Vierzehntes Kapitel

Am nächsten Morgen um neun Uhr kam sein Diener mit einer Tasse

Schokolade auf einem Servierbrett herein und öffnete die Fensterläden.

Dorian lag auf der rechten Seite, eine Hand unter seiner Wange und

schlief ganz friedlich. Er sah aus wie ein Knabe, der beim Spiel oder

Lernen müde geworden ist.

Der Mann mußte ihn zweimal an der Schulter berühren, bevor er aufwachte,

und als er die Augen öffnete, huschte ein leichtes Lächeln über seine

Lippen, als wäre er von einem entzückenden Traum befangen gewesen. Aber

er hatte gar nicht geträumt. Seine Nacht war weder von Bildern der

Freude noch des Grauens gestört worden. Doch die Jugend lächelt ohne

Grund. Das ist einer ihrer besonderen Reize.

Er drehte sich um, stützte sich auf den Ellbogen und begann seine

Schokolade zu schlürfen. Die matte Novembersonne strömte in das Zimmer.

Der Himmel war wolkenlos, eine heitere Wärme lag in der Luft. Es war

fast wie ein Maimorgen.

Allmählich schlichen die Vorgänge der vergangenen Nacht auf lautlosen,

blutbefleckten Sohlen in sein Gehirn und bauten sich dort mit

furchtbarer Deutlichkeit wieder auf. Er erschauerte bei dem Gedächtnis

an alles, was er durchlitten hatte, und einen Augenblick lang kehrte in

ihm derselbe sonderbare Haß auf Basil Hallward zurück, der ihn dazu

getrieben hatte, ihn zu töten, als er im Stuhl saß, er wurde kalt vor

Wut. Der Tote saß noch immer da oben und jetzt dazu im Sonnenlicht. Wie

schrecklich das war! So gräßliche Dinge gehörten in die Dunkelheit,

nicht an den Tag.

Er fühlte, daß er krank oder wahnsinnig würde, wenn er über das brütete,

was er hinter sich hatte. Es gibt Sünden, deren Reiz mehr in der

Erinnerung liegt als in der Begehung, seltsame Siege, die mehr dem Stolz

Genüge tun als der Leidenschaft und die dem Geist ein Lustgefühl geben,

das stärker ist als jede Wonne, die sie Sinnen verschaffen oder jemals

verschaffen können. Aber diesmal war es keine von diesen. Dies war eine,

die man aus dem Geiste verjagen, die man mit einem Opiat vergiften, die

man ersticken mußte, da sie einen sonst selbst ersticken würde.

Als es halb schlug, fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, stand dann

rasch auf und zog sich beinahe mit noch größerer Sorgfalt an, als

gewöhnlich, indem er die größte Aufmerksamkeit auf die Wahl seiner

Krawatte und seiner Nadel verwandte und seine Ringe mehr als einmal

wechselte. Er verbrachte auch beim Frühstück längere Zeit, kostete von

den verschiedenen Gerichten, sprach mit seinem Bedienten über neue

Livreen, die er der Dienerschaft in Selby machen lassen wollte, und sah

seine Briefschaften durch. Bei einigen Zuschriften lächelte er. Drei

ödeten ihn an. Einen Brief las er mehrmals durch und zerriß ihn dann mit

einem leichten Ärger in seinen Mienen. »Was für ein gräßliches Ding das

Gedächtnis einer Frau ist«, hatte Lord Henry einmal gesagt.

Als er seine Schale schwarzen Kaffee getrunken hatte, trocknete er die

Lippen langsam an seiner Serviette ab, gab dem Diener ein Zeichen zu

warten, ging zum Schreibtisch hinüber, setzte sich und schrieb zwei

Briefe. Einen steckte er in die Tasche, den anderen reichte er dem

Diener.

»Bringen Sie den nach Hertford Street 152, Francis, und wenn Herr

Campbell nicht in der Stadt ist, lassen Sie sich seine Adresse geben.«

Sobald er allein war, zündete er sich eine Zigarette an und begann auf

einem Blatt Papier Skizzen zu machen, zeichnete zuerst Blumen, dann

Architekturstücke und dann menschliche Gesichter. Plötzlich bemerkte er,

daß jedes Gesicht, das er entwarf, eine phantastische Ähnlichkeit mit

Basil Hallward zu haben schien. Er runzelte die Stirn, stand auf, ging

zum Bücherschrank und nahm auf gut Glück einen Band heraus. Er war fest

entschlossen, an das Geschehene nicht eher zu denken, als bis es

unbedingt notwendig war.

