Der Gemeindesekretär trat an den Tisch vor dem Café »zum Fortschritt.«

»Die Herren wissen noch nicht die Neuigkeit? . . . Ich sage sie Ihnen im

Vertrauen. Wir haben Grund, sie dem Publikum so lange wie möglich

vorzuenthalten, denn wir müssen Unruhen befürchten.«

»Mancafede ist erbleicht«, sagte der Herr Giocondi. »Welchen Schlag werden

Sie uns versetzen?«

Camuzzi nahm umständlich Platz; er setzte an, lächelte skeptisch, -- da kam

aus dem Innern des Cafés mit hartem Schritt der junge Savezzo, pflanzte

sich, die Arme verschränkt, vor den Tisch hin und sagte:

»Der Advokat hat seinen Prozeß gegen Don Taddeo verloren.«

»Nicht der Advokat: die Stadt hat ihn verloren«, sagte der Sekretär.

»Gleichviel,« -- und der Savezzo zeigte seine schwarzen Zähne; »die Stadt:

das ist der Advokat. Sie verliert, weil sie auf ihn gehört hat.«

»Ich leugne es nicht«, sagte der Sekretär. Polli und Giocondi sahen sich

an.

»Ist das der Grund, weshalb der Advokat sich heute nicht sehen läßt?«

»Herr Savezzo --«

Der Kaufmann legte seine dürre Hand inständig auf den Arm des jungen

Mannes.

»Welche Absichten hat Don Taddeo? Wird er das Volk gegen uns schicken?«

»Man hat ihn schwer beleidigt«; -- und Savezzo hob unheilvoll die

Schultern. Der Kaufmann bäumte sich wimmernd.

»Nur der Advokat hat ihn beleidigt. Mag er empfangen, was er verdient. Wie,

Ihr Herren? Wir werden uns, da das Wohl der Stadt es verlangt, lossagen von

ihm, wir werden ihn ausliefern.«

Der Apotheker Acquistapace schlug auf den Tisch.

»Wir alle haben den Prozeß geführt, und wenn die Gerichte uns unrecht

geben, will es heißen, daß sie an die Priester verkauft sind.«

»Tatsächlich«, äußerte Polli, »weiß alle Welt, daß der Eimer der Stadt

gehört, die ihn erobert hat.«

»Noch dazu mit Hilfe der Götter«, setzte der Herr Giocondi hinzu.

Der Gemeindesekretär betrachtete sie mit spöttischen Augen.

»Man sieht, daß die Herren das Gesetz nicht kennen. Das Gericht der ersten

Instanz hat erwogen, daß die Kirche, die ihn Jahrhunderte hindurch

verwaltet hat, durch die so lange getragene Verantwortung für das

ruhmreiche Erinnerungsstück gewisse Rechte auf den Eimer erworben habe

. . .«

Der Apotheker fiel ein:

»Alles das beweist nur, daß heute die Priester wieder obenauf sind.«

»Aber wir können appellieren«, meinte der Tabakhändler. Camuzzi erwiderte:

»Ich weiß nicht, ob die Gemeinde sich dazu entschließen wird. Der Advokat

wird es verlangen, aber werden wir ihm folgen? Die Tatsache spricht nicht

dafür, daß sein Antrag, am Rathaus eine Gedenktafel für den Cavaliere

Giordano anzubringen, gestern abgelehnt worden ist.«

»Es gibt Leute,« erklärte Polli, »die von den Komödianten genug haben. Es

scheint, daß sie morgen abziehen werden. Adieu, laßt es euch gut gehen.«

Auch der Herr Giocondi winkte Abschied.

»Wir kennen jetzt ihre >Arme Tonietta.< Ob wir sie kennen! Wenn ich mir den

Mund ausspüle, klingt es wie >Sieh Geliebte, unser umblühtes Haus.< Niemand

will mehr dafür bezahlen, versteht sich, und damit man noch hingeht, machen

sie zwischen dem ersten und zweiten Akt ein Konzert, wobei die Garlinda im

Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die Musik des Maestro

Dorlenghi singen, der ein guter junger Mann ist.«

»Sollen sie sie singen«, sagte Polli. »Aber in den vier Wochen, die sie in

unserer Mitte sind, geschieht ein Unglück nach dem andern. Man spricht

besser nicht von den beiden Paradisi. Der Vittorino Baccalà war seinerseits

immer ein ehrlicher Bursche, und dennoch hat er nun, weil solch ein kleines

Weib ihm auf dem Buckel saß, seinen Meister bestohlen. Wären wenigstens in

dieser Hinsicht die guten Familien verschont geblieben . . .«

Der Tabakhändler sah mit Gramfalten zwischen seine Kniee. Savezzo stellte

brutal den Fuß vor.

»Und wem verdanken Sie das Unglück mit Ihrem Olindo? Denn man weiß, daß

auch er, um seine gelbe Choristin zu bezahlen, in die väterliche Kasse

gegriffen hat. Wer hat diese Bande von Abenteurerinnen auf die Stadt

losgelassen?«

»Es sind Künstler!« rief der Apotheker. »Sie hinterlassen uns eine

Erinnerung an die Ideale.«

»Und Schulden,« sagte der Gemeindesekretär, »-- die ich übrigens

vorausgesagt habe. Aber wer vor Verschwendung warnt, ist ein Gegner des

Fortschritts, und wer die Entsittlichung nicht wünscht, ein Klerikaler.«

»Ein Dieb ist der Tenor!« stieß plötzlich der schöne Alfò aus, der um den

Tisch strich. »Will der Leutnant ihn nicht einsperren, dann bringe ich ihn

um«; -- und er knirschte mit entblößtem Gebiß. Savezzo legte einen schweren

Blick auf ihn; der schöne Alfò wich darunter ins Café zurück, und Savezzo

folgte ihm. Im Gehen erklärte er:

»Der Gennari bezahlt niemals sein Frühstück, -- da er ja alles zum

Parfümeur und zum Schneider trägt.«

»Welche Lebensweise!« sagte Mancafede. »Aber alle sind jetzt verrückt. An

dem Fest, das der Severino Salvatori den Komödianten gegeben hat, verdient

der Malandrini wenigstens zweihundertfünfzig Lire. Der Salvatori ist auf

dem Wege, sich zu ruinieren.«

»Und sein Dämon ist der Advokat«, sagte Camuzzi. »Man würde glauben, daß

dieser Mann nichts anderes sinnt, als wie er mit der eigenen Person, die

Ausschweifungen aufreiben, zugleich die Stadt zerstören könne.«

»Der Advokat!« rief Acquistapace. »Er ist tapfer und hat große Gedanken.

Wenn wir einst das neue Theater, das öffentliche Schlachthaus, die

Eisfabrik und das Militär in Sommergarnison haben werden, dann werden wir

auf dem Platz, der nach seinem Plan schön viereckig reguliert und ringsum

mit Arkaden versehen sein wird, ein Standbild des Ferruccio Belotti

errichten, des größten Bürgers der Stadt!«

Polli kratzte sich den Kopf.

»Alle diese schönen Dinge wären noch schöner, wenn es nicht so viele

wären.«

»Um Fremde herzuziehen,« bemerkte der Herr Giocondi, »hat der Advokat die

Gemeinde vierhundert Lire ausgeben lassen. Man muß sagen, daß der einzige

Engländer, der beim Malandrini wohnt, uns etwas zuviel kostet.«

Der Gemeindesekretär bewegte elegant die Hand.

»Ihre Enttäuschung, meine Herren, wird von vielen geteilt. Der Advokat in

seinem Schaffensdrang, der in Vernichtungstrieb ausartet, merkt nicht, wie

er die Reste seines Ansehens verbraucht. Daß er die Komödianten hergeholt

hat, bedaure ich nicht. Die Folgen ihrer Anwesenheit haben viele Augen

geöffnet und viele Meinungen, die schwankten, befestigt. Man sieht sich

plötzlich der Anarchie und dem Bankerott gegenüber und besinnt sich auf die

Mäßigung und die Strenge, ohne die kein Gemeinwesen besteht.«

»Tatsache ist,« bemerkte der Tabakhändler, »daß heute früh in der Messe so

viele Leute waren, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.«

»Der Unterpräfekt soll dagewesen sein«, sagte Giocondi. »Man muß also

vielleicht wieder hingehen?«

Der Apotheker schnob zornig.

»Das ist nicht nur bei uns so. Überall regt sich die Reaktion, und die

Regierung in ihrer Furcht vor der Demokratie, der sie doch entstammt,

unterstützt sie. Hat nicht bei der Festvorstellung, die der König dem

Kaiser von Deutschland in Rom gab, den ganzen ersten Rang die päpstliche

Aristokratie eingenommen? Das liberale Bürgertum war gut genug, die

Monarchie zu errichten; ihre Ehren empfangen nicht wir, sondern ihre alten

Feinde. Es gibt Augenblicke, wo man bereuen möchte. Denn, sagen wir nur die

Wahrheit, mit Garibaldi wäre das nicht möglich gewesen; und vielleicht war

der Held zu groß, als er abdankte und uns verließ.«

»Sie haben recht«; -- Camuzzi feixte -- »unter Garibaldi und der Republik

gäbe es keinen Streit, weder um einen Eimer noch um sonst etwas.«

Der Alte breitete die Arme aus.

»Denken Sie, ich zweifelte daran? Dann muß ich Ihnen sagen, was ich glaube.

Dies mein Bein, das ich im Dienst der Republik verloren habe: -- ah! die

Republik bleibt jung, wie ich selbst damals war, und käme sie nun, sie

ließe mir mein Bein wieder wachsen!«

Camuzzi erhob sich vornehm.

»Sie sind ein Dichter, Herr Acquistapace.«

Zu Giocondi, der ihn begleitete, sagte er:

»Was soll man diesen Radikalen antworten? Sie glauben die Wahrheit für sich

zu haben. Aber erstens: gibt es eine Wahrheit? Und dann würde sie zu weit

führen.«

* * * * *

»Wohin, Alfò?« rief Polli; aber der Sohn des Gevatters Achille ballte nur,

ohne sich umzusehen, die Fäuste und ging mit langen Schritten in die

Rathausgasse.

»Was hat der schöne Alfò?« fragten, wo er vorbeikam, die Frauen. »Anstatt

uns zuzulächeln, zieht er sich den Hut auf die Nase, als dächte er an

Übles.«

Ein großes Stück hinter dem Tor, schon jenseits des Waschhauses, trat

hinter einem Busch der Savezzo hervor. Der schöne Alfò begann zu

schlottern.

»Ich weiß alles, was du denkst,« -- und der Blick des Savezzo lastete dumpf

auf ihm. »Wehe, wenn du je verrätst, du habest mit mir gesprochen. Du weißt

nicht, was ich kann; an deinem eigenen Wort würdest du sterben.«

»Aber wenn es wahr ist,« sagte Alfò, scheu geduckt, »wenn er sie verführt

hat, dann ermorde ich ihn.«

»Ermorde ihn! Du kommst auf die Galeere.«

Der Savezzo zog ihn in den Feldweg.

»Leute wie du gehen nicht auf der Landstraße«, sagte er, düster lachend;

und auf der Kreuzung der langen Buschgänge, vor einer Kapelle:

»Hier habe ich sie gestern belauscht. Sie sagte zu ihm: >Du sollst die

Madonna nicht ansehen, ich bin eifersüchtig auf sie.< Dann schwor er ihr

Treue, und sie versprach ihm, daß sie zu ihm entfliehen wolle, gleich

morgen, kaum daß die Komödianten fort seien . . . Laß das Messer in der

Tasche!« -- und der Savezzo trat, die Arme verschränkt, einen Schritt vor.

Der schöne Alfò wich, leise winselnd, zurück.

»Da sind sie«, flüsterte der Savezzo vor Villascura. »Sie verstecken sich

nicht einmal mehr. Alle Bauern, die vorbeikommen, haben sie umarmt gesehen,

und du, Dummkopf, willst noch zweifeln?«

Der schöne Alfò warf sich lang hin; er erstickte sein Gewimmer im Staub.

»Wenn du ihn ermordest, kommst du auf die Galeere« -- und der Savezzo zog

sich lautlos zurück, indes der schöne Alfò, flach am Boden, über die Straße

und durch den Spalt im Gatter kroch. Er warf sich seitwärts auf die weiche

Erde zwischen den Zypressen, wand sich von einer zur anderen, und

dazwischen, die Zähne gefletscht, spähte er.

Nello ließ einen silbernen Spiegel in der Sonne glänzen.

»Welche feinen Dinge du mir schenkst! O! ich habe eine elegante Frau zur

Geliebten, eine Dame der großen Welt.«

»Ich?« sagte Alba und hob sich, schwach errötet, an seinen Schultern empor.

»Ach, ich Arme! Du aber kennst die Frauen der großen Städte.«

»Wie deine Hände duften!«

»Hast du mir nicht das Parfüm gegeben, das die Gräfinnen gebrauchen? Mein

Nello, du weißt so vieles, was ich nicht weiß.«

»Ein armer Gesangkünstler! Wie kommt es, daß du mich liebst?«

Sie ließ ihn plötzlich los. Die Augen dunkel und heiß in seinen, schüttelte

sie schwer den Kopf. Er ging ihr nach in den Schatten.

»Was hast du? . . . Hier ist es kühl, man atmet.«

»Findest du? Mir macht meine Liebe Fieber, sie erstickt mich. Sie ist

schwer wie der Mond. Sie treibt mir Stacheln ins Fleisch, wie dieser

Busch.«

»Alba, was tust du? Deine armen Hände!«

»Siehst du? Ich kann keinen anderen Schmerz mehr fühlen, als nur die Liebe

zu dir.«

»Und ich?« rief Nello. »Was geschieht mir, was nicht von dir käme? Ich sehe

niemand, nichts bewegt mich; aber wenn ich allein zwischen den Feldern

gehe, muß ich plötzlich anhalten und lechzend blinzeln, denn in der heißen

Luft kommt dein blendendes Gesicht, o Alba, kühl hauchend auf meinen Mund

zu.«

Sie sah ihn, einsam grübelnd, an.

»Ich glaube dir nicht.«

»Du glaubst mir nicht?«

»Die Ersilia und die Mina Paradisi haben sich auf offenem Platz geohrfeigt:

deinetwegen, sagt man.«

Er schnellte auf.

»Aber ich kenne sie nicht! Und sie könnten einander vor meinen Augen töten,

so würde ich über sie hinwegsteigen, um zu dir zu gelangen!«

»Ist das wahr?« -- und sie breitete ihm, schwelgerisch zurückgeneigt,

Gesicht und Arme hin. Unter seinen Küssen begann sie zu zittern.

»Und wenn dies die letzten wären? Nello! Die letzten Küsse?«

»Du willst mich also im Stich lassen, du Böse! Hat nicht der Pächter uns

den Wagen verschafft und haben wir ihn nicht gesehen? Denselben Wagen,

worin du mir morgen früh nachkommen wirst und in den ich einsteigen werde

zu dir, morgen früh!«

»Als ich gestern zwischen Tür und Angel meiner Loge heimlich lauschte, wie

du sangst, ward plötzlich das Herz mir schwach von der Angst, dies seien

die letzten Töne, die ich von dir hören solle. Ich hängte mich an jeden,

ich erschrak, wenn der nächste fiel; und ganz umschmiegt von deiner Stimme,

sehnte ich mich nach ihr.«

»Meine Alba!«

»Du schwiegst; ich hatte nichts mehr zu hoffen; meine Kniee verließ die

Kraft. Aus den Kulissen kamen in weißen Perücken die Diener und brachten

dir auf Samtkissen in offnen Schatullen die Geschenke. Von welchen Frauen

kamen sie?«

»Du weißt doch, daß das Komitee sie jedem gibt und daß sie nichts wert

sind.«

»Mag sein. Aber wie viele Frauen warten, dahinten in der Welt, auf dich mit

ihren Gaben? Wie vielen wirst du dafür singen? Ach, Nello! vielleicht haben

wir alles gehabt, was uns gegönnt war. Vielleicht wirst du nie zu mir in

jenen Wagen steigen, und ich werde, allein und vergessen, darin

zurückkehren.«

»Alba! Was faßt dich an.«

Er schüttelte sie an den Armen. Sie sah über seinen Scheitel fort. Er

erblickte unter dem düsteren Glanz ihres Auges ihr geschliffenes Profil,

als stehe es drohend über ihm. Schaudernd bückte er sich. Sie sagte hinauf

in die Luft:

»Nicht aber werde ich dich jenen zurücklassen. Höre! Du hörst die

ernstesten Worte, die je dein Ohr treffen können. Jene werden ihn umsonst

suchen, der Alba liebte und der keine mehr lieben soll. Du wirst verstummt

sein. Das Echo deiner letzten Töne schließe ich in dies Herz, das

versteinen wird.«

Ein Schwindel ergriff ihn. Er schlug sich auf die Brust, er warf sich in

die Knie.

