DER ORT

Es hat vor dem Kriege kein autoritätsgläubigeres Kleinbürgertum gegeben

als das deutsche. Militärdrill, Hohenzollernregiment, Kleinstaaterei

hatten ihm das Rückgrat gebrochen. Kadavergehorsam wurde ihm als höchste

Mannestugend – Disziplin! – eingepaukt. Und wie hätte Freiheit und

Selbstbewußtsein in einer Kasernenhofatmosphäre gedeihen sollen, in der

jeder freie Bürger zum Untertan verkrüppelt, im Leutnant das Symbol des

Staates sah und bewunderte.

Die Enttäuschung über das klägliche Versagen der Revolution – diesen

„Generalstreik einer erschöpften Armee“, wie sie Rathenau genannt hat –

trieb das Kleinbürgertum, nachdem es beim Umsturz in hellen Haufen zur

Sozialdemokratie übergelaufen war, sehr bald wieder zurück ins

bürgerliche Lager. Dieser Prozeß war wahrscheinlich in hohem Grade

unvermeidlich. Die goldenen Berge, die sich das Kleinbürgertum

versprach, hätte ihm keine Partei zu schenken vermocht, gegen die

ökonomische Entwicklung des Zusammenbruchs anzukämpfen, war unmöglich.

Aber da die Sozialdemokraten den Zusammenbruch nicht nur durch ihren

Eintritt in die bürgerliche Regierung sanktionierten, sondern „zur

Verhütung des ärgsten“, sogar deckten, identifizierten sie sich den

breiten Massen gegenüber mit ihm. Die Sozialdemokratie wurde nicht nur

als Partei von den breiten Massen des kleinen Bürgertums für den

wirtschaftlichen Bankrott verantwortlich gemacht, der Sozialismus

überhaupt wurde heillos kompromittiert, die Kluft zwischen der

Arbeiterschaft, „deren Partei doch regierte“, und den kleinbürgerlichen

Massen immer weiter aufgerissen.

Das deutsche Kleinbürgertum ist heute zwar ein Typus von scharf

durchgebildeter politischer Physiognomie, aber soziologisch keine

einheitliche Klasse. Drei große Schichten lassen sich deutlich

unterscheiden:

1. das ehemalige Offizier- und Staatsbeamtentum nebst dem überwiegenden

Teil der Studentenschaft;

Der Hitler-Ludendorff-Prozeß · 第 9 / 27 题