Als er sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, sah er auf den Titel des

Buches. Es waren Gautiers »~Emaux et Camées~«, Charpentiers Ausgabe auf

japanischem Papier, mit Radierungen von Jacquemart. Der Einband war aus

zitronengelbem Leder mit einem Blinddruckmuster von goldenem Laubwerk

und Granatäpfeln in Punktmanier. Es war ein Geschenk Adrian Singletons.

Als er darin blätterte, fiel sein Auge auf das Gedicht über die Hand

Lacenaires, die kalte gelbe Hand »~du supplice encore mal lavée~«, mit

ihren rötlichen Flaumhärchen und ihren »~doigts de faune~«. Er blickte

auf seine eigenen weißen, spitzen Finger, schauderte unwillkürlich

zusammen, las dann weiter, bis er zu den lieblichen Versen auf Venedig

kam.

~Sur une gamme chromatique,

Le sein de perles ruisselant,

La Vénus de l'Adriatique

Sort de l'eau son corps rose et blanc.

Les dômes, sur l'azur des ondes

Suivant la phrase au pur contur,

S'enflent comme des gorges rondes

Que soulève un soupir d'amour.

L'esquif aborde et me dépose,

Jetant son amarre au pilier,

Devant une façade rose,

Sur le marbre d'un escalier.~

Wie entzückend die Verse waren! Wenn man sie las, hatte man die

Empfindung, durch die grünen Wasserstraßen dieser rot- und perlfarbigen

Stadt zu gleiten, in einer schwarzen Gondel mit silbernem Schnabel und

schleppenden Vorhängen. Schon die Zeilen sahen so aus wie die geraden,

türkisblauen Kiellinien, die einem folgten, wenn man nach dem Lido

hinausrudert. Die plötzlichen Farbenblitze erinnerten ihn an den

Schimmer jener Vögel mit opal- und regenbogenfarbenen Hälsen, die um den

schlanken, wabenartig durchlöcherten Kampanile flattern oder mit

prächtiger Anmut durch die düstern, staubigen Arkaden trippeln.

Zurückgelehnt mit halb geschlossenen Augen sagte er immer und immer

wieder zu sich: --

~Devant une façade rose,

Sur le marbre d'un escalier.~

Das ganze Venedig war in diesen zwei Versen enthalten. Er dachte an den

Herbst, den er dort verbracht hatte, und eine himmlische Liebelei, die

ihn zu wahnsinnigen, entzückenden Torheiten getrieben hatte. Es gab

Romantik in jedem Erdenwinkel. Aber Venedig hatte noch wie Oxford den

Hintergrund für Romantik bewahrt, und für den wahren Romantiker ist der

Hintergrund alles oder fast alles. Basil war einen Teil der Zeit bei ihm

gewesen und war ganz wild vor Bewunderung für Tintoretto. Der arme

Basil! Was für eine schreckliche Art, so zu sterben!

Er seufzte, nahm das Buch wieder auf und suchte zu vergessen. Er las von

den Schwalben, die aus- und einfliegen in dem kleinen Café zu Smyrna, wo

die Hadjis sitzen und ihre Bernsteinperlen durch die Hand laufen lassen,

und wo die Kaufleute im Turban ihre langen, quastenbehängten Pfeifen

rauchen und ernsthaft miteinander sprechen: er las von dem Obelisk auf

der Place de la Concorde, der in seiner vereinsamten, sonnenlosen

Verbannung granitene Tränen weint und sich zurücksehnt nach dem heißen,

lotosbedeckten Nil, wo die Sphinxe sind, und rosenrote Ibisse und weiße

Geier mit goldenen Klauen und Krokodile mit kleinen Beryllaugen, die

durch den grünen, dampfenden Schlamm dahinkriechen: er fing an, den

Versen nachzusinnen, die ihre Musik aus Marmor locken, der von Küssen

fleckig geworden ist, und die uns von der sonderbaren Statue erzählen,

die Gautier einer Altstimme vergleicht, von dem »~monstre charmant~«,

das in dem Porphyrsaal des Louvre steht. Aber nach einiger Zeit entfiel

seinen Händen das Buch. Er wurde nervös, und ein gräßlicher Angstanfall

schüttelte ihn. Was nun tun, wenn Alan Campbell nicht in England war?

