DIE ZEIT

Ein scheinbar ganz unverständlicher Widerspruch: Das durch den Krieg

entwurzelte, in den folgenden Jahren zwischen den Mühlsteinen des

wirtschaftlichen Bankrotts hoffnungslos zermalmte Kleinbürgertum Europas

stellt heute einen Faktor dar, der für das politische Leben des Staates

von entscheidender Bedeutung und – dies das Seltsamste – seiner

Deklassierung zum Trotz ein scharf abgegrenzter, ideologisch und

politisch klar durchgebildeter Typus ist.

Die ökonomische Entwicklung des letzten Jahrzehnts hat das

Kleinbürgertum proletarisiert, den Mittelstand vernichtet. Aber die von

verschiedenen sozialdemokratischen Theoretikern erwartete und

angekündigte Aufsaugung des Kleinbürgertums durch das Proletariat und

seine ideologische und politische Angleichung an die Arbeiterschaft, die

ist ausgeblieben. Das vorauszusehen war nicht schwer. Die irrige

Auffassung, das Verschwinden des Kleinbürgertums als selbständiger Teil

der modernen Gesellschaft müsse naturnotwendig zu einem Verschwinden des

Kleinbürgertums überhaupt führen, entspringt eben einem rein

mechanischen Denken, das sich bitter rächen sollte. Haben wir doch

hier den Schlüssel zu jener fatalistischen Einstellung der

sozialdemokratischen Führer, die aus der Zwangsläufigkeit der

ökonomischen Entwicklung die These ableiteten, die Revolution komme

von selbst. Eine Anschauung, die die meisten der schweren

Unterlassungssünden erklärt, die die sozialdemokratischen

Arbeiterparteien dem Kleinbürgertum gegenüber begangen haben und die

jene große Bewegung erstehen ließen, die teilweise wie eine mächtige

Welle Europa überflutete und kurzweg als Faschismus bezeichnet wird.

Wer ist Kleinbürger? Was stellt heute das Kleinbürgertum dar?

Gewiß nicht das, was man vor dem Kriege darunter verstand. Damals war

Kleinbürger gleichbedeutend mit Kleinkapitalist. Der kleine Rentner, der

kleine Kaufmann, der Handwerker, der Gewerbetreibende, das waren die

Kleinbürger im Sinne der damals üblichen Bezeichnung. Die große Masse

jener, die ihrer wirtschaftlichen Lage nach zu den Besitzenden gehörten

und daher auch deren geistige Einstellung teilten. Seiner Klassenlage

nach ebenso Opfer unserer Wirtschaftsordnung wie der einfache

Proletarier, genoß der Kleinbürger vor dem Kriege dennoch eine gewisse

ökonomische Vorzugsstellung, wodurch er sich aus dem gleichmäßigen Grau

des „Mobs“, des gemeinen Pöbels herausgehoben sah und nun selbst eifrig

bemüht war, die Grenze noch möglichst scharf zu ziehen, die ihn von

diesem scheiden sollte.

„Man muß sich nur nicht die bornierte Vorstellung machen, als wenn das

Kleinbürgertum prinzipiell ein egoistisches Klasseninteresse durchsetzen

wolle. Es glaubt vielmehr, daß die besonderen Bedingungen seiner

Befreiung die allgemeinen Bedingungen sind, innerhalb deren allein die

moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden werden

kann.“ (Der 18. Brumaire von Karl Marx.)

So stellte der Kleinbürger der Vorkriegszeit einen Typus dar, dem ganz

besondere Kennzeichen zu eigen waren. In politischer Beziehung haltlos

und schwankend, zu keiner selbständigen Entscheidung fähig und

entschlossen, in einem unerschütterlichen Respekt vor der gottgewollten

und angestammten Ordnung befangen, voller Haß gegen alle Neuerungen und

andererseits in ewiger Unzufriedenheit und Erbitterung gegen die

wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, unter denen er so schwer

zu leiden verurteilt war. Bar jedes Kampfesmutes und jedes

Selbstvertrauens, sich in Klagen um die „gute alte Zeit“ erschöpfend,

nichts weniger als revolutionär, aber ein ewiger Nörgler, in seinem

Unvermögen, die großen geschichtlichen Zusammenhänge und Triebkräfte zu

erkennen nur allzubereit, auf jedes Schlagwort hereinzufallen, das an

seine tiefsten Instinkte rührte: Eine gewisse Harmonieduselei und die

Sucht, sich um jeden Preis – auch für das bescheidenste Linsengericht

irgendeines Almosens – seine Bravheit mit einem „Privilegium“ bezahlen

zu lassen. Denn es ist klar, daß eine Übergangsklasse wie das

Kleinbürgertum, in dem sich „die Interessen zweier Klassen zugleich

abstumpfen“ seiner Klassenlage sich nicht nur nicht bewußt ist, sich

vielmehr über jeden Klassengegensatz erhaben dünkt und infolge seiner

sozialen Zersplitterung das Kollektivgefühl und das diesem entspringende

Solidaritätsbewußtsein der Fabrikarbeiterschaft gar nicht besitzen kann.

Die hier kurz gestreiften Merkmale waren dem Kleinbürger aller

europäischen Länder in der Vorkriegszeit in hohem Maße zu eigen und

stempelten ihn so zu einem Typus von internationaler Gültigkeit. Doch

gerade deshalb sah man schon damals im Lager der sozialistischen

Arbeiterparteien sehr oft nur diese Äußerlichkeiten, den politischen und

ideologischen Überbau des Kleinbürgertums, und vergaß darob nur zu

leicht die große wirtschaftliche Wandlung, die dieses inzwischen

durchgemacht hatte. „Kleinbürgerlich“ wurde zu einem Schlagwort, mit dem

der bewußte Sozialist all das bezeichnete, was ihm nicht gefiel, was er

selbst aus seiner eigenen Entwicklung als überwunden erkannte.

„Kleinbürger“ wurde sehr bald nur zur Bezeichnung eines geistigen

Zustandes gebraucht und etwa „Spießer“ und „Philister“ gleichgesetzt.

Der Krieg hat wie ein Wirbelsturm den faulen Plunder jahrhundertealter

Traditionen in den Kehricht gefegt. Die morschen Stützen der

Gesellschaft – Moral, Autoritätsglaube, Gottvertrauen – kamen ins

Wanken. Doch die Hoffnung der revolutionären Sozialisten, daß sie

endgültig zusammenbrechen würden, erwies sich als trügerisch.

Vorübergehend geschlagen, aber nicht vernichtet, geht die herrschende

Klasse jetzt daran, ihre unter dem ersten Ansturm der Revolution

preisgegebenen Positionen wieder zurückzugewinnen und zu befestigen. Und

da sie sich nicht der Erkenntnis verschließen kann, daß der Gegner an

Stärke, Selbstbewußtsein und Zahl gewachsen ist, vollzieht sich die

große Auseinandersetzung zwischen den Klassen nicht in offenem

stürmischem Kampf, sondern in einem Stellungskrieg, der es der

Schwerindustrie ermöglichen soll, die Positionen der Arbeiterschaft

durch geschickte Unterminierung Schritt für Schritt zurückzugewinnen. In

diesem Kampf ist das Kleinbürgertum die beste und wichtigste Hilfstruppe

des Kapitals. Verstanden es doch die Unternehmer, beziehungsweise deren

politische Agenten, in Presse und Parlament, in der Agitation und im

politischen Tageskampf an die kleinbürgerliche Ideologie anzuknüpfen, um

es so in eine Einheitsfront mit den großbürgerlichen Parteien zu pressen

und vom Sozialismus abzulösen.

Und dennoch: Konnten sich Kleinrentner und Mittelständler vor dem Kriege

an die Fiktion eines kleinen Besitzes klammern, so finden sie sich heute

in jener verzweifelten Lage, wo sie gleich dem Proletariat „nichts mehr

zu verlieren haben, als ihre Ketten“, Damit ist das Kleinbürgertum zu

einem revolutionären Faktor geworden. Aber es ist heute nicht nur

objektiv, seiner wirtschaftlichen Lage nach revolutionär, es ist auch

entschlossen, selbständig zur Tat zu schreiten, um sich vor dem

Untergang zu retten. Und – die Verzweiflung treibt es tatsächlich zur

Tat.

Dieser Verzweiflungskampf des Kleinbürgertums – seinem innersten

Wesen nach revolutionär, von den herrschenden Schichten zu

konterrevolutionären Zielen mißleitet – das ist der Faschismus. Und daß

es dem Bürgertum gelang, in fast allen Ländern diese Bewegung an sich zu

reißen, zeugt ebenso von seiner inneren Stärke, wie von dem Versagen der

sozialistischen Parteien.

