II.

Dieser unliebsame Zwischenfall wurde übrigens wie alles, das keine

bemerkenswerten Folgen nach sich zieht, um so eher wieder vergessen, als

bald darauf ein Ereignis eintrat, welches die Gemüter in leicht

begreifliche Aufregung versetzte. Das Regiment erhielt nämlich eines

Tages ganz plötzlich den Befehl, in die Wiener Garnison einzurücken, was

man damals als besondere Auszeichnung zu betrachten pflegte. Aber auch

aus sonstigen Gründen wurde diese Anordnung von den Offizieren mit

großer Freude begrüßt. Denn viele von uns waren gebürtige Wiener und

konnten nunmehr ihre Angehörigen auf längere Zeit wiedersehen, während

den übrigen Gelegenheit geboten wurde, das mehr oder minder fremde Leben

der Hauptstadt kennen und genießen zu lernen. Nebenbei galt es, das

Regiment in der kurzen Spanne Zeit, die hiezu noch vergönnt war, in den

allerbesten Stand zu setzen, was jedem einzelnen rastlose Tätigkeit

auferlegte -- bis endlich der große Tag erschien, an welchem wir die

Waggons bestiegen und, im Wiener Nordbahnhofe angelangt, mit klingendem

Spiele der Kaserne entgegenzogen, die uns in einer der nächsten

Vorstädte angewiesen war.

Wien selbst trug damals noch ganz seinen früheren Charakter zur Schau.

Die alten Tore mit den unbeweglichen Brücken über dem Stadtgraben

bestanden noch; die Kastanien- und Lindenalleen auf dem Glacis führten

nach den Vorstädten, und wenn heutzutage die innere Stadt von der

Ringstraße wie von einem blendenden Juwelengürtel umspannt erscheint, so

glich sie damals, von den Ringmauern der Bastei eingeschlossen, einem

Schatzkästlein, in welchem die meisten Kostbarkeiten zusammengedrängt

lagen. Auch der öffentliche Verkehr war einfacher, gleichsam intimer,

als jetzt. Die verschiedenen amtlichen Berufszweige gingen räumlich

nicht allzuweit auseinander, ebenso die mannigfaltigen Objekte des

Vergnügens und des Genusses -- und so hatte sich denn auch jeder von uns

bald mit den Verhältnissen vertraut gemacht und in seiner Weise

eingelebt. Diejenigen, welche zur Bequemlichkeit neigten und

außerdienstlichen Begegnungen mit hohen und höchsten Vorgesetzten gern

aus dem Wege gingen, vermieden es nach Möglichkeit, die Straßen und

Plätze der Stadt zu betreten und verbrachten ihre freie Zeit in der Nähe

der Kaserne. Andere hingegen -- zumeist ältere Hauptleute mit stark

entwickelten gastronomischen Neigungen -- liebten die Weinstuben und

Restaurants aufzusuchen, die sich eines besonderen Rufes erfreuten,

woselbst sie auch meistens bis tief in die Nacht hinein hängen blieben,

um dann in heiterster Stimmung nach Hause zurückzukehren. Schließlich

aber gab es einzelne, die kein höheres Vergnügen kannten, als, aufs

sorgfältigste angetan, das Pflaster des Grabens und Kohlmarktes zu

beschreiten und solche Orte aufzusuchen, wo sie, um zu sehen und gesehen

zu werden, ohne besonderen Kostenaufwand mit der vornehmen Welt

zusammentreffen konnten. Daß zu diesen wenigen auch Burda gehörte,

versteht sich von selbst, und es war in der Tat bewunderungswürdig, wie

vollendet er sich in dieser Hinsicht benahm. Wenn er so in nachlässiger

Haltung vor dem weltberühmten Café Daum stand und die Vorübergehenden

mit kühlen Blicken betrachtete, oder mit gemessenem Schritte seinen

Rundgang auf der Bastei antrat, war er geradezu das Muster eines

eleganten Offiziers. Niemand vermochte im Wintersalon des Volksgartens,

während die Kapelle der Gebrüder Strauß ernste und heitere Weisen zu

hören gab, mit vollendeterem Anstande Platz zu nehmen, und im

Stehparterre der beiden Hoftheater wußte er stets einen Pfeiler zu

erobern, an welchen gelehnt, er seine Blicke nach den Logen, das heißt

nach den weiblichen Insassen schweifen ließ.

In dieser Zeit war ich Burda, der mich bis dahin nur wenig beachtete,

näher getreten. Den Anlaß hierzu hatte eine ökonomische Frage gegeben.