»Wenn ich je dich betrügen kann, will ich nicht mehr leben: töte mich!«

Sie ließ sich nieder zu ihm, sie umarmte weich seinen Kopf. Sie weinten.

Alba richtete sich auf, lächelnd mit nassem Gesicht.

»Du Böser siehst nichts. Ich habe Schuhe an, die aus Paris kommen. Küßt du

nun meine Füße? Küsse sie! Ach! Es heißt schön sein . . . Und du, Schöner,

glaubst du, ich wüßte nicht, daß du schon wieder einen neuen Anzug trägst?

Laß dich bewundern!«

Er ging mit glücklichem Schritt vor ihr her, die Terrasse entlang. Da

schnellte neben ihm aus der Erde etwas Schwarzes, Fletschendes: ein Messer

blitzte. Nello lief; er lief und schrie:

»Hilfe! Mörder!«

»Auf die Terrasse!« rief Alba. »Ins Haus!«

Der Verfolger hatte schon den Weg zur Tür abgeschnitten, Nello hastete den

Berg hinauf, hinter sich das Schnarchen einer Bestie. Er stolperte ohne

Weg, er hatte keinen Atem mehr, ihm ward übel. Er blieb stehen, ihn

verlangte nur noch, dem Mörder zugewendet die Arme zu heben. Plötzlich,

schon schloß er die Augen, lag vor ihm ein Stein: der Stein, auf den er

sich mit Alba gestützt hatte, damals, als sie auf der Flucht vor Nonoggi

und dem Advokaten die Einsenkung des Berges hinabgerutscht waren; er

erkannte die Pinie, an der sie sich gehalten hatten. Das Vergangene, alles

Vergangene, alles, was Leben gewesen war und noch nicht die Spitze eines

Messers auf der Brust gehabt hatte, war auf einmal wieder da; Nello stieß

einen langen Schrei aus, er tat einen Sprung und fühlte eine Stufe. Hoch

oben sah er sich um: der schöne Alfò wälzte sich am Grunde der Grube, in

die sie einst beide gestürzt waren, und Alba war da, die ihm das Messer

entriß. Nello warf sich hinter den letzten Zypressen in die Schlucht. In

einer Höhle aus großen Steinen sank er zu Boden, preßte sich das Herz und

atmete. Er sah umher. Er atmete.

»Hier küßte ich ihr das Blut vom Finger! Unsere ersten Küsse schmeckten

nach ihrem Blut, und für die letzten hätte ich bald all meins gelassen.«

Er bebte plötzlich; angstvoller Haß verzerrte ihn.

»Sie wollte mich immer nur verderben. Sie hat mich geliebt, aber ihre Liebe

ist tödlich. Was geht sie mich an, ich will nicht sterben.«

Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der Faust auf den

Boden.

»Ich war ein Narr! Seit vier Wochen will ich um ihretwillen bald Mönch

werden, bald in einen Abgrund springen, töte Schlangen und setze mich allen

Messern der Stadt aus. Aber ich bin, nun ich daran denke, nicht so groß,

wie sie mich will, und ich werde abreisen. Sie mag ohne mich Tragik um sich

her brauen: ich tauge nur zu den Dolchstößen, bei denen man singt!«

Er wagte sich hervor: drunten war niemand zu sehen; und senkrecht über ihm

stand das Kloster. Er suchte die Treppe.

»Mich schwindelt. Daß mich das erste Mal nicht geschwindelt hat!«

Über die letzten Stufen kroch er auf den Händen. Im Klostergarten war

niemand; zwischen den Säulen des Hofes schlug einsame weiße Sonne das

Pflaster; das Tor stand offen. Draußen sah Nello sich verwundert um; er

hatte Lust, zu laufen und zu lachen. In der Treppengasse lächelte er jeder

Frau zu. Manchmal blieb er stehen und überzeugte sich, daß der Himmel weit

und blau war.

Auf dem Platz bewegte sich wenig, vor dem Café saß nur der Leutnant

Cantinelli. Der schöne Alfò ordnete die Stühle. Nello ging mit

leichtsinnigem Lachen auf ihn zu, aber der schöne Alfò verschwand rasch.

Vom Balkon des Rathauses sah Frau Camuzzi unverwandt herab. Nello bog

hastig den Kopf weg; dann wendete er ihn langsam zurück und erwiderte ihren

Blick. Schließlich lächelten sie beide ein wenig.

»Ich grüße Sie, Signora«, sagte Nello.

»Guten Abend, mein Herr«, sagte Frau Camuzzi; und nach einer Minute des

Blickens und Lächelns:

»Heute abend also werden wir Sie zum letztenmal hören?«

»Ich singe doch nicht mehr.«

»Wie? Sie haben unser Fest im Klub vergessen?«

Sie lächelte schärfer.

»Was nimmt Ihnen denn alle Gedanken und macht Sie unsichtbar?«

»Es ist wahr, ich soll singen!«

»Frau Zampieri,« sagte sie hinüber, wo die Witwe am Fenster erschienen war,

»denkt vielleicht auch ihre Nina nicht mehr an ihr Harfenspiel? Da sehen

Sie den Künstler, der nichts davon weiß, daß alle ihn erwarten.«

»Aber Sie brauchten mich nur daran zu erinnern, daß unter meinen Hörern --«

Frau Camuzzi grüßte ihn hinter ihrem vorbeischwingenden Fächer mit einem

raschen, tiefen Blick, -- und ehe er beendet hatte, war sie fort. Nello

knallte mit zwei Fingern, er schwenkte sich auf den Absätzen herum.

»Sieh doch!« dachte er, und: »Warum nicht . . . Oder eine andere! Oder

mehrere!«

Er grüßte zu den leeren Fenstern hinauf; vor dem verschlossenen der

Unsichtbaren machte er eine kleine spöttische Verbeugung.

»Adieu, o Schicksalsgöttin. Ich habe kein Schicksal mehr; alles ist wieder

Spiel und Abenteuer; -- und morgen gehts in die Welt hinaus.«

Er schlenderte leichtfüßig durch den Corso. Von der anderen Seite kam

ungefüge flatternd der Pfarrer Don Taddeo. Wo es nach dem Gasthaus »zum

Mond« hinabging, maßen sie sich, und der entzündete Blick des Priesters

wich aus. »Wie er verstaubt, schweißig und elend aussieht!« dachte Nello.

»Ist das Retten von Seelen eine so schwere Arbeit? Dann ist er ein Narr,

daß er die Seelen rettet.«

* * * * *

Don Taddeo stürzte sich in seine Haustür. Am Ende des schwarzen Ganges

horchte er, und da alles still blieb, packte er den Knauf des

Treppengeländers und bettete die Stirn auf den Stein.

Erst als droben eine Tür ging, fuhr er auf. Er gelangte ungesehen in sein

Zimmer und lief darin umher: die Fliesen machten seinen Schritt laut

klappern zwischen den kahlen Mauern. Immer wieder ertappte er sich, wie er,

mit einer Miene aus Abscheu und Gier, über das Brevier hinweg in die Ecken

spähte. Seine Wirtschafterin öffnete die Tür und setzte die Fäuste auf die

Hüften.

»Wie, Reverendo? Ihr seid da, und inzwischen verbrennt mir das Essen? was

für Dinge treibt Ihr eigentlich jetzt?«

Vor diesem tauben, argwöhnischen Gesicht sich verstecken dürfen!

»Ich habe nichts, Ermenegilda, bring nur das Essen.«

Sie blieb murrend vor dem Tisch stehen, ob er auch esse. Er tat es mit

verhaltenem Geschmack; wenn die Würze des Gerichtes durchdrang, hielt er

erschrocken ein. »Der elende Kitzel!«

»Schmeckt es Euch nicht?« fragte die Alte. »Ist Euch übel?«

Er nickte mehrmals, mit geschlossenen Augen, und flüchtete ins

Schlafzimmer. Vor dem Bilde des heiligen Aloisius warf er sich nieder. Nach

einer Weile hob er lauschend den Kopf; mit einem Lächeln der Erlösung

reckte er die gefalteten Hände hinauf. Plötzlich zog er sie zurück,

erstarrt. »O mein Gott! Ich glaubte, du ließest in meinem armen Kopf, um

mich zu retten, den Gesang deiner Engel entstehen; nun aber wars das Gebet

der Tonietta. Vor dem Schutzpatron der Reinheit liege ich in einer letzten

Anstrengung, -- und was ich finde, ist Lästerung! Ich bin verloren!«

Er schrie auf:

»Ich bin verloren!«

»Ihr habt geklopft?« fragte die Alte. »Madonna! was tut Ihr, Ihr habt den

Waschtisch umgeworfen.«

Während sie den Boden trocknete:

»Wie Ihr ausseht, Reverendo! Seit einiger Zeit vernachlässigt Ihr Euch.

Unversehens fällt es Euch ein, Euer bestes Kleid anzuziehen und es

schmutzig zu machen. Was tun wir nun?« -- und sie sah ihn plötzlich scharf

an. Er wich bis an die Wand zurück und ließ den Kopf auf die Brust fallen.

»Ich weiß nichts mehr zu tun«, sagte er und hörte seine Stimme metallisch

und angestrengt nachzittern, wie das fieberhafte Schwingen des

Sterbeglöckchens.

»Hier ist die Lampe«, sagte die Alte. »Möge das Licht Eure Gedanken

zerstreuen.«

Als sie ihm gute Nacht gewünscht hatte, ging er gesenkten Kopfes durchs

Zimmer. Dann wurden drunten Stimmen laut, -- und hastig löschte er das

Licht. Er lauschte. Mit geschlossenen Augen und lauschend rückte er dem

Fenster immer näher: da kreischte, inmitten der Sprechenden, die

vorbeikamen, ein Frauenlachen auf. »Sie! Ach sie!« -- und Don Taddeo brach

zusammen.

Er kam zu sich; tief dunkel war es; und ihm fiel wieder ein, daß er

verloren sei.

»Vielleicht zeigte sie ihnen, indes sie lachte, das Fenster des verlorenen

Priesters? Denn sie weiß es! Sie weiß, daß ich sie in der Beichte begehrt

habe. Wie? Du wolltest behaupten, es sei nur Zufall gewesen, daß ich an ihr

Kleid streifte? Gestehe! Ich gestehe . . . Während ich dann voll Angst den

Kopf gewendet hielt, durchlief michs, als berührte auch sie mich. Wir haben

uns berührt, wir haben einander Wollust mitgeteilt, und ich, der Priester,

der die Handlung seines Amtes entweihte -- o! niemand als Gott weiß darum,

und dennoch bin ich nun exkommuniziert.«

Er betastete sich, -- und er warf die Arme in die Luft.

»Es ist nicht möglich: ich träume. Was ist denn geschehen, daß ich

verstoßen wäre aus der Gesellschaft der lebendigen Seelen, verstoßen und

verdammt! Ach, über mich!«

Er brach sein Entsetzensgeschrei ab, lauschte und spähte hinaus.

»Niemand . . . Was ich getan habe, ist meine Sache. Wer weiß denn, wie es

kam? Ist es nicht ein außerordentliches Geschick, das mich getroffen hat?

Der Papst hat leicht verdammen. Es soll nicht gelten! Ich will wieder

werden, der ich war. Kennen mich nicht alle? Bin ich nicht unter ihnen ein

Verteidiger des heiligen Geistes? Mich selbst nennen sie einen Heiligen

. . .«

Plötzlich schlug er die Hände vor die Augen; er lachte stöhnend.

»Ein Heiliger! Ein Heiliger, der sich in den Kalk eines Kirchenfensters

krallt, um einer Komödiantin zuzusehen, die Unzucht treibt! Ein Heiliger,

dem es nichts nützt, auf dem nackten Stein zu schlafen, so sehr brennt ihn

die Begierde nach ihr! In den Augen jeder Frau erspürt er die scheußliche

Lockung der einen; denn auch die Hände der armen Baronin Torroni werden

heiß in meinen, sie sieht mich an und weiß nicht, was von mir ausgeht. Was

sage ich? Die Madonna! Ich darf der Madonna nicht mehr ins Gesicht sehen!«

Er krümmte sich, lautlos schluchzend, über sich selbst.

»Wohin, mein Gott? Ich bin verpestet, mein Hauch tötet Seelen. Mein Laster

hat die Stadt ergriffen, daß sie sich mit den Komödianten zugrunde

richteten, von Gott abfielen und meinem Feinde, dem Advokaten, zuliefen.

Die Verderbnis der Stadt ist meine Strafe und das Abbild meiner eigenen

Verderbnis. Denn das Namenlose ist geschehen, und ich, der Hüter des

Geistes, bin dem Fleische erlegen. Der Geist, der heilig ist und mich

erfüllte, konnte den Bildern des Fleisches weichen! Was spreche ich vom

Papst und von den Strafen? Es könnte weder Papst noch Gott geben; keine

Ewigkeit könnte der Menschen warten; und dennoch bliebe der Geist -- o!

welche Erkenntnis und welche Niederlage -- er bliebe heilig, und ich, der

ihm geweiht war und gleichwohl meine Gedanken in die gemeine Lust der

Ungeweihten gemischt habe, ich bin nun schrecklicher verdammt, als je ein

der Hölle Verfallener.«

Er reckte die Arme hinauf.

»Vernichtung! Gott! Reinige mich und vernichte mich! Wir müssen brennen:

sie, die mich zu Fall gebracht hat, ich selbst -- und alle, die hier

sündigten: die Stadt muß brennen! Du willst es, Herr!«

Er stand steif; droben zitterten die Spitzen seiner bleichen Hände wie

Pfeile zum Himmel. Vom Himmel floß es heiß an ihnen herab. Don Taddeo

fühlte sich verzehrt und gereinigt. Er schloß die Augen, umwogt von

göttlichen Flammen. Sie hoben ihn auf. Die Stadt war unter ihm, und sie

brannte, auch sie. Don Taddeo war vor dem Tode noch so mächtig gewesen, daß

sein Gedanke sie in Brand gesteckt hatte. Nun starb er, erlöst . . . Er

seufzte und öffnete die Augen. Er lebte noch, drüben glomm das Licht vom

Gasthaus »zum Mond«, nichts war geschehen. Don Taddeo taumelte auf sein

Bett.

»Ich bin machtlos. Und ich werde wahnsinnig. Was wird kommen?«

Er horchte entsetzt. Ihre Stimme! Sie nahte, schwoll an, sie lachte wie der

Dämon. Don Taddeo hielt sich die Ohren zu, aber er hörte. Er drückte die

Lider aufeinander und dennoch sah er das Weib mit dem Manne ihr Zimmer

betreten, sah sie die Kleider lösen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er

krümmte sich unter den Bildern. Ein Schrei der Lust traf ihn so heftig, daß

er aufsprang und sich umsah. Er hatte rote Wellen vor den Augen und in den

Ohren Lärm.

»Sie muß brennen!«

Er suchte keuchend umher, setzte mit wirrem Flattern durch die Zimmer, über

die Treppe, und draußen -- niemand da? -- huschte er auf die Schattenseite

und die Gasse zum Gasthaus hinab. Es hatte nur ein helles Fenster. Don

Taddeo starrte, zurückweichend, hinauf. Da ging ein Laden; der entblößte

Arm glänzte auf, der ihn anzog. Don Taddeo warf sich, und die Zähne

klapperten ihm, zu Boden; er schaufelte mit den Händen auf dem Pflaster das

Stroh zusammen . . .

Still! Welche Stimmen? Der Tenor, der im Gasthaus wohnte! Kam er?

* * * * *

»Weiß ichs?« sagte Nello Gennari.

»O nein«, sagte Flora Garlinda, -- und sie gingen weiter.

