MÜNCHENER SPUK

Ich überschritt die bayrische Grenze an einem sehr bedeutungsvollen Tag

im Oktober 1923. Der neue Diktator, der Generalstaatskommissar von Kahr

hatte sich endlich zu der Tat entschlossen, der – wie die völkische

Presse in großen Lettern verkündete – „alle vaterländischen Kreise

Bayerns“ mit Spannung harrten: das Generalkommissariat hatte mit

sofortiger Wirkung die Bierpreise herabgesetzt; „was wird darob unter

den Bierjuden für e Geheul und Zähneknirschen sein“ triumphierte das

„Bayrische Vaterland“, das Blatt des Herrn von Kahr.

Tatsächlich wurde diese Neuigkeit, wie ich aus den erregten

Zwiegesprächen meiner Mitreisenden – zweier Bewohner der Miesbacher

Gegend – feststellte, mit großer Zustimmung aufgenommen. Nur das mit den

Bierjuden konnte nicht ganz stimmen, denn im anderen Blatt Kahrs, im

„Bayrischen Kurier“, der doch gewiß einer Begünstigung der Juden

unverdächtig schien, war am gleichen Tag eine lange Erklärung des

bayrischen Brauerbundes zu lesen, die als Folge der verordneten

Zwangsbierpreise den „baldigen Zusammenbruch des wichtigsten und

bodenständigsten bayrischen Gewerbes“ voraussagte. Auf jeden Fall aber

hatte mit seiner letzten Verordnung Herr von Kahr seinen Widersacher

Hitler in puncto Volkstümlichkeit um eine Nasenlänge geschlagen.

* * * * *

Der Kampf Hitlers gegen Kahr hatte gerade in jenen Tagen seinen

Höhepunkt erreicht und fand sein lautes Echo in der großen völkischen

Presse. Und es gab damals in Bayern eigentlich nur eine völkische

Presse. Die Zeitungen unterschieden sich dadurch, daß eine noch

völkischer war als die andere, was sie nicht hinderte, samt und sonders

mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß zu stehen. Die demokratischen

Kreise des deutschen Bürgertums hatten trotz wiederholten Versuchs nicht

vermocht, in München ein bedeutenderes linksgerichtetes Blatt

herauszugeben. In der drittgrößten Stadt Deutschlands gab es keine

einzige Zeitung, – von der sozialdemokratischen „Münchener Post“

abgesehen, – die für die Republik eingetreten wäre und auch die

„Münchener Post“ ist, rein journalistisch betrachtet, die am

schlechtesten redigierte sozialdemokratische Zeitung im ganzen Reich,

kaum mehr als ein Provinzblättchen. Und so dämmerte im Fremden, der zum

ersten Mal in jenen Tagen nach München kam, die Erkenntnis, daß das

Problem der bayrischen Reaktion zum großen Teil auch ein Problem der

Presse ist.

* * * * *

„Bayern und Reich“, das vaterländische Wochenblatt der Kahr’schen

Kampfverbände enthüllte die Ursache der Zwietracht im völkischen Lager:

„Wir sind objektiv genug, zu sagen, das ist nicht Hitler’scher Geist,

sondern der Fluch seiner Umgebung: hier weht zweifelsohne ein

semitischer Wind. Immer dieselbe Methode: wie sich das Judentum in den

Friedländer, Rathenau, Ballin usw. an Wilhelm II. herangemacht hat, so

sehen wir auch heute wieder Gestalten mit semitischem Äußern im Stabe

Hitlers. Immer dasselbe traurige Spiel nach jüdischem Rezept:

Byzantismus und Speichelleckertum lähmten Wilhelms Schaffensfreude und

-willen und zeitigten seinen verhängnisvollen Größenwahn. Und heute

erscheint Hitlers Kopf im „Völkischen“ und sein Bild wird in

marktschreierischer Form durch die Presse zum Verkauf feilgeboten.“

Folgten die Namen der Verbände, die von Hitler abgefallen und zu Kahr

übergegangen waren.

Das „Heimatland“, das Organ des Hitlerschen „Deutschen Kampfbundes“,

spie darob Gift und Galle, erklärte die Meldungen vom Übertritt als Lüge

und wartete seinerseits mit Enthüllungen über „hinterhältige

Spaltungsmanöver gewisser Kreise um Kahr“ auf.

Da war es erfrischend, den „Miesbacher Anzeiger“ vorzunehmen, in dessen

Spalten gewiß kein semitischer Wind, sondern der trauliche Düngergeruch

des bayrischen Kuhstalls wehte. Die Leitaufsätze des „Miesbacher“

schlugen jeden Rekord, schimpften rechts und schimpften links und

forderten die Partei des Herrn von Kahr auf, „ihre Führer tüchtig

dazwischenzunehmen“; zu Kahrs Regentschaft hatte der „Miesbacher“ kein

rechtes Vertrauen, aber zum Schluß wurde er doch gepriesen, da er „das

Volkskönigtum der Wittelsbacher, nach dem sich das Bayernvolk sehnt,

ersiegen soll.“

Nun wußte der Fremde überhaupt nicht mehr ein noch aus und nur, daß er

als nichtgelernter Bayer da eben nicht mitkonnte. Er trat in das

königliche Hofbräuhaus ein.

Und sah: an den langen Tischen müde, verhärmte, elend gekleidete

Gestalten. Ein niederschmetternd-trauriges Bild. Die Männer dösen

stumpf, schläfrig in dem Tabaksqualm, der wie eine schwere Wolke über

dem riesigen Saal hängt. Boden, Bänke, Tische starren von Schmutz.

Mitten durch dies Gewirr von Menschen drängen sich zerlumpte,

verhungerte Gestalten und suchen gierig die stehengebliebenen

Speisereste – Knochen, Wursthäute – nicht völlig geleerte Bierkrüge zu

ergattern, die sie heimlich leeren.

Als der Fremde einem solchen armen Teufel, dem der Hunger aus

eingesunkenen, erloschenen Augen blickte, zwei Semmeln zuschob, gaffte

er ihn ein paar Sekunden verständnislos an: „Ist das für mich?“ Der

hatte wohl noch nie gebettelt.

Man kommt ins Gespräch: ein Metallarbeiter, seit Wochen arbeitslos,

hoffnungslos. Wann es wohl anders werden wird? Er will von keiner Partei

mehr etwas wissen, keine tut etwas zur Besserung. Aber Hitler wird es

schaffen, noch in diesem Winter. Das ist ein Kerl!

* * * * *

Die Masse solcher entwurzelter, verzweifelter Existenzen bildete Hitlers

Gefolgschaft. Sie war nicht klein. Es lohnte sich, den Führer kennen zu

lernen.

Der Hitler-Ludendorff-Prozeß · 第 5 / 27 题