Der „Völkische Beobachter“, das offizielle Organ der
nationalsozialistischen Arbeiterpartei Hitlers, war verboten. Eine
Umfrage nach der Adresse dieses Blattes schien mir zu auffällig – und in
München war es nicht rätlich aufzufallen – und so begab ich mich zum
„Heimatland“, dem Wochenblatt der Hitlerschen Kampfverbände, das an
Stelle des „Beobachters“ dreimal wöchentlich erschien und im
Straßenhandel stark verkauft wurde.
Im ersten Stock eines neuen Hauses am Sendlinger-Tor-Platz befand sich
die Schriftleitung des „Heimatland“. Auf meine Bitte, einen der Herren
Redakteure sprechen zu können, erklärte mir das empfangende Fräulein,
„der Herr Hauptmann“ sei in einer Sitzung. Im weiteren Verlauf meiner
Unterhaltung stellte ich dann fest, daß dieses Blatt überhaupt nicht von
Redakteuren, sondern von Offizieren redigiert wurde. Nach längeren
Verhandlungen verriet mir das Fräulein zögernd, daß „der Herr Hauptmann“
mit dem „Herrn Kapitänleutnant“ zu Hitler gegangen seien, den ich am
besten in der Schillingstraße 39 „im Oberkommando“ antreffen könnte und
sie schärfte mir noch ein, unter keinen Umständen zu verraten, daß ich
die Adresse von ihr empfangen hätte.
Die Schillingstraße ist eine stille Vorstadtgasse, etwa zehn Minuten von
der Pinakothek entfernt. Als ich in die Gasse einbiege, fällt mir ein
mächtiges Tourenauto auf, wie es im Feld nur die Offiziere vom Stab zur
Verfügung hatten. In den Geschäften prangen Photographien Hitlers in
Lebensgröße, Bilder von den Paraden der Hakenkreuzler und völkische
Druckschriften. Ich bin zur Stelle. Im Hause Nummer 39 befindet sich im
ersten Stockwerk die Schriftleitung des „Völkischen Beobachters“,
daneben das „Oberkommando“. Im Hof sind in einer Garage noch mehrere
große Benzwagen eingestellt, die alle im Dienste des Hitlerschen Stabes
stehen.
Im Vorzimmer halten etwa ein Dutzend junger Burschen in der alten
österreichischen Uniform Wacht.
Auf meine Frage, ob ich einen Herrn der Schriftleitung sprechen könne,
werde ich in ein anderes Zimmer gewiesen, wo die Abfertigung der Kuriere
erfolgt und die Telephonzentrale untergebracht ist. Ein Plakat der
kommunistischen Partei „Bildet proletarische Hundertschaften!“ ziert den
kahlen Raum und soll wohl besonders aufreizend wirken. Eine große
Wandkarte Deutschlands zeigt die Verteilung der hakenkreuzlerischen
Verbände und ihre Aufmarschbewegung. Die Pfeile weisen nach Norden gegen
Sachsen und Thüringen. Um Nürnberg sind besonders viele Kampfgruppen
eingezeichnet; wie ich später aus Gesprächen der einzelnen Unterführer
heraushörte, sollte dieser Raum das Hauptaufmarschgebiet im Falle des
Putsches sein, damit die dortige Arbeiterschaft von vornherein „unter
Druck genommen“ werden und die Hitlerschen Truppen nach dem Losschlagen
nicht erst gezwungen sein sollten, „in Bayern selbst einen Riegel
durchbrechen zu müssen.“
Obwohl man mich weiter nicht beachtet, fühle ich mich inmitten all
dieser meist bewaffneten Jünglinge ziemlich unbehaglich. Da öffnet sich
die Tür und ein älterer Mann, gleichfalls in österreichischer Uniform,
bittet mich, einzutreten. Es ist Herr Stolzing, ein Redakteur des
„Völkischen Beobachters“, dessen Name nicht darüber täuschen kann, daß
er eigentlich Cerny heißt und in der Tschechoslovakei beheimatet ist.
Jetzt ist er ein begeisterter Verehrer Hitlers und weiht mich, nachdem
ich mich mit einer fingierten Legitimation als Parteigänger Mussolinis
und Korrespondent eines faschistischen Blattes ausgewiesen habe, sehr
entgegenkommend in Hitlers fernere Pläne ein. Seine Erklärungen
eröffnete er mit einem Vortrag über die deutsche Politik im allgemeinen
und den passiven Widerstand im Ruhrgebiet im besonderen.
