Es war so ein Prachtsommer, in dem man das schöne Wetter nicht nach
Tagen, sondern nach Wochen rechnete, und es war noch Juni und man hatte
gerade das Heu eingebracht, so gesund und trocken wie schon lange nicht
mehr.
Für manche Leute gibt es nichts Schöneres als einen solchen Sommer, wo
noch im feuchtesten Ried das Schilf verbrennt und einem die Hitze bis in
die Knochen geht. Diese Leute, soweit sie nicht etwa in Indien geboren
sind, haben kein sehr zufriedenes und jedenfalls kein gleichmäßiges
Leben, denn die echten Sommer gibt es nicht alle Jahre. Dafür saugen
sie, sobald ihre Zeit gekommen ist, so viel Wärme und Behagen ein und
werden ihres meist ohnehin nicht sehr betriebsamen Daseins so
schlaraffisch froh, wie es andern Leuten nie zuteil wird. Zu dieser
harmlosen Menschenklasse gehöre auch ich; darum war mir in jenem
Sommersanfang auch so mächtig wohl, freilich mit starken
Unterbrechungen, von denen ich nachher das Nötigste erzählen werde.
Es war vielleicht der üppigste Juni, den ich je erlebt habe, und es wäre
bald Zeit, daß wieder so einer käme. Der kleine Blumengarten vor meines
Vetters Haus an der Dorfstraße duftete und blühte ganz unbändig; die
Georginen, die den schadhaften Zaun versteckten, standen dick und hoch
und hatten feiste runde Knospen angesetzt, aus deren Ritzen gelb und rot
und lila die jungen Blütenblätter strebten. Der Goldlack brannte so
überschwenglich honigbraun und duftete so ausgelassen und sehnlich, als
wüßte er wohl, daß seine Zeit schon nahe war, da er verblühen und den
dicht wuchernden Reseden Platz machen mußte. Still und brütend standen
die steifen Balsaminen auf dicken, gläsernen Stengeln, schlank und
träumerisch die Schwertlilien, fröhlich hellrot die verwildernden
Rosenbüsche. Man sah kaum eine Handbreit Erde mehr, als sei der ganze
Garten nur ein großer, bunter und fröhlicher Strauß, der aus einer zu
schmalen Vase hervorquoll, und an dessen Rändern die Kapuziner in den
Rosen fast erstickten und in dessen Mitte der prahlerisch emporflammende
Türkenbund mit seinen großen geilen Blüten sich frech und gewalttätig
breit machte.
Mir gefiel das ungemein, aber mein Vetter und die Bauersleute sahen es
kaum. Denen fängt der Garten erst an, ein wenig Freude zu machen, wenn
es dann herbstelt und in den Beeten nur noch letzte Spätrosen,
Strohblumen und Astern übrig sind. Jetzt waren sie alle tagtäglich von
früh bis spät im Feld und fielen am Abend müde und schwer wie
umgeworfene Bleisoldaten in die Betten. Und doch wird in jedem Herbst
und in jedem Frühjahr der Garten wieder treulich besorgt und
hergerichtet, der nichts einbringt und den sie in seiner schönsten Zeit
kaum ansehen. Ich fragte einmal einen Hofbauern, warum und für wen er
sich eigentlich immer wieder diese Mühe mache.
»Für dich,« sagte er ernsthaft, »und für derlei Faulenzer und arme
Schlucker, damit sie auch an etwas ihre Freude haben können. Weißt’s
jetzt?«
Seit zwei Wochen stand ein heißer, blauer Himmel über dem Land, am
Morgen rein und lachend, am Nachmittag stets von niederen, langsam
wachsenden, gedrängten Wolkenballen umlagert. Nachts gingen nah und fern
Gewitter nieder, aber jeden Morgen, wenn man -- noch den Donner im Ohr
-- erwachte, glänzte die Höhe blau und sonnig herab und war schon wieder
ganz von Licht und Hitze durchtränkt. Dann begann ich froh und ohne Hast
meine Art von Sommerleben: kurze Gänge auf glühenden und durstig
klaffenden Feldwegen durch warm atmende, hohe, gilbende Ährenfelder, aus
denen Mohn und Kornblumen, Wicken, Kornraden und Winden lachten, sodann
lange, stundenlange Rasten in hohem Gras an Waldsäumen, über mir
Käfergoldgeflimmer, Bienengesang, windstill ruhendes Gezweige im tiefen
Himmel; gegen Abend alsdann ein wohlig träger Heimweg durch Sonnenstaub
und rötliches Ackergold, durch eine Luft voll Reife und Müdigkeit und
sehnsüchtigem Kuhgebrüll, und am Ende lange, laue Stunden bis
Mitternacht, versessen unter Ahorn und Linde allein oder mit irgend
einem Bekannten bei gelbem Wein, ein zufriedenes, lässiges Plaudern in
die warme Nacht hinein, bis fern irgendwo das Donnern begann und unter
erschrocken aufrauschenden Windschauern erste, langsam und wollüstig aus
den Lüften sinkende Tropfen schwer und weich und kaum hörbar in den
dicken Staub fielen.
»Nein, so was Faules wie du!« meinte mein lieber Vetter mit ratlosem
Kopfschütteln, »daß dir nur keine Glieder abfallen!«
»Sie hängen noch gut,« beruhigte ich. Und ich freute mich daran, wie
müde und schweißig und steifgeschafft er war. Ich wußte mich in meinem
guten Recht; ein Examen und eine lange Reihe von sauren Monaten lagen
hinter mir, in denen ich meine Bequemlichkeit täglich schwer genug
gekreuzigt und geopfert hatte. Jetzt war ich obenan -- was kost’t die
Welt?
Vetter Kilian war auch gar nicht so, daß er mir meine Lust nicht gegönnt
hätte. Vor meiner Gelehrtheit hatte er tiefen Respekt, sie umgab mich
für sein Auge mit einem geheiligten Faltenwurf, und ich warf natürlich
die Falten so, daß die mancherlei Löcher nicht gerade obenhin kamen.
Vielmehr fand ich seine Ehrfurcht anfangs zwar komisch, dann aber
rührend, und in Bälde schien sie mir sogar natürlich, wohlverdient und
ganz am Platze zu sein.
Es war mir so wohl wie noch nie. Still und langsam schlenderte ich in
Feld und Wiesenland, durch Korn und Heu und hohen Schierling, lag
regungslos und atmend wie eine Schlange in der schönen Wärme und genoß
die brütend stillen Stunden, in denen ich meine Haut langsam braun
werden sah und jeden in der Nähe tätigen Feldarbeiter mit herzlicher
Schadenfreude betrachtete.
Und dann diese Sommertöne! Diese Töne, bei denen einem närrisch wohl und
traurig wird und die ich so lieb habe: das unendliche, bis über
Mitternacht anhaltende Zikadenläuten, an das man sich völlig verlieren
kann wie an den Anblick des Meeres -- das satte Rauschen der wogenden
Ähren -- das beständig auf der Lauer liegende entfernte leise Donnern --
abends das Mückengeschwärme und das fernhin rufende, ergreifende
Sensendengeln -- nachts der schwellende, warme Wind und das
leidenschaftliche Stürzen plötzlicher Regengüsse.
Und wie in diesen kurzen, stolzen Wochen alles inbrünstiger blüht und
atmet, tiefer lebt und duftet, sehnlicher und inniger lodert! Wie der
überreiche Lindenduft in weichen Schwaden ganze Tale füllt, und wie
neben den müden, reifenden Kornähren die farbigen Ackerblumen gierig
leben und sich brüsten, wie sie verdoppelt glühen und fiebern in der
Hast der Augenblicke, bis ihnen viel zu früh die Sichel rauscht!
Diese Fülle und Schönheit hätte wohl genügt, um mich froh und übermütig
zu machen, und doch hatte ich das gar nimmer nötig. Ich war
vierundzwanzig Jahre alt, fand die Welt und mich selber sehr
wohlbeschaffen und betrieb das Leben noch als eine ergötzliche
Liebhaberkunst, vorwiegend nach ästhetischen Gesichtspunkten. Nur das
Verliebtsein kam und verlief ganz ohne meine Wahl nach den
althergebrachten Regeln. Doch hätte mir das niemand sagen dürfen! Ich
hatte mich nach den nötigen Zweifeln und Schwankungen einer das Leben
bejahenden Philosophie ergeben und mir nach mehrfachen schweren
Erfahrungen, wie mir schien, eine ruhige und sachliche Betrachtung der
Dinge erworben. Außerdem hatte ich mein Examen bestanden, auf den Herbst
eine ungewöhnlich und unverdient gute Anstellung in der Stadt in
Aussicht, ein nettes Taschengeld im Sack und zwei Monate Ferien vor mir
liegen.
Es gibt wahrscheinlich in jedem Leben solche Zeiten: weit vor sich sieht
man glatte Bahn, kein Hindernis, keine Wolke am Himmel, keine Pfütze im
Weg. Da wiegt man sich gar stattlich im Wipfel und glaubt mehr und mehr
zu erkennen, daß es eben doch kein Glück und keinen Zufall gibt, sondern
daß man das alles und noch eine halbe Zukunft ehrlich verdient und
erworben habe, einfach weil man der Kerl dazu war. Und man tut wohl
daran, sich dieser Erkenntnis zu freuen, denn auf ihr beruht das Glück
der Märchenprinzen ebenso wie das Glück der Spatzen auf dem Mist, und es
dauert ja nie zu lange.
