»Nachdem wir gesiegt hatten, hat der Staat alles versteigert, aber die

Nonnen haben es zurückgekauft. Man wird sie nicht los, die heiligen

Unterröcke . . . Versäumen Sie nicht, einen Blick auf die Landschaft zu

werfen! Sie sehen von hier zweiunddreißig Ortschaften. Welch wollüstiges

Blau: würde man nicht glauben, es sei das Meer, dem die Venus entsteigt?

Wer die Einkünfte besäße aus allem, was Sie hier mit zwei Augen fassen, der

hätte jährlich nicht weniger als drei Millionen zu verzehren.«

»Himmel! Es wäre Sünde, soviel auszugeben!«

»Für eine Frau würde ich es ausgeben!« rief der Advokat, in Feuer, und

kroch ihr voran durch einen halb eingestürzten Bogen neben dem fürstlichen

Palast. »Meine Schwester hat vielleicht recht? Vielleicht wäre ich für eine

Frau zu allem fähig.«

Er richtete sich auf und streifte die Sohlen an den Stufen ab.

»Man hätte den Zugang zum Theater reinigen sollen. Gerade diesen Ort haben

sich die Leute aus den nächsten Gassen seit langen Jahren ausersehen. Sie

besitzen nämlich noch keinerlei Bequemlichkeit im Hause . . .«

Da sprühten Kalk und Kies die Treppe herab und oben stampfte und winkte der

Kapellmeister.

»Wo bleiben Sie, Molesin? Geht das so weiter, werden wir die >Arme

Tonietta< niemals herausbringen! Ein Jahr meines Lebens kostet ihr mich!«

»Sie haben recht, Dorlenghi«, sagte der Advokat und beschwichtigte mit der

Hand. »Wir kommen, gleich sind wir da.«

»Ich sagte Ihnen schon, daß ich Sie nicht brauchen kann. Aber die

Primadonna, nach der ich geschickt habe? Und der Gennari? Er sprach von

zehn Minuten, und das ist eine halbe Stunde her!«

Der Kapellmeister überrannte den Advokaten, der sich auf den Schutt setzen

mußte, und erwischte hinter dem Torbogen einen Buben.

»Lauf zum Gevatter Achille! Ein Herr sitzt dort. Wenn er nicht sogleich

komme, koste es Strafe. Und lauf zum Schneider Chiaralunzi! Er soll mir

seine Mieterin schicken. Bist du in zwei Minuten drunten, wirst du sehen,

was ich dir schenke.«

Der Junge rannte schon. Oberhalb des Hauses Belotti stieß er mit dem alten

Brabrà zusammen, schlug hin und lief zerschunden weiter. Beim Gevatter

Achille saß der Herr, aber er schüttelte nur die Schultern und schickte ihn

fort. Sogar den Gevatter Achille, der mit ihm sprechen wollte, schickte er

fort . . .

* * * * *

Als es halb eins schlug, schrak Nello Gennari auf, reckte sich, tat ein

paar widerwillige Schritte nach der Treppengasse und bog wieder ab. Diese

Wege, die nicht zu ihr führten, diese Menschen, die sie nicht kannten oder

noch bei ihrem Namen gemeine Gedanken hatten: sie beleidigten Nello. Alles,

was nicht Alba war, beleidigte ihn. Voll Verachtung blinzelte er über den

leeren Platz hin, mit seiner gewöhnlichen Sonne und seinen alltäglichen

Schatten. Jetzt hatten sie alle Fensterläden geschlossen. Am Abend öffneten

sie sie wieder. Was das für ein Leben war! Und in ein solches war Nello

gebannt! Das edlere, nach dem ihn verlangte, ließ ihn nicht ein. Würde Alba

je von ihm erfahren? Sie war erschreckend hoch und fern. Die Nacht unter

ihren Fenstern lag schon weit dahinten, und kaum konnte man sich denken,

daß sie wiederkehre . . . Aber oben im Rathaus hatte etwas sich geregt.

Eine Jalousietür im zweiten Stock hatte einen Spalt bekommen, darin

betrachteten ihn ein paar Augen, und das weiße Gesicht -- hatte es nicht

genickt? Er trat hinan: es senkte sich langsam.

Ein Zeichen! Frau Camuzzi, die keuscheste von allen, gab ihm ein Zeichen!

Nello verschränkte die Arme. Da hatte er, was ihm gehört: Vergnügen machen

und lügen! Warum nicht? War es nicht eine Rache an Albas zu fremder

Reinheit, wenn er sich beschmutzte? Und huldigte er nicht ihr, da er die

betrügerische Scham und den falschen Stolz der anderen Frauen zu Boden

warf, daß nur die eine aufrecht blieb? Das Gesicht droben neigte sich

nochmals und verschwand. Nello betrat die Arkaden, er setzte den Fuß auf

die Stufe. Ein Geräusch -- er wandte sich hastig; und Flora Garlinda sah

ihn an. Sie kam aus der Gasse beim Café und überquerte den Platz mit ihrem

Eilschritt. Ohne ihn zu verzögern, hatte sie das Haus, den Spalt in der

Balkontür und den jungen Mann auf der Treppe gemustert, hatte verächtlich

gelächelt und war fort. Nello Gennari errötete tief. Dann warf er zornig

die Schulter zurück und ging hinein. Die Absätze der Primadonna klappten

schon in der Treppengasse.

So rasch, daß der Junge, der sie führen sollte, zurückblieb, lief sie in

ihrem langen, entfärbten Regenmantel, der schlenkerte, weil sie aus

Sparsamkeit nur den Unterrock darunter anhatte, und in ihrem

schmutzigweißen Filzhut, den sie um des Haares willen trug: lief hinauf und

davon, um die Ecken, über die engen Plätze zwischen zwei Stiegen, -- und

sooft durch eine Lücke der Häuser ihr Blick in Gärten hinabfiel, wo Kinder

spielten und eine Familie unter der Laube beim Essen saß, richtete sie den

Kopf noch höher. Droben sah sie nicht links noch rechts: unter dem Bogen

beim Schloß war ein kleiner Volksauflauf, und irgendwo aus einer

unentdeckbaren Öffnung kam die Kreischstimme der Italia Molesin. »Laßt mich

durch!« -- und auch über den Kot unter dem Bogen sah sie hin.

* * * * *

Sie riß eine Tür auf; dahinter fand sie, vom Mittagslicht noch blind, alles

schwarz. An einer Wand entlang geriet ihre Hand auf etwas Menschliches.

»Entschuldigen Sie!« sagte jemand.

»Öffnen Sie mir doch die Tür zur Bühne! Ich sehe nichts. Wer sind Sie?«

»Ich bin der Advokat Belotti. Als Vorsitzender unseres Komitees wohne ich

der Probe bei.«

»Hier im Dunkeln? Kommen Sie doch fort! Kennen Sie den Weg nicht?«

»Ob ich den Weg kenne! Ich bin ja zu Hause im Palast!«

Da fiel er hin.

»Ja, hier waren Stufen. Ich wußte es, nur dachte ich nicht daran.«

Es ward immer finsterer, und Klavier und Gesang hörten sich weiter entfernt

an.

»Wir sind falsch gegangen«, entschied Flora Garlinda. »Wir wollen umkehren,

und ich will führen. Da es ein Theater ist, werde ich schon hinfinden

. . . Diesen Korridor hatten wir versäumt . . . Und warum sind Sie nicht

mit drinnen?«

»Konnte ich denn? Ließ man mich denn?« -- und der Stimme des Advokaten

hörte man an, daß er im Dunkeln die Arme schwenkte. »Dorlenghi ist verrückt

geworden; er behauptet, daß Fremde nichts dabei zu tun haben. Ich ein

Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er vergißt, daß er

selbst hier fremd ist und daß wir ihn fortschicken können.«

»Das ist unnötig. Woher wollen Sie so rasch einen andern nehmen? Aber ich

werde Ihnen helfen.«

»Ah! Sie werden --. Fräulein Flora Garlinda, ich habe sofort erkannt, daß

Sie eine große Künstlerin sein müssen. Ich sagte noch zu Polli, dem

Tabakhändler --«

»Nur gut, Advokat, daß Sie nicht fortgegangen sind.«

»Ich wagte es nicht. Draußen, nicht wahr, steht das Volk. Vielleicht würde

es erraten haben, daß ich nicht --, daß dieser Maestro mich --«

»Wir sind da«, sagte Flora Garlinda.

Die Bühne lag vor ihnen. Im Halbdunkel schien sie endlos; der Schein der

Blechlampe auf dem Klavier verlor sich, die vier menschlichen Schattenrisse

sahen weithin verstreut aus. Der Kapellmeister stand in der Mitte des

Lichtkreises und stieß die Faust in die Luft.

»Ich kann keinen Widerstand dulden, auch von Ihnen nicht, Cavaliere. Sie

sind, der Sie sind. Aber ich bin hier der Maestro.«

»Das ist immerhin etwas«, bemerkte der Bariton Gaddi, rittlings auf einem

Stuhl. Italia Molesin kam zur Tür.

»Was für ein schlecht erzogener Mann!« sagte sie. »Mich hat er bereits

Idiotin genannt.«

Flora Garlinda trat ins Helle. Ihre Augen funkelten, ihr höhnischer Triumph

kniff ihr die Winkel der schmalen Lippen.

»Maestro,« -- ganz sanft -- »ich bitte Sie für meinen Freund, den Advokaten

Belotti. Er möchte uns zuhören.«

Der Kapellmeister fuhr auf.

»Noch immer er? Wenn ich ihn doch hinausgeworfen habe!«

»Man wirft einen Mann wie mich nicht hinaus,« -- und der Advokat trat mit

Würde vor.

»Also nochmals,« schrie der junge Musiker zitternd, »der Herr bin hier ich.

Wer nicht gehorchen will --«

»Nun?« -- und Flora Garlinda sah ihm grausam lächelnd in die Augen.

»Kann gehen«, ergänzte er viel leiser. Sie nickte.

»Sie haben zweifellos eine andere Primadonna.«

»Erst gestern«, stieß er hervor, »hat mir die Fusinati geschrieben.«

»Weil sie nämlich in anderen Umständen ist. Da kommt man schwer unter. Sie

aber, Maestro, der Sie kein Kind erwarten, Sie fänden natürlich sofort ein

andres Engagement, wenn die Herren vom Komitee sich entschließen würden --«

»O bitte, Fräulein Garlinda, davon ist nicht die Rede,« -- und der Advokat

trat von einem Fuß auf den andern. »Sind wir nicht alle Freunde?«

»Das kommt darauf an. Ich bin die Primadonna, mir muß es erlaubt sein, zu

singen, vor wem ich will.«

»Es liegt mir fern --. Wir haben uns mißverstanden --.«

Ihr grausames Lächeln war noch immer da: er schwieg, eingezogen und auf

Schreckliches gefaßt.

»Überdies«, begann sie wieder, »bin ich gewohnt, nur mit dem Regisseur zu

verhandeln.«

»Sehr richtig«, sagte der Cavaliere Giordano und schleuderte ein Heft auf

das Klavier. »Von wem lasse ich mir hier sagen, daß meine Stimme nicht

genüge? Dieser junge Mann hat an meinem Geronimo auszusetzen, und dabei

singe ich ihn aus Gefälligkeit, denn jedermann in Italien und draußen weiß,

daß meine Partie der Piero wäre!«

»Kurz: was will man von mir?«

Der Kapellmeister breitete die Arme aus und hatte rote Lider.

»Man will einen Regisseur, beim Bacchus«, sagte der Bariton.

»Der bin ich! Der bin ich!«

»Meine Herren,« stammelte der Advokat und beschwor sie mit den Händen, »ich

möchte um nichts in der Welt, daß meinetwegen --«

»Maestro!«

Flora Garlinda legte den Kopf auf die Schulter.

»Sie waren noch bei keiner Bühne. O! Sie haben nicht nötig, es zu gestehen:

diese ganze Szene beweist es. Tun Sie uns und sich einen Dienst und

bescheiden sich! Wir machen unsern Gaddi zum Regisseur. Ohnedies ist er es,

der die Ausstattung beschafft hat.«

Italia Molesin und der Cavaliere Giordano beglückwünschten schon den

Bariton.

»Und ich,« klagte der Kapellmeister, »ich habe den Chor zusammengebracht

und Sie selbst. Ich habe den Gedanken der Aufführung gehabt und die Bürger

für ihn gewonnen, habe alles möglich gemacht, alles ins Werk gesetzt. Das

ist nichts, das ist augenscheinlich nichts.«

Er ging, eine Hand vor der Stirn, wankend um das Klavier herum.

»Wer sagt das?« -- und Flora Garlinda folgte ihm. »Aber weil Sie ein Mann

von Verdienst sind, sollten Sie das Nebensächliche fahren lassen.«

»Aber ich verlange fünfzig Lire Zuschuß«, hörte man den Bariton sagen.

»Er verlangt fünfzig Lire«, wiederholte Flora Garlinda mit gesenkten

Mundwinkeln. Und in einem plötzlichen Blick des Einverständnisses:

»Wer kommt denn hier in Betracht, Maestro? . . . Sie haben eine Oper

geschrieben, nicht? Wenn ich Ihre Heldin sänge?«

Da er den Atem einzog und anhielt:

»Mit mir oder ohne mich: vielleicht sieht schon das nächste Jahr Sie in

Mailand. Wir --«

Sie knixte tief.

»-- sind für Sie nur Staffeln.«

»O!« machte er, aufgeblüht und gütig. »Sie nicht, Flora Garlinda: Sie

nicht. Sie werden größer werden als ich.«

»Glauben Sie?« fragte sie mit herabgelassenen Lidern und zog sich zurück.

»Aber solange ich Dirigent bin,« rief er den anderen zu, »darf ich

vielleicht verlangen, daß wir wiederholen, bis ich mich für befriedigt

erkläre?«

Man beeilte sich, es ihm zuzugeben. Der Advokat verwahrte sich.

»Nie, Maestro, habe ich an Ihrem großen Talent gezweifelt.«

»Dann also, Cavaliere,« rief der Kapellmeister, »noch einmal von vorn,

bitte: >Seid fruchtbar, meine Kinder . . .<«

Der alte Tenor stellte sich wütend auf und begann, hohle, zitternde Töne

von sich zu geben.

»Seid fruchtbar, meine Kinder! Das Feld, das meine Väter bebaut haben, auch

meine Enkel sollen es bebauen.«

»Hören Sie ihn etwa?« -- und der Kapellmeister warf sich, die Stirn

trocknend, auf seinem Sitz umher. »Und dies ist nur ein Klavier! Was wird

das Orchester von seiner Stimme übriglassen?«

Das Gesicht des Alten war von Entrüstung so sehr verzerrt, als sollte es

weinen. Sein Kiefer arbeitete an Worten, die nicht kamen.

»Ich habe doch alles verstanden«, versicherte Italia Molesin mitleidig und

sah Flora Garlinda an, die schwieg und beobachtete. Der Bariton stellte

fest:

»Ich als Regisseur finde den Cavaliere ganz auf seiner alten Höhe.«

»Wie sollte nicht ein so berühmter Künstler --« sagte der Advokat mit

Nachdruck. Der Kapellmeister hielt sich plötzlich mit beiden Händen den

Kopf.

»Wenn man den Advokaten nicht zum Schweigen bringt, stehe ich für nichts!

Ich stehe für nichts!«

Der Advokat wich zurück. Der Kapellmeister legte die Hände wieder auf die

Tasten.

»Fräulein Flora Garlinda!«

»Hier bin ich.«

»Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus . . . Aber der Piero! O Gott! ich

dachte nicht mehr an diesen Menschen, der nicht kommt. Begreift man eine

solche Gewissenlosigkeit?«

»Nun ja«, meinte Gaddi. »Nello wird jedem einen Vermouth zahlen müssen, und

das wird ihm zu denken geben.«

»Einen Vermouth!« -- und der Kapellmeister stieß die Luft aus.

»Aber wir können ihn doch zwingen! Wir werden die Gendarmerie hinschicken!

Wo ist er? Weiß niemand, wo er steckt? Fräulein Flora Garlinda, Sie, die

Sie zuletzt gekommen sind!«

»Was habe mit diesen Dingen ich zu schaffen?« -- und sie wandte sich ab.

»Steckt er bei einer Frau?« raunte Gaddi. Sie regte sich nicht. Der

Kapellmeister präludierte wütend und überschrie seinen Lärm.

»Lassen wir uns nicht aufhalten! Fräulein Flora Garlinda!«

Sie fiel ein:

»Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns blühen . . .«

Nach ihren ersten Noten wurden die Hände des Kapellmeisters behutsam und

weich, und er neigte das Ohr. Seine Miene versuchte, streng zu bleiben,

aber ein kindliches Entzücken drang aus ihr hervor. Und plötzlich überzog

Schmerz sie. Die Sängerin hatte abgebrochen.

