»So werden wir weiter suchen«, sagte Gaddi ehern.
»Unnötig«, -- und der Cavaliere Giordano stieg lang und klapprig aus der
Dunkelheit. Mit Gespensterstimme trällerte er:
»-- da ich sehe, daß ihr Liebende seid. Als ich jung war, wie ihr, hatte
ichs weicher, und Michelina, mein Weib, mit mir. Sie ist tot, mir blieb
dieser Stein. Seid ihr glücklich, wird er euch weich sein.«
Dabei hüpfte der alte Sänger aus dem Bogen hervor: hüpfte auf einem Fuß
schief zur Seite, -- und von den halb erhobenen Armen schwankten ihm die
Hälften des Mantels wie gebrochene Flügel.
»Hahaha!« machte Polli. Der Advokat erstickte insgeheim, indes der kleine
Herr Giocondi sich schallend die fetten Schenkelchen klatschte.
»Ist das komisch! Gut, daß etwas zum Lachen dazwischen kommt. Man will
das.«
Der Cavaliere Giordano war zurückgewichen; die Hand hatte er an der Stirn.
»Wie? Sie lachen? Aber das ist --!«
Er schluckte hinunter und kam näher.
»Wenn Sie denn lachen --. Ich werde sehen. Es wirkt also auf Sie?«
Er ging, den Kopf gesenkt, umher.
»Vielleicht kann man es auch so auffassen? . . . Sollen Sie also lachen!«
* * * * *
»Daß der Tenor etwas hat,« sagte der junge Savezzo, die Brauen
zusammengezogen, »das werden Sie uns nicht ausreden.«
»Was soll er haben?« erwiderte Gaddi; aber Nello beunruhigte ihn. In seinem
Lauf den Vorhang entlang, war er plötzlich stehen geblieben, das Ohr
geneigt, als unternähme er, aus der Wirrnis von Stimmen dort draußen eine
einzige zu erhorchen, und mit einem solchen Ausdruck der Entferntheit im
Gesicht, daß der Bariton einen raschen Schritt machte, um ihn zu rütteln.
»Es war ihre Stimme!« dachte Nello. »Sie ist nicht in der Loge, und dennoch
habe ich dorther, ja dorther ihre Stimme gehört. Ist sie denn tot? Spricht
denn ihr Geist zu mir, wie der Geist jener Äbtissin in Parma? Mein Gott, es
ist die dritte Loge rechts: dieselbe Loge! . . . Welcher Wahnsinn! Die
Märchen des Cavaliere Giordano wiederholen sich nicht, und Alba ist mir
ferner, als wäre sie vor hundert Jahren gestorben.«
Er wandte den Kopf und sah, fieberhaft klagend, in das Gesicht des
Freundes.
»Sieben Tage der Angst«, murmelte er. »Wie man hoffen kann! Es ist
lächerlich. Immer zitternd in ihrer Nähe, nie sie sehen, -- und im Herzen
wissen, daß der Abend bevorsteht, an dem sie mir erscheint: mir, der ich
ihr dort hinauf alles, alles --«
»Still, Nello!«
»Und nun ists aus? Kann sie nicht noch kommen?«
»Schweig! Man hört uns . . . Er fragte nach der dritten Loge im ersten Rang
rechts«, rief Gaddi den andern entgegen. »Warum steht sie leer im
ausverkauften Haus? Ich muß sagen, daß auch mich --«
»Das ist ja die Loge der Familie Nardini«, erklärte Polli.
»Aber --« machte der Advokat von fern.
Nello wandte sich, die Finger ineinander geschlungen, dem Tabakhändler zu.
»Ist das wahr?« fragte er.
»Eh! Beim Bacchus!«
Da faßte, zwischen seinen gesträubten Brauen, der junge Savezzo den Tenor
ins Auge. Seine pockennarbige Nase hüpfte frohlockend ein wenig auf, und er
sagte:
»Ich glaube nicht. Der alte Nardini ist bei seiner Weigerung geblieben. Man
hat jene Loge ihm zugeschrieben, dem Mittelstand gegenüber, der sie
beanspruchte --«
»-- und dem man sie hoffentlich nicht geben wird«, setzte der Herr Giocondi
hinzu.
»Ich habe für das Volk gearbeitet, aber wie dankt mir das Volk?« fragte der
Advokat, indes Nello sich an die Stirn griff.
»Soviel ist sicher, die Familie Nardini kommt nicht«, sagte der Savezzo
noch, -- da sah man den jungen Sänger schwanken. Gaddi griff zu, aber Nello
lag schon mit geschlossenen Augen am Boden. Alle waren zurückgesprungen,
nur Gaddi beugte sich über ihn. Als sie dann herandrängten: »Was hat er?«
-- schnellte der Bariton wütend auf.
»Man darf wohl nervös sein, hoffe ich. Ich selbst bin abergläubisch, und
jene einzige leere Loge gefällt mir nicht.«
»Ja,« sagte Savezzo und sah mit breitbeinigem Hohn auf Nello nieder, »sie
sind zarter Natur, die Künstler.«
»Man sollte einen Arzt holen«, verlangte der Cavaliere Giordano.
»Aber es ist nichts«, behauptete der Apotheker.
»Man weiß nicht«, meinte der Advokat. »Auch ich habe einmal --«
»Einen Arzt!« rief Polli, umherfuchtelnd, unter die Arbeiter, die gafften.
Laufend erschien der Kapellmeister.
»Was ist geschehen?« -- und er war tief erbleicht.
»Gar nichts«, sagte Gaddi und rüttelte Nello. »Bringen Sie Wasser,
Dorlenghi!«
Der Kapellmeister griff sich in die Taschen. Plötzlich warf er sich neben
dem Ohnmächtigen auf die Knie.
»Wird er singen können? Sagen Sie nur das eine!«
Er sprang wieder auf.
»Mein Gott, ich bin verloren!«
Der Herr Giocondi stieß den Apotheker in die Seite; dem Advokaten blinzelte
er zu.
»Übrigens, Maestro,« äußerte er, »hat auch die Primadonna sich geweigert,
weiterzusingen. Sie schien sehr unzufrieden, wie, ihr Herren?«
Der Kapellmeister blieb stumm, und der Advokat fand es nötig, mit
ausgebreiteten Armen hinter ihn zu treten. Aber der Kapellmeister fiel
nicht um, er lachte laut auf und begann mit einer Stimme, die man an ihm
nicht kannte, zu schreien:
»Wußte ichs nicht? Wußte ichs nicht?«
Gaddi richtete sich von Nellos Schläfen auf, die er rieb. »Werden Sie nicht
schweigen? Merken Sie nicht, daß man sich über Sie lustig macht? Auch
dieser hier hat schon die Augen geöffnet!«
»Gleichviel«, machte der Advokat. »Wer, wie ich, außergewöhnlichen
Gemütsbewegungen unterworfen ist, wird ihre Folgen nicht leicht nehmen. Wie
fühlen Sie sich, mein Freund?«
»Einen Arzt«, rief der Tabakhändler hinter den Kulissen. Er war falsch
gelaufen und stand unversehens vor seinem Sohn Olindo, der die große
gelbhaarige Choristin unter den Achseln hielt und sie mit angstvollem
Entzücken preßte. Einen Augenblick blieb der Vater, so sehr er mit den
Armen vorwärts ruderte, am selben Fleck, als seien ihm die Füße
eingesunken. Dann tat er einen Satz.
»Wie? Du bemerkst mich und läßt sie nicht einmal los? Ich will doch sehen,
ob ich noch dein Vater bin!«
Und seine Hand klatschte rechts und links in Olindos Gesicht, das maßlose
Enttäuschung malte.
»Ich liebe sie so sehr«, stieß er, wirr jammernd, aus. »Ich will sie
heiraten.«
»Und du wagst es mir zu sagen! Welch ein Typus!«
»Aber warum schlagen Sie ihn?« fragte das Mädchen. »Was ist Schlimmes
dabei? Geben Sie mir lieber eine Zigarette!«
»Fort! Beine!« -- und Polli hob sich auf den Zehen, um den jungen Menschen
zu wenden und ihm den Fuß in das Gesäß zu setzen. Als er ihn abgeschnellt
hatte:
»Ich verbiete Ihnen, mein Fräulein --«
»Du bist doch nur eifersüchtig, mein Alterchen«, sagte sie und griff ihm
unter das Kinn. »Aber ich liebe noch immer nur dich.«
»Hoffen wirs! Du darfst übrigens nicht wieder in den Laden rufen. Wehe,
wenn meine Frau drinnen gewesen wäre . . . Auf morgen um drei! -- aber wenn
du mir den Jungen nicht in Ruhe läßt, sind wir keine Freunde mehr.«
»Das wäre schrecklich«, rief sie ihm nach. »Und die Zigarette?«
»Unglücklicher, was tust du noch hier?«
Denn Olindo saß auf einem Versatzstück und weinte.
»Anstatt ein Menschenleben zu retten, indem er einen Arzt holt, jammert
dieser Unglückliche um eine Komödiantin! Eine Frau ohne einen Heller, die
dir niemals treu sein würde!«
»O ja! das wäre sie!«
»Ah! Und der Advokat? Und der Baron? Frage sie einmal nach den beiden!«
»Das ist nicht wahr!« -- und Olindo sprang auf, den Blick voll blinden
Opfermutes. Der Vater lehnte sich zurück; er setzte sich den Finger auf die
fette Brust und lächelte breit.
»Dann frage sie also nach mir!«
Darauf ließ Olindo, rot bis in die roten Haare, die Lider sinken und
knickte ein. Polli klopfte ihn auf die Schulter.
»Da du hier so gut Bescheid weißt, zeige mir, wo es hinaus geht!«
* * * * *
Durch die kleine Tür unter der Bühne gelangten sie ins Orchester, das leer
war. Nur Nina Zampieri und der junge Mandolini saßen ineinander versunken
bei der Harfe, und der alte kleine Beamte Dotti schnarchte mit seiner
Klarinette unter dem Arm. Im Parterre erklärte der Tabakhändler jedem:
»Wir brauchen einen Arzt, auf der Bühne ist einem etwas zugestoßen.«
Aber niemand verstand ihn in dem allgemeinen Gelächter, das Galileo Belotti
entfesselte. Er stand vor einem ganz kleinen Menschen, der beim Eingang
unter der Loge der Familie Giocondi an der Wand lehnte.
»Sie sind ja bucklig«, sagte Galileo mit erhobenen Brauen.
Der Kleine schrak auf.
»Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht.«
»Ich aber habe sogleich erkannt, daß Sie bucklig sind« -- und Galileo hielt
unerbittlich den Finger auf ihn gerichtet.
»Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, werfe ich Ihnen das Glas an den Kopf«,
schrie der Krüppel schrill, und seine Hand, die zitterte, verschüttete die
Hälfte des Wassers.
»Vielleicht werden Sie mir das Glas an den Kopf werfen,« antwortete
Galileo, »darum sind Sie aber immer noch bucklig.«
»Wie viel Witz er hat!« sagten die Pächter und drängten herzu.
»Aber ich rufe die Carabinieri herein!« kreischte der Verwachsene.
»Rufen Sie die Carabinieri! Das hilft Ihnen jedoch nichts: Sie bleiben
bucklig« -- und Galileo pflanzte sich fester auf. Der dicke Zecchini und
seine Zechbrüder brüllten. Von draußen eilten die Leute herein, um
mitzulachen.
»Ich werde Sie verklagen! Sie kommen ins Gefängnis! Was! Ich bringe Sie
um!«
Das lange Gesicht des Zwerges war grün. Mit seinem Höcker schlug er
taumelnd gegen die Wand; das Glas entfiel seinen Händen, die sich
krampften, und auf die Lippen trat ihm Schaum.
»Wenn Sie auch alles tun, was Sie sagen,« erklärte ihm Galileo, »bucklig
sind Sie, und bucklig bleiben Sie.«
Unerschüttert sah er ringsum, während sein Opfer sich am Boden wälzte. Der
Barbier Bonometti und der Schneider Coccola waren mit dem Ausgang nicht
zufrieden; sie nahmen den Menschen, der um sich schlug, und trugen ihn
hinaus.
Vor der Tür standen große Gruppen. Am Rande der Terrasse, in der lauen
dunklen Luft unter den Steineichen duckten Mädchen, die sich in Ketten
umherschwenkten, den Nacken bei den Scherzen der Burschen. Mütter und
Kinder umringten im Lampenschein am Palast den Eiskarren. Hier und da stieg
eine Tenorstimme auf, mit zwei Takten aus dem Gebet der »Tonietta«, mit den
ernst und selig schwebenden Tönen des Duetts: »Sieh Geliebter, unser
umblühtes Haus . . .« »Welche Musik!« sagte einer der jungen Leute in
großen Hüten und bunten Halstüchern. »Es geschieht viel Trauriges in dem
Stück, und dennoch, wenn man die Musik hört, scheint es einem, daß es keine
Unglücklichen mehr auf der Welt gibt.«
»Trotzdem bringen sie dort einen«, sagte ein anderer; und alle zusammen:
»Kennt niemand ihn? Was ist ihm passiert? . . . Das ist ja der Schreiber
des Notars in Spello. Ich war für meinen Herrn bei seinem . . . Wie soll er
in seinem Zustand die drei Stunden zurückgehen? Hat er Geld, um zu
übernachten? Gleichwohl, Gevatter Felipe, müßt Ihr ihn bei Euch aufnehmen.«
Der Wirt »zu den Verlobten« weigerte sich. Bei so vielen Fremden, an einem
solchen Tage! Jedes Bett sei drei Lire wert.
»So gebe ich eine!« sagte der junge Mann. »Und ich bin ein Arbeiter, der
zwei Lire fünfundsiebzig am Tag verdient.«
Er schlug sich auf die Brust und sah umher.