Von den zwei schönen Ferienmonaten waren mir erst ein paar Tage durch
die Finger geglitten. Bequem und elastisch wie ein heiterer Weiser
wandelte ich in den Tälern hin und her, eine Zigarre im Mund, eine
Ackerschnalle am Hut, ein Pfund Kirschen und ein gutes Büchlein in der
Tasche. Ich tauschte kluge, ernste Worte mit den Gutsbesitzern, sprach
da und dort den Leuten im Felde freundlich aufmunternd zu, ließ mich zu
allen großen und kleinen Festlichkeiten, Zusammenkünften und Schmäusen,
Zweckessen und Backtagen, Taufen und Bockbierabenden einladen, tat
gelegentlich am Spätnachmittag einen Trunk mit dem Pfarrer, ging mit den
Fabrikherren und Wasserpächtern zum Forellenangeln, bewegte mich maßvoll
fröhlich und schnalzte innerlich mit der Zunge, wenn irgend so ein
feister, erfahrener Mann mich ganz wie seinesgleichen behandelte und
keine Anspielungen auf meine große Jugend machte. Denn wirklich, ich war
nur äußerlich so lächerlich jung. Seit einiger Zeit hatte ich entdeckt,
daß ich nun über die Spielereien hinausgekommen und ein Mann geworden
sei; mit stiller Wonne ward ich stündlich meiner Reife froh und brauchte
gern den Ausdruck, das Leben sei ein Roß, ein flottes, kräftiges Roß,
und wie ein Reiter müsse man es behandeln, kühn und auch vorsichtig.
Manche Wahrheiten, die mir vor einem Jahr noch altmodisch, pedantisch
und greisenhaft geklungen hatten, fand ich neuerdings erstaunlich wahr
und tief. Ich fing sogar schon an, Studenten und solches Volk als >junge
Leute< zu empfinden und mit warmem Interesse und Wohlwollen zu
betrachten. Alles in allem war ich mein Lebtag noch nie so glücklich
gewesen. Das Leben war ein Roß, und tüchtige Rosse reiten war ganz mein
Fall.
Und da lag die Erde in ihrer Sommerschönheit um mich her, die Kornfelder
fingen an gelb zu werden, die Luft war noch voll Heugeruch, und das Laub
hatte noch lichte, heftige Farben. Die Kinder trugen Brot und Most ins
Feld, die Bauern waren eilig und fröhlich, und abends liefen die jungen
Mädchen in Reihen über die Gasse, ohne Grund plötzlich hinauslachend und
ohne Vereinbarung plötzlich ihre weichmütigen Volkslieder anstimmend.
Vom Gipfel meiner jungen Mannesreife herab sah ich freundlich zu, gönnte
den Kindern und den Bauern und den Mädchen ihre Lust von Herzen und
glaubte das alles wohl zu verstehen. Ich glaubte sogar die Volkslieder
zu verstehen. Gar nicht von oben herunter -- ein >Herr< war ich nicht
und wollte ich nicht sein. Aber das ganze Dasein so klar und klug zu
überschauen, schien mir ein Hauptvergnügen. Es war schön, über mein
Leben hinwegzublicken, das bisher so ziellos ausgesehen hatte und so
reichlich mit Dummheiten durchsetzt war, und das doch nun so simpel
dalag -- jetzt, wo ich auf der Höhe stand und den krummen Herweg wie den
geraden Weiterweg so deutlich übersehen konnte.
Um mein Glück und meine Weisheit zu krönen, beschloß ich, künftighin
meine Erfahrungen und Künste gebotenen Falles auch auf Liebessachen
anzuwenden, um mir ein überlegtes, solides Glück zu erbauen. Lieber
Gott, wie hatte ich bisher drauf los geliebt, ohne Direktion und
meistens unglücklich! Auch unter dieses Jugendkapitel gehörte nun ein
fester, sauber gezogener Strich.
* * * * *
In der kühlen Waldschlucht des Sattelbachs, der alle paar hundert
Schritt eine Mühle treiben muß, lag stattlich und sauber ein
Marmorsägewerk: Schuppen, Sägeraum, Stellfalle, Hof, Wohnhaus und
Gärtchen, alles einfach, solid und erfreulich aussehend, weder
verwittert noch allzu neu. Da wurden Marmorblöcke langsam und tadellos
in Platten und Scheiben zersägt, gewaschen und geschliffen, ein stiller
und reinlicher Betrieb, an dem jeder Zuschauer seine Lust haben mußte.
Fremdartig, aber hübsch und anziehend war es, mitten in dem engen und
gewundenen Tale zwischen Tannen und Buchen und schmalen Wiesenbändern
den Sägehof daliegen zu sehen, angefüllt mit großen Marmorblöcken,
weißen, bläulichgrauen und buntgeäderten, mit fertigen Platten von jeder
Größe, mit Marmorabfällen und feinem glänzendem Marmorstaub. Als ich das
erste Mal diesen Hof nach einem Neugierbesuch verließ, nahm ich ein
kleines, einseitig poliertes Stückchen weißen Marmors in der Tasche mit;
das besaß ich jahrelang und hatte es als Briefbeschwerer auf meinem
Schreibtisch liegen. Ich hätte es heute noch, aber im vorigen Frühling
kam eine Nacht, in der das Katzengejammer auf dem Nachbarsdache mich
nicht schlafen ließ, und da flog nebst andern entbehrlichen Stücken auch
jenes kleine Andenken an eine vergangene Zeit den Katzen nach in die
Dächer.
Der Besitzer dieser Marmorschleiferei hieß Herr Lampart und schien mir
von den tüchtigen Originalen jener ergiebigen Gegend eins der
eigentümlichsten zu sein. Er war früh verwitwet und hatte teils durch
sein ungeselliges Leben, teils durch sein eigenartiges Gewerbe, das mit
der Umgebung und mit dem Leben der Leute ringsum ohne Berührung blieb,
einen besonderen Anstrich bekommen. Er galt für sehr wohlhabend, doch
wußte das keiner gewiß, denn es gab weit herum niemand, der irgend ein
ähnliches Geschäft und einen Einblick in dessen Gang und Ertrag gehabt
hätte. Worin seine Besonderheit bestand, hatte ich noch nicht ergründet.
Sie war aber da und nötigte einen, mit Herrn Lampart anders als mit
andern Leuten umzugehen. Wer zu ihm kam, war willkommen und fand einen
freundlichen Empfang, aber daß der Marmorsäger jemand wiederbesuchte,
ist nie vorgekommen; schon das gab seiner ohnehin nicht gewöhnlichen
Person etwas Abgeschlossenes und fast Feudales. Erschien er einmal -- es
geschah selten -- bei einer öffentlichen Feier im Dorf oder zu einer
Jagd oder in irgend einer Kommission, so behandelte man ihn sehr
höflich, tastete aber verlegen nach der rechten Begrüßung, denn er kam
so ruhig daher und blickte jedem so gleichmütig ernst ins Gesicht wie
ein Einsiedler, der aus dem Wald hervorgekommen ist und bald wieder
hineingehen wird.
Man fragte ihn, wie die Geschäfte gingen. »Danke, es tut sich,« sagte
er, aber er tat keine Gegenfrage. Man erkundigte sich, ob die letzte
Überschwemmung oder der letzte Wassermangel ihn geschädigt habe. »Danke,
nicht besonders,« sagte er, aber er fuhr nicht fort: »Und bei Ihnen?«
Nach dem Äußeren zu urteilen, war er ein Mann, der viele Sorgen gehabt
hat und vielleicht noch hat, der aber gewohnt ist, sie mit niemand zu
teilen.
In jenem Sommer war es mir zu einer Gewohnheit geworden, sehr oft beim
Marmormüller einzukehren. Diesen Mann zu studieren und dabei womöglich
einen Triumph meiner Menschenkenntnis zu erleben, schien mir ein edles
Ziel. Ich war noch ein Anfänger in solchen Künsten und wußte nicht, daß
man so etwas nicht ungestraft treiben kann, sondern auf solchen
Entdeckungsfahrten meistens in die Strömungen eines fremden Lebens
hineingezogen wird und ihnen selten ohne Beulen und Wunden wieder
entrinnt. Überhaupt war ich noch des frohen jugendlichen Glaubens, ein
Mensch könne einem andern ins Innere sehen, wie denn jeder junge
Weltweise sich für einen durchtriebenen Beobachter hält, während er sich
selber gern undurchschaulich glaubt. So betrat ich also die Mühle mit
Zuversicht und heiterem Eifer, ohne zu ahnen, daß vielleicht gerade hier
mein Schicksal verborgen liege und nur auf die rechte Stunde warte, um
mir ein wildes Stück Leben vorzuspielen und einen ersten bitteren
Denkzettel mitzugeben.
Oft trat ich nur im Vorüberbummeln für eine Viertelstunde in den Hof und
in die kühle dämmerige Schleiferei, wo blanke Stahlbänder taktmäßig auf
und nieder stiegen, Sandkörner knirschten und rieselten, schweigsame
Männer am Werk standen und unter dem Boden das Wasser plätscherte. Ich
schaute den paar Rädern und Riemen zu, setzte mich auf einen Steinblock,
drehte mit den Sohlen eine Holzrolle hin und her oder ließ die
Marmorkörner und Splitter unter ihnen knirschen, horchte auf das Wasser,
steckte eine Zigarre an, genoß eine kleine Weile die Stille und Kühle
und lief wieder weg. Den Herrn traf ich dann fast nie. Wenn ich zu ihm
wollte, und das wollte ich sehr oft, dann trat ich in das kleine, immer
schlummerstille Wohnhaus, kratzte im Gang die Stiefel ab und hustete
dazu, bis entweder Herr Lampart oder seine Tochter herunterkam, die Tür
einer lichten Wohnstube öffnete und mir einen Stuhl und ein Glas Wein
hinstellte. Der Wein war ein vorzüglicher Markgräfler, aber mehr als ein
Glas trank ich nie davon.
