Wann Ihr könnt! Ihr seht, der Himmel hilft Euch in die Welt, er wird Euch
auch in der Welt helfen. --
Wenn nur nicht _aus_ der Welt! Herr Capitain; Seefahren ist gefährlich!
seufzt' ich nicht ohne Ahnung; denn mir fielen die Worte meiner sterbenden
Mutter ein, die zu mir sagte: »mein Sohn, wenn Du nur noch ein Jahr
überstanden hast, dann -- dann -- dann!« -- Dann starb sie! --
»Seefahren ist nie gefährlich,« entgegnete mir der Capitain, nur Landen
manchmal! Lambton -- doch still davon, das ist kein Schiffsgespräch, und
verboten: Geht essen, damit Ihr Muth bekommt, und seid munter und guter
Dinge! Denkt, Ihr habt Schulferien, oder Euere Schule ist abgebrannt. --
Behüte Gott die Schule! sprang ich auf. Ein Hahn hackte ihm aus dem Korbe
in die Waden, so ging er fort.
Ich bedankte mich, wie billig, hinter ihm drein, mit ihm -- natürlicher
Weise -- unsichtbaren Complimenten wenigstens für seine Güte; dann stand
ich noch lange in Himmelsangst, die sich nach und nach auswölkte, wie ich
mich, nicht ganz unkluger Weise, in mein Schicksal und in die Themis ergab.
Und so schlich ich -- doch etwas schnell -- in das Cabin des Steuermanns,
sah den gedeckten und besetzten Tisch und ließ mir das angerathene
Frühstück aus verzweifelter Verzweifelung schmecken. Darauf kam der
abgelöste Crabbe, der mir die Hand gab und sagte: Was ein Kind thun kann,
das noch nicht reden, noch keine Hand rühren kann! Wäre dem Capitain York
nicht noch gestern ein kleines Yörklein geboren worden; ich weiß nicht was
er mit Euch gemacht hätte! Vergebt dafür auch dem _Stewart_! Ich mußte an's
Steuer -- und _ihm_ trug der Capitain auf, als er richtig mit dem Winde
kam, gleich die Sachen aufzuheben, die er mit an Bord brachte. Der eine
Anker war bald aufgezogen, nun schwimmen wir! und kein Wind darf versäumt
werden, sonst fehlen die Postpferde, wann man ausspannt. Ihr versteht das
nicht, wie der Wind auf der ganzen Welt zusammenhängt, wie er aller Orts
Alles spedirt. Warum habt Ihr Euch auch nicht selbst gemeldet! Doch es ist
nun einmal so, und »So« ist gut.
Ich dachte aber: »So« ist freilich gut; doch anders wäre besser. Ich schlug
ihm vor, den Capitain zu bitten, mich wieder auszusetzen, in Brest, in
Boulogne, in Cadix doch wenigstens! aber es fiel mir selbst ein, daß das
für mich noch schlimmer wäre, als im Schiffe bleiben. Auch schlug es mir
Crabbe rund ab, und sagte: Ein Mensch gilt nichts zu Schiffe, todt oder
lebendig.
Das war genug gesagt! und hatt' ich Flügel, so hätt' ich sie hängen lassen.
Und doch wollt' es gar in mir singen und einen Jubel anstellen. Denn wie
viel Vorbereitungen hatte mir diese Ueberraschung, wie man ein wenig
Einheitzen nennt, erspart! Paß, Empfehlungsbrief, Geldsorge nota bene,
Einpackerei, einen Vicarius in meinem Amte, Reiseapotheke, Bücher,
Excerpte, Landcharten -- kurz allen den Tand, ohne den ich nicht glaubte
eine Reise nur antreten zu können, geschweige durchzusetzen und
auszuführen; ich hätte mich erst alt und blind studirt; und _jung_ muß man
reisen, und scharf sehen muß man können »Ich bin ich selbst allein« sagt
Richard, und ich sag' es getrost; denn die Welt ist reich genug, wenn man
auch noch so arm ist, nur Augen, Herz und Gedächtniß hat, oder eine alte
Feder. Aber ach, was mußte aus meiner schönen Lancaster-Schule werden!
