Reichswehrministerium (Heer) Heeresleitung

Berlin, den 4. November 1923.

Der Ruhrkampf und sein Ende haben Deutschland im tiefsten

aufgewühlt. Frankreichs und Belgiens frevelhafter Eingriff in das

Reichsgebiet, die wirtschaftliche Not, die das Volk an den Rand der

Verzweiflung bringt, haben uns nicht zusammengeführt, sondern den

Kampf der Parteien zur Siedehitze gesteigert. Der kommunistische

Umsturz ist in Hamburg soeben von Polizei und Reichsmarine

niedergeworfen worden: aber die Kommunisten sind entschlossen, ihn

zu erneuern, sobald ihnen die Verschärfung der Not und des

politischen Kampfes neue Gelegenheit gibt. Andererseits ist Macht

und Anhang derjenigen gewachsen, die Deutschlands Rettung nur in der

beschleunigten, gewaltsamen Beseitigung des heutigen

Regierungssystems durch eine nationale Diktatur sehen. Die

bayrischen Nationalsozialisten fordern den Marsch auf Berlin.

Solange ich an meiner Stelle bin, habe ich die Ansicht vertreten,

daß nicht von diesem oder jenem Extrem, nicht von äußerer Hilfe oder

innerer Revolution – komme sie von links oder rechts – das Heil

kommt, sondern daß uns nur harte, nüchterne Arbeit die Möglichkeit

zum Weiterleben gibt. Diese können wir allein auf dem Boden von

Gesetz und Verfassung leisten. Wird dieser verlassen, so tritt der

Bürgerkrieg ein – der Bürgerkrieg, der bei unseren heutigen

Verhältnissen zwei an Zahl und Machtmitteln gleich starke Parteien

gegeneinander führt, der nicht mit dem Siege der einen Seite,

sondern mit ihrer gegenseitigen Zerfleischung endet, für den uns der

30jährige Krieg ein furchtbar warnendes Beispiel sein muß. Feinde

ringsum, im Innern Deutsche gegen Deutsche! Beim Friedensschluß

triumphiert Frankreich.

An der Reichswehr ist es, diesen Bürgerkrieg zu verhindern. Solange

in der Reichswehr innere Disziplin und unerschütterliches Vertrauen

zu ihren Führern lebt, solange kann kein Feind des Staates etwas

ausrichten, solange kann die Reichseinheit nicht angetastet werden,

solange wird die Hoffnung auf ein freies und großes Deutschland

nicht erlöschen. An uns ist es, dieses Vertrauen nicht zu täuschen,

den militärischen Ausnahmezustand so zu handhaben und

auszugestalten, daß nicht nur Ruhe und Ordnung in Deutschland

herrschen, sondern daß seine Bewohner, in ihrer Existenz

sichergestellt, wieder Vertrauen zur Zukunft fassen und seine Jugend

in nationaler Begeisterung wieder zur Wehrhaftigkeit drängt. Wohl

aber haben sich durch die jüngsten Vorgänge in Bayern Zweifel

erhoben, ob die innere Einigkeit und Festigkeit des Heeres zur

Durchführung dieser hohen Aufgabe genügt. Unser Lebensinteresse ist

es, daß wir diesen Zweifel widerlegen, daß wir den Parteikampf, der

alle übrigen Kräfte Deutschlands zerreißt, aus dem Heere

ausschließen, daß wir nur den überparteilichen staatlichen

Notwendigkeiten dienen und uns weder durch den Haß noch durch die

Lockungen der politischen Richtungen von dieser Bahn abbringen

lassen. Diese staatlichen Notwendigkeiten zu erkennen und

durchzusetzen, ist aber allein Sache der obersten Führung. Die Ehre

des Soldaten liegt nicht im Besserwissen und Besserwollen, sondern

im Gehorsam. Deshalb warne ich in dieser Stunde alle Angehörigen der

Reichswehr vor jenen, die Zwietracht in ihre Reihen zu tragen suchen

und unter dem Mantel schöner Ziele Mißtrauen gegen die Vorgesetzten

säen. Eine Reichswehr, die in sich einig und im Gehorsam bleibt, ist

unüberwindlich und der stärkste Faktor im Staate.

Ich ersuche alle Kommandeure, ihre Untergebenen auf die schweren

Gefahren einer solchen Entwicklung hinzuweisen und jeden

Reichswehrangehörigen, der sich politisch zu betätigen sucht, sofort

aus der Truppe zu entfernen.

gez. v. Seeckt.

Am selben Tag erläßt auch Stinnes eine Proklamation. Es ist ein

einfacher Brief. Niemand in der breiten Öffentlichkeit nimmt Kenntnis

von ihm. Und doch kommt ihm große Bedeutung zu.

In diesem Brief verabschiedet Herr Stinnes seinen Generaldirektor

Minoux, der viele Monate lang seine rechte Hand gewesen ist, der erst

vor wenigen Tagen mit Wissen seines Herrn nach München geeilt war, um in

Verhandlungen mit Hitler und Ludendorff und Kahr den Boden für das große

nationale Direktorium zu bereiten, in dem ihm selbst eine führende

Stellung ausersehen war. Herr Stinnes läßt seinen Generaldirektor

fallen. Der Traum vom nationalen Direktorium ist ausgeträumt. Kahr weiß

nun, was die Stunde schlägt.

