen

sein und seine Wege ihrem Blick entziehen! -- O ihr Kinder!

Draußen war es beinahe finster geworden. Der Regen rann und ließ nach

mit den wechselnden Windstößen, das Gewitter zögerte noch und der Donner

klang noch meilenfern.

»Haben Sie Furcht vor Gewittern?« fragte Herr Homburger seine Dame.

»Im Gegenteil, ich weiß nichts Schöneres. Wir könnten nachher in den

Pavillon gehen und zusehen. Kommst du mit, Berta?«

»Wenn du willst, ja gern.«

»Und Sie also auch, Herr Kandidat? -- Gut, ich freue mich darauf. Es ist

in diesem Jahr das erste Gewitter, nicht?«

Gleich nach Tisch brachen sie mit Regenschirmen auf, zum nahen Pavillon.

Berta nahm ein Buch mit.

»Willst du dich denen nicht anschließen, Paul?« ermunterte die Tante.

»Danke, nein. Ich muß eigentlich üben.«

Er ging in einem Wirrwarr von quellenden Gefühlen ins Klavierzimmer.

Aber kaum hatte er zu spielen begonnen, er wußte selbst nicht was, so

kam sein Vater herein.

»Junge, könntest du dich nicht um einige Zimmer weiter verfügen? Brav,

daß du üben wolltest, aber alles hat seine Zeit, und wir älteren

Semester möchten bei dieser Schwüle doch gern ein wenig zu schlafen

versuchen. Auf Wiedersehen, Bub!«

Der Knabe ging hinaus und durchs Eßzimmer, über den Gang und zum Tor.

Drüben sah er gerade die andern den Pavillon betreten. Als er hinter

sich den leisen Schritt der Tante hörte, trat er rasch ins Freie und

eilte mit unbedecktem Kopf, die Hände in den Taschen, durch den Regen

davon. Der Donner nahm stetig zu und erste scheue Blitze rissen zuckend

durch das schwärzliche Grau.

Paul ging um das Haus herum und gegen den Weiher hin. Er fühlte mit

trotzigem Leid den Regen durch seine Kleider dringen. Die noch nicht

erfrischte, schwebende Luft erhitzte ihn, so daß er beide Hände und die

halbentblößten Arme in die schwerfallenden Tropfen hielt. Nun saßen die

andern vergnügt im Pavillon beisammen, lachten und schwatzten, und an

ihn dachte niemand. Es zog ihn hinüber, doch überwog sein Trotz; hatte

er einmal nicht mitkommen wollen, so wollte er ihnen auch nicht

hinterdrein nachlaufen. Und Thusnelde hatte ihn ja überhaupt nicht

aufgefordert. Sie hatte Berta und Herrn Homburger mitkommen heißen, und

ihn nicht. Warum ihn nicht?

Ganz durchnäßt kam er, ohne auf den Weg zu achten, ans Gärtnerhäuschen.

Die Blitze jagten jetzt fast ohne Pause herab oder quer durch den

Himmel, in phantastisch kühnen Linien, und der Regen rauschte lauter.

Unter der Holztreppe des Gärtnerschuppens klirrte es auf und mit

verhaltenem Grollen kam der große Hofhund heraus. Als er Paul erkannte,

drängte er sich fröhlich und schmeichelnd an ihn. Und Paul, in plötzlich

überwallender Zärtlichkeit, legte ihm den Arm um den Hals, zog ihn in

den dämmernden Treppenwinkel zurück und blieb dort bei ihm kauern und

sprach und koste mit ihm, er wußte nicht wie lang.

Im Pavillon hatte Herr Homburger den eisernen Gartentisch an die

gemauerte Rückwand geschoben, die mit einer italienischen

Küstenlandschaft bemalt war. Die heiteren Farben, Blau, Weiß und Rosa,

paßten schlecht in das Regengrau und schienen trotz der Schwüle zu

frieren.