»Die Leute klatschen nicht immer ohne Grund. Ich will dir gestehen, Nello,

daß ich mich in letzter Zeit vor dir gefürchtet habe. An deinem Ehrenabend

warst du geradezu erstaunlich.«

»Daher also wurde dir schlecht? Du tust mir leid, Flora.«

»Kein Grund, mein armer Nello. Denn ich fürchte nichts mehr von dir. Seit

heute abend bist du wieder so mittelmäßig wie je.«

Sie betrachtete, die Lippen fest geschlossen, aus den Winkeln seine vor

Enttäuschung einfältige Miene. Er stieß hervor:

»Aber sie klatschten auch heute abend.«

»Natürlich gab es Frauen, die klatschten, da du ja schön bist«, -- und

Flora Garlinda zuckte die Achseln. Er fuchtelte.

»Wenn du wüßtest . . . Man hat wohl das Recht, einmal schlecht zu singen,

wenn man --. O Flora, ich war der Glücklichste von allen, heute aber wäre

ich fast ermordet worden.«

Er fuhr zusammen und sah sich hastig um, aber die letzten Gäste des Klubs

betraten dort hinten, jenseits des leeren Platzes, die Treppengasse. Flora

Garlinda bog in die Gasse der Hühnerlucia.

»Fast ermordet: o! was für Abenteuer.«

Plötzlich verschwand ihr spöttisches Lächeln, ihr Ton war müde.

»Das ist es. Wer zuviel erlebt, kann niemals wissen, wie er am Abend singen

wird . . . Gute Nacht.«

Von der Schwelle ihres Hauses rief sie ihm mit leichter Stimme nach:

»Träume von deiner großen Vergangenheit, Kleiner!«

Er ging, die Stirn gesenkt, dem Corso zu. Auf einmal warf er sich herum,

stockte wieder, atmete heftig in die Nacht hinauf. Seine Hände hoben sich,

langsam und zuckend: -- da ließ er das Gesicht hineinfallen; im Nacken flog

sein halblanges Haar, worin dunkel der Mond glitzerte, und Nello stöhnte:

»Alba!«

Seine Seufzer erstickten, in der weißen Stille rieselte der Brunnen. Jener

Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte ein wenig.

. . . Mit einem Ruck richtete Nello sich auf, er ließ laut die Finger

knallen und stürzte vor nach der Rathausgasse. Hinter der geschlossenen Tür

des Cafés »zum Fortschritt« entstand Geräusch: Nello schrak wild zurück.

Gleich darauf streckte er der Tür die Zunge aus und lief . . . Vorüber. Er

warf die Schultern in die Höhe, lachte metallisch auf. Im zweiten Stock des

Rathauses ward ein Vorhang weggezogen. Nello sah sich, schon nahe beim Tor,

nach dem Lichtschein um. Er schüttelte lachend den Kopf; er drückte die

Hände vor den Mund, woraus Jauchzen brach:

»Alba!«

Vor dem Tor hörten unvermittelt die Lichter auf; Nello sah sich um.

»Ich glaubte die Straße zu kennen wie sonst keine, aber wie viele

Verstecke, die ich nie bemerkt habe, gibt es unter diesen Büschen!«

Plötzlich schauderte ihn; er hielt an, die Arme steif am Leibe . . . Nein,

ein Schatten. Aber es war dennoch kein Spiel gewesen, als heute morgen

jener Verrückte mit dem Messer hinter ihm her war. »Ein Verrückter, ja, und

vielleicht schläft er jetzt mit einem Besenstiel im Arm statt Alba, um die

er mich beneidet; -- aber darum sticht dennoch sein Messer. Ich habe

dennoch um Albas willen den Tod gesehen. Soll ich ihn wiedersehen? O Gott!

Noch nicht! . . . Gleichwohl war ich groß, auch ich! Sie haben es gefühlt,

als sie klatschten; und ich selbst fühlte es. Alba war es, die mich groß

machte: weil ich sie liebte. Ich liebe sie. Zu ihr!« Er hatte den Weg nun

sicher unter den Füßen. Die Stirn hoch, ging er zwischen den Mauerschatten

hin, die ihm jäh entgegensprangen, zwischen schwarzen Hecken, worin

manchmal ein Mondstrahl aufblitzte, als sei es ein Dolchstrahl. Ein

Lufthauch wehte ihn an; Nello öffnete die Nasenflügel. »Ihr Duft! Er kommt

aus ihrem Garten, aus ihrem Haar, von ihrem Körper, der leidenschaftlich

auf meinen Kuß wartet!« Aber dieser Duft durchdrang ihn bitterer glühend

als sonst; nicht nur Liebe brachte er mit. »Ich werde sterben!« Er schloß

die Augen, bog den Kopf zurück. Das Gesicht der schwarzen Nachtwelle

hingebreitet, und mit geöffneten Armen:

»Alba!«

»Da bin ich, Nello!« -- und aus dem Schatten langten diese geliebten Hände.

»Du hast mich erwartet: ich wußte es, meine Alba!«

»Du kamst: ich wußte es, mein Nello!«

»Aber wenn ich nicht mehr bis zu dir gelangte? Denn ich habe vergessen,

mich zu bewaffnen.«

Sie ließ eine Klinge funkeln.

»Das ist das Messer, das dich treffen sollte. Ich bin da: wehe den Feinden

meines Geliebten!«

Und weich, die Hände gefaltet auf seiner Schulter:

»Du hast mich vor der Schlange errettet: jetzt lasse zu, daß ich dich

verteidige. Ich werde es besser können als du. Denn dein Leben ist mir

teurer als dir.«

Sie führte ihn rasch über den mondhellen Platz vor der Villa. Als sie

hinter ihnen das Gitter verschlossen hatte:

»Hier sind wir allein. Kann man auf Erden so allein sein wie wir?«

Sie sanken sich Brust auf Brust, sie betasteten die Umrisse ihrer

Gesichter.

»Die Nachtigall singt ganz leise: nur wir sollen sie hören. Die Rosen

duften heute so schwach, als sei es im Schlaf. Es ist still, sogar unsere

Herzen gehen ruhig vor Glück. Hörst du, mein Geliebter, um uns her das Meer

sich wiegen? Sanft spült es an unsere Insel, an unsere dunkle kleine Insel.

Laß uns hinaussehen!«

Sie traten unter den silbern blitzenden Rand der Laube aus Steineichen.

Ohne Ufer wogten Schleier des Mondlichtes vor ihnen dahin.

»Und morgen löst sich unsere Insel und treibt von dannen, o Glück! Wir

stehen, und ich habe alles vergessen, was nicht du bist, und du hast alles

vergessen, was nicht ich bin, o Glück!«

»Halte die Spitzen deiner Finger in das Licht hinaus: siehst du, nun haften

Blüten aus Mond daran. Willst du mir nicht einen Kranz daraus machen?«

»Denn ich vergesse alles, was nicht du bist, Geliebter. Habe ich nicht die

Armen weggeschickt, die um ihr Mehl kamen? Zum erstenmal tat ich das, und

tat es, weil wir das Geld zur Reise brauchen, drum ist es keine Sünde. Denn

die Religion will, daß wir zuerst unsere Pflichten erfüllen, dann Gott

dienen. Meine Pflicht aber bist du, weil ich dich liebe.«

»Und ich dich, o Alba!«

»Nie habe ich es so sicher gewußt, daß du mich liebst, o mein Geliebter,

und daß wir immer glücklich sein werden.«

»O Glück!«

». . . Warum hat, während wir uns küßten, die Nachtigall geschwiegen?«

»Ich hörte sie nicht verstummen, unsere Küsse, du Lieber, waren zu tief;

nun aber ist es mir, sie habe geschluchzt, immer süßer, immer

schrecklicher, und dann aufgeschrien . . . Da liegt sie.«

»Sie ist tot!«

»Wir wollen sie mit Blättern zudecken. Wir wollen sie beneiden: sie ist

durch Liebe gestorben.«

»Auch ich werde sterben durch Liebe, Alba!«

»Was hülfe es dir? Meinst du, ich ließe von dir im Tode? . . . Schon

verließen wir wohl die gewohnte Erde, denn sieh, dort drüben geht, mitten

über dem Mondlande, die rote Sonne auf.«

»Wie gewaltig der Himmel sich färbt! Eine unbekannte Stadt mit zauberhaften

Palästen drückt ihre schwarzen Umrisse in das brennende Rot. Sehnst du dich

nicht dahin, meine Geliebte?«

»Aber wenn es ein Brand wäre?«

»Ein Brand? Welcher? Wo?«

»In der Stadt. Horch, sie läuten schon, und da, der Rauch! . . . Links vom

Dom steigt er auf, am Corso . . . Vielleicht unterhalb des Corso?«

»Alba! Es ist das Gasthaus!«

»Ich wollte es nicht sagen.«

»Das Gasthaus brennt, worin ich wohne! Jetzt vermissen sie mich. Wir sind

verloren, was tun!«

»Du mußt hingehen, dich ihnen zeigen.«

»Laß uns fliehen, Alba, sogleich fliehen!«

»Man würde uns zurückholen. Wer weiß, was man denken würde.«

»Was denn! Ja was denn!«

Und da sie schwieg:

»Nein. Ich eile hin. Leb wohl! Ich laufe am Fluß entlang und springe über

die Gartenpforte.«

»Am Fluß werden sie Wasser holen und dich kommen sehen. Gehe lieber über

den Corso. Er wird voll erregter Leute sein; vielleicht, daß sie dich nicht

beachten . . . Geh, Lieber, wenn wir uns wiedersehen, ists für immer.«

»Für immer«, rief Nello zurück.

* * * * *

Schon beim Rathaus roch er den Rauch. Drüben im Corso drängte sich das Volk

und quoll bis auf den Platz hinaus. Auf der Treppe vor dem Dom stand eine

Gruppe: Nello suchte umsonst, voller Befürchtungen, die Gesichter zu

erkennen. Auf dem Platz war kein Licht. Die schwarzen Formen der Menge

wurden flackernd eingefaßt vom Schein der roten Säule über den Dächern, der

alle Hälse sich nachreckten. Nello Gennari drückte sich an den Häusern hin.

Vor dem ganz verstopften Eingang des Corso tat er plötzlich einen Sprung,

riß zwei Männer an den Schultern auseinander und schrie:

»Platz! Platz für den Advokaten Belotti!«

»Was denn! Buffone!« keifte die Stimme des Galileo Belotti von der

Domtreppe herab. »Kommen etwa wir durch? Und ist der Advokat wichtiger als

wir?«

»Der Advokat ist schon beim Gasthaus«, sagte jemand im Gedränge.

»Ich weiß es!« rief Nello verzweifelt. »Ich habe einen Auftrag vom

Advokaten und muß zurück zu ihm.«

»Der Advokat hat keine Aufträge mehr zu geben«, sagte grollend der

Schlosser Fantapiè. »Hätte er statt euch Komödianten eine Dampfspritze

angeschafft! Jetzt brennen wir auf.«

»Hilfe! Unsere Federboas! Unsere Hüte! Alles wird zerdrückt!«

Die beiden Fräulein Pernici jammerten durchdringend. Sie trugen den ganzen

Inhalt ihres Ladens auf den Armen. »Fertig ist der Advokat!« brüllte der

Schlächter Cimabue. »Er hat den Prozeß verloren, und Don Taddeo behält den

Eimer. Komm her, Komödiant, ich will dich deinem Advokaten an den Kopf

werfen.«

Da Nello bis unter die Domtreppe zurückwich, hörte er eine unheimlich

sanfte Stimme.

»Sie glauben doch nicht, daß dieser Komödiant einen Auftrag vom Advokaten

hat? Er ist nur davongelaufen, als es brannte: nein, seltsam, einen

Augenblick vorher; denn ich habe ihn laufen gesehen.«

Entsetzt fuhr Nello herum: Frau Camuzzi sah ihm von oben gierig in die

Augen. Ihm stockte der Atem vor der Glut dieses Hasses. »Ich bin verloren!«

dachte er, ganz starr.

»Glauben Sie denn wirklich,« fragte droben der Cavaliere Giordano, »daß die

ganze Stadt aufbrennen wird?«

»Sprechen Sie doch nicht davon!« flehte der Kaufmann Mancafede und rieb

sich die Beine; denn er hatte nicht Zeit gefunden, die Unterhosen

anzuziehen. »Mein unversichertes Lager! -- und mein Haus wird das erste

sein, das brennt.«

»Wie wollen Sie, daß das Feuer hinter den Turm dringt?« meinte Frau Camuzzi

mit Achselzucken; aber Mama Paradisi warf sich wogend gegen die Schulter

des Kaufmannes.

»Mein Isidoro, wenn unsere Häuser in Flammen aufgehen, werden wir zusammen

in die Welt hinauswandern und ein neues Leben anfangen.«

»Und Ihre Töchter?« fragte Frau Camuzzi. Aber Mama Paradisi wehrte,

fessellos, mit der Hand ab.

»Auch ihnen wird Gott helfen. Ach! Ach! ich fürchte, mein Isidoro, dies

Feuer ist eine Strafe für uns beide, weil wir zusammen glücklich waren,

ohne uns um die Religion zu kümmern.«

Der Cavaliere Giordano rang seinerseits die Hände.

»Welch Unglück für mich, wenn das Rathaus zerstört würde! Das Rathaus,

woran ich meine Gedenktafel haben sollte!«

»Ihre Gedenktafel!«

Das rote Nußknackergesicht des Bäckers Crepalini schalt herauf.

»Sie wissen also noch nicht, mein Herr, daß der Gemeinderat sie heute

abgelehnt hat? Ah! die Zeiten des Advokaten sind vorüber, er hat den Prozeß

verloren. Man errichtet nicht mehr, sobald es ihm paßt, Gedenktafeln für

Landstreicher.«

»Landstreicher? Ich? der ich ein Haus habe in Florenz, voll von Geschenken

der Fürsten und der --«

Der Barbier Nonoggi stieß den Alten unehrerbietig beiseite, er machte sich

an den Savezzo, der abseits, die Arme verschränkt, am Dom lehnte, und er

wisperte:

»Masetti hat entdeckt, daß das Feuer gelegt worden ist: ja, an der

Holztreppe zum Balkon ist es gelegt worden. Er hat es dem Allebardi gesagt,

denn er und der Kutscher arbeiten an der Spritze, und der Allebardi --«

Nonoggi rang nach Atem und tanzte.

»Nun?« fragte Savezzo und nickte schwer.

»-- hat mich zu Euch geschickt, im tiefsten Schweigen, damit ich Euch

frage, was man tun soll, ob man sprechen soll; denn da Don Taddeo sich

nicht sehen läßt, seid Ihr, Herr Savezzo, seit dem Unglück des Advokaten

der größte Mann der Stadt!«

Und Nonoggi strich, tief gebückt, mit der Hand im Bogen über das Pflaster

hin. Der Savezzo trennte die Brauen voneinander, unwiderstehlich öffnete

sich sein Mund zu einem schwarzen Lächeln, und er schielte heftig auf seine

Nase.

»Ich werde mich Eurer zu erinnern wissen, Nonoggi,« sagte er mit einer

großen Gebärde. Und leiser:

»Es wird ein günstigerer Augenblick kommen, dem Volk die Wahrheit zu sagen.

Wir müssen als Politiker handeln, die sich ihrer Verantwortung bewußt sind.

Geht, Nonoggi, und schweigt! schweigt!«

»Und Ihre Tochter, Herr Mancafede?« fragte Frau Camuzzi. »Wird sie, wenn

Ihr Haus brennt, herauskommen?«

»Was denken Sie?« antwortete er gekränkt. »Neun Jahre sind es, daß sie

nicht ausgeht . . . Wehe, wehe!« -- und er hielt sich, wieder ganz

zusammengesunken, die Ohren zu. Eine Funkengarbe schoß dahinten aus dem

Dunkel; es knatterte; das Volk schrie auf. Die Kleinen des Schusters

Malagodi, droben in ihrem Fenster, klatschten; und auch auf der Straße

durchbrach den Schrecken heller Jubel.

»Nun sage, Pomponia,« rief die Magd Felicetta, »ob das nicht schöner ist

als das Feuerwerk am Verfassungsfest!«

»Ich werde dir ein Feuerwerk machen!« -- und der Bäcker kniff sie, daß sie

schrie.