Da saß ich am schweren Tisch, nippte am Glas, drehte meine Finger
umeinander und brauchte immer eine Weile, bis ein Gespräch im Lauf war;
denn weder der Hausherr noch die Tochter, die aber sehr selten beide
zugleich da waren, machten je den Anfang, und mir schien diesen Leuten
gegenüber und in diesem Hause niemals irgend ein Thema, das man sonst
etwa vornimmt, am Platze zu sein. Nach einer guten halben Stunde, wenn
dann längst eine Unterhaltung beieinander war, hatte ich meistens, trotz
aller Behutsamteit, mein Weinglas leer. Ein zweites wurde nicht
angeboten, darum bitten mochte ich nicht, vor dem leeren Glase da zu
sitzen war mir ein wenig peinlich, also stand ich auf, gab die Hand und
setzte den Hut auf.
Was die Tochter betrifft, so war mir im Anfang nichts aufgefallen, als
daß sie dem Vater so merkwürdig ähnlich war. Sie war so groß gewachsen,
aufrecht und dunkelhaarig wie er, sie hatte seine matten schwarzen
Augen, seine gerade, klar und scharf geformte Nase, seinen stillen,
schönen Mund. Sie hatte auch seinen Gang, soweit ein Weib eines Mannes
Gang haben kann, und dieselbe gute und ernste Stimme, die an Altgesang
erinnerte. Sie streckte einem die Hand mit derselben ruhigen Geste
entgegen wie ihr Vater, wartete ebenso wie er ab, was man zu sagen habe,
und sie gab auf gleichgültige Höflichkeitsfragen ebenso sachlich, kurz
und ein wenig wie verwundert Antwort. Im Anfang interessierte der Vater
mich mehr; sie kam mir wie ein Pleonasmus vor.
Aber schließlich ist ein dreiundzwanzigjähriges schönes Mädchen doch ein
ander Ding als ein noch so rüstiger Geschäftsmann, und auch bei der
auffallendsten Verwandtschaftsähnlichkeit kann man ein Weib nicht lange
mit denselben Augen und Interessen ansehen wie einen Mann. Als ich meine
Menschenkenntnis am Alten soweit erschöpft hatte, um mir darüber klar zu
werden, er sei ein merkwürdiger Mann und schwer zu verstehen, und als
die plötzlichen Schlaglichter und Verständnisse gänzlich ausblieben, die
zu einem weiteren Eindringen in sein verhülltes Wesen nötig gewesen
wären, da schien es mir kein Pleonasmus, nun auch die Tochter zu
studieren.
Sie war von einer Art Schönheit, die man in alemannischen Grenzlanden
öfters antrifft und die wesentlich auf einer ebenmäßigen Kraft und Wucht
der Erscheinung beruht, auch unzertrennlich ist von großem, hohem Wuchs
und bräunlicher Gesichtsfarbe. Ich hatte sie anfänglich wie ein hübsches
Bild betrachtet, dann aber fesselte die Sicherheit und Reife des schönen
Mädchens mich mehr und mehr. So etwa fing meine Verliebtheit an, und sie
wuchs bald zu einer Leidenschaft, die ich bisher noch nicht gekannt
hatte. Sie wäre wohl bald eklatant geworden, wenn nicht die gemessene
Art des Mädchens und die ruhig kühle Luft des ganzen Hauses mich, sobald
ich dort war, wie eine leichte Lähmung umfangen und zahm gemacht hätte.
Wenn ich ihr oder ihrem Vater gegenübersaß, kroch mein ganzes Feuer
sogleich zu einem scheuen Flämmlein zusammen, das ich vorsichtig
verbarg, und statt wie in früheren Fällen eine Szene zu riskieren und
herauszuplatzen, hockte ich zierlich und mutlos im Sessel. Die Stube sah
auch durchaus nicht einer Bühne ähnlich, auf der junge Liebesritter mit
Erfolg sich ins Knie niederlassen, sondern glich mehr einer Stätte der
Mäßigung und Ergebung, wo ruhige Kräfte walten und ein ernstes Stück
Leben ernst erlebt und ertragen wird. Trotz alledem spürte ich hinter
dem stillen Hinleben des Mädchens eine gebändigte Lebensfülle und
Erregbarkeit, die nur selten hervorbrach und auch dann nur in einer
raschen Geste oder einem plötzlich aufglühenden Blick, wenn ein Gespräch
sie lebhaft mitriß.
Ich hatte, wie schon angedeutet, vor kurzem den Stein der Weisen
gefunden und mich als Meister der Lebensklugheit entdeckt. Kaum ging mir
also das erste Licht über die Lage der Dinge auf, so hatte meine
überlegene Weisheit auch schon alles stilvoll umgedichtet und mich zu
einem klugen Manne gemacht, der zwar eingestandenermaßen sehr verliebt
ist, der aber keine Frucht vorzeitig vom Ast brechen will, sondern die
sichere Methode des Maßhaltens, Wartens und Reifwerdenlassens befolgt.
Oft genug besann ich mich darüber, wie wohl das eigentliche Wesen des
schönen und strengen Mädchens aussehen möge. Sie konnte im Grunde
leidenschaftlich sein, oder auch melancholisch, oder auch wirklich
gleichmütig. Jedenfalls war das, was man an ihr zu sehen bekam, nicht
ganz ihre wahre Natur. Über sie, die so frei zu urteilen und so
selbständig zu leben schien, hatte ihr Vater eine unbeschränkte Macht,
und ich fühlte, daß ihre wahre innere Natur nicht ungestraft durch den
väterlichen Einfluß, wenn auch in Liebe, von früh auf unterdrückt und in
andere Formen gezwungen worden war. Wenn ich sie beide beisammen sah,
was freilich sehr selten vorkam, glaubte ich diesen vielleicht ungewollt
tyrannischen Einfluß mitzufühlen und hatte die unklare Empfindung, es
müsse zwischen ihnen einmal einen zähen und tödlichen Kampf geben. Wenn
ich aber dachte, daß dies vielleicht einmal um mich geschehen könne,
schlug mir das Herz, und ich konnte ein leises Grauen nicht
unterdrücken.
* * * * *
Machte meine Freundschaft mit Herrn Lampart wenig oder keine
Fortschritte, so gedieh mein Verkehr mit Gustav Becker, dem Verwalter
des Rippacher Hofes, desto erfreulicher. Wir hatten sogar vor kurzem,
nach stundenlangen Gesprächen, Brüderschaft getrunken, und ich war nicht
wenig stolz darauf, trotz der entschiedenen Mißbilligung meines Vetters.
Becker war ein studierter Mann, vielleicht zweiunddreißig alt, und ein
gewiegter, schlauer Patron. Von ihm beleidigte es mich nicht, daß er
meine schönen Mannesworte meistens mit einem ironischen Lächeln anhörte,
denn ich sah ihn mit dem gleichen Lächeln viel älteren und würdigeren
Leuten aufwarten. Er konnte es sich erlauben, denn er war nicht nur der
selbständige Verwalter und vielleicht künftige Käufer des größten Gutes
in der Gegend, sondern auch innerlich den meisten Existenzen seiner
Umgebung stark überlegen. Man nannte ihn anerkennend einen höllisch
gescheiten Kerl, aber sehr lieb hatte man ihn nicht. Ich bildete mir
ein, er fühle sich von den Leuten gemieden und gebe sich deshalb so viel
mit mir ab.
Freilich brachte er mich oft zur Verzweiflung. Meine Sätze über das
Leben und die Menschen machte er häufig ohne Worte, bloß durch ein
grausam ausdrucksvolles Grinsen, mir selber zweifelhaft, und manchmal
wagte er es direkt, jede Art von Weltweisheit für etwas Lächerliches zu
erklären.
»Drüber reden kann man ja immerhin. Überhaupt, Reden kostet nichts und
ist ganz gesund, verglichen mit andern Vergnügungen. Einer sagt: das
Leben ist ein Rechenexempel, und dann kann man das eine Viertelstunde
lang nett und richtig finden. Er kann auch sagen: das Leben ist ein
Misthaufen. Es ist auch wahr, und der Erfolg ist der gleiche. Wie
gesagt, eine Viertelstunde lang.«
Eines Abends saß ich mit Gustav Becker im Adlergarten bei einem Glas
Bier. Wir saßen an einem Tisch gegen die Wiese hin ungestört und ganz
allein. Es war so ein trockener, heißer Abend, wo alles voll von
goldigem Staub ist, der Lindenduft war fast betäubend und das Licht
schien weder zu- noch abzunehmen.
»Du, du kennst doch den Marmorsäger drüben im Sattelbachtal?« fragte ich
meinen Freund.
Er sah nicht vom Pfeifenstopfen auf und nickte nur.
»Ja, sag mal, was ist nun das für ein Mensch?«
Becker lachte und stieß die Pfeifenpatrone in die Westentasche.
»Ein ganz gescheiter Mensch ist er,« sagte er dann. »Darum hält er auch
immer das Maul. Was geht er dich an?«
»Nichts, ich dachte nur so. Er macht doch einen besonderen Eindruck.«
»Das tun gescheite Leute immer; es gibt nicht so viele.«
»Sonst nichts? Weißt du nichts über ihn?«
»Er hat ein schönes Mädel.«
»Ja. Das mein’ ich nicht. Warum kommt er nie zu Leuten?«
»Was soll er dort?«
»Ach, einerlei. Ich denke, vielleicht hat er was Besonderes erlebt, oder
so.«
»Aha, so was Romantisches? Stille Mühle im Tal? Marmor? Schweigsamer
Eremit? Begrabenes Lebensglück? Tut mir leid, aber damit ist’s nichts.