Waren die Kinder nicht eine Heerde ohne Hirten? Mußte sich alles Gute, das
ich sie gelehrt, nicht im Leibe umkehren, nicht in Falsches verwandeln, da
der Mann ein Falscher gewesen, der es gelehrt? Denn was der Lehrer ist, das
bedeutet die Lehre. Von einem Bösen ist nicht gut lernen; und so mußt' ich
erscheinen! War ich in Marions Augen mit dem Gelde nicht durchgelaufen, in
alle Welt gegangen, weil sie den langen Daniel mir vorgezogen? Oder glaubte
sie -- wie die Weiber sind -- ich habe mir wohl gar ein Leides gethan? Die
Angst verdiente sie! Sie thut mit leid, aber ihretwegen, nicht meinetwegen.
Nun ich hin bin, ist sie mir hin; denn wenn man scheidet, dann erst soll
man ja wissen, wen man zu Hause lieb hat; und, die Kinder und die alte Anna
ausgenommen, kann ich mich auf Niemand besinnen! Aber der Baronet, der
keinem Menschen etwas Gutes zutraut, der allen noch so braven Handlungen
lauter Eigenliebe unterlegt, muß ich, ich ihm nicht seine frevelnde Ansicht
bestätigen? Aber der arme Mann soll von seinem einzigen Freunde schwer
betrogen worden sein; auch hat er keine Kinder, und solche Menschen wissen
niemals recht, was ihnen fehlt. Doch Lady Theano -- -- o Gott, was hilft es
mir nun Zeit meines kurzen Lebens ehrlich gewesen zu sein, wenn ich nun ein
Landläufer, ein Dieb geworden bin? Ja ja, ich verdiene nach Bontanybai
exportirt zu werden! Aber endlich komm' ich einmal wieder! und wenn auch
mein Amt schon besetzt ist, wenn Marion lange den langen Daniel geheirathet
hat, so will ich doch wieder meinen Ehrenplatz in den Herzen einnehmen, und
die Kinder sollen nicht länger als den ersten Tag mit Fingern auf mich
weisen! -- Ich verfaßte daher einen Aufsatz, Inhalts: daß ich nur »durch
ein Versehn« nach van Diemensland »gereiset« sei, und bat den Steuermann
Mstr. Crabbe, den Capitain York und den Stewart das Zeugniß zu
unterschreiben, was sie willig thaten.
Es war mir ordentlich ein Stein vom Herzen, als säh' ich ihn mir als eine
Ehrensäule aufrichten, als ich das Blatt zusammen faltete. Nur der Gedanke
peinigte mich noch, daß der Fähndrich Daniel nun Marion, ohne Geld, nicht
heirathen werde! Es soll sogar Menschen geben, die eine Frau bloß um ihres
Geldes willen nehmen, besonders Lieutenants. Aber die Weiber wissen, daß
sie mit dem Gelde Eine Person ausmachen, und sind guter Dinge, wenn sie nur
welches haben; und wo ihr Schatz ist, da ist auch ihr Herz. Vielleicht aber
ersetzt ihr Lady Theano die verlorene Ausstattung! Denn sie selber ist
unglücklich, und empfindet also Unglück. Sie ist so gut wie schön, und hat
ein weiches Herz. Hat sie doch 10,000 Pfund, sammt anlaufenden Interessen,
für den Wiederbringer ihres einzigen Kindes niedergelegt, und bringt
gleichsam die Bill alle Weihnachten vor das Publikum, wie Wilberforce die
seine in's Parlament -- Doch konnt' ich mich den ganzen Tag nicht freuen,
und auch die Nacht that ich kein Auge zu; ich schlief auf dem Fußboden, mit
Kaputzen zugedeckt: denn alle Betten waren besetzt.
Wie der Herr aber auch für einen Schulmeister sorgt, davon bekam ich am
andern Morgen einen Beweis; denn das Essen und Trinken auf Borg schmeckt
ehrlichen Leuten bitter. Capitain York hatte meine, nun ja, saubere
Handschrift in dem Zeugniß gesehn; er hat seinen jüngsten Bruder William
bei sich, und Stephan, den Sohn seiner Schwester, einer steinreichen
Plantagenbesitzerin. Diese sollt' ich unterrichten. Um richtig eingreifen
zu können, examinirte ich die Knaben in seiner Gegenwart. Ich fiel auf die
Zahlenlehre, und fragte William: Wie viel sind 3 Aepfel und 4 Birnen? --
Das ist schon summirt! sagte er. Ich freute mich. Dabei wollt' ich wissen,
ob er in der Pflanzenkunde einen Anfang gemacht, und fuhr fort: Ich dächte
nicht! ich glaube es sind doch Sieben -- aber was? -- Aepfel! sprach er;
die Birne ist eigentlich ein Apfel: malum-pyrum. -- Was ist sie denn aber
uneigentlich? fragte ich weiter, um ihn auf das nichts bedeutende Wort
»eigentlich« aufmerksam zu machen, und so mich in das Stilisticum zu
spielen. -- Uneigentlich? wiederholt' er -- je nun: eine Birne! -- Ich
freute mich reichlich, und gab ihm die Hand; der Capitain lobte mich ganz
unverschuldeter Maßen. Nun nahm ich meinen Stephan vor, größer zwar als
William, aber dick und stumpf und aufgeblasen. Mein Stephan! fragt' ich, in
welches Reich der Natur, als Mensch, gehörst denn Du? -- Ins Steinreich,
erwiedert' er stolz. Der Capitain lachte laut, und sprach: das kommt daher,
daß ihm seine Mutter immer gesagt hat: er sei steinreich! Aber es ist gut,
daß ich mich daran erinnere. Für die 6 Monat Unterricht auf der Reise soll
er Euch gut bezahlen, Herr Lambton, und zwar so viel, daß Ihr auch die
Rückreise an ihm verdient. Die Meister sind rar auf der See, und was rar
ist, ist theuer. -- Wer war froher als ich! »Ihr sollt vom Evangelium
leben« beruhigte meine Bedenklichkeit; nur dem Ochsen, der nicht drischt,
soll man das Maul verbinden; aber mein Gott, ich wollte ja dreschen! -- Nun
war mir geholfen! Wenn ich einmal wiederkomme, bin ich ein berühmter
Schulmeister, Victoria! Denn wer nur etwas Gescheidtes gesehn hat, den hält
man selbst für gescheidt.
Auch ein Bett bekam ich durch ein Paar lange Beine des einen Herrn; denn in
dem kaum zwei Ellen langen Kasten, der wie für ein Faulthier, einen
Siebenschläfer, höchstens für einen jungen Waschbär, eingerichtet war, --
in dem Bett, so zu sagen, waren dem Herrn die Füße ganz verstarrt und
eingeschlafen, daß er sie lange Zeit gar nicht wieder aufwecken konnte. Er
war ganz erbost, und wußte nicht mehr, oder wahrscheinlich vorher schon
nicht: _wo_ er zu lang sei, ob unten? wie ihm jetzt vorkam, oder oben? wie
ihm aus den Beulen schon vorgekommen, die er sich in den niedrigen Räumen
an Thürstöcken schon an die Stirn gestoßen. Wer kann seiner Länge eine Elle
_abnehmen!_ sagen _die Großen_, sprach er; und der Zwerg muß sagen: wer
kann _seiner Elle_ eine Länge zusetzen. --
»Ich habe meine Beine abgeschnallt!« rief ein invalider Offizier in die
Scene. --
Sie Glücklicher! rief der Leidende. Ich bot ihm aus Mitleid einen Tausch
an. Mit Freuden acceptirt. Er bettete sich also auf den Fußboden, und ich
an seiner Statt. So sorgt der Herr durch Alles aufs der Welt, es habe
Namen, wie es wolle. Ich aber pries in besagtem Kasten mein Schicksal, wenn
die Wellen kaum einer Hand breit vor meinem Ohre vorüber gluckten, wenn ich
an die armen Haifische und Hammer dachte, die in dem ewig-dunklen kalten
Meeresgrund ihr Haupt hinlegen müssen auf Felsen wie auf Amboße, die
nirgends hin und nirgends her fahren in ihrem Irrsal -- da ist doch ein
Schulmeister eine ganz andre Person! Das Schiff, das edle Thier, man möchte
es »Herr« nennen, wie ein Reitknecht sein Pferd, das Schiff war auch für
mich erfunden! Der Magnet, die Sternkunde, das Fleischeinsalzen, die edle
Leinwandweberei, kurz Alles, Alles, seit Thubalkain; und Cook kam mir nur
vor, wie der Rabe Noah's, der mir Land, van Diemensland gesucht! Tausend
Menschen _zusammen_ vollbringen fast tausend Mal mehr, als tausend
_Einzelne_. Ein Mensch hätte noch nicht den Thurm zu Babel fertig, und wenn
er 6000 Jahr vor Erschaffung der Welt angefangen hätte, Ziegel zu
streichen, trotz dem, daß keine Sprachverwirrung bei ihm möglich war! Wie
dumm wäre nur Ein Mensch, so groß und dick mit ungeheurem Kopfe, aus allem
dem Stoff aller Gebornen zusammen seit Eva's Zeit; wie dumm wär' er noch,
wie Stephan oder der Stephansthurm; doch einmal von weitem sehn, wie eine
Wasserhose groß, möcht' ich ihn wohl, oder wie den einen Mann im Monde. --
Und daß die Menschen sterben, das ist erst das Wahre! da erben die
Nachkommen immer Verstand, Kunst und Wissen, wenn es wahr ist; denn der Tod
macht Alles offenbar, das ist unbezweifelt. -- Das waren so meine Gedanken.
Ich wunderte mich ordentlich, wie sich mein Kopf aufthat; aber auf Reisen
muß man klug werden, man mag wollen oder nicht. Selbst Stephan, der nicht
will! Ich will ihn schon lancastern!
* * * * *
_Ibidem_, den 1. Mai 1819.
Mein Gott, wie ist doch Alles anders, wenn man es _sieht_, als wenn man es
sich _einbildet_. Mitten auf dem Meere ist man bloß, wie auf einem großen
blanken silbernen Teller, es kommt Einem kleiner vor, wie ein See. Und wie
abgesondert lebt man! Morgens keine Schule, keine Zeitungen aus London mit
Nachrichten aus der ganzen Welt; Sonntags keine Kirche; Abends kein Clubb!
Früh baut die Sonne ihren Silbersteg, Abends zieht sie ihn wieder ein, wie
eine Schiffbrücke, wie die Schnecke ihre Hörner. Und daß man die Sterne in
dem immerbewegten Meere sähe, kein Gedanke! Eine Wolke, ein fernes Schiff
mit den Augen verfolgen, das ist Alles. Und doch wie schön! wie innig und
heimlich! rein abgeschieden von allen Menschen, aller Kunde ihrer Sorgen
und Plagen zu reisen, und wie bequem! -- Man steht auf, und unter dem
Anziehn ist man zwei Meilen gereist; man frühstückt und -- reiset; man ißt
zu Mittag, geht spazieren, sitzt, ja man geht zu Bett und schläft, und
reiset und reiset! Und _wie_ besonders? der Weg ist nicht Eisenbahn noch
Eis, sondern Wasser; die Wegweiser brennen am Himmel; die Rosse sind
unsichtbar, und doch geht es sausend fort!
Mein Casus hat gemacht, daß ich nur lauter freundliche lächelnde Gesichter
sehe, wie Alles die Kinder anlacht. Früh und Abends gehn wir spazieren um
die Mastbäume, in geschlossenem Kreise, ohne Rang, wie an der Tafelrunde;
und doch ist ein großer Unterschied. Aber was doch die Deportirten für
hübsche Leute sind, ganz wie _andre_ Menschen anzusehn, wohl angezogen und
gesprächig! Wenn ich es nicht sähe, ich glaubte gar nicht, daß sie
ausgesetzt würden, aller Güter der Gesellschaft verlustig. Manche können
ihr Handwerk nur noch nicht gleich vergessen. Ich hörte eines Abends ein
Gespräch: »Man wollte uns nicht einsperren,« sagte der Eine; wir sollten
frei sein, aber man giebt uns eine schöne Probe! Das Schiff ist das
elendeste sicherste Gefängniß: keine Thür, kein eisernes Gitter, keine
Kette an Hand oder Fuß, es wehrt es Einem Niemand, sich hinaus zu bemühen,
und doch kann man nicht fort! Da lob' ich mir ein Stockhaus, das bleibt auf
einem Flecke -- man hat Freunde, man hat Gehülfen da draußen! Der Sturm
hole den Wind, der uns hinführt, wo wir nicht hin wollen! --
Ja, ich möchte auch lieber Zeit Lebens so herumschwimmen, als dort
arbeiten! so elend es zu Schiffe ist, das unendliche ewige Bowling-blew
ohne Bäume umher, sagte der Andre, von dem Steinkohlendampf noch, ganz
abgesehn, oder abgerochen. --
Sieh nur, wie dunkel es ist! sagte der Dritte; Schade um die rabenschwarze
Nacht! Hui, wer eine Meile von London jetzt auf dem Klepper säße und die
Post rasseln hörte -- Jammerschade! --
Andere spielen hier noch um Kreidestriche falsch, und betrügen einander um
Nasenstüber. Kurz es ist ein Seidenleben unter den Menschen, und ich sehe
deutlich, daß nur ein weites Exil vor Vertrath und Rache sichert. Vor Allem
gefällt mir der junge Maler. Er sieht aus, wie der Engel der Verkündigung,
und ich glaube, jede Jungfrau würde ihn gern verkündigen hören. Denn er
sieht aus, wie die leibhafte Liebe oder Schönheit, ja wie beide
verschmolzen. Wenn Alle laut sind, und Er kommt, werden sie still, die
Frauen blaß, die Männer roth; er schnürt ihnen gleichsam das Herz und
siegelt die Lippen zu. Schöne Menschen sollte man zu Lehrern und Priestern
wählen; ja sogar, was man sagt: _pressen_, und das aus allen Ständen ohne
Gnade, wenn der Vornehmste nur die zum Schulmeister erforderlichen
Kenntnisse und Tugenden besäße; schon bei den Persern mußte der König der
Schönste sein! -- Er lehrt still durch seine bloße Gegenwart, und da er
fast gar nicht spricht, bleibt er bei seinem Respect. Klug! -- Unter Tigern
ist der Wolf das Lamm, und das Lamm, so zu sagen, ein Engel! und doch ist
er ein gefallener Engel! Es ist mir ein Räthsel, was kann Er verbrochen
haben? er heißt Clarke.
* * * * *
_Capstadt_, den 30sten Juni 1819.
Capitain York hatte mir einen feinen warmen Oberrock und eine Bibermütze
mit Ohren geschenkt, muß Ich sagen, Er aber sagte nicht einmal, gegeben,
sondern ich fand beides nur eines Morgens für Reinschrift einiger Papiere.
Die Morgen und Abende, ja die Tage bis in die Gegend von Trafalgar waren
ziemlich kalt, und Rock und Mütze waren mir hier lieber, als in England 100
Schafe und 50 Biberfelle. Doch wie geschahe mir darin! Eine junge nette
Witwe war gar noch nicht zu uns an den Tisch gekommen, sondern hatte, aus
Unbehagen, in ihrem Zimmer, so zu sagen, gelebt, das 3 Ellen lang und 2
Ellen breit ist, und ihr wöchentlich 3 Guineen kostet; vielleicht wollte
sie doch ordentlich den theuren Miethzins absitzen. Ich weiß nicht, was ich
an mir habe, das ihr gefiel. Sie kam alle Tage in andrer, immer reizenderer
Kleidung. Einige Irländer hatten mich einem jungen Manne ihrer
Bekanntschaft zum Verwechseln ähnlich gefunden, und es kam nachher heraus,
daß er ein bildschöner junger Mann sei. Ich ward über und über roth und
bitterbös -- und die Mistriß, deren Tischnachbar ich war, trat mir sanft
auf den Fuß. Ich sahe die Dame groß an, welches wohl unhöflich und
unpassend sein mußte, denn sie erröthete ganz. Der feine Clarke aber, den
der Capitain seiner Vorzüge wegen mit an den Tisch genommen, lächelte sie
an, zog die Augenlieder leise über die Augen und erhob sie gleich wieder,
so etwa wie die Augen Ja! sagen müßten, wenn sie redeten. Ich fragte
nachher Freund Crabben, wer die Lady sei, und erzählte ihm, was geschehen.
