XVI.

Der Wein glänzte in den Gläsern vor ihnen. Sie stießen miteinander

an.

"Aber ich bin ausgesöhnt mit meiner Dummheit--" rief er in ehrlicher

Freude, während er sie ansah.

Sie war es wert, angesehen zu werden.

Fest zurückgelehnt in den Stuhl und die Füße gegen den Boden

gestemmt, die Hände im Schoße gefaltet, saß sie in der unbewegten

Ruhe von Menschen da, die viel arbeiten, und diese Ruhe, derer sie

bedürfen, dann wenn sie ihnen wird, auch wirklich genießen.

Ihren Hut hatte sie abgenommen, und Grach bewunderte die einfache

Kunst, mit der sie ihr dunkelbraunes Haar in einen griechischen

Knoten gebunden trug.

Alle Linien an dieser schönen Gestalt waren groß, kühn und frei;

lang und natürlich, durch keine künstlichen Mittel verziert, fielen

die Falten ihres Kleides nieder.

Ihre Hände, an denen sie keine Ringe trug, waren groß und weiß, und

ebenso waren ihre Zähne, keine "Perlen"-Zähne, aber Zähne von

tadelloser Ebenmäßigkeit.

Das Gleichmaß der ruhigen, großen Schönheit war in ihr verkörpert.

Und wie es unmöglich war, sich dieses Gleichmaß ihrer Erscheinung

durch irgend etwas: durch eine eckige, unbehilfliche Bewegung, durch

die Wildheit eines fassungslosen Schmerzes, die Raserei einer

zügellosen Leidenschaft, die Unschönheit einer Erniedrigung oder

einer gewaltsamen Ueberhebung gestört zu denken, so unmöglich war es

auch zu glauben, daß das Alter jemals diese hohe Gestalt beugen, das

Elend diese einfache Würde knicken, Krankheit diese verkörperte

Gesundheit brechen könne.

Es gibt Profile, die hingekritzelt scheinen, stümperhafte

Dilettantismen, verzerrte Karrikaturen in die Breite oder in die

Länge, hingeklatscht von ungeübter Hand und dann verwischt durch

Zerknitterung des Papiers; und es gibt Profile, die mit Künstlerhand

schnell entworfen scheinen in verräterisch-schönen Linien voll

Weichheit, Grazie und Liebreiz, oder aber hingezeichnet in einem

großen, wundervollen Zuge in seltener Stunde . . .

Zu den letzteren gehörte Dora Syks Profil. Ein Ansatz, ein kühner

Zug, rasch, energisch, meisterhaft--tadellos: so war ihr Profil,

das Grach in erwachender Leidenschaft mit dem Auge sich immer wieder

heimlich nachzeichnete, während er es betrachtete.

Nie war ihm früher die bestechende Harmonie ihres Wesens so

aufgefallen, wie jetzt. Der beschäftigte Tag hatte damals seinen

Blick getrübt. Nun saß sie vor ihm und sah vor sich hin, während er

sprach.

Und mehr als alles bezwang ihn der Ausdruck einer beginnenden

Müdigkeit, die sich über dies schöne Antlitz ausbreitete. Keine Spur

von der Unschönheit der Bitterkeit, nur das ganz allmähliche

Erlahmen . . .

Ein noch fast unsichtbares Erlahmen.

Aber er sah es.

Dieser schöne Mund begann sich zu schließen in der Herbheit des

Stolzes--wann durfte er einmal sprechen in den Lauten, die er

gewohnt war, den Lauten der Erkenntnis, der Freiheit und des

Verständnisses der Liebe?--Diese tiefen Augen umschatteten sich

bereits. Gewöhnt, in die weiteste Ferne zu schauen, Abwechslung,

Fülle, Reichtum alles äußeren Lebens zu trinken, fingen sie an sich

zu trüben zwischen den Dunstwolken dieses ärmlichen Tales, dem

Rauche der Feuerherde dieser erbärmlichen Stadt, der Stickluft einer

ungelüfteten Schulstube.

Er dachte an anderes, während er ihr erzählte, weshalb er

hierhergekommen war. Er wurde unruhig.

Die Menschen der Ehe · 第 23 / 28 题