In den Sälen des Wiener Musikvereins fand ein großer Ball statt. Es war
eines jener glänzenden Wohltätigkeitsfeste, wie sie jetzt infolge der
steigenden Not -- aber auch der zunehmenden Eitelkeit -- immer häufiger
veranstaltet werden. Seit einer Reihe von Jahren hatte ich an derlei
Vergnügungen nicht mehr teilgenommen; hauptsächlich schon deshalb, weil
ich oft und lange von Wien ferne gewesen. Heute aber hatte ich mich
eingefunden, um wieder einmal die »große Welt« auf mich wirken zu lassen
und sie in ihren neuen und neuesten Erscheinungen zu beobachten. Diese
letzteren waren in der vorwiegenden Mehrzahl, und so kam es, daß ich
mich bald in dem bunten Gewühl, das die strahlenden Räume durchwogte,
fremd und vereinsamt fühlte. Selbst ältere Bekannte hatten einige Mühe,
sich meiner zu entsinnen, und reichten mir dann bloß mit einem
flüchtigen: »Ah, Sie sind wieder da!« im Vorübergehen die Hand.
Etwas nachhaltiger, wenn auch mit ähnlichen Worten, wurde ich von einem
stattlich und vornehm aussehenden Herrn begrüßt, der, als ich mich jetzt
eben in eine Ecke zurückziehen wollte, auf mich zugeschritten kam.
Dieser Mann war eine stadtbekannte Persönlichkeit und nahm in der
Gesellschaft eine eigentümliche Stellung ein. Aus einer sehr angesehenen
jüdischen Familie stammend, hatte er von seinen Vätern zwar Reichtum,
jedoch nicht die Gabe ererbt, ihn zu vermehren oder auch nur zu
bewahren. Früh auf Reisen gegangen, hatte er längere Zeit in Paris
gelebt -- und war dann später in Wien durch allerlei noble Passionen mit
seinem Vermögen glücklich zu Rande gekommen. Da er aber fast mit der
gesamten Geldaristokratie in verwandtschaftlichen und sonstigen
Beziehungen stand, so konnte man ihn von jener Seite nicht fallen lassen
und verschaffte dem Ärmsten allerlei geschäftliche Sinekuren, die ihm
keine andere Verpflichtung auferlegten, als zu gewissen Terminen gewisse
Dividenden einzustreichen. Infolgedessen konnte er mit einiger
Einschränkung seinen bisherigen Gewohnheiten treu bleiben und war in der
Lebewelt, männlichen sowohl, wie weiblichen, daher auch in
Künstlerkreisen, ob seines beweglichen Geistes und schlagfertigen Witzes
sehr beliebt; im übrigen aber wurde er nicht besonders geachtet. Da er
dies, je länger, je tiefer empfand, so überkam ihn bei zunehmenden
Jahren das Bedürfnis sich zu rächen, und zwar damit, daß er die ätzende
Lauge seines Spottes über alles und jedes -- und nicht am wenigsten über
seine eigenen Stammesgenossen ausgoß. Kein eingefleischter Antisemit
konnte gegen das jüdische Wesen ärger losziehen, als dies Herr X bei
jeder Gelegenheit mit dem breitesten Behagen zu tun liebte.
»Also wo haben Sie denn wieder so lange gesteckt?« fragte er. »Auf dem
Lande? Sie werden noch ganz und gar verbauern. -- Aber was sagen Sie zu
der heutigen Crême der Gesellschaft? Zu unseren modernen Größen? Unseren
modernen Schönheiten? Schwindel! Pofel! Glänzender Pofel -- nichts
weiter! Und finden Sie nicht das _nationale Element_ (damit meinte er
das jüdische) sehr in den Vordergrund gerückt? Ich möchte wetten, daß
zwei Drittel der verehrten Anwesenden mosaischer Konfession sind -- wie
man sich in meiner Jugend euphemistisch auszudrücken pflegte. Und auch
die Ball-Patronessen sind zur Hälfte Jüdinnen.« Er wies dabei auf eine
Gruppe von Damen, die nicht allzuweit von uns im Gespräche beisammen
standen. »Betrachten Sie nur gefälligst diese Nasen! Diese runden
Rücken! Die gute Baronin Hirtburg ist auch dabei. Zehn Jahre lang war es
ihr kühnster Traum, mit der Fürstin M... als Patronesse zu figurieren --
nun hat sie's erreicht. Was ihr an Haltung abgeht, hat sie durch Schmuck
ersetzt. Dort -- die dicke Person meine ich, die eben mit der Fürstin
spricht. Sieht sie nicht aus wie in Brillanten gefaßt?«
Ich blickte nach der bezeichneten Dame, die in der Tat eine geradezu
fabelhafte Kleider- und Diamantenpracht entfaltet hatte.