--
Die Reise kann Euer Glück sein! Lambton, sprach er, mich betrachtend; sie
ist steinreich, aus Martinique, und die Martiniquerinnen sind leicht und
lustig, und heirathen so geschwind, wie bei uns eine Frau Thee kocht. --
Sie heißt Mistriß Distreß. -- Aber kennt sie Euch denn? --
Ich verstand Crabbe's Frage erst einige Tage später, als mich Einer »Herr
Schulmeister« nannte, grade als die Mistriß mir Etwas sagen wollte. Sie
behielt aber die Rede bei sich! nur erst nach einiger Zeit sprach sie in
Gedanken vor sich hin »Schade, Schade!« und drehte sich auf dem Absatz
herum. Ich hatte es gleich weg, und dachte: so geht es, wenn man auf
gewisse Art eine Respectsperson ist! Vielleicht hab' ich ihr auch zu
geistlich gesprochen. Einer Frau wegen ändere ich meine Rede nicht! Es ist
mit aber lieb so. »So« ist gut, spricht Crabbe. Denn, wenn ich nur Guineen
hätte, so könnte ich eben so gut »ein Zwanzig-Ender« werden, nicht ein
Hirsch, sondern ein Rector, der zwanzig Pfarreien zugleich hat und --
niemals predigt. Das getraue ich mich ohne Ruhmredigkeit.
Ich werde bitter, ich muß abbrechen; aber man bleibt ein Mensch, auch wenn
man ein Schulmeister ist. Die Weiber haben den Rang, nachher erst das
_Geld_ lieb. Wenn ich aber auch in allen andern menschlichen Dingen nichts
weiß, nichts habe, nichts gelte, so bin ich doch in meiner Schule zu Hause.
Ach, wenn ich nur zu Hause wäre! Meinen schwarzen Rock will ich aber als
Ehrenkleid tragen, die vornehmen Herren-Kleider machen mir nur Schande und
Aerger. Was giebt Respect? das Wissen! Was giebt Andern Ehrfurcht? die
Unwissenheit! Denn wenn ich einen Knaben frage: »Wer bringt den
Caravanenthee?« und er weiß es nicht, und Ich sehe ihn an wie allwissend,
und gehe ein Paar Mal schweigend auf und nieder -- dann hab' ich Respect!
Wenn die vornehmen Herren und Damen nur dürften gefragt werden, sie sollten
schon Respect bekommen! So tröstete ich mich; aber an die Mistriß Distreß
will ich denken, und nie einer vornehmen Frau trauen.
Nun hatt' ich ein langes Aergerniß, so lang wie die Küste von Afrika. Von
so einem Ungeheuer von Lande, das allen Schiffs-, Macht- und Geldinhabern
zum tausendjährigen Spectakel daliegt, soll man den Kindern immer so viel
erzählen, und Unsereiner selbst möchte und möchte gern. Aber wenn man sich
nicht in das alte Aegypten zu spielen weiß, das gar nicht einmal mehr in
Afrika liegt -- selbst Stephan fragte neulich ganz superklug, wo
Groß-Griechenland liege -- im tempore praesenti so Etwas zu fragen! -- so
ist man so bald damit fertig, wie mit dem Russischen Reiche, welches sich
so um die Erde schmiegt, daß die Sonne niemals drin aufgeht, oder wie Andre
lieber sagen, drin untergeht. Würde man nun die Lancastersche Methode auch
auf das Reisen anwenden, würde man scilicet ein Regiment Reisende
hinschicken, die sich schützten, ernährten, untersuchten, nur etwa den
Niger hinauf: so müßte das auch bei Uns zu Tage kommen, was dort am hellen
Tage liegt. Aber Lancaster wird jetzt noch nicht recht begriffen. Doch Gott
segne ihn, ich bin sein Schulmeister und bleib' es, auch _ohne_ Schule!
