Und er: »Hat dich deine Mutter geschickt?«

Ich nickte.

Er war müde und ließ jetzt den Kopf wieder auf das Kissen fallen. Ich

wußte gar nichts zu sagen, nagte an meiner Mützentroddel und sah ihn nur

immer an, und er mich, bis er lächelte und zum Scherz die Augen schloß.

Da schob er sich ein wenig auf die Seite, und wie er es tat, sah ich

plötzlich unter den Hemdknöpfen durch den Ritz etwas Rotes schimmern,

das war die große Narbe auf seiner Schulter, und als ich die gesehen

hatte, mußte ich auf einmal heulen.

»Ja, was hast du denn?« fragte er gleich.

Ich konnte keine Antwort geben, weinte weiter und wischte mir die Backen

mit der rauhen Mütze ab, bis es weh tat.

»Sag’s doch. Warum weinst du?«

»Bloß weil du so krank bist,« sagte ich jetzt. Aber das war nicht die

eigentliche Ursache. Es war nur eine Woge von heftiger und mitleidiger

Zärtlichkeit, wie ich sie schon früher einmal gespürt hatte, die quoll

plötzlich in mir auf und konnte sich nicht anders Luft machen.

»Das ist nicht so schlimm,« sagte der Brosi.

»Wirst du bald wieder gesund?«

»Ja, vielleicht.«

»Wann denn?«

»Ich weiß nicht. Es dauert lang.«

Nach einer Zeit merkte ich auf einmal, daß er eingeschlafen war. Ich

wartete noch eine Weile, dann ging ich hinaus, die Stiege hinunter und

wieder heim, wo ich sehr froh war, daß die Mutter mich nicht ausfragte.

Sie hatte wohl gesehen, daß ich verändert war und etwas erlebt hatte,

und sie strich mir nur übers Haar und nickte, ohne etwas zu sagen.

Trotzdem kann es wohl sein, daß ich an jenem Tage noch sehr ausgelassen,

wild und ungattig war, sei es, daß ich mit meinem kleinen Bruder

händelte oder daß ich die Magd am Herd ärgerte oder im nassen Feld

strolchte und besonders schmutzig heimkam. Etwas Derartiges ist

jedenfalls gewesen, denn ich weiß noch gut, daß am selben Abend meine

Mutter mich sehr zärtlich und ernst ansah -- mag sein, daß sie mich gern

ohne Worte an heute morgen erinnert hätte. Ich verstand sie auch wohl

und fühlte Reue, und als sie das merkte, tat sie etwas Besonderes. Sie

gab mir von ihrem Ständer am Fenster einen kleinen Tonscherben voll

Erde, darin steckte eine schwärzliche Knolle, und diese hatte schon ein

paar spitzige, hellgrüne, saftige junge Blättlein getrieben. Es war eine

Hyazinthe. Die gab sie mir und sagte dazu: »Paß auf, das geb ich dir

jetzt. Später wird’s dann eine große rote Blume. Dort stell ich sie hin,

und du mußt darauf acht geben, man darf sie nicht anrühren und

herumtragen, und jeden Tag muß man sie zweimal gießen; wenn du es

vergißt, sag ich dir’s schon. Wenn es aber eine schöne Blume werden

will, darfst du sie nehmen und dem Brosi hinbringen, daß er eine Freude

hat. Kannst du dran denken?«

Sie tat mich ins Bett, und ich dachte indessen mit Stolz an die Blume,

deren Wartung mir als ein ehrenvoll wichtiges Amt erschien, aber gleich

am nächsten Morgen vergaß ich das Begießen und die Mutter erinnerte mich

dran. »Und was ist denn mit dem Brosi seinem Blumenstock?« fragte sie,

und sie hat es in jenen Tagen mehr als das eine Mal sagen müssen.

Dennoch beschäftigte und beglückte mich damals nichts so stark wie mein

Blumenstock. Es standen noch genug andere, auch größere und schönere, im

Zimmer und im Garten, und Vater und Mutter hatten sie mir oft gezeigt.

Aber es war nun doch das erste Mal, daß ich mit dem Herzen dabei war,

ein solches kleines Wachstum mit anzuschauen, zu erwünschen und zu

pflegen und Sorge darum zu haben.

Ein paar Tage lang sah es mit dem Blümlein nicht erfreulich aus, es

schien an irgend einem Schaden zu leiden und nicht die rechten Kräfte

zum Wachsen zu finden. Als ich darüber zuerst betrübt und dann

ungeduldig wurde, sagte die Mutter einmal: »Siehst du, mit dem

Blumenstock ist’s jetzt gerade so wie mit dem Brosi, der so krank ist.