»Auch ich gebe eine.«
»Auch ich.«
Sie luden sich den Kranken auf die Schultern und liefen mit ihm die
Treppengasse hinunter. Aus dem Theater scholl noch immer Gelächter. Die
Frauen in den Logen wollten sehen, was geschehen ist. Die beiden Fräulein
Giocondi gackerten durchdringend; ihr Vater sagte ihnen:
»Dieser Galileo! Sein Bruder, der Advokat, ist eine Persönlichkeit, aber
auch er hat großes Talent.«
Galileo kugelte, die weißen Brauen emporgezogen, inmitten seines Erfolges
umher und polterte.
»Pappappapp, man wird sich wohl einen Spaß machen dürfen! Und du, Polli,«
sagte er zu dem Tabakhändler, der sich die Seiten hielt, »du wolltest einen
Arzt? Für den Tenor? Nun, da schickt man den Ranucci, und inzwischen macht
man seiner Frau den Hof. Ihr werdet noch ganz anders lachen.«
»Doktor!« rief er in die erste Parterreloge rechts, »auf der Bühne stirbt
jemand. Rasch! Sie müssen hin.«
»Ich kann nicht«, rief der Doktor zurück und stellte sich vor seine Frau.
»Sagen Sie es dem Kollegen Capitani!«
»Er ist nicht da. Wenn Sie nicht gehen, ist ein Mensch dahin, was Deixel!«
Galileo schrie so sehr, daß es ringsum still ward. Alle sahen in die Loge
des Arztes, der die Arme ausbreitete und leise tanzte. Sein massiger Körper
war ihm nicht groß und breit genug, um die kleine demütige Frau vor allen
diesen Augen zu verdecken.
»Sie sollten gehen,« sagte neben ihm Mama Paradisi, »es scheint ernst.«
Drüben sah er Frau Salvatori einen mißbilligenden Blick mit Frau Malandrini
wechseln. Die alte Frau Mandolini schlug mit dem Fächer hart auf die
Brüstung ihrer Loge, und von der Galerie rief es:
»Laßt ihn! Er ist kein Arzt für die Lebenden, er ist einer für die Toten.«
Unter dem Druck der öffentlichen Meinung griff Ranucci plötzlich nach
seinem Hut und eilte hinaus. Sogleich setzte Galileo Belotti sich in
Bewegung.
»Holt mir den schönen Alfò!« verlangte er. »Ich brauche ihn, denn ich
selbst bin nicht schön genug.«
Und als er ihn hatte:
»Ich werde dich einer Frau vorstellen, die dir gefallen wird.«
Gemeinsam sah man sie in der Loge erscheinen. Frau Ranucci zog sich hinter
ihrem Fächer ganz zusammen, indes Galileo unter fetten Seufzern kleine
kurzbeinige Kratzfüße machte und der schöne Alfò eitel in den Saal
lächelte. Man erhob die Hände gegen ihn, als wollte man klatschen, man
stieß sich an, halblaute Ermunterungen flogen hin. Der kleine alte Giocondi
in seiner Loge gerade gegenüber platzte lärmend los:
»O Gott, ich kann nicht mehr. Wie das komisch ist! Und es ist meine Idee:
ja, gewiß, ich bin es, der sie Galileo eingegeben hat.«
Sogar die entlobte Rosina schüttelte sich; Cesira aber kniff den Vater in
den Arm.
»Du bist ein unbezahlbarer Papa!«
Ihr Jauchzen weckte ihre Mutter, die das schmutziggraue Haupt erhob.
»Und die Miete, Ottone?« fragte sie blechern. »Wie soll ich sie bezahlen?«
»Wer denkt an die Miete? Hier gibt es zu lachen.«
Aber die Töchter waren auf einmal still.
»Welch gute Erfindung«, rief der Vater fröhlich. »Daß dieser Tenor krank
werden mußte! Der Bucklige krank, der Tenor krank, alle krank: nur ich
nicht.«
Die Töchter sahen sich, die Zähne auf der Lippe, aus den Augenwinkeln an.
Beunruhigt schielte der Vater nach ihnen hin.
»Oder bin ich vielleicht jemals krank gewesen?«
Da sie weiter schwiegen:
»Denn daß ich mir auf der Treppe das Bein gebrochen habe, das kann man doch
nicht Krankheit nennen.«
Er ließ die Backen hängen und hatte einen bettelnden Ton.
»Habe ich nicht erst neulich in Adorna mit einem Handlungsreisenden
gewettet, ich würde dreißig kleine Vögel essen, und habe die Wette
gewonnen?«
Plötzlich schlug er sich wieder auf die Knie.
»Dieser Galileo streichelt ihr schon das Gesicht! Ah! das ist noch eine
ganz andere Komödie, als die der Komödianten. Man müßte dabei sein. Was
meint ihr, wenn ich hinginge?«
»Bleibe lieber da«, sagte Frau Giocondi. »Wer weiß, was der Doktor tut,
wenn er zurückkommt . . . Da ist er schon.«
Man hielt den Atem an, und man hörte den Doktor Ranucci sagen:
»Was tun Sie?«
Er griff sich an den Kopf.
»Sie schicken mich zu einem Kranken, der seit einer halben Stunde wieder
auf den Beinen ist, und inzwischen --«
Unversehens rötete er sich heftig; er tat einen drohenden Schritt. Der
schöne Alfò wich -- und sein törichtes Lächeln verging ihm -- bis an die
Brüstung zurück. Wie der Doktor die Hand ausstreckte, war er schon hinüber
und sprang in den Saal.
»Bravo, Alfò!« rief man, was den Doktor zu erbittern schien. Voll Wucht
trat er zwischen seine Frau und Galileo Belotti, der mit hohen Augenbrauen
unverfroren weiterpolterte.
»Pappappapp, krank oder gesund, aber die Bekanntschaft Ihrer Frau haben wir
gemacht. Mein Kompliment, Doktor, ein schönes Stück Frau . . .«
Er gurgelte; denn der Doktor hatte eine Faust in seinem Munde, und mit der
andern griff er ihm ans Gebiß. Galileo brüllte dumpf: -- da schwang der
Doktor einen Zahn. Klatschen erhob sich; dann ward ein Sturm daraus, und
Ranucci mußte sich verbeugen. Galileo war verschwunden.
»Siehst du, Ottone, wie es dir ergangen wäre?« sagte Frau Giocondi. Ihr
Mann hatte die Hand an der Wange, als wäre der Eingriff bei ihm selbst
vollzogen worden. Er suchte die Augen der Töchter. Rosina hielt die ihren
im Schoß, Cesira hatte zwischen den gekniffenen Lidern ein dünnes, spitzes
Lächeln. Der Vater stieß mit dem Fuß einen Schemel fort und schalt:
»Nun, eine Krankheit wäre auch das noch nicht!«
Das Lachen ging in Stößen durch den Saal; wenn es oben endete, begann es
unten. Auf der Galerie, die sich wieder gefüllt hatte, rief man:
»Wie er tüchtig ist, der Doktor!«
Und die Väter hoben ihre Kinder auf die Schultern, damit sie ihn sehen
konnten. Der Advokat Belotti wandte sich ironisch an seine Nachbarn in der
Klubloge:
»Es scheint, daß der Doktor Ranucci den größten Erfolg des Abends hat.«
Sein Bruder Galileo zeigte sich wieder im Parterre, lehnte alle
Bemitleidungen ab und sagte:
»Unterhalten habe ich mich doch. Und der Zahn war nicht mehr gut.«
* * * * *
»Wie man vom Lachen heiß wird!« bemerkte Mama Paradisi. Wie Mancafede
wegsah, nahm sie ihr Fläschchen und befeuchtete sich unter den Achseln.
Frau Polli schlug mit ihrem Fächer mächtige Luftwellen.
»Welche Hitze! Werden sie denn niemals wieder anfangen?«
»Und die Haushälterin des Herrn Ortensi«, flüsterte der Tabakhändler, »hat
ein gewisses Parfüm an sich --! Ich weiß wohl, daß er blind ist, aber hat
er denn auch den Geruch verloren? Keines von jenen Mädchen auf der Bühne
roch so stark. Du weißt, als Mitglied des Komitees konnte ich es nicht
vermeiden, dort einmal nachzusehen. Aber was man nicht glauben würde, ist,
daß auch dein Olindo sich dort umhertrieb. Ah! Schlingel, daß du dich nicht
aus deiner Ecke rührst!«
»Das Theater ist zu voll«, sagte Frau Camuzzi zu dem Halbkreis junger Leute
unter ihrer Loge. »Die Düfte der Galerie gelangen bis zu uns. Man sollte
nicht erlauben, daß hier Knoblauch gegessen wird. Aber was ist von einem
Komitee zu verlangen, das vor mich hin, gerade vor mich gewisse Damen
setzt.«
Sie deutete mit dem Kopf, ohne hinzusehen, ins Parkett. Die große Raffaella
war des Pächters schräg hinter ihr sicher und bekümmerte sich nicht mehr um
ihn. Sie machte Augen nach vorn ins Orchester, wo der Tapezierer Allebardi
ihr zu Ehren in sein Bombardon stieß. Aber der Mechaniker Blandini stach
ihn aus mit einem frei erfundenen Thema auf seiner Klarinette.
»Der Nonoggi hat es auf dich abgesehen«, sagte Lauretta zu Theo. »Er
schneidet dir Gesichter.«
Sie antwortete:
»Ich will nicht. Ich bin wegen der Musik hier, und jener Tenor nimmt einem
den Mut, auf andere zu hören. Ah! ihm würde ich nicht nein sagen. Die
Madonna wird nicht erlauben, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist.«
»Wie viel Mitleid ich mit dem lieben jungen Menschen habe!« wimmerte Mama
Farinaggi ganz süß und fromm; aber die beiden Fräulein Pernici fuhren
dennoch zurück, gegen den Leutnant Cantinelli.
»Wie übrigens unsere heilige Religion es vorschreibt«, setzte die
Eigentümerin des Hauses in der Via Tripoli hinzu und drehte die Büste allen
Umsitzenden zu, während sie sich bekreuzte.
Über die Galerie ging plötzlich ein Raunen.
»Man sagt, Pomponia, daß er tot ist, der Tenor.«
»Dann ist an seinem Tode die Primadonna schuld, Felicetta; denn der Arme,
aus Liebe zu ihr ist ihm so übel geworden.«
»Hast dus von deiner Herrin?«
Die Magd des Kaufmannes Mancafede zuckte die Achseln und schloß sich mit
dem Finger die Lippen.
»Also er liebt die Primadonna«, sagte unter ihnen Frau Salvatori zu Frau
Malandrini. »Die Evangelina weiß es. Übrigens sieht man an seinem
ausdrucksvollen Spiel, daß er wie wahnsinnig ist. Sie aber ist kokett und
behandelt ihn schlecht.«
Die Frau des Steuerpächters neigte sich zu der Schwester des
Unterpräfekten.
»Die Primadonna hat ein Kind, wie ich höre, von dem Tenor. Die guten Sitten
finden sich nicht auf dem Theater.«
»Im Gegenteil, meine Liebe. Die beiden sind verheiratet, aber sie sagen es
nicht, weil es die Illusionen verhindern würde.«
Frau Camuzzi erklärte:
»Dieser Tenor: wie heißt er noch --«
Sie sah auf dem Zettel nach.
»Er taugt noch weniger, als ich erwartete. Vor allem ist er völlig ohne
Empfindung.«
»Aber mir scheint,« wandte der Gemeindesekretär ein, »daß er gerade infolge
von allzuviel Empfindung in Ohnmacht gefallen ist.«
»Ah! sprechen wir ein wenig von seiner Ohnmacht. Was glauben die Herren:
hat das Komitee sie bei dem Künstler bestellt, oder hat er selbst gefühlt,
daß es vielleicht besser sei, der Wirkung seiner Kunst ein wenig
nachzuhelfen?«
»Wie viel Geist die gnädige Frau hat!« sagte der junge Salvatori. Der junge
Savezzo kreuzte die Arme und beobachtete mit Senkblicken das gehässige
Aufleuchten in den Augen der Dame.
Die alte Frau Mandolini berührte ihren blinden Freund mit dem Fächer.
»Orlando, ich denke immer an jene Aufführung der >Celimena< im Pagliano zu
Florenz: sind es nicht fünfundvierzig Jahre? Diese kleine Garlinda ist die
einzige, die mich je an die Branzilla erinnert hat: an die Branzilla, als
sie jung war.«
»Was sagst du, Beatrice! War es doch auch mir so. Ich hörte, während jenes
junge Mädchen sang, eine alte, sehr geliebte Stimme zurückkehren, wie in
einem Traum, den ich beim Erwachen vergessen hatte.«
»Der Gennari ist sympathisch, ohne viel gelernt zu haben, denn es scheint,
man lernt heute nichts mehr; und der arme Cavaliere Giordano hätte besser
getan, sich nicht hören zu lassen.«
»Denn es ist, als sänge er uns immerfort in die Ohren, wie alt wir selbst
nun sind.«
»Nur diese kleine Garlinda scheint noch von den großen Zeiten zu wissen.«
»Aber sie ist nicht schön«, sagte die Haushälterin des Blinden. Er rief:
»Nicht schön? Wunderbar schön ist sie!«
»Sie sehen sie doch nicht.«
»Aber wie schön muß sie sein!«
»Heraus!« rief droben der Schustergeselle Dante Marinelli.
»Maestro!«
Und plötzlich trampelte und schrie die ganze Galerie.
»Macht man sich über uns lustig? Es ist eine Schande!«
Der Lehrling des Konditors Serafini pfiff gellend auf den Fingern. Der
Advokat Belotti trat an den Rand der Klubloge und entblößte mit einer
Verbeugung das Haupt vor ihm und vor dem Volk.
»Meine Herren, haben Sie Geduld . . .!«
Es ward still, und da hörte man in der letzten Parkettreihe den Bäcker
Crepalini:
»Auch noch in der Klubloge, der Advokat! Wie viele Logen hat er denn? Ich
aber, der ich sechs Plätze --«
»Schweig!« -- und droben wurden Fäuste geschüttelt. »Du hungerst uns aus.
Er ist der einzige Bäcker, weil er die Herren bezahlt; und dafür darf er
uns aushungern mit seinem teuren Brot. Rede, Advokat!«
»Denn«, keuchte der Advokat, »wir sind noch neu in diesen Dingen: es ist
die erste Vorstellung in unserer Stadt seit achtundvierzig und dreiviertel
Jahren. Dann der Unglücksfall, den die Herren verzeihen mögen, mit jenem
jungen Künstler, der so viel Talent hat . . .«
»Der Arme! Ja, wir werden Geduld haben«, riefen die Frauen.
»Aber wir werden alles tun, was möglich ist, und in fünf Minuten, o meine
Herren, werden Sie befriedigt werden.«
»Bravo, Advokat!« -- und es ward geklatscht. Der Barbier Bonometti rief:
»Er ist ein großer Mann, der Advokat!«
»Da ist Brabrà! Bravo, Brabrà!« -- und plötzlich lachte alles. Die jungen
Leute mit großen Hüten und bunten Halstüchern sagten:
»Er stand, als wir den Buckligen forttrugen, ganz allein auf dem Platz und
machte dem Mond seine Komplimente: da haben wir ihn mitgebracht. Du sollst
Musik hören, Brabrà!«
Und der Advokat mußte sehen, wie der kleine Uralte, als parodierte er ihn,
das Volk grüßte. Er führte seinen Hut, der keinen Rand mehr hatte, im Bogen
über die Ränge, er legte die Hand aufs Herz, schlug mit dem Fuß aus, -- und
unter dem Jubel der Galerie schienen die Gesichte, denen er in den leersten
Gassen nachging, zur Wirklichkeit geworden, und die Menge war da, die ihn
feierte.
»Aber der Mittelstand wird gefährlich!« sagte Frau Camuzzi zum Baron
Torroni.
Denn der Bäcker Crepalini fuhr fort zu agitieren. Man sah ihn mit seinen
herausquellenden Augen und seinem furchtbaren Gebiß im Parterre sich
abarbeiten, die Leute um sich her zusammenziehen und unter wütenden
Schlägen in die Luft, Aufruhr bei ihnen stiften.
»Warum steht Ihr hier unten und laßt Euch stoßen, Gevatter Felipe? Ihr wißt
es nicht. Dann fragt also den Malandrini. Er ist der Wirt »zum Mond«, Ihr
seid der Wirt »zu den Verlobten«; eine Loge aber ist nur für ihn da.
Versteht sich, denn seine Frau ist eine Schwester der Frau Polli, und der
Tabakhändler ist ein Onkel des Doktors Capitani, dessen Frau eine
Großnichte des Bürgermeisters ist!«
»Die Herren halten zusammen«, sagte der Schlosser Fantapiè, der mit dem
Schlosser Scarpetta von der Galerie herabgestiegen war; »und der einzige,
der dem Volk helfen kann, ist Don Taddeo.«
Der Schuhmacher Malagodi bekam einen roten Kopf.
»Man kann sagen, daß wir im Nepotismus umkommen. Warum bin ich nicht
Gemeinderat geworden? Weil die Elena, mein Lehrmädchen, sich geweigert hat,
zu tun, was der Severino Salvatori von ihr verlangte. Die Herren machen
Ansprüche . . .«
»Die Herren!« schnaubte der Bäcker, und der dicke Nußknackerkopf wackelte
vor Zorn auf seinen engen Schultern. »Wenn es noch Herren wären! Aber seht
nur jenen Giocondi an, der nun die zweite Frau zugrunde gerichtet hat und
als Versicherungsagent umherzieht: wer ist mehr Herr, er oder ich, der
fünftgrößte Steuerzahler der Stadt? Aber weil seine erste Frau eine
Pastecaldi und Schwägerin der Schwester des Advokaten Belotti war, hat die
Loge der Giocondi, nicht ich. Und da eine übrig ist, läßt man sie lieber
leerstehen, als daß man sie einem Manne wie mir gibt.«
»Die Herausforderung gilt mir« -- und der alte Schenkenheld Zecchini schob
seinen Bauch in den Haufen. »Denn wenn man eine Loge bekommt, weil man
Bankerott gemacht hat, muß auch ich eine bekommen.«
»Was denn? Welche Loge?« polterte Galileo Belotti. »Wißt ihr denn nicht,
daß jene leere Loge dem Advokaten gehört? Denn sonst hätte er nur die
unserer Schwester, die der Jole Capitani und die Klubloge, und ihr begreift
wohl, daß ein Mann von seiner Wichtigkeit eine vierte nötig hat.«
Der junge Savezzo schien unabsichtlich in den Haufen geraten.
»Wir haben den Advokaten Belotti, wie Rom den Cäsar hatte«, erklärte er.
»Ist das nicht genug? Aus Bewunderung für unsern großen Mann verschmerze
ich es leicht, daß meine Mutter und meine Schwestern zu Hause bleiben
mußten, weil keine Loge für sie da war.«
»Man müßte ein Lamm sein wie Ihr, Herr Savezzo,« sagte der alte Seiler
Fierabelli, »um nicht zu sehen, daß keine Gerechtigkeit in der Welt ist.«
Der Barbier Druso bestätigte es; der Barbier Bonometti wandte ein:
»Der Advokat tut viel für das Volk. Es ist, wie der Herr Savezzo sagt: er
ist ein großer Mann.«
»Was, großer Mann!« -- und Galileo hüpfte auf. »Wenn einer den Advokaten
kennt, bin ich es, und ich sage dir, daß er noch nicht einmal der Dreck
eines großen Mannes ist!«
Frau Malagodi mischte sich ein:
»Ich habe meinen Hut abnehmen müssen, der nicht weniger gekostet hat als
das Ungeheuer, das die Paradisi auf dem Kopf trägt. Aber sie sitzt in einer
Loge.«
»Sitzen nicht auch die Kommis des Mancafede mit ihm in der Loge?« schrie
ihr Gatte. »Damit erspart er ihre Gratifikationen, der alte Geizhals!«
»Gegen die Herren kann niemand helfen, als Don Taddeo«, wiederholte
hartnäckig der Schlosser Fantapiè. Der Bäcker brach vor:
»Ich weiß noch einen, der mir hilft, und das bin ich.«
Er holte seine Frau und seine vier Kinder von den Sitzplätzen und schob die
ganze Herde vor sich her.
»Wohin, Crepalini?«
»Ich will ein wenig nachsehen, wem die leere Loge gehört. Komm mit,
Malagodi!«
Auch der Schuhmacher trieb die Seinen zusammen.
»Wir alle sind dabei, wenn es lustig wird!« rief der dicke Zecchini und
hieb mit seinem Bauch ein Loch in die Menge. Das ganze Parterre schlug
Wogen, die aufbrüllten.
»Seid ihr dort unten etwa verrückt geworden?« rief die Galerie. »Ruhe! Du
willst wohl Prügel, Volksaushungerer? Keinen Ton hört man. Lauter, Maestro!
Bring sie mit den Trompeten zum Schweigen!«
Die meisten bemerkten erst jetzt, daß der Kapellmeister da war und daß er
dirigierte. Er sah sich nicht um nach dem Getöse und ließ, geneigten
Kopfes, ganz sanft die Arme schweben, als sei er mit seinem Orchester
allein. Der Bäcker Crepalini, der den Ausgang fast erreicht hatte, fuhr
zurück, denn ein abgenagter Apfel war ihm heftig ans Ohr geflogen. Der
Schuster Malagodi fühlte etwas Feuchtes auf seine Glatze klatschen, und
droben jubelte eine Jungenstimme:
»Ins Zentrum!«
Auf einmal erstickte der ganze Lärm: es war dunkel, keine Lampe brannte
mehr. Erschreckt suchte man einander ins Gesicht zu sehen. Im Saal war ein
unterdrücktes, unbekanntes Hinundher von Keuchen und Scharren. Etwas
Drohendes wälzte sich heran! »Was gibt es!« In den Logen sprang man auf.
Eine Frau rief:
»Himmel! man ermordet mich.«
Und Stimmen auf der Galerie:
»Feuer! Hinaus! Wir sind alle verloren.«
»Nicht doch!« schrie eine Fistel, und man erkannte, aufhorchend, den
Advokaten Belotti. »Es ist nichts, lassen Sie mich machen!«
Der Herr Giocondi brach plötzlich in tobendes Lachen aus; seine Töchter
mußten ihn auf dem Stuhl halten; -- und darauf begriff auch die Galerie:
»Das hat der Advokat getan! Ein Streich des Advokaten! Spaßvogel, geh!
. . . Genug! Wir wollen Licht. Wo ist Elenuccia hin? . . . Bravo Advokat!«
»Seht ihr jetzt, daß er ein großer Mann ist?« rief der Barbier Bonometti,
-- indes der Advokat im Dunkeln sich verbeugte.
* * * * *
Da es schon wieder hell war:
»Ah! Aber wir wollen auch die Bogenlampe.«
»Ruhig! Man spielt!«
»Da ist der Piero, da ist er! Bravo! du bist schön.«
»Es lebe die Madonna, weil es ihm gut geht!«
»Ruhig die Weiber! . . . Ein Platz in Rom, sagst du? Aber das ist unser
Brunnen! Nur jenen Bogen haben wir nicht, aber die Stadt sollte ihn bauen.«
»So also steht es jetzt mit deiner Tonietta, o Piero. Warum hast du sie
fortgejagt und nicht auf uns gehört, denn sie war unschuldig, sonst will
ich blind werden!«
»Noch einmal! Noch einmal!«
»Wie er bleich ist, Dante!«
»Es kommt, weil es Nacht wird. Die Freunde sind fort, die ihm gesagt haben,
was aus der Tonietta geworden ist. Er steht allein, das Gesicht im Mantel,
und weint . . . Er singt. O Cölestina, höre das, höre! Ich weiß nun wieder,
wie es war, als ich glaubte, du betrügest mich!«
»Und an der Ecke? Das ist sie! Das ist die Tonietta!«
»Sprich nicht! Was wird geschehen?«
». . . Lege mir deine Hand auf das Herz; ich bin außer Atem: sie hat ihn
erkannt!«
»Rufini, was meinst du? Ich bin in die Stadt gekommen, um ein Kalb zu
verkaufen, nicht, um über erfundene Dinge zu weinen. Auch weine ich nicht
über sie, sondern über mein Haus, das mir vor drei Jahren abgebrannt ist,
und mein Söhnchen, das darin umkam. Ist es die Musik, die sie machen? Mir
ist, als steige ich wieder in den Trümmern umher. Und doch will ich nicht
fort; denn dies ist der erste richtige Trost, den jemand mir gibt.«
»Wird er ihr glauben? Wird er? . . . Er glaubt ihr!«
»Es ist ein wenig spät. Ich würde sie nicht mehr nehmen.«
»Du hast keine Poesie, Malandrini. Höre doch, was sie einander vorsingen.
Ihnen scheint, daß sie vor ihrem Hause stehen, wie in ihrer Hochzeitsnacht,
unter den Ölbäumen, durch die der Mond scheint. Man hat solche
Einbildungen, wenn man liebt.«
»Woher weißt du das?«
»Da, Polli, wieder >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus<.«
»Aber es ist entschieden kein Vergleich möglich mit unserem Phonographen.
Das ist übrigens gut: Laß uns unser Bett aufsuchen. Ich sehe kein Bett:
alles Stein, und der Himmel sieht nach Regen aus. Ah! Sie meinen, daß sie
sich unter jenen Bogen legen wollen. Einverstanden; aber ob sie sich so
aufführen werden, daß wir Olindo hier lassen können? . . . Was gibts,
Giocondi?«
»Der Bettler, da ist er. O! ist der Cavaliere komisch. Seht ihn euch an,
Töchter! Ich kenne ihn schon. Er hat es mir vorgemacht, und ich habe ihm
Ratschläge gegeben . . . Bravo, Cavaliere!«
»Bravo! Noch einmal! Wie man lacht! Ich kann nicht mehr.«
»Jetzt sind sie allein, kaum erkennt man sie im Schatten; und immer wieder
hörst du es durchklingen: >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns
blühen< . . .«
»O Nina, deine Harfe!«
»Man würde nicht glauben, daß man noch auf Erden ist.«
»Es würde sich lohnen, unglücklich zu sein, um dann so glücklich zu werden,
wie diese.«
»Aus . . . Was haben sie? Warum soll man nicht klatschen: der Vorhang ist
zu.«
»Aber das Orchester spielt weiter. Man sagt, daß sie spielen werden, bis
die auf der Bühne sich ausgeruht haben und wieder singen.«
»Pappappapp, ich gehe hinaus und rauche eine Zigarette. Es passiert doch
nichts.«
Die jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern nickten, die Arme
verschränkt, einander in die Augen.
»Wie viele Dinge jetzt vorgehen! Ist es möglich? Solch Leben! So also wird
es sein, wenn einmal das Volk sich Gerechtigkeit schafft.«
»Dies aber,« -- und der alte Literat Ortensi breitete zitternd die Arme
aus, »o dies geht hinaus über die glückliche Liebe jenes Volkes, das einen
Engel gebar. Denn dies, o Beatrice, ist die Abdankung und die elende
Herrlichkeit des Helden, der das Land verläßt, das er erkämpfte. Die Liebe
der Sterbenden! Ists nicht zuletzt dies, was wir haben?«
Die alte Frau schwieg, und sie streichelte seine Hand.
»Wie schade,« sagte der Apotheker Acquistapace zu der Witwe Pastecaldi,
»daß der General Garibaldi diese Musik nicht gekannt hat! Gewiß hätte er
sie spielen lassen, wenn er uns das Ziel, die Freiheit, vor Augen rufen
wollte. Welche Begeisterung! Ist mir doch, nun ich zuhöre, als sähe ich
wieder dem Helden selbst ins Gesicht.«
Der junge Savezzo schielte in der Klubloge auf seine Nase.