»Es ist unnütz«, sagte sie. »Ich höre mich nicht, wenn mir der Partner

fehlt.«

»Ich gebe seine Partie mit an. Dieser Elende! Ich singe sie mit! Alles, was

Sie wollen!«

»O lassen Sie, Maestro! Ich muß spielen können. Wenn ich ihn nicht neben

mir fühle, ist es unnütz. Zu Hause nehme ich mir den Buben meines Wirtes.

Geben Sie mir den Advokaten!«

»Herr Advokat!« -- und der Kapellmeister streckte die Hand hin. »Wir bitten

Sie. Ich hoffe, daß Sie mir nichts nachtragen?«

»Aber wie denn, Maestro!«

Der Advokat schüttelte die Hand. Dann stellte Gaddi ihn zurecht, legte

seinen Arm unter den ausgestreckten der Primadonna, seine Fingerspitzen auf

ihre Schulter, und richtete ihm den Kopf.

»Der alte Geronimo hierher! Italia geht umher mit dem Fächer. Advokat, Sie

starren in das Abendrot!«

Der Advokat riß die Augen auf. Er konnte nicht zur Ruhe kommen und scharrte

mit den Füßen.

»Sind wir soweit?« fragte der Kapellmeister scharf; -- und er nickte der

Sängerin zu . . . Wie die Melodie von ihr auf das Klavier überging und sie

schwieg, glaubte der Advokat seine Partnerin unterhalten zu sollen.

»Ah! da ist nun endlich diese berühmte Arie, und ich bin der erste hier,

der sie zu hören bekommt. Jahrelang hatten wir sie nur auf Pollis

Phonographen.«

»Schweigen Sie!« schrie der Kapellmeister, weiß im Gesicht.

»Aber er ist kaput«, sagte der Advokat noch und erschrak dabei.

Flora Garlinda sang schon wieder. Sie hatte jetzt die gefalteten Hände

unter dem Kinn und das Gesicht nach oben gelegt.

»Verzeih mir, o Himmel, so viel Glück!«

»Knien Sie!« befahl der Regisseur mit lauter Flüsterstimme dem Advokaten,

aber der Advokat war nur darauf bedacht, mit den Fingerspitzen nicht die

Schulter der Primadonna zu verlieren und den Sonnenuntergang im Auge zu

behalten.

»Knien Sie doch hin!« -- und Gaddi drückte ihn zu Boden, daß es krachte.

»Au, au!« machte der Advokat. Die Sängerin beendete gerade ihren

himmlischen Schlußschrei und sank mit der Stirn auf seine.

»Und würde sterben für dich!«

»Sie sind zu gütig«, murmelte der Advokat, aus aller Fassung. Gaddi wandte

sich um und drückte die Hände in die Seiten. Der Cavaliere Giordano ließ

sich auf einen Stuhl fallen. Hinter Italias Fächer rang sich ein Kreischen

los. Der Kapellmeister stand da, mit hängenden Armen, und was er endlich

hervorbrachte, war ein Stöhnen. Als er nun stammeln konnte:

»Was ist denn das? Sind wir Buffonen? Ich finde die Worte nicht. Und das in

diesem Augenblick, in diesem!«

Er kam hervor und verbeugte sich vor der Primadonna.

»Fräulein Flora Garlinda, ich bitte Sie um Verzeihung für diese Herren.«

»Warum denn«, sagte sie sehr kalt. Er errötete; er griff sich an die Stirn.

»Was ich sagen wollte: wir sind fertig für heute. Nachmittags habe ich den

Chor und am Abend das Orchester. Auf morgen!«

Und er war fort. Man sah sich an.

»Nun also, gehen wir essen!« meinte der Bariton. »Wollen Sie nicht

aufstehen, Advokat?«

Als Gaddi und der Cavaliere Giordano drunten auf dem Platz sich von Flora

Garlinda verabschiedeten, bemerkten sie, daß Italia und der Advokat

verschwunden waren.

»Schon«, sagte der Bariton; und der alte Tenor:

»Italia hat recht. Das bringt der Beruf mit sich. In unserem Beruf ist es

empfehlenswert, jung zu sein.«

»Spricht nicht aus Ihnen, Cavaliere, der leere Magen?« fragte Flora

Garlinda.

Die beiden Männer riefen einander noch nach:

»Um fünf im Café!«

* * * * *

Und um fünf saßen sie dort: noch allein auf dem Platz. Der schöne Alfò

bediente sie, mit seinem von sich entzückten Lächeln. Drinnen ließ der

Gevatter Achille die Arme über das Büfett hängen und schnarchte. Lange Zeit

taten sie nichts, als hoffnungsvoll zusehen, wie der Schatten ihres

Zeltdaches sich langsam vergrößerte. Der Gasse der Hühnerlucia entströmte

eine übelriechende Frische. Der Cavaliere Giordano zog aus dem Handgelenk

einen kleinen Papierfächer.

In der Rathausgasse ward Nello Gennari sichtbar; er ging gesenkten Kopfes,

Schritt für Schritt, hatte nach seiner Gewohnheit die Schultern ein wenig

in die Höhe gezogen und hielt die Arme steif.

»Du siehst aus wie ein trübsinniger Pierrot«, rief Gaddi ihm entgegen. Der

junge Mensch hob langsam einen wehrlos klagenden Blick. Der andere stand

rasch auf, faßte seinen Arm, zog ihn um die Hausecke.

»Nello, sage mir, was dir seit gestern geschehen ist!«

Und er drückte sich den Arm des Jungen an die Brust.

»Nichts«, brachte Nello hervor.

»Aber du hast eine Miene, als hättest du deine Mutter verloren, und gereizt

bist du den ganzen Tag, wie ein unglücklicher Spieler. Warum hast du die

Probe versäumt?«

Nello begann plötzlich die Schultern zu heben und zu senken, sein Blick

verlor den Halt, und er atmete ungeregelt. Mit einem Griff nach der Hand

des andern:

»Virginio, du bist mein Freund: frage mich nicht!«

Er preßte, fiebrig bittend, die Hand.

»Ich bin ein verlorener Mensch! Du weißt nicht: mich ekelts, wenn ich an

deiner Hand die Wärme meiner eigenen fühle.«

»Du bist krank.«

»Nein, ich bin gesund: das ist schlimmer für einen, wie ich bin. Ich habe

die Glückseligkeit verscherzt; nun heißt es weiterleben.«

Er beugte sich über sich selbst, und der andre sah von seinem Gesicht die

Tropfen fallen. Er streichelte ihm das Haar.

Sie richteten sich auf und taten gleichmütig, denn ein Schritt ward laut:

der Kaufmann Mancafede kam über den Platz und sah sie. Nun galt es, sich

hervorzuwagen und in sein schmunzelndes Gesicht zu sehen. Er wußte schon

alles! Seine schreckliche Tochter wußte schon alles! Jetzt machte es die

Runde in der Stadt, drang vors Tor und nach Villascura. Nello gab die Hand,

halb gewendet, als sollte sie ihm abgehauen werden, und mit einem Blick von

unten, der nicht standhielt. Aber der Kaufmann dienerte eifrig, als

beteuerte er seine Harmlosigkeit. Er habe heute sein Lager revidiert, sagte

er, und seine Tochter habe Tomaten eingekocht; man wisse gar nicht mehr,

was vorgehe. Und Nello senkte die Stirn, errötet, weil er begnadigt war.

Da zeigte sich der Apotheker Acquistapace auf seiner Schwelle und hob den

Daumen, als wisse er etwas. Durch Nello fuhr ein neuer Schreck. Aber nun er

seinen Kaffee mit Rum bestellt, umständlich sein Holzbein unter dem Tisch

zurecht gelegt und jeden bedeutsam aufs Knie geklopft hatte, stieß der

Apotheker aus:

»Und der Advokat?«

Da die drei Sänger nur die Achseln zuckten, rieb er sich stürmisch die

Hände.

»Sie werden es nicht glauben! Dieser Advokat! Aber ich habe Beweise. Er hat

sich aus der Apotheke Kirschen in Aquavita holen lassen. Er feiert Orgien,

der Advokat: Orgien, meine Herren, mit einer Frau, und Sie kennen sie.«

»Wir?« fragte Gaddi.

»Ich weiß«, erklärte Mancafede; »meine Tochter hat es mir gesagt.«

Nello machte sich steif.

»So wiederholen Sie es doch!«

Aber der Kaufmann schmunzelte nur, und Nello sank zusammen.

