Die „Stehkragenproletarier“ – um mit der dritten Schicht zu beginnen –
haben durch den Krieg und in der Revolution ohne Zweifel die stärkste
seelische und geistige Wandlung durchgemacht. Die bittere Not hat der
großen Mehrheit von ihnen den Standesdünkel recht bald ausgetrieben und,
wurde es in diesen Kreisen noch vor wenigen Jahren als ärgste Schmach
empfunden, materiellen Interessen die Herrschaft über den freien Geist
einzuräumen, so bläute den Mittelständlern der von Tag zu Tag schwerere
Kampf um die Erhaltung des nackten Lebens unbarmherzig die Erkenntnis
ein, daß der sehr prosaische Magen und nicht der poetische Geist das
letzte, entscheidende Wort hat. Diese Schicht ist es auch, die zuerst
eine Brücke zur Arbeiterschaft zu schlagen versuchte und in der
Erkenntnis, daß ihre Interessen mit denen der Handarbeiter gleichlaufen,
die Notwendigkeiten der praktischen Solidarität, der Organisation immer
klarer erfaßte.
Schwieriger steht es mit der zweiten Schicht. Unser Wirtschaftsleben
bringt Kleinhändler und Arbeiter täglich in scharfen Gegensatz. Die
Arbeiter, die dem kleinen Händler nur als Konsumenten bzw. im Gewerbe
als „unbescheidene Angestellte“ gegenübertreten, sind nur allzu leicht
geneigt, für die teuern Preise, für ihre Übervorteilung die
verantwortlich zu machen, mit denen sie unmittelbar in Beziehung kommen,
statt zu erkennen, daß diese selbst auch Opfer des Systems, der großen
Unternehmer sind. Und die Kleinhändler wieder klammern sich an die
Illusion von der „Wiederkehr der guten alten Zeit“ und verfolgen
(Ursache und Wirkung in bekannter Weise vertauschend) Revolution,
Demokratie, Republik – die Symbole ihres Falles – mit wütendem Haß.
Bleibt noch das Heer der ehemaligen Offiziere und Staatsbeamten, der
Studenten und Lehrer.
Als unmittelbar nach dem Zusammenbruch die deutsche Armee in die Heimat
zurückflutete, entlud sich der Haß, die Erbitterung der Masse der
einfachen Soldaten, die fünf lange Jahre in den Schützengräben ganz
Europas gehungert und gelitten hatten, zuerst gegen jene, die sie als
ihre eigentlichen Peiniger empfanden – die Offiziere. Es ist damals
gewiß so manchem dieser Offiziere bitter Unrecht getan worden. Sicher
hat der überwiegende Teil des deutschen Offizierkorps, vor allem in den
niederen Rängen, ebenso gelitten, ebenso geblutet wie die Mannschaft.
Sicher kann der Mehrzahl der Offiziere der alten Armee die Bestätigung
ihrer persönlichen Anständigkeit, Korrektheit, Pflichttreue und
ehrlicher Sorge um die Untergebenen nicht versagt werden. Gewiß, es gab
traurige Ausnahmen – die aber nur die Regel bestätigen. Und dennoch: so
bitter und ungerecht der Entrüstungssturm gegen die Offiziere, der
damals die Massen in Deutschland durchtobte, jenen erscheinen mußte, die
Erbitterung war nicht nur begreiflich, sie war auch notwendig. Die Masse
sah nicht den einzelnen Leutnant oder Rittmeister, sondern den
„Offizier“, das Symbol des wilhelminischen Kaiserreichs. Der einzelne
war nur der sichtbare Ausdruck für die Maschine, die zu zerbrechen für
die Massen Voraussetzung ihrer Befreiung war.
Ein großer Teil der Offiziere, durch ihre ganze Erziehung, durch
Umgebung und Tradition in einen scharfen Gegensatz zur Arbeiterschaft,
zum „Zivilistenpack“ aufgewachsen, hat im Krieg eine seelische Wandlung
durchgemacht und war beim Umsturz vielfach sogar ehrlich bestrebt, sich
durchzuringen zu einem inneren, ehrlichen Verhältnis zur Masse. Da
mußten gerade diese sehen, wie ihre Annäherung mit Mißtrauen, ja mit
Hohn zurückgewiesen wurde. Das tat weh. Das verbitterte. Man mußte schon
ein innerlich starker und gefestigter Mensch sein, um allen diesen
täglichen Verhöhnungen und Beschimpfungen, die immer gegen den ganzen
Stand erhoben wurden, zum Trotz, den Weg zur Arbeiterschaft zu finden.