Die Feststellung ist zu billig, daß die Welle der Reaktion, die noch

immer ansteigend Europa überflutet, nur die Gegenwirkung auf die

revolutionären Umwälzungen der Nachkriegszeit ist, und diese

Feststellung wird auch dadurch nicht überzeugender, daß sie sich auf die

physikalischen Pendelgesetze stützt. Der Faschismus ist zwar ein

wichtiger Pfeiler im System der europäischen Reaktion, er ist aber nicht

sie selbst. Der italienische Faschismus und das ungarische

Horthy-Regime, so sehr sie auch in ihren Taten übereinstimmen und so

sehr man versucht ist, sie nur als zwei verschiedene Bezeichnungen für

ein und denselben historischen Vorgang anzusehen, sind zwei

grundverschiedene Erscheinungen, die das eben Gesagte vielleicht am

deutlichsten illustrieren.

Das System Horthys ist die Herrschaft einer kleinen bewaffneten

Militär-Clique, aufgerichtet zur Niederwerfung der revolutionären

Arbeiter, ausgeübt von den klerikal-monarchistischen Offiziersgarden,

die dank dem Zusammenwirken verschiedener außenpolitischer Faktoren

(französische und englische Unterstützung, rumänischer Einmarsch) ihren

Sieg über die Kommune zu einem blutigen Rachewerk ausnützten. Das

Horthy-Regime ist eine jener gewalttätigen Restaurationen gestürzter

Mächte, wie wir sie aus der Geschichte aller Jahrhunderte kennen.

Der italienische Faschismus ist die Herrschaft der militärisch

organisierten und bewaffneten Massen des Kleinbürgertums, aufgerichtet

zur Vernichtung des „nationsfeindlichen Sozialismus“.

Horthy kam zur Macht als Befreier von der Revolution.

Mussolini als Vollstrecker der „Revolution gegen den morschen Staat und

dessen schwächliche Autorität“.

Horthy eröffnete seinen Vernichtungsfeldzug im Namen der Ordnung und des

Königs.

Mussolini im Namen der Nation gegen die Monarchie.

Gewiß, in seinen unmittelbaren Wirkungen ist zwischen Faschismus und

Horthy-Regime kein Unterschied zu sehen. Gewiß, innerhalb des Faschismus

riß ebenso die reaktionäre monarchistische Militär-Clique die Führung an

sich wie in Ungarn; und auch das Horthy-Regime hätte sich nicht so lange

halten können, wenn es sich nicht auf breite Massen des Kleinbürgertums

hätte stützen können. Jedenfalls aber sehen wir, daß der Faschismus

tatsächlich eine neue und ganz besondere Erscheinungsform der

bürgerlichen Reaktion ist.

Aber keine, die sich nur auf ein bestimmtes Land erstreckt. Was den

Faschismus charakterisiert, ist, daß er tiefe Wurzeln geschlagen hat

nicht nur in den Schichten des Kleinbürgertums und Mittelstands, Wurzeln

geschlagen selbst im Proletariat.

In den Kinderjahren des Sozialismus hat es eine dem Faschismus ähnliche

Bewegung gegeben. Aber die „schwarzen Hundert“, die „Gelben“, die damals

im Kampf gegen den Sozialismus standen, waren entwurzelte, im

ökonomischen Prozeß keine Rolle spielende Existenzen, die die

sozialistische Arbeiterschaft verhältnismäßig leicht zurückschlagen

konnte. Und der Antisemitismus, „dieser Sozialismus des dummen Kerls“,

wie ihn Victor Adler genannt hat, richtete zwar genügend Verwirrung im

Lager der Arbeiter an – man denke nur z. B. an das alte Österreich, wo

er sogar eine Massenpartei, die Christlichsozialen, schaffen half – ein

militantes Heer ins Feld zu stellen vermochte er nicht.

Die Völkischen in Deutschland, die Faschisten in Italien, vermochten –

wenn auch nur vorübergehend – dieses Heer aufzustellen, es auszurüsten

und zu bewaffnen. So war plötzlich eine Macht da, mit der der Staat

nicht nur in militärischer, sondern auch – und dies war das Bedeutsamste

– in wirtschaftlicher und politischer Beziehung zu rechnen hatte. Das

Kleinbürgertum hatte sich in Marsch gesetzt.

Der Hitler-Ludendorff-Prozeß · 第 8 / 27 题