»Ihr Herr brennt ab, und sie unterhält sich. Aber die Gemeinde soll mir

mein Pachtgeld zurückgeben, wenn sie mich abbrennen läßt. Der Advokat! Er

ist mir verantwortlich, er, der gegen die Dampfspritze gestimmt hat!«

»Nieder der Advokat!« rief man, »er hat den Eimer verloren! Don Taddeo

gehört der Eimer!«

Der Barbier Bonometti widersprach allein:

»Es lebe der Advokat! Glaubt nicht den Verleumdern! Er ist ein großer Mann,

der Advokat!«

Aber sobald er gerufen hatte, mußte er von seinem Platz weichen. Jeder

stieß ihn weiter, und er wiederholte, einsam und verzweifelt:

»Es lebe der Advokat!«

»Nieder der Advokat!« schrie man einander in den Nacken, immer tiefer in

den Corso hinein, bis vor die Brandstätte; die Pipistrelli schrie es im

Takt mit Frau Nonoggi und Frau Acquistapace:

»Nieder der Advokat!«

»Don Taddeo hat es vorausgesagt: das ist das Gericht Gottes, weil ihr die

Komödianten hergerufen habt!« -- und die Pipistrelli schwang ihren

Krückstock über der Menge. Es ward gemurmelt:

»Don Taddeo hat es vorausgesagt.«

Aber jemand rief:

»Da ist einer von ihnen!«

Und mit gellendem Geheul fiel die Frau des Kirchendieners den Tenor Gennari

an, der fast schon bis zum Gasthaus hindurchgeschlüpft war. Sie griff ihm

mit der Krücke unter den Rock, und sie ließ sich von ihm schleifen.

»Haltet ihn! Das Gericht Gottes! Haltet ihn!«

Schon faßten Hände zu.

»Laßt mich!« rief Nello. »Ich wohne im Gasthaus!«

»So wollen wir dich hineinwerfen, damit du es warm hast, du schöner

Kleiner!« -- und die Weiber, roten Feuerschein in den verzerrten

Gesichtern, hoben ihn auf. Plötzlich flogen sie heulend auseinander; der

Bariton Gaddi war da und verteilte Stöße. Rasch und sicher zog er den

Freund ins Freie.

»Wir brauchen noch einen bei der Spritze«, erklärte er dem Leutnant

Cantinelli, der mit seinen Untergebenen Fontana und Capaci die Menge von

der Brandstätte abdämmte. Die Pipistrelli, Frau Nonoggi und Frau

Acquistapace versuchten, die bewaffnete Macht zu überrennen, fanden sie

aber unerschütterlich. Von weitem riefen sie den Wirt an, der, die Hände um

den Kopf, durch den Hof seines brennenden Hauses irrte.

»He! Malandrini! Da habt Ihrs. Warum beherbergt Ihr die Feinde Gottes. Nun

laßt Euch von den Komödianten Euer Haus bezahlen! Gewiß haben sie es

angesteckt. Sind denn wenigstens Eure Gäste gerettet?«

»Das Vieh ist aus den Ställen gezogen«, antwortete er.

»Aber die Gäste!«

»Der Engländer ist mit der Komödiantin hinuntergelaufen.«

»Ah! hätte er sie doch brennen lassen. Aber natürlich brauchte er sich nur

zu rühren, und sie war wach. Es wird nicht viel Platz gewesen sein zwischen

den beiden.«

»Man hat sie gesehen«, sagte Frau Nonoggi. »Die Felicetta und die Pomponia

haben sie gesehen. Sie werden jetzt anderswo weiterschlafen.«

Der Wirt griff mit beiden Händen aus, als machte er sich Platz.

»Meine Frau!« rief er. »Findet mir meine Frau wieder!«

»Wie? Ihr habt Eure Frau verloren?«

»Ich habe das Haus durchsucht, sie ist fort. Ich wache auf, es brennt, sie

ist fort.«

Die Frauen sahen sich gierig an. Frau Acquistapace sagte:

»Sie wird die Kinder gerettet haben und Euch in der Eile vergessen haben.

Ich begreife das.«

»Die Kinder«, stöhnte der Wirt, »sind da, sie aber --«

»Au, au! O über uns! Rettet euch! --« und die Weiber rannten, die Hände im

Nacken, zurück, -- indes, in einem langen Aufschrei des Volkes, der

hölzerne Balkon herunterkrachte und eine hohe Flamme vom Boden aufschoß.

»Der Schuppen!« schrie donnernd der Apotheker Acquistapace und schwang die

Faust. »He, Masetti, Allebardi! Eure Spritze auf den Schuppen!«

»Ihr Komödianten,« kommandierte der Apotheker, »und Ihr, Chiaralunzi,

richtet Euren Schlauch auf das Dach, denn diese verdammten dürren

Maiskolben, die darunter liegen, brennen schon . . . Aber ihr anderen,

rettet mir den Schuppen! Sonst wird er das Haus Polli in Brand setzen, und

die Stadt ist zum Teufel . . . Mit Macht! Öffnet ihn! Reißt ihn doch auf!«

Aber er selbst riß vergebens.

»Malandrini, den Schlüssel!«

»Gebt mir meine Frau wieder!«

»Das ist aber kein Spaß mehr!« -- und der Tabakhändler Polli brach sich

Bahn. »Wie? Ich soll keine Erlaubnis haben? Aber jene haben wohl die

Erlaubnis, mir mein Haus anzuzünden!«

Der Leutnant Cantinelli ließ ihn durch, so sehr schrie er. Der Herr

Giocondi drang mit ein.

»Ich habe ihn versichert! Malandrini, habe ich dich versichert oder nicht?

Keine vier Wochen sinds, -- und das ist nun dein Dank, daß du mir

abbrennst!«

»Solange es sich nicht um mein Haus handelte,« schrie Polli, »sondern nur

um deins, Malandrini, habe ich nichts gesagt. Ich habe geschlafen, bis

meine Frau mich weckte. Habe ich nicht sogar beim Erdbeben geschlafen?

Niemand schläft wie ich . . .!«

»Wenn du auch nur eine einzige Prämie bezahlt hättest! Ein schönes Geschäft

für die Gesellschaft! Sie wird mich vor die Tür setzen.«

Und der Herr Giocondi stieß den Wirt wieder dem Tabakhändler zu.

»Aber es scheint, daß ich gerade noch rechtzeitig komme!« schrie Polli.

»Einen Augenblick, und meine Zigarren fangen an, sich selbst zu rauchen. Es

fehlte nichts weiter. Setzt den Schuppen unter Wasser! Schlagt die Tür ein!

Ein Beil!«

Die Arbeiter aus der Zementfabrik des Herrn Salvatori, die jungen Leute vom

Elektrizitätswerk, die in einer langen Kette vom Fluß her Wasser holten,

ließen die Eimer in der Luft schweben: solchen Lärm machten die beiden

kleinen Alten.

»Kaltes Blut, Ihr Herren«, sagte der Advokat Belotti und trat hinzu.

»Freund Acquistapace sorgt schon dafür, daß der Schuppen nicht Feuer fängt.

Seht ihr nicht, daß die Trümmer des Balkons schon gelöscht sind? Bravo,

Acquistapace!« -- und der Advokat klatschte leicht in die Hände. Giocondi

und Polli betrachteten ihn, die Fäuste auf den Hüften, mit Gesichtern, die

immer dunkler wurden, aber ohne einen Laut. »Die Sachen gehen gut, ich

verbürge mich dafür«, sagte der Advokat und legte sich die Hand auf die

Brust. Da brachen sie los:

»Er verbürgt sich! Der Advokat verbürgt sich! Sieh ihn dir an!«

Sie stießen sich, böse kichernd, mit den Schultern an.

»Und worin besteht die Bürgschaft, Advokat? Zahlst du mir einen schwarzen

Punsch beim Gevatter Achille, wenn ich abbrenne?«

»Darum also«, fiel der Herr Giocondi ein, »hat der Advokat die Dampfspritze

abgelehnt, weil er für jeden Feuerschaden persönlich zu haften gedachte. So

sehr liebt er die Stadt! Solch guter Bürger ist er!«

Die beiden drehten plötzlich um. Die Bäuche heraus und mit erhobenen Armen,

wackelten sie laut scheltend um den Hof.

»Der Advokat! Ein gefährlicher Narr: jetzt sieht man es.«

»Der Advokat ist verurteilt, und der Eimer gehört dem Don Taddeo!« keifte

es dahinten im Corso. Der Advokat griff, zusammenzuckend, an die rote,

gestrickte Mütze, die sein Haupt bis zur Hälfte der Ohren überzog; es

schien, er wollte grüßen. Rechtzeitig ließ er es; er näherte sich den

Spritzen. Aber Allebardi schrie ihn an: »Achtung, Advokat!« und spritzte

ihm über die Füße. Da kehrte der Advokat, und er hielt den Rock zusammen,

als fröre ihn, ganz allein auf die Mitte des Hofes zurück. Der

Unterpräfekt, Herr Fiorio, der vorüberkam, nahm rasch den Arm seines

Begleiters, des Steuerpächters, und machte einen Bogen. Der Advokat schnitt

ihm den Weg ab.

»Die Sachen gehen gut, Herr Unterpräfekt. Man sollte meinen, daß es

Ahnungen gibt, denn noch vor acht Tagen habe ich meinen Freund Acquistapace

veranlaßt, eine Spritzenprobe abzuhalten. Drum arbeiten seine Braven auch

glänzend. Das Feuer ist, kann man sagen, eingedämmt. Mag noch das Dach

einstürzen: was kümmert uns das Dach, nicht wahr, Herr Unterpräfekt?«

Da man ihn allein reden ließ, wurden die Gesten des Advokaten immer größer.

»Und auch das Dach würde niemals brennen, wenn nicht dieser Esel von

Malandrini in dem offenen Speicher gerade darunter seine Maiskolben zum

Trocknen hingelegt hätte. Jetzt fehlt freilich wenig, und das Feuer dringt

vom Speicher ins Haus. Welch Unglück, Herr Unterpräfekt!«

Er betastete seine rote Mütze. Der Unterpräfekt sah sich ungewiß um. Vom

Dach rasselten Schindeln herunter. Das Volk antwortete:

»Nieder der Advokat!« -- und dahinten das Vieh brüllte unheilvoll.

Da entschloß sich der Beamte; seine Miene ward unverkennbar kühl, und er

sagte:

»Die Nacht ist schon frisch in dieser Jahreszeit, finden Sie nicht, Herr

Advokat? Möge der Morgenwind die Luft nicht noch mehr abkühlen.«

Bei dem Gedanken an den Wind ward der Advokat fahl. Die Stadt brannte! Der

Himmel war ein Feuermeer, darin verkohlten auf immer seine Größe und sein

Ruhm! Mit geschlossenen Füßen sprang er auf ein loderndes Stück Holz.

»Ihre Jagdstiefel eignen sich vorzüglich dafür«, sagte der Unterpräfekt.

Der Advokat bemerkte erst jetzt, was er in der Eile angezogen hatte: nur

einen Überzieher und keinen Kragen! Er begann zu plappern:

»Müssen mir diese Stiefel in die Hand geraten, die ich seit drei Jahren

nicht angehabt habe. Oder wie lange ist es schon, daß das öffentliche Wohl

mir keine Zeit mehr läßt, auf die Jagd zu gehen.«

Der Unterpräfekt sah wohlgefällig an seiner untadeligen Kleidung hinab. Er

strich sich den Bart, warf dem Steuerpächter einen Blick zu und versetzte:

»Sie haben vielleicht heute nacht im Traum vorausgefühlt, daß das

öffentliche Wohl Ihnen jetzt bald wieder Zeit lassen werde, diese Stiefel

anzuziehen.«

Sofort richtete der Advokat sich auf. Mit gefesteter Stimme:

»Dann, Herr Fiorio, werde ich stolz sein, dem öffentlichen Wohl diesen

letzten Dienst zu erweisen. Wir alle, Herr Unterpräfekt, sind nur

Beauftragte des Volkes, und wenn es uns fortschickt --«

»Nieder der Advokat!«

Eine Sekunde schloß er die Augen; dann:

»-- werden wir unserer Würde am besten dienen, wenn wir ihm danken und

gehen.«

Der Advokat wandte sich und verließ den Beamten. Im selben Augenblick

brach, um den Schornstein her, das Dach ein. Dicke Ballen Rauch wälzten

sich aus den Fenstern des oberen Stockwerkes. Alles hielt den Atem an; --

plötzlich eine gelle Stimme aus dem Haufen und gleich darauf ein Schreien

durcheinander:

»Jemand ist drinnen! Seht am Fenster! Seht am Fenster! Jemand brennt

lebendig!«

Und jetzt erkannten alle im Rauch, der sich lichtete, etwas Weißes.

»Meine Frau, da ist sie!« -- und Malandrini warf sich, die Arme erhoben,

vorwärts, als wollte er hinauffliegen. Die Arbeiter fingen ihn ab.

»Die Treppe brennt. Man muß zuerst die Spritze hinaufführen.«

»Ersilia! Komm herab, Ersilia!« schrie er, weinend und winkend.

»Es ist nicht Ersilia!« antwortete dahinten eine Stimme. »Es ist die

Komödiantin!«

Eine Minute der Starrheit. Alle staunten zu dem Gesicht im Fenster hinauf,

das blöde und unwissend über die Köpfe hinging. Gleich danach zuckte es

auf, ein Schrei zerriß es; und indes man es noch schreien hörte, verschloß

schon wieder der schwarze Rauch es.

»Das Fräulein Italia!« rief der Apotheker. »Helft mir sie retten!« -- und

er stürzte umher. Vom Corso kam es schrill wie eine Pfeife.

»Romolo!«

Und der Alte griff sich an den Kopf, fand nicht mehr nach links, noch nach

rechts. Chiaralunzi und die Komödianten waren dabei, die Spritze über die

Treppe zu ziehen; die Arbeiter hasteten mit Wassereimern hinein; -- da

schnellte etwas Schwarzes an ihnen vorbei: rannte oder kroch, man wußte

nicht, denn es war schon droben und fort im Rauch. Man sah nur, daß der

Kutscher Masetti in einem Eimer saß, und er erklärte, Don Taddeo habe ihn

hineingestoßen.

»Don Taddeo! Ah! Don Taddeo!« -- ein Aufschrei; und das ganze Volk reckte

sich nach jenem Fenster im Rauch, von dem er die Komödiantin fortriß. Er

lud sie sich auf, er stürzte davon, eine Flamme schoß ihm entgegen. Man sah

einander eine stürmische Stille lang in die Augen.

»Beim Bacchus!« sagten die Männer.

»Er ist verloren, Don Taddeo«, sagten die Frauen; und:

»Wenn aber die Komödiantin lebend herabkommt, bringe ich sie um.«

»Man muß beten!« -- und der Chor schwoll an. Plötzlich:

»Da ist er! Wunder! Wunder!«

In einem mächtigen Stoß brach das Volk über die bewaffnete Macht hinweg in

den Hof. Don Taddeo war aufrecht gegen die Mauer gefallen, gleich neben der

Tür, aus der er die Komödiantin getragen hatte. Als die klatschenden Hände

auf ihn zustürmten, schloß er die Augen; Italia flatterte in ihrem Hemd,

laut kreischend, um den Hof. Die Frauen hielten sie auf.

»Falle ihm zu Füßen! Wenn du ihm das Leben gekostet hättest, meinem Don

Taddeo: weh dir!«

Sie schien auf einmal zu erschlaffen; gehorsam sank sie vor ihn hin. Er

ward, ohne daß er die Augen öffnete, ganz weiß, sobald ihre Lippen seine

Hand berührten. Seine lange Nase ward weiß und zitterte; unter der

zerrissenen Soutane zitterten seine Schultern. Seine Hand flog so heftig,

daß ihre Lippen sie verloren.

»Würde man nicht sagen: Jesus und die Magdalena?« fragten die Frauen, indes

die Männer bis dicht vor das Gesicht des Priesters in die Hände klatschten.

»Aber er muß ruhen, er wird krank werden. Ein Heiliger, der sich opfert! Da

seht ihn an, ihr Männer! Wo wart ihr, die ihr breite Schultern habt und so

viel Wein trinkt? Cimabue, wo warst du? Ein Heiliger mußte kommen, sonst

war diese Arme verloren . . . Erlaube nur, daß ich deinen Ärmel küsse, und

meine kleine Pina wird gesund werden!«

Sie schoben Italia fort, jede wollte ihn berühren; ihre Masse trug ihn; --

und erst, als sie ihn fortziehen wollten: »Nach Haus, Reverendo, Ihr müßt

ruhen«, da merkten sie, daß er ohne Bewußtsein war. Sie legten ihn nieder,

rieben ihn, baten und schalten ihn.