Es mangelte nämlich in den Kasernen an einer ausreichenden Zahl von

Offizierswohnungen, infolgedessen mehrere von uns entsprechende

Geldentschädigungen erhielten. Da war es denn nun Sitte, daß die

Besitzer von sogenannten »Naturalquartieren« einen oder auch mehrere

Kameraden bei sich aufnahmen, damit jedem einzelnen die entsprechende

Zinsquote zur Aufbesserung der schmal bemessenen Gage dienen könne. Auch

Burda, der eine Wohnung in der Kaserne hatte, mußte daran denken, einen

Mieter zu suchen -- oder, wie dies in seiner Art lag, sich einen solchen

zu erwählen. Daß die Wahl auf mich fiel, mochte in erster Linie wohl

damit zusammenhängen, daß ich zu der Kompagnie versetzt worden war, bei

welcher er selbst stand; aber ich hatte immerhin Grund, seine

Aufforderung als Auszeichnung zu betrachten und sie um so lieber

anzunehmen, als sich ein besonderer, mir sehr erwünschter Vorteil daran

knüpfte. Denn ich hatte schon damals literarischen Neigungen nachgegeben

und wünschte im Laufe des Tages einige ruhige, völlig ungestörte Stunden

zu haben, aber wie wäre dies in einer kameradschaftlichen Wirtschaft, wo

es in der Regel ziemlich wüst herging, zu erreichen gewesen! Burda

jedoch, der die Rücksicht in Person war und überdies stets seine eigenen

Wege ging, bot mir in dieser Hinsicht alle Sicherheit. Ich kündigte

sofort in dem Privathause, wo ich mich bereits eingemietet hatte, und

zog in seine Wohnung, welche eigentlich nur aus zwei Zimmern bestand;

diese aber waren sehr geräumig, und jedes hatte seinen eigenen Eingang.

Die Verbindungstür wurde abgesperrt, von beiden Seiten ein Kasten

davorgerückt -- und die Sache war in Ordnung gebracht.

Anfänglich hielten wir uns beide ziemlich fern voneinander; er aus

gewohnter Zurückhaltung -- _ich_ aus Furcht, ihm lästig zu fallen; es

war eben, als wohnte jeder für sich allein. Im übrigen befand sich Burda

während des Tages nur selten zu Hause; war dies aber der Fall, so lag er

gewöhnlich auf einer niederen Ottomane, die er aus zwei übereinander

geschichteten Strohsäcken und einem Überwurf aus grell gemustertem Zitz

höchst sinnreich hergestellt hatte, und las, was er sehr gerne tat,

französische Romane. Fast niemals drang ein störender Laut zu mir

herüber, und ich konnte deutlich nachfühlen, wie er beim Kommen und

Gehen den Schall seiner Schritte sorglich abdämpfte. Nur seine häufigen

Waschungen vernahm ich und bisweilen auch ein leises Geräusch, welches

er dadurch hervorbrachte, daß er seine neueste Uniform stets eigenhändig

bürstete; ein heikles, wichtiges Geschäft, das er selbst seinem

außerordentlich geschulten Diener nicht anvertrauen mochte.

So trafen wir denn außer Dienst nicht allzuoft zusammen, am häufigsten

noch im Burgtheater, das ich, begreiflicherweise, so oft es nur anging,

besuchte, während Burda jeden zweiten Tag mit der Oper abwechselte.

Fanden wir uns nach der Vorstellung zufällig im Foyer, so pflegten wir

gemeinschaftlich nach Hause zu gehen, denn nach dem Theater zu

soupieren, gestatteten unsere Mittel nicht. Hingegen lud er mich

zuweilen in huldvoller Stimmung ein, bei ihm den Tee zu nehmen, was

allerdings im eigentlichsten Wortsinne zu verstehen war, da in der Regel

Rum und Sahne fehlten und höchstens etwas abgelegenes Weißbrot als

Beigabe erschien.

Eines Tages hatte ich mich eben an den Schreibtisch gesetzt, um den

zweiten Gesang eines größeren Gedichtes in Angriff zu nehmen, zu dem ich

mich unter dem Eindruck von Ernst Schulzes »Bezauberter Rose« hatte

verleiten lassen, als ich an der Verbindungstür ein leises, immer

eindringlicher werdendes Klopfen und zuletzt die Stimme Burdas vernahm:

»Störe ich, wenn ich einen Augenblick hinüberkomme?«

Obgleich mir nun diese Unterbrechung nicht sehr gelegen kam, so war es

doch selbstverständlich, daß ich entgegenrief: »O, nicht im geringsten!

Es wird mich sehr freuen, dich bei mir zu sehen.« Und damit eilte ich an

den Eingang, um Burda zu empfangen, der auch alsbald, ein

zusammengefaltetes Papier in der Hand, bei mir eintrat.

