3. die geistigen Arbeiter (Ärzte, Ingenieure, mittlere Beamte).

Die „Stehkragenproletarier“ – um mit der dritten Schicht zu beginnen –

haben durch den Krieg und in der Revolution ohne Zweifel die stärkste

seelische und geistige Wandlung durchgemacht. Die bittere Not hat der

großen Mehrheit von ihnen den Standesdünkel recht bald ausgetrieben und,

wurde es in diesen Kreisen noch vor wenigen Jahren als ärgste Schmach

empfunden, materiellen Interessen die Herrschaft über den freien Geist

einzuräumen, so bläute den Mittelständlern der von Tag zu Tag schwerere

Kampf um die Erhaltung des nackten Lebens unbarmherzig die Erkenntnis

ein, daß der sehr prosaische Magen und nicht der poetische Geist das

letzte, entscheidende Wort hat. Diese Schicht ist es auch, die zuerst

eine Brücke zur Arbeiterschaft zu schlagen versuchte und in der

Erkenntnis, daß ihre Interessen mit denen der Handarbeiter gleichlaufen,

die Notwendigkeiten der praktischen Solidarität, der Organisation immer

klarer erfaßte.

Schwieriger steht es mit der zweiten Schicht. Unser Wirtschaftsleben

bringt Kleinhändler und Arbeiter täglich in scharfen Gegensatz. Die

Arbeiter, die dem kleinen Händler nur als Konsumenten bzw. im Gewerbe

als „unbescheidene Angestellte“ gegenübertreten, sind nur allzu leicht

geneigt, für die teuern Preise, für ihre Übervorteilung die

verantwortlich zu machen, mit denen sie unmittelbar in Beziehung kommen,

statt zu erkennen, daß diese selbst auch Opfer des Systems, der großen

Unternehmer sind. Und die Kleinhändler wieder klammern sich an die

Illusion von der „Wiederkehr der guten alten Zeit“ und verfolgen

(Ursache und Wirkung in bekannter Weise vertauschend) Revolution,

Demokratie, Republik – die Symbole ihres Falles – mit wütendem Haß.

Bleibt noch das Heer der ehemaligen Offiziere und Staatsbeamten, der

Studenten und Lehrer.

Als unmittelbar nach dem Zusammenbruch die deutsche Armee in die Heimat

zurückflutete, entlud sich der Haß, die Erbitterung der Masse der

einfachen Soldaten, die fünf lange Jahre in den Schützengräben ganz

Europas gehungert und gelitten hatten, zuerst gegen jene, die sie als

ihre eigentlichen Peiniger empfanden – die Offiziere. Es ist damals

gewiß so manchem dieser Offiziere bitter Unrecht getan worden. Sicher

hat der überwiegende Teil des deutschen Offizierkorps, vor allem in den

niederen Rängen, ebenso gelitten, ebenso geblutet wie die Mannschaft.

Sicher kann der Mehrzahl der Offiziere der alten Armee die Bestätigung

ihrer persönlichen Anständigkeit, Korrektheit, Pflichttreue und

ehrlicher Sorge um die Untergebenen nicht versagt werden. Gewiß, es gab

traurige Ausnahmen – die aber nur die Regel bestätigen. Und dennoch: so

bitter und ungerecht der Entrüstungssturm gegen die Offiziere, der

damals die Massen in Deutschland durchtobte, jenen erscheinen mußte, die

Erbitterung war nicht nur begreiflich, sie war auch notwendig. Die Masse

sah nicht den einzelnen Leutnant oder Rittmeister, sondern den

„Offizier“, das Symbol des wilhelminischen Kaiserreichs. Der einzelne

war nur der sichtbare Ausdruck für die Maschine, die zu zerbrechen für

die Massen Voraussetzung ihrer Befreiung war.

Ein großer Teil der Offiziere, durch ihre ganze Erziehung, durch

Umgebung und Tradition in einen scharfen Gegensatz zur Arbeiterschaft,

zum „Zivilistenpack“ aufgewachsen, hat im Krieg eine seelische Wandlung

durchgemacht und war beim Umsturz vielfach sogar ehrlich bestrebt, sich

durchzuringen zu einem inneren, ehrlichen Verhältnis zur Masse. Da

mußten gerade diese sehen, wie ihre Annäherung mit Mißtrauen, ja mit

Hohn zurückgewiesen wurde. Das tat weh. Das verbitterte. Man mußte schon

ein innerlich starker und gefestigter Mensch sein, um allen diesen

täglichen Verhöhnungen und Beschimpfungen, die immer gegen den ganzen

Stand erhoben wurden, zum Trotz, den Weg zur Arbeiterschaft zu finden.