»Sie haben schlechtes Wetter für Erlenhof,« sagte Herr Homburger.

»Warum? Ich finde das Gewitter prächtig.«

»Und Sie auch, Fräulein Berta?«

»O, ich sehe es ganz gerne.«

Es machte ihn wütend, daß die Kleine mitgekommen war. Gerade jetzt, wo

er anfing sich mit der schönen Thusnelde besser zu verstehen.

»Und morgen werden Sie wirklich schon wieder reisen?«

»Warum sagen Sie das so tragisch?«

»Es muß mir doch leid tun.«

»Wahrhaftig?«

»Aber gnädiges Fräulein --«

Der Regen prasselte auf dem dünnen Dach und quoll in leidenschaftlichen

Stößen aus den Mündungen der Traufen.

»Wissen Sie, Herr Kandidat, Sie haben da einen lieben Jungen zum

Schüler. Es muß ein Vergnügen sein, so einen zu unterrichten.«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Aber gewiß. Er ist doch ein prächtiger Junge. -- Nicht, Berta?«

»O, ich weiß nicht, ich sah ihn ja kaum.«

»Gefällt er dir denn nicht?«

»Ja, das schon. -- O ja.«

»Was stellt das Wandbild da eigentlich vor, Herr Kandidat? Es scheint

eine Rivieravedute?«

Paul war nach zwei Stunden ganz durchnäßt und todmüde heimgekommen,

hatte ein kaltes Bad genommen und sich umgekleidet. Dann wartete er, bis

die drei ins Haus zurückkehrten, und als sie kamen und als Thusneldes

Stimme im Gang laut wurde, schrak er zusammen und bekam Herzklopfen.

Dennoch tat er gleich darauf etwas, wozu er sich selber noch einen

Augenblick zuvor den Mut nicht zugetraut hätte.

Als das Fräulein allein die Treppe heraufstieg, lauerte er ihr auf und

überraschte sie in der oberen Flur. Er trat auf sie zu und streckte ihr

einen kleinen Rosenstrauß entgegen. Es waren wilde Heckenröschen, die er

im Regen draußen abgeschnitten hatte.

»Ist das für mich?« fragte Thusnelde.

»Ja, für Sie.«

»Womit hab’ ich denn das verdient? Ich fürchtete schon, Sie könnten mich

gar nicht leiden.«

»O, Sie lachen mich ja nur aus.«

»Gewiß nicht, lieber Paul. Und ich danke schön für die Blumen. Wilde

Rosen, nicht?«

»Hagrosen.«

»Ich will eine davon anstecken, nachher.«

Damit ging sie weiter nach ihrem Zimmer.

* * * * *

Am Abend blieb man diesmal in der Halle sitzen. Es hatte schön abgekühlt

und draußen fielen noch die Tropfen von den blank gespülten Zweigen. Man

hatte im Sinn gehabt zu musizieren, aber der Professor wollte lieber die

paar Stunden noch mit Abderegg verplaudern. So saßen nun alle bequem

plaudernd in dem großen Raum, die Herren rauchten und die jungen Leute

hatten Limonadebecher vor sich stehen.

Die Tante sah mit Berta ein Album an und erzählte ihr alte Geschichten.

Thusnelde war guter Laune und lachte viel. Den Hauslehrer hatte das

lange erfolglose Reden im Pavillon stark mitgenommen, er war wieder

nervös und zuckte leidend mit den Gesichtsmuskeln. Daß sie jetzt so

lächerlich mit dem Büblein Paul kokettierte, fand er geschmacklos, und

er suchte wählerisch nach einer Form, ihr das zu sagen.