Tage könnten möglicherweise verstreichen, bevor er zurückkäme.

Vielleicht weigerte er sich, zu kommen. Was sollte er dann tun? Jeder

Augenblick war von tödlicher Bedeutung.

Sie waren einmal sehr befreundet gewesen, vor fünf Jahren -- sogar fast

unzertrennlich. Dann hatte die Intimität plötzlich ein Ende. Wenn sie

sich jetzt in Gesellschaft trafen, war es nur noch Dorian Gray, der da

lächelte, niemals Alan Campbell.

Er war ein außerordentlich begabter junger Mann, wenn er auch kein

eigentliches Verhältnis zu den sichtbaren Künsten hatte, und der geringe

Sinn für Poesie, den er besaß, vollständig von Dorian herrührte. Die

geistige Leidenschaft, die ihn beherrschte, erstreckte sich nur auf die

Wissenschaft. In Cambridge hatte er einen großen Teil seiner Zeit mit

Arbeiten im Laboratorium verbracht und hatte sein Examen in den

Naturwissenschaften mit vorzüglich bestanden. Noch jetzt war er dem

Studium der Chemie ergeben und hatte ein eigenes Laboratorium, in das er

sich häufig den ganzen Tag einzuschließen pflegte, zum großen Kummer

seiner Mutter, die sich darauf verbissen hatte, daß er für das Parlament

kandidieren sollte, und die eine unklare Vorstellung hatte, ein Chemiker

sei ein Mensch, der Rezepte anfertige. Indessen war er ein

ausgezeichneter Musiker und spielte Geige und Klavier besser als die

meisten Dilettanten. Die Musik war es denn auch wirklich, die Dorian

Gray und ihn zueinander gebracht hatte -- die Musik und die

unerklärliche Anziehungskraft, die Dorian ausüben konnte, wenn er

wollte, und auch oft ausübte, ohne es zu wissen. Sie hatten sich bei

Lady Berkshire an dem Abend kennengelernt, als Rubinstein dort spielte,

und man sah sie von da an immer zusammen in der Oper und überall, wo es

gute Musik gab. Achtzehn Monate dauerte diese Freundschaft. Campbell war

regelmäßig entweder in Selby Royal oder in Grosvenor Square. Für ihn wie

für viele andere war Dorian Gray die Verkörperung alles dessen, was

wunderbar und bezaubernd im Leben ist. Ob zwischen ihnen ein Streit

vorgefallen war oder nicht, wußte kein Mensch. Aber plötzlich bemerkten

die Leute, daß sie kaum miteinander sprachen, wenn sie sich trafen, und

daß Campbell jede Gesellschaft frühzeitig verließ, in der Dorian

anwesend war. Er war auch verändert -- bisweilen merkwürdig

melancholisch, schien kaum noch Musik hören zu können, spielte nie mehr

selbst und gab, wenn man ihn dazu aufforderte, als Entschuldigung an,

daß ihn die Wissenschaft so stark in Anspruch nähme, daß er keine Zeit

mehr zum Üben habe. Und das war auch der Fall. Er schien jeden Tag mehr

Interesse für biologische Studien zu gewinnen, und sein Name erschien

ein- oder zweimal in wissenschaftlichen Zeitschriften in Verbindung mit

gewissen außergewöhnlichen Experimenten.

Das war der Mann, auf den Dorian Gray wartete. Jede Sekunde blickte er

auf die Uhr. Als Minute um Minute verstrich, wurde er furchtbar

aufgeregt. Schließlich stand er auf und begann im Zimmer hin und her zu

gehen wie irgendeine schöne Bestie im Käfig. Er holte weiten Schrittes,

fast sprunghaft, aus und trat leise auf. Seine Hände waren eigentümlich

kalt.