»Steht auf, Reverendo, was tut Ihr da. Es wird Morgen, und Ihr sollt uns

predigen.«

Sie horchten. Dann erinnerten sie ihn:

»Der Eimer ist Euch zugesprochen, er ist Euer. Der Advokat ist besiegt,

niemand hört auf ihn. Euch aber lieben alle, denn Ihr habt die Komödiantin

vom Feuer errettet und seid ein Heiliger.«

Eine Pause. Plötzlich griff die sanfte Frau Zampieri sich in die Haare. Da

schrien sie auf und warfen sich hin.

»Er ist tot! Was soll aus uns werden!«

»Nein, er hat die Augen geöffnet,« sagte allein eine Stimme wie ein Engel;

und man sah Flora Garlinda, die Primadonna, ihre Augen, die glänzten,

unverwandt auf Don Taddeo halten. Don Taddeo seufzte, sah sich um und

schloß, zusammenzuckend, noch einmal die Lider. Dann erhob er sich, wehrte

denen, die mitwollten: »Ich habe zu beten, meine Töchter, ich habe so viel

zu beten«, und ging durch die Bahn, die sie ihm ließen, aus dem Hof.

Vorn und allein stand der Advokat Belotti. Er bewegte, als der Priester

vorbeikam, die Hände wie zum Klatschen. Dabei nickte er stark.

»So wird auch Judas Ischariot geklatscht haben«, sagte an der Spitze eines

Haufens der Bäcker Crepalini. Der Advokat wandte ihm das Gesicht zu, worin

eine Träne hing.

»Für einen redlichen Bürger bleibt eine schöne Tat eine schöne Tat, auch

wenn ein politischer Gegner sie tut.«

»Ein redlicher Bürger?« wiederholte der Bäcker und sein dicker Kopf, auf

dem es flackerte vom Schein des Feuers, wackelte höhnisch. »Wir alle sind

redliche Bürger. Immerhin kennt man gewisse Geschichten von Waschhäusern,

die auf Terrains gebaut sind, die den Verwandten gewisser Witwen gehörten.«

»Gewisser Witwen,« fuhr der Schuster Malagodi fort, »die die Schwestern

gewisser Advokaten sind.«

»So daß«, ergänzte der Mechaniker Blandini, »jene Verwandten ihr Terrain

aus öffentlichen Mitteln erstaunlich gut bezahlt bekamen.«

»Man erinnert sich auch«, sagte der Schlosser Fantapiè, »mancher Vorgänge

bei den letzten Wahlen . . .«

»Eh! wie viele Umstände mit einem Advokaten«, rief in der Nachbarschaft

ganz laut Frau Malagodi. »Als ob es nicht so viele kleine Advokaten gäbe,

-- die er alle selbst gemacht hat, der Mädchenjäger, der Verführer! Die

Andreina in Pozzo hat einen, aber bekümmert sich der Alte vielleicht um

ihn? Man sieht, was ein gottloser Wüstling ist!«

Der Advokat hob die Schultern; aber wohin er sich wandte, sprang es ihn an,

aus dem Dickicht des Volkes.

»Wo sind die Gelder für die Komödianten hergekommen? . . . Ist nicht das

Haus in der Via Tripoli eine Schande für die Stadt? Aber der Advokat

verteidigt es.«

»Es werden seine Töchter sein«, wisperte hinter dem Rücken des Advokaten

der Barbier Nonoggi den Weibern zu und verrenkte das Gesicht, daß sie

lachten. Gleich darauf war er in einen anderen Haufen geschlüpft und

wisperte etwas anderes. Plötzlich aber war auch er bei der Laube, wohin der

Advokat sich zurückzog, und hielt die Hand an den Mund.

»Achtung, Herr Advokat! Die Leute denken nicht gut von Ihnen; ich sage es,

weil es die Wahrheit ist. Ich selbst aber: Sie wissen zu wohl, Herr Advokat

--«

»Ich kenne Euch, Nonoggi«, sagte der Advokat, drückte ihm die Hand und

verschwand ins Dunkel. Der Barbier war schon drüben, am Schuppen, beim

Savezzo, der ihm gewinkt hatte.

»Sollen wir beginnen? Sollen wir sagen, daß das Feuer --?«

Der Savezzo schnappte zu, daß es klappte. Er fuhr sich ins Haar; rauh

brachte er hervor:

»Ich übersehe die Lage, dies ist der Augenblick: wir handeln!«

»Zurück!« schrie vorn der Apotheker Acquistapace. »Ihr Herren, Ihr Damen,

zurück! Es ist uns unmöglich, zu manövrieren.«

Die Arbeiter versuchten, mit gefüllten Wassereimern, einen Ausfall gegen

die Menge. Sie wurden mit Entrüstung zurückgeschlagen.

»Das Haus wird abbrennen, wenn ihr es wollt!« schrie Acquistapace. »Sind

wir denn in Anarchie? Advokat, herbei!«

»Es gibt keinen Advokaten mehr!« antwortete die Menge. Der Apotheker sah

sich vergebens nach seinem großen Freunde um. Die Menge gab ihm Befehle.

»Steige aufs Dach und spritze von oben!«

»Als noch ein Dach da war, hätte er hinaufsteigen sollen. Alles macht Ihr

verkehrt. Warum habt Ihr nicht zuerst die Maiskolben herabgeholt? Rettet

nun wenigstens die Betten!«

Und sie drängten hinein. Der Schneider Chiaralunzi empfing sie mit einem

Wasserstrahl. Der Rest des hölzernen Balkons brach, funkensprühend, herab.

Alles warf sich mit Zetern im dichten Rauch durcheinander.

»Das Ende der Welt!« ächzte flüchtend der Wirt Malandrini. »Wo ist meine

Frau? Ich bin ruiniert!«

»Malandrini,« sagte der Advokat und zeigte sich in der Laube, »es heißt

nun, ein Mann sein. Glauben Sie mir, es gibt noch größeres Ungemach als

Ihres.«

»Ach, über mich!« -- und er schlug sich mit den Fäusten auf den Bauch, er

setzte die Nägel an seinen runden Kahlkopf. »Auch die Mütze ist mir

verbrannt! Ich werde betteln gehen!«

Der Advokat zog ihn in die Laube.

»Sehen Sie her, Malandrini: hier auf dem Tisch liegen Ihre Kinder und

schlafen. Wenn sie denn wirklich keine Mutter mehr haben, was ich nicht

glauben will, so trösten Sie sie! Das wird auch Sie trösten. Denn im

Unglück ist es ein Trost, gütig zu sein.«

Der Wirt schluchzte am Tischrand.

»Das ist nicht alles . . . Advokat, ich will Ihnen etwas Schreckliches

sagen. Meine Frau -- sie ist fort mit allem Gelde.«

»Wie? Was sagen Sie, Malandrini? Sie haben doch nicht --«

Der Advokat brach ab, denn draußen gingen Stimmen durcheinander.

»Der Brand ist gelegt, sage ich euch . . . Der Wirt ist ein Schuft . . .

Unter der hölzernen Treppe zum Balkon ist das Feuer gelegt. Masetti hatte

es schon längst bemerkt. Man hat ihm gedroht, damit er nichts sage. Man

will schweigen, weil hochgestellte Personen kompromittiert sind . . . Ah!

Das Volk soll belogen werden!«

Malandrini schluchzte.

»Denn alle meine Wertpapiere waren in ihr wollenes Unterhemd genäht.

Nirgends sonst wollte ich sie aufbewahren. Eine Frau, nicht wahr, ist das

sicherste, was ein Mann hat: sicherer als ein eiserner Schrank. Was soll

man noch glauben!«

Der Advokat setzte an, aber über allem Wirrsal von Lauten schrie draußen

der Herr Giocondi:

»Ah! Malandrini, Brigant, der du bist, darum also hast du dich versichern

lassen und noch keine Prämie gezahlt! Aber zeige dich nur, und du endest

schlimm! Wo bist du? Malandrini! Er ist geflohen, der Brandstifter!«

Der Wirt richtete sich auf.

»Wie? Er spricht von mir?«

»Lassen wir sie schwatzen«, sagte der Advokat bitter. »Es ist das Volk.«

»Was denn, der Wirt!« sagte jemand. »Ganz andere Leute sind verdächtig.«

Und die Stimme der Pipistrelli:

»Die Komödianten! Don Taddeo hat das Unglück vorausgesagt! Nun haben sie

die Stadt angezündet!«

»Du bist eine böse Alte!«

»Hat sie denn nicht recht? Wer sonst konnte denn stehlen, indes das Haus

brannte, wenn nicht der Komödiant, der darin wohnte.«

»Wir wissen es längst; alle sagen es.«

»Ganz andere Leute! Was wißt ihr von den hohen Geheimnissen. Es gibt Dinge

. . . Wer ist denn der Feind des Don Taddeo und will sich rächen? Wer hat

denn den Ankauf der Dampfspritze verhindert?«

»Man muß den Stolz des Advokaten kennen. Don Taddeo hat seine Macht

gebrochen, das macht ihn zu allem fähig. Lieber soll die Stadt untergehen,

als seine Herrschaft!«

»Ah! Der Advokat ein Schurke? . . . Wenn man es bedenkt . . . Die Herren

sind alle Schurken! Man muß sie alle auf die Galeere schicken!«

Das Geschrei der Weiber kam wieder obenauf.

»Der Komödiant! Es ist der schöne! Wir werden ihn mit einer dicken Kette um

den Hals sehen!«

»Man merkt, daß er euch nicht angesehen hat! Der Advokat ist es, der

Advokat!«

»Vielleicht, daß der Komödiant ihm geholfen hat?«

Der Advokat in der Laube warf die Schultern.

»Da haben Sie das Volk! Sie, den Gennari, mich, es weiß nicht, wen es noch

beschuldigen soll.«

Aber der Wirt rückte, den Kopf schief, seitwärts Schritt für Schritt aus

seiner Nähe. Der Advokat sah sich um: er war fort. Durch das einsame Dunkel

der Laube zuckten Lichter wie rote Schlangen. Zwischen den Blättern

erschien manchmal ein aufgerissenes, wild überflackertes Gesicht wie eine

höllische Maske. Zum erstenmal heute nacht seufzte der Advokat. Er beugte

sich über sich selbst und bedeckte die Augen.

Draußen geschah ein großer Stoß; eine Frau heulte auf, weil die andern sie

überrannten.

»Der Komödiant!« schrien sie. »Was tun denn die Carabinieri? Soll er auch

unsere Häuser anzünden?«

Nello Gennari war schon von der Spritze weggerissen, schon umringt und auf

einen Tisch geworfen. Sie türmten um ihn her die Stühle, die er selbst aus

dem Hause gerettet hatte. Gaddi, Chiaralunzi und der alte Acquistapace

mußten die Barrikade stürmen, um Nello zurückzuholen. Bestürzt sah er die

sanftesten Gesichter der Stadt, Haß fauchend, auf sich eindringen. Nina

Zampieri klatschte mit diesen weich gebogenen Händen, die nur zum Tasten

auf den Saiten der Harfe bestimmt schienen, klatschte, weil er fiel und

sich verletzte. Ersilia und Mina Paradisi, die sich seinetwegen geohrfeigt

hatten, schrien nun gemeinsam auf ihn ein.

»Er ist es! Man hat ihn gesehen. Er ist davongelaufen, einen Augenblick,

bevor es brannte. Alle haben gesehen, daß er aus dem Tor lief!«

»Fontana! Capaci! Verhaftet ihn! Cantinelli, befiehl es ihnen!«

Die Soldaten wurden vorwärts gestoßen. Da trat ihnen der Advokat Belotti

entgegen und griff an seine rote Mütze.

»Meine Herren, einen Moment! Meine Damen, Sie begehen einen Irrtum!«

Er stellte seine Hand beschwörend gegen alle diese heulenden und pfeifenden

Köpfe, diese zum Sturm vorgeworfenen Leiber.

»Ich tue meine Pflicht, o meine Damen, und leiste Ihnen einen Dienst --«

»Schweige! Du und deine Partei auf die Galeere!« -- und dazu pfiff es.

»-- da ich Sie davor bewahre, ein Unrecht zu begehen. Denn dieser junge

Mann ist unschuldig: glauben Sie mir, unschuldig. Ich kenne sein Leben, und

ich weiß, welches Geschäft er vor dem Tor hatte . . . Soll ich es ihnen

sagen?« raunte er Nello zu.

»Nein.«

»Sie sind in ernster Gefahr. Sie haben sich dem Volk verdächtig gemacht.«

»Um Gottes willen, schweigen Sie!«

»Sie sind ein tapferer junger Mann . . . Ich darf Ihnen nichts weiter

sagen, meine Damen,« keuchte er angestrengt, »als daß dieser hier

unschuldig ist. Denken Sie denn nicht mehr an die Stimme, mit der er Sie so

oft gerührt hat? Solche Stimme lügt nicht. Ich, der Advokat Belotti --«

Er hob sich auf die Zehen, reckte die Hand hinauf und öffnete die Augen,

soweit er konnte.

»-- ich bürge euch für diesen hier!«

Auf einmal fuchtelten alle Arme nur noch gegen ihn. Das Pfeifen betäubte

ihn. Er verstand nicht die Stimmen, die sich überschrien. Die Männer warfen

sich durch die Frauen hindurch. An ihrer Spitze stand unversehens auf einem

Stuhl der Savezzo, massig, mit einer stählernen Geste nach dem Advokaten

und auf seinem Gesicht die drohende und dunkle Kraft der ganzen Menge.

»Ich bin da, um auszusprechen, was ihr alle denkt!« rief er ehern. »Hier

bürgt ein Verdächtiger für den anderen!«

»Du hast recht! So ist es!«

»Der Advokat verdient nicht mehr Glauben als der Komödiant! Auch er ist ein

Komödiant!«

»Gut!«

»Zu lange schon betrügt er das Volk!«

»Zu lange!«

Der Savezzo schlug mit der linken dem Chor den Takt. Dann, die Faust gegen

seine Brust schmetternd, die vorgetreten war wie ein Panzer:

»Ich, Mitbürger, nenne euch den Namen des öffentlichen Feindes, und wenn

ers nicht ist, dann richtet statt seiner mich selbst!«

»Nenne ihn!«

»Es ist der Advokat Belotti!« -- und damit sprang der Savezzo hinunter in

das Wogen und Geheul, zeigte nach allen Seiten seinen schwarz aufgerissenen

Mund und legte sich, allen voran, zum Sturm aus. Der Advokat war von

Acquistapace, Gaddi und Chiaralunzi umringt. Sie hielten ihm die Arme, und

er zeigte der Menge seine offenen Hände, wie um ihr zu beweisen, daß sie

rein seien. Sie schrie trotzdem:

»Das Waschhaus! Die Dampfspritze! Die Wahlen! Auf die Galeere mit ihm!

Werft ihn zu Boden! Ah! auch die Arbeiter hat er bestochen, daß sie den

Schlauch gegen uns richten. Wehe, wenn wir dich erst haben!« -- und dazu

brüllte das Vieh, und die Glocken läuteten immerfort Sturm.

»Welch häßlicher Narr«, schrien Weiberstimmen, »mit seiner roten

Nachtmütze!«

Der Advokat bewegte heftig den Mund, ohne daß man ihn hörte. Aber die Adern

schwollen ihm.

»Ich bin euer Freund«, hörten die, die seine Arme hielten, ihn keuchen.

»Aber ihr sollt sehen, ob ich ein Mann bin und stark auch gegen euch. Ich

werde zu kämpfen wissen.«

»Reize sie nicht, Advokat!« flüsterte Acquistapace. »Tue es für mich!

Lieber will ich allen feindlichen Heeren der Welt gegenüberstehen, als dem

Volk!«

»Es sind gute Leute, Herr Advokat«, sagte der Schneider Chiaralunzi.

»Teufel, in diesem Augenblick sind sie verrückt. Man muß Geduld haben.«

Wo der Savezzo sich abarbeitete, brachen übermächtige Rufe hervor.

»Was hat er mit dem Malandrini in der Laube gesprochen? Malandrini, rede!

Er hat dir dein Grundstück abkaufen wollen, damit er das Doppelte fordern

kann, wenn hier das städtische Schlachthaus gebaut wird. Denn das will er!

Und darum hat er das Gasthaus in Brand gesteckt!«

»Auf die Galeere! Auf die Galeere!«

Der Advokat keuchte:

»Ich merke euch mir! Ihr werdet mich kennen lernen! Ah! sogar du,

Scarpetta, den ich genährt habe. Wie? Giocondi, du hast das Herz, die Faust

gegen mich zu erheben? . . .«

Er schwieg; denn dahinter fuchtelte auch Polli. Die Hand des alten

Acquistapace fühlte sich lockerer an um seinen Arm. Es gab keine Freunde

mehr. Der Advokat betrachtete, in einer stolzen Marter, jedes einzelne

dieser hundert vom Morgenlicht fahlen Gesichter, bis dahinten, wo im

erlöschenden Widerschein des Brandes die letzten durcheinander flossen. Und

Jole Capitani, wo war sie? Liebe und Ruhm, wo waren sie? Alles verschlungen

von der despotischen Laune des Volkes. Der Advokat bäumte sich. »Ihr hättet

eine Schreckensherrschaft nötig!«

In der Nähe wiederholte sein Bruder Galileo den Schrei der Menge:

»Auf die Galeere! Pappappapp, versteht sich, auf die Galeere: wohin denn

sonst mit den Buffonen! Er wollte prahlen, er wollte den großen Mann

machen, und das bringt ihn nun auf die Galeere.«

Von unten, zwischen den Beinen hervor, rang sich manchmal ersticktes

Jammern.

»Alles nur Verleumdung! Der Advokat ist ein --«

»Wie? ein großer Mann sagst du? Ah! du sollst einen sehen!« -- und der

Barbier Bonometti bekam neue Fußtritte. Er jammerte lauter, -- indes im

Haufen der Weiber, den die Menge gegen die verschlossene Tür des Schuppens

drängte, die Witwe Pastecaldi ein Schluchzen erhob:

»Der Advokat auf die Galeere. So endet er nun: ich habe es immer

gefürchtet.«

»Tröstet Euch«, sagte die Magd Felicetta. »Euer Bruder ist nicht der

einzige. Auch der Komödiant geht auf die Galeere. Denn wir wissen jetzt,

daß sie das Haus zusammen angesteckt haben.«

»Es ist wahr!« schrien die Frauen. »Denn der Advokat und der Komödiant sind

aneinander geraten, wie sie beide zu der Italia wollten. In ihrer

Eifersucht haben sie die Kerzen umgeworfen; und als es dann brannte, ist

die Ersilia Malandrini darüber dazugekommen. Da haben sie sie, damit nichts

herauskäme, gebunden und verschwinden lassen. Vielleicht haben sie sie

umgebracht, die Arme.«

»Sie haben sie umgebracht! Denn für eine schlechte Frau wie jene

Komödiantin, sind die Männer zu allem fähig.«

»Auf die Galeere die beiden!« -- und ein letzter Stoß drängte die

Verteidiger des Tenors und des Advokaten von ihrer Seite. Die Hände der

Feinde packten sie an; -- da kreischten auf einmal alle Weiber auf. Sie

fielen in der Tür des Schuppens, die klaffte, durcheinander, kugelten, eine

über die andere fort, in das Heu, und unter ihren umgeschlagenen Röcken

kreischten sie . . . Plötzlich schwiegen sie. Bewegung entstand im Dunkel

des Schuppens, dumpfe Rufe, eine fassungslose Stille. Die Menge hielt an

und spähte hin. Die ersten, erstarrten Gesichter erschienen in der Tür, und

zwischen ihnen, im Hemd, Frau Malandrini. Hinter ihr zeigte sich

widerwillig der Baron Torroni.

* * * * *

Ein Gelächter brach aus; zuerst waren es mächtige Stöße, zwischen denen man

anhielt und sich besann, dann Wellen, ununterbrochen hin und her über den

Hof, durch den Corso, bis dahinten auf den Platz. Die letzten setzten sich

vor Lachen auf das Pflaster: »Die Frau des Malandrini hat -- ah! das ist

ein wenig stark, sein Haus brennt, sie aber und der Baron zerstreuen sich«;

-- und sie lachten weiter, indes die vordersten beim Schuppen das Paar

applaudierten. Frau Malandrini rief zornig ihrem Manne entgegen:

»Was machst du denn? Du läßt unser Haus abbrennen, und mich sperrst du in

den Schuppen?«

»Meine Frau!« -- und mit einem rauhen Schrei hing der Wirt an ihren

Schultern.

»Die Papiere? Du hast sie?« keuchte er.

»Wie denn, wer soll sie sonst haben?«

Darauf wandte Malandrini ein jäh beseligtes Gesicht der Menge zu.

»Wir leben noch«, schluchzte er. »Wir sind noch da.«

»Auch der Baron«, antwortete man ihm.

»Er war zufällig da«, sagte die Frau. Der Baron erklärte barsch, er habe

den Brand gerochen und im Schuppen nachgesehen.

»Du aber stößt mich, deine Frau, hinein und sperrst ab!«

»So ist es! Du hattest den Kopf verloren, armer Malandrini!« schrie die

Menge und schüttelte sich. Der Wirt griff sich an die Glatze. Die Frau

schalt weiter, weil er sie all die Zeit im Hemd bei einem Herrn gelassen

habe.

»Konnte ich etwa hervorkommen und der ganzen Stadt zeigen, was nur du sehen

darfst? Gib mir deinen Rock, und fort ins Haus, daß wir Kleider suchen!«

Die Menge trat in Reihen auseinander wie bei Don Taddeo, dem Heiligen, und

klatschte an ihrem Wege. Plötzlich riefen mehrere zugleich:

»Aber die Komödiantin! Dann war nicht sie es, die der Baron besuchte, so

oft er ins Gasthaus kam!«

»Augenscheinlich, -- und was den Baron betrifft, ist sie unschuldig.«

»Wie, nur den Baron? Und wird auch der Advokat nicht etwa nur mit ihr

geprahlt haben?«

»Die Komödiantin ist ein ehrbares Mädchen!«

»Wie die Männer uns verleumden!« rief Mama Paradisi.

»Wir Mädchen sind recht sehr zu beklagen,« bemerkten Felicetta und

Pomponia. »Die Komödiantin, wir haben es immer gesagt, ist so ehrbar wie

wir.«

»Wer will noch behaupten,« sagte mit sanftem Nachdruck Frau Zampieri, »daß

sie ihm etwas gewährt habe, was nicht erlaubt ist?«

»Wer will es behaupten?« wiederholte die Menge drohend.

Die Herren Polli, Giocondi und Cantinelli sahen einander nachdenklich an

und schwiegen.

»Sie hat es verdient, von einem Heiligen aus dem Feuer gerettet zu werden!«

rief Frau Nonoggi.

»Wo hat sie sich versteckt? Wenn wir sie finden, wollen wir sie belohnen.«

»Da ist sie!« -- und die Mägde Fania und Nanà zogen sie aus der Laube, wo

der junge Severino Salvatori sie mit seinem Mantel bedeckt hatte. Die Menge

lobte ihn dafür. Italia, rot und wirr, wie sie war, ward von ihr geherzt.

»Sie hat eisige Füße, die Arme!«

Die Frauen rieben sie ihr.

»Wer hätte es gedacht, daß die Komödiantinnen ehrbar sind«, sagte der alte

Seiler Fierabelli zum Schlosser Fantapiè. »Wer einen Sohn hätte, könnte ihn

ihr zum Manne geben.«

Der Schneider Coccola rief:

»Und Polli, der sich weigert, seinem Sohn Olindo die gelbe Choristin zu

geben!«

»Das ist nicht recht von Euch«, sagten die Männer; und die Frauen:

»Ihr beleidigt uns alle.«

Der Tabakhändler wollte entwischen, aber sie stellten ihn.

»Da sieh, wie sie sich lieben!« -- und die Menge zog Olindo mit der Gelben

hinter dem Schuppen hervor, sie führte die beiden dem Vater zu. Polli

rötete sich; er drang auf seinen Sohn ein. Die Menge riß ihn zurück; er

zappelte wütend. »Ihr wollt wohl sagen, daß auch diese ehrbar ist?«

»Warum nicht?«

»Aber wenn doch ich selbst sie --«

Der Aufschrei der Frauen deckte seine Stimme zu.

»Ah! wir wissen wohl, weshalb er nicht will: sie ist arm.«

Und von allen Seiten:

»Wir Armen sind Eurer Herrlichkeit nicht gut genug. Nieder die Reichen!«

»Man muß die Mädchen nicht nach dem Gelde fragen«, riet der Herr Giocondi,

im Gedanken an die eigenen Töchter. »Sieh nur auf das Herz!«

»Gib ihnen deinen Segen!« rief das Volk; -- und da dorthinten schon ein

unheilvolles Pfeifen ausbrach, entschloß sich Polli.

»Mir hätte statt dessen das Haus abbrennen können«, brummte er. »Da die

Nacht nicht ohne ein Unglück vorübergehen soll --«

Aber beim Zusammenlegen der Hände kniff er seinen Sohn so heftig in den

Arm, daß Olindo aufhüpfte. Die große Gelbe fächelte sich erstaunt.

»Welche sympathische Familie!« rief das Volk und klatschte.

»Alle hinaus!« befahl dahinten der Apotheker Acquistapace seinen Leuten.

»Der Schornstein wird ins Haus fallen.«

Gaddi aber zog Nello hinter die Tür.

»Nello, du bist in Gefahr.«

»Ich weiß es, aber ich war heute schon in größerer, und man gewöhnt sich

daran.«

»Du scherzest, Nello, ohne zu wissen, worüber. Ich bin den Verdächtigungen

nachgegangen, die gegen dich ausgeschickt sind; ich habe ihre Quelle

entdeckt . . . Die meisten haben sie von einem Kommis des Kaufmannes

Mancafede, und der Kommis hat sie von seinem Herrn. Der Kaufmann aber stand

beim Dom mit Frau Camuzzi.«

Und da Nello aufzuckte:

»Es ist also wahr. Ich dachte es mir: der Haß einer Frau. Höre, Nello:

flieh! Flieh sogleich!«

»Heute morgen, wenn ihr andern fort seid.«

»Das ist nicht früh genug. Bis zur Stunde, wo wir fortziehen, wird sie

etwas Neues gegen dich erdacht haben. Was sie bisher schon gewagt hat,

beweist dir das nicht, daß sie nicht eher einhalten wird, als bis sie dich

vernichtet hat?«

Mit dem Arm um die Schulter des jungen Mannes:

»Ich sehe dich verloren, Freund.«

Nello senkte die Stirn.

»Vielleicht bin ichs. Trotzdem, Virginio« -- und er drückte die Hand des

Freundes, »kann ich dir nicht folgen. Ich folge nur meinem Schicksal, und

es heißt Alba. Oh! nie mehr wird es anders heißen . . . Du weißt nicht --«

Mit heißeren Händedrücken, voll hastigen Glückes:

»Dies war die letzte Nacht ohne sie: in wenig Stunden sind wir vereint für

immer. Wenn ihr anderen die Stadt verlassen habt, -- ich verziehe noch, ich

verstecke mich. Werden nicht viele euch begleiten, wird nicht die Stadt in

Verwirrung sein? Dann enteile ich zu ihr, der Wagen steht bereit hinter der

Hecke, sie wartet darin, sie winkt: ich komme, ich komme: und, o Virginio!

wir leben trotz allem nicht umsonst: ich habe sie neben mir, sie ist bei

mir, wohin immer das Leben uns führt . . . Und wenn es --«

Er warf den Kopf zurück, breitete leicht die Hand hin und lächelte rein.

»-- wenn es selbst zum Tod führt, mit ihr!«

Eine Pause; das Klatschen und Gelächter der Menge.

»So willst du nicht fliehen?« fragte Gaddi nochmals. Auch Nello lachte auf

und schlug in die Hände.

»Du bist gut! Fliehen, -- wenn ich doch im Schutz meiner Heiligen stehe.

Frau Camuzzi mag die Ratschläge der Hölle selbst haben: was kann sie gegen

Alba!«

Er drängte den Freund hinaus ans Frühlicht.

»Und sieh, ob irgend jemand hier Verderben sinnt. Die Menschen können nicht

lange böse sein, das Leben ist zu gut. Den Advokaten wollten sie auf die

Galeere schicken. Jetzt lachen sie, und er lacht mit ihnen!«

Denn der Advokat ging umher und zeigte, daß er lachte. Seiner Schwester

Pastecaldi raunte er zu:

»Ich bitte dich, Artemisia, laß das Weinen! Es wird mich kompromittieren.

Ein öffentlicher Mann muß heiter sein. Solange gelacht wird, ist nichts

verloren.«

»Der Advokat auf die Galeere?« -- und seine Nichte Amelia starrte aus ihrem

weißen Mullkleid entgeistert zum Himmel auf. Der Advokat machte »Schü!

Schü!« Er erstickte das Schluchzen der Witwe Pastecaldi mit der Hand.

»Hast du wenigstens meine Perücke mitgebracht?« zischelte er. »Daß du sie

mir auch gerade gestern abend wegnehmen mußtest, um sie zu kämmen . . .

Gottlob, da ist sie.«

Er duckte sich hinter seine weiblichen Verwandten, um die rote Mütze

abzuziehen.

»Das alles wäre mir vielleicht nicht zugestoßen, wenn ich nicht diese

gesegnete Mütze aufgehabt hätte. Die Weltgeschichte ist reich an solchen

folgenschweren Zufällen . . . Es geht mir schon besser,« -- und er kam mit

der Perücke auf dem Kopf wieder zum Vorschein. Die Schwester zog aus ihrer

Schürze auch seinen braunen Strohhut; sofort schwenkte er ihn mit einem

Kratzfuß gegen Flora Garlinda, die herzukam.

»Sie sind ein tapferes Mädchen, Sie haben sich frisiert!«

»Sie haben einen Mißerfolg gehabt, Advokat? Sie sind ausgezischt? Wie

werden Sie sich rächen?«

»Indem ich meine Pflicht tue«, antwortete der Advokat und stieß die

geöffnete Hand edel nach unten. Bei ihrem spöttischen Lächeln:

»Dies Volk scheint Ihnen ein wenig eigenwillig, ein wenig zügellos. Aber

wenn es demütig wäre, möchte ich nicht sein Beauftragter sein, weil ich es

verachten würde, -- und nicht sein Herr, denn der Herr ist noch

verächtlicher als der Knecht, aus dessen Erniedrigung er Nutzen zieht

. . . Nicht doch!« rief er in einen Kreis von Bürgern hinein, worin die

Herren Salvatori, Mancafede, Torroni dem Leutnant Cantinelli zustimmten,

der eine Vermehrung der bewaffneten Macht verlangte.

»Nicht doch, Ihr Herren! Je weniger Macht geübt wird in der Welt, desto

besser ist es!«

»Ihre Sache«, sagte Flora Garlinda. »Ich war nur gekommen, um Ihnen zu

Ihrer Rache zu verhelfen.«

»Wie?«

»Denn ich schulde Ihnen einen Gegendienst für Ihren Artikel in der >Glocke

des Volkes.< Sie werden sehen, daß niemand zu kurz kommt, der meine Partei

nimmt . . . Lassen Sie uns beiseite treten . . . Man hat Sie beschuldigt,

dieses Haus angezündet zu haben. Was würden Sie sagen --«

Sie senkte schief den Kopf. In den Taschen ihres schmutzfarbenen

Regenmantels öffnete und schloß sie die Hände.

»-- wenn ich Ihnen den wirklichen Brandstifter nennen würde?«

Da er nur mit dem Mund klappte, sagte sie und ließ die Laute, jeden für

sich, leicht und klar in die Luft gehen:

»Es ist Don Taddeo, der Heilige.«

Der Advokat prallte zurück. Er sah sie ruhig die Lippen schließen, als ob

alles entschieden sei: -- da begann er wild den Körper umherzuwerfen, den

Hals nach allen Seiten hinauszustoßen; die Augäpfel quollen ihm hervor, und

er stöhnte mehrmals schwer. Endlich wischte er sich den Schweiß; er atmete

zischend aus.

»Es wäre unnötig. Wer würde mir glauben? . . . Übrigens glaube ich selbst

es nicht.«

Sie ließ ihn vollends zu sich kommen. Ihre Augen glitzerten.