Er ist ein vorzüglicher Geschäftsmann.«
»Weißt du das?«
»Er hat’s hinter den Ohren. Der Mann macht Geld.«
Da mußte er gehen. Es gab noch zu tun. Er zahlte sein Bier und ging
direkt über die gemähte Wiese, und als er hinter dem nächsten Bühel
schon eine Weile verschwunden war, kam noch ein langer Strich
Pfeifenrauch von dorther, denn Becker lief gegen den Wind. Im Stall
fingen die Kühe satt und langsam zu brüllen an, auf der Dorfstraße
tauchten die ersten Feierabendgestalten auf, und als ich nach einer
kleinen Weile um mich schaute, waren die Berge schon blauschwarz und der
Himmel war nimmer rot, sondern grünlichblau und sah aus, als müßte jeden
Augenblick der erste Stern herauskommen.
Das kurze Gespräch mit dem Verwalter hatte meinem Denkerstolz einen
leisen Tritt versetzt, und da es so ein schöner Abend und doch schon ein
Loch in meinem Selbstbewußtsein war, kam meine Liebe zu der
Marmormüllerin plötzlich über mich und ließ mich fühlen, daß mit
Leidenschaften nicht zu spielen sei. Ich trank noch manche Halbe aus,
und als nun wirklich die Sterne heraus waren und als von der Gasse so
ein rührendes Volkslied herüberklang, da hatte ich meine Weisheit und
meinen Hut auf der Bank liegen lassen, lief langsam in die dunkeln
Felder hinein und ließ im Gehen die Tränen laufen, wie sie wollten.
Aber durch die Tränen hindurch sah ich das sommernächtige Land daliegen,
die mächtige Flucht der Ackerfelder schwoll am Horizont wie eine starke
und weiche Woge in den Himmel, seitwärts schlief atmend der weithin
gestreckte Wald und hinter mir lag fast verschwunden das Dorf, mit wenig
Lichtlein und wenigen leisen und fernen Tönen. Himmel, Ackerland, Wald
und Dorf samt den vielerlei Wiesendüften und dem vereinzelt noch
hörbaren Grillengeläut floß alles ineinander und umgab mich lau und
sprach zu mir wie eine schöne, froh und traurig machende Melodie. Nur
die Sterne ruhten klar und unbewegt in halbdunkeln Höhen. Ein scheues
und doch brennendes Begehren, eine Sehnsucht rang sich in mir auf; ich
wußte nicht, war es ein Hindrängen zu neuen, unbekannten Freuden und
Schmerzen oder ein Verlangen, rückwärts in die Kinderheimat zu wandern,
mich an den väterlichen Gartenzaun zu lehnen, die Stimmen der toten
Eltern und das Kläffen unseres toten Hundes noch einmal zu hören und
mich auszuweinen.
Ohne es zu wollen, kam ich in den Wald und durch dürres Gezweige und
schwüle Finsternis, bis es vor mir plötzlich geräumig und helle ward,
und dann stand ich lange zwischen den hohen Tannen über dem engen
Sattelbachtal, und drunten lag das Lampartische Anwesen mit den matten
blassen Marmorhaufen und dem dunkel brausenden schmalen Wehr. Bis ich
mich schämte und querfeldein den nächsten Heimweg nahm.
Am nächsten Tage hatte Gustav Becker mein Geheimnis schon heraus.
»Mach doch keine Redensarten,« sagte er, »du bist ja einfach in die
Lampart verschossen. Das Unglück ist ja nicht so groß. Du bist in dem
Alter, daß dir dergleichen ohne Zweifel noch öfter passieren wird.«
Mein Stolz regte sich schon wieder mächtig.
»Nein, mein Lieber,« sagte ich, »da hast du mich doch unterschätzt. Über
so knabenhafte Liebeleien sind wir hinaus. Ich hab’ mir alles wohl
überlegt und finde, ich könnte gar keine bessere Heirat tun.«
»Heiraten?« lachte Becker. »Junge, du bist reizend.«
Da wurde ich ernstlich zornig, lief aber doch nicht fort, sondern ließ
mich darauf ein, dem Verwalter meine Gedanken und Pläne in dieser Sache
weitläufig zu erzählen.
»Du vergißt eine Hauptsache,« sagte er dann ernsthaft und nachdrücklich.
»Die Lamparts sind nichts für dich, das sind Leute von einem schweren
Kaliber. Verlieben kann man sich ja in wen man will, aber heiraten darf
man nur jemand, mit dem man nachher auch fertig werden und Tempo
einhalten kann. Du bist ja ein ordentlicher Kerl, aber die Lamparts sind
aus einem ganz andern Stoff. Die reden wenig und haben dafür eine Wucht
nach innen, die du gar nicht verstehst.«
Da ich Gesichter schnitt und ihn heftig unterbrechen wollte, lachte er
plötzlich wieder und meinte: »Na, dann tummle dich, mein Sohn, und auch
viel Glück dazu!«
Von da an sprach ich eine Zeitlang oft mit ihm darüber. Da er selten von
der Sommerarbeit abkommen konnte, führten wir fast alle diese Gespräche
unterwegs im Felde oder in Stall und Scheuer. Und je mehr ich redete,
desto klarer und abgerundeter stand die ganze Sache vor mir, und es
wundert mich nachträglich, daß ich nicht noch andre Leute in’s Vertrauen
zog.
Nur wenn ich in der Marmorsäge saß, fühlte ich mich bedrückt und merkte
wieder, wie weit ich noch vom Ziele war. Das Mädchen war stets von
derselben freundlich stillen Art, mit einem Anflug von Männlichkeit, der
mir köstlich schien und mich doch schüchtern machte.
Ich sprach mit ihr über Jahreszeit und Wetter, über Bücher, die ich ihr
lieh, aber am liebsten über >das Leben<; das war eben damals mein
Leibfach. Zuweilen wollte es mir scheinen, sie sähe mich doch gern und
habe mich heimlich lieb; sie konnte mich je und je so selbstvergessen
und prüfend ansehen, wie etwas, woran man Freude hat. Auch ging sie ganz
ernsthaft auf meine klugen Reden ein, schien aber im Hintergrund eine
unumstößlich andre Meinung zu haben.
Einmal sagte sie: »Für die Frauen oder wenigstens für mich sieht das
Leben doch anders aus. Wir müssen vieles tun und geschehen lassen, was
ein Mann anders machen könnte. Wir sind nicht so frei . . .«
Ich sprach davon, daß jedermann sein Schicksal in der Hand habe und sich
ein Leben schaffen müsse, das ganz sein Werk sei und ihm gehöre.
»Ein Mann kann das vielleicht,« meinte sie. »Das weiß ich nicht. Aber
bei uns ist das anders. Auch wir können etwas aus unserm Leben machen,
aber es gilt da mehr, das Notwendige mit Vernunft zu tragen und zu
verschönern, als eigne Schritte zu tun.«
Und als ich nochmals widersprach und eine hübsche kleine Rede losließ,
wurde sie wärmer und sagte fast leidenschaftlich:
»Bleiben Sie bei Ihrem Glauben und lassen Sie mir meinen! Sich das
Schönste vom Leben heraussuchen, wenn man die Wahl hat, ist keine so
große Kunst. Aber wer hat denn die Wahl? Wenn Sie heute oder morgen
unter ein Wagenrad kommen und Arme und Beine verlieren, was fangen Sie
dann mit Ihren Luftschlössern an? Dann wären Sie froh, Sie hätten
gelernt, mit dem, was über Sie verhängt ist, auszukommen. Aber fangen
Sie nur das Glück, ich gönne es Ihnen, fangen Sie’s nur!«
Sie war nie so lebhaft gewesen. Dann wurde sie still, lächelte sonderbar
und hielt mich nicht, als ich aufstand und für heute Abschied nahm.
Meine Weltanschauung hatte sie nicht erschüttert, und das Beispiel mit
dem Wagenrad fiel mir erst viel später wieder ein. Aber ihre Worte
beschäftigten mich nun öfters und gingen mir meistens in ganz
unpassenden Augenblicken wieder durch den Kopf. Ich hatte im Sinn, mit
meinem Freunde auf dem Rippacher Hof darüber zu reden; doch wenn ich
Beckers kühle Augen und spottbereit zuckende Lippen ansah, verging mir
immer die Lust. Überhaupt kam es allmählich so, daß ich, je mehr meine
Gespräche mit Fräulein Lampart persönlicher und merkwürdiger wurden,
desto weniger über sie mit dem Verwalter sprach. Auch schien die Sache
ihm nimmer wichtig zu sein. Höchstens fragte er hier und da, ob ich auch
fleißig ins Marmorwerk laufe, neckte mich ein wenig und ließ es wieder
gut sein, wie es in seinem Wesen lag.
Einmal traf ich ihn zu meinem Erstaunen in der Lampartschen Einsiedelei.
Er saß, als ich eintrat, in der Wohnstube beim Hausherrn, das übliche
Glas Wein vor sich. Als er es leer hatte, war es mir eine Art
Genugtuung, zu sehen, daß auch ihm kein zweites angeboten wurde. Er
brach bald auf, und da Lampart beschäftigt schien und die Tochter nicht
da war, schloß ich mich ihm an.
»Was führt denn dich daher?« fragte ich ihn, als wir auf der Straße
waren. »Du scheinst den Lampart ja ganz gut zu kennen.«
»’s geht an.«
»Hast du Geschäfte mit ihm?«
»Geldgeschäfte, ja. Ich bin eine Art Bankier für ihn. Und das Lämmlein
ist heute nicht dagewesen, wie? Dein Besuch war so kurz.«
»Ach laß doch!«
Ich war bis jetzt mit dem Mädchen in eine ganz vertrauliche
Freundschaftlichkeit gekommen, ohne indessen je mit Wissen etwas von
meiner stetig zunehmenden Verliebtheit merken zu lassen. Jetzt nahm sie
wider all mein Erwarten plötzlich wieder ein andres Wesen an, das mir
fürs erste wieder alle Hoffnung raubte. Scheu war sie eigentlich nicht,
aber sie schien einen Weg in das frühere Fremdsein zurück zu suchen, bat
nicht mehr um Bücher und bemühte sich, unsere Unterhaltung an äußere und
allgemeine Dinge zu fesseln und den angefangenen herzlichen Verkehr mit
mir nicht weiter gedeihen zu lassen.
