Die Ernennung Kahrs zum Generalstaatskommissar war von den
„Vaterländischen Verbänden“ Bayerns, deren Ehrenvorsitzender er war, mit
folgender Kundgebung begrüßt worden:
„Bayern steht unter der Führung des Generalstaatskommissars v. Kahr.
Wir wissen, daß der Mann, der vor zwei Jahren allein gegenüber
Zumutungen (in den Fragen der Entwaffnung und der Einwohnerwehren),
die zum Schaden Deutschlands und Bayerns führen mußten, aufrecht
geblieben ist, heute dieselbe gerade Gesinnung durch die Tat
beweisen wird.
Damals stand er allein, wenn auch die Gefühle der Besten in Bayern
und Deutschland mit ihm waren. Heute soll Herr Kahr wissen, daß er
nicht nur auf Gefühle rechnen kann, die Machtmittel des Staates und
machtvolle Organisationen stehen ihm zur Seite.
Jetzt heißt es, das Vaterland vom Abgrund zurückzureißen und sich in
die Erfordernisse des völkischen Gedankens und einer auf diesem
Gedanken fußenden Staatsmacht einzuordnen.
Das ist die heilige Pflicht jedes Mitgliedes der Vereinigten
vaterländischen Verbände Bayerns.
gez. Bauer. Kleinhenz.“
Das Stichwort war gefallen. Die Führer der verschiedenen Kampfverbände
nahmen es auf. Für Arbeitsteilung sorgte Hitler, der fieberhaft die
Aufrüstung betrieb und seine Anhänger mit der Versicherung, die Stunde
zum Losschlagen sei gekommen, unerbittlich vorwärtstrieb. Seine
Zuversicht wurde nicht einmal getrübt, als Kahr in den ersten
Oktobertagen mit einem geschickten Manöver den nationalsozialistischen
Kampfbund sprengte. Der Wiking-Bund, eine militärische Organisation
Ehrhardts, an dessen Spitze dessen Adjutant Kapitän Kautter stand, trat
auf die Seite Kahrs über. Die Organisation „Reichsflagge“, von Hauptmann
Heiß befehligt, folgte. Das war ein schwerer Schlag, denn Heiß saß in
Nürnberg und hatte die wichtigen nordbayrischen Gebiete in der Hand.
Kahr ließ nicht locker. Als der Leipziger Staatsgerichtshof wegen einer
hochverräterischen Rede des draufgängerischen Hauptmanns Heiß einen
Haftbefehl gegen ihn erließ, setzte nun der Generalstaatskommissar noch
am selben Tag – 28. September – mit einer Verordnung das Reichsgesetz
zum Schutz der Republik für Bayern außer Kraft. Damit war dem Reich in
aller Form der Fehdehandschuh hingeworfen. Nun gab es kein Zurück mehr.
In den letzten Septembertagen ein zweiter, noch bedeutsamerer
Zwischenfall: General von Seeckt hatte als Inhaber der vollziehenden
Gewalt im Reich den „Völkischen Beobachter“ in München, Hitlers Organ,
wegen fortgesetzter hochverräterischer Drohungen verboten. Das Blatt
hielt es nicht für notwendig, das Verbot zu beachten. Seeckt ließ die
bayrischen Behörden ersuchen, dem Verbot Beachtung zu erzwingen – die
bayrischen Behörden erklärten, ein Eingreifen auf Grund des
Reichsausnahmezustandes ablehnen zu müssen. Ein neuer Befehl von Berlin,
diesmal an General von Lossow: er habe im eigenen Wirkungskreis das
Weitererscheinen der Zeitung zu verhindern. General Lossow warf den
Befehl seines Vorgesetzten in den Papierkorb. General von Seeckt
entschloß sich, den letzten Trumpf auszuspielen: Lossow wird seines
Postens und des Kommandos über die bayrische Reichswehr enthoben. Auch
jetzt kapituliert Lossow nicht. Er erklärt formell, diesem Befehl nicht
Folge geben zu können, und der Generalstaatskommissar von Kahr ernennt
ihn noch am selben Tag zum bayrischen Landeskommandanten. Tags darauf
ordnet Kahr an, die bayrischen Truppen auf den Generalstaatskommissar
von Bayern zu vereidigen. Am 20. Oktober rücken die Münchener Truppen
zur Eidesleistung aus. Der Bruch mit dem Reich ist vollzogen. Was werden
die nächsten Tage bringen?
November wird’s. Grauer dichter Nebel deckt sein Tuch über Deutschland.
Unten in Bayern brodelt es. Niemand weiß recht, welche Gewitter im Anzug
sind, was die schweren Wolken bergen, die über der thüringischen und
sächsischen Grenze heraufziehen. Aber im ungewissen Schein der Dämmerung
hat man dort unten Truppen gesehen, Tausende von Bewaffneten, die in den
Dörfern und Städten kampieren, die Landstraße besetzt halten; Reisende
wissen beängstigende Dinge von Schützengräben, Kanonen und Panzerautos
zu erzählen. Der Vormarsch der bayrischen Kampfverbände ist nicht mehr
zum Stehen zu bringen. General von Seeckt, der bis zuletzt gezögert
hatte, verhandelt hatte, immer wieder neue Fäden anknüpfte mit den
Abgesandten Kahrs und dessen preußischen Freunden, findet sich in einer
Sackgasse. Am 4. November erläßt er folgenden Aufruf an die Reichswehr: