Dieser unliebsame Zwischenfall wurde übrigens wie alles, das keine
bemerkenswerten Folgen nach sich zieht, um so eher wieder vergessen, als
bald darauf ein Ereignis eintrat, welches die Gemüter in leicht
begreifliche Aufregung versetzte. Das Regiment erhielt nämlich eines
Tages ganz plötzlich den Befehl, in die Wiener Garnison einzurücken, was
man damals als besondere Auszeichnung zu betrachten pflegte. Aber auch
aus sonstigen Gründen wurde diese Anordnung von den Offizieren mit
großer Freude begrüßt. Denn viele von uns waren gebürtige Wiener und
konnten nunmehr ihre Angehörigen auf längere Zeit wiedersehen, während
den übrigen Gelegenheit geboten wurde, das mehr oder minder fremde Leben
der Hauptstadt kennen und genießen zu lernen. Nebenbei galt es, das
Regiment in der kurzen Spanne Zeit, die hiezu noch vergönnt war, in den
allerbesten Stand zu setzen, was jedem einzelnen rastlose Tätigkeit
auferlegte -- bis endlich der große Tag erschien, an welchem wir die
Waggons bestiegen und, im Wiener Nordbahnhofe angelangt, mit klingendem
Spiele der Kaserne entgegenzogen, die uns in einer der nächsten
Vorstädte angewiesen war.
Wien selbst trug damals noch ganz seinen früheren Charakter zur Schau.
Die alten Tore mit den unbeweglichen Brücken über dem Stadtgraben
bestanden noch; die Kastanien- und Lindenalleen auf dem Glacis führten
nach den Vorstädten, und wenn heutzutage die innere Stadt von der
Ringstraße wie von einem blendenden Juwelengürtel umspannt erscheint, so
glich sie damals, von den Ringmauern der Bastei eingeschlossen, einem
Schatzkästlein, in welchem die meisten Kostbarkeiten zusammengedrängt
lagen. Auch der öffentliche Verkehr war einfacher, gleichsam intimer,
als jetzt. Die verschiedenen amtlichen Berufszweige gingen räumlich
nicht allzuweit auseinander, ebenso die mannigfaltigen Objekte des
Vergnügens und des Genusses -- und so hatte sich denn auch jeder von uns
bald mit den Verhältnissen vertraut gemacht und in seiner Weise
eingelebt. Diejenigen, welche zur Bequemlichkeit neigten und
außerdienstlichen Begegnungen mit hohen und höchsten Vorgesetzten gern
aus dem Wege gingen, vermieden es nach Möglichkeit, die Straßen und
Plätze der Stadt zu betreten und verbrachten ihre freie Zeit in der Nähe
der Kaserne. Andere hingegen -- zumeist ältere Hauptleute mit stark
entwickelten gastronomischen Neigungen -- liebten die Weinstuben und
Restaurants aufzusuchen, die sich eines besonderen Rufes erfreuten,
woselbst sie auch meistens bis tief in die Nacht hinein hängen blieben,
um dann in heiterster Stimmung nach Hause zurückzukehren. Schließlich
aber gab es einzelne, die kein höheres Vergnügen kannten, als, aufs
sorgfältigste angetan, das Pflaster des Grabens und Kohlmarktes zu
beschreiten und solche Orte aufzusuchen, wo sie, um zu sehen und gesehen
zu werden, ohne besonderen Kostenaufwand mit der vornehmen Welt
zusammentreffen konnten. Daß zu diesen wenigen auch Burda gehörte,
versteht sich von selbst, und es war in der Tat bewunderungswürdig, wie
vollendet er sich in dieser Hinsicht benahm. Wenn er so in nachlässiger
Haltung vor dem weltberühmten Café Daum stand und die Vorübergehenden
mit kühlen Blicken betrachtete, oder mit gemessenem Schritte seinen
Rundgang auf der Bastei antrat, war er geradezu das Muster eines
eleganten Offiziers. Niemand vermochte im Wintersalon des Volksgartens,
während die Kapelle der Gebrüder Strauß ernste und heitere Weisen zu
hören gab, mit vollendeterem Anstande Platz zu nehmen, und im
Stehparterre der beiden Hoftheater wußte er stets einen Pfeiler zu
erobern, an welchen gelehnt, er seine Blicke nach den Logen, das heißt
nach den weiblichen Insassen schweifen ließ.
In dieser Zeit war ich Burda, der mich bis dahin nur wenig beachtete,
näher getreten. Den Anlaß hierzu hatte eine ökonomische Frage gegeben.
Es mangelte nämlich in den Kasernen an einer ausreichenden Zahl von
Offizierswohnungen, infolgedessen mehrere von uns entsprechende
Geldentschädigungen erhielten. Da war es denn nun Sitte, daß die
Besitzer von sogenannten »Naturalquartieren« einen oder auch mehrere
Kameraden bei sich aufnahmen, damit jedem einzelnen die entsprechende
Zinsquote zur Aufbesserung der schmal bemessenen Gage dienen könne. Auch
Burda, der eine Wohnung in der Kaserne hatte, mußte daran denken, einen
Mieter zu suchen -- oder, wie dies in seiner Art lag, sich einen solchen
zu erwählen. Daß die Wahl auf mich fiel, mochte in erster Linie wohl
damit zusammenhängen, daß ich zu der Kompagnie versetzt worden war, bei
welcher er selbst stand; aber ich hatte immerhin Grund, seine
Aufforderung als Auszeichnung zu betrachten und sie um so lieber
anzunehmen, als sich ein besonderer, mir sehr erwünschter Vorteil daran
knüpfte. Denn ich hatte schon damals literarischen Neigungen nachgegeben
und wünschte im Laufe des Tages einige ruhige, völlig ungestörte Stunden
zu haben, aber wie wäre dies in einer kameradschaftlichen Wirtschaft, wo
es in der Regel ziemlich wüst herging, zu erreichen gewesen! Burda
jedoch, der die Rücksicht in Person war und überdies stets seine eigenen
Wege ging, bot mir in dieser Hinsicht alle Sicherheit. Ich kündigte
sofort in dem Privathause, wo ich mich bereits eingemietet hatte, und
zog in seine Wohnung, welche eigentlich nur aus zwei Zimmern bestand;
diese aber waren sehr geräumig, und jedes hatte seinen eigenen Eingang.
Die Verbindungstür wurde abgesperrt, von beiden Seiten ein Kasten
davorgerückt -- und die Sache war in Ordnung gebracht.
Anfänglich hielten wir uns beide ziemlich fern voneinander; er aus
gewohnter Zurückhaltung -- _ich_ aus Furcht, ihm lästig zu fallen; es
war eben, als wohnte jeder für sich allein. Im übrigen befand sich Burda
während des Tages nur selten zu Hause; war dies aber der Fall, so lag er
gewöhnlich auf einer niederen Ottomane, die er aus zwei übereinander
geschichteten Strohsäcken und einem Überwurf aus grell gemustertem Zitz
höchst sinnreich hergestellt hatte, und las, was er sehr gerne tat,
französische Romane. Fast niemals drang ein störender Laut zu mir
herüber, und ich konnte deutlich nachfühlen, wie er beim Kommen und
Gehen den Schall seiner Schritte sorglich abdämpfte. Nur seine häufigen
Waschungen vernahm ich und bisweilen auch ein leises Geräusch, welches
er dadurch hervorbrachte, daß er seine neueste Uniform stets eigenhändig
bürstete; ein heikles, wichtiges Geschäft, das er selbst seinem
außerordentlich geschulten Diener nicht anvertrauen mochte.
So trafen wir denn außer Dienst nicht allzuoft zusammen, am häufigsten
noch im Burgtheater, das ich, begreiflicherweise, so oft es nur anging,
besuchte, während Burda jeden zweiten Tag mit der Oper abwechselte.
Fanden wir uns nach der Vorstellung zufällig im Foyer, so pflegten wir
gemeinschaftlich nach Hause zu gehen, denn nach dem Theater zu
soupieren, gestatteten unsere Mittel nicht. Hingegen lud er mich
zuweilen in huldvoller Stimmung ein, bei ihm den Tee zu nehmen, was
allerdings im eigentlichsten Wortsinne zu verstehen war, da in der Regel
Rum und Sahne fehlten und höchstens etwas abgelegenes Weißbrot als
Beigabe erschien.
Eines Tages hatte ich mich eben an den Schreibtisch gesetzt, um den
zweiten Gesang eines größeren Gedichtes in Angriff zu nehmen, zu dem ich
mich unter dem Eindruck von Ernst Schulzes »Bezauberter Rose« hatte
verleiten lassen, als ich an der Verbindungstür ein leises, immer
eindringlicher werdendes Klopfen und zuletzt die Stimme Burdas vernahm:
»Störe ich, wenn ich einen Augenblick hinüberkomme?«
Obgleich mir nun diese Unterbrechung nicht sehr gelegen kam, so war es
doch selbstverständlich, daß ich entgegenrief: »O, nicht im geringsten!
Es wird mich sehr freuen, dich bei mir zu sehen.« Und damit eilte ich an
den Eingang, um Burda zu empfangen, der auch alsbald, ein
zusammengefaltetes Papier in der Hand, bei mir eintrat.