Das Warten wurde unerträglich. Die Zeit schien ihm mit bleiernen Füßen

zu schleichen, während er von ungeheuren Wirbelwinden zum zackigen Grat

einer schwarzen Kluft oder eines Abgrundes hingefegt wurde. Er wußte,

was dort seiner harrte; er sah es und preßte schaudernd mit feuchten

Händen seine brennenden Lider zusammen, als wolle er sein Gehirn der

Sehkraft berauben und die Augäpfel in ihre Höhlen zurückdrängen. Es war

umsonst. Das Gehirn hatte seine eigene Nahrung, mit der es sich mästete,

und die durch den Schrecken grotesk gemachte Einbildungskraft krümmte

sich vor Schmerz wie ein lebendes Wesen, tanzte wie eine widerwärtige

Marionette in einer Schaubude und grinste durch bewegliche Masken

hindurch. Dann blieb auf einmal die Zeit für ihn stehen. Ja, dieses

blinde, langsamatmende Wesen kroch nicht mehr, und da sie tot war,

stürzten sich gräßliche Gedanken mit Blitzesschnelle über ihn hin und

zerrten eine scheußliche Zukunft aus ihrem Grabe und zeigten sie ihm. Er

starrte darauf hin. Ihre Entsetzlichkeit versteinerte ihn.

Endlich öffnete sich die Tür, und sein Bedienter trat ein. Er wandte ihm

seine gläsernen Augen zu.

»Herr Campbell, gnädiger Herr«, sagte der Mann.

Ein Seufzer der Erleichterung kam von seinen trockenen Lippen und die

Farbe kehrte in seine Wangen zurück.

»Bitten Sie ihn sofort herein, Francis.« Er fühlte, daß er wieder er

selbst war. Der Anfall von Feigheit war überwunden.

Der Diener verbeugte sich und ging. Nach einigen Augenblicken trat Alan

Campbell ein, mit sehr strengem Gesicht und etwas bleich, und seine

blasse Farbe wurde durch das kohlschwarze Haar und die dunkeln Brauen

noch verstärkt.

»Alan! das ist freundlich von dir. Ich danke dir, daß du gekommen bist.«

»Ich hatte die Absicht, dein Haus nie wieder zu betreten, Gray. Aber du

schriebst, es handle sich um Leben und Tod.« Seine Stimme war hart und

kalt. Er sprach langsam und überlegt. Ein Zug von Verachtung lag in dem

festen, forschenden Blick, den er auf Dorian richtete. Er behielt die

Hände in den Taschen seines Astrachanpelzes und schien die Bewegung, mit

der ihm die Hand entgegengestreckt worden war, nicht zu bemerken.

»Ja, es handelt sich um Leben und Tod, und für mehr als einen Menschen,

Alan. Setze dich.«

Campbell nahm einen Stuhl am Tisch, und Dorian setzte sich ihm

gegenüber. Die Augen der beiden Männer trafen sich. In denen Dorians lag

unendliches Mitleid. Er wußte, was er jetzt tun werde, war schrecklich.

Nach einem Augenblick peinlichen Schweigens beugte er sich nach vorn und

sagte sehr ruhig, die Wirkung jedes Wortes auf dem Gesicht des Mannes

ablesend, den er hatte holen lassen: »Alan, in einem verschlossenen

Dachzimmer dieses Hauses, in einem Zimmer, zu dem kein einziger Mensch

außer mir Zutritt hat, sitzt ein toter Mann an einem Tisch. Er ist jetzt

seit zehn Stunden tot. Bleib' ruhig sitzen und sieh mich nicht so an.

Wer der Mann ist, warum er starb, wie er starb, sind Dinge, die dich

nicht kümmern. Was du zu tun hast, ist --«

»Halt, Gray! Ich will nichts mehr wissen. Ob das, was du mir gesagt

hast, wahr ist oder nicht, geht mich nichts an. Ich lehne es entschieden

ab, in dein Leben verwickelt zu werden. Behalte deine fürchterlichen

Geheimnisse für dich! Sie interessieren mich nicht mehr.«

»Alan, du wirst dafür Interesse haben müssen. Dies eine Geheimnis wird

dich interessieren müssen. Es tut mir furchtbar leid um dich, Alan.

Aber ich kann dir nicht helfen. Du bist der einzige Mensch, der mich zu

retten vermag. Ich bin gezwungen, dich in die Sache hineinzuziehen. Ich

habe keine Wahl. Alan, du bist ein Mann der Naturwissenschaft. Du

verstehst dich auf Chemie und diese Dinge. Du hast Experimente gemacht.