»Auch ihr Gemahl ist, wie gewöhnlich, in der Nähe«, fuhr X mit einem
Seitenblicke fort. »Ein höchst bemerkenswerter Mann. Man schätzt ihn
bereits auf zwanzig Millionen. Und er kann's noch weiter bringen, wenn
sich die Herren Anarchisten nicht ins Mittel legen. Denn er ist ein
außergewöhnlich feiner Kopf -- eine Art Geschäftsgenie. Aber kein Lotos
ohne Stengel. Das heißt, jeder Mensch hat seine besondere Dummheit. So
auch er. Er liebt nämlich seine Frau bis zum Exzeß. Beachten Sie nur,
wie er dasteht und in ihrem Anblick schwelgt. Wie ein Verzückter!«
Ich hatte mich nach der angegebenen Richtung hin gewendet und den Herrn
ins Auge gefaßt. Je länger ich ihn betrachtete, desto bekannter kam er
mir vor. »Wie haben Sie vorhin die Dame genannt? Baronin Hirtburg? Heißt
denn jener Herr nicht Hirsch?«
Mein Cicerone lachte laut auf. »Man sieht, daß Sie weiß Gott wo leben.
Hirsch hieß er -- Hirtburg heißt er. Er hat sich diesen Namen mit dem
Baronat erworben -- oder sagen wir gekauft. Auch der Taufe war er schon
nahe. Aber er würde sich damit um allen Kredit gebracht haben; denn
Israel setzt gegenwärtig wieder mehr denn je seinen Stolz darein, dem
Wasser auszuweichen.«
»Und wissen Sie vielleicht, was mit seinem Vater geschehen ist? Lebt er
noch??«
»Der alte Seligmann? Haben Sie den gekannt?«
»Ganz oberflächlich. Ich bin vor Jahren irgendwo mit ihm
zusammengetroffen.«
»Seien Sie froh, daß Sie ihn nicht näher kennen gelernt. Ein ganz
unmögliches Individuum. Wissen Sie wirklich nicht, wie er geendet hat?«
»Nein.«
»Dann will ich's Ihnen sagen. Selbst wenn Sie ihn nur _einmal_ gesehen
haben, werden Sie begreifen, daß man einen _solchen_ Vater nicht im
Hause haben kann. Das hätte sich übrigens in irgend einer Weise
arrangieren lassen. Aber der alte Jobber, der selbst einmal ein ganz
hübsches Vermögen besessen, konnte das Börsenspiel nicht lassen. Wie oft
sein Sohn die Differenzen für ihn gezahlt haben mag, weiß ich nicht.
Endlich aber wurde es diesem doch zu viel. Da griff denn der Herr Papa,
um seine Leidenschaft befriedigen zu können, zu allerlei seltsamen
Ressourcen -- zuletzt verlegte er sich gar wieder auf unsaubere
Wuchergeschäfte, mit welchen er einst seine Laufbahn begonnen hatte, und
die ihn schließlich noch mit den Gerichten in Konflikt zu bringen
drohten. Wie kompromittierend für das zukünftige freiherrliche Haus!