Paul war der Lebhafteste von allen. Daß Thusnelde seine Rosen im Gürtel

trug und daß sie lieber Paul zu ihm gesagt hatte, war ihm wie ein

starker Wein zu Kopf gestiegen. Er machte Witze, erzählte Geschichtchen,

hatte glühende Backen und ließ den Blick nicht von seiner Dame, die sich

seine Huldigung so graziös gefallen ließ. Dabei rief es im Grund seiner

Seele ohne Unterlaß: »Morgen geht sie fort! morgen geht sie fort!« und

je lauter und schmerzlicher es rief, desto sehnlicher klammerte er sich

an den schönen Augenblick und desto lustiger redete er darauf los.

Herr Abderegg, der einen Augenblick herüberhorchte, rief lachend: »Paul,

du fängst früh an!«

Er ließ sich nicht stören. Für Augenblicke faßte ihn ein drängendes

Verlangen, hinauszugehen, den Kopf an den Türpfosten zu lehnen und zu

schluchzen. Aber nein, nein!

Währenddessen hatte Berta mit der Tante >Du< gemacht und gab sich

dankbar unter ihren Schutz. Es lag wie eine Last auf ihr, daß Paul von

ihr allein nichts wissen wollte, daß er den ganzen Tag kaum ein Wort an

sie gerichtet hatte, und müde und unglücklich überließ sie sich der

gütigen Zärtlichkeit der Tante.

Die beiden alten Herren überboten einander im Aufwärmen von Erinnerungen

und spürten kaum etwas davon, daß neben ihnen junge unausgesprochene

Leidenschaften sich kreuzten und bekämpften.

Herr Homburger fiel mehr und mehr ab. Daß er hin und wieder eine schwach

vergiftete Pointe ins Gespräch warf, wurde kaum beachtet, und je mehr

die Bitterkeit und Auflehnung in ihm wuchs, desto weniger wollte es ihm

gelingen Worte zu finden. Er fand es kindisch, wie Paul sich gehen ließ,

und unverzeihlich, wie das Fräulein darauf einging. Am liebsten hätte er

gute Nacht gesagt und wäre gegangen. Aber das mußte aussehen wie ein

Geständnis, daß er sein Pulver verschossen habe und kampfunfähig sei.

Lieber blieb er da und trotzte. Und so widerwärtig ihm Thusneldes

ausgelassen spielerisches Wesen heute abend war, so hätte er sich doch

vom Anblick ihrer weichen Gesten und ihres schwach geröteten Gesichtes

jetzt nicht trennen mögen.

Thusnelde durchschaute ihn und gab sich keine Mühe, ihr Vergnügen über

Pauls leidenschaftliche Aufmerksamkeiten zu verbergen, schon weil sie

sah, daß es den Kandidaten ärgerte. Und dieser, der in keiner Hinsicht

ein Kraftmensch war, fühlte langsam seinen Zorn in jene weichlich trübe,

faule Resignation übergehen, mit der bis jetzt fast alle seine

Liebesversuche geendet hatten. War er denn je von einem Weib verstanden

und nach seinem Wert geschätzt worden? O, aber er war Künstler genug, um

auch die Enttäuschung den Schmerz, das Einsambleiben mit allen ihren

verborgensten Reizen zu genießen. Wenn auch mit zuckender Lippe, er

genoß es doch; und wenn auch verkannt und verschmäht, er war doch der

Held in der Szene, der Träger einer stummen Tragik, lächelnd mit dem

Dolch im Herzen.

Und nun lächelte er beständig. Er nahm kaum mehr am Gespräch teil, aber

er lächelte nachsichtig, schmerzlich und überlegen, und es war ihm ein

neuer, bitterer Triumph, daß niemand sehen wollte, wie wund sein Lächeln

war. So geschah es, daß dieser seltsame Hanswurst im Innersten

vielleicht befriedigter war als alle anderen.

* * * * *

Man trennte sich erst spät. Als Paul in sein kühles Schlafzimmer trat,

sah er durchs offene Fenster den beruhigten Himmel mit stillstehenden,

milchweißen Flaumwölkchen bedeckt; durch ihre dünnen Flöre drang das

Mondlicht weich und stark und spiegelte sich tausendmal in den nassen

Blättern der Parkbäume. Fern über den Hügeln, nicht weit vom dunkeln

Horizont, leuchtete schmal und langgestreckt wie eine Insel ein Stück

reinen Himmels feucht und milde, darin ein einziger blasser Stern.