Was du zu tun hast, ist, das Wesen da oben zu vernichten, so zu

vernichten, daß auch nicht eine Spur davon übrigbleibt. Niemand hat

diesen Menschen in mein Haus kommen sehen. Man vermutet ihn im

Augenblick in Paris. Monatelang wird er nicht vermißt werden. Wenn er

vermißt wird, darf hier keine Spur von ihm gefunden werden. Alan, du

mußt ihn, ihn und alles, was zu ihm gehört, in eine Handvoll Asche

verwandeln, die ich in die Luft streuen kann.«

»Du bist wahnsinnig, Dorian.«

»Ah! wie ich darauf gewartet habe, daß du mich wieder Dorian nennst.«

»Du bist wahnsinnig, sag' ich dir -- wahnsinnig, daß du dir einbildest,

ich wurde auch nur einen Finger rühren, dir zu helfen, wahnsinnig, daß

du mir dieses ungeheuerliche Geständnis ablegst. Ich will damit nichts

zu tun haben, was es auch sei. Glaubst du, ich setze meine Ehre für dich

aufs Spiel? Was geht's mich an, mit welchem Teufelswerk du zu tun hast.«

»Es war ein Selbstmord, Alan.«

»Das freut mich, aber wer hat ihn dazu getrieben? Du, vermute ich.«

»Weigerst du dich noch immer, das für mich zu tun?«

»Natürlich weigere ich mich. Ich will absolut nichts damit zu schaffen

haben. Es liegt mir gar nichts daran, was für eine Schande über dich

kommt. Du verdienst es vollauf. Es würde mir nicht leid tun, wenn ich

dich entehrt, öffentlich entehrt sähe. Wie kannst du es wagen, mich,

gerade mich von allen Menschen in der Welt in diese Scheußlichkeit

hineinbringen zu wollen? Ich hätte geglaubt, du verständest mehr vom

Charakter der Menschen. Dein Freund, Lord Henry Wotton, kann dich nicht

sehr über Psychologie aufgeklärt haben, worüber er dich auch sonst

aufgeklärt hat. Nichts wird mich dazu vermögen, auch nur einen Schritt

zu tun, um dir zu helfen. Du bist an den falschen Mann gekommen. Geh zu

einem deiner Freunde, nicht zu mir.«

»Alan, es war Mord. Ich habe ihn umgebracht. Du weißt nicht, was ich

durch ihn gelitten habe. Mein Leben mag sein, wie es wolle, er hatte

mehr damit zu tun, es zu erschaffen und zu zerstören, als der arme

Harry. Er mag es nicht gewollt haben, die Wirkung ist dieselbe.«

»Mord! Guter Gott, Dorian, bist du jetzt soweit gekommen? Ich werde dich

nicht anzeigen. Das ist meines Amtes nicht. Im übrigen wird man dich

fassen, auch wenn ich mich nicht in die Sache mische. Niemand begeht ein

Verbrechen, ohne dabei eine Dummheit zu machen. Also ich will nichts

damit zu tun haben.«

»Du mußt etwas damit zu tun haben. Warte, warte noch einen Augenblick;

hör' mich an. Nur anhören, Alan. Alles, was ich von dir verlange, ist

ein bestimmtes wissenschaftliches Experiment. Du gehst in Spitäler und

Leichenhäuser, und das Schreckliche, was du dort tust, rührt dich

nicht. Wenn du diesen Mann in irgendeinem gräßlichen Seziersaal oder in

einem mißduftenden Laboratorium auf einem rohen Tisch liegen sähest, mit

roten Röhren, die man in ihn hineingebohrt hat, damit daraus das Blut

durchfließen kann, dann würdest du ihn einfach als ein bewundernswertes

Objekt betrachten. Kein Härchen würde sich dir sträuben. Du hättest

nicht die Empfindung, irgend etwas Unrechtes zu tun. Im Gegenteil, du

würdest wahrscheinlich glauben, der Menschheit eine Wohltat zu erweisen,

oder die Summe des menschlichen Wissens zu vermehren oder den

intellektuellen Wissensdrang zu befriedigen oder so etwas dergleichen.

Was ich von dir fordere, ist nichts anderes, als was du schon oft getan

hast. Wahrhaftig, es muß viel weniger gräßlich sein, einen Leichnam aus

der Welt zu schaffen, als das, was du gewöhnlich tust. Und bedenke, es

ist der einzige Beweis gegen mich. Wenn er entdeckt wird, bin ich

verloren; und er muß sicher entdeckt werden, wenn du mir nicht hilfst.«

»Ich habe keine Lust, dir zu helfen. Du vergißt das. Die ganze Sache ist

mir gleichgültig. Ich habe nichts damit zu tun.«

»Alan, ich beschwöre dich. Denke an die Lage, in der ich bin. Jetzt

eben, ehe du kamst, war ich fast ohnmächtig vor Schreck. Du kannst eines

Tages selbst einmal die Angst kennenlernen. Nein, denke nicht daran!