Also mußte er um jeden Preis aus Wien entfernt werden. Man schickte ihn
fürs erste in kleine Bäder -- dann internierte man ihn in Venedig. Nun
denken Sie sich den alten Hirsch in Venedig! Ein Rhinozeros in einem
Aquarium! Aber Scherz beiseite. Der alte schwachsinnige Mann, der gleich
allen Juden an seiner Familie hing, wie das Eiweiß am Dotter, ist
darüber verrückt geworden, ohne daß es die Leute, die ihn in jeder
Hinsicht überwachen sollten, gleich bemerkt hätten. Eines schönen
Morgens, als er sich seiner Gewohnheit nach am Kinn eigenhändig den Bart
abnahm, hat er das Messer um einen Zoll zu tief angesetzt und sich einen
ganz kleinen Schnitt am Halse beigebracht. Und dieser Schnitt, sehen
Sie, ist der wunde Fleck im Hause Hirtburg. Was sag' ich Fleck! Ein
Abgrund ist's, den der Herr Baron gern mit ein paar Millionen ausfüllen
möchte, wenn es ginge -- denn er hat -- auch das ist unbegreiflich! --
seinen Vater außerordentlich geliebt. Aber sieh' da: Hirtburg, der
Jüngste!« Er deutete mit den Augen nach einem jungen Manne, der eben auf
den Baron zuschritt. »Was sagen Sie zu diesem Exemplar? Ist er nicht
ganz sein Großvater ^in nuce^? Seit Darwin kennt man die Sache. Ein
solcher Sohn könnte mir gestohlen werden. Dafür aber ist die Tochter
desto reizender. Geradezu bezaubernd. Woher sie's hat, weiß ich nicht.
_Eine_ der wenigen jüdischen Schönheiten, die ich gelten lasse. Kommen
Sie, ich werde sie Ihnen zeigen«, setzte er, sich auf den Fußspitzen
erhebend, hinzu. »Wenn ich nicht irre, tanzt sie dort eben wieder mit
einem jungen Diplomaten, einem Marquis der ^république française^. Der
scheint es auf ihre goldene Hand abgesehen zu haben.«
Er hatte mich unter dem Arme gefaßt, und wir drängten uns durch den
Kreis von Zusehern, der sich um die Tanzenden gebildet.
»Sehen Sie dort die hohe, schlanke Gestalt mit den Teerosen auf dem
Kleide? Nun, was sagen Sie? Ist das ein Wuchs? Sind das Bewegungen? Die
Grazie selbst. Und dieses Profil! Diese Augen -- diese Haare --«
»In der Tat, ein wunderbares Geschöpf!«
»^Voilà^: die Enkelin von weiland Seligmann Hirsch.«
Die Troglodytin.
Vorwort des Herausgebers.
Die Novelle soll nach Saars Bericht an Stefan Milow 1887/88 in Blansko
entstanden, nach dem Bericht an Bettelheim dagegen schon 1887 erschienen
sein. Wenn diese letztere Angabe richtig ist, muß sie, wie die meisten
übrigen, zuerst in einer Zeitschrift veröffentlicht worden sein. Ich
kenne nur den ersten Abdruck in Buchform, in der dritten
Novellensammlung »Schicksale« 1889 (Seite 195-271). Für die zweibändige
Ausgabe der »Novellen in Österreich« 1897 (zweiter Band, Seite 129-178)
kündigte Saar dem Verleger am 10. Januar 1897 an, daß eine kleine
Änderung notwendig sei; sie befindet sich bei der Schilderung des
Marktfleckens (Seite 123 unserer Ausgabe) die im ersten Druck so lautet:
»... Marktflecken, der bereits städtische Aspirationen zu hegen begann.
Das Gericht des Bezirkes und das Steueramt hatten dort ihren Sitz;
desgleichen ein Advokat und ein Notar, welche, sowie einige andere
wohlhabende Bürger, ganz stattliche Häuser bauen ließen; es entstand
sogar eine nette, pompejanisch bemalte Villa, welche ihr Eigentümer an
Sommergäste zu vermieten gedachte, denn die landschaftlichen Reize der
Gegend erfreuten sich in der nahegelegenen Landeshauptstadt eines
gewissen Rufes. Außerhalb ...« In der zweiten Auflage der zweibändigen
»Novellen aus Österreich« 1904 (a. a. O.) ist neben diesen stilistischen
Änderungen die Chiffre B... in Brünn aufgelöst worden. Auf diesem Text
beruht dann der Abdruck in Reclams Universalbibliothek (1904, Nr. 4600,
Seite 65-104), in welchem nur noch einige »welcher« abgeschafft sind.
Die zweite Auflage der »Schicksale« (o. J. [1897]) beruht auch hier auf
demselben Satz wie die Ausgabe der Novellen aus demselben Jahr.
»Ja, es ist eine Zeit her, daß ich die Geschichte erlebt,« sagte der
Forstmeister Pernett, indem er sich nachdenklich den angegrauten Bart
strich, »und doch ergreift mich noch heute die Erinnerung daran ganz
eigentümlich. Aber hören Sie: