Ostende ist furchtbar schön, sagte der zweite Steuermann, ich bin an
vielen Plätzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar
schön. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals
nicht, dieses großartigste aller Nordseebäder aufzusuchen, ich begnügte
mich deßhalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es
gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Plätzen im Freien hinter dem
Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, stiegen
mit hinauf, und der Zufall setzte die jüngere, die fließend Deutsch
sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee,
die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Gräben eingefaßt ist. Das
Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemüsegarten; überall die
verschiedensten Gemüse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie
und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Kühen. Das Land
ist durchweg flach, und man würde wohl die ganze Insel überschauen
können, hinderten nicht die vielen Hecken, Bäume und Büsche die
Fernsicht. Wir passierten mehrere Dörfer, die alle einen netten,
sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die
Leute, die uns begegneten, grüßten alle. Ein mächtiges steinernes Thor,
das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war früher ein
Schloß, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die
Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen
lassen. — Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch
einige Schlösser, in Parks gelegen und von breiten Gräben und
undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B.
Ipenoord, Schoonoord.
Nach 1-1/2stündiger Fahrt näherten wir uns Domburg. Wir fuhren an
einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger,
eine andere hieß nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen
zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Düne; nur ein dumpfes
Brausen verkündete seine Nähe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem
Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwärts, um ihn erst
dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt
war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grüne Masse mit den
weißen Schaumkämmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als
wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmäßigen
Abständen hineingebaut, schützen ihn. Draußen an der Kimme (zu deutsch
Horizont) ging ein großer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentümlichen
Gefühle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in stürmischer
Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dünen
umher, die in beträchtlicher Höhe (wohl bis 100 Fuß) die Insel
umkränzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich
aber übersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus
denen Dörfer und Kirchtürme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere
und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttürmen. Im Dünensande
lagen behaglich Dorfkinder und Badegäste und genossen das Dolce far
niente; einige Damen lasen in Goldschnittbüchern.
An der Mittagstafel saß ich neben einem Holländer aus Dordrecht, mit dem
ich mich nur französisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig
geläufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedürfte), wie die Germanen
vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen
Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade
innerhalb der Dünen. Hier alles grün, mit lauschigen Plätzchen, bunten
Blumen und zwitschernden Vögeln; nichts erinnert an die Nähe der
Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und
Wasserwüste.
Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurück.
B. Von Korsör nach Haparanda.
„Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat“, pflegte unser Schiffskoch, der
originelle Deutschrusse Gottlieb Künstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein
Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich
wenigstens für einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das
mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte,
und dessen Kapitän, mein liebenswürdiger Freund Brink, mich auch diesen
Sommer wieder mitnahm. Die „Mira“, ein Dampfer von 210' Länge und 1200
t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsör gebracht und sollte nun nach
dem nördlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken
nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten früh, konnte das
Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher
hatten der Kapitän und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener
Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine
erste Seereise, mitmachen wollte.
Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen,
hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur
mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten.
Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen
wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas
weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und
fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach
Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter
Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf
dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage
ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben.
Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die
schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten
Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte
sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden
das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit
schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm,
daß er sie wie ein Rahmen umschloß.
Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an
Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe
prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm.
Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö
verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische
Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und
mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ
sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren,
in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam
ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen
Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander
schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer
Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand
zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben
links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag
Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings
von höheren Bergen umgeben — ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht
erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große
Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem
Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der
eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel
mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das
reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte
Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden
beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das
Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet,
hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen.
Kann man die Stadt als eine der schönst _gelegenen_ Ostseestädte
bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönst _gebauten_ genannt
werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die
annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre
1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der
Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin
oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das
prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute.
Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden
einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir
diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur
flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus,
das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl
Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen.
Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mit
Sprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete:
Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom.
(Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen).
Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem
dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich
dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er
hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir
begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren
beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die
Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich
unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm,
er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu
beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen
Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein
von Damen betrieben.
Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen,
sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in
der Welt viel zu wenig bekannt sind.
Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue
Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich
versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es
während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich
starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden
zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was
durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet
man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische
Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren
ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das
war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es
charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann,
will ich etwas näher darauf eingehen.
Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter
Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber
wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen
Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der
Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen
dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir
kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war;
was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste
der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen.
Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit
mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein
kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen
Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten,
zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot
vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der
Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist
dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer
der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser;
dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun
zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz
einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen
Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen
mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier
(gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt.
Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell
als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber
erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von
Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach
Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die
vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die
Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des
mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen,
schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit
Wald bedeckten Inseln. — Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu
denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda
und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf
trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit
verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude
sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich
rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und
da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht
vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man
ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa
1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische
Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist.
Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem
Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte
sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber
Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach
einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf.
Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer
fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch
einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr
zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu
machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft
hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige
Eleganz aus.
Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte
mit den auf einem Seitentisch servirten „Smörgods“ begann. Ich zählte 16
verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige
Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der
Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des
weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also:
Frukost för Herre 1,25
" " Dam 1,--
So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer
mit Preisunterschied für Herren und Damen.
Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz,
an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche
Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff
füllten. Es sollen sich sogar 80 „Sommerfrischler“ auf der großen Insel
aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen.
Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr
Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser
nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz
und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch
zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die Bäume —
Nadelhölzer und Birken — sind meist niedrig; größere Exemplare trafen
wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade reif
waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte bisweilen
durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie Thüringen und
die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf Seskarö leben,
doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns, von einem
Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1 Krone das
Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen Bauern sahen
wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der Mann einen zu
hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns nicht immer
verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur Finnisch.
Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden
sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und
Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig
lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg.
Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen;
die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die
Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten.
Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in
Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir
einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es
gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die
deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst
die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen
Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die
dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht.
Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten
einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen
beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte,
gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem
cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer
Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die „Mira“ war das erste, das
überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das
Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser
giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier
verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein
mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren,
die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der
einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen „Salon“. Das
Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist
aber in Schweden gebraut.
Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle.
Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran
geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute
mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf
den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im
Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt
sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet
durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür
beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk.,
deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die
Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes.
Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff
besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß
hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche
Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar
erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem
Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht
als zum „Raum“ gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld
gespart.
Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das
Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum
Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse
für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum
Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten
von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen
zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag.
Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die
Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer
Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so
daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die
Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im
Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte
Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige
Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch,
finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen
sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig
war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die
fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr
in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht
ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den
finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde.
Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessen
Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die
Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels.
Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es
noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler
mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und
Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe
steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält.
Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut,
um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen
hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der
Hauptstraße begegnete.
Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und
befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der
Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten.
Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas
Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf
meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland
vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen
Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte.
Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts
Kopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ich
mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr über
Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf.
Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und
umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer.