Der Savezzo hielt dem kleinen Alten die beiden Fäuste vors Gesicht. Der
Herr Giocondi schob sie weg.
»Er hat sogar gesagt, er selbst sei sündhafter als der Advokat. Die ganze
Stadt sei sündhaft, er aber am meisten. Und er will keinen Bürgerkrieg
mehr, sondern lieber zwanzigtausend Lire zahlen. Übrigens wird er euch
sogleich in seiner Predigt alles selbst erklären, also laßt mich und geht
zum Teufel! . . . Zum Teufel!« schnob er den Männern zu, die ihn
bedrängten.
»Don Taddeo soll bezahlen, und der Advokat soll die Macht behalten!« riefen
sie, einander über die Köpfe weg, auf den Platz hinaus, der sich füllte.
»Wir sind verraten!« keifte der Bäcker; und ein Gemurmel des Schreckens
griff um sich.
»Don Taddeo soll hunderttausend Lire bezahlen, weil wir den Advokaten nicht
mehr wollten . . . Was denn, Don Taddeo: wir alle sollen zahlen. Der
Advokat wird uns aus Rache aushungern.«
»Wo ist Don Taddeo?« kreischte in der Mitte des Gedränges eine Frau auf.
»Sie halten ihn gefangen!«
»Das ist ein wenig stark,« sagten die Männer, daß es an den Mauern
hinrollte. Beim Turm stieg eine Stimme auf:
»Der Advokat ist in der Unterpräfektur; man hat ihn gesehen!«
Und drüben beim Rathaus eine andere:
»Die Regierung steckt mit ihm zusammen; sie haben telegraphiert, und
sogleich wird ein Regiment Soldaten hier sein.«
»Wir sind verloren!«
»Was, verloren! Auf, nach der Unterpräfektur!«
»Nein, zu Don Taddeo, ihn befreien!«
Die Menge stieß sich hin und her. Durch sie hindurch brach, die Stirn
vorgestreckt, der Savezzo.
»Lügen!« brüllte er rauh und unförmlich. »Alles Lügen! Ich hole euch den
Don Taddeo, damit ihr die Wahrheit hört. Auf die Galeere der Advokat! Oder
ich selbst auf die Galeere!«
Aber beim Dom prallte er zurück: Don Taddeo erschien im Corso. Schon
umringten ihn Frauen, sie hängten sich an ihn: »Unser Heiliger! Wer ihn uns
nehmen will, ist tot!« Das Volk warf sich ihm, die Arme erhoben, entgegen:
»Sprich, Don Taddeo!« Er aber: mit einem gehetzten Lächeln, mit roten
Lidern, die zuckten, wich er im Zickzack den Anstürmenden aus; seine bleich
tastenden Hände, auf die so viele Hilfesuchende sich stürzten, schienen
selbst zu flehen.
»Sprich, Don Taddeo!«
Er öffnete die Lippen, fuhr mit der Zunge darüber, man sah seinen Kehlkopf
arbeiten, aber niemand hörte etwas . . . Nun stand er oben auf der
Domtreppe; alle sahen ihn nun; ein Klatschen erhob sich -- und gleich fiel
es wieder. Er war fort.
»Er hat etwas gesagt? Was ist es?«
»Er hat uns ein Geheimnis gesagt, denn es geschehen furchtbare Dinge.«
»Niemand hat es gehört. Niemand wird es je hören. Der heilige Mann wird
sterben.«
»Er wird uns retten. Er wird predigen. Kommt alle in den Dom!«
»Alle in den Dom!«
Sie ergossen sich hinein, ihr Strom gurgelte durch die Tür. Ihr Getrappel,
Gemurr, ihre Aufschreie waren schon verschlungen; die letzten Rinnsel
Volkes waren hinweg; -- und beim Café »zum heiligen Agapitus« stand, das
Kinn über den gekreuzten Armen, der Savezzo auf dem leeren Pflaster . . .
Plötzlich griff er um sich, riß vom Tisch eine Flasche und schmetterte sie
hin. Dann plumpste er auf einen Stuhl. Der Freund Giovaccone schlüpfte aus
seinem dunkeln Spalt, dienerte schief, rieb sich die Schenkel und wollte
das Geld für seinen Likör; aber der Savezzo nahm nicht die Faust von der
Schläfe. Der Freund Giovaccone berührte sein Knie: da war der Savezzo mit
einem Krach auf den Beinen; er grub in den Taschen, zog die Finger leer
heraus, stieß den Freund Giovaccone um und sprang polternd in den Dom.
Beim Café »zum Fortschritt« sahen sie noch immer versteint einander an. Der
Apotheker schlug ein neues Freudengebrüll auf und stampfte. Darauf schalt
Polli:
»Es hat keinen Zweck, den Verrückten zu spielen. Es handelt sich darum, was
man jetzt tut.«
»Deixel, man geht in die Predigt«, meinte der Herr Giocondi. »Vielleicht,
daß Don Taddeo von der >Gegenseitigen< spricht.«
Der Herr Salvatori äußerte starr:
»Der Advokat ist entschieden stärker, als man glauben konnte. Was hat er
nur angezettelt.«
»Wenn man es wüßte!« sagte der Leutnant. »Für die bewaffnete Macht ist es
schwierig zu handeln, bevor wir den Ausgang kennen.«
Der Kaufmann Mancafede wimmerte in sich hinein.
»Ich habe genug davon. Ich schließe mich ein und lasse sie die Stadt
verbrennen oder beschießen, wie sie wollen.«
»Auf jeden Fall scheint es, --« und Polli kratzte sich den Kopf, »daß wir
uns übereilt haben. Der Savezzo ist vielleicht nur ein Prahlhans.«
Der Gemeindesekretär betrachtete lächelnd seine Fingernägel.
»Habe ich euch nicht vorausgesagt, daß nichts geschehen werde? Jetzt
schlage ich den Herren vor, in den Dom zu gehen. Denn das einzige Sichere
ist schließlich die Religion.«
»Tatsächlich«, erklärte der Gevatter Achille, »wird es das Klügste sein,
sich dort aufzuhalten, wo alle sind.«
Polli schlug vor:
»Wir werden uns nicht gerade so hinstellen, daß alle uns sehen, und wenn
Don Taddeo siegt, sind wir dennoch dagewesen.«
»Auch verlangt der Sicherheitsdienst meine Gegenwart«, schloß der Leutnant,
und man brach auf. Der Apotheker wollte sich davonmachen, um den Advokaten
vom Umschwung der Dinge zu unterrichten; alle mußten ihn festhalten.
»Du bist ein Mann ohne Gewissen, daß du deine Freunde bloßstellen willst.«
Beim Dom fing man den Kaufmann ein, der fast entwischt wäre.
»Das ist nicht hübsch, Mancafede. In einem solchen Augenblick!«
* * * * *
Auf den Fußspitzen drückten sie sich durch den Schweif von Menschen im
Vorraum. Drinnen war es still zum Erschrecken, und nur die Stimme vom
Hochaltar:
»Feuer! Alles wird brennen!«
Sie fuhr durch die tausend, von ihrem Sturm gebeugten Köpfe hin. Ihr Echo
fiel von den Pfeilern herab und schlug mit ein auf die demütige Menge.
»Nicht nur das Haus Malandrini wird brennen; auch das Haus Polli und alle
Häuser am Corso! Der Platz wird brennen, und niemand weiß mehr, wohin
flüchten!«
Die Menge zitterte. Die Ohren zuckten bei jedem neuen Schreckenswort. Polli
drehte wirr den Hals umher.
»Vielleicht hat er recht, und es brennt bei mir?«
»Denn diese Stadt wars, über die Jesus weinte, als er über Jerusalem
weinte! Kein Stein, sage ich euch, bleibt auf dem anderen. Wehe! schon
stürzt das Rathaus ein, und ich sehe, wie es euch erschlägt: dich,
Fierabelli, dich, Coccola, euch Weiber da, -- und haltet das Kind, haltet!«
Ein langer Schauder. In der Kapelle Torroni fiel vom Schenkel des
Posaunenengels ein kleiner Druso herunter und winselte. Die Mutter
überrannte jammernd die Leute.
»Die Sache wird ernst«, murmelte unter dem Chor der Gevatter Achille. »Hat
er nicht auch mich genannt?«
»In den Dom!« rief Don Taddeo, und seine Stimme überschlug sich. »Alle in
den Dom! Kein anderes Dach mehr gegen den Feuerregen. Vielleicht, daß Gott
ihn aufhält, wenn ihr betet. Nein, Gott zählt euch: ist ein Gerechter unter
euch, einer? Dies ist die äußerste Minute . . .«
Die Augen des Priesters gingen von Mensch zu Mensch; jedem brach die Hitze
aus, niemand atmete mehr. Seine Lippen öffneten sich wieder; noch kam aus
ihnen kein Hauch, aber eine Frau schrie schwach auf: Frau Zampieri war in
Ohnmacht gefallen, -- und da kreischten sie, eine hinter ihr, eine drüben,
kreischten, die Augen verdreht, in ihre gepreßten Hände, kreuz und quer
durch das Schiff bis vor die Füße des Priesters. Er ließ langsam den Kopf
auf die Brust hinab und sagte, halb erloschen:
»Keiner. Es komme das Feuer.«
Ein Fall: alle lagen auf den Knien. Die gebückten Nacken zitterten, als
erwarteten sie einen Griff. Die Menge gab Laute von sich, wie der bewegte
Halbschlaf eines Sterbenden.
»Nur ein Haus bleibt stehen!« befahl Don Taddeo schrill. »Von der ganzen
Stadt nur eins: das Haus in der Via Tripoli!«
»Wie?« fragte man und richtete sich auf. Frauen kicherten. Junge Leute
sahen sich nacheinander um. In der Kapelle Cipolla entstand ein Gewühl; der
Konditor Serafini steckte den Kopf hinter das Grabmal der guten Prinzessin
Ginevra und sagte:
»Da seid ihr. Heute abend komme ich und gehe gar nicht mehr fort, -- da ihr
die einzigen sein sollt, die übrig bleiben.«
Theo und Lauretta widersprachen.
»Wir sind wie die anderen, und wenn Don Taddeo alle umkommen läßt, ist es
nicht gerecht, daß wir allein übrig bleiben sollen.«
Und sie schluchzten feucht ins Tuch, -- indes Mama Farinaggi, unbekümmert
um die Damen draußen in den Bänken, Kreuze schlug und die große Raffaella
aus ihren gemalten Augen den Blick der Frau Camuzzi erwiderte, noch
verächtlicher und fremder als sie.
Der Kaufmann Mancafede nahm die Hände vom Kopf, über den er sie als Dach
gestellt hatte, und hob sich aus seiner hockenden Stellung.
»Wie? Ah! welch schlechter Scherz. Ich glaubte wirklich, mein Haus stände
nicht mehr, meine Tochter sei tot, und nun ginge es an mich.«
»Wer weiß, wie es jetzt draußen aussieht«, entgegnete Camuzzi. »Es
geschieht so wenig, daß wohl endlich Gott selbst eingreifen muß, damit
etwas geschieht.«
Don Taddeo schlug mit der Hand wie nach Fliegen; er bekam rote Flecken, und
er schrie:
»Es bleibt stehen und eure verdammten Seelen wohnen darin!«
»Gute Unterhaltung!« sagten die Mägde Fania und Nanà, und obwohl sie immer
fester an die Wand gedrückt wurden, glucksten sie laut. Hier und da
pruschte jemand ins Tuch. Don Taddeo brach ab; sein Gesicht entfärbte sich
ganz, -- und dann, wie einzeln ausgesandte Glockentöne, und so sanft:
»Darüber am Himmel aber steht geschrieben: die Stadt ging unter durch ihre
Laster. Jesus hat über sie geweint, aber sie hat nicht gehört.«
Die Töne zitterten dahin, bis in die dunkeln Winkel; -- und als alle die
Lider gesenkt hatten, senkte Don Taddeo selbst sie. Leiser, in der
gepreßten Stille:
»Denn alle Laster -- und die Stadt hat sie alle -- sind eins. Sie kommen
alle daher, daß wir Gott nicht lieben. Das höchste Gebot heißt, wir sollen
Gott lieben und unsern Nächsten. Aber wir liebten sie nicht: darum
verdarben wir.«
Und mild eindringlich, überallhin, wo ein Schluchzen sich löste: »Denn wir
lieben auch Gott nicht, wenn wir unsern Nächsten nicht lieben. Es ist nicht
wahr. Es genügt nicht, einen Geist zu lieben, der Gott heißt. Liebt die
Menschen, dann liebt ihr Gott!«
Er sah Frau Acquistapace an, in der vordersten Bank.
»Sei gut und duldsam gegen deinen Mann, und du liebst Gott, auch wenn du
nicht jede Woche beichtest.«
Vor den Bänken der Bürgerfrauen, gleich zu seinen Füßen, hockten hinter
ihren Strohstühlen die kleinen Leute. Er neigte die Augen zu ihnen.
»Hasse den Krämer Serafini nicht,« sagte er zu der Frau des kleinen
Zollbeamten Cigogna vom Tor; »wenn er schlecht gewogen hat, denke, daß er
sechs Kinder hat . . . Sprich Gutes von der Rina,« sagte er zu Elena, der
Arbeiterin des Schusters Malagodi, »obwohl sie dich verklatscht hat.«
Und zu der Pipistrelli:
»Verfolge die Sünder nicht! Wir sollen weder die Komödianten noch den
Advokaten verfolgen, denn was sind wir selbst. Wenn die Stadt brennt, wo
ist dann der, der nicht mitschuldig wäre, weil seine Sünden das Feuer
herabriefen.«
Don Taddeo seufzte und schloß die Lider.
»Was sagt er? Was will er?« -- und bei den Männern in dem Raum zwischen den
Bänken und den Pfeilern ward es unruhig.
»Man erstickt, und Don Taddeo spricht nur zu den Weibern.«
»Er sagt, wir sollen den Advokaten lieben«, erklärte der Schneider Coccola;
und der Schlosser Fantapiè:
»Es fehlte nichts weiter.«
»Er sagt, wer den Advokaten haßt, ist mitschuldig an dem Brand beim
Malandrini.«
»Man muß gestehen,« äußerte der Wirt von den >Verlobten<, »daß Malandrini
bei der Partei des Advokaten ist. Sollte wirklich einer der Unseren --?«
»Du selbst, Gigoletti, wirst es getan haben, denn wer macht, nun der >Mond<
abgebrannt ist, so gute Geschäfte wie du?«
»Alle, wenn man näher nachdenkt, alle sind verdächtig.«
»Es ist schrecklich.«
»Man hört nichts«, sagte hinten, unter dem Chor, der Herr Giocondi.
»Spricht er von der >Gegenseitigen<?«
»An meinem Platz«, -- und Polli hißte sich auf die Fußspitzen, »sitzt die
Frau des Schmiedes. Der Mittelstand nimmt uns die Kirchenbänke weg, dann
soll er uns wenigstens die Logen lassen.«
»Ihr alle seid mitschuldig«, wiederholte Don Taddeo, wich gegen den Altar
zurück und spreizte die Hände. Aber da traf er in ein Gesicht: mitten unter
den kleinen Leuten zu seinen Füßen in ein Gesicht, das er kennen mußte und
doch nicht kannte. Es hatte Augen, die forschten und forderten, still und
fest. Umsonst versuchte er fortzusehen; diese Augen riefen ihn zurück, wie
die einer vertrauten Heiligen, die viele Jahre lang über seinem Betstuhl
gestanden hätte, alles von ihm wußte, ja, so sehr mit seiner Seele vermengt
war, daß sie seine Schwester schien und tiefe Rechte an ihn hatte. Ihn
schauderte, er sagte rasch:
»Nein! Sie haben keine Schuld. Was wissen sie? Einer nur war wissend genug,
um zu sündigen.«
Er atmete, ohne es zu wollen, tief auf zwischen den Worten. In seiner Brust
quoll es, als sollte sie springen.
»Denn einer nur liebte nicht die Menschen, liebte Gott im Geist, und das
heißt, daß er den Geist zu seinem Gott machte, und durch den Geist, seinen
Gott, stolz und einsam ward. Seine Strafe aber war, daß noch immer eins ihn
an die Menschen band: das Niedrigste. Er hatte die Liebe verleugnet, da
mußte er die Brunst leiden; mußte sich hassen, der vom Geist abgefallen
war, und die Welt, die ihn verführt hatte; mußte auf sie und auf sich das
Feuer herabrufen; mußte mit eigener Hand es entzünden . . .«
»Don Taddeo, man versteht ihn nicht, er muß sich sehr schlecht fühlen«, --
und Frau Salvatori beugte sich aus ihrer Bank zu Mama Paradisi hinüber. »Es
ist kein Wunder, nachdem er sich für die Komödiantin geopfert hat.«
»Man sagt, daß er vom Altar aus predigt, weil er voll Brandwunden ist und
nicht die Kraft hat, auf die Kanzel zu steigen.«
»Und dennoch will er die Komödianten, noch bevor sie fortziehen, zu
Christen machen. Denn er spricht nur noch zu der Primadonna, -- als habe er
uns alle vergessen.«
Die Blicke der Frauen hefteten sich, ergriffen, an den großen goldenen
Haarknoten dort vorn, unter dem weißen, verbogenen Filzhut.
»Er spricht zu ihr! Wie er zu ihr spricht! Er hat die Tropfen auf der
Stirn. Sie muß eine Frau von großem Verdienst sein. Ich werde niemals
wieder glauben, daß eine Komödiantin keine anständige Frau sei. Welch
Heiliger, Don Taddeo! Er lehrt uns die Menschen kennen und gerecht sein
gegen sie. Wie er leidet um unserer Sünden willen! Seht seine Augen! Sie
erlöschen . . .«
»Wie?« fragte Don Taddeo, vorgebeugt, vorwärts gezogen von jenen hellen
unbeugsamen Augen. »Muß ich noch mehr sagen? Alles denn?«
Die Zähne schlugen ihm zusammen, er keuchte. Die Pipistrelli plapperte laut
aus ihrem Gebetbuch. Die Frauen ringsum raunten miteinander. Don Taddeo
griff sich an die Brust; er riß daran, er riß es heraus:
»Ja, ich bins, ich habe es getan.«
Da bewegten sich jene Lider, die nie gezuckt hatten. Jene schrecklichen und
erlösenden Augen senkten sich. Don Taddeo griff um sich.
»Er schwankt! Er fällt! Wehe! Der Heilige stirbt.«
Alles sprang auf, ein heißer Stoß warf alle nach vorn. Bevor sie ihn
erreicht hatten, rang Don Taddeo sich vom Altar empor. Das Chorhemd fiel
zurück.
»Seht die Brandlöcher in seiner Soutane!«
Weinende Gesichter, betende Hände strebten zu ihm herauf. Er streckte über
sie hin die Arme.
»Friede!« rief er auf einmal mit läutender Stimme. »Das Opfer ist gebracht,
wir sollen Frieden haben. Laßt euren Zwist! Fragt nicht länger nach dem
Brandstifter! Er hat gebeichtet, und er ist fort. Ihr habt ihn nicht
gekannt. Beschuldigt niemand! Seine Tat gehört nicht ihm; wir selbst --«
und Don Taddeo schlug sich, »haben sie begangen! Denn wir hatten nicht
genug Liebe. Wir haßten uns, wir befeindeten uns; jeder hielt sich für den
Gerechten, und dadurch wurden wir eine Stadt von Ungerechten, die brennen
mußte. Ich klage mich an --«
Die Hand hinaufgereckt:
»-- des Bürgerkrieges, in den ich die Stadt gestürzt habe, des geistigen
Stolzes, der mich verdarb, -- und ich will Buße tun. Holt den Advokaten,
damit ich ihm den Schlüssel zum Eimer ausliefere. Er ist ein großer Bürger
--«
Don Taddeo stockte, er schluckte hinunter, -- aber er breitete die Arme
aus.
»-- den ich ungerecht habe leiden lassen.«
Aus dem dichten Volk um den Altar stiegen Hände, Stimmen setzten an:
»Aber! Reverendo!«
»-- den ich ungerecht habe leiden lassen!« rief Don Taddeo noch einmal,
hoch und zitternd. »Niemand hat mehr für euch getan als er.«
»Ihr! Ihr!« antwortete es ihm.
Er reckte den Hals noch höher, als entflöhe er den Stimmen dort unten.
»Liebt euch! seid gütig! gütig!«
Da geschah ein Krach, als stürzte das Gewölbe ein. Es polterte, inmitten
eines großen Aufschreies, durch das Schiff. Man sah Weiber rennen und am
Boden einen Knäuel. Alles stob fort vom Hochaltar; -- und ein Kopf rollte
herbei und blieb liegen vor Don Taddeo: der steinerne Kopf einer Frau.
Im weiten Halbkreis starrte das lautlose Gedränge. Da lag in seinen
geflochtenen Weiberhaaren der Kopf und sah Don Taddeo an, der ihn ansah. Er
war weiß wie der Kopf, und die Hände hielt er gespreizt. Plötzlich schlug
er sie vors Gesicht und war fort. Kaum, daß im Vorhang hinter dem Altar
noch eine Falte von ihm flatterte.
* * * * *
»Was ist geschehen? Das war der Teufel, rettet euch! . . . Nein nein! es
kommt aus der Kapelle Cipolla. Es ist der Kopf der guten Fürstin Ginevra.«
Man lief hin. Die Buben hatten auf dem Grabmal der Fürstin gehockt. Um Don
Taddeo zu sehen, waren sie ihr auf den Kopf geklettert, -- und welchen
dünnen Hals die Ginevra hatte! Sie waren heruntergestürzt, als der Kopf
abbrach, über Fania und Nanà, über die Mädchen aus der Via Tripoli, und mit
ihnen allen gegen das Gitter der Kapelle, das zuschlug und einen Haufen
Leute von den Stufen fegte. Da wälzten sich noch welche.
»Seht den Savezzo! Er hat den Schuh verloren und sucht ihn zwischen den
Beinen der andern. Wie du komisch bist! Ja, dein Schuh hat ein Loch
bekommen, es nützt nichts, daß du uns anbläst wie ein Kater.«
Die Frauen lachten. Der Savezzo hatte seinen Schuh wieder am Fuß und
stampfte auf.
»Seht ihr nicht, daß das wieder eine Intrige des Advokaten ist? Er wollte
mich umbringen lassen, weil ich ihn gestürzt habe.«
Die Männer sahen sich an. Der alte Seiler Fierabelli äußerte zögernd:
»Eh! der Advokat wird kein Mörder sein.«
»Man redet nicht mehr gegen den Advokaten«, sagte Frau Zampieri
entschlossen. »Don Taddeo will es nicht.«
»Don Taddeo will es nicht«, wiederholten die Frauen.
»Was, Don Taddeo! Er ist krank, und er schwatzt.«
Sofort war der Savezzo umringt und hatte gekrümmte, scharfe Finger vor den
Augen.
»Nichts gegen den Heiligen, oder du bist tot!«
»Frieden! Frieden!« rief der Seiler. »Da kommt Don Taddeo mit dem Kelch.«
Die Frauen drängten eilig in die Mitte.
»Wie er doch schön ist in seinem Meßgewand!«
Aber sie sahen, daß ihm das Haar herabgefallen war und spitz bis über die
Nase lief. Das linke Auge war ganz klein, sein Gesicht schien schief. Sie
flüsterten:
»Wie er sich zerwühlt hat! Er hat geweint um uns.«
Der Barbier Nonoggi bohrte sich drehend durch die Menge.
»Ich habe es euch von Anfang an gesagt, wie? daß der Advokat wieder obenauf
kommen werde. Wer jetzt bei ihm in Gnade will«, -- und er schnitt dem
Bäcker Crepalini eine Fratze »der wende sich an mich, seinen Freund.«
Da er des Schneiders Chiaralunzi habhaft ward:
»Rasch hinauf! Woran denkt Ihr denn? Der Maestro wartet nur noch auf Euch.«
»So wird er umsonst warten,« entgegnete der Schneider, »denn ich werde in
seiner Messe nicht spielen.«
Der Barbier entsetzte sich. Der alte Zecchini griff ein.
»Tut es für mich, Chiaralunzi! Ich liebe die Musik, sie ist die Schwester
des Weines.«
Alle redeten dem Schneider zu.
»Es handelt sich nicht um den Maestro, den Ihr haßt; es handelt sich um
unser aller Erbauung, was Deixel.«
Die Frauen sagten:
»Es handelt sich um Don Taddeo. Wollt Ihr ihn beleidigen?«
Und sie schoben, indes vom Chor herab der Kapellmeister stumm und wild die
Arme warf, den Schneider vor sich her in die Wendeltreppe. Sie hielten
Wache, bis er droben war.
»Immer Ihr!«
Der Kapellmeister atmete regellos, er griff sich ans Herz.
»Ich sehe es voraus: Euretwegen wird meine Messe durchfallen. Aber dann --:
ah! Wenn ich Euch vor mir habe, fühle ich, wessen ich fähig wäre.«
Der Lehrer Zampieri vor der Orgel sah in seinem Spiegel das Gesicht des
Maestro zerrissen, Lohe in den blauen Augen, und wandte sich erstaunt um.
Die Musiker ließen die Instrumente sinken. Der kleine alte Beamte Dotti
sagte:
»Seien wir vernünftig, Maestro. Wir spielen zur Ehre Gottes.«
»Und meine Ehre?« fauchte der Kapellmeister. Die großen Schulmädchen im
Chor stießen sich an und kicherten.
Der Schneider sagte kein Wort, aber er blies, wie er es probierte, so stark
in sein Horn, daß alle auffuhren. Man lugte hinauf und lachte.
»Still doch, Don Taddeo betet, er bekennt seine Sünden . . . als ob er
welche hätte, der heilige Mann.«
»Signora Eufemia, Eurem Kleinen ist das Chorhemd zu groß.« »Aber er
schwingt den Weihrauchkessel geschickter als Eurer.«
»Woran hast du während des Sündenbekenntnisses gedacht, Scarpetta? Ich habe
mich daran erinnert, daß der Advokat meinem Bruder den Schreiberposten in
der Unterpräfektur verschafft hat.«
Der dicke alte Corvi brummte:
»Soll es die letzte gute Tat des Advokaten bleiben, daß er mir die Stelle
bei der öffentlichen Wage gegeben hat?«
Der Schlosser Fantapiè schüttelte den Kopf.
»Man muß gestehen, daß wir seit vier Wochen nicht immer richtig gehandelt
haben. Ich glaubte wahrhaftig, der Advokat habe das Feuer gelegt. Wußten es
nicht alle, und war nicht der Advokat für die Freiheit und für die
Komödianten? Aber wenn Don Taddeo sagt, daß es ein anderer ist und daß er
ihn kennt --«
»Es wird der Engländer sein, denn er ist in aller Frühe abgereist.«
»Du redest Unsinn, Coccola: ein Engländer! Aber ein Landstreicher hat bei
Malandrini im Hof gelegen, sagt man; er ist verschwunden.«
»Warum schickt nicht Cantinelli seine Leute auf die Suche! Was tut die
Regierung! Bürgerkrieg und Feuer: ah! man kann sagen, daß wir in Not sind,
dank unsern Sünden.«
Und da vorn rief Don Taddeo die Hilfe Gottes an. Dreimal rief er um Hilfe
gegen das Elend der Unwissenheit. »Ich habe dich nicht gekannt, o Herr, da
ich die Liebe nicht kannte; und ach, wie jene, die seufzen, mich bei dir
anklagen, weil ich dich ihnen nicht offenbarte!« . . . Dreimal rief er um
Hilfe gegen das Elend der Schuld. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend
der Strafe, -- rief langgezogen, nasal und zitternd; und sein letzter Ton
irrte noch, ein armer, suchender Mißklang, durch das Aufbrausen der Orgel
hin, das wie der stöhnende Atem von Tausenden war. Chorgesang brach aus
gleich einem großen Weinen, und alle Instrumente hoben leidenschaftlich zu
klagen an.
»Das ist das Kyrie. Hört Ihr mich, Signora Eufemia? Ach, ach, ich will Euch
nur bekennen, daß Euer Carluccio hübscher ist als mein Lino. Darum sagte
ich, ihm sei das Chorhemd zu groß.«
»Ach, ach«, ging es durch die Bänke. Das Volk in den Kapellen erbebte.
Don Taddeo aber brachte alle Laute des menschlichen Elends zum Schweigen.
Seine Stimme erhob sich, in einsamer Tapferkeit:
»Gloria in excelsis!«
Und es antwortete ihm der Chor:
»Gloria in excelsis!«
Der Strich der Violinen errichtete Staffeln nach oben, die Hörner stürmten
feierlich. Wie der Wind schwang sich die Orgel auf.
Als es wieder still war, bekreuzte sich der Schlosser Fantapiè.
»Mir scheint, daß Gott will, wir sollen den Advokaten zurückholen.«
»Ich sage nicht nein,« antwortete der Krämer Serafini, »aber wird Crepalini
wollen?«
Denn der Bäcker wühlte umher.
»Eh! Coccola, eh! Malagodi, scheint es euch so leicht, den öffentlichen
Feind zurückzurufen? Don Taddeo: ah! Don Taddeo mag reden; er ist nicht in
den Geschäften. Wir aber; der Advokat wird sich an uns rächen! Dir,
Scarpetta, entzieht er die Arbeiten im Rathaus, und mir, wer weiß, erneuert
er nicht das Monopol.«
»Welch Glück für alle!« riefen die jungen Leute mit bunten Halstüchern; --
und der Bäcker, kirschrot bis in die Augen, kollerte vergeblich gegen das
Volk an, das sich beglückwünschte.
Der Herr Giocondi wagte sich hervor:
»Seitdem der Advokat nichts mehr zu sagen hat, ist Euer Brot noch viel
kleiner geworden, Crepalini. Wenn Ihr an der Macht wäret, müßten wir alle
verhungern; --« und der Herr Giocondi blinzelte dem Volk zu, das ihm recht
gab. Er kehrte, den Bauch heraus, zu den Herren unter dem Chor zurück.
»Mut!« sagte er. »Ich haue euch alle heraus, und ich rette den Advokaten.
Seit ich mit Don Taddeo gesprochen habe, geht alles gut. Die Tätigkeit
eines Versicherungsinspektors ist die beste Schule für Diplomaten.«
Der Savezzo war da und sagte zwischen den Zähnen:
»Und die Herren glauben, der Advokat werde nicht erfahren, daß Sie alle von
ihm abgefallen waren? Er wird es erfahren, ich schwöre es Ihnen.«
»Nicht antworten!« raunte der Herr Giocondi dem Apotheker zu, der schon
losfuhr. »Man muß vorsichtig sein in unserer verwickelten Lage.«
Und alle zogen sich zurück von dem Savezzo. Er hörte ein Hüsteln und fand
sich neben der Bank, worin Frau Camuzzi kniete. Der Spitzenschleier stand
weit um ihren Kopf; niemand konnte sie sprechen sehen.
»Unsere Sachen gehen schlecht, wie es scheint . . . Blicken Sie auf Don
Taddeo! Er betet um unsere Würdigung; beten auch wir.«
Sie neigte sich tiefer; sie fingerte sanft am Rosenkranz. Er knirschte.
»Man kann es nicht leugnen. Der Tenor ist mir entkommen, und der Advokat,
den ich getötet habe, kehrt zurück, wie ein Gespenst.«
Sie blieb lange stumm; sie hob und neigte den Kopf, wie die Betenden. Dann,
flüsternd:
»Knien Sie hin!«
Und als sein Ohr ganz nahe war:
»Um den Tenor bekümmere ich mich: er mag ruhig sein. Er glaubt, er solle
heute abend eine große Sünde begehen und ein Mädchen entführen, das dem
Herrn bestimmt ist. Ich aber werde ihn hindern, zu sündigen, und werde Alba
retten. Lassen Sie mich beten!«
Nach einer Weile, mit Aufseufzen:
»Ich fühle, daß der heilige Agapitus mich hört. Wissen Sie nicht, daß er
schon einmal eine Jungfrau, die einem Verführer in die Hände gefallen war,
rettete, indem er durch sein Gebet dem Verführer jede Fähigkeit nahm, einer
Frau gefährlich zu werden?«
Da sie den Savezzo schnauben hörte:
»Hätten Sie doch den Glauben! Dann hätten Sie auch den Erfolg . . . Den
Advokaten lasse ich Ihnen. Sie haben nicht versucht, Don Taddeo
umzustimmen? Es wäre auch unnötig. Er ist krank, -- und die Leute verehren
ihn als Heiligen, das macht ihn noch schwächer. Sie müssen ihn aufgeben und
sich an den Advokaten halten.«
»An wen?«
»An den Advokaten. Sogleich müssen Sie zu ihm gehen, denn sonst kommen
andere Ihnen zuvor, -- und sich ihm anbieten. Sie sagen ihm, jetzt, da er
Ihre Kraft kennt, wollen Sie sie nicht mehr gegen ihn gebrauchen. Sie
machen sich anheischig, ihm Ihre Partei zuzuführen und gemeinsam mit ihm zu
herrschen.«
»Niemals«, sagte der Savezzo ganz laut. Sie ließ Zeit verstreichen. Dann:
»Er wird zu glücklich sein, sich an Ihrer Hand halten zu können; und da Sie
den Frieden zurückbringen, werden alle Sie gut empfangen. Dann ist Zeit
gewonnen, etwas Neues anzuzetteln, das uns endgültig von dem Advokaten
befreit.«
Sie neigte sich tiefer.
»Libera nos a malo!«
»Niemals!« wiederholte er. »Ich hasse ihn zu sehr. Zu lange mußte ich
heucheln. Für einen von uns hat die Stadt nur Raum. Kehrt er zurück, dann
habe ich verspielt . . . Aber er wird nicht zurückkehren. Ich werde dem
Volk verbieten, ihn zurückzurufen. Ich werde Gewalt brauchen, ich werde --«
»Still da!« -- und Frau Camuzzi wandte sich zur Frau Acquistapace. »Finden
Sie nicht, man sollte nicht sprechen, während Don Taddeo betet?«
* * * * *
Don Taddeo verneigte sich und faltete die Hände, ergeben wie der, für den
er handelte, dessen irdisches Leben seine Gesten zurückbannten. Er ging von
der linken Seite des Altars auf die rechte. »Sein Wandel war noch
schwerer«, dachte er; und wie aus den Kesseln der kleinen Nonoggi und
Coccola der Weihrauch um ihn her dampfte: »Aber seine Werke duften. Seine
duften.«
»Es ist höchste Zeit«, -- und der Savezzo packte den Schlosser Fantapiè und
den Schuster Malagodi am Arm. »Don Taddeo liest die Epistel, jetzt heißt es
wählen. Wollt ihr die Macht nehmen oder den Tyrannen zurückrufen?«
»Eh! auch das kleine Volk ist noch da«, sagte der Schuster.
»Und Don Taddeo«, setzte Fantapiè hinzu. Druso, Scarpetta, die beiden
Serafini, alle sagten dasselbe.
»Ohne Don Taddeo gibt es keine Partei des Mittelstandes; denn wie bekommen
wir ohne ihn das Volk?«
Der Unterpräfekt Herr Fiorio stand in der Nähe, der Savezzo tat einen
Schritt auf ihn zu. Sofort verschwand er hinter dem Pfeiler, -- und der
Savezzo spürte eine Kälte auf dem Scheitel: geradeso hatte der Unterpräfekt
-- wie viele Stunden wars her? -- den Advokaten fallen gelassen!
Jeder, nach dessen Hand er griff, steckte sie in die Tasche. Sie zuckten
die Achseln.
»Fragt das Volk, ob es Euch will, statt des Advokaten. Fragt das Volk.«
Der Savezzo stieß, die Stirn nach vorn, in die Kapelle Torroni, über deren
Stufen es, mit starkem Zwiebelatem, herausquoll. Es stand in Pyramiden bis
auf den Altar; es kniete, die Beine durcheinander; es trug Kinder auf den
Schultern; und in den verschränkten Händen eines jungen Mannes stand ein
Mädchen, für das am Boden kein Platz mehr war.
»Da bin ich! Da ist der, der euch befreit hat!« -- und der Savezzo wollte
die Arme schwingen; die aber, die er damit getroffen hatte, schlugen sie
ihm herunter. Statt der Arme rollte er die Augen.
»Der Advokat ist gestürzt! Jetzt sollt ihr die Freiheit kennen lernen!«
»Laßt uns in Ruhe! Siehst du nicht, daß du uns trittst?«
»Ich bin kein Herr, ich bin einer von euch: da seht!« -- und er hüpfte auf
einem Fuß, um den andern aus der Enge herauszuziehen. »Meine Schuhe sind
durchlöchert. Und hier!«
Er hielt ihnen seine plumpen Finger hin mit den abgerissenen Nägeln. Sie
antworteten:
»Schon recht, die Schuhe und die Hände. Aber dein Gesicht gefällt uns
nicht.«
Der Mann, der das Mädchen trug, sagte:
»Du denkst zu viel an dich selbst, um die Freiheit zu lieben.«
»Don Taddeo will dich nicht, er will den Advokaten«, rief eine Frau; und
eine andere:
»Der Advokat ist lustiger als du, er liebt die Frauen und das Volk.«
Auf dem Altar hielt ein junger Mann in buntem Halstuch die Arme gekreuzt,
um Raum zu sparen für seine Nachbarn. Von dort oben sah er dem Savezzo in
die Augen.
»Der Advokat liebt die Freiheit, das fühlt man. Ihr, Herr Savezzo, wollt
bewundert werden; und wenn Ihr den Advokaten damit besiegen könntet, würdet
Ihr vom Gipfel des Glockenturmes bis hinüber zum Rathaus auf einem Seil
gehen.«
Alle murmelten Beifall. Aus einem großen Zahntuch sagte jemand:
»Der Advokat ist ein großer Mann.«
Dort in der Ecke versuchte sogar einer zu klatschen. Der Kapellmeister,
droben im Chor, hörte es.
»Ach ja, ich weiß wohl, daß das schön ist«, -- und er dirigierte ganz
leise, den Kopf auf die Schulter gelegt, mit einem verkniffenen Lächeln.
»Und es ist so schön, dieses Graduale, weil ich es in jener Nacht erfunden
habe, als Flora Garlinda so böse war und mich so unglücklich machte. Wie
gut, daß ich jene schlimme Nacht gehabt habe! Damals zeigte sich, daß
alles, was ich um sie gelitten hatte, in diesen >Fortschritt des
geistlichen Lebens< paßte; und als er fertig war, da war ich sicher, ich
hätte sie gewonnen, und vor Freude machte ich sogleich mein Halleluja.«
Den Taktstock in der Schwebe, sah er nach Don Taddeo aus. Das Herz ging ihm
auf einmal heftig. »Mein Halleluja! Jetzt kommt es! Nur diese Minute noch
leben!« Und der Stock zitterte.
»Halleluja!« sang Don Taddeo.
Der Kapellmeister sah fliegend noch einmal alle an. Wie er langsam die Hand
senkte, ergriff ein Lächeln fiebriger Seligkeit ihn unwiderstehlich . . .
Da zuckte er auf. »Das Tenorhorn! Ich wußte es.« Er war plötzlich weiß, wie
der Pfeiler hinter ihm, hatte wirre Augen und streckte den Hals lang aus.
»Falsch eingesetzt, Chiaralunzi! Versteht sich, Ihr müßt falsch einsetzen.«
»Er tut es mit Absicht, um Euch den Erfolg zu verderben«, zischelte der
Barbier Nonoggi über seine Klarinette hinweg, während der Schneider,
dunkelrot, das Horn von sich stieß.
»Wie? Ihr wagt mittendrin aufzuhören? Ich tue Euch unrecht? Dann also« --
und der Kapellmeister sprang, die Arme erhoben, vom Podium, »nehmt doch Ihr
den Stock, Ihr werdet es besser machen, Ihr kennt meine Musik besser als
ich.«
Einer nach dem andern senkte sein Instrument, der Chorgesang versiegte. Die
Orgel allein führte das Halleluja zu Ende, und nur noch Nina Zampieri ließ
ein paar Harfentöne hineinfallen, wie Tropfen in ein Gewitter. Der
Schneider hatte seinen Stuhl umgeworfen; sie standen sich gegenüber. Dem
Kapellmeister quollen die Augen hervor, sein Gesicht lief blau an. Er griff
sich an den Hals. Ganz heiser:
»Ihr glaubt, Ihr versteht etwas von Musik, weil Eure Frau mit einem Tenor
schläft.«
Schon waren alle auf den Beinen. Blandini, Allebardi und der junge
Mandolini waren noch nicht genug, um den Schneider zu halten. Der schöne
Alfò hängte sich um seine Schenkel, -- indes Nonoggi und der kleine alte
Beamte Dotti in die Wendeltreppe flüchteten. Der Chor drängte gegen die
Wände. Jemand rief: »Hilfe!«
»Was trampelt ihr dort oben?« fragte man hinauf. »Was gibts?«
Der Lehrer Zampieri lehnte sich hinüber.
»Dem Maestro ist nicht wohl. Es ist ein so schwieriges Werk, und er hat es
selbst geschrieben.«
»Man muß jetzt still sein; Pipistrelli ist schon dabei, die Kerzen
anzuzünden.«
Don Taddeo ging zurück auf die linke Seite des Hochaltars. »Wie er gebückt
geht!« bemerkte Mama Paradisi; Frau Zampieri setzte hinzu:
»Man würde glauben, er steige einen Berg hinauf.«
Und auf den Stufen der Kapelle Cipolla, hingekniet im Gewühl, mit Augen
übergroß und voll Kerzenschein, drückten die Mägde Fania und Nanà die
kleinen schwarzen Hände vor die Brust.
»Siehst du das Kreuz? Er trägt das Kreuz. Er trägt für uns das Kreuz.«
Nun brannten alle Kerzen und vermischten auf dem goldenen Grund der Apsis
ihre Flammen zum Geflirr. Die Kessel der kleinen Druso und Coccola
schwangen höher, dichter ballte sich der Weihrauch, woraus die Stimme des
Evangeliums erklang.
Blandini, Allebardi und der junge Mandolini schoben den Schneider hinunter.
Er keuchte nach seiner Frau; aber sie saß dahinten im Haufen, er mußte in
der Vorhalle bleiben. Man hörte noch seine ungleichen Schritte hin und her,
man riet, was er habe, -- da stieg eine Melodie wie aus einer einzigen
befreiten Brust, schwungvoll und voll Zuversicht.
»Das Kredo! Aber das ist glänzend!«
»Es ist aus der >Armen Tonietta<«, behauptete Polli.
»Sieh nur den jungen Mann, ich hätte es ihm nicht zugetraut.« Und da das
Stück aus war, unterdrückt, mit Hälserecken:
»Bravo Maestro!« -- indes Don Taddeo sich, schillernd und funkelnd in
seinem bestickten Gewand, demütiger über den Altar neigte und seine Hände
höher hinauftasteten.
»Komm, heiliger Geist!«
Er wusch sich murmelnd die Hände. Sein Ruf:
»Orate, fratres!«
Ein jähes Aufschwellen des Chores:
»Sanctus! Sanctus! Sanctus!«
Und die bewegte Stille der Erwartung. Schnell flüsterten die Frauen noch
miteinander, durch die Männer ging eine letzte Unruhe . . . Das Klingeln.
In einem großen Rauschen rutschte alles von Bänken, Mauerwerk und Stufen.
Man hörte die Krücken der alten Nonoggi klappern, wie sie hinkniete. Frau
Giocondi, die schnarchte, bekam von ihren Töchtern einen Stoß und tauchte
eilig nieder. Alle Stirnen senkten sich tief, nun Don Taddeo das strahlende
Gefäß erhob. Das kleine weiße Rund darin sah über alles Volk hin, wie des
Gottes gebrochenes Auge, -- und ihm zur Seite erloschen, in einer langen
Stille, vor Müdigkeit und Gram die Augen des Priesters.
»Auch uns Sündern«, sagte er schwach; mit Anstrengung, die Arme, wie am
Kreuz, weit offen gegen das Volk: »Pax Domini!« -- und indes alles sich
räusperte, Stühle umherstieß und hinausdrängte, antwortete seinem Gebet der
Chor:
»Sondern erlöse uns von dem Übel.«
* * * * *
Der Apotheker Acquistapace ward unter den ersten aus der Tür geschoben.
»Was hast du? Was gibts denn zu weinen?« fragte Polli ihn. »Ah! wie sie
schön das Agnus Dei spielen! Wie die Messe rührend und erbauend war! Ich
bin so lange nicht in der Bude gewesen.«
Und da in einem Schub seine Frau erschien, umfaßte er sie und drückte ihr,
links und rechts, zwei dicke Küsse auf. Sie hielt ganz still.
»Es handelt sich nicht darum«, sagte Polli. »Es handelt sich um den
Advokaten. Wir müssen ihn holen.«
Er trat an Malagodi, den Seiler und Scarpetta hinan.
»Habe ich nicht recht, Ihr Herren? Dies ist die Stunde, Frieden zu
schließen. Er ist besser für die Geschäfte, -- und schließlich sind wir
Menschen.«
»Eh! ich sage nicht nein«, erwiderten sie. »Denn wegen des Bürgerkrieges
bleiben die Bauern aus, heute am Sonntag. Das trifft euch: gut; aber es
trifft auch uns.«
Der Gevatter Achille sammelte auch den Bäcker Crepalini und seine Freunde
vor dem Dom.
»Ah! ihr glaubt, der Advokat werde sich an euch rächen? Ihr kennt ihn
nicht. Der Advokat ist ein Gentleman mit dem edelsten Herzen.«
»Ich verbürge mich für meinen Freund,« sagte der Apotheker, »daß er Euch
das Monopol erneuert.«
Dennoch kratzte der Bäcker sich den Kopf und verkroch sich sacht in den
Haufen, der den Kapellmeister beglückwünschte. Er lehnte am Dom, drückte
die heißen Handflächen gegen die Mauer und lächelte verstört. »Ich habe sie
also erbaut«, dachte er. »Ich habe ihre Leidenschaften verklärt; sie fühlen
Frieden. Ich aber mußte leiden, als ich meine Messe erfand, leiden für
Flora Garlinda.«
Da er nichts sagte, schwand der Haufe. Der Kapellmeister lehnte noch immer
und lächelte. Auf einmal streckte ihm, mit einem Gesicht voll glänzender
Gnade, der Cavaliere Giordano die beringte Hand hin.
»Maestro, ich habe eine gute Nachricht für Sie: -- gestern abend schon ist
sie mir mit der Post gekommen; aber ich wollte den Erfolg Ihrer Messe
abwarten, um Ihr Glück verdoppeln zu können. Maestro --«
Mit einer Geste, leicht und glücklich, als bewegte sie einen Zauberstab:
»-- Sie sind zweiter Orchesterdirigent bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi
und werden zur Herbstsaison nach Venedig gehen.«
Das Lächeln des Kapellmeisters erstarrte. Der Cavaliere Giordano winkte die
nächsten zu Zeugen herbei.
»Wie? das ist eine wohlverdiente Auszeichnung. Denn unser Maestro Dorlenghi
ist nicht nur ein Talent, er ist ein sympathisches Talent.«
Man stimmte bei. Frau Camuzzi stieß Frau Paradisi an:
»Ah! Signora Aida, noch soeben stellten wir fest, daß uns nie so fromme
Gedanken gekommen sind, wie in der Messe des Maestro, und jetzt verläßt er
uns.«
»Das ist zu natürlich«, sagte Flora Garlinda. Sie hatte auf einmal große
blasse Halbkreise unter ihren Augen, die todernst blieben, obwohl sie die
Lippen, wie zum Lächeln, von den Zähnen zog. Sie hob die schlaffe Hand des
Kapellmeisters auf und schüttelte sie hart.
»Es war leicht vorauszusehen, daß er uns andere überholen werde. Ich, die
Sie hinter sich lassen, empfehle mich Ihnen, Maestro. Sie müssen wissen,
daß ich Ihnen geholfen habe. Denn ich habe von der Gesellschaft
Mondi-Berlendi der kleinen Rina gesprochen: Sie erinnern sich, Maestro,
Ihrer Geliebten, der Dienstmagd Rina, die Sie dem Cavaliere Giordano
abgetreten haben.«
Man kicherte. Der alte Zecchini pruschte aus. Der Kapellmeister warf sich
plötzlich herum; man sah seinen Nacken heftig zucken, während er sich auf
der Mauer um die Ecke drückte. Der Cavaliere Giordano ging ihm mit
ausgestreckten Händen nach.
»Mein lieber Dorlenghi, wie kann der Irrtum dieser braven Leute --. Ich
versichere Sie, daß nur Ihr ungewöhnliches Talent --.«
»Lassen Sie, Cavaliere, es ist das unverdiente Glück, dem meine Nerven
nicht widerstehen. Und bei alledem --«
Unvermittelt stieß er nach allen Seiten, er hielt sich die Stirn, er
stöhnte wund.
»-- habe ich Sie kompromittiert und in Gefahr gebracht: Sie, meinen
Wohltäter!«
Der Cavaliere begann zu schnuppern.
»Wie denn, mein Lieber? Erklären Sie sich.«
Der Kapellmeister machte, die Fäuste an den Schläfen, fortwährend:
»O! O!«
Vom Platz kam ein Durcheinander von Rufen:
»Wir wollen Frieden! Wir wollen den Advokaten!« -- und immer wieder das
Gebrüll des Savezzo:
»Wenn ihr ihn ruft, werde ich machen, daß ihr die ersten seid, die seine
Rache spüren!«
Der Cavaliere Giordano sah sich unruhig um.
»Was habe ich zu fürchten? Sie müssen nun sprechen.«
»Der Schneider . . .«
Der Kapellmeister legte die Hand um den Mund und preßte die Worte zwischen
den Fingern hervor:
»Ich war von Sinnen, ich wußte seine Beleidigungen nicht mehr zu erwidern
. . . Da habe ich ihm gesagt, Sie betrögen ihn mit seiner Frau.«
Der alte Tenor lachte meckernd.
»Eh! und wenn es wahr wäre.«
»Aber der Schneider tobt, er wird Sie vielleicht umbringen.« Die Miene des
Alten fiel zusammen; er spreizte die Hand.
»Es ist nicht wahr! Ich schwöre, daß es nicht wahr ist. Möglich, daß ich es
versucht habe. Ich leugne nicht, daß ich --«
»Wir wollen den Advokaten! Die Herren sollen ihn holen! Schweige,
Intrigant!«
Der Kapellmeister und der Cavaliere Giordano irrten, die Hände gerungen, im
Kreise umeinander her.
»Ah! diese jungen Leute«, jammerte der Alte. »Immer gleich ist der Kopf
dahin. Die Leidenschaften! Das heiße Blut! Schöne Sache!«
»Was habe ich getan!« stöhnte der Kapellmeister. Der Alte blieb stehen,
sein Kopf wackelte vor Zorn.
»Aber Sie schuldeten mir Rücksicht für meine Wohltaten! Was Sie getan
haben, ist niedrig und gemein!«
Gleich darauf, einknickend, zum Weinen verzogen:
»Er bringt mich um. Wohin verkrieche ich mich jetzt. Ah! ich wußte wohl,
daß ich hier enden würde: in einer Stadt mit weniger als hunderttausend
Einwohnern und umgeben von Geheimnis. Es ist jene verdammte Unsichtbare,
die mich umbringen wird durch die Hand des Schneiders!«
Plötzlich lief er auf krummen Knien davon, in den Corso hinein, lief und
kam nicht von der Stelle. Frau Camuzzi erschien an der Ecke.
»Cavaliere!«
Sie holte ihn ein; sie flüsterte:
»Nicht dorthin. Der Schneider ist auf dieser Seite.«
Da er stöhnend herumfuhr:
»Der Platz ist voller Leute: dort werden Sie am sichersten sein. Gut, daß
Sie noch heute die Stadt verlassen.«
»Ich werde sie nie mehr verlassen.«
»Man muß Vorkehrungen treffen. Ich könnte Sie bei mir verstecken; aber da
der Schneider Ihre Wohnung kennt --.«
»Retten Sie mich!«
Der Alte klammerte sich an ihren Arm. Sie wiegte nur den Kopf. Dem weiten,
stürmischen Haufen, den, aus seinem Innern heraus, die Leidenschaften hin
und her über den Platz schoben, entrangen sich Polli und Acquistapace.
»Alle sind einig; wir gehen zum Advokaten.«
Aber der Savezzo brach hervor:
»Umsonst! Er ist verhaftet, er geht auf die Galeere.«
Der Savezzo riß sich aus der Brust einen Packen schmutziger Papiere, machte
den Finger naß:
»Das ist sein Geständnis! Er hat gestanden, daß er das Feuer gelegt hat.«
Die Menge wich zurück -- und plötzlich stürzte sie vor.
»Laß sehen! Wo!«
»Es ist falsch!« rief donnernd der Apotheker und griff mächtig zu. Er hielt
das Papier in die Höhe. »Der Schurke hat es gefälscht. Da habt ihr den
Schurken. Jetzt wißt ihr, wen ihr auf die Galeere schicken sollt.«
Er stellte die Hand gegen das Geheul des Volkes, stampfte mit dem Holzbein
und schrie, daß ihm die Adern schwollen:
»Laßt ihn! Vergreift euch nicht! Ah! bewundert die Milde des Advokaten. Er
verzeiht allen, die etwas gegen ihn unternommen haben: er verzeiht sogar
diesem und gibt ihm sein Papier zurück.«
Und der Alte reichte es mit großer Geste dem Savezzo, der auf seine Nase
schielte. Das Volk klatschte.
»Bravo! Hole den Advokaten!«
»Der Schneider«, sagte Frau Camuzzi, »hat vom Maestro nicht ihren Namen
gehört, wie, Cavaliere? Nur, daß ein Tenor bei seiner Frau ist, weiß er.
Aber ihr seid zwei Tenore hier. Schicken Sie den andern hin!«
Da er sie ansah:
»Ja, schicken Sie ihn, damit er Sie bei der Frau des Schneiders
entschuldige. Er soll ihr eine Stunde geben statt Ihrer, er soll tun, was
ihm gut scheint; -- wir aber geben dem Schneider einen Wink. Ah! er wird
nicht lange fragen, wie die Sachen liegen; er wird die Überlegung verlieren
. . .«
»Aber das wäre ein Mord«, sagte der Cavaliere Giordano und zog sich einen
Schritt zurück. Frau Camuzzi hob die Schultern. »Ich rate Ihnen, weil Sie
es wünschen. Scheint es Ihnen nicht, daß hinter allen diesen Leuten, bei
der Gasse der Hühnerlucia, der Schneider steht und herübersieht? Was er für
Augen hat!«
»Hilfe! Ich will tun, wie Sie sagen.«
»Mut, Cavaliere! Ich gehe und versuche, ihn zu besänftigen . . . Ah! er ist
fort. Wo war er denn? Aber Sie sind nun gewarnt.«
* * * * *
Der Kaufmann Mancafede stürzte hinter Acquistapace und Polli drein.
»Ihr werdet nicht ohne mich gehen! Bin ich nicht der treueste Parteigänger
des Advokaten, der keinen Augenblick an ihm gezweifelt hat?«
Auch der Herr Giocondi wackelte herbei.
»Und ich? Denn, man muß gerecht sein, ohne meine Verhandlungen mit Don
Taddeo wäre der Advokat niemals wieder an die Oberfläche gelangt.«
Sie erklärten ihm, seine diplomatischen Talente seien im Augenblick nötiger
auf dem Platz, um das Volk in seiner guten Gesinnung zu erhalten.
Vor der Treppengasse warf sich ihnen noch einmal der Savezzo in den Weg. Er
schlug blindlings sich selbst mit den Fäusten, und wie er sprechen wollte,
spritzte es.
»Feiglinge! Elende Feiglinge!« heulte er. »Doppelte Verräter, die abfallen
in der Gefahr und, wenn sichs wendet, wieder herbeikriechen. Ich: ah! ich
gehe unter. Aber ich gehe unter, indem ich euch verachte.«
Mit einem Schlag auf seine Brust, daß sie dröhnte, machte er kehrt.
Sie stiegen schweigend . . . Der Kaufmann wandte sich zum Apotheker:
»Du hättest ihm antworten sollen. Warum hast du ihn nicht
niedergeschlagen?«
Nach einer Weile seufzte Polli:
»Es scheint, daß wir den Kopf verloren und manches geredet haben, was wir
trotzdem niemals getan haben würden. Ich wenigstens darf von mir sagen, daß
ich auch in der Not zum Advokaten gehalten hätte.«
Der Apotheker blieb stumm und ließ den Kopf gesenkt.
». . . Im Zimmer des Advokaten steht seine Nichte am Fenster«, bemerkte
Mancafede. Der Tabakhändler meinte:
»Er wird Trost gesucht haben im Schoß der Familie. Sogleich aber soll er
sehen, daß es auch noch Freunde gibt.«
Und schon von weitem begann er hinaufzupfeifen. Die junge Amelia wandte
sich ins Zimmer zurück.
»Advokat, da kommen drei Herren!«
Der Advokat zuckte im Bett mit den Schultern. Er behielt die Augen
geschlossen. Die Witwe Pastecaldi sah hinaus.
»Gottlob, es sind Freunde.«
»Was denn, Freunde,« -- und Galileo Belotti zog die Brauen bis unter die
Haare hinauf. »Es gibt keine Freunde mehr. Sie werden dem Advokaten sagen
wollen, daß er auf die Galeere kommt.«
»Du bist gottlos. Siehst du nicht, daß der Advokat krank ist? Du würdest
besser tun, auf den Platz zu gehen, zu den anderen häßlichen Leuten. Würde
er nicht besser tun, Doktor?«
Der Doktor Capitani, der das Nachtgeschirr des Advokaten untersuchte,
stimmte zu.
»Du würdest besser tun, du würdest besser tun, pappappapp. Aber wenn der
Platz langweilig ist ohne den Advokaten.«
Und Galileo kugelte polternd durchs Zimmer.
»Galileo!« rief, gleich unter dem Hause, die Stimme des Tabakhändlers.
»Sage dem Advokaten, daß wir gekommen sind, um ihn zu verhaften.«
Die Witwe Pastecaldi stieß, die Faust an der Wange, einen Schrei aus, wie
ein kleines Mädchen.
»Was habe ich gesagt«, -- und Galileo streckte die Brust heraus. Der
Advokat tat einen Ruck; rasch stützte der Doktor ihn.
»Auch das härteste Geschick wird mich stark finden«, sagte der Advokat und
beschrieb mit der Hand einen Bogen, der zitterte. »Aber ich fühle mich
nicht verloren; denn --«
Er fand Stimme:
»-- ich glaube an die Gerechtigkeit des Volkes.«
Da flog die Tür auf. Polli rief herein:
»Guten Tag die Gesellschaft. Ist der große Mann zu Hause?« Aber sogleich
verstummte er und machte einen Schritt rückwärts.
»Signora Artemisia,« flüsterte der Apotheker, »was gibts? Der Advokat sieht
uns nicht an, geht es ihm sehr schlecht?«
Da sie nur die gefalteten Hände erhob:
»Dann müssen wir dem Volk wohl sagen, daß es ihn nicht haben kann. Denn das
Volk will ihn wieder haben.«
»Wie? Wollt ihr ihn nicht verhaften?« fragte Galileo.
»Was denn! Versteht Ihr nicht, daß das ein Scherz war?« sagte Polli. »Das
Volk ruft dich, Advokat.«
»Da bin ich«, sagte der Advokat und zog die Beine unter der Decke hervor.
Er schob den Doktor fort, -- aber dann saß er in seinen Unterhosen auf dem
Bettrand und konnte nicht weiter. Seine Schwester stürzte herbei.
»Du wirst dich ruinieren, Advokat. Der Ruhm bringt dich um.«
»Was, Ruhm!« -- und Galileo erklärte den Herren:
»Er hat zu viele warme Bäder genommen, der Advokat. Immer gerade, wenn man
essen will, braucht er die ganze Küche für sein heißes Wasser. Und dann,
versteht sich, sieht man in seinem Bureau seit vier Wochen nichts anderes
mehr, als Unterröcke . . .«
Die Schwester jammerte auf.
»Ich habe es dir immer gesagt, Advokat, wenn du an der Macht wärest,
könntest du den Frauen nichts abschlagen und sie würden dich ruinieren.
Jetzt ist es geschehen.«
»Denn der Advokat«, schloß Galileo, »hat heute morgen in der Badewanne
einen Schlaganfall gehabt.«
Der Advokat war plötzlich auf den Füßen, er klopfte die Luft mit dem
Handrücken.
»Was für Albernheiten! Einen Schlaganfall, ein Mann wie ich! Sagen Sie den
Herren, Doktor, daß ich ganz gesund bin!«
»Es war nur ein wenig Schwäche«, entschied der Doktor; »denn, Advokat, es
sieht ganz so aus, als hätten Sie wieder mehr Zucker verloren!«
Der Apotheker kam, schwer stelzend, herbei; er nahm die Hand des Advokaten.
»Mein armer Freund, du hast gelitten. Wir, das Volk, haben dir Leiden
verursacht. Jetzt aber wollen wir dich wieder haben und dir danken. Komm!«
»Ich komme, es geht schon besser. Meine Kleider! Ah! das Volk ruft mich.
Sie, Doktor, wollen mich krank; aber das Volk will mich gesund, und es ist
stärker als Sie, ich bin gesund.«
Er umarmte den Freund, die Schwester und den Arzt.
»Ihr Gesicht ist schon weniger grau,« sagte der Doktor Capitani, »Ihre
Augen haben schon Glanz. Ich lasse Sie also dem Volk, -- wenn Sie mir
versprechen, daß Sie in Zukunft nehmen wollen, was ich Ihnen gebe.«
»Mehr als das! Ich nehme auch, was Sie mir nicht geben!« -- und der Advokat
tätschelte ihm den Bauch, er küßte ihn schallend auf die breiten blonden
Backen.
»Wie Sie sympathisch sind, Doktor! Ah! wie wir alle glücklich sind. Ich
habe wohl gewußt, es werde so kommen. Nie habe ich den Glauben verloren an
die Gerechtigkeit des Volkes.«
»Nicht diese Hose!« rief Polli. »Es ist ein großer Tag; der Advokat muß
gekleidet sein, wie zu seiner Hochzeit.«
»Wo hast du die neue?« fragte die Witwe Pastecaldi. »Sieh doch Galileo: er
hat sie gefunden.«
Galileo polterte:
»Wenn einer die Sachen des Advokaten kennt, bin ich es.«
Die Schwester band dem Advokaten die Krawatte. Mancafede äußerte:
»Als ich sie dir verkauft habe, wer uns da gesagt hätte, du würdest sie auf
einem solchen Feste tragen. Denn wir haben alle besiegt. Don Taddeo hat uns
um Gnade gebeten.«
»Es ist nicht wahr«, sagte der Apotheker. »Er hat uns alle zum Frieden
ermahnt. Gott hat ihn vernünftig gemacht: so hat er nun eingesehen,
Advokat, daß du ein Mann von großem Verdienst bist.«
»Und daß auch er einer ist,« sagte der Advokat, »das weiß ich seit heute
nacht.«
Er ließ sich vom Doktor den Rock anziehen und griff nach dem Hut.
»Gehen wir! Artemisia, komm!«
Sie betastete ihr ländliches Mieder.
»Wie kann ich. Das Volk wird dich auslachen, wenn es mich bei dir sieht.«
Er antwortete:
»Sei ruhig, das Volk wird nicht verlangen, daß ich etwas anderes sei, als
es selbst.«
»Der Advokat auf die Galeere?« sagte am Fenster aus ihrem weißen Mullkleid
die junge Amelia, die Augen weit verdreht. Man mußte ihr einen Stoß geben.
Wie sie aus dem Hause traten, ging gerade ein Schuß los, und drunten schrie
das Volk auf.
»Beim Bacchus«, sagte Polli. »Sie haben auch die Kanone aus dem Rathaus
geholt.«
»Wenn sie nur kein Unglück anrichten«, sagte der Advokat. »Ich werde
nachsehen müssen.«
»Eh!« machte der Apotheker, »glaubst du, es sei nichts Wichtigeres zu tun?
Don Taddeo will dir den Schlüssel zum Eimer geben.«
Da der Advokat mit offenem Munde stehen blieb, äußerte Mancafede:
»Du siehst, daß er Furcht vor uns hat.«
Der Advokat erlangte Worte:
»Wie? Das Gericht hat ihm den Eimer zugesprochen, und er will --. Das ist
ja ein Dummkopf!«
Sein Lachen brach ab, er ging weiter.
»Ich wollte sagen, daß ich das nicht getan haben würde. Man sieht, daß Don
Taddeo eine erlesene Seele hat.«
Bis zur Ecke sprach er nicht mehr, -- und da öffnete drunten sich der
Platz, summend und schwarz, und schon stürmten ausgestreckte Hände herauf,
und Schreie knatterten:
»Da ist er! Da ist der Advokat! Es lebe der Advokat!«
Er hielt an auf dem letzten Absatz der Treppe; die Seinen zogen sich einige
Stufen zurück; und in weitem Bogen senkte er den Hut vor dem Volk, das ihn
begrüßte. Der Schatten des Rathauses fiel über ihn, über sein Gesicht, das
er zurücklehnte, -- und dennoch sah man breite Sonne darauf. Ja, sie dehnte
die Muskeln im Gesicht des Advokaten, verklärte die gegerbte Haut, machte
alle Runzeln hüpfen und sandte weithin einen Schein aus.
»Nie hat man den Advokaten so gesehen«, riefen die Frauen. »Er ist schön!«
Die Männer sagten einander:
»Wir sollten den Advokaten wirklich ins Parlament schicken, damit sie in
der Hauptstadt sehen, welch einen großen Mann wir haben.«
»Meine lieben Freunde«, sagte der Advokat erstickt und schüttelte Hände.
Der Apotheker drang vor: »Platz, Ihr Herren!« und vom Dom her bahnte der
Leutnant Cantinelli die Gasse. Wie der Advokat hineinging, sah er drüben
einen andern sie betreten: Don Taddeo! Und über den Dom herab hing die
päpstliche Fahne! Da fing auf dem Turm die Glocke an zu läuten, und
sogleich dröhnte auf der andern Seite ein Schuß. Der Advokat fuhr herum:
vom Rathaus flatterte die Trikolore. »Es lebe der Advokat!«
Sie ließen ihn nicht weiter, bevor nicht jede Hand geschüttelt war; und er,
bleich vor Glück, erkannte kaum noch die Gesichter. Plötzlich:
»Camuzzi! Ah!«
Mit einem Blick auf die Trikolore:
»Mein lieber Freund Camuzzi!«
»Den Hymnus an Garibaldi!« schrie der Apotheker. Denn vor seinem Hause,
hinter dem Wogen des Volkes blitzten die Musikinstrumente. Darüber
schwenkte, auf einem Stuhl, der Gevatter Achille seine Fahne.
»Den Hymnus an Garibaldi!« wiederholte das Volk. Der Unterpräfekt, Herr
Fiorio, konnte gerade noch dem Maestro in den Arm fallen. Er beschwor ihn
um den Königsmarsch.
Der Marsch sprengte daher, man klatschte; der Advokat entriß sich dem Volk;
er sah auf sich zu den großen rostigen Schlüssel kommen, den Don Taddeo mit
beiden Händen vor sich hinhielt. Don Taddeo war bleich, als sei er tot;
seine scharf roten Augen wichen nie von dem Advokaten. Wenn eine Frau sich
nach seiner Soutane bückte, um sie zu küssen, tat er eine rasche Wendung,
sonst aber hielt er, obwohl alle von ihm die Hände ließen, seine Schritte
lange zurück, als wollte er diesen Gang verlängern, immer noch verlängern
. . . Der Advokat streckte plötzlich beide Hände aus und begann zu eilen.
Er hatte eine achtungsvolle Miene, und fast lief er. So trafen sie sich,
noch ehe Don Taddeo beim Brunnen war. Er hielt den Schlüssel weiter von
sich, der Advokat nahm ihn mit einem Kratzfuß. Dann zogen sie sich leise
voneinander zurück. Das Volk wartete, verstummt. Der Advokat hüstelte, und
Don Taddeo sah zu Boden. Auf einmal hatte er mit einem Lächeln die Augen
aufgeschlagen und der Advokat die Arme ausgebreitet. Der Beifall des Volkes
umstürmte sie, wie sie einander auf der Brust lagen. Am Dom klatschte die
Fahne des Papstes, gelb und rot gleißend, in ihre schweren Falten. Der
Gevatter Achille warf über dem Gewimmel sein weiß-rot-grünes Tuch rasend
hin und her durch die blaue Luft. Pipistrelli zog nun beide Glocken, er
ließ sie tanzen. Die Musik setzte sich in Bewegung, im Eilschritt blies sie
ihr Stück, wie einen berauschenden Wind, um den Platz; -- und da ging zum
drittenmal die Kanone los. Don Taddeo und der Advokat hielten sich an den
Händen; »Es lebe der Advokat! Es lebe Don Taddeo!« -- und indes jeder sich
nach seiner Seite verneigte, gaben in der Mitte ihre Hände sich manchmal
einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab: gerade
wie man es in der »Armen Tonietta« an der Primadonna und dem Tenor gesehen
hatte.
»Es lebe Don Taddeo!«
Die Frauen brachen die Scheu, sie warfen sich über ihn, er bekam schallende
Küsse auf die Wangen, stand da mit einem Fleck Röte unter den Augen und
einem flüchtenden Lächeln.
»Es lebe der Advokat!«
»Meine lieben Freunde! Da ist der Schlüssel zum Eimer!« -- und er reckte
sich hinauf. »Wir haben ihn zurück; jetzt werden wir den Komödianten den
Eimer zeigen!«
»Wir werden den Komödianten den Eimer zeigen!« rief das Volk. Der Advokat
drückte den Finger auf den Mund, er schielte nach Don Taddeo. Aber Don
Taddeo erklärte hastig, mit Spreizen und Einziehen der Hand, die
Komödianten sollten nur kommen, er wolle mitgehen.
»Wie, Reverendo?« -- und der Advokat lüftete mehrmals nacheinander den Hut.
»Welch Heiliger!« sagte das Volk, indes Gaddi und der Cavaliere Giordano
herbeigeschoben wurden. Der Advokat stellte sie dem Priester vor.
»Der Cavaliere ist ein über den Erdkreis hin berühmter Mann, dem die
Menschheit für hohe Dinge verpflichtet ist. Der Herr Gaddi aber hat heute
nacht an der Spritze gearbeitet wie einer von uns. Sie freilich, Reverendo,
der Sie mehr getan haben als alle --«
»Große Sünden«, sagte Don Taddeo rasch und preßte die Hand auf die Brust,
»verlangen große Tugenden; und was ich erkannt habe, ist, daß unsere
Verdienste eins sind mit unserer Schuld.«
»Ich bin Ihrer Meinung«, sagte der Advokat. »Wir werden immer nur tun
können, was wir schulden, und das wenige Gute, das mir zu vollbringen
erlaubt ist --«
Mit einem Bogen des Armes:
»-- das kommt mir vom Volk.«
* * * * *
Es ward geklatscht, -- und ein langer Schub beförderte die beiden samt
ihren getragenen Mienen bis vor die Tür des Turmes. Keiner wollte
vorangehen; sie drehten einander rundum und wurden drehend hineingestoßen.
Die Menge quoll nach. Über die Stufen zum Dom schwemmte eine Welle Volkes.
Ihr entstieg der Savezzo und drückte sich unbemerkt unter die Matratze. Er
schlich durch die Vorhalle. Aus all den leeren Bänken dahinten erhob sich
ein einziges, dämmerweißes Gesicht.
»Sie hier, Herr Savezzo?« fragte Frau Camuzzi.
»Da Sie mir ein Zeichen gegeben haben --.«
»Ich, ein Zeichen?«
Die Stimmen klappten von den Pfeilern zurück; Frau Camuzzi flüsterte:
»Sie irren sich . . . Aber Sie sind im Mantel, und Sie tragen ein Bündel?«
»Ja. Denn ich gehe; ich verlasse den Schauplatz meiner Niederlage. Lieber
in der Fremde einen neuen Kampf beginnen, als hier den frechen Triumph des
alten Feindes erleiden.«
Gedämpfter Jubel drang in die Stille.
»Hören Sie?« -- und er knirschte. Er warf seinen Hut auf den Boden.
»Heben Sie ihn auf,« sagte Frau Camuzzi, »wir sind in der Kirche. Da Gott
selbst für den Advokaten ist, werden Sie die Dinge nicht ändern.«
»Ich werde sie ändern, -- nachdem ich draußen gesiegt habe und groß
geworden bin.«
»Ich«, sagte Frau Camuzzi und seufzte still, »habe einen Mann, der
Gemeindesekretär ist und bleibt. So muß ich wohl in der Stadt mein Leben
enden und warten, ob es den Heiligen gefällt, mich zu erhören.«
»Ich stürze mich in die große Welt! Welch andere Interessen und
Leidenschaften!«
»Glauben Sie?« -- ganz sanft den Kopf geneigt.
»Man wird von mir hören. Nachdem ich in der Hauptstadt ein großer
Journalist geworden bin, den alle fürchten, kehre ich zurück, und der
Advokat wird dann sehen, wen man ins Parlament schickt. Ah! wie ich
aufräumen will in der Stadt. Zu welchem Brei ich die herrschenden Familien
zerstampfe! Ich sehe den Platz mit bankerotten Leichen bedeckt.«
Er schielte schwarz, und das Knirschen verrenkte seinen Mund. Draußen
heulte es auf:
»Zurück! Um Gottes Liebe! Man erstickt!«
Die beiden sahen sich an.
»Es scheint,« sagte langsam Frau Camuzzi, »daß der Turm, der ein wenig eng
ist für solch großes Fest der allgemeinen Versöhnung, Ihnen die Mühe
abnimmt, Herr Savezzo, und alle umbringt.«
Ihre Mundwinkel zitterten; durch ihre Augen strich ein Blitz, aber sie
deckte sogleich die Lider darüber. Nach einer Weile:
»Sie fahren also mit den Komödianten in der Post?«
Er breitete die Flügel seines Mantels aus.
»Ich gehe zu Fuß, wie es sich für einen harten und armen Eroberer schickt,
und in denselben Schuhen, die eine feindliche Menge mir zerrissen hat.«
»Dann wird es Ihnen um so leichter sein, unterwegs jemandem ein Wort zu
sagen . . . Der Alba Nardini in Villascura: Sie sagen ihr, der Tenor werde
sie warten lassen, er sei aufgehalten bei der Frau des Schneiders
Chiaralunzi.«
Er schloß seinen Mantel über den Armen, die er kreuzte. Forschend von
unten:
»Wie haben Sie das gemacht?«
»Die Heiligen! Das taten die Heiligen . . . Vielleicht war es mein Gebet,
das sie bewog? Gleichviel, es handelt sich um die Interessen des Himmels,
dessen Braut die arme Alba ist, -- und sollen nicht, nun alle zur Eintracht
bekehrt sind, auch wir ein wenig Gutes tun?«
»So hat dieser eine Tenor Sie tiefer gekränkt, als mich die ganze Stadt?«
Da er einen schwarzen Blick bekam:
»O lassen Sie! Ich weiß nichts, und ich tue, wie Sie wollen. Was daraus
entsteht, kümmert es mich? Ich bin ein Fremder, der vorübergeht und ein
Wort fallen läßt. Könnte davon die Stadt zusammenstürzen!«
Er warf den Zipfel seines Mantels um sich her, daß er über die andere
Schulter wieder zurückflog.
»Auf Wiedersehen, wenn ich Sieger bin!«
Und er ging davon, mit Schritten, die wüst hallten. Wie hinter ihm die
Matratze fiel, hob Frau Camuzzi leise die Schultern.
Draußen brach Geschrei aus:
»Der Savezzo!«
Der Überschuß von Volk, den der Turm zurückspie, umdrängte die Stufen zum
Dom.
»Seht den häßlichen Affen! Es scheint, daß er es ist, der uns in den
Bürgerkrieg gehetzt hat. Sollte er nicht auch das Gasthaus angezündet
haben? Ergreift ihn doch!«
Der Savezzo grub das Kinn in den Mantel. Den Hut über den Augen, die
Schultern nach vorn geworfen, sprang er polternd hinab, brach hindurch,
stampfte von dannen.
»Hohoho!« machten die Fortgeschleuderten und rieben sich. Der Savezzo
verschwand in der Rathausgasse. Eine Frau sagte:
»Auch er will leben, der Arme; und wer weiß, auf welche harte Reise er
geht.«
* * * * *
»Da kommt das Fräulein Italia. Beeilen Sie sich, Fräulein, der Advokat
zeigt euch Komödianten den Eimer. Warum sind Sie nicht früher gekommen?«
Italia hatte ihr Kleid ausbessern müssen; alle anderen waren ihr durch
Feuer und Wasser verdorben.
»Wie?« riefen Frau Druso und die Magd Pomponia, »so werden Sie die Stadt
ärmer verlassen, als Sie gekommen sind? Kann man es dulden, Signora Aida?«
»Platz für das Fräulein Italia!« -- und der dicke alte Corvi nahm sie bei
der Hand, er zwängte sich mit ihr in den Turm. Sein Bauch schob links und
rechts die Leute an die Wand; und auf jeder Stufe hieß es:
»Ah! das Fräulein Italia. Sie ist gerade noch entwischt, dank Don Taddeo
. . . Es freut mich so sehr, Sie gesund zu sehen, Fräulein . . . Er ist
droben, Don Taddeo, im Zimmer des Eimers. Der Advokat hat schon nach Ihnen
gefragt.«
Man hörte ihn sprechen. Wie Italia auf der Schwelle erschien, brach er ab.
»Treten Sie ein, Fräulein! der Eimer erwartet Sie, er hat dreihundert Jahre
auf diese Stunde gewartet. Sehen Sie ihn an, Fräulein, sehen Sie ihn gut
an!«
Italia sah hinauf, wo er hing; es waren morsche kleine Bretter, die
auseinanderklafften und durch eiserne Ringe vor dem Herabfallen behütet
wurden; -- und dann suchte sie, zweifelnd, die Gesichter der andern. Don
Taddeo blickte, die Hände zusammengelegt, durch das Fenster starr ins
Leere. Flora Garlinda verzog den Mund, und der Cavaliere Giordano hatte
einen Taschenspiegel hervorgeholt. Hinter der Menge sah sie Nello Gennari
sich heimlich wälzen, wie ein Junge; Gaddi mußte ihn halten; da wagte
Italia es.
»Mit dem Eimer könnte man kein Wasser schöpfen«, sagte sie.
»Aber eine Lehre läßt sich damit schöpfen«, erwiderte der Advokat
pünktlich. »Dieser Eimer, ein so armes, verbrauchtes Ding er scheinen mag,
lehrt uns dennoch«, -- und der Advokat erhob die Stimme, »den Glauben an
den menschlichen Fortschritt!«
Er bewegte die gerundeten Arme, als zöge er alle herein, die über die
Schwelle des vollgestopften Gelasses die Hälse reckten.
»Denn als wir ihn zum erstenmal eroberten, da war es ein großer, grausamer
Krieg, in dem die von Adorna so viel Blut lassen mußten, daß man den Eimer
damit füllen konnte. Jetzt aber: niemand ist unterlegen. Wir alle bleiben
Sieger, da jeder sich selbst besiegt hat und jeder entschlossen ist, nur
noch im Wettstreit des Guten mit dem andern zu kämpfen!«
Er ließ, mit glänzendem Lächeln, den Beifall verrauschen.
»Sie aber, Fräulein Italia, umarmen Sie Ihren Retter, wie wir alle ihn
umarmen; denn er rettete nicht nur Sie.«
»Wo ist Don Taddeo?«
Vergebens durchwühlte sich die Menge. Auf der Treppe rief jemand:
»Er ist drunten auf dem Platz!«
Gerade zog er, ganz oben, den Riegel von der Tür zur Plattform. Er huschte
hinaus, er hielt mit beiden Händen die Tür zu, er zitterte vor jäher
Auflehnung: »Geht! Warum quält ihr mich noch! Ists nicht genug, was ich
euch geopfert habe?«
Niemand hörte ihn. Der Advokat gelangte, von einer Welle Volkes
hinabgeschwemmt, auf den Platz. Er verlor, sooft er auch stolperte, sein
seliges Lächeln nie, und den Schlüssel zum Eimer reckte er immer hoch aus
dem Schwall.
»Der Advokat soll ihn um den Hals hängen!« verlangte das Volk; und man
suchte nach einer Schnur.
»Das Band, das du im Haar hast, würde passen«, sagte der Doktor Capitani zu
seiner Frau. Sie nahm es, mit hochroten Wangen, vom Kopf und zog es durch
den Schlüssel. Als sie es ihm um den Hals knüpfte, sagte der Advokat:
»Man weiß, wie ich denke: all unser Ruhm wäre umsonst, ohne den Lohn der
Frauen!«
Die Frauen klatschten. Der Advokat küßte der Jole Capitani die Hand; im
Lärm flüsterte er ihr zu:
»Deine Liebe hat mich aufrecht erhalten.«
Und er glaubte es, -- so gut er auch wußte, daß heute nacht, als alle ihn
verleugnet hatten, die Geliebte nicht stärker gewesen war als alle. Er
drückte die Hände, wie sie kamen; und wo er sie zaudern sah, als hielte ein
befangenes Gewissen sie auf, da zog er sie an sich.