»Er ist es, Don Taddeo«, wiederholte sie mit einem Lächeln, das sie schön

machte. Der Advokat brauste auf:

»Aber woher wissen Sies? Haben Sie etwas gesehen?«

»Nicht mehr als Sie. Nicht mehr, als alle sehen konnten, hier auf dem Hof

voll Menschen, als Don Taddeo die Italia rettete und als er in Ohnmacht

lag.«

»Und daraus, daß er ein Held ist; denn man muß die Wahrheit sagen: er ist

ein Held, dieser Priester, und wäre er nicht ein Feind des Staates, würde

ich ihn einen guten Bürger nennen: -- daraus also ziehen Sie den Schluß, er

habe ein gemeines Verbrechen begangen? Sie wollen scherzen, Fräulein.«

»Ich habe meine Beweise. Aber den wichtigsten finde ich darin, daß es ihm

gut stehen würde . . . Entrüsten Sie sich nicht, Advokat! Es würde ihm so

viel besser stehen, als Ihnen. Seit ich ihn, nach eurer Schlacht auf dem

Platz, besiegt wie er war, hinter seinem Turm sich krümmen und quälen sah,

kenne ich ihn; und wenn wir jetzt über den Brand, Italia und das übrige

miteinander nur einige Worte wechselten, ich bin sicher, wir würden uns

verständigen.«

»Ah! Ah!«

Der Advokat legte sich breit zurück und stieß ein tief beruhigtes Lachen

aus.

»Jetzt verstehe ich alles. Ich hatte wahrhaftig vergessen, daß Sie eine

Künstlerin sind.«

Er holte ihre Hand aus der Tasche, um sie zu küssen.

»Eine große Künstlerin!«

»Wie es Ihnen gefällt«, schloß Flora Garlinda und hob die Schultern.

* * * * *

»Haltet ihn!« schrie alles, und mehrere setzten sich hart hin, weil der

Brigadiere Capaci über sie hinweggerannt war. Man sah dahinten noch seine

langen Beine schweben, aber Coletto, der Konditorjunge, war schon um die

Ecke.

»Hast du den Salame?« rief Malandrini dem Gendarmen entgegen, der

zurückkehrte. Seine Hände waren leer, die Buben jubelten, und der alte

Zecchini schlug seinen Zechbrüdern vor, den Keller des Wirtes zu

untersuchen.

»Wer weiß, ob das Feuer aus seinem Wein nicht Kognak gemacht hat.«

»Nonoggi, deine Frau hat unten ein Bettuch und oben ein Handtuch an; es

scheint, die Geschäfte gehen schlecht.«

Die Menge entdeckte erst jetzt, wie sie aussah.

»Welche Furcht wir gehabt haben müssen!«

»Gina, was hättest du getan, wenn die Stadt gebrannt hätte?«

»Gib dein Ohr her: ich wäre zu Renzo gelaufen.«

»Flüstere nur, ich habe es doch gehört; und wir wären uns auf halbem Wege

begegnet, Gina.«

»Der Doktor Ranucci! Der alte Narr hat seine Frau im Hause eingeschlossen,

um nachzusehen, was es gibt. Galileo Belotti aber hat ihr ins Fenster

gerufen, die Stadt brenne. Jetzt schreit sie. Wir wollen dem Alten sagen,

ein Mann sei bei ihr!«

»Ah! sind unsere Männer tapfer gewesen. Masetti! Chiaralunzi! ihr habt uns

alle gerettet. Dir aber haben sie das Haus erhalten, Malandrini. Warum

jammerst du? Deine Betten sind ein wenig naß geworden, das ist alles; aber

deine Frau hat nicht darin gelegen, sie lag im Schuppen.«

»Sie lag im Schuppen!«

»Und du knauserst mit dem Wein? Du Glückspilz? Unsere Männer haben

geschwitzt für dich!«

»Mein Mann schwitzt am meisten von allen«, sagte die Frau des Baritons

Gaddi und zeigte dem Volk seine Hemdärmel.

»Man muß sagen, daß auch die Komödianten tapfer waren; sogar der junge, der

doch mit dem Advokaten das Feuer angelegt hat. Warum ist er noch nicht im

Gefängnis?«

»Redet keinen Unsinn!« sagte der Schneider Chiaralunzi. »Als der Balkon

herabfiel, wäre ich fast erschlagen: dieser aber hat mich fortgezogen.«

»Nein, das war Virginio«, sagte Nello.

»Die Post geht ab!« rief Masetti; aber er ward zur Ruhe verwiesen. Ob er

die Komödianten denn nackt mitnehmen wolle, da ihnen alles verbrannt sei?

Ob er so gottlos sei, daß er nicht zuerst die Messe hören wolle, zum Dank

für die Rettung der Stadt?

»Aber nicht alle sind so gute Leute unter diesen Künstlern«, setzte der

Schneider hinzu. »Unser Spritzenwagen steckte einmal im brennenden Holz,

wir sind gerade nicht genug Leute: >Fasse einer mit an!< rufe ich; und

jener steht dabei, aber glaubt ihr, er rührt sich?«

Die Menge betrachtete mißbilligend den Kapellmeister, der, eine große Rolle

fest unter dem Arm, von einem Fuß auf den andern trat. Der Schneider hatte

sich dunkelrot gefärbt.

»Mag er ein Maestro sein und ich blase nur das Tenorhorn: hier aber sind

wir, um die Stadt zu retten, und das ist kein guter Mann, wer nicht helfen

will.«

Auch der Kapellmeister war rosig überzogen. Er stieß den freien Arm in die

Höhe, legte ihn aber sogleich behutsam auf seine Rolle. Sich abwendend:

»Was wißt ihr?! Laßt mich gehen!«

Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi:

»Seht Ihr, wie der Schneider das Volk gegen Euch hetzt? Er möchte Euch aus

der Stadt verdrängen, denn am liebsten wäre er selbst der Maestro. Der

Tenor, mit dem seine Frau eine Liebschaft hat, will ihm dazu helfen.«

»Was kann ich tun?« sagte der Kapellmeister zu den Umstehenden. »Sollte

ich, um einen Spritzenwagen herauszuziehen, meine Messe verbrennen lassen

und meine Oper? Denn hier, das sind meine Kompositionen, und ich durfte sie

nicht aus der Hand lassen. Schließlich, wie auch Sie wissen, war es

möglich, daß die Stadt abbrannte.«

»Er ist ein böser Mann,« -- und Chiaralunzi schnob, daß sein langer

Schnurrbart aufflog. »Er denkt nur an sich und seine Musik. Wir sind gut

genug, sie ihm aufzuführen, dann dürfen wir verbrennen, wenn es uns

gefällt.«

Blandini und Allebardi erklärten, sie sähen es wohl und hätten keine Lust

mehr, heute morgen in der Messe des Maestro mitzuspielen.

»Geben Sie mir recht, Herr Mancafede!« rief der Kapellmeister und fuhr sich

durchs Haar, daß der Hut hinabfiel. »Sie selbst waren in Sorge um Ihr

Warenlager, das immer noch keine Opernpartitur ist. Sollte ich sie dem

Untergange aussetzen? Ich weiß, wieviel ich der Stadt schulde, und diesem

Volk, das dieselbe Musik gefühlt hat wie ich, das ich liebe, von dem ich

das Beste empfange. Aber danke ich ihm nicht besser mit Werken, als indem

ich ein Haus rette? Was bedeutet ein Haus, das abbrennt, gegen Italien,

gegen die Menschheit, die auf meine Werke wartet!«

Der Kaufmann Mancafede lächelte von unten, indes die andern murrten.

»Immerhin«, äußerte Polli, »zahlt Ihnen nicht die Menschheit Ihre

hundertfünfzig Lire, sondern wir.«

Der Kapellmeister drehte die Augen nach oben. Dann maß er schweigend den

Schneider, der weiter schalt. Abseits bemerkte der Advokat:

»Was alles mit uns vorgeht! Wie kommt es, daß diese beiden braven Leute

sich hassen?«

»Ich benachrichtige die Herren, daß der Kaffee fertig ist«, rief der

Gevatter Achille und schob seinen Bauch durch die Menge. »Man hat nicht

geschlafen heute nacht, da glaubte ich dem geehrten Publikum zu dienen,

indem ich meinen Kaffee extra stark machte.«

Er stellte sich in die Mitte.

»Alle ins Café >zum Fortschritt<!«

Aber wer noch da war, wollte den Schornstein einstürzen sehen; denn er

ragte kahl und ungestützt aus dem offenen Dach und neigte sich schief und

schiefer. Alles wartete gedrängt am Ausgang des Hofes; nur Coletto und die

Seinen wagten sich vor und warfen mit Steinen nach dem Schlot. Der Wirt

fiel über sie her, aber man rief ihm zu:

»Eh! Malandrini! Er wird umfallen, ob du sie prügelst oder nicht. Wir haben

durch deine Schuld die ganze Nacht Angst gehabt, jetzt wollen wir uns

unterhalten.«

»Auch deine Frau hat sich unterhalten!«

Und man feuerte einander an, vorzulaufen und Steine zu werfen. Plötzlich:

»Er fällt! Hoho! Rettet euch!«

* * * * *

Unter dem Knall und Geprassel des Kamines, der ins Haus sank, stob alles

mit Lachen und Gekreisch von dannen. Der Wirt nur irrte, die Hände um die

Ohren, wehklagend durch seinen vereinsamten Hof. Der Advokat Belotti war da

und spendete ihm Trost; -- und obwohl es vergeblich war, ließ er auch den

Freund Acquistapace samt seinen Leuten abziehen und blieb zurück.

»Armer Freund, man sieht es ihm an, daß er sich nicht gern an meiner Seite

zeigen würde. Manchmal, sagen wir nur die Wahrheit, ist das Leben

schwierig.«

Gleich darauf zuckte er zusammen.

»Da ist Camuzzi!«

Er tat, als habe er ihn nicht gesehen, und stöberte in den Trümmern. Wie er

sich ins Haus stehlen wollte, rief der Gemeindesekretär ihn an:

»Guten Morgen, Herr Advokat!«

Der Advokat kam zögernd hervor. Der Sekretär hatte seinen neuen

Herbstmantel an, frisch glänzende Schuhe und duftete gut. Der Advokat

klopfte an seinem beschmutzten Rock, auch versuchte er, ihn zu schließen,

es fand sich aber kein Knopf mehr.

»Sie hier, Herr Camuzzi«, brachte er hervor.

»Ja, ich bin ein wenig früher aufgestanden. Die Leute erzählen einem

Fabeln; können nicht Sie, Herr Advokat, mir sagen, was eigentlich geschehen

ist?«

»Sie haben geschlafen?« fragte der Advokat und behielt den Mund offen.

»Da hier, wie ich sehe, nur ein Dach eingestürzt ist, habe ich offenbar

wohl daran getan, die Nacht nicht unter den Gaffern und Schwätzern zu

verbringen. Sollte man jetzt nicht an das Frühstück denken?«

Er kehrte wieder um.

»Sie konnten schlafen!« wiederholte der Advokat, ergriffen.

»Vielleicht hätte ich nicht geschlafen,« erklärte der Sekretär, »wenn ich

an den Brand geglaubt hätte.«

»Wie? Sie haben nicht daran geglaubt? Aber die Glocken haben geläutet! Der

Himmel war rot!«

»Meine Frau sagte es mir, als sie mich weckte. Aber gewöhnt, wie ich es

bin, an die Übertreibungen dieses Volkes: -- denn dies Volk, Sie wissen es

wie ich, lebt von Übertreibungen, Dunst und Lärm, und es bereitet dem

nüchternen, die Ordnung liebenden Menschen nur Plage. Noch jetzt ist es

meine Überzeugung, daß der Eifer der guten Bürger dem Hause Malandrini

größeren Schaden zugefügt hat als das Feuer.«

»Eh! Eh!« -- und der Advokat arbeitete, ohnmächtig krächzend, mit Schultern

und Händen.

»Sie leugnen also die Sonne, Herr Camuzzi! Nach Ihrem Gefallen leugnen Sie

sie! Ich antworte Ihnen nur, daß ein Brand wohl nicht jeder Wirklichkeit

entbehren kann, wenn sogar jemand da ist, der ihn gelegt hat.«

Der Gemeindesekretär hob die Schultern.

»Man hat mir auch davon gesprochen. Man hat mir, unter mehreren anderen,

sogar Sie als den Brandstifter genannt, Herr Advokat.«

Der Advokat begann mit künstlicher Wildheit zu kichern. Er schielte nach

dem Gesicht seines Begleiters.

»Ich sehe, daß Sie mich für unschuldig halten, vielen Dank. Ich will Ihnen

gestehen, daß ich soeben bei Ihrem Anblick nicht ohne Besorgnis war. Die

Verschiedenheit unserer Temperamente, Herr Camuzzi, hat es mit sich

gebracht, daß wir uns im öffentlichen Leben zuweilen gegenübergestanden

haben. Freilich gibt mir das noch nicht das Recht, an der Klarheit Ihres

Denkens zu zweifeln . . . Wollen Sie das Absurdeste wissen, was eine

erhitzte Phantasie heute nacht erfunden hat?«

»Die Nacht der Dichter«, sagte der Sekretär.

»Wenn ich selbst, der Advokat Belotti, der seit dreißig Jahren all seine

Tätigkeit, sein Genie und seinen Ehrgeiz dem Wohl dieser Stadt widmet, sie

eines schönen Nachts in Brand gesteckt haben soll, will ich es noch als

reine und strenge Logik hinnehmen. Aber auch Don Taddeo soll sie angezündet

haben. Sie haben richtig gehört: Don Taddeo!«

Er lachte so stürmisch, daß mehrere Bewohner des Corso auf ihre Schwellen

traten. Der Sekretär begnügte sich mit verächtlichem Feixen.

»Man muß sich vor dem Landstreicher schämen,« bemerkte er, »der das Feuer

vielleicht gelegt hat: -- falls es gelegt worden ist und falls es ein Feuer

war. Er wird uns alle für verrückt halten.«

»Wie viel Geist Sie haben, Herr Camuzzi!«

Aber der Advokat seufzte plötzlich tief.

»Das alles soll nicht heißen, daß ich mich den Verantwortlichkeiten zu

entziehen denke, die auf mich fallen. Das Volk hat recht, o wie recht, wenn

es Rechenschaft von mir fordert über die Ablehnung der Dampfspritze.«

Er drückte beide Hände auf die Brust und nickte.

»Soll man nicht an das Fatum glauben und an den Neid der Götter? Hier sehen

Sie einen Mann, der im Dienst des Volkes höher gestiegen war, als die

meisten, und den ein Fehltritt herabgestürzt hat. Das Volk aber, weit

entfernt, ihn zu bemitleiden, setzt ihm den Fuß auf die Brust. Und doch

bemitleidet es oft Unwürdige. Vielleicht haßt es mich nur, weil wir uns zu

sehr geliebt haben und ich ihm einmal nicht groß genug war?«

Der Advokat blieb stehen. Da der Gemeindesekretär die Frage unentschieden

ließ, ging er weiter.

»In jedem Fall hat es recht, das Volk. Ich beging ein unverzeihliches

Versäumnis, als ich, sparsam aus Liebe zu Größerem, die Dampfspritze

ablehnte. Nicht nur der Ruin des Hauses Malandrini fällt mir zur Last,

sondern die Unsicherheit, in der ich die Stadt ließ, die Ungeschütztheit

dieses Volkes, das mir vertraute!«

Der Sekretär wiegte den Kopf. Er stellte lächelnd die Hand gegen den

Advokaten.

»Ihr Kopf geht durch. Woher wissen Sie, daß mit der Dampfspritze, die auch

ich abgelehnt habe, der Schaden geringer gewesen wäre? Ich glaube es nicht,

und das Geschrei des Volkes beweist es mir nicht. Übrigens halte ich es mit

dem Satze, daß die Dinge ihr Maß in sich tragen: auch das Feuer. Wir sollen

nicht zu viel handeln: nicht einmal gegen das Feuer.«

Der Advokat schlug durch die Luft und sprach in die Rede des anderen

hinein:

»Dies ist das Prinzip des Übels: daß ich zu stürmisch den Fortschritt

wollte, um mich auf die Erhaltung dessen, was da war, noch besinnen zu

können. Der Geist der meisten aber ist vor allem auf Erhaltung gerichtet.

So teilte sich durch meine Schuld dies Volk, so kam, ach, über mich! der

Bürgerkrieg.«

»Da ist der Advokat! Er wagt sich zu zeigen. Nieder mit ihm!« -- und beim

Café »zum heiligen Agapitus« war alles auf den Beinen. Der Advokat, am

Rande des Platzes, nahm die Hand, mit der er sie beschattet hatte, von den

Augen, und sein Begleiter sah Tränen rollen.

»Nicht das Unglück ist meine Strafe, sondern die Reue«, stöhnte der

Advokat.

Dort hinten überschrien sie einander, -- indes beim Café »zum Fortschritt«

eine tödliche Stille lagerte. Die Herren wendeten sich nicht her; der alte

Acquistapace hielt den Kopf gesenkt.