Am 6. November versammelt er die Führer sämtlicher Kampfverbände in

München, um im letzten Augenblick das Steuer herumzureißen.

Polizeioberst Seißer, der gerade von seiner Reise nach Berlin

zurückgekehrt ist, hat das Referat. Er soll nun den Herren Hitler und

Ludendorff klar machen, daß man die Aktion verschieben müsse. Der Norden

ist noch nicht so weit, ein zu frühes Losschlagen kann verhängnisvolle

Folgen haben. Zeit gewinnen, denkt Herr von Kahr, ist jetzt alles.

Warten wir wenigstens noch bis zum 12. November.

Die Sitzung nimmt einen stürmischen Verlauf. Oberstleutnant Kriebel, der

oberste Führer der Hitlerschen Kampftruppen, ist empört. Soll man wieder

„kneifen“? Warum bis zum 12. warten, wenn man schon am 9. den Schlag

führen kann? In derselben Nacht fassen Hitler und seine Kommandanten den

Entschluß, ohne weiteren Zeitverlust loszuschlagen, jene vollendete

Tatsache zu schaffen, die – wie sie überzeugt sind – auch Herrn von Kahr

veranlassen wird, „den Absprung zu wagen“.

Für den 8. November acht Uhr abends ist im Münchener Bürgerbräu eine

Versammlung einberufen, in der Herr von Kahr eine Rede zur politischen

Lage halten soll. Bis auf den letzten Platz ist dieser große Saal

gefüllt. Unruhe, Ungewißheit, eine Ahnung von ungewöhnlichen Dingen, die

sich abspielen werden, abspielen müssen, hält die Zuhörer in ihrem Bann.

Draußen an den Eingängen stehen mit Pistole und Gewehr Bewaffnete,

verwegene Gestalten Wache. Ihre Windjacke ist mit dem Hakenkreuz

geziert, auf der Kappe das Abzeichen Hitlers. Es sind die tüchtigsten,

militärisch am besten geschulten Parteigenossen, die diesen Stoßtrupp

bilden und Leutnant Berchtold befehligt sie. Bund „Oberland“

unter Führung Dr. Webers und des Generals a. D. Aechter, die

„Reichskriegsflagge“ unter Führung des Hauptmanns Röhm, das

nationalsozialistische „Regiment München“, das drei Bataillone zählt und

den Oberleutnant Brückner zum Kommandanten hat, sind seit Tagen marsch-

und gefechtsbereit. Wird es noch heute losgehen?

Herr von Kahr hat die Rednertribüne bestiegen und beginnt sein Referat.

Eine halbe Stunde ist vergangen. Da – Stimmengewirr, Kommandorufe,

rückwärts am Saaleingang brandet Geschrei, große Wellen der Erregung

fluten nach vorne – was ist geschehen? Ein Schuß fällt. Hitler steht

mitten im Saal. Die noch rauchende Pistole in der Hand. Seine Stimme

schmettert, übertäubt allen Lärm, es wird mäuschenstill im Saal:

„Die nationale Revolution ist ausgebrochen. Der Saal ist von

sechshundert Schwerbewaffneten besetzt. Niemand darf den Saal verlassen.

Wenn nicht sofort Ruhe ist, werde ich ein Maschinengewehr auf die

Galerie stellen lassen. Die bayrische Regierung und die Reichsregierung

sind abgesetzt. Eine provisorische Reichsregierung wird gebildet. Die

Kasernen der Reichswehr und Landespolizei sind besetzt. Reichswehr und

Landespolizei rücken bereits unter der Hakenkreuzfahne heran.“

Frenetischer Beifall braust auf. Kahr tritt vom Podium ab, folgt mit

General Lossow Hitler in einen Nebensaal. Inzwischen ist Leutnant Pernet

mit dem Auto losgesaust, um General Ludendorff herbeizuholen. Dr. von

Scheubner-Richter, der Geschäftsführer der nationalsozialistischen

Partei, begleitet ihn.

Wenige Minuten später ist Ludendorff zur Stelle. Und während draußen in

der Stadt die völkischen Truppen aufmarschieren, entwirft Hitler den

Schlachtplan. Eine bayrische Regierung soll gebildet werden, die aus

einem Landesverweser und einem mit diktatorischen Vollmachten

ausgestatteten Ministerpräsidenten bestehen wird. Herr von Kahr wird

Landesverweser, Oberlandesgerichtsrat Pöhner Ministerpräsident. Hitlers

Stimme schmettert:

„Bis zum Ende der Abrechnung mit den Verbrechern, die heute

Deutschland tief zu Grunde richten, übernehme die Leitung der

Politik, der provisorischen nationalen Regierung – ich. Exz.