Nachdem ich ihn gebeten hatte, auf einem der beiden braun gestrichenen
Stühle Platz zu nehmen, die einen großen Teil meiner Zimmereinrichtung
bildeten, fragte ich, was ihn zu mir führe.
»Ich habe hier«, sagte er, »ein paar Verse niedergeschrieben, und da ich
weiß, daß du dich mit Poesie beschäftigst, so wollte ich dich bitten,
das Gedichtchen durchzusehen, ob sich nicht etwa Verstöße gegen das
Metrum oder sonstige Fehler eingeschlichen haben. Willst du mir diese
Gefälligkeit erweisen?«
»Mit größtem Vergnügen«, erwiderte ich, indem ich das Blatt
entgegennahm. Es enthielt zehn bis fünfzehn Verse, die im ganzen
ziemlich steif, aber vollständig korrekt waren und beiläufig mit
folgenden Reimen schlossen:
»Soll mir der Stern der Hoffnung nicht erbleichen,
So gib, erhab'ner Engel, mir ein Zeichen!«
»Es ist nichts daran auszusetzen«, sagte ich, das Papier zurückgebend.
»Ich dachte es wohl«, entgegnete er ernst. »Aber ich wollte ganz sicher
gehen.«
Jeden anderen würde ich möglicherweise jetzt gefragt haben, an wen
eigentlich die Verse gerichtet seien; allein Burda gegenüber war das
nicht zu wagen. Auch interessierte es mich nicht gerade übermäßig.
Diesmal aber war es mir, als wollte er gefragt sein. Denn er blieb mit
gekreuzten Beinen sitzen und blickte, die rechte Fußspitze hin und her
bewegend, wie erwartungsvoll vor sich hin. Ich unterbrach endlich das
Schweigen, indem ich, wenngleich noch immer etwas zaghaft, begann: »Und
darf man vielleicht wissen -- --?«
Er wandte rasch das Haupt und streckte mir die Hand entgegen: »Lieber
Freund, du hast in der Zeit unseres Zusammenwohnens nicht bloß meine
Zuneigung, sondern auch meine Achtung in hohem Grade erworben. Ich kann
und darf dich daher auch vollständig in alles einweihen -- umsomehr, als
es mir, offen gestanden, ein Bedürfnis ist, diesmal einen Vertrauten zu
haben. So höre denn: die Verse sind an die jüngste der Prinzessinnen
L... gerichtet.«
Nun hatte ich allerdings nichts Geringes zu hören erwartet; dennoch
erstarrte ich fast vor Erstaunen. Daß Burda seine Blicke so hoch erheben
könne, überstieg all und jede Voraussetzung, wenn ich auch nicht umhin
konnte, seinen sublimen Geschmack zu bewundern. Die Prinzessinnen L...
gehörten zu den blendendsten Erscheinungen der aristokratischen
Frauenwelt, welche damals an Schönheiten so auffallend reich war. Von
mütterlicher Seite verwaist, dem Alter nach kaum um je ein Jahr
voneinander verschieden, trugen sie alle drei mit ihren kühn und doch
zart geschwungenen Nasen die ausgesprochenste Familienähnlichkeit zur
Schau, und wenn sie, in der Regel gleich gekleidet, in der Loge saßen
oder in den Prater fuhren, so mochte dieser Anblick wohl viele Herzen
höher schlagen gemacht haben. Daß aber irgend ein Erdensohn, wenn er
jenen Kreisen nicht angehörte, es wagen sollte, der Tochter eines
Fürsten aus souveränem Geschlechte, welcher am Hofe eine der ersten
Stellungen einnahm, in solcher Weise, mit solchen Erwartungen zu nahen,
war unfaßbar. Ich blieb sprachlos.
Burda schien sich an meinem Erstaunen zu weiden. »Nun,« sagte er endlich
lächelnd, »siehst du darin etwas so ganz Unmögliches?«
Nun galt es wieder, ihn nicht zu verletzen. »O nein -- durchaus nicht --
-- ich habe nur nachgedacht. Auf welche Art willst du denn der
Prinzessin das Gedicht zukommen lassen?«
»Auf welche Art? Ganz einfach durch die Post.«
»Durch die Post?«
»Natürlich. Du weißt, daß ich mich ein wenig auf Kaligraphie verstehe.
Ich bringe also die Verse ohne Unterschrift und ohne meine Hand zu
verraten aufs zierlichste zu Papier. Auf der Adresse ahme ich eine
Damenschrift nach, und um die Empfängerin sofort wissen zu lassen, von
wem der Brief kommt, siegle ich mit feinem, blaßgelbem Lack -- mit der
Farbe unserer Aufschläge«, setzte Burda erklärend und bereits etwas
ärgerlich hinzu, da er in meiner Miene noch immer keine verständnisvolle
Zustimmung bemerken mochte.