»Was schiert mich die Sache der andern und ob sie vor oder hinter dem
Vorhang leben oder sterben. Nur mir gilt dies, denn nur ich habe Schicksal,
werde triumphieren über die, die mich niederhalten, und werde mächtig und
berühmt sein . . . Diese Musik hätte ich machen können; auch sie hat man
mir geraubt.«
Hinten in der Loge der Frau Jole Capitani, der er einen heimlichen Besuch
machte, wippte der Advokat Belotti mit den Absätzen, suchte unruhig auf dem
Fußboden umher und dachte an die Niederwerfung des Don Taddeo, die Gründung
einer Zeitung, die Belebung der Stadt und ihre Beglückung. »Niemals fühlte
ich, wie sehr ich ihr gehöre!« Seine Augen, die sich verschleierten, irrten
von unten über die Hüften der Doktorsfrau, als seien es die Plätze der
Stadt, und bis auf das entblößte Stück ihres gepolsterten Nackens. Sie
wandte sich um, und er sagte:
»Wer diese Musik geschrieben hat, der wußte, was ein großer Mann ist.«
Unter ihnen schluchzte eine Frau heftig auf. Sie horchten; es blieb still.
»Frau Camuzzi? Unmöglich. Sie ist zu wohlerzogen; und dann, welchen Grund
sollte sie haben, zu schluchzen?«
»O! jede Frau findet dazu Grund«, erwiderte Jole Capitani, und der Advokat
erkannte mit Genugtuung, daß ihr unsicherer Blick nur noch ein wehrloses
Flehen war.
»Bravo, Maestro!«
Der Kapellmeister fuhr auf seinem Sessel herum und machte im Sitzen mehrere
rasche Verbeugungen. Die Haare klebten ihm in der Stirn; den Stab führte er
jedesmal, als nötigte ihn ein unberechtigtes Gesetz dazu, flüchtig und
bedeutungslos über seine Mitarbeiter im Orchester hin.
»Zum Schluß klang es dennoch wieder tragisch«, stellte Rosina Giocondi im
stillen fest. »Es wird sich zeigen, wenn der Vorhang aufgeht . . .
Natürlich, vor dem Wirtshaus ist der erste, den man sieht, der Conte
Tancredi, der damals die Tonietta verführt haben soll. Dem Piero dagegen,
der nun Schuhe flicken muß, bringt jene Frau, die ihn haben wollte und die
jetzt die Wirtin zu sein scheint, zu essen. Sie hält ihm ihren Fuß hin, sie
verführt ihn. Die Tonietta drüben bemerkt es wohl, drum kokettiert sie auch
von ihrer zerbrochenen Treppe herab mit dem Tancredi. Es ist schon wieder
aus, meine Lieben, mit dem Glück. Das kennt man. Man hofft zu leicht; --
aber auch mit Olindo Polli ist es nichts, sonst hätte er in der langen
Pause der Mama einen Besuch gemacht.«
»Paß doch auf, Piero!« rief jemand auf der Galerie. »Er nimmt sie dir weg!«
»Sei still! Er hat es schon bemerkt. Der Tancredi geht, alle Gäste gehen:
jetzt bekommt sie das ihre.«
»Was, Dante! Wie kannst du so böse sein gegen die arme Tonietta. Ich, deine
Cölestina, verstehe sie zu gut.«
»Du verstehst, daß sie ihn, obwohl er Mitleid mit ihr gehabt hat, betrügt?«
»Ich verstehe, was sie sagt: du hast mir schon einmal unrecht getan, ich
war unschuldig.«
»Auch er aber hat recht: >Seither warst dus um so weniger!< Denn sie war
eine Dirne, wie?«
»Hat ers anders gewollt?«
»Gut! Er schließt sie ein und geht. Das verdient sie.«
»Nicht fortgehen, Piero! Der andere wird kommen!« rief Cölestina so laut,
daß Nello Gennari den Fuß anhielt und sich umwandte. In den Logen lachten
mehrere. Eine Sekunde lang spähte er mit dem düsteren Blick seiner Rolle
durch den Saal, dann stieß er beide Fäuste hinter sich und trat in die
Kulissen. An ihrem Rande blieb er stehen. Flora Garlinda stützte sich dort
vorn auf das Fenster und sang ihre Arie: »Welche Erlösung, nicht mehr von
Liebe zu wissen.« Es war ihre schönste, und sie sang sie wie ein Engel:
ganz sicher mußte sie sie wiederholen . . . Nein? Wenige klatschten, und
sie wurden zum Schweigen gebracht. »Die Leute sind neugierig. Sie fühlen
eine Entscheidung kommen; wahrscheinlich klopft ihnen das Herz. Keine
Stimme ist mehr im Saal, kein Geräusch. Ja, starrt her! Gaddi ist
aufgetreten, mit seiner Peitsche und seinem strammen Bauch, den er
schwenkt, indem er die Hose höher zieht. Ein furchtbarer Kerl! Er hilft
meiner Tonietta aus dem Fenster, führt sie auf die Straße, will sie
fortschleppen. Noch widersteht sie; aber seid überzeugt, sie wird mitgehen:
ich habe Unglück.«
»Mein Lieber,« sagte hinter ihm der Cavaliere Giordano, der schon
abgeschminkt war, »was halten Sie von meinem Bettler? Welch Erfolg! Sagen
Sie nur!«
Der junge Mann war zu tief in seinen Gedanken.
»Gaddi ist großartig. >Ich bin nicht eifersüchtig wie er; mir gefallen die
Dirnen<: seine Glanznummer . . . Und sie schweigen, keine Hand rührt sich.
Armer Freund! er hatte schon die Linke auf der Brust, um sich zu verbeugen.
Aber du vergißt, daß wir da sind, um sie aufzuregen. Sie wollen durch uns
einen hohen Herzschlag bekommen: an unseres denkt keiner. Die dritte Loge
ist leer geblieben . . . Wie dort hinten die Augen glühen! Mir scheint, ich
fühle die Hitze ihres Atems bis hierher. Sogleich werdet ihr befriedigt
werden, meine Herren. Sogleich wird Italia, die Verräterin, mich rufen; ich
werde vorstürzen, ich werde sie beide --. O Alba!«
Er zog die Schultern in die Höhe, schüttelte, mit geschlossenen Lidern,
heftig den Kopf und stieß das Gesicht in die Hände.
»Ist es möglich? Von allem, was meine Seele schreit, kein Echo? Vor einer
leeren Loge spielen? Und nachher? Was nachher?«
»Da bin ich!« -- und er fuhr hinaus. Das Zittern des Hasses, des gehässigen
Elends, er fühlte, daß es von ihm auf eine unbekannte Menge übergehe, auf
die in Dunkel versunkene Welt dahinten, deren Keuchen das seine war, deren
Leiden er seine Stimme gab. Wie er mit dem Verführer und Herrn kämpfte,
empfing er leise Zurufe der Angst. Nun streckte er ihn hin, -- und da
jauchzte es auf, und neben ihm fielen Blumen nieder.
»Warst du sein? Sage die Wahrheit! Die Wahrheit!«
»Gnade!« rief eine Frau von oben, aber er stach zu.
»Ich habe nur dich geliebt, Piero,« hauchte die sterbende Tonietta; und auf
der Galerie die Geliebte des Schusters: »Hörst du es, Dante?«
»Bravi! Alle heraus! Maestro!«
Der Kapellmeister lief schon. Die Kette der Darsteller zog ihn aus der
Kulisse hervor. Erst als die Hand, nach der er gegriffen hatte, die seine
drückte, merkte er, daß sie Flora Garlinda gehöre. Sie verbeugte sich, wie
sie dem Publikum dankte, halb zu ihm gewendet, mit einem Lächeln zärtlicher
Unterwürfigkeit. Der runde schwarze Mund des Baritons beteuerte seine
Ergriffenheit; Italia kitzelte alle, die, bis unter die Bühne gedrängt,
klatschten, mit den Augen; und Nello Gennari tat nichts, als daß er sich
niederdrücken und wieder emporreißen ließ von dem Cavaliere Giordano, der
abgeschminkt, aber noch im Kostüm des Bettlers, unermüdlich
zusammenknickte. Mit seiner freien Hand winkte er in den Saal.
»Bravo, Cavaliere!« rief Frau Camuzzi sehr laut; und der Unterpräfekt Herr
Fiorio kehrte noch einmal in die Loge zurück, um den Beifall zu Ehren des
berühmten Sängers zu verstärken.
Wie Frau Camuzzi ihrem Manne folgen wollte, stand der junge Savezzo vor der
Tür ihrer Loge und versperrte sie ihr.
»Gnädige Frau,« -- und er sah ihr in die Augen, »die Ohnmacht des Tenors
war echt. Ihm wurde schlecht, weil jene Loge leer blieb.«
Da Frau Camuzzi erbleichte, schielte er, wie aus Diskretion, auf seine
Nase. Frau Camuzzi trat zurück.
»Warum sagen Sie mir das?« fragte sie halblaut. Er drückte die Hand auf die
Brust.
»Ausschließlich, um Ihnen etwas Neues zu sagen. Ich hoffe, daß ich der
erste bin?«
Ihr Blick irrte in den Saal und traf unter denen, die noch klatschten, den
jungen Severino Salvatori. »Er wollte die Nardini heiraten,« dachte sie;
»und er kann fechten. O Verräter! ich werde dich töten lassen . . .«
Ihr schwindelte vor Gedanken; sie setzte sich.
»Aber der Salvatori ist eitel und wird prahlen. Übrigens ist ein Duell
unmöglich. Der alte Nardini wird erfahren, wer seine Enkelin in einen
Skandal verwickelt hat. Er ist einflußreich, und mein Mann verliert seinen
Posten. O Elend, an das Interesse eines solchen Mannes gebunden zu sein!«
Sie klatschte; sie rief:
»Bravi! Bravo der Gennari!«
»Ich brauche einen Menschen,« dachte sie, »der etwas Stärkeres hat als
seine Eitelkeit: einen Haß wie ich, damit er verschwiegen ist. Und das Geld
der Nardini muß ihm eine furchtbarere Begierde machen als dem Gecken
Salvatori; er muß arm und ehrgeizig sein, damit er ohne Bedenken ist.«
Da überraschte sie den Blick, den der Mann neben ihr unter seinen
gewulsteten Brauen auf den jungen Tenor warf. Der vom Neid gekrümmte Mund
des Savezzo, die graue Blässe seiner pockennarbigen Haut schienen ihr Glück
zu versprechen, die Muskeln seiner verschränkten Arme erquickten sie. In
seinen Lackschuhen sah sie schwarz verschmierte Sprünge: da entschloß sie
sich.
»Mein Mann wird mich draußen suchen. Jetzt müssen Sie mich begleiten, Herr
Savezzo.«
»Es lebe der Advokat!« rief es hinter ihnen her, und wie Frau Camuzzi sich
umsah, machte auf der Bühne, als mittleres Glied der Kette von Gefeierten,
der Advokat Belotti seine Kratzfüße. Ihr Mann stellte sich gerade ein; Frau
Camuzzi lächelte ihm heiter zu.
»Sie vergessen zu rufen: es lebe der Gemeindesekretär!«
»Bravo, Advokat!« -- und auf der Galerie hing alles in einem Knäuel hoch
über seinem Kopf. Er sah verklärt hinauf.
»O Volk!« murmelte er.
»Weine nicht mehr, Cölestina«, sagte droben der Schuster Dante Marinelli.
»Sie konnten nicht länger leben; es ist besser, daß der Piero ein Ende
gemacht hat.«
»Aber ist nun etwa sie schuld?«
»Oder er? Es war ihr Schicksal.«
»Und was wird unseres sein, Dante?«
Er umarmte ihre Schultern. Ein Strom Fortgehender ergriff sie. Aneinander
gedrängt, verschwanden sie darin.
»Das Theater hat sich geleert«, sagte die alte Frau Mandolini. »Wir können
aufbrechen, Orlando, ohne Furcht, daß sie dich stoßen. Nimm meinen Arm: wir
sind auf dem Korridor, hier kommt die Treppe.«
»Der Schluß war wirklich aufregend«, sagte die Haushälterin und erwiderte
über die Schulter die Blicke der Herren Polli und Giocondi.
»Er war mehr als aufregend«, sagte der Blinde. »Diese Vorgänge, nicht wahr,
Beatrice? haben uns tiefer bewegt, als eine Liebestragödie in unserm Dorf,
unter unserm Fenster. Warum? Was macht diese Dinge groß?«
»Daß ein Volk sie mitfühlt, Orlando: ein Volk, das wir lieben! Denn es ist
noch dasselbe, dem wir unsere Jugend gegeben haben. Hast du gehört, wie sie
jenen Unglücklichen anfeuerten, ihr Urteil zu vollstrecken an dem Herrn,
dem gelbbärtigen Herrn?«
»Ein Zeichen also!« rief der alte Literat. »Ein Zeichen für das, was wir
getan haben! Aber auch was wir taten, ist nur ein Zeichen, denn immer aufs
neue wird die Menschheit Herren zu stürzen haben, wird der Geist sich
messen müssen mit der Macht.«
»Wir werden zur Stelle sein.«
Der Alte warf den Kopf zurück.
»Aber dieser Piero tötet auch seine Tonietta. Heißt das, daß wir vergeblich
gekämpft haben werden und daß das Ziel, die Freiheit, eins ist mit dem
Tod?«
»Gleichviel,« erwiderte seine Freundin, »wir werden kämpfen.«
Sie gelangten ins Freie.