»Eh! Scarpetta, die Lieferungen für das Rathaus sind heute nacht nicht
mitverbrannt . . . Wie denn, Malagodi! das sind menschliche Irrungen, und
im Grunde haben wir nie vergessen, daß wir zueinander gehören . . . Man
sagt mir, Crepalini, Ihr fürchtet für Euren Vertrag? Welch seltsame
Einbildung. Dagegen bitte ich Euch, wenn die Komödianten wiederkommen, um
einen bescheidenen Platz in Eurer Loge, denn die mein war, wird dann Euer
sein.«
Da er an den Apotheker geriet:
»Und du, Freund Romolo? Diese Freudentränen, man darf es sagen, haben wir
uns verdient.«
Sie umarmten sich. Der alte Krieger stammelte am Hals des Freundes:
»Ich kann in die Hölle kommen; aber das eine weiß ich: aufhängen werde ich
mich niemals mehr, -- da ich es heute früh nicht getan habe.«
Der Advokat drückte ihn fester; -- wie er aber dann das Schnupftuch zog,
hatte er plötzlich ein paar andere Arme um den Hals, und noch eins und noch
eins. Billiger Puder stäubte ihn in die Nase, Federn kitzelten ihn; grelle
kleine Stimmen, mehlweiße Stumpfnasen und bunte Fähnchen, alles wirbelte um
ihn her.
»Du bist der schönste Mann der Stadt, Advokat, mit deinem Schlüssel am
blauen Band . . . Wie glücklich bin ich, daß Sie wieder gesund sind . . .
Nie werden wir unsern Direktor vergessen . . . Keiner mehr gibt uns solche
Vorschüsse . . .«
Der Advokat sträubte sich, er lugte nach Jole Capitani umher. »Seid gut,
Kinder«, murmelte er. Die kleinen Choristinnen lachten auf, alle auf
einmal, und entflatterten. Die jungen Leute in großen Hüten und bunten
Halstüchern fingen sie ein.
»Alle hierher!« rief es vom Café »zum Fortschritt.« »Die Herren zahlen.«
»Auch hier wird bezahlt!« schrie beim Café »zum heiligen Agapitus« der
Bäcker. Er setzte hinzu:
»Aber nur ein Glas, und du warst schon einmal hier.«
Es strömte rascher über den Platz. Alle Gesichter waren heller, alle
Stimmen lauter. Mama Paradisi und ihre Töchter, Frau Camuzzi, die Damen
Giocondi kehrten frisch gepudert aus ihren Häusern zurück. Man sagte:
»Niemand würde glauben, daß wir die ganze Nacht auf den Beinen waren.«
»Welch schöne Sache: die Eintracht und die Freigebigkeit!« verkündete der
Herr Giocondi. »Sogar der Herr Salvatori hat seinen Arbeitern den Lohn
erhöht.«
»Ich denke nicht daran!« rief der Herr Salvatori. »Der Herr Giocondi will
mich hineinlegen, weil seine Fabrik jetzt mir gehört.«
Aber es nützte ihm nichts; schon war er umringt, seine Arbeiter waren
herbeigeholt, und er ward beglückwünscht und gerühmt, bis er vor Stolz
weinte und den Arbeitern auch noch Wein gab.
»Und seit zwanzig Jahren nennt man ihn einen Geizhals«, sagte Frau Camuzzi,
sanft zischelnd. »Wie viele Vorurteile müssen wir ablegen, arme Unwissende,
die wir sind. Ich meinesteils halte eine Komödiantin für meinesgleichen.«
Sie umarmte Italia, und man klatschte. Die Mägde Fania und Nanà riefen
umher, daß der armen Komödiantin alle Kleider verbrannt seien. Ringsum
wallte es auf vor Mitleid; Frau Nonoggi war sogleich mit einer Winterjacke
da, Frau Acquistapace mit einem Rock: »Möge er Euch Glück bringen, ich habe
ihn öfter in der Kirche getragen als im Theater;« -- und Mama Paradisi zog
schon die Nadeln aus ihrem neuen Riesenhut. Ihre Hände zitterten dabei,
aber obwohl man Einspruch erhob, er sei der Stolz der Stadt, beharrte sie
bei ihrem Opfer: Italia mußte ihr erst weinend in den Arm fallen.
»Wie wir alle gut sind!« sagte Frau Camuzzi.
»He! Freund Giovaccone!« -- und der Gevatter Achille wühlte sich hindurch.
»Ich habe wohl gesehen, daß der Dummkopf von Savezzo dir einen Strega-Likör
ausgeschüttet hat, und kann mir denken, daß es deine einzige Flasche war.
In einem Geschäft wie meinem gibt es mehr davon; da hast du eine, ich helfe
dir aus. Man muß vernünftig sein, die Stadt wird uns beide nähren.«
»Alle glücklich!« -- und der Herr Giocondi kniff seine Frau in die Wange,
so daß sie müde lächelte. »Unsere Töchter werden Männer bekommen, denn in
meiner denkwürdigen Unterredung mit Don Taddeo hat er mir versprochen, euch
welche zu verschaffen. He, was sagt ihr zu eurem Vater, der an nichts denkt
als nur an euch?«
Er machte den Mund spitz, und Cesira warf sich unter erstickten
Jubelschreien mit den Lippen darauf. Die Augen der entlobten Rosina wurden
blank und weich; sie dachte:
»Sollte es dennoch ein Glück geben?«
»Das alles ist so schön, weil wir glücklich sind, Alba und ich«, sagte
Nello sich und ging, allein und unermüdlich, hin und her durch das besonnte
Volk. Wie alles schwebte, wie alles traumhaft leicht war! Man wünschte, und
es war da. »Ich wußte nicht, wo ich mich verstecken sollte, wenn die andern
fortziehen: da spricht mir der Cavaliere von dem Schneider! Es ist, als
habe Gott ihn geschickt, oder als komme er von Alba selbst. Aber ich wußte
wohl, die Menschen könnten nicht böse bleiben, wie sie heute nacht waren;
sie müßten glücklich werden wie wir. Nun wollen alle mir wohl . . .«
Und er schickte dankbare Blicke zu den beiden Fräulein Paradisi, die sich
früher seinetwegen geschlagen, in dieser Nacht aber tobend auf ihn
eingeschrien hatten und die jetzt für ihn ihre Fächer spielen ließen. Nina
Zampieri hängte sich, wenn sie an Nello vorbeikam, fester in den Arm ihres
Verlobten, des jungen Mandolini, und sie schlug die Augen nieder, als
erinnerte sie sich an den Beifall, den sie in der Nacht dem Sturz des
jungen Sängers geklatscht hatte, wie an eine unkeusche Handlung.
Überall aber war der Barbier Bonometti, starrte aus seinem großen Zahntuch
jeden stolz an und rief:
»Der Advokat ist ein großer Mann!«
Dann sahen viele weg oder verschwanden. Nello Gennari hielt ihn an.
»Ihr habt recht behalten, Herr Bonometti, und die Euch mißhandelt haben,
fürchten Euch jetzt. Aber da alle sich versöhnen, solltet nicht auch Ihr
sie lieber schonen?«
Nello lächelte zärtlich, er dachte: »Welch schöner Gedanke!
Habe ich selbst ihn gefunden? Es ist Alba, die durch mich denkt: es ist
Alba!« Er setzte noch hinzu:
»Auch werdet Ihr dem Advokaten damit nützen.«
»Wer recht hat, sind Sie!« -- und Bonometti riß sich das Tuch ab, er warf
es in die Luft.
»Es lebe der Advokat!«
Da riefen alle mit, und der Advokat machte Kratzfüße. Plötzlich stürzte er
sich auf die beiden Fräulein Pernici, die nicht mitriefen und die lange
Mienen hatten.
»Wie? Es gibt noch Mitbürgerinnen, die nicht zufrieden sind? Ich weiß,
meine Damen, Sie haben Schaden erlitten. Ich könnte Ihnen erwidern, daß Sie
nicht nötig hatten, mit Ihren Federhüten auf dem Arm sich ins Gedränge zu
begeben; aber ich werde es nicht erwidern. Die Furcht verdunkelte in Ihren,
wie in unser aller Köpfen das Bild der Tatsachen. Auch war keine
Dampfspritze da. Das ist die Wahrheit, die ich niemals leugnen werde: es
war keine Dampfspritze da. Und darum, o meine Damen --«
Er bewegte den Arm über den Kreis der Zuhörer.
»-- da Don Taddeo dem Malandrini sein Haus bezahlt: die Frauen nennen mich
ihren Freund, sie sollen sich nicht geirrt haben: ich bezahle Ihnen Ihren
Putz.«
Alle Hände rasten, -- und der Advokat, die Brust gewölbt unter dem großen
rostigen Schlüssel, suchte weiter.
»Gaddi!« -- mit weit ausgestreckten Händen. »Sie, der Sie heute nacht an
Bürgertugend uns alle übertroffen haben, wollen Sie uns denn wirklich
verlassen? Wir verlieren Sie, Freund, mit Schmerz.«
Es sei nun so, erwiderte der Bariton, was solle man machen.
»Eh! und wenn wir Sie dabehielten? Ich will mit unserm Gemeindesekretär
sprechen; er ist mein lieber Freund, ich bin sicher, daß er Ihnen in einem
unserer Bureaus einen Posten als Vorstand gibt. Sie sind ein Familienvater,
Gaddi, ein tüchtiger Mann. Wie? kein Umherziehen mehr, keine Sorgen!«
Gaddi sagte:
»Die Sache verdient, überlegt zu werden . . . Und doch, nein. Ich danke
Ihnen, Herr Advokat. Man stiege nicht länger in Lokalzüge, und die Zukunft
wäre sicher, wohl wahr. Aber hätte man noch solche Freunde? -- und würde
man noch wie jetzt, so mittelmäßig man immer singen mag, zuweilen die
großen Dinge fühlen, die das Leben hat?«
»Eh! auch andere fühlen sie . . . Sie wollen nicht? Es ist schade, denn Sie
wären wert, einer der Unseren zu sein.«
Und da er den Cavaliere Giordano gewahrte:
»Sie wenigstens, Cavaliere, werden uns bleiben, auf marmorner Tafel. Ihr
großer Name verläßt nie wieder die Stadt!«
Der alte Tenor geriet in Bewegung.
»Meine Gedenktafel ist also nicht abgelehnt?«
»Abgelehnt oder nicht: der Gemeinderat wird glücklich sein, seinen Irrtum
berichtigt zu sehen. Beim Bacchus, ich werde ihm keine Tafel am Rathaus
mehr zumuten. Man muß als Politiker handeln, der mit den menschlichen
Schwächen rechnet: ein Mann wie Sie, Cavaliere, versteht mich. Aber -- he,
Malandrini!«
Er holte den Wirt herbei.
»Sie, Malandrini, dem Don Taddeo sein Haus neu aufbaut, werden sich nicht
weigern, auf Ihre Kosten eine Gedenktafel für Ihren berühmtesten Gast daran
zu befestigen.«
»Aber er war nicht mein Gast«, sagte Malandrini.
»Ich war nicht sein Gast«, sagte der Cavaliere Giordano. Der Advokat
fuchtelte.
»Wenn schon! Soll an solcher Kleinigkeit ein großer Plan scheitern? Die
Nachwelt, Cavaliere, wird Ihren Ruhm bewundern, wo immer sie ihn findet.«
»Ich sage nicht nein«, erklärte der Wirt. »Vielleicht, daß die Engländer
kommen, um die Inschrift zu lesen.«
»Welch schönes Genie ist das Ihre!« -- und der alte Sänger fiel dem
Advokaten um den Hals.
* * * * *
Aber die Menge tat einen Stoß gegen die Treppengasse. Dort in der Ecke
stand schimpfend auf seinem Postwagen das rote Gesicht des Kutschers
Masetti.
»Man fährt nicht ab! Die Komödianten sollen hier bleiben!« befahl das Volk.
Der Advokat eilte hinüber; er stellte den Antrag, vor der Abreise der
Komödianten sollten alle auf dem Platz frühstücken. Masetti schrie umsonst,
es sei zehn Uhr; wenn man schon das Ende der Messe abgewartet habe --
»Herunter!« schrie das Volk und holte ihn vom Bock. Schon hatte es die
Tische des Gevatters Achille und des Freundes Giovaccone schräg über den
Platz geschoben, daß sie unter den Rathausbogen zusammenstießen. Man deckte
sie, die Frauen schleppten ihr Geschirr herbei. Mama Paradisi trug selbst
ihre riesige Suppenschüssel auf, der Krämer Serafini brachte Würste, und im
Nu war die Witwe Pastecaldi mit ihren berühmten Ölkuchen zurück. Der alte
Zecchini und seine Zechbrüder verfolgten den Kaufmann Mancafede, bis er von
seinem Wein hergab. Polli hatte seine Frau, Olindo und die gelbhaarige
Schwiegertochter mit Zigarren beladen.
»Eh! an einem Tage wie diesem muß man wohl die Frau aus dem Laden holen und
ihn zumachen.«
Die Armen tränkten, in den Schatten der Häuser gelagert, ihr Brot mit Öl.
Coletto klingelte an seinem Karren mit Kuchen; er machte dabei Pipistrelli
nach, wenn er betete; und die Mädchen gingen fächelnd um den Karren herum,
blinzelten und warteten, daß jemand ihnen etwas anbiete.
»Komm her, Corvi! Es gibt zu essen auch für die, die nichts haben.«
Frau Zampieri, Nina und der junge Mandolini aßen nicht, sie verteilten ihre
Vorräte unter eine große Runde von Kindern, -- indes Gesellen und Mägde die
Hühnerlucia aus ihrer Gasse zogen.
»Sie soll neben dem Advokaten sitzen! Die Hühnerlucia neben dem Advokaten!«
Der Advokat empfing sie mit einer Verbeugung.
»Was denn! Es war Scherz. Neben dem Advokaten ist der Platz des Don Taddeo.
Wo ist er?«
»Wie?« rief Galileo Belotti und versperrte dem kleinen buckligen Schreiber
aus Spello die Rathausgasse, in die er entwischen wollte. »Habe ich
vielleicht nicht recht? Sie sind buck --«
Er verschluckte das Wort.
»Aber darum sind wir doch alle gleich.«
Und er ging Arm in Arm mit ihm zu Tisch.
»Don Taddeo ist nicht zu finden! In der ganzen Stadt nicht!«
Teufel, ihm war etwas zugestoßen. Was denn! Gewiß schlief er, und man
sollte ihn lassen, denn er hatte sich mehr ermüdet als alle andern. Auf die
Gesundheit des Heiligen!
Der Advokat führte statt der Hühnerlucia, strahlend und schwänzelnd, Frau
Jole Capitani auf den Ehrenplatz unter den Bogen, und an seine andere Seite
nahm er den Cavaliere Giordano. Aber man ließ ihn sich nicht setzen.
»Der Chiaralunzi will weggehen, weil in seiner Nähe der Maestro sitzt!«
Der Advokat griff ein.
»Zwei Männer wie ihr! Niemand hätte euch zugetraut, daß ihr dies
bürgerliche Fest stören würdet. Da Ihr Euch mit Eurer Frau versöhnt habt,
Chiaralunzi --«
Denn die Frau lächelte, wenn auch mit geschwollenen Augen.
Der Maestro habe sie verleumdet, wiederholte der Schneider störrisch, er
sei nun einmal sein Feind. Der Advokat behauptete, der Maestro habe das nur
gesagt, um etwas Witziges zu sagen.
»Ihr wißt wohl, Chiaralunzi, daß es komisch ist, wenn die Frau den Mann
betrügt.«
Der Kapellmeister spreizte die Hand.
»Haltet mich für einen Intriganten, obwohl ich nur zornig war, -- aber
glaubt nie wieder, o glaubt nie wieder, daß ich die Wahrheit gesprochen
habe! Wie könnte ichs ertragen, Euch unglücklich gemacht zu haben, ich, der
ich jetzt so glücklich bin.«
Er schluchzte; kaum verstand man ihn. Der Advokat sagte, mit erschütterter
Stimme:
»Könnt Ihr zweifeln?«
Der Schneider ward langsam rot, schnaufte unruhig, -- und plötzlich griff
er nach der Hand des andern. Der Advokat klatschte Beifall.
»So haßt ihr euch denn nicht mehr.«
»Haßten wir uns wirklich?« sagte der Kapellmeister. »Es war wie der Haß
eines andern, durch Zufall aufgelesen. Man wirft ihn nicht weg, weil man
ihn hat. Es scheint, daß der menschliche Haß in unserem Stolze wächst; weil
man ungerecht war, wird man noch ungerechter. Aber das größte Unrecht tut
man sich selbst. Wie hätte ich noch meine Oper schreiben können!«
Zum Advokaten:
»Denn Sie glauben nicht, wie gut man sein muß, um zu schaffen.«
»Eh! wem sagen Sie das«, erwiderte der Advokat.