»Das ist alles ganz gut«, warf ich jetzt ein. »Aber wie, wenn der Brief
in unrechte Hände fällt?«
Burda sah mich mit mitleidsvoller Überlegenheit an. »In unrechte Hände?
Glaubst du denn, daß man in fürstlichen Häusern den Töchtern die Briefe
öffnet, wie dies wohl in bürgerlichen Kreisen von seiten mißtrauischer
Väter und Mütter geschehen mag?«
»Vom Öffnen ist nicht die Rede. Aber der Brief kann in Gegenwart anderer
Personen überbracht werden. Und wenn dann hinsichtlich seiner an die
Empfängerin eine Frage gerichtet wird -- was soll sie erwidern?«
Burda rückte ungeduldig auf dem Stuhl hin und her. »Lieber Freund,«
sagte er gereizt, »man sieht doch gleich, daß du keine Ahnung hast, was
in der Aristokratie Sitte und Gepflogenheit ist. In solchen Familien hat
jedermann seine eigenen Appartements, seine eigene Dienerschaft -- und
man empfängt eben seine Briefe für sich allein. Indessen hast du in
gewissem Sinne recht«, fuhr er nach einer Pause einlenkend fort; »ich
selbst verkenne ja das Bedenkliche meines Unternehmens nicht. Aber du
wirst zugeben, daß meinerseits etwas gewagt werden muß; denn die
Prinzessin kann doch nicht den ersten Schritt tun. Im übrigen habe ich
alles wohl erwogen und reiflich überlegt. Die Sache steht einfach so:
entweder erwartet man -- und ich habe Gründe, dies aufs bestimmteste
vorauszusetzen -- von mir eine Kundgebung, dann begreifst du wohl, daß
es mit dem Briefe keine Gefahr hat. Denn selbst angenommen, daß er der
Gegenstand irgend einer Frage würde, so besitzt man gewiß auch den
nötigen weiblichen Scharfsinn, um sich aus der Affäre zu ziehen. Oder:
ich habe mich bis jetzt vollkommen getäuscht -- nun, dann wird man die
Verse einfach beiseite werfen -- und alles ist aus.«
Diese ruhige Auseinandersetzung wirkte. Mir selbst kam jetzt das Ganze
weniger befremdlich vor. Ich hätte freilich noch einwenden können, daß
in dem Schritte, den er unternahm, etwas Verletzendes für die junge Dame
selbst liege; aber ich unterdrückte diese Bemerkung und sagte bloß: »Ich
sehe, du hast alle Umstände aufs genaueste in Betracht gezogen, und so
kann ich dich nur bitten, mir zu verzeihen, daß ich mir gestattet habe
-- --«
»Du bist vollkommen entschuldigt«, sagte er herablassend, indem er sich
erhob. »Es war ja deine Pflicht, mich auf mögliche Zwischenfälle
aufmerksam zu machen -- und ich danke dir dafür. Damit du jedoch siehst,
wie grundlos deine Einwürfe waren, so fordere ich dich auf, Zeuge meines
Erfolges zu sein.« Er stand einen Augenblick nachsinnend. »Heute ist der
Zwölfte -- morgen sende ich das Gedicht ab -- am Vierzehnten erhält es
die Prinzessin -- und am Fünfzehnten hat man die Loge im Burgtheater,
denn es ist ein ungerader Tag. Ich ersuche dich also, am Fünfzehnten mit
mir gemeinsam das Burgtheater zu besuchen und während der Vorstellung an
meiner Seite zu bleiben. Das Weitere wirst du sehen.« Damit reichte er
mir die Hand und begab sich, von mir auf den Gang hinaus geleitet, in
sein Zimmer.
Als ich wieder allein war, wirbelte es mir im Kopfe. Sollte es möglich
sein! rief ich aus. Sollte die Prinzessin wirklich .... Warum nicht? Es
waren ja doch schon ähnliche Fälle vorgekommen! Burdas Zuversicht hatte
etwas Ansteckendes; sie schien sich jetzt auch mir mitteilen zu wollen.
Aber nein, nein! Es ist ganz und gar undenkbar! sprach endlich die
gesunde Vernunft und behielt das letzte Wort. Dabei vergaß ich freilich,
daß ich vorhin selbst darangegangen war, in dem zweiten Gesange meiner
Dichtung mit glühenden Farben ein geheimes Stelldichein zu schildern,
welches zwischen einer Königstochter und einem Knappen (der sich
allerdings am Schlusse als Königssohn würde entpuppt haben) stattfinden
sollte.