»Die Freunde, verführt und mitgerissen durch mich, leiden nun Furcht und

hassen mich dafür. Bemerken Sie, Camuzzi, den seltsamen Fall, daß ich nur

noch mit Ihnen sprechen kann, der Sie immer mein Gegner waren. Sie haben

Mut!«

»Pöh!« machte der Sekretär. »Da ich an das öffentliche Leben nicht glaube,

wird es mir nicht schwer, zu tun, was mir beliebt. Indessen --«

Der Sekretär befestigte vor seinen halb geschlossenen Augen den Klemmer.

»-- wäre dies nicht der Augenblick für Sie, sich zu fragen, wozu Sie soviel

gewollt, sich abgearbeitet und gehandelt haben? Was bleibt davon, nun Sie

im Dunkel des Privatlebens verschwinden sollen?«

Und er wollte, befriedigt durch seine Frage, weitergehen. Aber der Advokat

verharrte noch auf der Mitte des Platzes; er nahm den Hut ab, und um den

Platz, der tobte und schwieg, sandte er einen gefaßten Blick.

»Was bleibt?« antwortete er. »Ich will nicht von den Werken sprechen, die

vielleicht bleiben. Aber es bleibt die Liebe. Andere, die mich kannten,

werden die Stadt lieben, wie ich sie geliebt habe. Und schließlich ist es

für einen Mann wie für ein Volk ehrenvoller, das Gute zu wollen und auf

halbem Weg unterzugehn, als immer weiter zu leben, ohne Schuld, weil ohne

Tat.«

Sie umschritten den Brunnen; die Tauben flogen auf.

»Sie fliegen auf und setzen sich wieder«, sagte der Sekretär. »Das ist der

menschliche Fortschritt. Die Stunde, als sie mit mir zusammen die

Dampfspritze ablehnten, jene Stunde, Advokat, war Ihre weiseste.«

»Ah! ich verwahre mich. Nicht aus denselben Gründen haben wir sie

abgelehnt. Ihnen, Herr Camuzzi, kam schon eine Dampfspritze zu schnell und

zu neu, ich aber war ihr voraus, voraus . . .«

»Gleichviel.«

»Gleichviel«, wiederholte der Advokat und streckte die Hand hin. »Wir sind

uns wenigstens einmal begegnet, -- als wir denselben Fehler machten. Lassen

Sie uns Freunde sein!«

Er stieg, schleppenden Schrittes, in die Treppengasse hinein. Der

Gemeindesekretär wandte sich nach dem Café »zum Fortschritt.« Von der

anderen Seite kam die alte Ermenegilda aus dem Pfarrhause. Eine Strecke vom

Tisch der Herren blieb sie stehen.

»Ich grüße die Dame«, rief der Gevatter Achille. »Wünscht Don Taddeo etwas

Stärkendes? Und wie geht es dem heiligen Mann?«

»Ja, wie geht es ihm?« fragten die Herren. Ihr taubes Gesicht bewegte sich

nicht unter der Haube; sie sagte:

»Ist der Herr Giocondi da?«

»Was gibts?« fragte der Herr Giocondi. Sie sah ihn sich mit ihren still

durchdringenden Augen an.

»Kommen Sie mit mir, Herr«, sagte sie. »Der Reverendo will Sie sprechen.«

»Wie?« -- und der Herr Giocondi setzte sich die Finger auf die Brust. »Irrt

Ihr Euch nicht? Ich bin der Herr Giocondi.«

»Sie suche ich. Der Reverendo hat etwas für Sie. Das sind seine Sachen.«

Der Herr Giocondi ließ die Backen hängen, als habe er etwas ausgefressen,

und sah von einem zum andern. Sie zuckten stumm die Achseln. Darauf gab er

sich einen Ruck.

»Nun also. Es ist nur, wenn man so viele Jahre nicht in der Beichte war

. . .«

»Meinen Respekt dem Reverendo, wissen Sie«, sagte ihm der Gevatter Achille

noch, und die andern riefen ihm nach:

»Auch den meinen, weißt du.«

Darauf räusperten sie sich und rückten mit den Gläsern. Der Leutnant

Cantinelli wagte zu sagen:

»Eine sonderbare Geschichte;« -- und der Kaufmann Mancafede, wispernd:

»Was mag er wollen?«

»Eh!« machte Polli, aber er hustete rasch. Der Gemeindesekretär wischte

seinen Klemmer ab, er vermutete gelassen:

»Er wird wissen wollen, wieviel der Malandrini von der

Versicherungsgesellschaft bekommen wird. Die Priester sind neugierig, wie

man weiß.«

Die andern schwiegen vor Schrecken. Drüben hatte sich der Lärm gelegt; die

Hände in den Taschen, kam der Savezzo herüber.

»Was gibts?« fragte er, ohne an den Hut zu greifen. Die Herren Salvatori

und Polli rückten sofort auseinander und zogen einen Stuhl zwischen sich.

»Auch wir fragen uns umsonst, Herr Savezzo. Was hat Don Taddeo mit dem

Giocondi zu tun?«

»Ein Heiliger mit einem Versicherungsinspektor!«

»Die Sache ist einfach«, erklärte der Savezzo, faßte den Stuhl und stieß

ihn auf das Pflaster. »Don Taddeo will sein Leben versichern, denn er hat

gesehen, wessen der Advokat fähig ist.«

Die Herren nickten starr; nur Camuzzi wiegte den Kopf, -- indes der

Apotheker nicht aufsah. Der Gevatter Achille rollte die Zunge im Munde.

»Dahin also wäre es mit dem Advokaten gekommen?«

»Der Advokat!« und der Herr Salvatori lachte bitter auf. »Wissen Sie, daß

er meinen Arbeitern eine Lohnerhöhung versprochen hat, wenn sie für die

Freiheit wären?«

»Bezahlen Sie also die Freiheit!« sagte der Savezzo. Der Kaufmann Mancafede

wimmerte:

»Ihre Partei kauft nicht mehr bei mir, ich sehe keine Bauern kommen, ich

bin ruiniert, und doch habe ich nie etwas mit dem Advokaten zu tun gehabt.«

»So wenig wie ich«, behauptete der Gevatter Achille. »Der Advokat hat uns

alle ruiniert. Sie, Herr Savezzo, sind ein anderer Mann, Sie haben dem

Freund Giovaccone zu einer Teufelskundschaft verholfen.«

Der Leutnant Cantinelli sagte:

»Niemand sollte, wie der Advokat, die Parteien zum Bürgerkriege antreiben.

Uns Soldaten kann der Bürgerkrieg, so oder so, unsere Stellung kosten; in

Mailand sind die Carabinieri ins Gefängnis gesetzt; -- und ich habe eine

Frau.«

»Der Advokat wird sie trösten«, sagte der Savezzo.

Polli schlug plötzlich zwischen die Gläser. Sein Hals schwoll an, und er

schrie erstickt:

»Jetzt habe ich eine Schwiegertochter! Und was für eine!«

»Und Sie verdanken sie der Politik des Advokaten«, sagte der Savezzo.

»Die Komödianten packen ihre Koffer und hüten sich hervorzukommen; sie

wissen wohl, daß ich ihnen die Köpfe einschlagen würde. Aber statt ihrer

werde ich den Advokaten durchprügeln! Ich werde ihn zwingen, die große

Gelbe selbst zu heiraten!«

Camuzzi bemerkte trocken:

»Es war einfacher für Sie, heute nacht in ihrem Bett zu bleiben; dann

würden Sie noch immer keine Schwiegertochter haben. Überhaupt, wenn die

Herren ruhig geschlafen hätten wie ich --«

»Was denn!« murrte der Herr Salvatori. »Man kann nicht schlafen, wenn in

der Stadt ein Räuber umgeht, der den Arbeitern mehr Lohn verspricht. Als

heute nacht die Feuerglocke zu läuten anfing, -- fragen Sie nur meine Frau,

ob nicht mein erstes Wort war: was wird der Advokat wieder angerichtet

haben.«

»So ist es!« und alle riefen durcheinander. »Wir sind in den Händen eines

Räubers.«

»Wer rettet uns!« wimmerte Mancafede.

»Wir sind schon gerettet«, sagte der Leutnant und verbeugte sich gegen den

Savezzo. Der alte Acquistapace richtete sich unversehens auf, er holte

unter dem Tisch die geballte Faust hervor. Aber als alle ihm auf den Mund

sahen, schloß er ihn wieder und senkte den Kopf. Nur der Gemeindesekretär

neben ihm verstand, was er murmelte.

»Zwei Söhne auf der Universität . . . Die Zeiten sind vorbei . . . Man muß

leben . . .«

»Es ist eine Tatsache, Herr Savezzo,« äußerte der Gevatter Achille, »daß

Sie der einzige sind, der uns retten kann.«

Angstvolles Schweigen; -- aber der Savezzo stemmte die Fäuste auf die

Schenkel und ließ sich Zeit.

»Ihr habt den Zorn des Volkes verdient. Ihr habt dem Advokaten die Stange

gehalten, dafür müßt ihr nun büßen, in der Politik und in den Geschäften.

Adieu, ich gehe dem Volk zu sagen, daß ihr euren Untergang vorauswißt und

ihn fürchtet.«

Er stand auf, aber die Herren Salvatori und Polli legten sich auf seine

Arme.

»Ein Wort, Savezzo! Verständigen wir uns! Was kostet es Sie, ein Wort

anzuhören. Der Advokat hat uns betrogen, er hat uns gedroht, durch

Schrecken hat er uns gezwungen, das Geld des Volkes zu verschwenden und mit

Don Taddeo und dem Mittelstand in Krieg zu leben.«

»Wie oft«, -- und der Leutnant legte die Hand aufs Herz, »haben wir

untereinander dem Advokaten geflucht!«

»Wäre nicht der Advokat gewesen,« rief der Gevatter Achille, »niemand hätte

uns gehindert, die öffentliche Sache in Ihre Hand zu legen, Herr Savezzo.«

Und alle durcheinander:

»Wer hat gegen Sie intrigiert? Wer hat Ihnen den Advokatentitel genommen

und Sie bei den Gemeindewahlen von der Liste gestrichen? Etwa ich? Etwa

ich? . . . Aber ich bin es, der Sie auf die Liste setzen wird . . . Ich

vielmehr, ich, denn ich habe im stillen die Sympathien des Advokaten

untergraben . . . Hören Sie mich, ich habe mehr getan!« -- und der Kaufmann

Mancafede zeigte, über den Tisch gereckt, seine blanken, flehenden Augen.

»Ich bin heimlich beim Bürgermeister gewesen. Ich habe ihn gebeten, er

solle Sie in den Gemeinderat bringen, er solle, wenn denn sein Alter ihn

zum Rücktritt nötige, nicht den Advokaten zu seinem Nachfolger machen,

sondern den Herrn Savezzo, unsern großen Mann.«

»Unsern Staatsmann, den Retter der Stadt!« rief der Herr Salvatori und

schwang anfeuernd den Arm.

»Einen Künstler,« setzte der Gevatter Achille hinzu, »der so gut auf dem

Bleistift bläst!«

»Ah!« machten alle, -- indes der Savezzo dastand und heftig auf seine Nase

schielte.

»Was verlangen Sie?« fragte der Herr Salvatori. »Wir sind bereit, den

Advokaten zu opfern;« -- und Polli bestätigte es.

»Beim Bacchus, hat nicht etwa er auch uns geopfert?«

»Wir liefern ihn aus!« schrie Mancafede in der Fistel. »Ich bin der erste

gewesen, der es verlangt hat. Wir schicken ihn, wie das Volk es will, auf

die Galeere!«

»Das ist nur gerecht, wenn er das Haus des Malandrini angesteckt hat«,

meinte der Gevatter Achille. »Nur müssen wir Zeugen haben.«

»Eure Sache, sie zu finden«, ließ der Savezzo vernehmen. »Beseitigt den

Advokaten, und ich will an euch Gnade üben.«

»Wir haben Zeugen, so viele wir wollen«, riefen sie; der Kaufmann packte

sich vorn an seiner wolligen Jacke und schüttelte sich.

»Ich! Ich habe es gesehen. Und meine Tochter: sie, die, wie die ganze Stadt

weiß, alles sieht und hört, meine Tochter sagt, es ist der Advokat.«

Camuzzi drückte ihn an den Schultern auf seinen Stuhl.

»Ihnen wird es sogleich sehr schlecht werden, das ist leicht vorauszusehen.

Auch Ihre Tochter sollte ihre Diät ändern, dann würde ihr vielleicht

manches vergehen.«

Sogleich fuhren alle gegen ihn los.

»Wie? Sie, Camuzzi, wollen die Evangelina leugnen?«

»Noch niemand«, -- und der Kaufmann schnellte den Finger gegen den

Sekretär, »hat es je gewagt, auch Sie nicht; und es wird Ihnen Unglück

bringen!«

Camuzzi hielt still und blinzelte nur; um ihn her stürmte es.

»Sie werden sehen, ob wir den Advokaten seinem Verderben preisgeben! Wer

sein Freund ist und nicht der des Herrn Savezzo, muß fallen. Hüten Sie

sich, Herr Camuzzi!«

Der Gemeindesekretär wehrte ab.

»Von alledem wird nichts geschehen. Geht, ich kenne die Stadt; und ich

glaube nicht, daß irgend etwas geschieht.«

Da rief in den Lärm der Gevatter Achille:

»Der Herr Giocondi! Seht ihr nicht, daß er wieder da ist?«

Alle fuhren herum, jeder mit seiner halb hinausgeworfenen Geste. Da der

Herr Giocondi mit umständlichem Ächzen Platz nahm:

»Nun, was sagt Don Taddeo?«

»Soll ich den Advokaten sogleich verhaften?« fragte der Leutnant.

»Keine Scherze, Giocondi! Was gibts?«

»Nichts«, sagte der Herr Giocondi, bewegte flüchtig eine Schulter und sah

weg. »Nichts. Er ist verrückt geworden.«

»Wie? Von wem sprichst du?«

»Ich spreche von Don Taddeo. Er ist verrückt geworden, er will meiner

Gesellschaft den Schaden des Malandrini bezahlen.«

Alle setzten sich, stumm, nur der Savezzo nicht. Nach einer Weile sagte

Polli und zog die Stirn in Falten:

»Versteht sich, er ist ein Heiliger.«

Der Herr Giocondi fuhr fort:

»Er sagt, er sei an allem schuld . . . Nun ja, was wollt ihr von mir, ich

wiederhole, was ich gehört habe. Der Advokat sei unschuldig, sagt Don

Taddeo, und er will zahlen.«

Ein wilder Schrei des Jubels: und der Apotheker Acquistapace tanzte auf

seinem Holzbein um den Tisch.

»Er wird nicht zahlen«, meinte zögernd der Herr Salvatori.

»Wenn er mir doch die Papiere schon in die Hand schieben wollte. Ich hatte

Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß zuerst die Gesellschaft sich

entscheiden müsse, ob und unter welcher Form sie seine zwanzigtausend Lire

annehmen will. Denn das ist alles, was er hat.«

Der Savezzo tat, die Arme verschränkt, einen Schritt gegen den Herrn

Giocondi:

»Was Sie sagen, ist nicht wahr! Sie wollen das Volk betrügen! Hierher!«

rief er über den Platz, »da ist ein Spion des Advokaten!«

Der Barbier Nonoggi lief schon herbei. Dahinten setzte das ganze Café »zum

heiligen Agapitus« sich in Bewegung. Aber der Herr Giocondi polterte, rot

vor Entrüstung:

»Ich ein Spion? Ein Inspektor der >Gegenseitigen< bin ich, und wenn mir

jemand anbietet, er wolle für die Gesellschaft zahlen, dann weiß ich, was

ich zu tun habe.«

»Er weiß, was er zu tun hat!« brüllte der Apotheker, »und der Advokat

bleibt ein großer Mann!«

»Und warum will er zahlen?« fragte der Barbier. Der Bäcker Crepalini, an

der Spitze des murrenden Haufens, wiederholte gebieterisch:

»Und warum will er zahlen?«

»Ah das --« und der Herr Giocondi zog Brauen, Schultern und Arme hoch, »das

ist ein anderes Paar Ärmel. Er stand vom Betstuhl auf, wie ich kam, und

kaum daß er sich auf den Beinen hielt. Wird Besuch gehabt haben von den

anderen Heiligen. Wie soll ich das wissen, ich bin ein Inspektor der

>Gegenseitigen<.«

Die kleine Stadt: Roman · 第 9 / 18 题