XVII.

Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine.

Je mehr das Interesse an der Seeschiffahrt in Deutschland wächst, um so

auffallender ist der Mangel an einer gemeinverständlichen Beschreibung

der wichtigsten Dinge, Einrichtungen und Verhältnisse, die das

Schiffswesen betreffen. Die folgenden Mitteilungen verdanke ich, soweit

meine eigenen Erfahrungen nicht ausreichten, den Belehrungen meines

Freundes Kapitän Brink. Die Kriegsmarine und die großen

Passagierdampfer, die anderweitig oft genug beschrieben sind, werden

hier nicht berücksichtigt.

_Vorbildung der Seeleute, Prüfungen, Seeämter._

Nachdem der angehende Seemann als Schiffsjunge, Leichtmatrose und

Matrose 4 Jahre auf einem Segelschiffe oder 8 Jahre auf einem Dampfer

gefahren ist, besucht er etwa ein Jahr lang eine Navigationsschule,

worauf er das _Steuermannsexamen_ ablegen kann. Dies berechtigt zugleich

zum einjährigen Dienst in der Marine. Nach wiederum zweijähriger

praktischer Thätigkeit als Steuermann auf einem Segelschiff oder Dampfer

und abermaligem vier- bis fünfmonatlichen Aufenthalt auf der

Navigationsschule kann er sich dem _Schiffererexamen_ unterziehen, falls

er 200 astronomische Berechnungen vorlegt, die er während seiner

Fahrzeit gemacht hat. Der offizielle Titel ist „Schiffer“, während

„Kapitän“ auf die Kriegsmarine[19] beschränkt ist. Doch es ist üblich,

jeden Führer eines Schiffes „Kapitän“ anzureden. Die Sprache an Bord ist

durchweg die plattdeutsche.

In einer Anzahl Seestädte befinden sich _Seeämter_, die _Seeunfälle_ zu

untersuchen haben. Der Vorsitzende muß die Fähigkeit zum Richteramt

haben, mindestens zwei der Beisitzer müssen die Befähigung als

Seeschiffer besitzen und müssen als solche gefahren sein. Ein vom Reiche

ernannter Kommissar fungiert als Ankläger. Die höhere Instanz bildet das

Oberseeamt in Berlin.

_Segelschiffe und Dampfer. Arten und Einrichtung derselben._

Die Segelschiffe werden nach ihrer Takelage eingeteilt und benannt.

Solche mit zwei Masten oder Rahen (wagerechte Querstangen, an denen die

Segel befestigt sind) heißen _Schoner_, mit drei Masten ohne Rahen (wie

sie in Rußland üblich), _Dreimastschoner_ oder _Dreimastgaffelschoner_;

hat der Fockmast[20] Rahen, so heißt das Schiff _Dreimastschoner mit

voller Vortop_. Zweimastschoner, deren Fockmast Rahen hat, heißen

_Schonerbriggs_. Doch faßt man diese sämtlichen Schiffe, bei denen das

Fehlen der Rahen charakteristisch ist, auch einfach unter dem Namen

_Schoner_ zusammen. Ein Zweimaster, der an beiden Masten Rahen hat,

heißt _Brigg_. Tritt noch ein dritter Mast ohne Rahen hinzu, so haben

wir die _Bark_; mit Rahen: das _Vollschiff_. Heutzutage baut man auch

Schiffe mit mehr als drei Masten. _Jachten_ und _Kutter_ sind kleine

einmastige Schiffe mit Schonersegel; sie unterscheiden sich durch den

Schnitt ihres Körpers; die Jacht ist breit und rund gebaut und dient zur

Frachtbeförderung; der Kutter dagegen ist scharf gebaut und zum

Schnellsegeln bestimmt. Man nennt übrigens Vergnügungskutter auch

Jachten; es giebt solche bis zur Größe der Kaiserjacht „Hohenzollern“.

So viel von den Segelschiffen, die immer noch den weitaus größten Teil

aller Schiffe ausmachen. An Tonnenzahl werden sie freilich von den

Dampfern übertroffen.

Als Beispiel diene uns ein mittelgroßer Frachtdampfer, die Flensburger

„Mira“. Sie dient im wesentlichen dazu, Holz von Rußland und Schweden

nach Holland zu schaffen und Kohlen von England und Schottland nach den

Ostseehäfen zu bringen; sie ist auch öfters für die Mittelmeerfahrt

verwendet worden.

Das Schiff, 1890 aus Stahl gebaut, ist 220 Fuß lang und 31 Fuß[21]

breit. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt bei gutem Wetter 8 bis 10 Meilen

die Stunde, kann jedoch durch stürmisches Wetter auf ein Nichts

reduziert werden. Der Tiefgang ist bei voller Ladung 16, in Ballast 10

Fuß. Die „Mira“ faßt 1260 Tons, d.h. 24000 Zentner, außer 150 Tons

Kohlen für eigenen Bedarf, wovon täglich etwa 8 verbraucht werden, und

ihre dreizylindrige Maschine (mit zwei Dampfkesseln) stellt 500

Pferdekräfte dar. Die Besatzung besteht aus dem Kapitän, dem 1. und 2.

Steuermann, dem 1. und 2. Maschinisten, 5 Matrosen, 1 Koch nebst Jungen,

2 Heizern, 2 Trimmern. Letztere haben die niedrigen Arbeiten zu

verrichten, den Heizern zu helfen, Kohlen herbeizuschaffen u. dergl. Sie

können später Heizer und nach praktischer Ausbildung in einer

Maschinenfabrik sogar Maschinisten werden.

Das Schiff hat einen doppelten Boden. Der Raum dazwischen, aus mehreren

Abteilungen bestehend, dient dazu, Wasser-Ballast aufzunehmen. (Bei

Segelschiffen nimmt man Sand oder Steine.) Ueber dem zweiten Boden liegt

nun der eigentliche Raum, der die Ladung aufnimmt, außerdem aber die

Maschine und die dazu erforderlichen Kohlen enthält. Das Deck ist ein

unterbrochenes, d.h. der mittlere Teil ist bedeutend höher als Vorder-

und Hinterteil. Es enthält die Kombüse (-Küche), Kartenhaus, Salon,

Kabinen des Kapitäns und der Steuerleute, die Messe (-Eßzimmer der

Steuerleute und Maschinisten), sowie gewöhnlich eine Passagierkajüte.

Noch höher liegt die Kommandobrücke mit dem Steuerapparat. Die

Schlafräume der Mannschaft befinden sich vorn an der Spitze des

Schiffes, unter der _Back_ (erhöhter Vorteil des Schiffes). Das

Hinterteil heißt _Heck_; hier weht die Flagge, wenn das Schiff in einen

Hafen kommt oder aus einem solchen geht; auf See tragen die Schiffe

keine Flaggen, um sie zu schonen. Begegnet ein befreundetes Schiff, so

wird entweder dreimal mit der Dampfpfeife gepfiffen oder die Flagge

dreimal gedippt: wenn ein Kriegsschiff passiert, so wird die Flagge

einmal gedippt. (Dippen = auf- und niederholen.) Es mag hier

eingeschaltet sein, daß die Ausdrücke des Schiffswesens keineswegs

englischen Ursprungs sind, wie viele glauben, sondern daß die meisten

gute alte deutsche (natürlich plattdeutsche) Wörter sind.

Bei Sonnenuntergang wird oben am Fockmast eine weiße Petroleum-Laterne

oder Lampe, links an der Kommandobrücke eine rote und rechts eine grüne

angebracht. Die rechte Seite des Schiffes heißt Steuerbord, die linke

Backbord. Begegnet ein Segelschiff einem Dampfer, so hat stets dieser

auszuweichen. Auf der Back steht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang

ein Matrose auf dem Ausguck. Besonders in engen und viel befahrenen

Gewässern, wie z.B. dem Kanal und dem Sunde, ist die größte

Aufmerksamkeit notwendig.

_Leben an Bord._

Das Leben an Bord spielt sich in regelmäßiger Weise ab. Der Tag zerfällt

in 7 Wachen, die abwechselnd geführt werden und je 4 Stunden dauern, mit

Ausnahme der von 4 bis 8 Uhr nachmittags, die in 2 zerlegt wird. Dies

geschieht, damit nicht immer dieselben Leute vormittags und dieselben

nachmittags Wache haben. Die nächsten 4 Stunden sind der Ruhe gewidmet.

Also beispielsweise hat der 1. Steuermann von 12 Uhr nachts bis 4 Uhr

früh die Wache mit 3 Matrosen, der 2. Steuermann von 4 bis 8 Uhr; ebenso

ist es bei den Maschinisten. Jede Stunde wird die Schiffsglocke

geschlagen, und zwar um 1 Uhr zwei mal, um 2 Uhr viermal, 3 Uhr

sechsmal; 4 Uhr achtmal; diese Schläge werden _Glasen_ genannt; der

Ausdruck stammt aus der Zeit der Sanduhren. Uebrigens werben auf

Kauffahrteischiffen in der Regel nur diejenigen Zeiten durch die Glocke

kenntlich gemacht, die für die Mannschaft von Wichtigkeit sind, also die

Eßzeiten und die Ablösung der Wachen.

Jeden Morgen wird das Mitteldeck gewaschen, mag es schmutzig sein oder

nicht, mag es regnen oder schneien oder die Sonne scheinen.

Die Fahrgeschwindigkeit wird mit dem _Logg_ gemessen. Es giebt

verschiedene Arten desselben, vom Handlogg an bis zu dem

komplizierteren, selbstarbeitenden Patentlogg. An Bord der „Mira“

befindet sich das Garlandsche Logg, dessen Beschreibung hier folgen mag.

Es besteht aus einem Uhrwerk, einer etwa 30 m langen Leine und einer

messingenen Schraube mit 4 Flügeln. An der Leeseite (Lee die vom Winde

nicht getroffene Seite; Gegensatz: Luv) wird eine etwa 4 m lange Stange

herausgesteckt und an dieser wird das Uhrwerk befestigt, während die

Schraube ins Wasser geworfen wird. Durch die Fahrt des Schiffes dreht

sich die Schraube und überträgt durch die Leine ihre Umdrehungen auf das

Uhrwerk, welches mit Zeigern wie an einer gewöhnlichen Uhr versehen ist;

auf dem Zifferblatt kann man nun die Anzahl der zurückgelegten Seemeilen

ablegen. Dieses Logg hängt Tag und Nacht bei jedem Wetter hinaus.

Die Mahlzeiten werden ganz wie am Lande eingenommen; bei sehr

stürmischem Wetter werden hölzerne Rahmen auf den Tisch gelegt, in

welche die Teller gestellt werden, damit sie nicht umfallen.

Die Bewegung des Schiffes von hinten nach vorn (bei direktem Gegenwinde)

nennt man Stampfen; die seitliche Bewegung (bei seitlichem Winde) Rollen

oder Schlingern. Die Seekrankheit soll besonders durch das Stampfen

befördert werden.

Bei Unsicherheit über die Tiefe des Wassers wird gelotet. Das _Lot_ ist

ein 20 bis 40 Pfund schwerer Bleiklumpen, der unten ein Loch hat. In

dieses wird Talg geschmiert, damit Sand oder Muscheln daran festkleben

und man einen Anhalt über die Art des Grund und Bodens erhält. Das Lot

wird an einer Leine heruntergelassen, wobei das Schiff natürlich nicht

in Bewegung sein darf und die Maschine zu arbeiten aufhört.

_Windstärke, Seezeichen, Verständigung auf See, sonstige

Eigentümlichkeiten._

Der Franzose Beaufort hat folgende Tabelle für die _Windstärken_

aufgestellt, die allgemein angenommen ist:

Windstille = 0

Sehr leichter Wind = 1

Leichter " = 2

Schwacher " = 3

Mäßiger " = 4

Frischer " = 5

Starker " = 6

Steifer " = 7

Stürmischer " = 8

Sturm = 9

Starker Sturm = 10

Heftiger " = 11

Orkan = 12

An den Küsten dienen _Leuchtfeuer_, die entweder auf Leuchttürmen oder

auf Leuchtschiffen angebracht sind, zur Orientierung des Seemanns. Diese

Leuchtfeuer sind sehr verschiedener Art. Wir nennen hier folgende:

_Festes Feuer_ zeigt ein farbiges Licht von gleichmäßiger Stärke.

_Festes Feuer mit Blinken_ ist ein Feuer, das in gleichmäßigen

Zeitabschnitten von wenigstens 5 Sekunden Dauer lichtstärkere Blinke

zeigt, welche auch eine von dem festen Feuer verschiedene Farbe haben

können. _Blinkfeuer_ sind weiße oder farbige Feuer, welche durch

gleichlange Dunkelpausen geschiedene Blinke von allmählich zu- und

abnehmender Lichtstärke zeigen. Endlich giebt es noch _Funkelfeuer,

Blitzfeuer, unterbrochene Feuer, Wechselfeuer_ u.a.m.