Ich grübelte nach, lief im Wald herum und kam auf tausend dumme
Vermutungen, wurde nun selber noch unsicherer in meinem Benehmen gegen
sie und kam in ein kümmerliches Sorgen und Zweifeln hinein, das ein Hohn
auf meine ganze Glücksphilosophie war und mich stundenweise wieder
völlig zu einem ratlos verliebten Buben machte. Mittlerweile war auch
mehr als die Hälfte meiner Ferienzeit verstrichen, und ich fing an, die
Tage zu zählen und jedem unnütz verbummelten mit Neid und Verzweiflung
nachzublicken, als wäre jedesmal gerade der unendlich wichtig und
unwiederbringlich.
Zwischenhinein kam ein Tag, an dem ich aufatmend und fast erschrocken
alles gewonnen glaubte und einen Augenblick vor dem offenen Tor des
Glücksgartens stand. Ich kam bei der Sägerei vorüber und sah Helene im
Gärtchen zwischen den hohen Dahlienbüschen stehen. Da ging ich hinein,
grüßte und half ihr eine liegende Staude anpfählen und aufbinden. Es war
höchstens eine Viertelstunde, daß ich dort blieb. Mein Hereinkommen
hatte sie überrascht, sie war viel befangener und scheuer als sonst, und
in ihrem Scheusein lag etwas, das ich wie eine deutliche Schrift glaubte
lesen zu können. Sie hat mich lieb, fühlte ich durch und durch, und da
wurde ich plötzlich sicher und froh, sah auf das große, stattliche
Mädchen zärtlich und fast mit Mitleid, wollte ihre Befangenheit schonen
und tat, als sähe ich nichts, kam mir auch wie ein Held vor, als ich
nach kurzer Zeit ihr die Hand gab und weiterging, ohne nur
zurückzusehen. Sie hat mich lieb, empfand ich mit allen Sinnen, und
morgen wird alles gut werden.
Es war wieder ein prachtvoller Tag. Über den Sorgen und Aufregungen
hatte ich für eine Weile fast den Sinn für die schöne Jahreszeit
verloren und war ohne Augen herumgelaufen. Nun war wieder der Wald von
Licht durchzittert, der Bach war wieder schwarz, braun und silbern, die
Ferne licht und zart, auf den Feldwegen lachten rot und blau die Röcke
der Bauernweiber. Ich war so andächtig froh, ich hätte keinen
Schmetterling verjagen mögen. Am oberen Waldrande, nach einem heißen
Steigen, legte ich mich hin, übersah die fruchtbare Weite bis zum fernen
runden Staufen hin, gab mich der Mittagssonne preis und war mit der
schönen Welt und mit mir und allem von Herzen zufrieden. Meine scheu
gewordene Weltklugheit kehrte siegreich zurück, fand alles bestens im
Gleise und war fast so stolz und froh, als hätte sie selber den Gang der
Dinge regiert und alles so freundlich gewendet.
Es war gut, daß ich diesen Tag nach Kräften genoß, verträumte und
versang. Abends trank ich sogar im Adlergarten einen Schoppen vom besten
alten Roten.
Als ich tags darauf bei den Marmorleuten vorsprach, war dort alles im
alten kühlen Zustande. Vor dem Anblick der Wohnstube, der Möbel und der
ruhig ernsten Helene stob meine Sicherheit und mein Siegesmut elend
davon, ich saß da, wie ein armer Reisender auf der Treppe sitzt, und
ging nachher davon wie ein nasser Hund, jammervoll nüchtern. Passiert
war nichts. Helene war sogar ganz freundlich gewesen. Aber von dem
gestrigen Gefühl war nichts mehr da.
An diesem Tage begann die Sache für mich bitter ernst zu werden. Ich
hatte eine Ahnung vom Glücke vorausgeschmeckt.
Nun verzehrte mich die Sehnsucht wie ein gieriger Hunger, Schlaf und
Seelenruhe waren dahin. Die Welt versank um mich her, und ich blieb
abgetrennt in einer Einsamkeit und Stille zurück, in der ich nichts
vernahm, als das leise und laute Schreien meiner Leidenschaft. Mir hatte
geträumt, das große, schöne, ernste Mädchen käme zu mir und lege sich an
meine Brust; jetzt streckte ich weinend und fluchend die Arme ins Leere
aus und schlich bei Tag und Nacht um die Marmormühle, wo ich kaum mehr
einzukehren wagte.
Es half nichts, daß ich mir vom Verwalter Becker ohne Widerspruch die
spöttische Predigt einer glaubenslosen Nüchternheit gefallen ließ. Es
half nichts, daß ich Stunden auf Stunden durch die Bruthitze über Feld
lief oder mich in die kalten Waldbäche legte, bis mir die Zähne
klapperten. Es half auch nichts, daß ich am Samstag abend mich an einem
großen Raufhandel im Dorfe beteiligte und den Leib voller Beulen gehauen
bekam.
Und die Zeit lief weg wie Wasser. Noch vierzehn Tage Ferien! Noch zwölf
Tage! Noch zehn! Zweimal in dieser Zeit ging ich in die Sägerei. Das
eine Mal traf ich nur den Vater an, ging mit ihm zur Säge und sah
stumpfsinnig zu, wie ein neuer Block eingespannt wurde. Herr Lampart
ging in den Vorratsschuppen hinüber, um irgend etwas zu besorgen, und
als er nicht gleich wiederkam, lief ich fort und hatte im Sinn, nimmer
herzukommen.
Trotzdem stand ich nach zwei Tagen wieder da. Helene empfing mich wie
immer, und ich konnte den Blick nicht von ihr lassen. In meiner fahrigen
und haltlosen Stimmung kramte ich gedankenlos eine Menge von dummen
Witzen, Redensarten und Anekdoten aus, die sie sichtlich ärgerten.
»Warum sind Sie heut so?« fragte sie schließlich und sah mich so schön
und offen an, daß mir das Herz zu schlagen begann.
»Wie denn?« fragte ich, und der Teufel wollte, daß ich dabei zu lachen
versuchte.
Das mißglückte Lachen gefiel ihr nicht, sie zuckte die Achseln und sah
fast traurig aus. Mir war einen Augenblick, sie habe mich gern gehabt
und mir entgegenkommen wollen und sei nun darum betrübt. Eine Minute
lang schwieg ich beklommen, da war der Teufel wieder da, daß ich in die
vorige Narrenstimmung zurückfiel und wieder ins Geschwätz geriet, von
dem jedes Wort mir selber weh tat und das Mädchen ärgern mußte. Und ich
war jung und dumm genug, meinen Schmerz und meine widersinnige Narrheit
fast wie ein Schauspiel zu genießen und im Bubentrotz die Kluft zwischen
mir und ihr wissentlich zu vergrößern, statt mir lieber die Zunge
abzubeißen oder Helene ehrlich um Verzeihung zu bitten. In meinen
allerfrühesten Liebesversuchen war ich kein größerer Hanswurst gewesen!
Dann verschluckte ich mich in der Hast am Wein, mußte mächtig husten und
verließ Stube und Haus elender als jemals.
* * * * *
Nun waren von meiner Ferienzeit nur noch acht Tage übrig.
Es war ein so schöner Sommer, es hatte alles so verheißungsvoll und
heiter angefangen. Jetzt war meine Freude dahin -- was sollte ich noch
mit den acht Tagen anfangen? Ich war entschlossen, schon morgen
abzureisen. In der Stadt müßte sich dann irgend ein ^modus vivendi^
finden.
Aber vorher mußte ich noch einmal in ihr Haus. Ich mußte noch einmal
hingehen, ihre kraftvoll edle Schönheit anschauen und ihr sagen: >Ich
habe dich lieb, warum hast du mit mir gespielt?<
Zunächst ging ich zu Gustav Becker auf den Rippacher Hof, den ich
neuerdings etwas vernachlässigt hatte. Er stand in seiner großen, kahlen
Stube an einem lächerlich schmalen Stehpult und schrieb Briefe.
»Ich will dir adieu sagen,« sagte ich, »wahrscheinlich geh’ ich schon
morgen fort. Weißt du, es muß jetzt wieder an ein strammes Arbeiten
gehen.«
Zu meiner Verwunderung machte der Verwalter gar keine Witze. Er schlug
mir auf die Schulter, lächelte fast mitleidig und sagte: »So, so. Ja,
dann geh in Gottes Namen, Junge!«
Und als ich schon unter der Tür war, zog er mich noch einmal in die
Stube zurück und sagte: »Du, hör mal, du tust mir leid. Aber daß das mit
dem Mädel nichts werden würde, hab’ ich gleich gewußt. Du hast da so je
und je deine Weisheitssprüche verzapft -- halte dich jetzt dran und
bleib im Sattel, wenn dir auch der Schädel noch so brummt! Daß du ein
wirklicher Mann wirst, das hängt gar nicht von deiner Weisheit ab; --
ein Mann wird man nur durch Narben, und das tut vorher elend weh. Also
komm darüber weg, gelt?«
Das war vor Mittag.