»Ich komme mit dir, Orlando; denn mein Enkel wird die Nina Zampieri nach
Hause bringen. Gut so; mag er sie rasch heiraten, die liebe Kleine, damit
sie ihrer armen Mutter nichts mehr kostet.«
»Beginnen jetzt die Stufen, Beatrice?«
»Ja; und man hat die Treppengasse so schlecht beleuchtet, daß ich kaum mehr
sehe als du. Stütze dich um so fester auf mich, Freund.«
»Es wird besser sein, gnädige Frau, er nimmt meinen« -- und die
Haushälterin drängte ihren Arm zwischen die beiden Alten. »Nehmen Sie, Herr
Ortensi!«
Und streng flüsternd:
»Du wirst kein Wort mehr mit ihr sprechen! Den ganzen Abend hast du dich
nur um sie bekümmert.«
Die alte Frau lächelte barmherzig.
»Nur voran, Orlando! Ich bleibe hinter dir.«
Und sie stiegen langsam ins Dunkel.
Der Tabakhändler rief plötzlich:
»Wo ist Olindo?«
Er blieb stehen; die Familien Polli und Giocondi stauten sich in der
Treppengasse.
»Wirst du denn niemals auf deinen Sohn achten, Klothilde?«
Der alte Giocondi machte, den Kopf zurückwerfend: »Eh!« -- und seine
Töchter sahen sich, die Münder herabgezogen, an: auch sie wußten wohl, was
aus einem jungen Manne ward, der zu solcher Stunde abhanden kam.
»Wehe ihm, wenn er heimkommt!« schloß Polli.
Olindo hörte es hinter dem Vorsprung des Hauses Belotti, und er zitterte.
Dennoch war er, kaum daß die Seinen um die Ecke bogen, in vier Sätzen
wieder oben und drang ins Theater. Gerade hüpfte hinter der erloschenen
Rampe der Barbier Nonoggi umher, verrenkte das Gesicht und knickte
unvermittelt in zwei Teile.
»Wie der Cavaliere! Bravo Nonoggi!« riefen die Freunde hinauf aus einem
Winkel vorn im halbdunklen Saal und aus dem Dunst, den die Stadt
hinterlassen hatte.
»Auch uns soll man beklatschen! Was wäre die >Arme Tonietta< ohne uns,
frage ich. Hinauf Allebardi! Blandini hinauf!«
Hinter ihnen schlüpfte Olindo Polli durch die Bühnentür.
»Was habt ihr da auf euren Notenbüchern für Bilder?« fragten die Freunde.
»Ah! der Allebardi stößt so stark ins Bombardon, daß ihm seine
Tapeziererfedern herausfliegen und die Hühner der Hühnerlucia krepieren.
Ah! die Klarinette des Artilleristen Blandini liegt auf der Lafette, und
Nonoggi bläst seine Flöte vor dem Rasierspiegel. Welche Fratze er
schneidet! Ihr seid große Künstler!«
Der Kapellmeister kam, um seinen Hut zu suchen. Er steckte den Kopf unter
alle Stühle, und wenn er hervorkam, sah man ihn stehen und lächeln.
»Wie, Maestro? Wir haben ihnen gezeigt, was wir können!« sagte der
Tapezierer.
»Ja, ja, ihr seid sehr brave Leute« -- und der Kapellmeister streifte die
Hände nur und sah niemand an.
»Ich habe alles aus euch herausgeholt, was möglich war.«
Dabei nahm er seinen Hut vom Rande des Souffleurkastens und lief hinaus.
»Wie?« sagte der Tapezierer und sah den Schneider Chiaralunzi an, der die
Faust auf ein Notenpult fallen ließ.
»Er wird verrückt geworden sein«, meinte Blandini. »Den ganzen Abend schien
er mir seltsam.«
»Hat er nicht auch --?« fragte Nonoggi und schien sich aus der hohlen Hand
etwas in den Mund zu gießen.
Der Schneider fand Worte.
»Ein böser Mann ist er!« sagte er schwer. »Ich irrte mich, als ich ihn für
einen guten Mann hielt. Aber ich bin noch rechtzeitig gewarnt worden.«
»Hört den Schneider!« rief Nonoggi. »Er versteht mehr als der Maestro und
wir. Er wird mich die Pickelflöte blasen lehren.«
»Ein böser Mann,« wiederholte Chiaralunzi, »mein Tenorhornsolo fand er
nicht gut, und sogar das Fräulein Flora Garlinda hat er beleidigt, indem er
ihre Arie nicht noch einmal gespielt hat.«
»Sogar das Fräulein!« höhnte der Barbier. »Ein Fräulein zum Lachen. Es
heißt, daß sie in den Schenken gesungen hat. Nehmt sie doch mit,
Chiaralunzi, wenn Ihr mit eurer Bande den Bauern aufspielt!«
Dunkelrot und wortlos holte der Schneider zum Schlagen aus, aber Nonoggi
war entwischt. Er fand den Kapellmeister draußen unter den Steineichen; er
tänzelte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.
»Welch Unglück, Maestro, daß ein friedliches Leben mit dem Schneider nicht
möglich ist! Kein Tag, an dem er Euch nicht verleumdet. Ihr sollt getrunken
haben, Ihr sollt niemandem etwas gönnen. Hört Ihrs, Maestro? Sich selbst
hält der Schneider für einen größeren Künstler, als Ihr seid!«
Der Kapellmeister hatte den Hut im Nacken; er lehnte an einem Baum.
»Gut, mein Lieber«, sagte er und lachte sonderbar. »Alles ist gut gegangen;
ich bin zufrieden.«
»Aber der Schneider --«
Der Kapellmeister machte eine Bewegung, die den andern wegschickte. Wie er
den Rücken von dem Stamm hob, schwankte er deutlich.
»Er hat also doch getrunken«, bemerkte der Barbier. »Ich dachte es gar
nicht.«
Erstaunt sah er den Kapellmeister die Treppe hinabspringen. Er nahm drei
der breiten Stufen auf einmal und setzte ohne Not über die Prellsteine.
* * * * *
Auf dem schiefen kleinen Platz beim Hause Belotti schöpfte er Atem,
aufgerichtet und das Gesicht zum Himmel gewendet. »Ich habe also ein Volk
gesehen! Das Volk, für das der Maestro Viviani seine Oper geschrieben hat.
Ich wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns! Wir wecken seine
Seele, wir . . . Und es gibt sie uns! Ich weiß jetzt, welche Stimmen, wenn
ich komponiere, mit dem blauen Wind durch mein Zimmer streichen. Es
erfindet für uns, dies Volk, es fühlt und tönt in uns. In der Musik der
>Armen Tonietta< hat es seinen eigenen Tonfall wiedererkannt, seine Gesten,
sein Tempo. Die ungeheure Wirklichkeit der Klänge und Gesichte übertraf
vielleicht, was sie je erlebten. Nie hatten sie von ihrer Akropolis in ein
so gründereiches Land gesehen und sahen es nie so voll Licht, noch so voll
Schrecken. Ein verklärtes Erdengefühl weitete sie mitten im Drang der
Leidenschaften; der Kampf, die Wonne und das Leiden gingen in die tönende
Harmonie ihrer Erde ein. Die singenden Gestalten waren stärker und reiner
als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glücklich, Menschen zu sein. Sie
liebten einander. Und wir -- und wir --«
»Ein Betrunkener?« sagte auf dem nächsten Treppenabsatz Frau Camuzzi zu dem
jungen Savezzo. Er zuckte die Achseln.
»Der Maestro: ein Mensch, der an nichts denkt.«
»Aber geben Sie acht, daß mein Mann und der Advokat nichts hören; sie sind
gleich vor uns, hinter der Ecke. Dies muß geheimbleiben, das Interesse
einer unserer ersten Familien verlangt es. Und handelte es sich um Alba
allein: ich bin ihre beste Freundin, -- soweit man die Freundin einer armen
Kleinen sein kann, die schon halb Nonne ist. Und nicht einmal vor ihr hat
dieser Komödiant Halt gemacht . . . Denn -- wir dürfen nicht hoffen, uns zu
irren -- er hat sie verführt. In diesem Augenblick und aufgeklärt durch
Sie, Herr Savezzo, weiß ich zu gut, was es zu bedeuten hatte, wenn er in
der ersten Frühe zu einer Stunde, wo noch niemand und am wenigsten ein
fauler Komödiant auf der Straße ist, vom Tor her in die Stadt
zurückkehrte.«
Da sie ihren Begleiter knirschen hörte, führte sie aus:
»Er war jedesmal bleich und sehr in Unordnung; man sah ihm eine Nacht an,
die --, genug: eine Nacht.«
»Was tut das mir«, sagte er zwischen den Zähnen.
»Wie? Haben Sie denn kein Herz? Verstehen Sie nicht, daß Alba gerettet
werden muß und daß Sie sie retten müssen?«
»Ich bin nicht Jesus Christus, den sie heiraten soll.«
»O, mein Herr, Sie lästern . . . Aber wir können es nicht verantworten,
ihren Großvater aufzuklären: es wäre gefährlich für den armen Alten; und
Alba zu warnen, ist unnütz, denn muß sie nicht wahnsinnig sein, wenn sie
handelte, wie sie handelte? Kein Mittel bleibt, als den Komödianten zu
beseitigen.«
Sie fühlte, wie der Mann neben ihr mit dem Kopf zuckte, und sie flüsterte
rasch:
»O! mit leichter Hand, ohne Gefahr für sein Leben.«
Darauf schwiegen sie und verlangsamten den Schritt, denn unter ihnen war
der Advokat stehen geblieben. Er wandte Brust und Handfläche seinem Gegner
zu.
»Ich verstehe Sie nicht mehr, Camuzzi, -- obwohl ich gewohnt bin, daß Sie
unglaubliche Dinge sagen. Unsere Aufführung war also mittelmäßig und
kleinstädtisch? Gut. Orchester und Chöre schlecht diszipliniert, die Sänger
teils zu jung, teils zu alt? Gut. Und die >Arme Tonietta< des Maestro
Viviani, dieses Meisterwerk, das dem Genius unserer Rasse die Welt
unterworfen hat, es soll wenig wert sein, Jahrmarktsmusik und Operette?
Auch das sei wahr. Aber nun sagen Sie mir eins: wo bleibt, wenn wir uns
nicht rühren, der Verkehr unserer Stadt, die geistige Wachheit, der
Fortschritt?«
Mit erhobener Stirn und offenem Munde erwartete der Advokat die Antwort.
Der andere feixte lautlos.
»Fragen Sie lieber: wo bleibt die Befriedigung des Ehrgeizes einzelner?«
Und der Advokat, nach Luft schnappend:
»Der Ehrgeiz einzelner, mein Herr, ist eine Forderung des öffentlichen
Wohles. Sahen Sie schon je einen Staatsmann groß werden, ohne daß auch sein
Land groß ward?«
Er schrie, daß sogar der Kapellmeister es hörte. Aber der Kapellmeister
schob es mit der Hand fort, und er wiederholte stürmisch:
»Wir, die wir aus dem Reichtum eines Volkes schöpfen dürfen, wie müssen wir
es lieben! Wird es mein Werk als das seine anerkennen? Von dort unten aus
der dunklen Stadt steigen Stimmen: >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus<
--. Wird auch meine Oper einst in allen Gassen, auf allen Lippen sein?
Werden sie mich groß nennen, -- weil ich sie geliebt habe? . . . Gott, mir
schwindelt. Entschuldigen Sie, mein Herr. O gnädige Frau, verzeihen Sie
mir!«
»Wie denn, Maestro. Wir lassen Sie vorbei . . . Er scheint nicht vom Wein
berauscht, sondern von seiner Musik, der Arme. Sie aber, Herr Savezzo,
haben weniger Mut, als ich dachte. Wie? Sie wollten nicht um eines guten
Zweckes willen einige Rebstöcke zerbrechen und dem Bauern die Meinung
beibringen, der Komödiant, der sich bei Villascura umhertreibt, sei der
Täter? Wie leicht und wie dankbar für einen Mann von so viel Geist, solchem
rohen Menschen den Arm zu lenken! Er selbst wird nachher nicht wissen, daß
Sie es waren; -- und inzwischen hat der Verführer eine Warnung erhalten: o,
nichts Ernsthaftes, unsere Bauern sind zu geschickt, -- aber doch genug, um
ihn im Augenblick unschädlich zu machen und ihm für später die Lust zu
nehmen nach den Töchtern unserer ersten Familien. Der Herr, dem Sie eine
Magd erhalten, wird es Ihnen vergelten.«
Er lachte hart.
»Für den Herrn wage ich nicht meine Freiheit; und die Belohnung verlange
ich nicht von ihm, sondern, gnädige Frau, von Ihnen.«
Frau Camuzzi seufzte.
»Ich habe es erwartet, denn ich wußte wohl, welch energischen Charakter Sie
haben. Wenn Alba denn nicht dem himmlischen Gatten gehören soll, ist es
immer noch besser, sie wird die Ihre, als daß jener Landstreicher sie ins
Elend führt. Ich verspreche Ihnen, daß ich für Sie handeln werde, wie Sie
für mich. Ich habe Alba etwas zu sagen, das ihr gegen ihren Liebhaber Haß
machen und sie in die Arme dessen treiben wird, der ihn getötet hat. Zählen
Sie auf mich! . . . Und bleiben wir nicht zu weit zurück! Dieser Narr von
Maestro ist mit meinem Mann und dem Advokaten zusammengestoßen.«
»Es tut nichts«, schrie der Advokat. »Sie dürfen zuhören, Maestro. Wir
haben keine Geheimnisse. Es ist nur eine kleine Abrechnung, die ich mit
Freund Camuzzi halte. Denn, Herr Camuzzi, sehen wir nur genau zu, und wir
werden finden, daß in dieser Stadt keine Neuerung, kein Fortschritt, kein
dem Volke zu leistender Dienst je anders bewirkt worden ist, als gegen Sie
und durch mich. Wer hat sich gegen die Wiederherstellung der Vizinalwege
gesträubt und wer sie durchgesetzt? Wer hat den armen Frauen ihr
wohlverdientes Waschhaus vorenthalten wollen, und wer hat es ihnen
verschafft? An die kaum beendeten Kämpfe um das elektrische Licht und das
Theater brauche ich Sie nicht zu erinnern. Sie waren nie dafür, daß irgend
etwas geschähe. Man kann sagen, daß Sie, Herr Camuzzi, der Geist der
Verneinung selbst sind, und ich, der Advokat Belotti, der Genius der Tat!«
»Aber mein Mann«, sagte droben Frau Camuzzi, »trägt einen besser gemachten
Frack. Finden Sie nicht, daß dieser Advokat etwas sehr Vulgäres hat?«
Savezzo erwiderte:
»Also ich zähle auf Sie, gnädige Frau. Sollte ich aber falsch gezählt
haben,« -- und er verschränkte die Arme; sie sah seine Muskeln anschwellen
-- »dann würde ich freilich machen, daß der Komödiant alles ausplaudert,
was er von den Damen der Stadt weiß.«
Sie begegnete seinem drohenden Blick leise von unten, indes sie mit dem
Fächer spielte.
