4. Middelburg.

Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge

gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Häuser sind so blank,

Deine Straßen so sauber und nett, daß es eine Lust ist darin zu

spazieren und in die mächtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die

holländischen Frauen züchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine

Einwohner sind gutmütig und von entgegenkommender Art, manche ziehen

sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben

„Kapteihn“ so dahin pilgerte, hörte ich wohl, wie sie sich zuflüsterten:

Die sind von dem großen Dampfer! Denn die Ankunft unserer „Mira“ war

fürwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja

vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Außer uns lag nur noch eine

norwegische Bark und ein dänischer Schoner im Kanal, die beide, gleich

uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten

wir in einen Gemüse- oder Fleischladen, um Einkäufe zu machen, so sagte

der Kapitän nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wußten

Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen

Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres

zurecht.

Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch größere

Augen über diese. Ich will nicht reden von den Männern mit ihren

glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen

Hüten, die aussahen, als hätten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen;

aber die Mädchen und Frauen haben aus früheren Jahrhunderten eine

eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinüber gerettet. Goldene

Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhüten hervor, und an jeder Seite

an den Schläfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in

Spiralen, oder in Kleeblätter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und

Edelsteinen besetzt hängen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das

einfachste Dienstmädchen würde sich schämen, unechten Schmuck zu tragen,

und manche legt wohl ihr ganzes Vermögen in solchen Kleinoden an.

Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und

hauptsächlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin.

Vor vielen Häusern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefaßt,

zierliche Vorgärten, in denen nur — die Blumen fehlen! Statt dessen sind

sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch

bilden sie einen wirksamen Schutz für die Erdgeschoßwohnungen gegen die

allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Häuser

tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als

vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heißt „Zu

den drei Gießkannen“, ein anderes „In de dry Teertonnen“. Auch in

Middelburg scheinen aller guten Dinge drei.

Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges

Leben auf Straßen und Plätzen. Voller Buden stand der Markt, und das

herrliche gothische Rathaus, das Karl der Kühne erbaut hat, schaute

verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal

im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getümmel und Marktgewühl drang

bisweilen ein Stück von einer Melodie. Man weiß nicht recht, woher sie

kommt, unwillkürlich schaut man hinauf, denn aus den Lüften herab tönt

sie, und je mehr man sich dem „langen Jan“ nähert, dem Hauptkirchturm

der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die

dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das größte in

Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an

lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben

häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn.

Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick über die reiche

grüne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten

die mächtigen Dünen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein

stürmende Nordsee schützen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich weiß

nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder

folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht

vernünftig eingerichtet vom Künstler des Uhrwerks?

Undankbar wäre es, wenn ich _sie_ vergessen wollte, die uns so manches

Angenehme gespendet hat — die Münchener Bierstube des Herrn Heßling,

eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thür und schaut bald auf die

Straße und ihren Verkehr, bald in den mächtigen Humpen; als der gute

Heßling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrüge

vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, daß wir 6

Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das

Franziskanerbräu vortrefflich. In Schottland, wo es mit den

Kneipverhältnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wünschten wir

manchmal unsern Freund Heßling herbei, aber leider vergebens.

Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen · 第 17 / 50 题