»Wir haben keine Ahnung«, sagte der Cavaliere Giordano.

»Raten Sie nur!« -- und der Apotheker legte den Finger an die Nase.

»Sie haben eine schöne Kollegin: das Fräulein Italia . . .«

»Die«, behauptete der Bariton, »kann es nicht sein. Sie ist äußerst

anständig.«

»Und doch, und doch --«

Die Hundeaugen des alten Kriegers leuchteten; er setzte sich den Finger auf

die Brust.

»Ich habe es aus erster Quelle.«

Denn die Schwester des Advokaten, die Signora Artemisia selbst, hatte bei

ihm die Kirschen geholt und ihm alles erzählt. Zwischen Tür und Angel hatte

sie im Zimmer ihres Bruders einen Weiberhut entdeckt, der am Sofa hing; und

auf dem Sofa saß die Frau.

»Ah! Ihr Herren, der Advokat!«

Der Tabakhändler und der Gemeindesekretär trafen ein.

»Ich kann es nicht glauben«, versicherte Gaddi und zwinkerte dem Cavaliere

Giordano zu; »eine so anständige Person wie unsere Italia.«

»Eure Italia!« rief Polli und schlug sich auf die Schenkel. »Ah! reden wir

ein wenig von ihr. Der Schlächter Cimabue weiß manches von ihr.«

»Hat er sie geschlachtet?«

»Er hat ihr so viel Filet geschickt, daß sie eine dreitägige Indigestion

davon haben wird, -- und wer hat es geholt? Niemand anders als die

Schwester des Advokaten Belotti.«

Der Sekretär spreizte die Hände.

»Ich glaube nicht daran. Der Advokat ist ein Prahlhans, ein Kapitän

Spavento. Nie ists ihm gelungen, eine Frau zu verführen: alles bloß

Erfindungen.«

Polli und der Apotheker hoben die Arme.

»Wenn doch die Andreina in Pozzo ein Kind von ihm hat!«

»Ein Kind vom Advokaten, das wird die Welt nie sehen,« -- und Camuzzi

strich mit einem Finger alle Hoffnung fort. »Ah, man stelle sich vor: ein

Kind vom Advokaten.«

»Schon?« fragte der Leutnant Cantinelli, der grüßte. »Bisher steht nur

fest, daß der Junge vom Konditor Serafini ihnen Gefrorenes hingetragen hat.

Der Advokat hat ihm selbst die Schüssel abgenommen, und der Junge konnte

erkennen, daß er unter seinem Schlafrock nichts anhatte. Im Hintergrunde

aber schlüpfte die Komödiantin vorbei, und sie hatte noch weniger an.«

»Ah! der Advokat.«

»Orgien: wie ich euch sagte!« -- und der Apotheker schlug zwischen die

Tassen. Der Kaufmann Mancafede ward auf seinem Stuhl immer unruhiger. Er

erhob die Stimme.

»Ich weiß mehr als ihr alle. Meine Tochter hat mir gesagt, wie oft die

beiden --; wie oft der Advokat sie --: ihr versteht mich.«

Der Sekretär lehnte es mit der Hand ab, zu verstehen; Polli aber, der

Leutnant und der Apotheker sahen sich an, röter und röter, -- und auf

einmal entließen sie mit Geknatter die Luft aus ihren aufgeblasenen Backen.

Polli war auf den Beinen, er trampelte und erteilte sich Faustschläge ins

Gesäß. Der Leutnant stieß ächzend seinen Säbel aufs Pflaster. Der Apotheker

brach von Minute zu Minute in ein Gebrüll aus, das die Leute um den Tisch

sammelte. Plötzlich rief eine schrille Stimme:

»Da sind sie!«

Und der Schwarm Buben mit dem weißen Konditorjungen voran, stürzte sich

nach der Treppengasse. Die am Brunnen schwatzten, kamen nach; schon traten

der Perückenmacher Nonoggi und der Konditor Serafini über ihre Schwellen;

zwei Reihen entstanden: und da sah man den Advokaten Belotti mit der

Komödiantin auf den Stufen erscheinen. Bevor er die letzte verließ,

entsandte er, in die Brust geworfen, ein Lächeln des Triumphes über die

Menge, die ihm huldigte, nach dem Café, wo alle verstummt waren; -- und

dann bot er seiner Dame den galant zusammengerollten Arm, um sie durch das

Spalier zu führen. Der junge Savezzo war da und applaudierte.

Die Herren außer Camuzzi, der lächelnd den Kopf schüttelte, empfingen das

Paar stehend und alle Hände hingestreckt. Italia, mit frischem Puder auf

einer Wange, gab die ihre hin, indem sie sich in den Schultern ein wenig

wand. Auch blinzelte sie dazwischen zum Advokaten auf, der strahlte und bei

jedem Händedruck den andern eine kleine Ermutigung spendete:

»Ah, mein braver Acquistapace . . . Immer munter, Polli!«

Er bestellte einen besonders starken Kaffee für seine Freundin, und sie

mußte zugeben, daß sie ermüdet sei.

»Es gibt so vieles zu sehen beim Advokaten«, erklärte sie.

»Die Bilder, die er hat! Sie würden nicht glauben --«

»Sst!« machte er.

»Und das viele Essen! Man muß gestehen, daß im Hause des Advokaten gut

gekocht wird. Er hatte nur Fleisch erster Qualität.«

»Darauf hat er sich immer verstanden!« schrie Polli. »Er hat immer das

zarte und volle Fleisch zu finden gewußt.«

Der Advokat fand die schmeichelhafteste Seite seiner Leistung nicht

genügend beleuchtet.

»Und der Baron«, flüsterte er dem Tabakhändler zu. Auch der Apotheker hatte

es gehört und flüsterte zurück:

»Du hast sie ihm aufgesetzt, Advokat. Ah! wenn jemals einer sie ihm

aufgesetzt hat, bist du es.«

»Du bist groß, Advokat!« sagte Polli voll ehrlicher Bewunderung.

Die schneidende Stimme des Gemeindesekretärs störte den Advokaten im Genuß

der Huldigungen.

»Da haben wirs!« -- und Camuzzi wies nach dem Dom. Auf der Treppe drängten

die Jungen sich und folgten gierig den Vorführungen des Konditorlehrlings.

Seine Hände sah man hier und dort aus dem Kreis steigen und hörte den Chor

lachen.

»Es ist keine Kunst, zu erraten, wovon die Bande sich unterhält.«

»Was meinen Sie denn, Camuzzi?« fragte der Advokat, immerhin betroffen.

»Ich habe keine Ahnung.«

Ein Blick auf die tief errötete Italia machte, daß er die Hand ans Herz

legte.

»Ich versichere auf meine Ehre, daß der Junge nichts gesehen hat.«

Der Sekretär nickte ingrimmig.

»Jetzt schlägt ihm das Gewissen, dem alternden Lüstling, da er sein Werk

sieht. Denn er verdirbt uns die Kinder. Die Jugend, ihr Herren, ist in

Gefahr!«

»Das ist doch wohl übertrieben«, meinte der Advokat; und da er in den

Gesichtern Zustimmung erkannte, richtete er sich kühner auf.

»Diese Rangen sind ja schlimmer als wir. Der Coletto vom Konditor Serafini

ist mit der Kleinen abgefaßt worden, die beim Malandrini die Teller

abspült. Ich rufe den Leutnant als Zeugen auf . . . Und im übrigen, ihr

Herren, seht hier, seht den Priester!«

Don Taddeo hatte die Ledermatratze von der Domtür gehoben und belauschte,

sprungbereit, die Buben. Unversehens war er über ihnen und zersprengte sie

unter einem Hagel von Püffen. Die ersten, die sich gefaßt hatten, waren

schon davon, im Corso verschwand schon die weiße Mütze des kleinen

Konditors, aber Don Taddeo hieb noch immer, und seine Soutane flog,

besinnungslos auf die Ungewandtesten und Schwächsten ein, die sich duckten

und schrien. Die Bürger waren empört.

Der Gevatter Achille schob seinen Bauch ins Freie und murrte:

»Sieh doch, ei sieh doch, welch häßliches Tier!«

»Wenn man ihn selbst einmal --« schlug Polli vor, und sogar der Kaufmann

Mancafede gestand, daß der Priester es stark treibe.

»Solche Verbündete«, stellte der Advokat fest, »hat der Herr Camuzzi.

Solchen Leuten besorgt er das Geschäft.«

»Die moralischen Gesetze«, versuchte der Sekretär einzuwenden, »verlieren

dadurch nicht an Wert, daß --«

»Ach was!« -- und der Advokat schob seine Tasse weit fort. »Lassen Sie doch

die moralischen Gesetze in Ruhe! Die freie Menschlichkeit, der wir anderen

huldigen --«

Er sah auf Italia.

»-- ist sittlicher und sicher auch gottgefälliger, als eure düstere

Verneinung!«

»Bravo, Advokat!« sagte der Cavaliere Giordano.

»Er hat gut gesprochen«, bestätigte Gaddi. Der junge Savezzo setzte hinzu

und schielte auf seine Nase:

»Aufklärung, Fortschritt und Blüte: wer würde sie uns herbeiführen, wenn

nicht der Advokat es täte!«

Und der Advokat konnte, mit strenger Miene, die Glückwünsche der Bürger

entgegennehmen. Auch Italia hatte ein Gesicht voll Würde bekommen und ließ

den Blick, Anerkennung fordernd, um den Tisch gehen. Wie der letzte der

Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, holte der

Advokat ihn zum Tisch und tröstete ihn entrüstet, Italia steckte ihm Zucker

in den Mund. Der Gemeindesekretär betastete seine elegante Krawatte, begann

seinen Klemmer zu wischen und sah mit Fischaugen darein. Um nicht ganz

vernichtet zu erscheinen, knüpfte er mit den Komödianten an.

»Nicht, daß ich ein Duckmäuser oder Obskurant wäre: aber ich liebe das

Prahlen nicht. Denn dem Anschein zum Trotz, glaube ich nicht, daß der

Advokat eine Frau erobert hat, weil ich an keinen seiner Erfolge glaube;

weil ich nicht glaube, daß bei uns irgend etwas geschieht oder geschehen

kann.«

Der junge Savezzo murmelte und schielte gelb:

»Es könnte immerhin manches geschehen, aber man dürfte nicht auf den

Advokaten warten. Man dürfte nicht erwarten, daß gewisse Familien, unter

Ausschluß aller übrigen, das Genie hervorbringen.«

Unter dem spöttischen Blick des Sekretärs vergaß er sich:

»Man schmeichelt hier Unfähigkeiten; auch ich muß ihnen schmeicheln; und

Talente, die für das öffentliche Leben unschätzbar wären, gehen verloren in

kleinen Geschäftskabinetten, in irgendeinem Hinterhaus.«

»Zum Beispiel in dem Ihres Vaters?« fragte der Sekretär.

»Warum nicht in dem meines Vaters. Weiß man von den politischen Plänen, die

ich im Kopfe wälze? Andere, bei Gott, als die Anlage von Waschhäusern und

Vizinalwegen. Nichts fehlt mir, als größere Verhältnisse, Bewegung und

freier Wettbewerb. Aber weil sie mir fehlen, muß ich mich ducken vor

Mittelmäßigkeiten.«

Er hatte dick gewulstete Brauen, und an seinen verschränkten Armen stiegen

die Muskeln auf und nieder. Der Gemeindesekretär hob die Schultern.

»Sie werden vielleicht noch davon abkommen, in irgend jemand einen großen

Mann zu sehen: sei es auch nur in sich selbst.«

* * * * *

Nello Gennari bemerkte hinten in der Gasse der Hühnerlucia die kleine,

einsame Gestalt der Primadonna. Er stürzte sich in die Gasse.

»Hier ists kühl«, sagte er aufatmend; und über sie geneigt:

»Du bist ein sehr anständiges Mädchen, daß du mich nicht verraten hast.«

»Was hätte ich davon? Ich lasse dir deine Schmutzereien.«

Er biß sich auf die Lippe.

»Du bist hart, Flora. Aber du hast wohl ein Recht dazu: der Schein ist

gegen mich.«

Da sie Luft durch die Nase stieß:

»Dich beneide ich! Wer, wie du, nur in der Kunst lebte! Einen einzigen

Zweck, einen einzigen Ehrgeiz haben!«

Sie betrachtete ihn mit ihren kalten, raschen Augen.

»Das ist nicht deine Sache, mein Kleiner. Bleibe, wie du bist!«

»Aber auch ich --« und er schluchzte trocken auf, »-- habe nun etwas

Einziges, etwas Großes --«

Leise, und in den Worten weitete sich ein Herz:

»-- für das ich leben will, -- für das ich sterben will.« Ihre Miene ward

unruhig.

»Willst du singen lernen? Sage, ob du singen lernen willst!«

»Ich werde wohl niemals viel mehr können als das, was ich von Natur kann.«

»Und so paßt es für dich«, sagte sie befriedigt.

Beim Café stand alles auf, um ihr Platz zu machen. Der Advokat legte die

Rechte aufs Herz und begann zu singen. »Sieh, Geliebter, unser um --.«

Die versagenden Töne ersetzte er durch Augenaufschlag.

»Ah! Fräulein Flora Garlinda, wer das von Ihnen gehört hat, vergißt es

nicht.«

»Da Sie es singen, Fräulein,« sagte Polli galant, »brauche ich meinen

Phonographen nicht reparieren zu lassen; das ist immerhin eine Ersparnis.«

»Könnten Sie es nicht meiner Frau beibringen?« fragte Camuzzi; und gerade

wollte auch der Leutnant für die seine bitten, da führte der Apotheker die

Hand ans Ohr. Man hörte es knarren, dann knallen; die Jungen rannten die

Rathausgasse hinab; und endlich zeigte sich Masetti auf seinem Kutschbock.

»Es wird niemand darin sein«, sagte der Kaufmann.

»Ich habe beobachtet,« sagte Polli, »wenn der vorige Tag zu gut war, dann

kommt gar nichts.«

»Da wir das Fräulein schon unter uns haben«, und der Advokat verbeugte sich

vor der Primadonna. Italia stieß ihn vorwurfsvoll in die Seite, und er trat

sie, um seinen Fehler gutzumachen, auf den Fuß.

Dem Postwagen entstiegen zwei Nonnen und verschwanden sofort in der

Treppengasse. Der Apotheker fluchte.

»Es ist unbegreiflich,« bemerkte der Advokat, »wo diese Mädchen sich

umhertreiben. Was mögen sie --«

Er brach ab; aus der Post schwang sich, in seinen Ledergamaschen, der Baron

Torroni.

»O,« machte der Leutnant, »man weiß von sehr sonderbaren Fällen . . .«

Der Sekretär lächelte unbekümmert.

»Ah! der Advokat sieht den Feind und zittert.«

»Tatsache ist,« sagte Polli, »daß der Advokat gewisse Rechte des Barons

nicht ganz --«

Und er warf einen Blick voll Bedenken auf Italia. Sie fuhr auf:

»Aber was haben Sie alle? Mir scheint gar, Sie glauben --. O! seid ihr

schlecht! Wenig fehlt, und ich sage alles!«

Sie schluchzte. Der Advokat erhob sich.

»Das Fräulein ist unter meinem Schutz, und Herr Camuzzi hofft vergebens,

daß ich zittere. Habe ich etwa vor Don Taddeo gezittert? Und niemand wird

leugnen wollen, daß die Kirche ein gefährlicherer Feind ist als der Adel.«

»Immerhin muß man wissen,« sagte der Apotheker, »daß heute früh ein Bauer

aus Borgo bei mir war, dem der Baron ein Loch in den Kopf geschlagen hat.

Denn er läßt sich auf Prügeleien ein, wie ein Bauer.«

»Aber der Baron wird von der Baronin erwartet!« rief Polli; »und da du mit

dem Fräulein Italia bist: was willst du noch von ihm?«

Auch der Advokat sah die Baronin bei den Löwen stehen, und das machte

seinen Schritt noch tapferer. Italia holte ihn ein, sie legte die Hand auf

seinen Arm.

»Keine Dummheiten, Advokat!«

Und etwas weiterhin:

»Du glaubst also noch immer, daß ich mit dem Baron --? Trotz allem glaubst

dus, was ich dir gesagt und was ich für dich getan habe? O ich

Unglückliche!«

Die Zeit der galanten Beschönigungen schien dem Advokaten in dieser

kritischen Lage vorbei.

»Versteht sich! Da ich es selbst gesehen habe!« sagte er.

Aber sein stärkster Beweis war, daß Italia sich ihm ergeben hatte. Er war

überzeugt, daß er sie nicht bekommen haben würde, hätte sie nicht mit dem

Baron den Anfang gemacht.

»Du lügst!« -- und sie ward bleich, mit einer Art zorniger Begeisterung,

weil man ihr, der schon so vieles vorzuwerfen war, endlich einmal etwas

Falsches zuschob. »Was hast du gesehen?«

»Was Teufel! Er kam in aller Frühe aus dem Gasthaus, und der Wirt wußte,

warum.«

»Nein, er wußte es nicht; aber ich, ich will es dir sagen. Von der Frau des

Wirtes kam der Baron! Denn der Geist ihres Vaters, der ihr erschienen ist,

war der Baron Torroni: ich bin zu gütig, daß ich es nicht allen erzählt

habe.«

Der Advokat murmelte:

»Sprich wenigstens leiser! Wir sind nicht allein auf diesem Platz« -- und

nachdem er überlegt hatte:

»O Weiber! Und das soll ich dir glauben?«

Er hob die Schultern, hielt die Handflächen hin und sah umher, als sollten

alle ihm bestätigen, daß dies zweifelhaft bleibe. Freilich, wenn sie die

Wahrheit sprach, war der Konflikt mit dem Baron aus der Welt geschafft!

Aber wo blieb der Stolz, ihn betrogen zu haben? Andererseits war es

schmeichelhaft, der erste zu sein, -- und sofort nahm er sich, kühn

gemacht, vor, sie dafür zu verlassen.

»Ich liebe nur dich«, sagte Italia versöhnlich.

»Eh!« machte er und kehrte um.

»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie. Er sagte herablassend:

»Du bist ein gutes Mädchen.«

Als sie wieder am Tische saßen, raunte der Apotheker dem Advokaten zu:

»Glücklicher Mann, der du bist! Sie liebt dich mehr als den Baron. Man sah

wohl, daß sie Furcht um dich hatte.«

»Du glaubst?« -- und der Advokat strich sich den Schnurrbart.

»Man weiß in betreff dieser reisenden Nonnen«, begann der Leutnant wieder,

»von sehr sonderbaren Fällen . . .«

Nello Gennari sah sich plötzlich um. Wie? die Post war da? »Mit ihr kam ich

gestern: ists möglich, erst gestern? Und dann stand ich dort drüben und sah

Alba in den Dom gehen . . . kann das geschehen sein? Habe ich nicht

geträumt? O! nie wieder wird es geschehen. Ich sehe sie nie wieder!« Und er

errötete bei der Erinnerung, daß er gegen Flora Garlinda sich großer Dinge

gerühmt habe. »Ich bin klein, klein und komme nur vorüber und verwehe, wie

ein wenig Staub, den ihr Fuß aufhebt.« Aber hundertmal hatte schon in

seinem Herzen die Gewißheit geschlagen, er werde sie lieben und keine

Zukunft mehr haben, als diese! Und hundertmal schon war er verzweifelt!

»Ich begreife mich nicht. Mein Geist hat das Fieber, und was ich denke, ist

abwechselnd wie Feuer und wie der Tod.«

»Wo bleibt der Maestro?« fragte der Cavaliere Giordano, der die ganze Zeit

starre Augen gehabt hatte. »Die Chorprobe müßte aus sein.«

»Wohl«, sagte Gaddi. »Aber diese Anfänger haben einen solchen Eifer. Welche

ungesunde Aufregung heute morgen! Ich möchte wissen: wenn einer seine

Pflicht tut und seine Familie erhält, ist das nicht genug?«

Der alte Tenor prägte seiner Miene einen erhabenen Spott auf. Der Bariton

bemerkte es nicht, weil er einen seiner Söhne von anderen Jungen bedroht

sah und hineilte, um ihm beizustehen. Als er sich allein fand, zog über den

Blick des Alten sogleich wieder, dicht wie ein Tuch, die Sorge, und er

murmelte:

»Vielleicht kommt es wirklich auf dasselbe hinaus?«

Flora Garlinda betrachtete ihn, ohne daß er es merkte. Sie saß in

schlechter Haltung an der Hausmauer, einen Arm auf dem Tisch und die Faust

unter dem alten weißen Filzhut, so daß er hinüberrutschte, -- trank nicht,

rauchte nicht und riß manchmal, indes sie alles umher im Auge behielt,

anzusehen wie ein böses Äffchen, mit den Zähnen ein Stück von ihrer Semmel

ab.

Der Advokat streckte die Hand aus.

»Was Sie da von jenem Priester in Nodi erzählen, Herr Leutnant, das könnte

auch unserem Don Taddeo zustoßen. Schon oft, wenn ich ihn zu den Nonnen

hinaufsteigen sah --«

Der Apotheker Acquistapace schüttelte ehrlich den Kopf.

»Ich glaube nicht. Er ist ein hassenswerter Fanatiker, aber in betreff der

guten Sitten läßt sich ihm nichts vorwerfen. Wir hatten sogar eine Magd,

die mannstoll war, eine schöne Person --« Italia unterbrach die Erzählung.

»Advokat,« sagte sie zitternden Tones, »der Blick des Priesters, als er uns

begegnete!«

»Versteht sich, er war neidisch! Ich hatte es vergessen, ihr Herren: er kam

die Gasse herab, wie wir aus meinem Hause traten. Vielleicht hatte er

Unglück bei den Nonnen gehabt, denn ich, der Advokat Belotti, glaube nicht

an seine Sittenstrenge; und genug, er sah das Fräulein Italia mit gewissen

Augen an . . .«

Sie schlug die Hände vors Gesicht.

»Ich will bei ihm beichten. Vielleicht stimmt es ihn milder, und er sieht

mich nicht wieder so an. Ohnedies ist es gut, am Anfang einer Saison zu

beichten.«

Der Advokat entsetzte sich über den Aberglauben, Camuzzi lobte Italia für

ihre Religion, die den Frauen so gut stehe, und die anderen schwankten

zwischen den beiden Auffassungen. Flora Garlinda sagte unvermutet:

»Auch ich werde beichten.«

Man stutzte.

»Sie sind fromm?«

»Warum nicht«, erwiderte Gaddi. »Auch beim Theater sind wir anständige

Leute.«

»Ich komme gern mit mir ins reine«, erklärte sie und bewegte die Augen hell

vom einen zum andern. »Habe ich dort im Schatten gekniet und alles

ausgesprochen, dann weiß ich ein wenig besser, wer ich bin und was mir

bestimmt ist.«

Der Advokat hielt sich nicht mehr.

»Und eine so gebildete Frau sollte glauben, daß ein Priester ihr die Sünden

vergeben kann?«

»Wenn er stark genug wäre?« sagte sie und sah über die Köpfe hinweg. »Aber

fast immer muß ich selbst sie mir vergeben können: er versteht mich nicht.«

»Sie sind eine sonderbare Person«, bemerkte der Tabakhändler.

»Denn meine Sünden lassen sich nicht greifen wie ein Stück Fleisch« -- und

sie erfaßte Italias weißen Arm. »Sie sind schwierig, -- und die Priester

sind grob. Da war in Sogliaco ein Pfarrer, ich ging an seinen Beichtstuhl

und sagte: >Mein Vater, ich habe eine Frau unglücklich gemacht. Es ist die

Zucchini, die, obwohl groß und fett, es sich einfallen läßt, ehrgeizig zu

sein. Da sie die Geliebte des Direktors Cremonesi ist, wäre sie, die nichts

kann, dennoch fast als Primadonna nach Parma gekommen. Ich habe es

verhindert, mein Vater, indem ich sie die Lucia singen ließ, der sie noch

längst nicht gewachsen ist. Ganz leise und aus dem Hinterhalt machte ich

ihr Lust darauf, und dann stellte ich mich krank: da ließ sie sich die

Rolle geben und sang sie. Welch Fiasko, mein Vater! Auf lange ists aus mit

ihr. Und die Arme: am Abend ihrer Niederlage kommt sie weinend zu mir und

bittet mich um Verzeihung; sie habe verdiente Strafe erhalten für das

Unrecht, das sie mir getan habe, als sie mir die Partie wegnahm!<«

»Welch guter Witz!« rief der Apotheker, und alle schüttelten sich. Flora

Garlinda lächelte in die Runde.

»Seht ihr? So lachte auch jener Pfarrer, der nichts begriff. Die Gardine

des Beichtstuhls flog auf von seinem Schnauben.«

* * * * *

»Die Chorprobe ist aus: jetzt muß der Maestro kommen«, sagte der Cavaliere

Giordano.

Aus der Treppengasse quoll eine bunte Masse, stob auseinander, -- und alle

die Farben der leichten Blusen, der gefärbten Haare und bemalten Gesichter

flatterten über den Platz, setzten sich auf die graue Menge, wie ein

hergewehter Schwarm fremder Insekten.