Dahinten, im Winkel bei der Treppengasse, lehnte Flora Garlinda sich
zurück, betrachtete das Schmausen, unbedachte Schwatzen, das
vertrauensvolle Gelächter, die Verbrüderungen . . . »Welch ärmlicher
Betrug! Als ob man etwas hätte außer sich. Güte? Alles Große ist ohne Güte.
Don Taddeo hat sich geirrt, als er herabstieg, und er wird es merken. Uns
gebührt keine Gemeinschaft . . . Dennoch wird dem Unschuldigen dort der Weg
geebnet, er geht zur Gesellschaft Mondi-Berlendi, indes ich weiter vor
Bauern singe. Es ist anders gekommen, als ich dachte. Ich werde es wohl
schwerer haben als er? Trotz meiner Bereitschaft, und obwohl ich ein so
hartes Leben führe?«
»Hört doch, Fräulein!« riefen Zecchini und die Trinker, »Ihr sollt etwas
singen. Da ist Wein, um Euch zu stärken. Kommt her!«
»Flora!« sagte, ihr gegenüber, Italia und wendete sich um, soweit die
Aufmerksamkeit auf den jungen Severino Salvatori es ihr erlaubte, denn er
wollte sie küssen. »Flora, man ruft dich! . . . Ah, sie hört nicht. Sie ist
ein Mädchen, das zuviel denkt; drum hat sie auch schon Falten wie eine
Alte.«
Die Primadonna sah hin, mit seltsam tiefen und starren Augen, die das
Gesehene sogleich wieder verloren hatten.
»Er ist also sympathisch. Und er ist ihnen sympathisch, weil er sich ihnen
gleich macht; weil er ihnen gefällig ist, weil er mit ihnen das Herz
tauscht. Aber es gilt, um groß zu werden, sein Herz ganz fest zu halten
. . . Heute tritt er jenem Alten seine Geliebte ab und nimmt dafür den
Lohn. Morgen wird er den Leuten seine Musik verkaufen. Nein! Er hat mich
nicht überholt; und es könnte sein, daß dies der Tag ist, an dem sein
Untergang begann. Möge er noch eine Weile die lustige Sympathie der Gassen
haben, -- bevor die große Kunst meiner Leidenschaft darüber hinfährt.«
Ihr Stuhl bekam einen Stoß. Jungen, die auf allen vieren unter den Tischen
krochen, schnappten nach Bissen wie Hunde. Der weiße Koch von den
>Verlobten< traf mit einem riesigen Kessel ein, und alles stürzte sich
darauf. Der Cavaliere Giordano rief umher nach Nello Gennari. Frau Camuzzi
hielt ihn zurück.
»Ich errate, Cavaliere, daß Sie im Begriff sind, eine Dummheit zu machen.
Sie wollen dem jungen Manne sagen, er solle nicht mehr zum Schneider
gehen.«
»Sie haben sich versöhnt! Ich bin gerettet, verstehen Sie? gerettet,« --
und der Alte hüpfte auf. »Die Unsichtbare hat das Nachsehen, ich sterbe
noch lange nicht!«
»Ich werde für Sie beten«, sagte Frau Camuzzi. »Aber darum trägt dennoch
der Schneider Hörner. Wie? Ein Mann von Ihrer Erfahrung merkt nicht den
Zusammenhang? Die Frau des Schneiders und der Gennari kennen sich schon
längst.«
Da der Alte zurückwich:
»Machen Sie sich doch sogar Zeichen! Man hat die beiden Tenore verwechselt
und den Verdacht auf Sie geworfen, Cavaliere. Ist es zu verwundern, daß man
den Besieger der Frauen in Ihnen sieht?«
Frau Camuzzi seufzte. Der Alte wendete angstvoll den Kopf umher.
»Er darf nicht mehr zu der Frau des Schneiders gehen«, jammerte er. »Wenn
der Schneider aufs neue Mißtrauen faßt, schlägt er, ohne hinzusehen, mich
tot. Ah! was für verwickelte Dinge. Nello!«
Frau Camuzzi packte hart seine Hände.
»Schweigen Sie! Schweigen Sie doch!« zischelte sie, und ihr Mund stand
verzerrt offen in ihrem kleinen, bleichen Kopf. Er hielt auf einmal still,
er musterte sie aus gekniffenen Lidern. Sie ließ ihn sofort los und schlug
die Augen nieder.
»Wie Sie mich quälen«, murmelte sie. »Schon so lange, ach, verrate ich
Ihnen meine Eifersucht auf die Frau des Schneiders, aber Sie, Böser, wollen
nichts sehen.«
Mit einem Ruck bekam der Alte eine Miene voll gnädiger Zärtlichkeit.
»Beruhigen Sie sich, nur meine allzu große Liebe zu Ihnen war schuld, daß
ich nichts sah.«
Sie schickte vom Rande des Lides einen raschen Blick umher. Ihr Mann
fuchtelte zusammen mit dem Advokaten. Polli, der Bäcker Crepalini,
Malagodi, der Apotheker, Herren und Mittelstand lagen sich ringsum
geräuschvoll in den Armen.
»Jetzt wissen Sie es, Grausamer. Sie werden geliebt.«
»Teure Frau! Welches Feuer ich fühle!«
Da sah sie auf. Der Alte erbebte.
»Wenn Sie nicht mehr an die andern denken wollen, nur noch an mich --.
Gehen Sie nach Hause, ich folge Ihnen.«
* * * * *
In dem rauhen Gesang der Trinker schwebte, dünn und durchdringend, die
Stimme des Kaufmannes Mancafede.
»Trinkt nur! Es ist mein Wein, und er kostet euch nichts. Wenn es nichts
kostet, würde sich auch die Madonna betrinken. Dies Glas aber bekommt sie
nicht.«
Und er goß es hinunter. Die Höhlen in seinen Wangen waren rosig, und seine
gewölbten Hasenaugen glänzten wie Glas. Der alte Zecchini schlug ihn auf
den Rücken; ob seine Tochter es vorausgewußt habe, daß er heute am hellen
Tage betrunken sein werde.
»Eh!« machte der Kaufmann. »Wenn sie es nicht gewußt hat, sieht sie es auch
jetzt noch früh genug.«
»Aber das Unglück?« fragte der Bariton Gaddi. »Ihre Tochter hat doch
prophezeit, daß ein Unglück geschehen solle, während wir Künstler da seien.
Heute reisen wir ab: wo ist nun das Unglück? Vielleicht kommt es noch?«
»Warum soll es noch kommen? Ist es nicht schon Unglück genug, daß ich euch
meinen Wein geben muß?«
Und der Kaufmann begann zu kichern. Er krümmte sich über seinen Magen und
ward blau. Man wich mit den Stühlen zurück.
»Ob man dich jemals so gesehen hat, Mancafede!«
»Gebt acht! Ich sage euch etwas.«
Und als er genug Luft hatte:
»Meine Tochter ist -- ist eine --«
Der Schluckauf fuhr dazwischen. Mit unsicherer Hand machte der Kaufmann
nach dem verschlossenen Fensterladen seines Hauses eine lange Nase.
Entsetztes Murren erhob sich. Die Trinker brüllten.
»Still da!« rief man. »Der Tenor singt.«
Denn Nello stand auf einem Tisch, hatte den Kopf in den Nacken gelehnt und
sang in den blauen Himmel hinein:
»Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus --«
Alle drängten sich zusammen unter den Rathausbogen, im schmalen Schatten
der Leinendächer: nur er hatte das weiße Gesicht mit den scharfen kleinen
Spitzen der Wimpern nach der Sonne gebreitet, und wenn die Leidenschaft der
Töne seinen Kopf schüttelte, schwankte ihm das Haar, düster glänzend, in
die Stirn.
»Immer die >Arme Tonietta<«, sagte der Herr Giocondi. »Diese jungen Leute
wissen entschieden nichts weiter.«
»Tut nichts«, -- und Polli tätschelte seine Schwiegertochter. »Da nun
einmal diese in die Familie eintritt, soll sie manchmal des Abends mit dem
Phonographen zusammen die >Arme Tonietta< singen, und man lädt die Freunde
ein.«
»Wir wissen nicht von Schatten, noch Tod. Unser Himmel ist rein und ewig
unser Glück«, schloß Nello, und sein hoher Ton dauerte, dauerte . . .
Zuletzt hielten alle den Atem an und starrten, dem Schrecken nah: als
schnitte durch den Himmel der unvergängliche Ruf eines Unsterblichen, eines
Marmors, glühend von ungeheurem Leben.
Plötzlich sprang er herab.
»Welch tüchtiger Junge! Wir werden ihn nie vergessen.«
Alle griffen nach ihm. Mama Paradisi wogte fassungslos; sie küßte ihn laut
auf beide Wangen. Wie er schwindlig unter der schwarzen Wolke ihres Hutes
hervortauchte, zog Gaddi ihn in das Tor der Post.
»Auch ich, mein Nello, nehme nun von dir Abschied. Ich will dich nicht mehr
warnen . . .«
Da Nello die Hand bewegte:
»Ich weiß, es wäre umsonst. Auch kenne ich keinen vernünftigen Grund,
weshalb ich Furcht habe um dich. Aber ich habe Furcht. Ich ahne dich hier
in einem Netz. Durchbrich es! Komm mit uns! Nein: ich weiß, daß du nicht
kannst, und ich sollte schweigen. Aber ich sehe Blicke, die dich treffen,
ich bin seltsam hellhörig; ich erscheine mir wie eine Frau und lächerlich.«
»Du bist nicht lächerlich, Virginio, du bist mein Freund. So wohl wie du
will keiner mir von den Menschen. Alba: ah! das ist mehr als menschlich.«
»Die Sache ist,« sagte Gaddi, »daß du der späteste Freund meiner Jugend
bist. Solange ich dich jung sehe --. Als wir Freundschaft schlossen, war
auch ich es fast noch. Erinnerst du dich an jenen Abend am Meer in
Sinigaglia? Wir hatten nichts zu essen und brachen Muscheln von den
Pfählen. Für die Nacht gingen wir in eine Sandgrube und fanden dort ein
Mädchen, in das wir uns teilten. Die Zeiten sind vorbei.«
Nello lachte hell auf.
»Ja, sie sind vorbei. Aber es kommen immer schönere.«
»So grüße ich dich denn«, -- und Gaddi umarmte ihn lange. »Adieu, mein
Bruder!«
* * * * *
Gerade keifte der Bäcker Crepalini gegen den dicken Corvi, der noch immer
aß. So sei es nicht gemeint, und er solle nicht die ganze Stadt bankerott
essen, weil er selbst es sei. Der dicke Alte blinzelte gelassen; er
erklärte:
»Ich esse, weil der Advokat ein großer Mann ist. Lange genug hat man nicht
gewußt, was man glauben, zu wem man halten sollte. Jetzt, Gott sei Dank,
habe ich wieder Appetit. Es lebe der Advokat, und es lebe die Freiheit!«
»Denn der Advokat«, sagte der Apotheker Acquistapace, »ist, und das findet
Ihr nicht wieder, ein großer Mann, der die Freiheit liebt.«
Der Bäcker bellte:
»Er liebt die Freiheit, er liebt die Freiheit. Aber wir haben es ihn erst
lehren müssen, sie zu lieben, indem wir ihm die Zähne zeigten. Die Freiheit
ist eine gute Sache; darum soll man genau achtgeben, daß niemand zuviel
davon nimmt.«
»Bravo Advokat!« riefen alle, denn der Advokat erkletterte den Tisch in der
Sonne. Er stellte die Hand vor sich hin und hielt die Brauen ganz hoch, bis
es still wurde.
»Mitbürger! Unsre Künstler ziehen ab!« keuchte er, und schon ward
geklatscht. Er wiederholte und bewegte den steilen Finger hin und her:
»Sie ziehen ab; aber sie verlassen uns anders, als sie uns gefunden haben.
Durch große Dinge --« und er hob sich auf die Zehen, »durch große Dinge
sind wir hindurchgegangen . . . Aber so warte doch, Masetti!«
Denn der Kutscher war nicht länger zu halten. Er klapperte mit seinem
Gefährt aus dem Tor der Post und drohte alles umzuwerfen, wenn man ihn
nicht durchlasse.
»Auch du, Masetti,« rief der Advokat, den Arm hingestoßen, »hast noch zu
lernen, daß der Wille aller ehrwürdiger ist als ein einzelner, mag er sich
selbst auf Regeln und Gesetze berufen!«
Er kehrte zum Volk zurück.
»Und mehr Schlimmes, mehr Gutes hat in wenigen Wochen unsere Herzen und
Gassen erregt, als sonst durch Jahre.«
»Es ist wahr!«
»Was sind wir? Eine kleine Stadt. Was haben jene uns gebracht? Ein wenig
Musik. Und dennoch --«
Der Advokat machte die Arme weit.
»-- wir haben uns begeistert, wir haben gekämpft, und wir sind ein Stück
vorwärtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit!«
Er zog die Hände vor die Brust und sah beglänzt in den Beifall. Dann, mit
einem großen Schwung und die Hände schwenkend droben in der Luft:
»Darum leben die Komödianten und lebe die Stadt!«
Alle wollten ihm herunterhelfen und alle schrien: »Sie leben!« -- indes
schon die Tische fortgetragen wurden und die Hausfrauen ihr Geschirr
retteten, bevor Masetti hineinfuhr.
»Warum weinst du denn?« fragte Galileo Belotti seine Schwester Pastecaldi
und stieß ihr die Knöchel in die Seite. »Kann etwa eine andere Familie sich
rühmen, daß sie solch einen Buffonen in ihrer Mitte hat wie wir? Kein Grund
zu weinen.«
Aber er selbst riß die Augen auf, damit sie nicht überschwemmt wurden.
* * * * *
Masetti knallte mit der Peitsche, und aus den Gassen eilten die
Komödianten. Der Wirt Malandrini drückte die Hände seiner Gäste, des
Fräuleins Italia und des Herrn Nello Gennari, und er bat sie um
Entschuldigung wegen der Störung ihrer letzten Nachtruhe. Die Primadonna
Flora Garlinda kam, die Hände in den Taschen ihres Mantels, aus der Gasse
der Hühnerlucia, und vor ihr her trug der Schneider Chiaralunzi wie bei
ihrer Ankunft ihren kleinen Koffer turmhoch auf seinen Schultern. Der
Cavaliere Giordano verabschiedete sich gnädig von allen, er ließ ringsum
den Brillanten blitzen. Und wie in einem Windstoß flatterte aus allen
Spalten der Stadt, mit den leichten Farben der Blusen, der gefärbten Haare
und bemalten Gesichter der Schwarm der kleinen Choristinnen, fremde
Insekten, aufgestört man weiß nicht wovon, die noch einmal die alten Häuser
entlang schillern und stäuben und sogleich verweht sein werden, man weiß
nicht wohin.
Sie sollten auf den Gepäckwagen klettern; der Bariton Gaddi beaufsichtigte,
in fester Haltung, das Laden, er hob seine Familie hinauf; -- und
inzwischen mußten sie den jungen Leuten, die ihnen die Bündel trugen, ewige
Treue schwören. Renzo, der Gehilfe des Barbiers Bonometti, ließ seine
kleine Bunte nicht aus den Armen, er wollte bei ihr bleiben und Sänger
werden; er versuchte seinen Tenor zu zeigen und brachte vor Aufregung
keinen Ton fertig. Die Freunde trösteten ihn; er solle ein Stück mitfahren,
auch sie kämen; und sie holten ihre Räder.
»Wir alle kommen mit!« -- und das Volk nötigte Masetti, der durchgehen
wollte, im Schritt zu fahren. Kaum in der Rathausgasse, mußte er halten:
der Tenor Nello Gennari rief nach seinem Freund Gaddi, auch er wolle im
Leiterwagen nachkommen, und er stieg aus.
Masetti schrie auf die Pferde ein, da lief noch der Baron Torroni, zur Jagd
gerüstet, hinterher. Auch Polli, Acquistapace, der Kaufmann Mancafede und
der Herr Giocondi wollten mit hinein. Italia schluchzte immerfort.
»Und der Advokat?« fragte sie, wehte mit dem Tuch und schluchzte.