Nachdem ich ihn gebeten hatte, auf einem der beiden braun gestrichenen

Stühle Platz zu nehmen, die einen großen Teil meiner Zimmereinrichtung

bildeten, fragte ich, was ihn zu mir führe.

»Ich habe hier«, sagte er, »ein paar Verse niedergeschrieben, und da ich

weiß, daß du dich mit Poesie beschäftigst, so wollte ich dich bitten,

das Gedichtchen durchzusehen, ob sich nicht etwa Verstöße gegen das

Metrum oder sonstige Fehler eingeschlichen haben. Willst du mir diese

Gefälligkeit erweisen?«

»Mit größtem Vergnügen«, erwiderte ich, indem ich das Blatt

entgegennahm. Es enthielt zehn bis fünfzehn Verse, die im ganzen

ziemlich steif, aber vollständig korrekt waren und beiläufig mit

folgenden Reimen schlossen:

»Soll mir der Stern der Hoffnung nicht erbleichen,

So gib, erhab'ner Engel, mir ein Zeichen!«

»Es ist nichts daran auszusetzen«, sagte ich, das Papier zurückgebend.

»Ich dachte es wohl«, entgegnete er ernst. »Aber ich wollte ganz sicher

gehen.«

Jeden anderen würde ich möglicherweise jetzt gefragt haben, an wen

eigentlich die Verse gerichtet seien; allein Burda gegenüber war das

nicht zu wagen. Auch interessierte es mich nicht gerade übermäßig.

Diesmal aber war es mir, als wollte er gefragt sein. Denn er blieb mit

gekreuzten Beinen sitzen und blickte, die rechte Fußspitze hin und her

bewegend, wie erwartungsvoll vor sich hin. Ich unterbrach endlich das

Schweigen, indem ich, wenngleich noch immer etwas zaghaft, begann: »Und

darf man vielleicht wissen -- --?«

Er wandte rasch das Haupt und streckte mir die Hand entgegen: »Lieber

Freund, du hast in der Zeit unseres Zusammenwohnens nicht bloß meine

Zuneigung, sondern auch meine Achtung in hohem Grade erworben. Ich kann

und darf dich daher auch vollständig in alles einweihen -- umsomehr, als

es mir, offen gestanden, ein Bedürfnis ist, diesmal einen Vertrauten zu

haben. So höre denn: die Verse sind an die jüngste der Prinzessinnen

L... gerichtet.«

Nun hatte ich allerdings nichts Geringes zu hören erwartet; dennoch

erstarrte ich fast vor Erstaunen. Daß Burda seine Blicke so hoch erheben

könne, überstieg all und jede Voraussetzung, wenn ich auch nicht umhin

konnte, seinen sublimen Geschmack zu bewundern. Die Prinzessinnen L...

gehörten zu den blendendsten Erscheinungen der aristokratischen

Frauenwelt, welche damals an Schönheiten so auffallend reich war. Von

mütterlicher Seite verwaist, dem Alter nach kaum um je ein Jahr

voneinander verschieden, trugen sie alle drei mit ihren kühn und doch

zart geschwungenen Nasen die ausgesprochenste Familienähnlichkeit zur

Schau, und wenn sie, in der Regel gleich gekleidet, in der Loge saßen

oder in den Prater fuhren, so mochte dieser Anblick wohl viele Herzen

höher schlagen gemacht haben. Daß aber irgend ein Erdensohn, wenn er

jenen Kreisen nicht angehörte, es wagen sollte, der Tochter eines

Fürsten aus souveränem Geschlechte, welcher am Hofe eine der ersten

Stellungen einnahm, in solcher Weise, mit solchen Erwartungen zu nahen,

war unfaßbar. Ich blieb sprachlos.

Burda schien sich an meinem Erstaunen zu weiden. »Nun,« sagte er endlich

lächelnd, »siehst du darin etwas so ganz Unmögliches?«

Nun galt es wieder, ihn nicht zu verletzen. »O nein -- durchaus nicht --

-- ich habe nur nachgedacht. Auf welche Art willst du denn der

Prinzessin das Gedicht zukommen lassen?«

»Auf welche Art? Ganz einfach durch die Post.«

»Durch die Post?«

»Natürlich. Du weißt, daß ich mich ein wenig auf Kaligraphie verstehe.

Ich bringe also die Verse ohne Unterschrift und ohne meine Hand zu

verraten aufs zierlichste zu Papier. Auf der Adresse ahme ich eine

Damenschrift nach, und um die Empfängerin sofort wissen zu lassen, von

wem der Brief kommt, siegle ich mit feinem, blaßgelbem Lack -- mit der

Farbe unserer Aufschläge«, setzte Burda erklärend und bereits etwas

ärgerlich hinzu, da er in meiner Miene noch immer keine verständnisvolle

Zustimmung bemerken mochte.