Die Mehrzahl fand ihn nicht. Viele von ihnen zogen sich, geschworene
Feinde der Republik und der Demokratie, die sie für ihren tiefen Sturz
verantwortlich machten, grollend zurück. Viele fanden in den folgenden
Jahren nach und nach den schweren Weg ins bürgerliche Berufsleben. Sehr
viele verkamen, versanken im Schiebertum, Gelegenheitsgeschäft, wurden
Hochstapler, Abenteurer, Landsknechte.
Die anderen aber, mochten sie mittlerweile auch den Weg in die
bürgerlichen Berufe gefunden haben, sie blieben auch dort nur der
Leutnant oder Oberleutnant a. D., d. h. eingesponnen in die Ideologie
ihrer Vergangenheit und so innerhalb der Masse der Schwankenden und
des zur Passivität neigenden Kleinbürgertums die starken
Führerpersönlichkeiten, die weit über ihre nächste Umgebung hinaus
bestimmenden Einfluß genießen.
Endlich die Studentenschaft. So traditionstreu sie sich vielleicht
dünkt, sie hat überhaupt keine Tradition. Kaum glaublich, daß noch vor
siebzig Jahren die deutschen Studenten Schulter an Schulter mit den
Arbeitern auf den Barrikaden für Republik und Demokratie kämpften und
fielen. Vergessen sind die Befreiungskriege, vergessen 1848 –
unvergessen ist Schwarz-Weiß-Rot, Hohenzollern, Militärpracht. So sind
die deutschen Hochschulen uneinnehmbare Festungen der Reaktion geworden.
Solcherart ist das große, vielmillionenköpfige Heer des deutschen
Kleinbürgertums, das – durch Not, Hunger und Unzufriedenheit mit den
bestehenden Verhältnissen aus seiner Ruhe und althergebrachten Ordnung
aufgerüttelt – nunmehr in Bewegung geraten ist. Der Wechsel auf das
selige Jenseits hat eine zu lange Laufzeit und der Glaube an Gott macht
den Magen nicht voll. Der Kaiser war zu „schlapp“ und also mitschuldig
an dem Sieg der „Novemberverbrecher“. So lautet also der neue
Schlachtruf: „Mit Wotan für Diktator und Vaterland, gegen die Juden,
gegen die Marxisten, Sozialisten und Kommunisten, gegen das ‚jüdische‘
Kapital!“ Und aus dem Gefühl seiner inneren Schwäche, aus dem tiefen
Sehnen, sich unter eine starke Führung begeben zu können, wo doch alle
bürgerlichen Parteien, wo doch vor allem die Sozialdemokratie nicht
einmal die Bereitschaft gezeigt haben, zu _führen_, stimmt die unklare,
schwankende Masse des Kleinbürgertums den Schlachtruf an: „Einen
Diktator, einen Diktator, alle republikanischen Errungenschaften für
einen Diktator!“ ER wird wieder Ordnung und Autorität in Deutschland zu
Ehren bringen, ER wird die Teuerung in Deutschland abschaffen und das
Volk in die schönen Friedenszeiten zurückführen.
Der Mann war schon gefunden. Er hieß Hitler. Aber da in Deutschland
bekanntlich an politischen Führern und Diktatoren von jeher kein Mangel
ist, so traten neben ihm gleich noch ein halbes Dutzend solcher Führer
auf den Plan: General Ludendorff, Kapitän Ehrhardt, Leutnant Roßbach –
einer für die militärischen und einer für die politischen und einer für
die diplomatischen Angelegenheiten, Sachverständige, deren Fachkenntnis
die Bildung eines Direktoriums nationalgesinnter Männer zur Rettung
Deutschlands aus den Klauen des jüdischen Kapitals und des französischen
Militarismus verbürgte.
Diese Männer machten sich ans Werk. Drei Jahre lang trafen sie ihre
Vorbereitungen, spannten ein Netz von Verschwörungen über ganz
Deutschland, rüsteten ihre Armee aus, bewaffneten ihre Soldaten, sorgten
für Nachschub und Rückendeckung und Aufnahmestellungen – alles klappte
glänzend. Das Geld, das man bekanntlich zum Kriegführen braucht, floß
ihnen in Hülle und Fülle zu. Der Kapp-Putsch hatte ihnen gezeigt, wie
man’s nicht machen darf. Sie hatten erkannt, daß die Republik trotz
allem ein zu mächtiger Gegner ist, als daß sie durch einen Handstreich
überrumpelt, die Stellungen der Demokratie allzu fest, als daß sie
einfach überrannt werden könnten. Sie wußten, daß es ein harter und
blutiger Kampf werden würde und sie richteten sich danach ein.