Seezeichen sind schwimmende Körper, _Tonnen_ oder _Bojen_, die auf dem

Meeresgrunde verankert sind. Sie haben verschiedene Farbe und Gestalt:

kegelförmig, kugelförmig, stumpf, spitz, platt; die einfachsten

Seezeichen sind die _Pricken_, das sind junge mit Ästen versehene Bäume,

die in den Grund gesteckt werden und natürlich nur in ganz flachen

Gewässern, z.B. im Wattenmeer, zu verwenden sind. _Heultonnen_ sind mit

einem Apparat versehen, durch welchen automatisch ein Ton erzeugt wird,

der dem der Dampfpfeife gleicht; _Leuchttonnen_ sind mit Gas gefüllt,

das Tag und Nacht brennt, _Glockentonnen_ sind mit einer Glocke

versehen, die durch die Bewegung des Meeren zum Tönen gebracht wird.

Sämtliche Seezeichen und Leuchtfeuer sind in die _Seekarten_

eingetragen.

Die _Verständigung auf See_ zwischen zwei Schiffen oder von Schiff zu

Land geschieht durch Flaggen, vermittelst welcher eine ganze

komplizierte Sprache gebildet wird. Das internationale Signalbuch, gegen

800 Seiten stark, enthält sämtliche vorkommende Wörter und Sätze;

beispielsweise: „Ich wünsche etwas mitzuteilen.“ „Woher kommen Sie?“

„Ich habe einen Brief für Sie.“ „Ich bin auf Grund.“ „Können Sie nur

einen Maschinisten verschaffen?“ „Die Küste ist gefährlich.“ — Mit den

18 Flaggen lassen sich 78612 Wörter, Namen, Zahlen und Sätze bilden, die

von jeder Nation in der eigenen Sprache verstanden werden.

Die _Benennung_ der Schiffe betreffend, so haben die größeren

Gesellschaften den Grundsatz, ihren Schiffen möglichst gleichartige

Namen zu geben und solche, die noch nicht oder wenig bei den

seefahrenden Nationen vertreten sind. Der Bremer Lloyd hat bekanntlich

eine Anzahl deutscher Flußnamen verwendet, wie Spree, Eider, Elbe,

Neckar u.a. Die Hamburger Packetfahrtgesellschaft taufte eine Anzahl

ihrer Schiffe nach den deutschen Dichtern: Goethe, Schiller, Wieland,

Herder, Lessing, Gellert u.a. Eine englische Gesellschaft hat Namen auf

o: Kairo, Crato, Cicero, Plato u.a., wobei denn ein buntes Durcheinander

entsteht. Eine Flensburger Reederei giebt ihren Schiffen nur

Sternennamen, und zwar solche, die auf „a“ enden: Capella, Wega, Gemma,

Mira: das zuerst gebaute Schiff nannte sie Stern. Ein anderer

Flensburger Reeder nennt seine Schiffe nach Mitglieder seiner Familie:

Georg, Elsa, Helene u.s.w. An den Schornsteinen befinden sich gewöhnlich

Zeichen oder Buchstaben, an denen man die Reederei, zu welcher der

Dampfer gehört, schon von weitem erkennt.

An Bord jedes Schiffes befindet sich Lloyds Register, eine Art

Schiffsadreßbuch, in welchem sämtliche Schiffe der Erde mit Angabe

statistischer Notizen über Jahr der Erbauung, Tonnenzahl, Heimatshafen

u.s.w. verzeichnet sind. Kennt man Namen und Heimatshafen eines

Schiffes, so kann man sich aus diesem umfangreichen, sehr nützlichen

Buche über alle Einzelheiten desselben orientieren. Beispielsweise will

ich erwähnen, daß wir im Genter Hafen einst eine sehr altertümlich

aussehende hölzerne Brigg sahen, die wie wir mit Holzabladen beschäftigt

war. Mein Kapitän meinte, sie müsse ziemlich alt sein. Wir schlugen in

Lloyds Register nach, und siehe da, als Geburtsjahr des Schiffes stellte

sich heraus 1829! Ein solches Alter hätten wir ihm denn doch nicht

zugetraut; es war übrigens so vielfach ausgebessert, daß von dem

ursprünglichen Holz kaum noch etwas übrig war. Die heutigen Schiffe,

besonders die aus Stahl und Eisen gebauten, erreichen ein solches Alter

bei weitem nicht.

Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen · 第 47 / 50 题