Da muß man noch einmal so lieb und sorgsam sein wie sonst.«

Dieser Vergleich war mir verständlich und brachte mich bald auf einen

ganz neuen Gedanken, der mich nun völlig beherrschte. Ich fühlte jetzt

einen geheimen Zusammenhang zwischen der kleinen, mühsam strebenden

Pflanze und dem kranken Brosi, ja ich kam schließlich zu dem festen

Glauben, wenn die Hyazinthe gedeihe, müsse auch mein Kamerad wieder

gesund werden. Käme sie aber nicht davon, so würde er sterben, und ich

trüge dann vielleicht, wenn ich die Pflanze vernachlässigt hätte, mit

Schuld daran. Als dieser Gedankenkreis in mir fertig geworden war,

hütete ich den Blumentopf mit Angst und Eifersucht wie einen Schatz, in

welchem besondere, nur mir bekannte und anvertraute Zauberkräfte

verschlossen wären.

Drei oder vier Tage nach meinem ersten Besuch -- die Pflanze sah noch

ziemlich kümmerlich aus -- ging ich wieder ins Nachbarhaus hinüber.

Brosi mußte ganz still liegen, und da ich nichts zu sagen hatte, stand

ich nahe am Bett und sah das nach oben gerichtete Gesicht des Kranken

an, das zart und warm aus weißen Betttüchern schaute. Er machte hin und

wieder die Augen auf und wieder zu, sonst bewegte er sich nicht, und ein

klügerer und älterer Zuschauer hätte vielleicht etwas davon gefühlt, daß

des kleinen Brosi Seele schon unruhig war und sich auf die Heimkehr

besinnen wollte. Als gerade eine Angst vor der Stille des Stübleins über

mich kommen wollte, trat die Nachbarin herein und holte mich freundlich

und leisen Schrittes weg.

Das nächste Mal kam ich mit viel froherem Herzen, denn zu Hause trieb

mein Blumenstock mit neuer Lust und Kraft seine spitzigen freudigen

Blätter heraus. Diesmal war auch der Kranke sehr munter.

»Weißt du auch noch, wie der Jakob noch am Leben war?« fragte er mich.

Und wir erinnerten uns an den Raben und sprachen von ihm, ahmten die

drei Wörtlein nach, die er hatte sagen können, und redeten mit Begierde

und Sehnsucht von einem grau und roten Papagei, der sich vorzeiten

einmal hierher verirrt haben sollte. Ich kam ins Plaudern, und während

der Brosi bald wieder ermüdete, hatte ich sein Kranksein für den

Augenblick ganz vergessen. Ich erzählte die Geschichte von jenem

Papagei, die zu den Legenden unseres Hauses gehörte. Ihr Glanzpunkt war

der, daß ein alter Hofknecht den schönen Vogel auf dem Dach des

Schuppens sitzen sah, sogleich eine Leiter anlegte und ihn einfangen

wollte. Als er auf dem Dach erschien und sich dem Papagei vorsichtig

näherte, sagte dieser: »Guten Tag, mein Lieber!« Da zog der Knecht seine

Kappe herunter und sagte: »Bitt um Vergebung, jetzt hätt ich fast

gemeint, Ihr wäret ein Vogeltier.«

Als ich das erzählt hatte, dachte ich, der Brosi müsse nun notwendig

laut hinauslachen. Da er es nicht gleich tat, sah ich ihn ganz

verwundert an. Ich sah ihn fein und herzlich lächeln, und seine Backen

waren ein wenig röter als vorher, aber er sagte nichts und lachte nicht

laut.

Da kam es mir plötzlich vor, als sei er um viele Jahre älter als ich.

Meine Lustigkeit war im Augenblick erloschen, statt ihrer befiel mich

Verwirrung und Bangigkeit, denn ich empfand wohl, daß zwischen uns

beiden jetzt etwas Neues fremd und störend aufgewachsen sei.

Es surrte eine große Winterfliege durchs Zimmer und ich fragte, ob ich

sie fangen solle.

»Nein, laß sie doch!« sagte der Brosi.

Auch das kam mir vor wie von einem Erwachsenen gesprochen. Befangen ging

ich fort.

Auf dem Heimweg empfand ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas von der

ahnungsvollen verschleierten Schönheit des Vorfrühlings, das ich erst um

Jahre später, ganz am Ende der Knabenzeiten, wieder gespürt habe.