Der Advokat flüsterte Nello Gennari ins Ohr:

»Diese Mädchen! Sind Sie glücklich, daß Sie immer so viele zur Verfügung

haben!«

»Aber auch unsere Damen«, fügte er hinzu, »sind nicht zu verachten, und

nicht oft haben wir sie so zahlreich auf dem Platz beisammen wie heute.

Kommen Sie doch, ich werde sie Ihnen zeigen!«

Sie gingen. Der Advokat blühte; er nahm mit einer Hand den Arm des schönen

Tenors und steckte den Daumen der andern in das Ärmelloch seiner Weste.

Lauter bewundernde Blicke fielen auf den Liebhaber der Komödiantin: er

fühlte, wie sie seinen glücklichen Bauch und sein glänzendes Gesicht

trafen.

»Die kleine Paradisi«, raunte er, »hat es auf Sie abgesehen, mein Lieber.

Nur Mut! Ah! wir beide: wir können sagen, daß wir begehrt sind.«

»Ich glaube sie schon zu kennen«, erwiderte Nello, und nachdem er gezögert

hatte: »Gehen in einer Stadt wie dieser nicht täglich zur selben Stunde

dieselben Personen über den Platz? Werde ich nicht alle die wiedersehen,

die ich gestern gesehen habe?«

»Gewiß,« sagte der Advokat, »und sogleich wird auch die Hühnerlucia da

sein. Sie kennen sie noch nicht, denn gestern kam die Post mit Verspätung,

und die Hühnerlucia verspätet sich nie. Ah! sie ist das Unterhaltendste,

was wir haben. Das heißt, nun ihr Künstler da seid, hat sich alles

geändert. Da steht die Post: gestern brachte sie euch. Mein Herr, ich teile

Ihnen eine von mir gemachte Beobachtung mit: Man weiß nie, was alles aus

einem Postwagen steigt mit den Personen, die daraus hervorkommen.«

Er sah sich nach Beifall um.

»Dort steht Frau Jole Capitani, die Frau unseres gesuchtesten Arztes. Er

ist fast immer abwesend, oft sogar nachts, Sie verstehen? Ich glaube, daß

diese Frau sich in einer Krise befindet. Ich werde Sie mit ihr bekannt

machen, unter der Bedingung, daß Sie mich jener großen Choristin

vorstellen, der mit den gelben Haaren, die mit dem jungen Polli spricht.

Was will der Dummkopf von ihr? Ah! und der Severino Salvatori mit zwei

anderen Komödiantinnen auf seinem Korbwagen. Er will auch die große Gelbe

hineinheben: umsonst, mein Lieber, sie bleibt bei ihrem Olindo. Welch Glück

der kleine Polli hat! Sie müssen wissen, mein Herr, daß der Severino

Salvatori unser elegantester junger Mann ist. Er bringt die Erbschaft

seines Vaters durch. Immer hat er die schönsten Pferde. Ich liebe zu sagen,

daß er das väterliche Geschäft vergrößert hat, denn sein Monokel ist größer

als die Goldstücke des Alten.«

Der Advokat verbeugte sich vor denen, die lachten. Nello dachte:

»Dies ist die Stelle, von der ich sie gestern sah. Die Menge drängte sich

wie jetzt; und beim ersten Schlag des Aveläutens teilte sie sich. O! wird

sie sich auch heute mit solcher Kunst zerteilen? Wird auch heute am Ende

einer Gasse von Menschen Alba vor mir vorübergehen: unter den einsamen

Klängen der Höhe und dem Staunen der Stille, allein und rasch, dort hinten

in dem Sonnenstreif, der ihren Schleier durchleuchtet? Ich sehe sie! Ihr

weißes Profil! Ihr Haarknoten, kupferrot und besonnt!«

»Die Hühnerlucia!« rief der Advokat und schüttelte ihn. »Da ist sie!«

Man sah sie stehn und Flügel schlagen mit ihren langen Armen. Von allen

Seiten bedrängte sie Volk, das gackerte, und die Alte verrenkte umsonst ihr

krummschnäbeliges, rotes kleines Gesicht, um lauter zu gackern als alle. Da

durchdrang ein Schrei von ihr den Lärm; sie stürzte sich, die Arme voran,

über den Brunnen nach einem Huhn, das aufgeflattert und hineingefallen war.

Die Jungen stießen sie mit dem Gesicht ins Wasser, sie spritzte es mit den

Händen um sich, man kreischte, man floh . . .

Als die Hühnerlucia schon wieder in ihrer Gasse verschwunden war, wand sich

der Advokat noch immer erstickt vor Lachen.

»Heute war sie gut. Haben Sie gesehen? Ich sehe das nun seit dreißig

Jahren, und es bleibt immer komisch.«

»Da kommt der Maestro die Treppe herab. He! Maestro«, rief er.

»Der andere ist der erste Chorist: o! ich kenne alle vom Theater«, erklärte

der Advokat seiner Umgebung. »Alles in Ordnung, Maestro?« rief er durch die

Hände.

Der Kapellmeister hörte nicht. Er winkte den Männern zu, die ihn begleitet

hatten, und ging rasch durch die Menge nach dem Café »zum Fortschritt.«

»Es ist gut gegangen,« sagte er und nahm die Hände, »ich bin zufrieden.«

»Werden diese Chormädchen uns nicht blamieren?« fragte Italia.

»Sie werden besser sein als Sie, meine Teure. Das Volk ist immer das Beste

in diesem Lande; ich halte es mit dem Volk.«

Er setzte sich neben Flora Garlinda, ohne sie anzusehen, -- lehnte den Kopf

an die Mauer, verschränkte die Arme und ließ sich, rosig durch die

heimlichen Wallungen seines besonnten Ehrgeizes, von den Leuten bestaunen.

Sie kannten ihn nur als den, der ihre Kinder das Singen lehrte und an

patriotischen Festtagen mit den Musik machenden Handwerkern durch den Corso

zog. Jetzt aber gehörte er zu diesen fremden und berühmten Künstlern, hatte

eine Unzahl Menschen zu befehligen, eilte umher als die beschäftigteste

Person der Stadt, und auf seinen Schultern lag die große, unerhörte und

feenhafte Sache, derer sie harrte: die Oper! Er griff sich ans Herz: es

sprang zu hoch.

»Noch das Orchester, und der Tag wird nicht umsonst gewesen sein«, sagte er

und seufzte.

»Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann«, erwiderte der

Cavaliere Giordano. Der Bariton Gaddi gab dagegen dem reiferen Alter den

Vorzug, wenn man vom Mittagsschlaf erwachte und die Kinder zogen einen an

den Beinen. Die Bürger traten auf seiten des Cavaliere. Jung sein und

lieben! Die Poesie, was Teufel! Darüber erhob sich ein bewegter Austausch

von Idealen. Inzwischen wandte der Kapellmeister sich mit einem kleinen

Ruck an Flora Garlinda.

»Niemand sang doch >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus< so gut wie Livia

Damanti«, sagte er und schöpfte Atem.

Flora Garlinda lächelte.

»Sie finden?«

»Sie hatte so viel Gefühl.«

Flora Garlinda krümmte die Lippe.

»So drücken die Dilettanten sich aus, Maestro . . . Und wann haben Sie die

Livia gehört?«

»Letzten Winter«, sagte er rasch und errötete. »In Parma.«

»Sie ist seit einem Jahr in Amerika.«

Und immer mit ihrem reglosen Lächeln:

Ȇbrigens ist das >Sieh, Geliebter< nicht ihr Fach, denn sie singt

Contralto.«

Er hielt die Lider gesenkt und schwieg, plötzlich ganz blaß. Sie zuckte

unmerklich die Achseln. Natürlich hatte es ihn gereut, daß er sich heute

bei der Probe eine Blöße gegeben hatte, als er sie so fassungslos lobte.

Daher diese Erfindung. Er war ertappt, und sein Schweigen genügte: sie sah

weg.

»Ich werde mich geirrt haben«, sagte er und schluckte hinunter. »Auch

zählt, seit ich Sie gehört habe, das Früher nicht mehr. Das ist die

Wahrheit.«

»Wahrheit oder nicht« -- und sie lachte kameradschaftlich, »wir kennen uns

schon ein wenig, nicht, Maestro? und wissen wohl, wem jeder von uns die

größte Zukunft voraussagt. Denn was denken Sie über sich, Maestro?«

»Über mich? über mich?« -- mit der Hand auf dem Herzen:

»Was kann ich denken? Ich bin ein Dorfkapellmeister, der --«

Der junge Savezzo reichte ihm elegant die Fingerspitzen.