»Und auch von den Männern?« fragte sie sanft. Dann erhob sie mit einem
offenen Lächeln den Kopf.
»Wir verstehen uns, Herr Savezzo, und wenn wir uns niemals mißverstehen,
können wir sehr stark sein. Wer weiß, was aus uns geworden wäre, aus einem
Manne von so großem Talent, aus einer vielleicht nicht ganz gewöhnlichen
Frau, wenn wir anderswo hätten leben können, in einer großen Stadt --«
Er fiel ein:
»-- unter Menschen ohne Vorurteile, in einem wütenden Spiel von Interessen
und Leidenschaften. Wem sagen Sie es? Sie treiben vom Grunde meines Daseins
mit einem Hebeldruck alle Bitterkeit herauf. Dort wäre man vielleicht ein
Politiker, der eine Welt in Bewegung setzt, der Liebhaber mächtiger Damen,
ein großer Dichter, durch den das nationale Gewissen spricht. Zu allem
fühle ich mich berufen. Hier gehört man keiner der herrschenden Familien
an, und damit ist man abgetan und zum Neide verdammt auf jeden, der
hervorragt.«
»Hier hat man einen Mann, der Gemeindesekretär ist und bleibt. Hier muß man
heucheln: heucheln um sein Vergnügen, heucheln um seinen Schmerz.«
»Ist es vielleicht die Falschheit des ganzen Jahres, die uns heute abend
gegeneinander so offen macht?«
»Oder«, murmelte Frau Camuzzi und drückte, sehr bleich, die Lider zu, damit
die Träne nicht hinausrinne, »ist nicht nur der Maestro durch jene Musik in
Aufruhr gebracht?«
Schweigend stiegen sie die letzten Treppen hinab; drunten fuchtelte der
Advokat.
»Wäre ich die Persönlichkeit geworden, für die alle mich halten, wenn ich
nicht Sie gehabt hätte, Camuzzi? Vielleicht mußte Ihr Widerspruch meinen
schöpferischen Drang anstacheln, damit Waschhaus und Theater, Vizinalwege
und Licht entstehen konnten. Zuweilen denke ich mir: wenn einst der greise
Vertreter unserer politischen Wählerschaft zurücktritt --. Sie verziehen
das Gesicht, Camuzzi, aber der Cavaliere Lanzerotti wird dennoch
zurücktreten, und kann sein, daß das Volk mir selbst die Ehre erweist, mich
als seinen Deputierten in die Hauptstadt zu schicken --: dann, so denke ich
mir, wäre es gut, wenn ich auch in der Kammer Sie, Camuzzi, wiederfände;
denn Sie würden mich größer machen . . . Ich sei groß in Worten, sagen Sie?
Sie wissen nicht, Freund, was Begeisterung ist, sonst wären Sie heute abend
begeistert!«
Er streckte den Ankommenden die Hände hin.
»Wie gnädige Frau? Bewegung und Tätigkeit, das ist alles, und das lehrt uns
die Musik des Maestro Viviani!«
»Eine Frau kann nicht handeln,« sagte sie; »und daß ich bei den Komödianten
war, werde ich morgen dem Don Taddeo beichten müssen. Inzwischen werden die
Gewissensbisse mich nicht schlafen lassen.«
»Ich wußte, meine Liebe, daß es so enden würde«, sagte Camuzzi.
»Und der Maestro?« rief der Advokat die Gasse hinauf. »Wir haben ihn
verloren?«
Der Kapellmeister winkte, bevor er sich von der Rampe losriß, noch einmal
in das Dunkel der Höfe und Häuser hinab, das ihm voll lauschender Atemzüge
schien.
»Ja, ich werde euch wohltun! Durch mich werdet ihr glücklicher werden und
einander lieben. Ein Mädchen, das meine Arie aus einem Fenster singt! Ein
Junge, der mit seinem Korb voll Gipsfiguren durch den Staub zieht und dem
eine Melodie von mir die Straße weniger heiß macht! Werde ich nicht sein
wie ein König, dessen Bild auf allen Münzen, in allen Händen ist? -- und
dessen Bild ein Sinnbild des ganzen Volkes ist!«
Er lief die Treppe zu Ende.
»Da wären wir alle beisammen,« bemerkte der Advokat; »und wenn unser
Theater auch nicht sehr zentral liegt, -- der Bau eines neuen städtischen
Theaters hier im Mittelpunkt wird trotz Ihrem Händeringen, Camuzzi, eine
unserer nächsten Aufgaben sein --: so verschafft uns das doch einen
Spaziergang, der hoffentlich allerseits angenehm war.«
»Jeder genießt solchen Spaziergang auf seine Art«, erwiderte Frau Camuzzi.
* * * * *
Sie bestand darauf, nach Hause zu gehen. Vor ihrer Tür trennte man sich.
Wie der Advokat mit Savezzo und dem Kapellmeister zu der bewegten
Versammlung beim Café »zum Fortschritt« stoßen wollte, sah er aus der
Treppengasse Flora Garlinda biegen. Sofort entschuldigte er sich und eilte
ihr durch das festliche Gedränge entgegen. Sie kam seinen Komplimenten
zuvor.
»Ah! Advokat, Sie sind ein Mann, auf den man sich verlassen kann, Sie
wollen mir Ihre Rezension vorlesen . . . Wie? Sie haben sie noch nicht
geschrieben? Sie haben die Zeit verschwatzt, gleich all dem Volk hier?«
Da er stammelte:
»Ach, Herr Advokat, ich habe Sie in meiner Einbildung so hochgestellt, daß
Sie vielleicht Mühe haben werden, sich dort zu behaupten . . . Treten wir
unter die Rathausbogen: es ist schattig darin, und ich hasse das Girren
dieser Geputzten, ihr nutzloses Umhertreiben . . . Sagen Sie mir also, was
Sie schreiben werden!«
Und obwohl er beteuerte, er müsse sich in der Muße seines Kabinetts darauf
vorbereiten:
»Sie werden mit Recht das meiste über den Cavaliere sagen. Er ist berühmt;
seine Kunst ist zweifellos die größte und seine Stimme die glänzendste.
Vergessen Sie das nicht, Herr Advokat! Für Gaddi ist das Lob nicht zu viel,
daß er sich seit zehn Jahren auf der Höhe seines Könnens befindet.«
»Dieses Lob erregt nirgends Neugier«, dachte sie und streifte mit einem
feinen, hellen Blick den Advokaten, der leise keuchend die Lippen bewegte,
als lernte er ihre Worte auswendig.
»Was Italia angeht, stellen Sie zu ihrem Ruhme fest, daß das Publikum,
geblendet durch ihre Erscheinung, die Streichung ihrer beiden Arien nicht
einmal bemerkt hat. Der arme Nello sodann bietet Ihnen Gelegenheit, Ihre
Leser als Menschen zu rühren: ist er doch, weil er die Anstrengung des
Singens nicht erträgt, in eine schwere Ohnmacht gefallen. Der Maestro --«
»Ich erwähne ihn gar nicht« -- und der Advokat spreizte voll Eifer die
Hand. Er dachte: »Sie wird mich nicht umsonst bis hierher geführt haben:
ich wußte es« -- und er trat ihr voran in den ganz dunkeln Hof des
Rathauses.
Die Primadonna sagte:
»Das geht nicht. Sagen Sie, er sei trotz seinem Mangel an regelmäßiger
Vorbildung, also sozusagen als Dilettant, überraschend gut gewesen, so daß
das Publikum nicht nur aus Lokalpatriotismus der Freundlichkeit der
Hauptdarsteller zustimmte, die bei Empfang des Beifalls auch den Maestro in
ihrer Mitte sehen wollten.«
»Aber das ist ja beinahe gerecht!« rief der Advokat. »Ich bewundere Sie
immer mehr. Und von Ihnen selbst --«
»O! nur wenig. Aber schließen Sie mit mir!«
»Ich werde sagen, daß Flora Garlinda ein Stern ist, der vorläufig nur erst
über den Dächern unserer kleinen Stadt leuchtet. Bald aber geht er über
denen der Hauptstadt auf, ja über denen von Paris, London und New York!«
»Sie haben Talent, Advokat.«
»Ich setze hinzu, daß ich lieber schweigen würde, um Sie nicht zu rasch zu
verlieren. Aber die Wahrheit drängt ans Licht.«
Die Hand auf dem Herzen, tat er einen Schritt. Sie wich einen zurück.
»Und da Sie das im Ernst meinen, Herr Advokat, habe ich Ihnen nicht zu
danken. Männer wie Sie wären beleidigt, wenn man täte, als erwiesen sie
Gunst, wo sie nur gerecht sind.«
»Wie wir uns verstehen!« -- und heftig schnaufend trat er noch einmal vor.
Sie bog sich weg, bis ihr Rücken die Mauer berührte. Links und rechts hatte
sie seine gerundeten Arme. Ihre Hände staken in den Taschen ihres
Staubmantels, die Schultern hielt sie hochgezogen, als ob es sie fröre; --
aber mit ruhiger, warmer Stimme sprach sie zu ihm:
»So habe ich auch keinen Augenblick den Verdacht gehegt, Sie seien wie die
andern Mächtigen, die sich von der Frau für das belohnen lassen, was sie
für die Künstlerin tun. Wissen Sie doch selbst um den großen Ehrgeiz und
die ungeheuren Pflichten, die das Talent uns auferlegt. Ich kenne Sie,
Advokat: Sie würden durch die Demütigung einer Frau, die ihresgleichen ist,
auch sich gedemütigt fühlen.«
»Wie wahr!« sagte er erstickt, »das ist meine Art zu denken; Sie lehren sie
mich erst richtig kennen.«
»Man kann nicht oft so zu einem Menschen sprechen. Nehmen Sie diese Hand,
mein Freund!«
Der Advokat entfernte die seine vom Augenwinkel, den er gedrückt hatte.
»Ich danke Ihnen für Ihre Worte, Fräulein Flora Garlinda, und ich darf
behaupten, daß ich sie verdiene.«
Er hob ihre Hand zwischen den seinen auf und ließ sie nachdrücklich wieder
hinunter.
»Sie tun mir weh, Herr Advokat.«
»O Verzeihung!« -- und er sank tief zusammen, um ihre Fingerspitzen zu
küssen. Darauf trat er mit einer großen Gebärde beiseite. Sie ging vorüber,
den Kopf schief, mit einem leisen, unbestimmbaren Lächeln aus dem Profil.
»Eine so große Künstlerin«, murmelte er unter dem Schauer, womit seine
eigene Ritterlichkeit ihn überzog.
»Sie, Herr Advokat, wären einer größeren würdig«, sagte Flora Garlinda und
gelangte mit einem letzten, rascheren Schritt über die Schwelle.
* * * * *
»Da sind sie,« sagte Nello Gennari, »ich will sie holen.«
Er verließ hastig den Tisch, tat, als trachtete er auf dem Umwege um
mehrere Gruppen mit der Primadonna und ihrem Begleiter zusammenzutreffen,
verfehlte sie aber und schlüpfte plötzlich selbst in den Rathaushof.
»Würde man glauben,« -- und der Apotheker Acquistapace lächelte, vor
Bewunderung starr, in die Runde, »daß dort eine so große Künstlerin kommt?«
Der Herr Giocondi entgegnete und verzog diskret die Lippe:
»Tatsache ist, daß sie mit aufgestecktem Haar nach nichts aussieht.«
»Sie hat eine schöne Hand«, meinte der junge Savezzo und zeigte die eigene
umher mit allen ihren abgerissenen Nägeln. Italia erklärte rasch noch:
»Wenn man immer die vier Finger in der Mitte teilt, wird jede Hand schön.«
Dabei lächelte sie schon für die Ankommende. Von der andern Seite traf
Camuzzi ein, schlank und elegant in einem neuen Herbstmantel mit enger
Taille. Savezzo musterte ihn mit düster leidender Miene und sagte dem
Sekretär voraus, daß er schwitzen und sich erkälten werde. Der Advokat
lobte vielmehr Camuzzi, weil er dem einheimischen Handwerk zu verdienen
gebe. Polli stellte fest:
»Tatsache ist, daß wir alle -- kurz, wir haben uns verändert. Entweder irre
ich mich, oder sogar dein Bruder, Advokat --« und er nickte nach dem
Nebentisch, wo Galileo Belotti und der Baron Torroni mit den Pächtern eine
lärmende Unterhaltung führten: »ja doch, er hat eine andere als seine
Arbeitshose an.«
»Und was die Frauen betrifft«, begann der Leutnant Cantinelli. Der Advokat
unterbrach ihn:
»Und warum haben wir uns verändert, meine Herren? Weil wir durch unser
Theater endlich ein wenig Bewegung in die Stadt bekommen haben. Daher Ihr
neuer Mantel, Herr Camuzzi, mit dem Sie selbst für meine Ansicht kämpfen;
daher die neue Blüte unseres öffentlichen Lebens!«
Er rundete die Arme, als wollte er den weiß beleuchteten, vollen und
schwatzenden Platz damit umfangen.