Ludendorff übernimmt die Leitung der deutschen nationalen Armee,

General von Lossow wird deutscher Reichswehrminister, Oberst von

Seißer deutscher Reichspolizeiminister. Die Aufgabe der

provisorischen deutschnationalen Regierung ist, mit der ganzen Kraft

dieses Landes und der herbeigezogenen Kraft aller deutschen Gaue den

Vormarsch anzutreten in das Sündenbabel Berlin, das deutsche Volk zu

retten.“

Dann steht General Ludendorff auf dem Podium:

„Ergriffen von der Größe des Augenblicks und überrascht stelle ich

mich kraft eigenen Rechtes der deutschen Nationalregierung zur

Verfügung. Es wird mein Streben sein, der alten schwarz-weiß-roten

Kokarde die Ehre wiederzugeben, die ihr die Revolution genommen hat.

_Es geht heute um das Ganze._ Es gibt für einen deutschen Mann, der

diese Stunde erlebt, kein Zaudern zur vollen Hingabe, nicht nur mit

dem Verstand, nein, zur Hingabe mit vollem, deutschem Herzen an

diese Sache. _Diese Stunde bedeutet den Wendepunkt in unserer

Geschichte._ Gehen wir in sie hinein mit tiefem, sittlichem Ernst,

überzeugt von der ungeheuren Schwere unserer Aufgabe, überzeugt und

durchdrungen von unserer schweren Verantwortung. Gehen wir mit dem

übrigen Volk an unsere Arbeit. Wenn wir reinen Herzens diese Arbeit

tun – deutsche Männer, ich zweifle nicht daran –, wird Gottes Segen

mit uns sein, den wir herabflehen auf diese Stunde. Ohne Gottes

Segen geschieht nichts. Ich bin überzeugt und zweifle nicht daran:

Der Herrgott im Himmel, wenn er sieht, daß endlich wieder deutsche

Männer da sind, wird mit uns sein.“

Pöhner beschließt die Reihe der Ansprachen:

„Ich werde mich _selbstverständlich_ dem Rufe nicht entziehen, den

vaterländische Pflicht mir gebeut. Ich werde Herrn v. Kahr treu zur

Seite stehen bei der schweren Aufgabe, die er haben wird. Wir haben

bisher immer zusammengestanden. Seine Exzellenz wird sich auf mich

verlassen können.“

Doch man hört nicht mehr, was hier im Saale gesprochen wird.

Trommelwirbel dröhnt von der Straße herein. Die Infanterieschule ist

unter den Hakenkreuzfahnen heranmarschiert und hat vor dem Bürgerbräu

Aufstellung genommen. Ludendorff schreitet die Front ab. Und

gleichzeitig werden die Minister des bayrischen Kabinetts, die der

Versammlung beigewohnt haben, unter strenger Eskorte in Autos verladen,

um in ihre Ehrenhaft abgeführt zu werden. Dr. Weber hat die Villa seines

Schwiegervaters Lehmann für die Unterbringung der Geiseln

bereitgestellt.

Mitternacht ist vorüber. Im obersten Kommando Hitlers herrscht

Unsicherheit und Beklemmung. Es ist zu leicht gegangen und zu schnell.

Nirgends zeigt sich Widerstand. Die Herren Kahr und Lossow sind

plötzlich verschwunden, und da man sie jetzt telephonisch erreichen

will, versagt das Telephon. Kuriere jagen durch die nächtlichen Straßen.

Herr Lossow ist nicht zu finden. Herr Kahr ist nicht zu sprechen. Im

Wehrkreiskommando, wo der Stab der Rebellenarmee versammelt ist, weiß

man diese beunruhigenden Zufälle nicht zu deuten. Ein Kurier nach dem

andern geht ab und kehrt nicht wieder. Ludendorff bittet, fordert,

befiehlt – Lossow kommt nicht zur Besprechung.

Der Morgen dämmert. Da beschließt das Kommando, alle verfügbaren Truppen

zu sammeln und einen großen Demonstrationszug durch die Stadt zu

veranstalten, um endlich aus dieser Unklarheit herauszukommen.

Der Zug setzt sich in Marsch. Böse Nachrichten laufen ein. Die Kaserne

ist in den Händen der Reichswehr, der Versuch, sie im Sturm zu nehmen,

ist kläglich mißlungen. Im Polizeipräsidium ist Herr Frick, der von

Hitler zum Leiter der Münchener Polizei ernannte Oberamtmann, ganz

plötzlich verhaftet worden. Reichswehr sperrt die Isarbrücken, Gewehr

bei Fuß. Oberleutnant Brückners Parlamentäre kehren unverrichteter Dinge

zurück. Ist man umzingelt? Verraten? Verloren? Wo ist Kahr? Was will

Lossow?

Als der Zug unter Führung Hitlers und Ludendorffs und der anderen

Kommandanten zur Residenz einbiegt, bekommt er Flankenfeuer.

Scheubner-Richter stürzt tot zu Boden. Wieder kracht eine Gewehrsalve.

Die Hitlertruppen wollen das Feuer erwidern, aber die Übermacht ist zu

groß. Der Zug ist zersprengt. Tote und Verwundete wälzen sich am Boden,

die Truppen der Rebellen flüchten nach allen Seiten, der Putsch ist

gescheitert.

Der Hitler-Ludendorff-Prozeß · 第 17 / 27 题