Den Nachmittag saß ich im Moos am Abhang, steil über der
Sattelbachschlucht, und schaute auf den Bach und die Werke und auch auf
das Lampartsche Haus hinunter. Ich ließ mir Zeit, Abschied zu nehmen und
zu träumen und nachzudenken, namentlich über das, was Becker mir gesagt
hatte. Von meinem jungen Hochmut war nimmer viel übrig. Mit Schmerzen
sah ich die Schlucht und die paar Dächer unten liegen, den Bach glänzen
und die weiße Fahrstraße im leichten Winde stäuben; ich bedachte, daß
ich nun wohl für eine lange Zeit nicht hierher zurückkommen würde,
während hier Bach und Mühlwerke und Menschen ihren stetigen Lauf
weitergingen. Vielleicht wird Helene einmal ihre Resignation und
Schicksalsruhe wegwerfen und ihrem inneren Verlangen nach ein kräftiges
Glück oder Leid ergreifen und sich daran ersättigen? Vielleicht, wer
weiß, wird auch mein eigner Weg noch einmal sich aus Schluchten und
Talgewirre hervorwinden und in ein klares, weites Land der Ruhe führen?
-- Wer weiß?
Ich glaubte nicht daran. Mich hatte zum ersten Mal eine echte, ernste
Leidenschaft in die übermächtigen Arme genommen, und ich wußte keine
Macht in mir stark und edel genug, sie zu besiegen.
Es kam mir der Gedanke, lieber abzureisen, ohne noch einmal mit Helene
zu sprechen. Das war gewiß das beste. Ich nickte ihrem Haus und Garten
zu, beschloß, sie nicht mehr sehen zu wollen, und blieb Abschied nehmend
bis gegen den Abend in der Höhe liegen.
Träumerisch ging ich weg, waldabwärts, oft in der Steile strauchelnd,
und erwachte erst mit heftigem Erschrecken aus meiner Versunkenheit, als
meine Schritte auf den Marmorsplittern des Hofes krachten und ich mich
vor der Tür stehen fand, die ich nicht mehr hatte sehen und anrühren
wollen. Nun war es zu spät.
Ohne zu wissen, wie ich hereingekommen war, saß ich dann innen in der
Dämmerung am Tisch, und Helene saß mir gegenüber, mit dem Rücken gegen
das Fenster, schwieg und sah in die Stube hinein. Es kam mir vor, ich
sitze schon lange so da und habe schon stundenlang gehockt und
geschwiegen. Und indem ich jetzt aufschrak, kam mir plötzlich zum
Bewußtsein, es sei das letzte Mal.
»Ja,« sagte ich, »ich bin nun am Adieusagen. Meine Ferien sind aus.«
»Ach?«
Und wieder war alles still. Man hörte die Arbeiter im Schuppen
hantieren, auf der Straße fuhr ein Lastwagen langsam vorbei, und ich
horchte ihm nach, bis er um die Biegung war und verklang. Ich hätte gern
dem Wagen noch lange, lange nachgelauscht. Nun riß es mich vom Stuhl
auf, ich wollte gehen.
Ich trat zum Fenster hinüber. Auch sie stand auf und sah mich an. Ihr
Blick war fest und ernst und wich mir eine ganze lange Weile nicht aus.
»Wissen Sie nimmer,« sagte ich, »damals im Garten?«
»Ja, ich weiß.«
»Helene, damals meinte ich, Sie hätten mich lieb. Und jetzt muß ich
gehen.«
Sie nahm meine ausgestreckte Hand und zog mich ans Fenster.
»Lassen Sie sich noch einmal ansehen,« sagte sie und bog mit der linken
Hand mein Gesicht in die Höhe. Dann näherte sie ihre Augen den meinen
und sah mich seltsam fest und steinern an. Und da mir nun ihr Gesicht so
nahe war, konnte ich nicht anders und legte meinen Mund auf ihren. Da
schloß sie die Augen und gab mir den Kuß zurück, und ich legte den Arm
um sie, zog sie fest an mich und fragte leise: »Schatz, warum erst
heut?«
»Nicht reden!« sagte sie. »Geh jetzt fort und komm in einer Stunde
wieder. Ich muß drüben nach den Leuten sehen. Der Vater ist heut nicht
da.«
Ich ging und schritt davon, talabwärts durch unbekannte, merkwürdige
Gegenden, zwischen blendend lichten Wolkenbildern, hörte nur wie im
Traume zuweilen den Sattelbach rauschen und dachte an lauter ganz
entfernte, wesenlose Dinge -- an kleine drollige oder rührende Szenen
aus meiner Kleinkinderzeit und dergleichen Geschichten, die aus den
Wolken heraus mit halbem Umriß erstanden und, ehe ich sie ganz erkennen
konnte, wieder untergingen. Ich sang auch im Gehen ein Lied vor mich
hin, aber es war ein gewöhnlicher Gassenhauer. So irrte ich in fremden
Räumen, bis eine seltsame, süße Wärme mich wohlig durchdrang und die
große, kräftige Gestalt Helenes vor meinen Gedanken stand. Da kam ich zu
mir, fand mich weit unten im Tal bei anbrechender Dämmerung, und eilte
nun schnell und freudig zurück.
Sie wartete schon, ließ mich durch Haustor und Stubentür ein, da setzten
wir uns beide auf den Tischrand, hielten unsre Hände ineinander und
sprachen kein Wort. Es war lau und dunkel, ein Fenster stand offen, in
dessen Höhe über dem Bergwald ein schmaler Strich des blassen Himmels
schimmerte, von spitzigen Tannenkronen schwarz durchschnitten. Wir
spielten jedes mit des andern Fingern, und mich überlief bei jedem
leichten Druck ein Schauer von Glück.
»Helene!«
»Ja?«
»O du! --«
Und unsre Finger tasteten aneinander, bis sie stille wurden und ruhig
ineinander lagen. Ich schaute auf den bleichen Himmelsspalt, und nach
einer Zeit, als ich mich umwandte, sah ich auch sie dorthin blicken und
sah mitten im Dunkel ein schwaches Licht von dorther in ihren Augen und
in zwei großen, unbeweglich an ihren Lidern hängenden Tränen
widerglänzen. Die küßte ich langsam hinweg und wunderte mich, wie kühl
und salzig sie schmeckten. Da zog sie mich an sich, küßte mich lang und
mächtig und stand auf.
»Es ist Zeit. Jetzt mußt du gehen.«
Und als wir unter der Tür standen, küßte sie mich plötzlich noch einmal
mit heftiger Leidenschaft, und dann zitterte sie so, daß es auch mich
schüttelte, und sagte mit einer kaum mehr hörbaren, erstickenden Stimme:
»Geh, geh! Hörst du, geh jetzt!« Und als ich draußen stand: »Adieu, du!
Komm nimmer, komm nicht wieder! Adieu!«
Ehe ich etwas sagen konnte, hatte sie die Tür zugezogen. Mir war bang
und unklar ums Herz, doch überwog mein großes Glücksgefühl, das mich auf
dem Heimweg wie ein Flügelbrausen umgab. Ich ging mit schallenden
Tritten, ohne es doch zu spüren, und daheim tat ich die Kleider ab und
legte mich im Hemd ins Fenster.
So eine Nacht möchte ich noch einmal haben. Der laue Wind tat mir wie
eine Mutterhand, vor dem hochgelegenen Fensterchen flüsterten und
dunkelten die großen, runden Kastanienbäume, ein leichter Felderduft
wehte hin und wieder durch die Nacht, und in der Ferne flog das
Wetterleuchten golden zitternd über den schweren Himmel. Ein leises
fernes Donnern tönte je und je herüber, schwach und von fremdartigem
Klang, als ob irgendwo weit weg die Wälder und Berge im Schlafe sich
regten und schwere, müde Traumworte lallten. Das alles sah und hörte ich
wie ein König von meiner hohen Glücksburg herab, es gehörte mir und war
nur da, um meiner tiefen Lust ein schöner Rastort zu sein. Mein Wesen
atmete in Wonne auf und verlor sich wie ein schöner Liebesvers
hinströmend und doch unerschöpft in die Nachtweite über das schlafende
Land, an die ferne leuchtenden Wolken streifend, von jedem aus der
Schwärze sich wölbenden Baum und von jedem matten Hügelfirst wie von
Liebeshänden berührt. Es ist nichts, um es mit Worten zu sagen, aber es
lebt noch unverloren in mir weiter, und ich könnte, wenn es dafür eine
Sprache gäbe, jede in die Dunkelheit verlaufende Bodenwelle, jedes
Wipfelgeräusch, die Adern der entfernten Blitze und den geheimen
Rhythmus des Donners noch genau beschreiben.
Nein, ich kann es nicht beschreiben. Das Schönste und Innerlichste und
Köstlichste kann man ja nicht sagen. Aber ich wollte, jene Nacht käme
mir noch einmal wieder, da ich bis ins innerste Herz hinein ein Seliger
war.
Wenn ich vom Verwalter Becker nicht schon Abschied genommen hätte, wäre
ich gewiß am folgenden Morgen zu ihm gegangen. Statt dessen trieb ich
mich im Dorf herum und schrieb dann einen langen Brief an Helene. Ich
meldete mich auf den Abend an und machte ihr eine Menge Vorschläge,
setzte ihr genau und ernsthaft meine Umstände und Aussichten auseinander
und fragte, ob sie es für gut halte, daß ich gleich mit ihrem Vater
rede, oder ob wir damit noch warten wollten, bis ich der in Aussicht
stehenden Anstellung und damit der nächsten Zukunft sicher wäre. Und
abends ging ich zu ihr. Der Vater war wieder nicht da; es war seit
einigen Tagen einer seiner Lieferanten in der Gegend, der ihn in
Anspruch nahm.
Ich küßte meinen schönen Schatz, zog ihn in die Stube und fragte nach
meinem Brief. Ja, sie hatte ihn erhalten. Und was sie denn darüber
denke? Sie schwieg und sah mich flehentlich an, und da ich in sie drang,
legte sie mir die Hand auf den Mund, küßte mich auf die Stirn und
stöhnte leise, aber so jammervoll, daß ich mir nicht zu helfen wußte.