„Der passive Widerstand war von vorneherein zum Mißlingen verurteilt.
Unser Plan war, nach dem Muster Schlageters den aktiven Widerstand durch
Sabotageakte wie einen Guerillakrieg zu entfachen. Die Franzosen wären
gezwungen gewesen, gegen diese stündliche Bedrohung ein vielfaches der
jetzt im Ruhrgebiet stehenden Truppen dorthin zu senden. Sie hätten also
neu mobilisieren müssen und die französische Regierung hätte dadurch in
Frankreich selbst mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Diese
Verwirrung hätten wir ausgenutzt und unter dem Schleier der aktiven
Sabotage ein Heer aufgestellt, das den Krieg gegen Frankreich
erfolgreich hätte aufnehmen können.“
„Ohne Waffen?“
Herr Stolzing lächelt geringschätzig, beugt sich dann vertraulich zu mir
herüber. Mit gedämpfter Stimme: „Aber in Wahrheit – Ihnen kann ich das
ja sagen – haben wir Waffen genug und genug. Mit tausend Geschützen
hätten wir die Armee ausrüsten können.“
Worauf ich Herrn Stolzing bat, mir das außenpolitische Programm Hitlers
zu erläutern.
„Wir sind für ein Großdeutschland, für die unbedingte Eingliederung
Österreichs und der Deutschen aus der Tschechoslovakei. Anders steht es
mit den Deutschen Südtirols. Da unser natürlicher ausländischer
Verbündeter Mussolini ist, werden wir die Brennergrenze anerkennen. Wir
dürfen nicht sentimental sein und müssen aus politischen Gründen auf die
230000 Deutschtiroler verzichten, damit wir zum italienischen Faschismus
ein gutes Verhältnis gewinnen.“
„Und Rußland? Denken Sie an ein Zusammenwirken mit der Roten Armee?“
Herr Stolzing gerät in große Erregung: „Das kommt für uns unter keinen
Umständen in Frage. Graf Reventlow, der als Sprecher der Völkischen in
Norddeutschland dafür eintritt, ist ein Außenseiter, mit dem wir gar
keine Verbindung haben. Ein Zusammengehen mit Rußland würde nur
bedeuten, daß das letzte gute Blut des völkischen Deutschland fließen
müßte, damit hier die Sowjetrepublik errichtet werde und die Juden noch
mehr zur Macht gelangen als bisher.“
„Und Ihr Verhältnis zu Herrn von Kahr?“
„Die Voraussetzung für die von den Völkischen geforderte aktive
Außenpolitik ist die Erledigung der deutschen Frage im Innern, die nur
durch Blut und Eisen gelöst werden kann. Die Völkischen werden eines
Tages über das rote Deutschland – Sowjetsachsen und Sowjetthüringen –
herfallen, die marxistische Bewegung ausbrennen, wie es Mussolini in
Italien getan hat!“
„Ist das ein Programm der ferneren Zukunft? Oder der nächsten
Gegenwart?“
„Der allernächsten Gegenwart. In kaum drei Wochen werden die Bauern
überhaupt keine Lebensmittel mehr liefern, die Blockade der Städte wird
effektiv sein und die Regierung Stresemann abgewirtschaftet haben.