»Nie sah man so viele Frauen mit Hüten!« rief der Apotheker.
»Freilich sagen die beiden Fräulein Pernici,« begann der Leutnant wieder,
»daß einige Hüte nicht von ihnen bezogen und darum nicht schön seien.«
Jeder nannte, ohne den andern zu hören, die Frau, die ihm am besten
angezogen schien. Hinter den Bürgern, an der Mauer, fragte Flora Garlinda
den Kapellmeister:
»Und Sie, Maestro? Denken Sie an Ihren Ruhm, den die >Glocke des Volkes<
verbreiten wird? Denn Sie haben es so einzurichten gewußt, daß neben Ihnen
wir andern heute abend ganz verschwanden.«
Und er, mit weichem Lächeln:
»Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Ihnen gegen meinen Willen weh getan
habe. Ich weiß nicht, was andere denken, was andere fühlen: für mich hat es
heute nur eine gegeben, nur eine, bei der Schönheit und Größe waren. Flora
Garlinda, die falsche Scham sollte uns nicht hindern, die Wahrheit zu sagen
. . .«
Seine blauen Augen glänzten feucht in seinem rosig bewölkten Gesicht. Sie
musterte ihn kalt.
»Es war ein großer Abend«, stammelte er. »Vielleicht waren wir alle nur
dazu da, Sie noch größer zu machen. Aber auch ich habe gelebt heute abend,
und ich danke allen dafür --«
Mit einer zitternden Geste:
»Allen.«
Sie sah, die Mundwinkel gesenkt, düster weg.
»Auch noch danken«, murmelte sie. »Ich hasse alle, weil ich sie nicht
einfach verachten kann. Ich hasse sie, und ich -- liebe sie. Vielleicht
möchte ich, daß sie mir zujubeln und daran ersticken. Danken? Bilden Sie
sich ein, daß, was geschieht, um Ihren Dank geschieht? Fühlen Sie nicht,
wie alles böse und gefährlich ist?«
Sie zuckte die Achseln und drehte ihm den Rücken.
»Den schönsten Hut« -- und der Advokat verbeugte sich mit Wucht nach dem
Tisch zur Linken, »ah! nur Frau Aida Paradisi hat ihn.«
Die beiden Töchter lugten unter der weiten schwarzen Spitzenwolke hervor,
die über dem Haupte der Mutter schwebte, und auch der Kaufmann Mancafede
zeigte sich darunter. Er erhob ein Glas Punsch und schlug vor, die Tische
zusammenzurücken. Es geschah; und sogleich fragten die Damen nach dem Tenor
Nello Gennari. Man suchte ihn vergeblich.
»Aber ist es zu glauben,« sagte der Advokat, »daß dort hinten eine Nonne
umherstreicht? Nach Mitternacht noch sind diese heiligen Unterröcke
unterwegs! Sollte man nicht der kirchlichen Behörde einen Wink geben?«
»Er ist so zart, der arme junge Mensch« -- Mama Paradisi wand sich nach
allen Seiten, um ihrer Stimme den delikatesten Fall zu geben. »Sein
Unwohlsein von vorhin wird er noch spüren; und vielleicht verträgt er auch
die Nachtluft nicht.«
Der junge Savezzo verfolgte unter gewulsteten Brauen den Zipfel einer
weißen Flügelhaube, der aus dem Schatten des Bogenganges hervorhuschte und
wieder darin verschwand. Wie der schöne Alfò mit Kaffeegeschirr
vorüberlief, hielt Savezzo ihn an.
»Alfò,« raunte er, »man nimmt dir die Alba weg.«
Der Sohn des Caféwirtes lächelte glücklich.
»Die schöne Alba, ich werde sie heiraten.«
»Bist du so gewiß, daß sie dich liebt?«
»Warum kommt sie sonst täglich zur Messe? Nur um hier vorüberzugehen und
mich anzusehen.«
»Aber seit einer Woche kommt sie nicht mehr.«
»Sie kommt nicht mehr,« -- und die Augen des jungen Mannes strahlten vor
Eitelkeit -- »weil sie mit mir schmollt; denn das letztemal habe ich
versäumt, sie anzusehen, weil ich den Wein aufwischte, den der Schlächter
Cimabue verschüttet hatte. Im Mai aber bin ich zwanzig Jahre alt und
heirate sie, sie mag ruhig sein.«
»Alfò, man verführt dir die Alba. Es ist der jüngste der Komödianten, jener
Tenor, der sie dir verführt.«
Alfò schüttelte glucksend den Kopf.
»Du glaubst mir nicht?« sagte der Savezzo. »Ich habe es gesehen. Der
Komödiant ist heute in Ohnmacht gefallen, weil er alle Nächte, verstehst
du, dort draußen verbringt.«
Das Lächeln des schönen Alfò ward nachdenklich. Plötzlich fletschte er die
Zähne.
»Wo ist der Komödiant?« -- und er griff unter schnarchenden Lauten in die
Hosentasche. Der Savezzo zog ihm die Hand heraus.
»Wenn er da wäre, hätte ich nicht mit dir gesprochen; denn ich will nicht,
daß ein Unglück geschieht. Auch kann ich mich irren. Vielleicht hat er sie
noch nicht verführt, deine Alba. Nötigenfalls werde ich dich warnen, ja,
ich werde dir die beiden zeigen. Aber du mußt versprechen, vernünftig zu
sein.«
Der schöne Alfò lächelte wieder vollkommen glücklich.
»Wie sie mich liebt, die Alba!«
Ein Jubelgeschrei erhob sich. Über allen Häuptern erschien in den Händen
des Gevatters Achille ein Tablett mit drei Flaschen Asti. Unbemerkt hatte
der Apotheker sie bestellt. Der Herr Giocondi ließ sich von ihm einschenken
und erklärte:
»Da deine Frau dich nicht mit Asti empfangen wird, ist es gut, wir trinken
ihn jetzt.«
»Welch glänzendes Leben wir führen!« rief der Advokat. »Wer das alles noch
vor acht Tagen vorhergesagt hätte! Auf taghell erleuchtetem Platz stoßen
wir mit schönen, prachtvoll geschmückten Frauen an, und um uns her bewegt
sich eine Gesellschaft, auf die manche bedeutende Stadt stolz wäre. Unsere
alten Monumente sehen sich mit Staunen verjüngt durch die Wogen des
Verkehrs, die sie umfluten; das Blut pulst heftig in den Adern unserer
Stadt; und wehe dem --«
Er stieß den Arm nach dem Dom aus.
»-- der es wagen wollte, den Fortschritt aufzuhalten.«
Auch die andern waren in diesem festlichen Augenblick der Zuversicht, daß
Don Taddeo den Eimer werde herausgeben müssen. Camuzzi allein äußerte
Zweifel. Der Mittelstand sei unzufrieden, er drohe die Reihen der
klerikalen Opposition zu verstärken. In all dem Glanz erweitere sich,
setzte der Sekretär hinzu, ein dunkler Fleck. Niemand hörte auf ihn; der
Apotheker schwenkte sein Glas vor der Primadonna.
»Es lebe die >Arme Tonietta<! Ich glaubte immer, solch einen Tag würde ich
nicht wieder sehen; denn dies ist ein Tag wie zu Zeiten Garibaldis. Der
Advokat hat recht: wir sind hier in einer kleinen Stadt, aber was für große
Dinge erleben wir!«
Man trank einander zu; man trank den Pächtern nebenan zu. Galileo Belotti
und der Baron Torroni kamen mit ihren Gläsern und forderten die Damen auf,
auch ihnen und ihrer Gesellschaft die Ehre eines Besuches zu geben. Italia
war eben dabei, dem Apotheker zu schwören, daß sie keinen Fuß in die
Unterpräfektur setzen werde. Galileo zog sie, unter Kratzfüßen, am Arm. Sie
folgte; aber bei jedem Schritt kitzelte sie mit den Augen den Apotheker,
der sich rötete.
Der Kapellmeister bemerkte plötzlich, daß zu seiner Linken der Cavaliere
Giordano mit hängender Lippe und Falten auf der Brust teilnahmslos
hinausstarrte. Er mußte den Alten anstoßen, damit er aufhorchte.
»Ihre Leistung war schön, Cavaliere,« sagte er warm; »sie war ergreifend:
ich danke Ihnen.«
Der alte Sänger bewegte mit einem müde spottenden Lächeln die Hand.
»Ich hätte es nicht tun sollen«, sagte er.
»Aber Sie sind ein großer Künstler!« sagte der Kapellmeister erschreckend.
»Wenn es Abende gibt, an denen Sie sich nicht ganz auf Ihrer gewohnten Höhe
fühlen --«
Der berühmte Tenor legte ihm die Hand auf den Arm.
»Sie sind ein guter junger Mann, Dorlenghi; Sie haben Mitleid mit mir.
Glauben Sie aber nicht, daß ich zu jeder Stunde in Unwissenheit darüber
bin, wie es mit mir steht! Morgen werde ich zweifellos mich dieser Worte
nicht mehr erinnern und wieder auftreten. Was kann man tun.«
Der Kapellmeister sah auf seine Knie; er wagte nicht zu atmen. Der
Cavaliere Giordano hob mehrmals die Schultern; dann griff er nach seinem
Glas. Als es leer war, richtete er sich auf und lachte gewaltsam.
»Ich rede Dummheiten: Sie werden es bemerkt haben, Maestro, und sie
hoffentlich vergessen. Wie Sie selbst wissen, hat man schlechte Abende, und
ich hatte sie schon vor dreißig Jahren. Was beweist das? Und selbst wenn
man sich eine Zeitlang zum Singen nicht disponiert fühlt, bleibt man darum
etwa nicht Mann? Gewisse Frauenblicke geben mir zu verstehen, daß ich noch
heute einem Jüngeren gefährlich werden könnte. Sie machen große Augen,
Maestro: Sie haben Grund dazu.«
»Was für eine Frechheit!« schrie der Apotheker mit einem mächtigen Schlag
zwischen die Gläser. »Dieser Bauernlümmel untersteht sich, das Fräulein
Italia auf den Hals zu küssen!«
»Was denn, Bauernlümmel!« keifte Galileo Belotti und trat ihm watschelnd
entgegen. »Versteht sich, wir sind weder Gecken noch Schwätzer, aber wir
haben Fäuste, wir!«
Seine ländlichen Freunde bestätigten dies.
»Wir werden sehen!« rief der Apotheker und stapfte auf seinem Holzbein der
feindlichen Schlachtreihe entgegen . . .
Der Cavaliere Giordano kicherte.
»Sie sollten sich hüten, Maestro. Ihre kleine Rina: ich bin ihr in diesen
Tagen öfter begegnet, und es ist nicht sicher --. Sie hat mir gestanden,
daß Sie sie vernachlässigen, und versteht sich, daß ich mich daran gemacht
habe, sie zu trösten. Das Kind ist schüchtern; dennoch scheint es, daß die
Liebe zu mir im Werden ist; und wenn nun Sie, Dorlenghi --«
Ein Krach: mehrere Stühle waren umgefallen, und Galileo Belotti kugelte
sich, vom Apotheker hingestreckt, im Staube. Die Pächter drangen auf den
alten Krieger ein. Er brüllte, während er um sich stieß, vor Wut, denn
einer von ihnen lud dort hinten Italia, die kreischte, auf seinen Wagen!
Der Baron Torroni kam, vom Wein brandrot, dazwischen: sie gehöre ihm, er
sei ein Herr.
»Was denn Herr«, keifte Galileo Belotti zwischen den Beinen der Kämpfenden
hervor.
»Seht ihr nicht? Das ist der Conte Tancredi mit der >Armen Tonietta<!«
keuchte der Advokat in den Lärm. Alle Bürger hatten die Arme in der Luft
und feuerten den Apotheker an. Mama Paradisi flüchtete kreischend mit ihren
Töchtern; der Gemeindesekretär brachte seinen neuen Mantel in Sicherheit;
in weitem Umkreise zogen sich die nächtlichen Spaziergänger zurück; die
streitenden Pächter benutzten die Gelegenheit, ohne Zahlung zu
verschwinden; -- da ging, festen Schrittes und eine Hand in der
Hosentasche, der Bariton Gaddi auf die beiden Bewerber Italias los, stieß
den Edelmann und den Bauern vor die Brust, daß sie hintenüber in den Wagen
fielen, und hieb auf das Pferd ein. Dann führte er, ohne sich umzusehen,
Italia, die in die Hände weinte, durch die Gasse der Hühnerlucia von
dannen.
»Lassen Sie doch jene Leute!« -- und der Cavaliere Giordano stieß den
Kapellmeister an. »Unsere Angelegenheit ist wichtiger. Die Kleine würde
mich gewiß lieben, wenn Sie, Dorlenghi --«
Der Alte murmelte etwas dazwischen; durch das Pergament seiner Wangen drang
ein wenig Rot, schön rund und kirschenfarben, wie frisch geschminkt.
»-- wenn Sie ihr sagen wollten, daß sie -- frei ist, daß sie sich ohne
Furcht, die arme Kleine, ihrer Neigung zu mir hingeben darf.«
Er schielte angstvoll auf den jungen Mann hinunter, der die Lider nicht
aufschlug und stumm schluckte. Plötzlich stand der Kapellmeister auf,
drückte dem Sänger, immer ohne ihn anzusehen, die Hand und entfernte sich
schnell.
* * * * *
»Welch häßlicher Zwischenfall,« sagte der Advokat Belotti; »wir werden uns
hüten, der >Glocke des Volkes< darüber zu berichten. Solche Dinge, sagen
wir nur die Wahrheit! -- können in jeder Stadt vorkommen. Überall gibt es
immer noch schlecht erzogene Leute; um so schlimmer, wenn man in seiner
eigenen Familie --«
»Ich habe so gut gelacht,« sagte Flora Garlinda; »es war so unterhaltend.«
»Wie? Aber man hat die Achtung vor Ihrem Geschlecht verletzt!«
Sie warf die Lippe auf.
