»Ja, ein Gasofen mit Asbest.«
»Dann muß ich nach Hause gehen und einiges aus dem Laboratorium holen.«
»Nein, Alan, du darfst das Haus nicht verlassen. Schreib' auf ein Blatt
Papier, was du brauchst, und mein Diener nimmt eine Droschke und wird
dir die Sachen bringen.«
Campbell kritzelte ein paar Zeilen hin, trocknete sie ab und adressierte
ein Kuvert an seinen Assistenten. Dorian nahm das Briefchen und las es
aufmerksam durch. Dann klingelte er und gab es seinem Diener mit dem
Auftrag, so rasch als möglich zurückzukommen und die im Schreiben
bezeichneten Sachen mitzubringen.
Als die Haustür ins Schloß fiel, zuckte Campbell nervös zusammen, stand
vom Stuhl auf und ging zum Kamin hinüber. Er schüttelte sich in einer
Art kalten Fiebers. Fast zwanzig Minuten lang sprach keiner der beiden
Männer. Eine Fliege schwirrte summend durch das Zimmer, und das Ticktack
der Uhr klang wie der Fall eines Hammers.
Als es eins schlug, drehte sich Campbell um, blickte auf Dorian Gray und
sah, daß seine Augen mit Tränen gefüllt waren. In den reinen, edlen
Zügen dieses traurigen Gesichts lag etwas, was ihn wütend zu machen
schien. »Du bist infam, ganz infam«, rief er mit unterdrückter Stimme.
»Ruhig, Alan, du hast mir das Leben gerettet«, sagte Dorian.
»Dein Leben? Gott im Himmel! Was für ein Leben ist das! Du bist von
Verderbnis zu Verderbnis geschritten, und jetzt hast du mit Mord den
Gipfel erreicht. Wenn ich tue, was ich tun werde, was du mich zu tun
zwingst, so denke ich dabei wahrhaftig nicht an dein Leben.«
»Ach, Alan,« flüsterte Dorian seufzend, »ich wünschte, du hättest den
tausendsten Teil des Mitleids mit mir, das ich mit dir habe.« Er kehrte
sich während dieser Worte ab und stand da und blickte in den Garten
hinaus. Campbell gab keine Antwort.
Nach etwa zehn Minuten klopfte es an die Tür, und der Diener trat ein
und brachte einen großen Mahagonikasten mit Chemikalien, eine lange
Rolle Stahl- und Platindraht und zwei absonderlich geformte
Eisenklammern.
»Soll ich die Sachen hier lassen, gnädiger Herr?« fragte er Campbell.
»Ja«, antwortete Dorian. »Und ich bedaure, Francis, aber ich habe noch
einen Weg für Sie. Wie heißt der Mann in Richmond, der Selby mit
Orchideen versorgt?«
»Harden, gnädiger Herr.«
»Richtig -- Harden. Sie müssen gleich nach Richmond fahren, Harden
selbst sprechen und ihm sagen, er solle doppelt soviel Orchideen
schicken, als ich bestellt habe, und möglichst wenig weiße dabei.
Eigentlich will ich überhaupt keine weißen. Es ist ein schöner Tag,
Francis, und Richmond ein hübscher Ort, sonst würde ich Sie damit nicht
behelligen.«
»Nichts zu sagen, gnädiger Herr. Zu welcher Zeit soll ich zurück sein?«
Dorian sah Campbell an. »Wie lange wird dein Experiment dauern, Alan?«
fragte er mit ruhiger, gleichgültiger Stimme. Die Gegenwart eines
Dritten im Zimmer schien ihm außerordentlichen Mut einzuflößen.
Campbell runzelte die Stirn und biß sich auf die Lippen. »Es wird
ungefähr fünf Stunden beanspruchen«, antwortete er.
»Dann ist es früh genug, wenn Sie um sieben zurück sind, Francis. Oder
halt: legen Sie meine Sachen zum Umkleiden zurecht, Sie können dann den
Abend für sich verwenden. Ich esse nicht zu Hause, brauche Sie also
nicht.«
»Ich danke, gnädiger Herr«, sagte der Mann und verließ das Zimmer.
»Jetzt, Alan, ist kein Augenblick zu verlieren. Wie schwer der Kasten
ist! Ich will ihn dir tragen. Nimm du die anderen Sachen.« Er sprach
hastig und in befehlendem Tone. Campbell fühlte sich von ihm beherrscht.
Sie verließen das Zimmer gleichzeitig.
Als sie den obersten Treppenabsatz erreicht hatten, nahm Dorian den
Schlüssel heraus und schloß auf. Dann blieb er stehen, und ein Ausdruck
von Unruhe zeigte sich in seinem Blick. Er schauderte. »Ich glaube, ich
kann nicht hineingehen, Alan«, flüsterte er.
»Das ist mir ganz gleich. Ich brauche dich nicht«, sagte Campbell kalt.
Dorian öffnete die Tür zur Hälfte. Als er dies tat, sah er seinem
Porträt, das im hellen Sonnenlicht hing, grade ins Gesicht. Davor lag
auf den Dielen der herabgerissene Vorhang. Er erinnerte sich, daß er in
der vergangenen Nacht zum ersten Male in seinem Leben vergessen hatte,
die verhängnisvolle Leinwand zu verhüllen, und wollte eben nach vorn
stürzen, als er schaudernd zurückprallte.
Was war das für ein widerlicher, roter Fleck, der naß und glänzend an
einer der Hände klebte, als hätte die Leinwand Blut geschwitzt? Wie
schrecklich das war! -- Schrecklicher schien es ihm in diesem Augenblick
als das schweigsame Ding, das, wie er wußte, noch über den Tisch gebeugt
dasaß, das Ding, dessen grotesker, unglückseliger Schatten auf dem
fleckigen Teppich ihm zeigte, daß es sich nicht bewegt hatte, sondern
noch da war, wo er es gelassen hatte.
Er atmete tief auf, öffnete die Tür etwas weiter und ging mit
halbgeschlossenen Augen und abgewandtem Kopf rasch hinein, entschlossen,
mit keinem einzigen Blick nach dem Toten hinzusehen. Dann bückte er
sich, nahm den gold- und purpurschimmernden Vorhang auf und warf ihn
gerade über das Bild.
Dann blieb er stehen, voll Angst, sich umzuwenden und seine Augen
richteten sich auf die verschlungenen Muster des Vorhangs. Er hörte
Campbell den schweren Kasten hereinbringen, und die Eisenklammern und
die anderen Geräte, die er sich für seine entsetzliche Arbeit hatte
kommen lassen. Er begann sich zu fragen, ob Campbell und Basil Hallward
einander je begegnet waren und wenn, welche Meinung sie voneinander
gehabt hätten.
»Lasse mich jetzt allein«, sagte eine rauhe Stimme hinter ihm.
Er kehrte sich um und lief hinaus, eben noch gerade wahrnehmend, daß der
Tote in seinen Stuhl zurückgelehnt worden war und daß Campbell in ein
schimmerndes, gelbes Gesicht starrte. Als er die Stufen hinabging, hörte
er, wie der Schlüssel im Schloß umgedreht wurde.
Es war lange nach sieben Uhr, als Campbell wieder in die Bibliothek
trat. Er war blaß, aber vollständig ruhig. »Ich habe getan, was du von
mir verlangt hast«, sagte er leise. »Und jetzt adieu. Wir wollen uns nie
wiedersehen.«
»Du hast mich vorm Untergang gerettet, Alan«, sagte Dorian ganz
schlicht. »Ich kann das nie vergessen.«
Sobald ihn Campbell verlassen hatte, ging er hinauf. Ein schrecklicher
Geruch von Salpetersäure war im Zimmer. Aber das Ding, das am Tisch
gesessen hatte, war fort.