Was er war und wie es kam, weiß ich nicht. Ich erinnere mich aber, daß

ein lauer Wind strich, daß feuchte dunkle Erdschollen am Rande der Äcker

aufragten und streifenweise blank erglänzten, und daß ein besonderer

Föhngeruch in der Luft war. Ich erinnerte mich auch dessen, daß ich eine

Melodie summen wollte und gleich wieder aufhörte, weil irgend etwas mich

bedrückte und still machte.

Dieser kurze Heimweg vom Nachbarhaus ist mir eine merkwürdig tiefe

Erinnerung. Ich weiß kaum etwas Einzelnes mehr davon; aber zuweilen,

wenn es mir gegönnt ist, mit geschlossenen Augen mich dahin

zurückzufinden, meine ich die Erde noch einmal mit Kindesaugen zu sehen

-- als Geschenk und Schöpfung Gottes, im leise glühenden Träumen

unberührter Schönheit, wie wir Alten sie sonst nur aus den Werken der

großen Künstler und Dichter kennen. Der Weg war vielleicht nicht ganz

zweihundert Schritt lang, aber es lebte und geschah auf ihm und über ihm

und an seinem Rande unendlich viel mehr als auf mancher ganzen Reise,

die ich später unternommen habe.

Es streckten kahle Obstbäume verschlungene und drohende Äste, und von

den feinen Zweigspitzen rotbraune und harzige Knospen in die Luft, über

sie hinweg ging Wind und schwärmende Wolkenflucht, unter ihnen quoll die

nackte Erde in der Frühlingsgärung. Es rann ein vollgeregneter Graben

über und sandte einen schmalen trüben Bach über die Straße, auf dem

schwammen alte Birnenblätter und braune Holzstückchen, und jedes von

ihnen war ein Schiff, jagte dahin und strandete, erlebte Lust und Pein

und wechselnde Schicksale, und ich erlebte sie mit.

Es hing unversehens vor meinen Augen ein dunkler Vogel in der Luft,

überschlug sich und flatterte taumelnd, stieß plötzlich einen langen

schallenden Triller aus und stob verglitzernd in die Höhen, und mein

Herz flog staunend mit.

Ein leerer Lastwagen mit einem ledigen Beipferd kam gefahren, knarrte

und rollte fort und fesselte noch bis zur nächsten Krümme meinen Blick,

mit seinen starken Rossen aus einer unbekannten Welt gekommen und in sie

verschwindend, flüchtige schöne Ahnungen aufregend und mit sich nehmend.

Das ist eine kleine Erinnerung, oder zwei und drei; aber wer will die

Erlebnisse, Erregungen und Freuden zählen, die ein Kind zwischen einem

Stundenschlag und dem andern an Steinen, Pflanzen, Vögeln, Lüften,

Farben und Schatten findet und sogleich wieder vergißt und doch mit

hinübernimmt in die Schicksale und Veränderungen der Jahre? Eine

besondere Färbung der Luft am Horizont, ein winziges Geräusch in Haus

oder Garten oder Wald, der Anblick eines Schmetterlings oder irgend ein

flüchtig herwehender Geruch rührt oft für Augenblicke ganze Wolken von

Erinnerungen an jene frühen Zeiten in mir auf. Sie sind nicht klar und

einzeln erkennbar, aber sie tragen alle denselben köstlichen Duft von

damals, da zwischen mir und jedem Stein und Vogel und Bach ein inniges

Leben und Verbundensein vorhanden war, dessen Reste ich eifersüchtig zu

bewahren bemüht bin.

Mein Blumenstock richtete sich indessen auf, reckte die Blätter höher

und erstarkte zusehends. Mit ihm wuchs meine Freude und mein Glaube an

die Genesung meines Kameraden. Es kam auch der Tag, an welchem zwischen

den feisten Blättern eine runde rötliche Blütenknospe sich zu dehnen und

aufzurichten begann, und der Tag, an dem die Knospe sich spaltete und

ein heimliches Gekräusel schönroter Blütenblätter mit weißlichen Rändern

sehen ließ. Den Tag aber, an dem ich den Topf mit Stolz und freudiger

Behutsamkeit ins Nachbarhaus hinübertrug und dem Brosi übergab, habe ich

völlig vergessen. Daß der Kranke aber seine leise Freude daran hatte und

ihn sich häufig zeigen ließ, weiß ich noch wohl.

Dann war einmal ein heller Sonnentag; aus dem dunklen Ackerboden stachen

schon feine grüne Spitzen, die Wolken hatten Goldränder, und in den

feuchten Straßen, Hofräumen und Vorplätzen spiegelte ein sanfter reiner

Himmel. Das Bettlein des Brosi war näher zum Fenster gestellt worden,

auf dessen Simsen die rote Hyazinthe in der Sonne prunkte, den Kranken

hatte man ein wenig aufgerichtet und mit Kissen gestützt. Er sprach

etwas mehr als sonst mit mir, über seinen geschorenen blonden Kopf lief

das warme Licht fröhlich und glänzend und schien rot durch seine Ohren.

Ich war sehr guter Dinge und sah wohl, daß es nun schnell vollends gut

mit ihm werden würde. Seine Mutter saß dabei, und als es ihr genug

schien, schenkte sie mir eine gelbe Winterbirne und schickte mich heim.

Noch auf der Stiege biß ich die Birne an, sie war weich und honigsüß,

und der Saft tropfte mir aufs Kinn und über die Hand. Den abgenagten

Butzen warf ich unterwegs in hohem Bogen feldüber.

Tags darauf regnete es was herunter mochte, ich mußte daheim bleiben und

durfte mit sauber gewaschenen Händen in der Bilderbibel schwelgen, wo

ich schon viele Lieblinge hatte, am liebsten aber waren mir doch der

Paradieslöwe, die Kamele des Elieser und das Mosesknäblein im Schilf.

Als es aber am zweiten Tag in einem Strich fortregnete, wurde ich doch

verdrießlich. Den halben Vormittag starrte ich durchs Fenster auf den

plätschernden Hof und Kastanienbaum, dann kamen der Reihe nach alle

meine Spiele dran, und als sie fertig waren und es gegen Abend ging,

bekam ich noch Streit mit meinem Bruder. Das alte Lied: wir reizten

einander, bis der Kleine mir ein arges Schimpfwort sagte, da schlug ich

ihn, und er floh heulend durch Stube, Öhrn, Küche, Stiege und Kammer bis

zur Mutter, der er sich in den Schoß warf und die mich seufzend

wegschickte. Bis der Vater heimkam, sich alles erzählen ließ, mich

abstrafte und mit den nötigen Ermahnungen ins Bett steckte, wo ich mir

namenlos unglücklich vorkam, aber bald unter noch rinnenden Tränen

einschlief.

Als ich wieder, vermutlich am folgenden Morgen, in des Brosi

Krankenstube stand, hatte seine Mutter beständig den Finger am Mund und

sah mich warnend an, der Brosi aber lag mit geschlossenen Augen leise

stöhnend da. Ich schaute bang in sein Gesicht, es war bleich und vom

Schmerz verzogen. Und als seine Mutter meine Hand nahm und sie auf seine

legte, machte er die Augen auf und sah mich eine kleine Weile still an.

Seine Augen waren groß und verändert, und wie er mich ansah, war es ein

fremder wunderlicher Blick wie aus einer weiten Ferne her, als kenne er

mich gar nicht und sei über mich verwundert, habe aber zugleich andere

und viel wichtigere Gedanken. Auf den Zehen schlich ich nach kurzer

Zeit, da die Nachbarin mahnte, wieder hinaus.

Am Nachmittag aber, während ihm auf seine Bitte die Mutter eine schöne

Geschichte erzählte, sank er in einen müden Schlummer, der bis an den

Abend dauerte und während dessen sein schwacher Herzschlag langsam

einträumte und erlosch.

Als ich ins Bett ging, wußte es meine Mutter schon. Doch sagte sie mir’s

erst am Morgen, nach der Milch. Darauf ging ich den ganzen Tag

traumwandelnd umher und stellte mir vor, daß der Brosi zu den Engeln

gekommen und selber einer geworden sei. Daß sein kleiner magerer Leib

mit der Narbe auf der Schulter noch drüben im Hause lag, wußte ich

nicht, auch vom Begräbnis sah und hörte ich nichts.

Meine Gedanken hatten viel Arbeit damit und es verging wohl eine Zeit,

bis der Gestorbene mir fern und unsichtbar wurde. Dann aber kam früh und

plötzlich der ganze Frühling, über die Berge flog es gelb und grün, im

Garten roch es nach jungem Wuchs, der Kastanienbaum tastete mit weich

gerollten Blättern aus den aufgesprungenen Knospenhüllen, und an allen

Gräben lachten auf fetten Stielen die goldgelben glänzenden

Butterblumen.

Diesseits: Erzählungen · 第 6 / 23 题