»Ich freue mich, wenn ich es sehe. Ich selbst verlange nicht darum Achtung,
weil ich eine Frau bin, und ich hasse die Weiber.«
»Aber es war gefährlich! Jene Bauern tragen Messer!«
»Warum haben sie sie nicht gezogen? Wie unterhaltend es gewesen wäre! Wozu
nützen alle diese Leute! Was können sie? Sie hätten einander einmal stechen
sollen, das wäre das beste gewesen, was sie je getan hätten.«
Die Mienen des Advokaten, des Tabakhändlers und des Herrn Giocondi trugen
entsetzte Mißbilligung. Gleichzeitig rafften alle drei sich zurecht,
griffen nach den Gläsern und stießen sie auf dem Tisch zusammen.
»Auf die Gesundheit!« sagten sie kräftig.
Während sie tranken, erlosch die Bogenlampe; -- und plötzlich, wie aus dem
Schatten geboren, stand auf dem leeren Platz inmitten des seltsam scharfen
Geplätschers vom Brunnen ein kleiner Uralter und zog mit einer klapprigen
Verbeugung seinen randlosen Hut von fern vor dem Cavaliere Giordano -- und
dann noch einmal vor Flora Garlinda. In einem wankenden Tänzeln näherte er
sich; sein winziges Gesicht lächelte aus allen Runzeln, die glanzlosen
Augen versuchten eine stumpfe Schelmerei; -- und wie er beim Tisch
anlangte, legte er die Hand aufs Herz und öffnete, ohne daß ein Laut
entstand, einen weiten, dunklen Mund, der das Gesicht zu verschlingen
schien. Der Advokat bemerkte, wie die Primadonna zurückschrak, und wendete
sich um.
»Ah! da ist Brabrà. Keine Furcht: es ist ein harmloser Verrückter, seit
dreißig Jahren ernährt ihn der Herr Nardini in Villascura. Man hat nie
erfahren, wie er zu uns geraten ist. Sage den Herrschaften deinen Namen,
Brabrà! Denn Sie müssen wissen, daß dies der einzige Laut ist, den er je
von sich gibt. Sage Brabrà!«
Statt dessen kam aus dem gereckten Hals, woran lange, schlaffe
Sehnenstränge schaukelten, ein feiner Fistelton: ein Ton, wie von einem
Kinde, das schwärmt und singen möchte.
»Was fällt ihm ein«, sagte der Advokat. »So hat er noch nie getan. Was will
er?«
»Auch ich --« sagte eine erloschene Stimme; und der kleine Greis tastete
sich immerfort, mit Fingern aus lauter schwarzen Hautringen, über Brust und
Hals. »Auch ich --«
Polli vermutete:
»Er war im Theater: das scheint ihm geschadet zu haben.«
»Ah!« machte der Advokat; und in der Erinnerung an das Benehmen des
Verrückten, der die Huldigung der Menge von ihm abgelenkt und, als
parodierte er ihn, das Volk gegrüßt hatte, ließ er ihn streng an:
»Was tatest du im Theater, Brabrà?«
»Theater!« -- und der Greis zuckte auf. Mit den Fingern am Hals: »Auch ich
. . . Theater . . .«
Der Cavaliere Giordano erkannte:
»Er will sagen, der arme Teufel, daß er früher einmal gespielt hat. Wie
hießest du denn damals, mein Freund?« fragte er mit Wohlwollen und großer
Überlegenheit. Der Uralte schloß die Lider, erhob tastend die Hand; und
alle seine Runzeln, die Faltensäcke, zwischen denen der Mund verschwand,
sein ganzes eingeschrumpftes Gesicht stand angstvoll still. Auf einmal
öffnete es sich, begann zu arbeiten, den Augen entstieg eine schwache
Flamme, und der Mund kam herauf, um zu sagen:
»Der Montereali.«
Der Cavaliere Giordano lehnte sich zurück.
»Der Montereali -- es ist lange, daß ich den Namen nicht mehr gehört habe.
Der Montereali«, erklärte er dem Advokaten, »war, als ich anfing, nicht
mehr auf der Höhe, aber man sagte, daß er große Zeiten gehabt habe. Seit
mehr als dreißig Jahren ist er tot.«
»Der Montereali«, wiederholte der Uralte und deutete sich zitternd auf die
Brust.
»Auf was für Dinge die Verrückten verfallen!« bemerkte der Advokat. Der
Herr Giocondi sagte:
»Er ist gut aufgelegt. Bravo, Brabrà!«
Der zahnlose Mund stand wieder schwarz offen. Der Cavaliere Giordano legte
die Hand ans Ohr.
»Er singt etwas: ja, eine Melodie, die ich -- vielleicht -- gekannt habe.
Welche Oper war doch das? Welche -- Oper --«
Plötzlich hörte man Flora Garlinda laut auflachen. Alle fuhren herum: sie
lag mit den Armen auf dem Tisch und schrie gellend. Ihr schmaler Körper
ward geschüttelt, aus dem bläulichen Gesicht traten die Adern. Man
versuchte umsonst, ihre Finger vom Rande des Tisches loszumachen: ihr
Blick, voll der Verlassenheit einer nie gesehenen Angst, schreckte die
Helfer zurück, und sie lachte . . . Wie der Advokat sich die Stirne
trocknete, erschien in der Gasse der Hühnerlucia der Schneider Chiaralunzi.
»Das Fräulein ist nicht nach Hause gekommen«, sagte er. »Wo ist denn das
Fräulein Flora Gar --«
Da stockte sein Schritt, die Farbe verließ sein Gesicht, seine großen Hände
schlotterten.
»Ich habe ihre Stimme nicht erkannt«, sagte er. »Wie ist das möglich?«
Kaum berührte er ihre Hände, und sie lösten sich. Sie ließ sich von ihm
aufheben; er führte und trug sie, und dabei wiederholte er:
»Das Fräulein verzeihe die Freiheit, die ich mir nehme.«
Polli, Giocondi und der Advokat sahen einander an.
»Teufel, man weiß nie, mit diesen Künstlern. Sie scheinen in bester Laune,
und dann auf einmal machen sie solche Sachen . . . Es wird vielleicht
besser sein, nicht darüber zu reden? Wer weiß, was die Leute vermuten, wenn
man dabei war . . . Hoffen wir nur, daß sie niemand aufgeweckt hat . . .
Das ist sicher: die Unsichtbare hat einen guten Abend gehabt . . . Freund
Acquistapace ist längst bei seiner Frau: er wird seine schwere Stunde
überstanden haben . . . Gute Nacht, Cavaliere. Sie bleiben also sitzen? Es
ist ein Uhr. Ah! wer wie diese Künstler am Morgen schlafen könnte.«
Der Advokat kehrte nochmals um; er stellte sich dem kleinen Uralten
gegenüber, der nun wieder allein inmitten des Platzes sein Grüßen und
Lächeln übte, und sprach zu ihm mild, aber bestimmt:
»Das nächste Mal, Brabrà, wirst du dir eine Art Verrücktheit aussuchen, die
den Leuten weniger auf die Nerven geht. Auch die Verrücktheit, Brabrà, läßt
sich regeln und organisieren. Du hast heute abend einen häßlichen Epilog an
ein schönes bürgerliches Fest gehängt. Aber die Tatsache, daß du verrückt
bist, bedenke dies wohl, Brabrà, gibt dir noch nicht das Recht, ein
schlechter Bürger zu sein.«
Da der Uralte, als sei nichts geschehen, weiterdienerte, verlor der Advokat
die Geduld, nahm ihn beim Kragen und beförderte auch ihn in die Gasse der
Hühnerlucia.
* * * * *
Der Gevatter Achille kam aus seiner Tür, um dem Cavaliere Giordano am
vereinsamten Tisch gute Nacht zu wünschen und ihn um Verzeihung zu bitten,
wenn er jetzt sein Lokal schließe. Der Platz lag dunkel und leer. In seinem
tiefsten Schatten, am Hause des Kaufmannes Mancafede, regte ein halboffener
Fensterladen sich, zitterte ein wenig und begann sich zu senken. Aber
dahinten aus der Nacht des Rathaushofes kam ein Schritt: -- und der Laden
am Hause Mancafede blieb stehen.
Nello Gennari hielt, den Kopf gesenkt, unter dem Torbogen an: da flüsterte
etwas Weißes, das fortflatterte:
»Ihr sollt sogleich ins Theater zurückkehren und --«
Er hörte nicht mehr. Eine kleine Nonne wendete sich nach ihm um, sie lief
noch einmal ganz nahe vorüber.
»-- und singen. Man wird Euch hören.«
»Die Äbtissin?« fragte er und langte nach der Erscheinung. Aber sie flog
schon die Treppengasse hinan. Er lief hinterdrein, die Arme erhoben. Die
Füße schienen ihm in Erde einzusinken, und doch hieß es nun in den Himmel
folgen! Er merkte nicht, daß er über lagernde Ziegen fiel. Die Zähne
klapperten ihm, er dachte wirr: »Alba ist gekommen, sie wartet auf mich.
Werde ich sterben müssen, wenn ich singe: >Die kostbare Nacht<? Sie kostet
vielleicht das Leben, die kostbare Nacht. Die Äbtissin entscheidet nun. Wie
immer du entscheidest: Alba, ich bin dein!«
Der Satz über die letzten Stufen fühlte sich an wie ein Flug. Er sah sich
auf der weiten Terrasse vor dem Palast; die Nonne war fort. »Habe ich
geträumt? Wie sollte zu dieser Stunde Alba herkommen; was weiß sie von mir?
Jemand verhöhnt mich.« Da drückte er die Augen zu und stürzte hinein.
Die Gänge waren nicht ganz dunkel; und zwei Kerzen in Laternen an den
Kulissen sandten eine schwachrote Bahn zwischen den getürmten Schatten von
Saal und Bühne, die Rampe entlang. Nello Gennari betrat, die Hände um die
Schläfen, in zwei stürzenden Schritten die Bühne und schüttelte sich ganz.
Die Töne versagten ihm, sein Atem flog. Er zügelte ihn, um hervorzubringen:
»Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die
kostbare Nacht!«
Er gelangte, stockenden Schrittes, bis in die Lichtbahn vor der Rampe und
erhob, die Handflächen hingewendet wie ein zum Sterben Bereiteter, den
Blick. Das Dunkel droben war undurchdringlich. Zwischen ihren beiden
schlanken Säulchen deuchte ihm jene Loge dort, die dritte rechts, schwärzer
als alle: eine Galerie von Nächten, hindurchgeleitet durch Rätsel voll
Grauen und voll Entzücken.
Er wiederholte, den Kopf in den Nacken gebogen: »Die kostbare Nacht«; und
wie er die letzte Note aushielt, fühlte er eine Hand an der Kehle. Sie
würgte ihn, weich und stark. »Die Äbtissin«, dachte er und schloß die
Augen. »Sie ist es, ich sterbe . . . Und soll dich nicht sehen, Alba?« Als
er aber die Lider voneinander löste, entschwebten droben der Finsternis
zwei kleine weiße Hände, die lautlos applaudierten. »Das ist das Glück:
jetzt weiß ich, daß es mir bestimmt ist!« -- und Nello sank auf die Knie.
Kniend sang er: »Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus heißt uns blühen!« --
und fühlte die Töne seiner Brust entströmen, wie die unerschöpflichen
Fluten des Glücks. Das Ohr geneigt, erwartete er den Einsatz seiner
Partnerin. »Ihre Stimme! Ihre Stimme!« Da fielen auf seine Hände Blumen.
Gleich darauf ging eine Tür. Er sprang auf, stürzte hinaus und erreichte
die Treppe früh genug, um sie zu versperren. Leichte Schritte liefen ganz
oben ein paar Stufen herab, wieder zurück, und enteilten. Er war hinterher.
Um eine Ecke flatterte eine Rockfalte. Unter der Tür eines Zimmers erkannte
er die dunkel fliehende Gestalt. Dort hinten, wo eine lange Galerie in
Schatten zusammenfiel, spreizte eine unsicher schimmernde Hand sich
beschwörend rückwärts. Durch die himmelhohen Fenster eines Saales warf
sich, zwischen zwei Wolken, die es überjagten, ein kleines angstvolles
Sternenlicht auf einen eingesunkenen Thron, zersprungene Bilder und ein
weißes Profil, das dahingleitend in einem Schrei ohne Laut den Mund aufriß.
Den Augen des Verfolgers entstürzten Tränen; vor Tränen sah er die nicht,
die dicht vor ihm laut atmete, strauchelte, ein Fenster aufriß. Er blieb
stehen, er erhob langsam die gefalteten Hände. Seine Augen, die sich
entschleierten, trafen den Schatten unter ihren Brauen. Einander gegenüber,
schwiegen sie und blieben reglos. Sie hielt die Arme über die
Gitterschranke des bis zum Boden offenen Fensters gebreitet. Der Umriß
ihres Kopfes zerging in dunkler Luft. Ein Wasser rauschte, vom Felsen
hinter ihr, in große Tiefe.
Aus einer jagenden Wolke glitt wieder jener Sternenschein, da sagte Alba:
»Du hast geweint.«
»Denn ich mußte dich ängstigen«, sagte Nello. »Aber wenn ich jetzt nicht
bis zu dir drang, wars aus. Verstehst du, was das heißt?«
»Ich weiß alles.«
»Alba!«
Sogleich riß er den Fuß wieder zurück: ihr Nacken lag weit draußen, sie
rief:
»Rühre mich nicht an!«
Schaudernde Stille; -- und dann, unmerklich zuerst, sank sie nach vorn,
seinen Armen entgegen.