Der Knabe blickte lange hinaus und sah es nicht, sah nur ein bleiches

Wogen und fühlte reine, frisch gekühlte Lüfte um sich her, hörte

niegehörte, tiefe Stimmen wie entfernte Stürme brausen und atmete die

weiche Luft einer anderen Welt. Vorgebeugt stand er am Fenster und

schaute, ohne etwas zu sehen, wie ein Geblendeter, und vor ihm ungewiß

und mächtig ausgebreitet lag das Land des Lebens und der Leidenschaften,

von heißen Stürmen durchzittert und von dunkelschwülem Gewölk

verschattet.

Die Tante war die letzte, die zu Bette ging. Wachsam hatte sie noch

Türen und Läden revidiert, nach den Lichtern gesehen und einen Blick in

die dunkle Küche getan, dann war sie in ihre Stube gegangen und hatte

sich beim Kerzenlicht in den altmodischen Sessel gesetzt. Sie wußte ja

nun, wie es um den Kleinen stand, und sie war im Innersten froh, daß

morgen die Gäste wieder reisen wollten. Wenn nur auch alles gut ablief!

Es war doch eigen, so ein Kind von heut auf morgen zu verlieren. Denn

daß Pauls Seele ihr nun entgleiten und mehr und mehr undurchsichtig

werden müsse, wußte sie wohl, und sie sah ihn mit Sorge seine ersten,

knabenhaften Schritte in den Garten der Liebe tun, von dessen Früchten

sie selber zu ihrer Zeit nur wenig und fast nur die bitteren gekostet

hatte. Dann dachte sie an Berta, seufzte und lächelte ein wenig und

suchte dann lange in ihren Schubladen nach einem tröstenden

Abschiedsgeschenk für die Kleine. Dabei erschrak sie plötzlich, als sie

sah, wie spät es schon war.

Über dem schlafenden Haus und dem dämmernden Garten standen ruhig die

milchweißen, flaumig dünnen Wolken, die Himmelsinsel am Horizont wuchs

langsam zu einem weiten, reinen, dunkelklaren Felde, zart von

schwachglänzenden Sternen durchglüht, und über die entferntesten Hügel

lief eine milde, schmale Silberlinie, sie vom Himmel trennend. Im Garten

atmeten die erfrischten Bäume tief und rastend und auf der Parkwiese

wechselte mit dünnen, wesenlosen Wolkenschatten der schwarze

Schattenkreis der Blutbuche.

* * * * *

Die sanfte, noch von Feuchtigkeit gesättigte Luft dampfte leise gegen

den völlig klaren Himmel. Kleine Wasserlachen standen auf dem Kiesplatz

und auf der Landstraße, blitzten goldig oder spiegelten die zarte Bläue.

Knirschend fuhr der Wagen vor und man stieg ein. Der Kandidat machte

mehrere tiefe Bücklinge, die Tante nickte liebevoll und drückte noch

einmal allen die Hände, die Hausmädchen sahen vom Hintergrunde der Flur

der Abfahrt zu.

Paul saß im Wagen Thusnelde gegenüber und spielte den Fröhlichen. Er

lobte das gute Wetter, sprach rühmend von köstlichen Ferientouren in die

Berge, die er vorhabe, und sog jedes Wort und jedes Lachen des Mädchens

gierig ein. Am frühen Morgen war er mit sehr schlechtem Gewissen in den

Garten geschlichen und hatte in dem peinlich geschonten Lieblingsbeet

seines Vaters die prächtigste halboffene Teerose abgeschnitten. Die trug

er nun, zwischen Seidenpapier gelegt, versteckt in der Brusttasche und

war beständig in Sorge, er könnte sie zerdrücken. Eben so bang war ihm

vor der Möglichkeit einer Entdeckung durch den Vater.