Die Mehrzahl fand ihn nicht. Viele von ihnen zogen sich, geschworene

Feinde der Republik und der Demokratie, die sie für ihren tiefen Sturz

verantwortlich machten, grollend zurück. Viele fanden in den folgenden

Jahren nach und nach den schweren Weg ins bürgerliche Berufsleben. Sehr

viele verkamen, versanken im Schiebertum, Gelegenheitsgeschäft, wurden

Hochstapler, Abenteurer, Landsknechte.

Die anderen aber, mochten sie mittlerweile auch den Weg in die

bürgerlichen Berufe gefunden haben, sie blieben auch dort nur der

Leutnant oder Oberleutnant a. D., d. h. eingesponnen in die Ideologie

ihrer Vergangenheit und so innerhalb der Masse der Schwankenden und

des zur Passivität neigenden Kleinbürgertums die starken

Führerpersönlichkeiten, die weit über ihre nächste Umgebung hinaus

bestimmenden Einfluß genießen.

Endlich die Studentenschaft. So traditionstreu sie sich vielleicht

dünkt, sie hat überhaupt keine Tradition. Kaum glaublich, daß noch vor

siebzig Jahren die deutschen Studenten Schulter an Schulter mit den

Arbeitern auf den Barrikaden für Republik und Demokratie kämpften und

fielen. Vergessen sind die Befreiungskriege, vergessen 1848 –

unvergessen ist Schwarz-Weiß-Rot, Hohenzollern, Militärpracht. So sind

die deutschen Hochschulen uneinnehmbare Festungen der Reaktion geworden.

Solcherart ist das große, vielmillionenköpfige Heer des deutschen

Kleinbürgertums, das – durch Not, Hunger und Unzufriedenheit mit den

bestehenden Verhältnissen aus seiner Ruhe und althergebrachten Ordnung

aufgerüttelt – nunmehr in Bewegung geraten ist. Der Wechsel auf das

selige Jenseits hat eine zu lange Laufzeit und der Glaube an Gott macht

den Magen nicht voll. Der Kaiser war zu „schlapp“ und also mitschuldig

an dem Sieg der „Novemberverbrecher“. So lautet also der neue

Schlachtruf: „Mit Wotan für Diktator und Vaterland, gegen die Juden,

gegen die Marxisten, Sozialisten und Kommunisten, gegen das ‚jüdische‘

Kapital!“ Und aus dem Gefühl seiner inneren Schwäche, aus dem tiefen

Sehnen, sich unter eine starke Führung begeben zu können, wo doch alle

bürgerlichen Parteien, wo doch vor allem die Sozialdemokratie nicht

einmal die Bereitschaft gezeigt haben, zu _führen_, stimmt die unklare,

schwankende Masse des Kleinbürgertums den Schlachtruf an: „Einen

Diktator, einen Diktator, alle republikanischen Errungenschaften für

einen Diktator!“ ER wird wieder Ordnung und Autorität in Deutschland zu

Ehren bringen, ER wird die Teuerung in Deutschland abschaffen und das

Volk in die schönen Friedenszeiten zurückführen.

Der Mann war schon gefunden. Er hieß Hitler. Aber da in Deutschland

bekanntlich an politischen Führern und Diktatoren von jeher kein Mangel

ist, so traten neben ihm gleich noch ein halbes Dutzend solcher Führer

auf den Plan: General Ludendorff, Kapitän Ehrhardt, Leutnant Roßbach –

einer für die militärischen und einer für die politischen und einer für

die diplomatischen Angelegenheiten, Sachverständige, deren Fachkenntnis

die Bildung eines Direktoriums nationalgesinnter Männer zur Rettung

Deutschlands aus den Klauen des jüdischen Kapitals und des französischen

Militarismus verbürgte.

Diese Männer machten sich ans Werk. Drei Jahre lang trafen sie ihre

Vorbereitungen, spannten ein Netz von Verschwörungen über ganz

Deutschland, rüsteten ihre Armee aus, bewaffneten ihre Soldaten, sorgten

für Nachschub und Rückendeckung und Aufnahmestellungen – alles klappte

glänzend. Das Geld, das man bekanntlich zum Kriegführen braucht, floß

ihnen in Hülle und Fülle zu. Der Kapp-Putsch hatte ihnen gezeigt, wie

man’s nicht machen darf. Sie hatten erkannt, daß die Republik trotz

allem ein zu mächtiger Gegner ist, als daß sie durch einen Handstreich

überrumpelt, die Stellungen der Demokratie allzu fest, als daß sie

einfach überrannt werden könnten. Sie wußten, daß es ein harter und

blutiger Kampf werden würde und sie richteten sich danach ein.