Auf all mein zärtliches Fragen schüttelte sie nur den Kopf, lächelte
dann aus ihrem Schmerz heraus merkwürdig weich und fein, schlang den Arm
um mich und saß wieder mit mir, ganz wie gestern, schweigend und
hingegeben. Sie lehnte sich fest an mich, legte den Kopf an meine Brust,
und ich küßte sie langsam, ohne etwas denken zu können, auf Haar und
Stirn und Wange und Nacken, bis mir schwindelte. Ich sprang auf.
»Also soll ich morgen mit deinem Vater reden oder nicht?«
»Nein,« sagte sie, »bitte, nicht.«
»Warum denn? Hast du Angst?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Also warum denn?«
»Laß nur, laß! Rede nicht davon. Wir haben noch eine Viertelstunde
Zeit.«
Da saßen wir und hielten uns still umfangen, und während sie sich an
mich schmiegte und bei jeder Liebkosung den Atem anhielt und schauerte,
ging ihre Bedrücktheit und Schwermut auf mich über. Ich wollte mich
wehren und redete ihr zu, an mich und an unser Glück zu glauben.
»Ja, ja,« nickte sie, »nicht davon reden! Wir sind ja jetzt glücklich.«
Darauf küßte sie mich mehrmals mit stummer Kraft und Glut und hing dann
erschlaffend und müde in meinem Arm. Und als ich gehen mußte, und als
sie mir in der Tür mit der Hand übers Haar strich, sagte sie mit halber
Stimme: »Adieu Schatz. Komm morgen nicht! Komm gar nicht wieder, bitte!
Du siehst doch, daß es mich unglücklich macht.«
* * * * *
Mit einem quälenden Zwiespalt im Herzen ging ich heim und vergrübelte
die halbe Nacht. Warum wollte sie nicht glauben und glücklich sein? Ich
mußte an das denken, was sie mir schon vor einigen Wochen einmal gesagt
hatte: »Wir Frauen sind nicht so frei wie ihr; man muß tragen lernen,
was über einen verhängt ist.« Was war denn über sie verhängt?
Das mußte ich jedenfalls wissen, und darum schickte ich ihr am Vormittag
einen Zettel und wartete abends, als das Werk stillstand und die
Arbeiter alle gegangen waren, hinter dem Schuppen bei den Marmorblöcken.
Sie kam spät und zögernd herüber.
»Warum bist du gekommen? Laß es jetzt genug sein. Der Vater ist
drinnen.«
»Nein,« sagte ich, »du mußt mir jetzt sagen, was du noch auf dem Herzen
hast, alles und alles, ich gehe nicht eher weg.«
Helene sah mich ruhig an und war so blaß wie die Steinplatten, vor denen
sie stand.
»Quäl mich nicht,« flüsterte sie mühsam. »Ich kann dir nichts sagen, ich
will nicht. Ich kann dir nur sagen -- reise ab, heut oder morgen, und
vergiß das, was jetzt ist. Ich kann nicht dir gehören.«
Sie schien trotz der lauen Juliabendluft zu frieren, so zitterte sie.
Schwerlich habe ich je eine ähnliche Qual empfunden, wie in diesen
Augenblicken. Aber so konnte ich nicht gehen.
»Sag mir jetzt alles,« wiederholte ich, »ich muß es wissen.«
Sie sah mich an, daß mir alles weh tat. Aber ich konnte nicht anders.
»Rede,« sagte ich fast rauh, »sonst geh’ ich jetzt im Augenblick zu
deinem Vater hinüber.«
Sie richtete sich unwillig auf und war in ihrer Blässe bei dem
Dämmerlicht von einer traurigen und großartigen Schönheit. Sie sprach
ohne Leidenschaft, aber lauter als vorher.
»Also. Ich bin nicht frei, und du kannst mich nicht haben. Es ist schon
ein andrer da. Ist das genug?«
»Nein,« sagte ich, »das ist nicht genug. Hast du denn den andern lieb?
Lieber als mich?«
»O du!« rief sie heftig. »Nein, nein, ich hab’ ihn ja nicht lieb. Aber
ich bin ihm versprochen, und daran ist nichts zu ändern.«
»Warum nicht? Wenn du ihn nicht magst!«
»Damals wußte ich ja noch nichts von dir. Er gefiel mir; lieb hatte ich
ihn nicht, aber es war ein rechter Mann, und ich kannte keinen andern.
Da hab’ ich >ja< gesagt, und jetzt ist es so und muß so bleiben.«
»Es muß nicht, Helene. So etwas kann man doch zurücknehmen.«
»Ja, schon. Aber es ist nicht um jenen, es ist um den Vater. Dem darf
ich nicht untreu werden.«
»Aber ich will mit ihm reden --«
»O du Kindskopf! Verstehst du denn gar nichts --?«
Ich sah sie an. Sie lachte fast.
»Verkauft bin ich, von meinem Vater und mit meinem Willen verkauft, für
Geld. Im Winter ist Hochzeit.«
Sie wendete sich ab, ging ein paar Schritte weit und kehrte wieder um.
Und sagte: »Schatz, sei tapfer! Du darfst nicht mehr kommen, du darfst
nicht --«
»Und bloß ums Geld?« mußte ich fragen.
Sie zuckte die Achseln.
»Was liegt daran? Mein Vater kann nimmer zurück, er ist so fest
angebunden wie ich. Du kennst ihn nicht! Wenn ich ihn im Stich lasse,
gibt es ein Unglück. Also sei brav, sei gescheit, du Kind!«
Und dann brach sie plötzlich aus: »Versteh doch, du, und bring mich
nicht um! -- Jetzt kann ich noch, wie ich will. Aber wenn du mich noch
einmal anrührst -- ich halte das nimmer aus . . . Ich kann dir keinen
Kuß mehr geben, sonst gehen wir alle verloren.«
Einen Augenblick war alles stille, so stille, daß man im Haus drüben den
Vater auf und ab gehen hörte.
»Ich kann heute nichts entscheiden,« war meine Antwort. »Willst du mir
nicht noch sagen -- wer es ist?«
»Der andre? Nein, es ist besser, du weißt es nicht. O, komm jetzt nicht
wieder -- mir zulieb!«
Sie ging ins Haus, und ich sah ihr nach. Ich wollte fortgehen, vergaß es
aber und setzte mich auf die kühlen weißen Steine, hörte dem Wasser zu
und fühlte nichts als ein Gleiten, Gleiten und Hinwegströmen ohne Ende.
Es war, als liefe mein Leben und Helenens Leben und viele ungezählte
Schicksale an mir vorbei dahin, schluchtabwärts ins Dunkle, gleichgültig
und wortlos wie Wasser. Wie Wasser . . .
Spät und todmüde kam ich nach Haus, schlief und stand am Morgen wieder
auf, beschloß, den Koffer zu packen, vergaß es wieder und schlenderte
nach dem Frühstück in den Wald. Es wurde kein Gedanke in mir fertig, sie
stiegen nur wie Blasen aus einem stillen Wasser in mir auf und plagten
und waren nichts mehr, sobald sie sichtbar geworden waren.
>Also jetzt ist alles aus,< dachte ich hier und da, aber es war kein
Bild, keine Vorstellung dabei; es war nur ein Wort, ich konnte dazu
aufatmen und mit dem Kopf nicken, war aber so klug wie vorher.
Erst im währenden Nachmittag wachte die Liebe und das Elend in mir auf
und drohte mich zu überwältigen. Auch dieser Zustand war kein Boden für
gute und klare Gedanken, und statt mich zu zwingen und eine besonnene
Stunde abzuwarten, ließ ich mich fortreißen und legte mich in der Nähe
des Marmorwerks auf die Lauer, bis ich den Herrn Lampart das Haus
verlassen und talaufwärts auf der Landstraße gegen das Dorf hin
verschwinden sah.
Da ging ich hinüber.
Als ich eintrat, schrie Helene auf und sah mich tief verwundet an.
»Warum?« stöhnte sie. »Warum noch einmal?«
Ich war ratlos und beschämt und bin mir nie so jämmerlich vorgekommen
wie da. Die Tür hatte ich noch in der Hand, aber es ließ mich nicht
fort, so ging ich langsam zu ihr hin, die mich mit angstvollen,
leidenden Blicken ansah.
»Verzeih, Helene,« sagte ich nun.
Sie nickte viele Mal, blickte zu Boden und wieder auf, wiederholte
immer: »Warum? O du! O du!« In Gesicht und Gebärden schien sie älter und
reifer und mächtiger geworden zu sein, ich erschien mir daneben fast wie
ein Knabe.
»Nun, also?« fragte sie schließlich und versuchte zu lächeln.
»Sag mir noch etwas,« bat ich beklommen, »damit ich gehen kann.«
Ihr Gesicht zuckte, ich glaubte, sie würde jetzt in Tränen ausbrechen.
Aber da lächelte sie unversehens, ich kann nicht sagen wie weich und aus
Qualen heraus, und richtete sich auf und sagte ganz flüsternd: »Komm
doch, warum stehst du so steif da!« Und ich tat einen Schritt und nahm
sie in die Arme. Wir hielten uns mit allen Kräften umklammert, und
während bei mir die Lust sich immer mehr mit Bangigkeit und Schrecken
und verhaltenem Schluchzen mischte, wurde sie zusehends heiter,
streichelte mich wie ein Kind, nannte mich mit phantastischen Kosenamen,
biß mich in die Hand und war erfinderisch in kleinen Liebestorheiten. In
mir kämpfte ein tiefes Angstgefühl gegen die treibende Leidenschaft, ich
fand keine Worte und hielt Helene an mich gezogen, während sie mich
mutwillig und schließlich lachend liebkoste und neckte.
»Sei doch ein bißchen froh, du Eiszapfen!« rief sie mir zu und zog mich
am Schnurrbart.