Die kleine Berta war ganz still und hielt den blühenden Jasminzweig vors

Gesicht, den ihr die Tante mitgegeben hatte. Sie war im Grunde fast

froh, nun fortzukommen.

»Soll ich Ihnen einmal eine Karte schicken?« fragte Thusnelde munter.

»O ja, vergessen Sie es nicht! Das wäre schön.«

Und dann fügte er hinzu: »Aber Sie müssen dann auch unterschreiben,

Fräulein Berta.«

Sie schrak ein wenig zusammen und nickte.

»Also gut, hoffentlich denken wir auch daran,« sagte Thusnelde.

»Ja, ich will dich dann erinnern.«

Da war man schon am Bahnhof. Der Zug sollte erst in einer Viertelstunde

kommen. Paul empfand diese Viertelstunde wie eine unschätzbare

Gnadenfrist. Aber es ging ihm sonderbar; seit man den Wagen verlassen

hatte und vor der Station auf und ab spazierte, fiel ihm kein Witz und

kein Wort mehr ein. Er war plötzlich bedrückt und klein, sah oft auf die

Uhr und horchte, ob der kommende Zug schon zu hören sei. Erst im letzten

Augenblick zog er seine Rose hervor und drückte sie noch an der

Wagentreppe dem Fräulein in die Hand. Sie nickte ihm fröhlich zu und

stieg ein. Dann fuhr der Zug ab, und alles war aus.

Vor der Heimfahrt mit dem Papa graute ihm, und als dieser schon

eingestiegen war, zog er den Fuß wieder vom Tritt zurück und meinte:

»Ich hätte eigentlich Lust, zu Fuß heimzugehen.«

»Schlechtes Gewissen, Paulchen?«

»O nein, Papa, ich kann ja auch mitkommen.«

Aber Herr Abderegg winkte lachend ab und fuhr allein davon.

»Er soll’s nur ausfressen,« knurrte er unterwegs vor sich hin,

»umbringen wird’s ihn nicht.« Und er dachte, seit Jahren zum ersten Mal,

an sein erstes Liebesabenteuer und war verwundert, wie genau er alles

noch wußte. Nun war also schon die Reihe an seinem Kleinen! Aber es

gefiel ihm, daß der Kleine die Rose gestohlen hatte. Er hatte sie wohl

gesehen.

Zu Hause blieb er einen Augenblick vor dem Bücherschrank im Wohnzimmer

stehen. Er nahm den Werther heraus und steckte ihn in die Tasche, zog

ihn aber gleich darauf wieder heraus, blätterte ein wenig darin herum,

begann ein Lied zu pfeifen und stellte das Büchlein an seinen Ort

zurück.

Mittlerweile lief Paul auf der warmen Landstraße heimwärts und war

bemüht, sich das Bild der schönen Thusnelde immer wieder vorzustellen.

Erst als er heiß und erschlafft die Parkhecke erreicht hatte, öffnete er

die Augen und besann sich, was er nun treiben solle. Da zog ihn die

plötzlich aufblitzende Erinnerung unwiderstehlich zur Trauerweide hin.

Er suchte den Baum mit heftig wallendem Verlangen auf, schlüpfte durch

die tiefhängenden Zweige und setzte sich auf dieselbe Stelle der Bank,

wo er gestern neben Thusnelde gesessen war und wo sie ihre Hand auf

seine gelegt hatte. Er schloß die Augen, ließ die Hand auf dem Holze

liegen und fühlte noch einmal den ganzen Sturm, der gestern ihn gepackt

und berauscht und gepeinigt hatte. Flammen wogten um ihn, und Meere

rauschten, und heiße Stürme zitterten sausend auf purpurnen Flügeln

vorüber.

Paul saß noch nicht lange an seinem Platz, so klangen Schritte und

jemand trat herzu. Er blickte verwirrt auf, aus hundert Träumen

gerissen, und sah den Herrn Homburger vor sich stehen.