»Das ist alles ganz gut«, warf ich jetzt ein. »Aber wie, wenn der Brief

in unrechte Hände fällt?«

Burda sah mich mit mitleidsvoller Überlegenheit an. »In unrechte Hände?

Glaubst du denn, daß man in fürstlichen Häusern den Töchtern die Briefe

öffnet, wie dies wohl in bürgerlichen Kreisen von seiten mißtrauischer

Väter und Mütter geschehen mag?«

»Vom Öffnen ist nicht die Rede. Aber der Brief kann in Gegenwart anderer

Personen überbracht werden. Und wenn dann hinsichtlich seiner an die

Empfängerin eine Frage gerichtet wird -- was soll sie erwidern?«

Burda rückte ungeduldig auf dem Stuhl hin und her. »Lieber Freund,«

sagte er gereizt, »man sieht doch gleich, daß du keine Ahnung hast, was

in der Aristokratie Sitte und Gepflogenheit ist. In solchen Familien hat

jedermann seine eigenen Appartements, seine eigene Dienerschaft -- und

man empfängt eben seine Briefe für sich allein. Indessen hast du in

gewissem Sinne recht«, fuhr er nach einer Pause einlenkend fort; »ich

selbst verkenne ja das Bedenkliche meines Unternehmens nicht. Aber du

wirst zugeben, daß meinerseits etwas gewagt werden muß; denn die

Prinzessin kann doch nicht den ersten Schritt tun. Im übrigen habe ich

alles wohl erwogen und reiflich überlegt. Die Sache steht einfach so:

entweder erwartet man -- und ich habe Gründe, dies aufs bestimmteste

vorauszusetzen -- von mir eine Kundgebung, dann begreifst du wohl, daß

es mit dem Briefe keine Gefahr hat. Denn selbst angenommen, daß er der

Gegenstand irgend einer Frage würde, so besitzt man gewiß auch den

nötigen weiblichen Scharfsinn, um sich aus der Affäre zu ziehen. Oder:

ich habe mich bis jetzt vollkommen getäuscht -- nun, dann wird man die

Verse einfach beiseite werfen -- und alles ist aus.«

Diese ruhige Auseinandersetzung wirkte. Mir selbst kam jetzt das Ganze

weniger befremdlich vor. Ich hätte freilich noch einwenden können, daß

in dem Schritte, den er unternahm, etwas Verletzendes für die junge Dame

selbst liege; aber ich unterdrückte diese Bemerkung und sagte bloß: »Ich

sehe, du hast alle Umstände aufs genaueste in Betracht gezogen, und so

kann ich dich nur bitten, mir zu verzeihen, daß ich mir gestattet habe

-- --«

»Du bist vollkommen entschuldigt«, sagte er herablassend, indem er sich

erhob. »Es war ja deine Pflicht, mich auf mögliche Zwischenfälle

aufmerksam zu machen -- und ich danke dir dafür. Damit du jedoch siehst,

wie grundlos deine Einwürfe waren, so fordere ich dich auf, Zeuge meines

Erfolges zu sein.« Er stand einen Augenblick nachsinnend. »Heute ist der

Zwölfte -- morgen sende ich das Gedicht ab -- am Vierzehnten erhält es

die Prinzessin -- und am Fünfzehnten hat man die Loge im Burgtheater,

denn es ist ein ungerader Tag. Ich ersuche dich also, am Fünfzehnten mit

mir gemeinsam das Burgtheater zu besuchen und während der Vorstellung an

meiner Seite zu bleiben. Das Weitere wirst du sehen.« Damit reichte er

mir die Hand und begab sich, von mir auf den Gang hinaus geleitet, in

sein Zimmer.

Als ich wieder allein war, wirbelte es mir im Kopfe. Sollte es möglich

sein! rief ich aus. Sollte die Prinzessin wirklich .... Warum nicht? Es

waren ja doch schon ähnliche Fälle vorgekommen! Burdas Zuversicht hatte

etwas Ansteckendes; sie schien sich jetzt auch mir mitteilen zu wollen.

Aber nein, nein! Es ist ganz und gar undenkbar! sprach endlich die

gesunde Vernunft und behielt das letzte Wort. Dabei vergaß ich freilich,

daß ich vorhin selbst darangegangen war, in dem zweiten Gesange meiner

Dichtung mit glühenden Farben ein geheimes Stelldichein zu schildern,

welches zwischen einer Königstochter und einem Knappen (der sich

allerdings am Schlusse als Königssohn würde entpuppt haben) stattfinden

sollte.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 3 / 53 题