Und ich fragte ängstlich: »Ja, glaubst du jetzt, daß es doch noch gut
wird? Wenn du doch nicht mir gehören kannst --«
Sie faßte meinen Kopf mit ihren beiden Händen, sah mir ganz nah ins
Gesicht und sagte: »Ja, nun wird alles gut.«
»Dann darf ich hierbleiben, und morgen wiederkommen und mit deinem Vater
sprechen?«
»Ja, dummer Bub, das darfst du alles. Du darfst sogar im Gehrock kommen,
wenn du einen hast. Morgen ist so wie so Sonntag.«
»Jawohl, ich hab’ einen,« lachte ich und war auf einmal so kindisch
froh, daß ich sie mitriß und ein paar Mal mit ihr durch das Zimmer
walzte. Dann strandeten wir an der Tischecke, ich hob sie auf meinen
Schoß, sie legte die Stirn an meine Wange, und ich spielte mit ihrem
dunkeln, dicken Haar, bis sie aufsprang und zurücktrat und ihr Haar
wieder aufsteckte, mir mit dem Finger drohte und rief: »Jeden Augenblick
kann der Vater kommen. Sind wir Kindsköpfe!«
Ich bekam noch einen Kuß, und noch einen, und aus dem Strauß vom
Fenstersims eine Resede an den Hut. Es ging gegen den Abend, und da es
Samstag war, fand ich im Adler allerlei Gesellschaft, trank einen
Schoppen, schob eine Partie Kegel mit und ging dann zeitig heim. Dort
holte ich den Gehrock aus dem Schrank, hängte ihn über die Stuhllehne
und betrachtete ihn mit Wohlgefallen. Er war so gut wie neu, seinerzeit
zum Examen gekauft und seither fast nie getragen. Das schwarze,
glänzende Tuch erweckte lauter feierliche und würdevolle Gedanken in
mir. Statt ins Bett zu gehen, setzte ich mich hin und überlegte, was ich
morgen Helenens Vater zu sagen hätte. Genau und deutlich stellte ich mir
vor, wie ich vor ihn treten würde, bescheiden und doch mit Würde, malte
mir seine Einwände, meine Erwiderungen, ja auch seine und meine Gedanken
und Gebärden aus. Ich sprach sogar laut, wie ein sich übender Prediger,
und machte die nötigen Gesten dazu, und noch als ich schon im Bette lag
und nahe am Einschlafen war, deklamierte ich einzelne Sätze aus der
mutmaßlichen Unterredung von morgen her.
>Gewiß, Herr Lampart, ich verstehe das vollkommen. Allein ich darf
vielleicht darauf hinweisen --<
Am Ende wurde es mir selber lächerlich.
Dann war es Sonntagmorgen. Ich blieb, um nochmals in Ruhe nachzudenken,
im Bett liegen, bis die Kirchenglocken läuteten. Während der Kirchzeit
zog ich mein Staatskleid an, mindestens so umständlich und peinlich wie
damals vor dem Examen, rasierte mich aufs feinste, trank meine
Morgenmilch und hatte immerhin ein wenig, das heißt ganz erheblich
Herzklopfen. Unruhig wartete ich, bis der Gottesdienst aus war, und
schritt, als kaum das Ausläuten vertönt hatte, langsam und ernsthaft und
die staubigen Wegstellen vermeidend, durch den schon heißen, dunstigen
Vormittag die Straße zum Sattelbach und talabwärts meinem Ziel entgegen.
Trotz meiner Behutsamkeit geriet ich in dem Gehrock und hohen Kragen in
ein leises Schwitzen.
Als ich die Marmorsäge erreichte, standen im Weg und auf dem Hofe zu
meinem Erstaunen und Unbehagen einige Leute aus dem Dorf herum, auf
irgend etwas wartend und in kleinen Gruppen leise redend, wie etwa bei
einer Gant.
Doch mochte ich niemand fragen, was das bedeute, und ging an den Leuten
vorbei zur Haustür, verwundert und beklommen wie in einem ängstlich
sonderbaren Traume. Eintretend stieß ich in dem Flur auf den Verwalter
Becker, den ich kurz und verlegen grüßte. Es war mir peinlich, ihn da zu
treffen, da er doch glauben mußte, ich sei längst abgereist. Doch schien
er daran nimmer zu denken. Er sah angestrengt und müde aus, auch blaß.
»So, kommst du auch?« sagte er nickend und mit ziemlich bissiger Stimme.
»Ich fürchte, Teuerster, du bist heute hier entbehrlich.«
»Herr Lampart ist doch da?« fragte ich dagegen.
»Jawohl, wo soll er sonst sein?«
»Und das Fräulein?«
Er deutete auf die Stubentür.
»Da drinnen?«
Becker nickte, und ich wollte eben anklopfen, als die Tür aufging und
ein Mann herauskam. Dabei sah ich, daß mehrere Besucher in dem Zimmer
herumstanden und daß die Möbel teilweise umgestellt waren.
Jetzt wurde ich stutzig.
»Becker, du, was ist hier geschehen? Was wollen die Leute? Und du, warum
bist du hier?«
Der Verwalter drehte sich um und sah mich sonderbar an.
»Weißt du’s denn nicht?« fragte er mit veränderter Stimme.
»Was denn? Nein.«
Er stellte sich vor mich hin und sah mir ins Gesicht.
»Dann geh nur wieder heim, Junge,« sagte er leise und fast weich und
legte mir die Hand auf den Arm. Mir stieg im Hals ein Würgen auf, eine
namenlose Angst flog mir durch alle Glieder.
Und Becker sah mich noch einmal so merkwürdig prüfend an. Dann fragte er
leise: »Hast du gestern mit dem Mädchen gesprochen?« Und als ich rot
wurde, hustete er gewaltsam, es klang aber wie ein Stöhnen.
»Was ist mit Helene? Wo ist sie?« schrie ich angstvoll heraus. »Etwas
Schlimmes?«
Becker nickte, ging auf und ab und schien mich vergessen zu haben. Ich
lehnte am Pfosten des Treppengeländers und fühlte mich von fremden,
blutlosen Gestalten beengend und höhnisch umflattert. Nun ging Becker
wieder an mir vorbei, sagte: »Komm!« und stieg die Treppe hinauf, bis wo
sie eine Biegung machte. Dort setzte er sich auf eine Stufe, und ich
setzte mich neben ihn, meinen schönen Gehrock rücksichtslos
zerknitternd. Einen Augenblick war es totenstill durchs ganze Haus, dann
fing Becker zu sprechen an.
»Nimm dein Herz in die Hand und beiß auf die Zähne, Kleiner. Also die
Helene Lampart ist tot, und zwar haben wir sie heut morgen vor der
unteren Stellfalle aus dem Bach gezogen. -- Sei still, sag nichts! Und
nicht umfallen! Du bist nicht der einzige, dem das kein Spaß ist.
Probier’s jetzt und drück’ die Männlichkeit durch. Jetzt liegt sie in
der Stube dort und sieht wieder schön genug aus, aber wie wir sie
herausgeholt haben -- das war bös, du, das war bös . . .«
Er hielt inne und schüttelte den Kopf.
»Sei still! Nichts sagen! Später ist zum Reden Zeit genug. Es geht mich
näher an als dich. -- Oder nein, lassen wir’s; ich sag’ dir das alles
dann morgen.«
»Nein,« bat ich, »Becker, sag mir’s! Ich muß alles wissen.«
»Nun ja. Kommentar und so weiter steht dir später jederzeit zu Diensten.
Ich kann jetzt nur sagen, es war gut mit dir gemeint, daß ich dich all
die Zeit hier ins Haus laufen ließ. Man weiß ja nie vorher. -- Also, ich
bin mit der Helene verlobt gewesen. Noch nicht öffentlich, aber --«
Im Augenblick meinte ich, ich müsse aufstehen und dem Verwalter mit
aller Kraft ins Gesicht hauen. Er schien es zu merken.
»Nicht so!« sagte er ruhig und sah mich an. »Wie gesagt, zu Erklärungen
ist ein andermal Zeit.«
Wir saßen schweigend. Wie eine Gespensterjagd flog die ganze Geschichte
zwischen Helene und Becker und mir an mir vorbei, so klar wie schnell.
Warum hatte ich das nicht früher erfahren, warum nicht selber gemerkt?
Wieviel Möglichkeiten hätte es da noch gegeben! Nur ein Wort, nur eine
Ahnung, und ich wäre still meiner Wege gegangen, und sie läge jetzt
nicht dort drinnen.
Mein Zorn war schon erstickt. Ich fühlte wohl, daß Becker die Wahrheit
ahnen mußte, und ich begriff, welche Last nun auf ihm lag, da er in
seiner Sicherheit mich hatte spielen lassen und nun den größeren Teil
der Schuld auf seiner Seele hatte. Jetzt mußte ich noch eine Frage tun.
»Du, Becker -- hast du sie lieb gehabt? Ernstlich lieb gehabt?«
Er wollte etwas sagen, aber die Stimme brach ihm ab. Er nickte nur,
zweimal, dreimal. Und als ich ihn nicken sah, und als ich sah, wie
diesem zähen und harten Menschen die Stimme versagte, und wie auf seinem
herben, übernächtigen Gesicht die Muskeln so deutlich redend zuckten, da
fiel mich das ganze Weh erst an, und ich senkte den Kopf und schluchzte
ohne Halt.
Nach einer guten Weile, da ich durch die versiegenden Tränen aufschaute,
stand jener vor mir und hielt mir die Hand hingestreckt. Ich nahm sie an
und drückte sie, er stieg langsam vor mir her die steile Treppe hinunter
und öffnete leise die Tür des Wohnzimmers, in dem Helene lag und das ich
mit tiefem Grauen an jenem Morgen zum letzten Mal betrat.