Als der deutsche Faschismus seinen großen Aufmarsch in militärischer und
politischer Beziehung beendet hatte, als die feindlichen Stellungen
durch ein Trommelfeuer aus den schwersten Geschützen der Inflation
„eingedeckt“ waren, als durch eine würgende Blockade das flache Land die
Städte ausgehungert hatte, als die Verzweiflung wie eine schleichende
Seuche die Reihen der Arbeiter- und Beamtenschaft, der Verteidiger der
Republik und Demokratie, lichtete, als der Angriff Poincarés gegen das
Ruhrrevier die Republik „sturmreif“ gemacht hatte, da holte der
Faschismus zum entscheidenden Stoß aus, um der Republik, die dank der
Stärke ihrer Feinde und der Zaghaftigkeit ihrer Freunde nur mehr eine
leere Form ohne jeden Inhalt geworden zu sein schien, den letzten Schlag
zu versetzen.
Mussolinis Marsch nach Rom sollte in Hitler-Ludendorffs Zug nach Berlin
seine Nachahmung finden. Allerdings: Als Mussolini nach Rom marschierte,
da war das kaum mehr als ein theatralischer Effekt, da hatte er die
Entscheidungsschlacht bereits gewonnen, da lag Italien von den Alpen bis
Neapel wehrlos und besiegt den faschistischen Truppen zu Füßen und nur
die rauchenden Druckereien und Versammlungslokale der Sozialisten, nur
die Attentate verzweifelter Revolutionäre gaben Kunde davon, daß es noch
„elementi soversivi“ (Umstürzler) in Italien gab.
War nicht im Oktober 1923 die Lage in Deutschland eine ähnliche? Es
mußte ein Kinderspiel scheinen, die Hakenkreuzfahne auf den Zinnen des
Berliner Schlosses zu hissen. Demütigungen auf Demütigungen,
Verhöhnungen und Bedrohungen hatte die Republik fast widerstandslos
eingesteckt, untätig sahen die Regierungsparteien, sah auch die
Sozialdemokratie dem Aufmarsch des Gegners zu, und wer die warnende
Stimme erhob, um in letzter Stunde zum Widerstand, zur Verteidigung zu
rufen, den schickte die Republik in Zuchthaus und Kerker.
Hitler und Ludendorff hatten die Situation klar erfaßt und verstanden es
wohl, daß sie nicht länger warten durften, wollten sie sich nicht selbst
aufgeben. Nur eine Kleinigkeit hatten sie übersehen: daß plötzlich –
fast über Nacht – der reiche Geldstrom, der in immer steigendem Maße
ihnen zugeflossen war, merklich zu versiegen begann. Ein Zufall? Nein:
während die Nationalsozialisten wie gebannt nach Berlin starrten und ihr
Heer an der thüringischen Grenze aufmarschierte, hatte die deutsche
Schwerindustrie ihre Geschäfte mit Paris in Ordnung gebracht. Die
Industrie, die den Faschismus ausgerüstet, großgezogen, ins Feld
gestellt hatte, um den Rücken frei zu haben gegen die für den
Achtstundentag, für den Ausbau der sozialen Reformen kämpfende
Arbeiterschaft und um andererseits einen entsprechenden Druck auf den
französischen Partner ausüben zu können, war mit diesem zu einer
Einigung gelangt. Der Faschismus hatte seine Schuldigkeit getan, nun
mochte er sich trollen und brav im Hintergrunde warten und lauern, bis
er wieder gerufen würde. Der Weg für den legalen parlamentarischen
Rechtskurs war frei, der Gedanke des Bürgerblocks marschierte, völkische
Experimente konnten da nur mehr unangenehme Verwicklungen herbeiführen.
Hitler und die Seinen aber verstanden gar nicht, worum es ging. Das
große Heer der Hakenkreuzler machte sich jedenfalls keine Gedanken
darüber, was später einmal kommen sollte. Sie hatten ihre Befehle, sie
hatten ihren Führer, sie hatten ihr nächstes Ziel, sie hatten den
Glauben an ihre Berufung und sie durften gehorchen. Hitler schlug los.
Er schlug ins Leere.
So ist der Putsch vom 8. November 1923, der als entscheidender Kampf um
die Macht gedacht war und in wenigen Stunden als Revolte im
Bürgerbräukeller endete, das wichtigste politische Ereignis in
Deutschland seit der Revolution. Er ist ein Merkstein für eine
politische Entwicklung, die mit ihm ihren Abschluß gefunden hat, und
erst die späteren Monate machten seine Bedeutung für den sozialen und
politischen Umschichtungsprozeß in Deutschland ganz klar.