Gott wird mir helfen!
Ich hatte den Pico nicht gesehn, es war Nacht, als wir Teneriffa
vorbeisegelten; ich hatte St. Helena nicht gesehn, weil der General, der
Generale scilicet, dort bewacht wurde -- jetzt am Johannistage, wo wir im
Gasthause zum Cap der guten Hoffnung ankamen, regnete es die ganze Zeit für
uns frisches Wasser aus der ersten Hand, daß ich nicht einmal den Tafelberg
erkennen konnte. So reiset man! Nicht einen Hottentotten, nicht eine Kuh
hab' ich mit Augen gesehn, noch mit Ohren gehört. Schiffe lagen viele im
Hafen, aber alle segelten um diese Zeit nach Morgen. Eines, nach
Altengland, war gestern abgegangen, als ich mich erkundigte. So saumselig
ist man! An einem andern, das gleich im Eingange des Hafens lag, war ich im
Boote vorüber geeilt. Das Gute soll immer weit sein! Man fährt in eine
Stadt und glaubt, der Freund, den man sucht, wohne tief in den Gassen, am
Platz; man fährt hin, und dann wohnt er am Thore, wo man hereingekommen!
Zwar besucht' ich noch Eins; aber es war so beladen, und so besetzt, daß
der Capitain lachend sagte, wenn ich im _Mastkorbe_ beim Teufelsdreck mir
es gefallen lassen wollte, könn' ich von der Gelegenheit Gebrauch machen.
Ich hätte mich noch auf den Schnupftabak verlassen, und den Vortheil
erlangt, daß mir alles nachher Zeit Lebens wie Blauveilchen roch; aber das
Schiff ging noch zuvor nach den vereinigten Staaten, nach Neu-York. So
blieb ich denn in Gottes Namen bei meinem alten York.
* * * * *
_Hobarttown auf van Diemensland_,
Michaelis 1819.
Vom Cap aus ging die ewige Leier wieder an; und nach und nach erlaubten
sich die freien Passagiere für ihr Geld ungeduldig zu werden, welches ich
Freigut mich nicht unterstehen durfte. Endlich, endlich, brachte uns die
Verzweiflungsinsel fast zur Verzweiflung. Man kann den Schifffahrern nicht
verdenken, solche sonderbare Namen im Ocean auszustreun. Wenn man sie auf
der Charte bei den Inseln sieht, die alle schön grün, oder roth illuminirt
sind, glaubt man, die Leute haben ihnen nur so leichtsinnig Taufnamen
gegeben, wie der Bauer seinen Kühen und Ochsen; aber nur hinaus! da
versteht man die redenden Namen. Denn wer die Desolationsinsel benannt hat,
dem kann man zurufen: rem acu! Auch die Ankunft berechnen durften wir nur
im Stillen; denn wenn es Capitain York oder nur Crabbe hörte, daß wir
sagten: bleibt der Wind so stehn, bleibt er so frisch, so sind wir in 45
Tagen an der Bassestraße, so schalten sie gleich mit dem eignen
abergläubischen Gesicht: »rechnet nicht! macht uns den Wind nicht
rebellisch! Zu Schiffe heißt es: mit Einem Brot hundert Meilen, und mit
hundert Broten Eine Meile.« -- Wir rechneten aber heimlich den andern Tag
doch, 44! und so fort 43, 42, 41, 40! nun nur noch 10 nach Löwensland; in
20 Tagen erblicken wir den Möwenstein; in 6 Tagen Tasmannscap! Ich muß
sagen, der alten Römer Art, die Tage zu rechnen, hat viel Hoffnungsreiches.
Sie legten den Monat ganz und voll wie ein hausbackenes Brot auf den Tisch,
und schnitten alle Tage ein Stück herunter. Wir machen uns die Last alle
Tage schwerer, wie die Lebensjahre; 70! So! Kinderspott! Gnadegott! --
Indeß hatte man uns nicht ohne Ursache das Rechnen verboten. Die Kenner des
Wolkenhimmels und des Meeres hatten einen Sturm vorausgesehn, ja rascher
herbeigesehnt, um ihn gnädiger zu bekommen, der aber zu ihrem Erschrecken
lange auf sich warten ließ, und nur uns überraschte, die wir seine
Anzeichen nicht verstanden.