Die Primadonna Flora Garlinda reichte noch einmal die Hand aus dem Fenster
nach dem Schneider Chiaralunzi, der reglos dastand und sie ansah. Er
stürzte vor mit plötzlich verstörtem Gesicht; aber der Wagen rollte schon
wieder, der Schneider verfehlte die Hand, er stolperte. Alle lachten; aber
Flora Garlinda nahm ernst von ihrer Brust eine kleine staubige Rose aus
Leinen und warf sie an die Brust des Schneiders.
Der Kapellmeister Dorlenghi stand abgewendet und sah zu Boden. Man
verlangte, daß er mit der ganzen Musik ausziehe, aber da begann er die Arme
zu werfen: »Ich soll hinter diesen armseligen Komödianten hermarschieren?
Ich, der ich in Venedig die großen Opern dirigieren werde?« -- und auf
einmal brach er in Tränen aus. Das Volk schwieg, es ließ ihm eine Gasse; er
entkam.
»Abfahrt! Alle hinterher!« -- und als die Diligenza durch das Tor fuhr,
wimmelte schon die ganze Rathausgasse. Die jungen Leute mit großen Hüten
und bunten Halstüchern überholten im Eilschritt die Post, sie ließen die
flinke, klirrende Musik ihrer Mandolinen dem Zuge voranspringen. Mitten
darin tänzelte das Pferd des jungen Severino Salvatori, der leichte Korb
wippte zwischen seinen zwei großen Rädern, und, ah! er hatte sie aufsteigen
lassen, der schöne Herr -- bunt schwirrend quoll es heraus von kleinen
Choristinnen. Sie saßen übereinander, sie hingen dem jungen Salvatori um
den Hals, nahmen ihm, indes er auf seinem niedrigen Kutschbock die Beine
bis unter das Kinn hinaufzog, das Monokel aus dem Auge und setzten es, ohne
daß er die elegante Miene verzog, wieder ein. Vor ihnen auf bliesen der
Chiaralunzi und seine Freunde aus vollen Backen in ihre Instrumente, und,
versteht sich, hinten lärmte um so mehr der Barbier Nonoggi mit seiner
Bande. Was die Damen in dem weiten Landauer des Wirtes »zu den Verlobten«
für betäubte Gesichter machten! -- und dennoch erklärten alle, sie wollten
bis Spello mitfahren. Eh! sie hatten es bequem, aber ringsum das Volk mußte
sich wehren, weil der Schlächter Cimabue mit seinem Fleischwagen, worauf er
seine Freunde hatte, durchaus allen vorauswollte. Der Krämer Serafini sagte
zu seiner Frau:
»Du glaubst doch nicht, daß er sie zum Vergnügen hinauskutschiert? Bei der
Rückkehr wird er ein Kalb mit einschmuggeln. Denn auch die vom Stadtzoll
sind ausgezogen.«
Sie antwortete:
»Dann könnten auch wir vom Rufini die Weintrauben holen.« Und sie liefen
zurück, um den Karren zu nehmen. Noch immer kamen Leute. Die Männer trugen
die Kinder, die Frauen fächelten sich, ihre hohen Absätze klappten, und:
»Guten Tag, Sora Anna, so begleitet man denn die Komödianten nach Spello.
Welch schöne Sonne!« -- da schlug schon Staub hinter ihnen auf. Die letzten
eilten nach.
»In der Stadt ist keine lebende Seele mehr! Die nicht gehen konnten, haben
sich wieder Beine gemacht. Seht nur! Die Frau Nonoggi fährt ihre
Schwiegermutter auf einem Schubkarren. Man muß ihr helfen.«
Sie waren beim Waschhaus, da kam von rückwärts Getrappel. »Es scheint, daß
es der große Schimmel des Schmiedes ist; aber wer sitzt darauf? . . . Beim
Bacchus, der Advokat! Gruß Ihnen, Herr Advokat!«
Der Advokat grüßte zurück mit dem Strohhut und wippte dabei auf seinem
breiten Roß.
»Ists erlaubt?« fragte er das Volk. Es antwortete:
»Ob es erlaubt ist! Das ist nicht wie mit dem Schlächter. Nur vorwärts,
Advokat, Sie gehören an die Spitze.«
»Der Advokat an die Spitze!« -- und alles wich aus nach beiden Seiten. Den
Mund ein wenig offen von der Anstrengung, aber glorreich lächelnd, ritt der
Advokat hindurch.
»Da ist auch Galileo! Es lebe der Esel des Galileo!«
»Versteht sich, daß er lebt!« polterte Galileo unter seinem glockenförmigen
Strohhut; und streng hinausspähend über den blauen Klemmer, durchmaß er, im
eiligen Getrippel seines kleinen braunen Tieres, die Spuren des Advokaten.
»Der Advokat ist ein großer Mann«, erklärte er. »Aber auch wir sind nicht
von Pappe.«
Den Damen im Landauer machte der Advokat, schief im Sattel, eine
Verbeugung.
»Welch schöner Tag! Welch Bild der bürgerlichen Eintracht, Fruchtbarkeit
und Größe!« -- und er führte die Rechte weithin über Stadt, Felder und
Volk. Dann aber fragte er nach dem Tenor Gennari. Sein Freund auf dem
Gepäckwagen wisse nichts von ihm. Aus der Post sei er ausgestiegen.
»Aber er ist wieder eingestiegen«, erklärte Frau Camuzzi.
»Sie haben es gesehen?«
»Alle haben es gesehen, nicht wahr, Ihr Damen?«
Der Advokat warf sich anmutig in die Brust für Jole Capitani, bevor er
seinen Schimmel wieder in Trab setzte. Alles strahlte, wo er hindurchritt;
und die Kinder klatschten, nun Galileo auf dem Esel kam.
»Aber -- der Gennari?« rief der Advokat, sobald er bei der Diligenza
anlangte. »Du hast ihn also nicht mit, Masetti? Weißt du wohl, daß wir für
unsere Gäste verantwortlich sind?«
»Beruhigen Sie sich, Advokat,« -- und der Cavaliere Giordano winkte ihn ans
Fenster, »es ist ein Zwischenfall von eher heiterer Art.«
Er flüsterte, und der Advokat schmunzelte.
»Ah! ihr Künstler. Ich hätte es mir denken können. Galante Abenteuer bis
zum letzten Augenblick! Aber die Schönste von allen -- das ist die Rache
von uns Bürgern -- die Schönste hat keiner von euch zu sehen bekommen. Denn
sie tritt selten aus ihrem Schatten hervor . . .«
Und er wies auf den schwarzen Garten, dessen Kühle soeben die
Vorbeiziehenden ergriff. Sie legte sich einem auf die Schultern, sie hatte
den toten Duft uralter Zypressen; man wendete, zusammenschauernd, den Kopf,
und bis man aus dem Knie der Straße heraus und wieder in der Sonne war,
schwieg man. Dann sagte der Advokat:
»Dort wohnen die einzigen, die sich um euch nicht bekümmert haben.
Bekümmern sie sich doch auch um uns nicht. Es ist erstaunlich, aber es gibt
Menschen, denen die Stadt nichts gilt; Fanatiker, die den großen Dingen der
Menschheit fremd bleiben. Ein enger Garten, und dann der Tod: das ist
alles.«
Und eine Strecke weiterhin:
»Aber es ist ein Ort mit schwerer Luft. Am selben Fleck, wo man jetzt im
Banne des Klosters lebt, haben einst die Häuser jener Hetären gestanden,
die der Venus als Priesterinnen dienten und zuweilen sogar ihr Blut über
den Altar der Göttin gossen.«
Er schrie in die Musik hinein, denn jenseits des Gartens fing Chiaralunzi
mit den Seinen aus ganzer Kraft ein neues Stück an, und die Bande des
Barbiers ließ sich nichts nehmen. Es war der Hochzeitsmarsch aus der »Armen
Tonietta«; alle sangen ihn mit: ein wenig leiser und unsicherer, solange
sie in dem düsteren Winkel gingen, und um so herzhafter, wenn sie draußen
waren. Und als die Räder und die Mandolinen, die Diligenza, der Advokat,
Galileo und das Volk, die beiden Banden, der Korb voll Choristinnen und das
Volk, die Damen im Landauer, das Gefährt des Schlächters, der Gepäckwagen
mit Gaddi und dem männlichen Chor, das Volk ringsum und das Volk dahinter,
bis zu den Kleinen, die die noch Kleineren im Staub nachschleppten, bis zu
einem Paar, das sich versäumte, bis zu der alten Nonoggi auf ihrem
Schubkarren: als sie alle einige leisere Atemzüge lang den Schatten von
Villascura auf sich getragen hatten und ihm entronnen waren ins Licht, da
bewegte er sich; ein Gesicht schimmerte hervor.
* * * * *
Alba hielt hinter sich die Hand am Gitter, zog den Schleier enger um den
Kopf, spähte vorgeneigt . . . Noch hing der Staub der Menge in der Luft.
Ein Zucken -- sie lief. Sie lief der Stadt zu, ungeschickt, als seis in
einem Gedränge, mit ungeregeltem Atem, angstvoll geöffnetem Munde, -- und
immer krampfte ihre Hand sich auf der Brust, zwischen den dichten Knoten
des Schleiers.
Plötzlich, ein Ebereschenbusch stand blutrot im Graben, riß sie den Schritt
zurück, sah entsetzten Blicks in den leeren Staub der Straße, als läge
irgend etwas Grauenhaftes quer darin, -- und dann taumelte sie, die Hände
vor das Gesicht geschlagen, auf einen Stein.
Sie hob die Stirn; die Reste der Musik klangen herüber, klein, ineinander
gezogen, schwankend, und dazu ging das Glöckchen einer Kapelle in den
Feldern. Ihr war es, alle jene Stimmen sängen ihr nach; sie wiederholten,
als sei es Traum und Neckerei, ihren eigenen Schmerz. So hatte Piero, als
er die Tonietta verlor, im Hochzeitszuge weit dahinten die Flöte der
Pifferari gehört! Und das machte, daß Alba aufstand und, den Kopf gesenkt,
auf den Heimweg trat. War ihr Schmerz nicht auch seiner? Gingen unser aller
Schmerzen nicht ein in die große Harmonie der Welt?
Schwindelnd warf sie sich wieder herum und lief weiter: in Stürzen, mit
Pausen der Atemlosigkeit, des Wankens. Einmal blieb sie stehen und sah,
langsam den Kopf schüttelnd, umher. Der Wind roch noch immer nach dem Rauch
auf den Feldern, sanft wie je glänzte das Öllaub, der Himmel war blau, --
und Alba rang zu den kühlen Bäumen hinan die Hände.
Vor dem Stadttor blieb sie, das Taschentuch in den Mund gewühlt, daß
niemand sie atmen höre, hinter der schwarzen Säule und horchte. Keine
Stimme in der Zollwache, auf dem Pflaster kein Fuß. Sie griff sich an die
Stirn; wars nicht vielleicht Lüge und Wahnsinn? Wenn sie bis zwanzig zählte
und es blieb still, wollte sie umkehren . . . Ein Hahn krähte, sie trat
ein.
Sie schlich auf den Zehen, sie tastete an den Häusern hin. Von einem
Blinken in einer schwarzen Tür fuhr ihr Herz auf. Endlich: der Platz; sie
lugte hinaus, er lag grell und leer. Eine Katze, die in der Sonne ihren
Buckel machte, entfloh. Der Brunnen rann schwach. Welche zitternde
Müdigkeit! Wie schwer die Füße! Kaum daß sie noch bis zur Gasse der
Hühnerlucia gelangte, und sie fiel auf die Mauer und schloß die Augen.
Die Stille fing an, zu schwingen und zu dröhnen, als gingen alle Glocken
der Stadt; und durch den Lärm ihres Fiebers hindurch neigte sie das Ohr
nach der Ecke der Gasse. Die Sonne brannte ihr auf den Lidern, den
klaffenden Lippen; ihr Rücken glitt kraftlos von der Wand ab, in dem Knoten
des Schleiers krampfte sich ihre Hand; -- Alba wartete und lauschte.
* * * * *
In der leeren, verstummten Stadt, stumm, als wartete sie mit Alba, geschah
eine unmerkliche Regung: jener Fensterladen hinter dem Glockenturm
zitterte, ganz sacht zitterte er und hob sich ein wenig.
Und am Ende der Stadt, hinter dem Corso, in seinem luftigen Zimmer oben auf
der Schmiede setzte der Kapellmeister Dorlenghi über die Stühle weg, hielt
sich keuchend das Herz, jagte weiter. Nur einmal stockte er jäh, wie vor
etwas Unüberschreitbarem, ließ die Lippe hängen und die Hände sinken
. . . Ein trotziger Satz: er hieb im Triumph auf das Klavier ein, und bei
jedem Takt schnellte er mit kühnem Kopfrücken vom Sessel auf, als ritte er
und hätte unter den Hufen die Welt.
Vom Glockenturm aber blickte Don Taddeo. Er stand in der engen Krone des
Turmes, er sah unter sich nur den Ring der Zinnen. Von unsichtbaren Dächern
stießen braune Falken zu ihm empor; um ihn wehte die Bläue; -- und sein
inständiger Blick folgte jenseits der Stadt, im weiten Land einem kleinen
Gedränge, einem Häuflein Staub, das dahinschlich. Ein Korn dieses Staubes
war die Welt gewesen! Es war Sehnsucht und Haß, Brunst und Erkenntnis,
Sünde und Abdankung gewesen. Wo war es nun? Wer fand es heraus? Sie ging
dahin, dahin. Welche Angst! »Noch einmal! O Gott, zeige sie mir noch
einmal! Tue ein Wunder, zeige sie mir!« . . . Da ward feierlich sein Herz
berührt. Don Taddeo kniete hin; Gott war vorbeigegangen, seine Worte
klangen nach. »Da sie ein Korn Staubes ist, nimm allen Staub an dein Herz!
Da du einen Menschen nicht lieben darfst, liebe alle Menschen!«
* * * * *
Ein Geräusch in der Gasse: Alba schlug die Zähne in die Lippe. Ein Schritt:
der Kopf fiel ihr in den Nacken, sie griff um sich . . . Nein, noch nicht
sterben, nicht ungerächt sterben! Sein unsichtbarer Schritt, näher und
näher: wie er dumpf und schrecklich war! Er ging ihr auf dem Herzen, es
spritzte Blut. Sie riß, verzerrt, am Schleier, sie würgte sich, schnitt
sich, -- bis endlich, endlich ihre Hand aufblitzte gegen diese verhaßte
Brust.
Er brach in die Knie, gleich an der Ecke, mit einem erschreckten und
unwissenden Blick. Dann sah er sie, seine Lippen bildeten, indes er vor ihr
kniete, ohne Laut ihren Namen; und dann fiel er um. Er wälzte sich auf die
Seite, wollte sich aufstützen . . .
Sie war taumelnd davongegangen, wenige Schritte, da drehte sie sich um sich
selbst, wendete den Hals umher. »Allein? Allein? Ich wußte nicht, daß ich
allein sein würde.« Und sie stürzte dahin, wo er lag, sie rüttelte ihn.
»Nello! Auf!« -- den Atem angehalten.
»Böser, warum rührst du dich nicht?«
Und zusammensinkend, mit einem Blick in die leere Runde: »Habe ich es denn
getan?«
Sie warf das Gesicht auf seine Brust, sie wimmerte, wimmerte . . .
Dahinten der Fensterladen zitterte heftig.
Alba trocknete sich das Gesicht an seinem Haar, sie küßte ihn auf den Mund
und legte sich zu ihm, Leib an Leib. Indes ihre Hand am Boden suchte,
sprach sie zu ihm:
»Die Sonne wärmt nun uns beide nie wieder. Wie es schon dunkel ist! Ich
sehe mich nicht mehr in deinen Augen.«
Sie hatte das Messer gefunden; sie sagte:
»Wir Armen, die wir das Leben lassen mußten«; -- und drückte es sich ins
Herz.
Der Fensterladen hinter dem Turm klappte zu. Von den beiden dort am Rande
des stillen, grellen Platzes zog sich, Strich um Strich, der Schatten
zurück. Dann löste sich ein Glockenschlag, langsam und vergessen hallend
. . . Als aber die zwölf gleichen Klänge vergangen waren, kam den Corso
herauf ein dünnes Singen, eine Gespensterstimme mit einer Melodie, die kein
Lebender kannte; -- und der kleine Uralte trippelte geziert auf den Platz
hinaus. Er zog den Hut, und er dienerte ringsum vor einer unsichtbaren
Gesellschaft. Wie er jene beiden umarmt am Boden sah, wich er weit aus und
legte, schelmisch lächelnd, den Finger auf die Lippen.