Als der deutsche Faschismus seinen großen Aufmarsch in militärischer und

politischer Beziehung beendet hatte, als die feindlichen Stellungen

durch ein Trommelfeuer aus den schwersten Geschützen der Inflation

„eingedeckt“ waren, als durch eine würgende Blockade das flache Land die

Städte ausgehungert hatte, als die Verzweiflung wie eine schleichende

Seuche die Reihen der Arbeiter- und Beamtenschaft, der Verteidiger der

Republik und Demokratie, lichtete, als der Angriff Poincarés gegen das

Ruhrrevier die Republik „sturmreif“ gemacht hatte, da holte der

Faschismus zum entscheidenden Stoß aus, um der Republik, die dank der

Stärke ihrer Feinde und der Zaghaftigkeit ihrer Freunde nur mehr eine

leere Form ohne jeden Inhalt geworden zu sein schien, den letzten Schlag

zu versetzen.

Mussolinis Marsch nach Rom sollte in Hitler-Ludendorffs Zug nach Berlin

seine Nachahmung finden. Allerdings: Als Mussolini nach Rom marschierte,

da war das kaum mehr als ein theatralischer Effekt, da hatte er die

Entscheidungsschlacht bereits gewonnen, da lag Italien von den Alpen bis

Neapel wehrlos und besiegt den faschistischen Truppen zu Füßen und nur

die rauchenden Druckereien und Versammlungslokale der Sozialisten, nur

die Attentate verzweifelter Revolutionäre gaben Kunde davon, daß es noch

„elementi soversivi“ (Umstürzler) in Italien gab.

War nicht im Oktober 1923 die Lage in Deutschland eine ähnliche? Es

mußte ein Kinderspiel scheinen, die Hakenkreuzfahne auf den Zinnen des

Berliner Schlosses zu hissen. Demütigungen auf Demütigungen,

Verhöhnungen und Bedrohungen hatte die Republik fast widerstandslos

eingesteckt, untätig sahen die Regierungsparteien, sah auch die

Sozialdemokratie dem Aufmarsch des Gegners zu, und wer die warnende

Stimme erhob, um in letzter Stunde zum Widerstand, zur Verteidigung zu

rufen, den schickte die Republik in Zuchthaus und Kerker.

Hitler und Ludendorff hatten die Situation klar erfaßt und verstanden es

wohl, daß sie nicht länger warten durften, wollten sie sich nicht selbst

aufgeben. Nur eine Kleinigkeit hatten sie übersehen: daß plötzlich –

fast über Nacht – der reiche Geldstrom, der in immer steigendem Maße

ihnen zugeflossen war, merklich zu versiegen begann. Ein Zufall? Nein:

während die Nationalsozialisten wie gebannt nach Berlin starrten und ihr

Heer an der thüringischen Grenze aufmarschierte, hatte die deutsche

Schwerindustrie ihre Geschäfte mit Paris in Ordnung gebracht. Die

Industrie, die den Faschismus ausgerüstet, großgezogen, ins Feld

gestellt hatte, um den Rücken frei zu haben gegen die für den

Achtstundentag, für den Ausbau der sozialen Reformen kämpfende

Arbeiterschaft und um andererseits einen entsprechenden Druck auf den

französischen Partner ausüben zu können, war mit diesem zu einer

Einigung gelangt. Der Faschismus hatte seine Schuldigkeit getan, nun

mochte er sich trollen und brav im Hintergrunde warten und lauern, bis

er wieder gerufen würde. Der Weg für den legalen parlamentarischen

Rechtskurs war frei, der Gedanke des Bürgerblocks marschierte, völkische

Experimente konnten da nur mehr unangenehme Verwicklungen herbeiführen.

Hitler und die Seinen aber verstanden gar nicht, worum es ging. Das

große Heer der Hakenkreuzler machte sich jedenfalls keine Gedanken

darüber, was später einmal kommen sollte. Sie hatten ihre Befehle, sie

hatten ihren Führer, sie hatten ihr nächstes Ziel, sie hatten den

Glauben an ihre Berufung und sie durften gehorchen. Hitler schlug los.

Er schlug ins Leere.

So ist der Putsch vom 8. November 1923, der als entscheidender Kampf um

die Macht gedacht war und in wenigen Stunden als Revolte im

Bürgerbräukeller endete, das wichtigste politische Ereignis in

Deutschland seit der Revolution. Er ist ein Merkstein für eine

politische Entwicklung, die mit ihm ihren Abschluß gefunden hat, und

erst die späteren Monate machten seine Bedeutung für den sozialen und

politischen Umschichtungsprozeß in Deutschland ganz klar.

Der Hitler-Ludendorff-Prozeß · 第 11 / 27 题