Betrachte die Sache vom rein wissenschaftlichen Standpunkte aus. Du

forschst doch sonst nicht danach, woher die toten Wesen kommen, mit

denen du experimentierst. Forsche auch jetzt nicht danach. Ich habe dir

ohnehin zuviel gesagt. Aber ich bitte dich, tu, um was ich dich bat.

Wir waren doch einmal Freunde, Alan.«

»Sprich nicht von jenen Tagen, Dorian; sie sind tot.«

»Die Toten verweilen manchmal. Der Mann da oben geht nicht weg. Er sitzt

am Tisch mit vorgebeugtem Kopf und ausgestreckten Armen. Alan! Alan!

wenn du mir nicht zu Hilfe kommst, bin ich verloren. Alan! man wird mich

hängen! Begreifst du nicht? Man wird mich hängen, für das, was ich getan

habe.«

»Es hat keinen Sinn, diese Szene weiter auszudehnen. Ich weigere mich

ganz entschieden, etwas damit zu tun zu haben. Es ist Tollheit von dir,

mich darum zu bitten.«

»Du weigerst dich?«

»Ja!«

»Ich beschwöre dich, Alan!«

»Es ist nutzlos.«

Derselbe mitleidige Ausdruck kam in Dorian Grays Augen. Dann reckte er

die Hand aus, nahm ein Stück Papier und schrieb etwas darauf. Er las es

zweimal durch, faltete es sorgfältig zusammen und schob es über den

Tisch. Nachdem er dies getan hatte, stand er auf und trat ans Fenster.

Campbell sah ihn verwundert an, nahm dann das Papier und öffnete es. Als

er es gelesen hatte, wurde sein Gesicht totenblaß und er sank in seinen

Stuhl zurück. Ein fürchterliches Gefühl der Schwäche überwältigte ihn.

Ihm war, als ob sich sein Herz in einer leeren Höhle zu Tode schlüge.

Nach zwei oder drei Minuten furchtbaren Schweigens wandte sich Dorian

um, ging zu ihm hin, stellte sich hinter ihn und legte ihm die Hand auf

die Schulter.

»Es tut mir so leid um dich, Alan,« flüsterte er, »aber du läßt mir

keine Wahl. Ich habe den Brief schon geschrieben. Hier ist er. Du siehst

die Adresse. Wenn du mir nicht hilfst, muß ich ihn abschicken. Du weißt,

was darauf erfolgt. Aber du wirst mir helfen. Es ist unmöglich, daß du

jetzt noch nein sagst. Ich wollte dir das ersparen. Du mußt mir die

Gerechtigkeit widerfahren lassen, das zuzugeben. Du warst bitter, hart,

beleidigend. Du hast mich behandelt, wie es nie ein Mensch gewagt hat,

mich zu behandeln. Wenigstens kein lebender Mensch. Ich ertrug es alles.

Jetzt ist es an mir, Bedingungen zu diktieren.«

Campbell vergrub sein Gesicht in den Händen und ein Frösteln überlief

ihn.

»Ja, jetzt ist die Reihe an mir, Bedingungen zu diktieren, Alan. Du

weißt, was ich verlange. Die Sache ist ganz einfach. Komm, schraube dich

nicht in ein Fieber hinein. Die Sache muß geschehen. Schau ihr ins

Gesicht und vollbringe sie.«

Ein Stöhnen klang von Campbells Lippen, und er zitterte am ganzen Leibe.

Das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims schien ihm die Zeit in einzelne

Atome eines Todeskampfes zu zerstückeln, von denen das kleinste schon zu

schrecklich war, um es zu ertragen. Er hatte das Gefühl, als ob ein

eiserner Ring um seine Stirn nach und nach festgespannt wurde, als ob

die Schande, mit der man ihn bedrohte, schon über ihn käme. Die Hand auf

seiner Schulter beschwerte ihn wie ein Gewicht von Blei. Sie war

unerträglich. Sie schien ihn zu zerquetschen.

»Komm, Alan, du mußt dich gleich entscheiden.«

»Ich kann es nicht tun«, sagte er mechanisch, als könnten die Worte

etwas ändern.

»Du mußt. Du hast keine Wahl. Zaudere nicht.«

Das Bildnis des Dorian Gray · 第 23 / 33 题