Der Himmel war eines Morgens dicht und schwer überzogen; die Wolken
schienen sich, gar nicht weit von uns auf das Meer zu senken, und an Gehalt
und Farbe sich ähnlich, konnte man Meer und Himmel am Horizont nicht
unterscheiden. Ein unwiderstehlicher Südwest-Sturm trieb uns links von
unserm Wege, an der Königsinsel im Fluge vorbei, auf die Huntersinseln los,
in die furchtbare Bassestraße! Der Wind mußte Nordost gestanden haben, denn
wir mußten hügelhohe Wellen, die uns noch entgegen strömten, quer
durchschneiden! Im Schiffe ward alles Bewegliche von den gewaltigen Stößen
durch einander geworfen; die Kanonen polterten wie Gespenster; wenn Zwei
mit einander sprechen wollten, mußten sie sich anfassen, mit den Armen
gegen einander stemmen und sich anschreien, wie zwei taube alte Weiber, die
sich etwas Wichtiges heimlich zu sagen haben. Dem Schiffe knackten die
Ribben im Leibe, die Masten knarrten und seufzeten ängstlich. Der Wind, der
bisher wie ein Racepferd im Stalle, nur für ein Lamm oder einen Esel
anzusehn gewesen, nur in Athem (in training) erhalten worden war, lief
jetzt gleichsam Wette; es war nicht mehr dasselbe Thier, nein, ein
geflügelter Drache, ein schrecklicher Dämon! Doch war ich, so zu sagen,
froh: ich hatte nun erst das Meer gesehn; wenn es nur so abging! Denn wenn
man Etwas dann sieht, wenn es Alles ist, was es sein kann, dann erst hat
man es wirklich gesehen, vom Blüthenbaum an bis zum empörten Volke. Sonst
täuscht man sich. Wie verächtlich hätt' ich zu Hause von Wind und Meer
gesprochen! -- Aber es ging nicht so ab. Ich sollte noch mehr sehn, was
Wasser und Wind Alles sein können, scilicet, nicht nur Fische und Wolken,
sondern sogar ein Himmelsthier mit einem Beine, wie es selbst St. Johannes
in seiner Offenbarung nicht vermerkt hat! Wir waren den Tag über, wenn er
diesen leuchtenden Namen verdiente, den Knoten nach über 100 Meilen gejagt.
Crabbe, der trotzig und still am Steuer saß, hatte das Schiff durch die
furchtbaren, oft thurmhohen Felsen gleichsam durchgelogen. Daß die Sonne
unterging, bemerkte man bloß an einem mattgelben Scheine, der durch den
Wolkendom drang, als wäre er, die See und Alles aus einem trüben
Rauchtopas, worin wir steckten, wie das Insect im Bernstein. Die Wolken
regneten, selbst in dem Winde, grade herunter, als wenn es ihr Letztes
wäre. Der Sturm hatte sich außer Athem geheult, und hielt inne. Nach
einiger Zeit kam die Wache aus dem Mastkorbe, und sagte dem Capitain einige
Worte in's Ohr. Sie mußte unten bleiben. Er stand eine Weile; dann erst
blickte er verstohlen unter dem Hute links und rechts nach der schroffen
unzugänglichen Küste, die ihm zu mißfallen schien; zuletzt sah er nur, wie
von ungefähr, zum oberen Himmel. Ich sah auch hinauf. Es war nichts zu
bemerken, als ein schwarzes Ding, wie ein werdendes Fröschchen, mit einem
Schweife, der nach unten hing, und sich dehnte, wie der schwarze Leib sich
aufblies, und nach unten züngelte und lechzete. Jetzt aber brachen die
Wolken gleichsam, wie ein Kirchengewölbe, ein, und der Sturmwind stürzte
von oben herab, wie ein Kind in sein Schüsselchen bläst. Er hielt uns fest
auf einer Stelle und drückte uns fast in den Grund. Der Capitain ging
Befehle ertheilen.
Ich fragte Crabben auf sein Gewissen, was vorgehe?