»Ah, Sie sind da, Paul? Schon lange?«

»Nein, ich war ja mit an der Bahn. Ich kam zu Fuß zurück.«

»Und nun sitzen Sie hier und sind melancholisch.«

»Ich bin nicht melancholisch.«

»Also nicht. Ich habe Sie zwar schon munterer gesehen.«

Paul antwortete nicht.

»Sie haben sich ja sehr um die Damen bemüht.«

»Finden Sie?«

»Besonders um die eine. Ich hätte eher gedacht, Sie würden dem jüngeren

Fräulein den Vorzug geben.«

»Dem Backfisch? Hm.«

»Ganz richtig, dem Backfisch.«

Da sah Paul, daß der Kandidat ein fatales Grinsen aufsetzte, und ohne

noch ein Wort zu sagen, kehrte er sich um und lief davon, mitten über

die Wiese.

Mittags bei Tisch ging es sehr ruhig zu.

»Wir scheinen ja alle ein wenig müde zu sein,« lächelte Herr Abderegg.

»Auch du, Paul. Und Sie, Herr Homburger? Aber es war eine angenehme

Abwechslung, nicht?«

»Gewiß, Herr Abderegg.«

»Sie haben sich mit dem Fräulein gut unterhalten? Sie soll ja riesig

belesen sein.«

»Darüber müßte Paul unterrichtet sein. Ich hatte leider nur für

Augenblicke das Vergnügen.«

»Was sagst du dazu, Paul?«

»Ich? Von wem sprecht ihr denn?«

»Von Fräulein Thusnelde, wenn du nichts dagegen hast. Du scheinst

einigermaßen zerstreut zu sein --.«

»Ach, was wird der Junge sich viel um die Damen gekümmert haben,« fiel

die Tante ein.

»Ja, da hast du recht.«

* * * * *

Es wurde schon wieder heiß. Der Vorplatz strahlte Hitze aus und auf der

Straße waren die letzten Regenpfützen vertrocknet. Auf ihrer sonnigen

Wiese stand die alte Blutbuche, von warmem Licht umflossen und auf einem

ihrer starken Äste saß der junge Paul Abderegg, an den Stamm gelehnt und

ganz von rötlich dunkeln Laubschatten umfangen. Das war ein alter

Lieblingsplatz des Knaben, er war dort vor jeder Überraschung sicher.

Dort auf dem Buchenast hatte er heimlicherweise im Herbst vor drei

Jahren die >Räuber< gelesen, dort hatte er seine erste halbe Zigarre

geraucht und dort hatte er damals das Spottgedicht auf seinen früheren

Hauslehrer gemacht, bei dessen Entdeckung sich die Tante so furchtbar

aufgeregt hatte. Er dachte an diese und andere Streiche mit einem

überlegenen, nachsichtigen Gefühl, als wäre das alles vor Urzeiten

gewesen. Kindereien, Kindereien!

Mit einem Seufzer richtete er sich auf, kehrte sich behutsam im Sitze

um, zog sein Taschenmesser heraus und begann am Stamm zu ritzen. Es

sollte ein Herz daraus werden, das den Buchstaben T umschloß, und er

nahm sich vor, es schön und sauber auszuschneiden, wenn er auch mehrere

Tage dazu brauchen sollte.

Noch am selben Abend ging er zum Gärtner hinüber, um sein Messer

schleifen zu lassen. Er trat selber das Rad dazu. Auf dem Rückweg setzte

er sich eine Weile in das alte Boot, plätscherte mit der Hand im Wasser

und suchte sich auf die Melodie des Liedes zu besinnen, das er gestern

von hier aus hatte singen hören. Der Himmel war halb verwölkt und es sah

aus, als werde in der Nacht schon wieder ein Gewitter kommen.

Diesseits: Erzählungen · 第 9 / 23 题