Gleichzeitig wird auch Kahr in Bayern am Ende seines Lateins sein. Wir
zweifeln nicht an der persönlichen Anständigkeit und der völkischen
Gesinnung des Herrn von Kahr, aber er ist kein Diktator, nur ein guter
Staatsbeamter, und er merkt gar nicht, daß er nur ein Werkzeug in den
Händen der Bayrischen Volkspartei ist. Die hat ihn auf den Schild
gehoben, um zu verhindern, daß die nationalsozialistische Bewegung zum
Siege gelange. Es ist auch bezeichnend, daß weder die Auflösung der
sozialistischen Sturmabteilungen, noch die Aufhebung des
Republikschutzgesetzes in der marxistischen Presse des Reichs die
erwartete große Erregung hervorgerufen hat. Das beweist, daß Berlin die
Ernennung Kahrs zum Generalkommissar nicht feindlich aufgenommen hat,
weil man dort hofft, daß auf diese Weise eine Diktatur Hitlers
verhindert werden kann. Trügerische Hoffnung. Der Anhang Hitlers wächst
täglich, die aktivsten Verbände stehen hinter ihm und nur wir, und nicht
Kahr, haben die enge Verbindung zu den völkischen Organisationen in
allen Teilen Deutschlands, insbesondere in Pommern, Mecklenburg und
Preußen. So haben wir die Gewähr, daß – wenn Hitler gegen Sachsen
losmarschieren wird – gleichzeitig unsere Freunde überall im Norden
losschlagen können. Kahr hat bei der Auflösung der Einwohnerwehren
gezeigt, daß er im letzten Moment immer umfällt.“
Mit großem Stolz zeigt mir Herr Stolzing verschiedene völkische
Zeitungen, die ursprünglich für Kahr eingetreten waren und nun deutlich
umschwenkten. Unter Verbeugungen vor Kahr wird dort die Befürchtung
ausgesprochen, daß dieser als zu stark parteipolitisch gebunden nicht
energisch genug vorgehen und durch Intriguen der Bayrischen Volkspartei
stürzen werde.
Zwecks einer persönlichen Vorsprache bei Hitler wurde ich dann auf den
folgenden Tag bestellt.
* * * * *
Am nächsten Morgen große Aufregung. In der vorangegangenen Nacht war in
der Schriftleitung des „Beobachters“ ein Einbruch verübt worden. Auf
meine besorgte Frage, ob doch hoffentlich nichts Wichtiges oder größere
Geldsummen entwendet worden seien, beruhigt mich Herr Stolzing:
„Nein, nur mehrere Pistolen und eine größere Anzahl anderer Waffen.“
(Das offiziöse Wolffsche Telegraphen-Büro allerdings verbreitete später
die Meldung, es sei Geld gestohlen worden und verschwieg die Tatsache
des Waffendiebstahls, den die Völkischen wohl mit Absicht nicht
angemeldet hatten.)
Abermaliges Warten. Heute habe ich Muße, mich aufmerksam in diesem
„Oberkommando“ umzusehen. Ganz ungezwungen werden in meiner Gegenwart
Telephongespräche abgewickelt, die sich um Waffenbestellungen und um
Aufträge auf Lieferung von Uniformen drehen. Aus einem Gespräch zwischen
zwei Führern – die zum Unterschied von den anderen nicht in Uniform
auftreten, sondern mit Seidensocken und sehr eleganten Anzügen
ausgestattet sind – höre ich, daß von Küstrin die Rede ist. Hitler
sollte die entflohenen Putschisten aus Küstrin in Sicherheit bringen.
Nun sei das Unglück geschehen, daß einer dieser Rebellen aus Ärger
darüber, daß man ihm nicht genügend Geld auf seine Reise mitgeben
wollte, allem Anscheine nach einen Einbruch verübt hat, um seiner Kasse
durch den Verkauf der erbeuteten Waffen aufzuhelfen.
Draußen ertönen Kommandoworte. Die Wache im Vorzimmer steht stramm, die
Tür wird aufgerissen, Herr Hitler erscheint; in Regenmantel und
uniformartig zugeschnittenem Sportanzug. Er bemüht sich, sein glattes
Gesicht in energische Falten zu legen. Herr Stolzing teilt ihm den Zweck
meines Besuches mit, doch er entschuldigt sich, mich heute nicht
sprechen zu können, da er sofort wieder mit dem Auto verreisen müsse. In
zwei Tagen wolle er mich gerne empfangen oder – ich möchte ihm meine
Fragen schriftlich vorlegen. Im übrigen hätte mich ja Herr Stolzing
gewiß ausführlich unterrichtet.
Hitler spricht abgehackt, einstudiert militärisch.
„Na, in ein paar Wochen werden wir schon Ordnung machen.“
* * * * *
Es ist dann anders gekommen. Wochen vergingen. Die Voraussage Hitlers
hat sich nicht erfüllt. Warum? Wieso? Was war geschehen? Diese Handvoll
Bilder und flüchtiger Eindrücke aus dem München des Oktobers gibt keine
genügende Erklärung für das, was sich dort im November zugetragen hat.
Die dramatischen Vorgänge auf der Bühne des politischen Lebens blieben
unverständlich und verworren, nähme man sich nicht die Mühe, ihren
Hintergrund ein wenig sorgfältiger zu durchleuchten.