»Maestro, Ihr Ruhm durchläuft die Stadt; bis in mein Studierzimmer ist er

gedrungen.«

»Sie sind aber selbst ein berühmter Mann, Advokat«, sagte der Kaufmann

Mancafede.

Der junge Savezzo schielte vor Freude auf seine pockennarbige Nase.

Plötzlich schrak er auf und sah sich nach Belotti, dem wirklichen Advokaten

um. Da er ihn nicht fand, bewegte er, den Kopf im Nacken, anmutig die Hand.

»Was wollen Sie, o meine Herren und Damen? Man bemüht sich, soviel die

Geschäfte es nur erlauben, um das geistige Leben der Stadt, in der man nun

einmal wohnt. Ist das ein Verdienst? Ich weiß es nicht. Für mich ist es ein

inneres Bedürfnis. Von Zeit zu Zeit kommt es über mich. Ich verschließe

dann den Landleuten, die meinen Rat suchen, die Tür meines

Geschäftskabinetts; und dort ganz hinten im Hause, wohin der Lärm der Welt

nicht dringt, blicke ich empor nach den Eingebungen, die mich suchen.«

Er legte, eine Hand am Ohr, das Gesicht nach oben. Seine lauschende Haltung

benutzte der Kapellmeister, um weiterzusprechen.

»Ich bin ein Dorfkapellmeister, der eine Oper schreibt. Wie viele mögen

gleichzeitig mit mir an einer Oper schreiben! -- und doch, ich fühle eine

Musik in mir, nach der es ein ganzes Volk verlangt, und manchmal, inmitten

des Fiebers der Arbeit, meine ich in der Ferne das dumpfe Geräusch dieses

Volkes zu hören, das wartet.«

»Und Sie, Herr Savezzo?« fragte Flora Garlinda.

»Ganz so!« sagte er, fuhr sich durchs Haar und dachte, daß er wohl daran

getan habe, in der Nacht das weiche Kopfkissen fortzulegen, denn nun waren

die gestern gebrannten Locken noch unzerstört. »Ganz so! Als ich über die

Freundschaft meine Abhandlung, nein, mein Gedicht in Prosa schrieb, sah ich

fortwährend die Mitglieder unseres Klubs vor mir sitzen und vernahm das

beifällige Gemurmel. Vorne saßen die Damen und gerade unter meinem Podium

die schöne Alba Nardini: alles, wie es dann wirklich kam, nur daß Alba bloß

ihr Dienstmädchen schickte. Aber sogar die Limonade hatte ich schon im

Geist erblickt.«

»Der Ehrgeiz!« sagte der Kapellmeister. »Der Ehrgeiz ist eins mit dem Drang

zu beglücken, und Ruhm und Liebe sind das gleiche. Sie verstehen mich,

Flora Garlinda! In die Welt hinausfahren, in die großen Städte, über das

Meer; mein Werk dirigieren und, indes sie jubeln, fühlen, daß ich spende!

Nirgends fremd, überall schon bekannt sein durch die Taten meiner Seele

und, nun ich erscheine, tausend Geliebte vorfinden, die mir danken!«

»Tausend Geliebte!« -- und der Savezzo stieß ein Freudengelächter aus. »Ich

sage nicht nein, da ich mir in dieser Beziehung manches zutraue. Aber auch

das ist schon etwas, wenn nach meinem Vortrage über die Freundschaft eine

gewisse Dame, die Ehre verbietet mir, zu reden, aber eine unserer ersten

Damen sich mir --«

Er schielte auf seine Nase und massierte seine klotzigen Finger, um sie

weiß zu machen.

»Die Herren verstehen sich«, sagte Flora Garlinda und sah, reglos lächelnd,

gerade aus. Der Kapellmeister fuhr, die Hand gespreizt, vom Sitz; aber

seine empörten Worte schienen ihm, noch bevor er sie aussprach, widerlegt

durch dies Lächeln; schwer sank er zurück. Der Savezzo sagte:

»Sie wollten die Flasche, mein Herr? Ich bin der hiesige Vertreter für

diesen Vermouth.«

Er redete weiter; der Kapellmeister dachte: »Ists möglich, daß sie mich mit

diesem verwechselt? Aber sie hat recht; denn wem will ich beweisen, daß ich

ihm nicht gleiche? Die sichtbare Tatsache ist, daß wir beide in einer

kleinen Stadt sitzen und uns besser glauben, als die übrigen. Ich bins wohl

gar nicht. Ich werde nichts können. Meine Trunkenheiten, die von schlechter

Musik kommen, werden mir immer nur Übelkeit hinterlassen, wie der Rausch

nach gefälschtem Wein. Ich will nicht mehr schreiben.«

Er betrachtete ihr Lächeln.

»Das wollte sie! Sie wollte mich demütigen und zur Verzweiflung treiben!

Sie ist böse, ich hasse sie! -- und würde doch keinen Menschen so gern an

mich glauben machen wie sie!«

Aus ratloser Pein sagte er:

»Aber Sie selbst, Fräulein Flora Garlinda?«

Sie hob die Schultern.

»Ich? O! ich bin bescheidener als die Herren, weniger überzeugt von meinem

Genie und seinem siegreichen Fluge. Ich werde sehr viel arbeiten: das ist

alles, was ich weiß. Vielleicht werde ich wieder nach Sogliaco

zurückkehren, vielleicht verbringe ich noch Jahre an solchen Orten. Fünf,

mag sein sieben muß ich darangeben, bis ich Mailand erreiche. Dann aber --«

Man sah ihre kleine Faust zittern, so fest ballte sie sie.

»Haben sie mich einmal gehört, werden sie mich nicht wieder vergessen. Ich

werde nicht vom Glück abhängen und werde nicht sinken. Ich bin jung, -- und

meine Stimme, mein Reichtum, mein Ruhm, alles, was ich mir erobere, wird

dauern, bis ich alt bin, bis ich sterbe.«

Sie stand auf.

»Ich will meinen Spaziergang machen.«

»Es ist noch zu warm, Sie werden sich schaden«, sagten die Bürger.

Sie lachte und ging.

Der Kapellmeister sah vor sich nieder. »Ihr gehört die Zukunft; darum

braucht sie die Träume nicht, die vorauseilen.«

Der Cavaliere Giordano wandte sich plötzlich um und sagte wie vorhin:

»Aber Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann.«

Der Kapellmeister erblaßte . . . Nein, diese selbstgefällige Berühmtheit

hatte wohl nicht Geist genug, um ihn zu verhöhnen.

* * * * *

Die Sonne war fort, der Himmel beschattete sich violett. Die Menge floß

rascher in den Corso hinein und zurück auf den Platz. Um den Brunnen

schwenkten sich lange Reihen von jungen Mädchen, wie Strahlen eines

Feuerrades. Plötzlich stand es still, alles Geschrei brach ab, und durch

die Schleier der Dämmerung schwang sich vom Turm das Ave.

Der Advokat Belotti suchte es zu überschreien; er stellte sich, am Arm des

Tenors Nello Gennari, beim Café ein.

»Der Camuzzi ist früher fortgegangen als sonst!« schrie er erzürnt. »Was

fällt ihm ein!« -- denn der Advokat vermißte seinen Feind ungern und hielt

auf die Gewohnheiten des andern wie auf seine eigenen.

»Im übrigen,« sagte er, »die Hühnerlucia, Don Taddeo mit seinem heiligen

Lärm: Sie sehen, mein Lieber, wir führen ein regelmäßiges Leben.«

»Aber die Personen,« sagte Nello, »die zum Dom gingen, waren nicht

dieselben. Ich weiß es gewiß, ich habe sie beobachtet.«

Der junge Savezzo lehnte an der Mauer und spähte unter seiner wulstig

gesenkten Stirne hervor.

»Ach ja,« sagte er, »dieser Herr wünschte schon gestern eine der Personen

kennen zu lernen, die in den Dom gingen. Er möge sich merken, daß ihre

Bekanntschaft nicht leicht zu machen ist und daß andere davorstehen.«

»Was meint dieser Herr?« -- und Nello tat einen raschen Schritt.

»Dieser Herr hat mich sehr gut verstanden.«

Darauf schlug der Savezzo einen leichten Ton an.

»Man hat das Fräulein Flora Garlinda allein gehen lassen. Sind wir denn

keine Ritter? Ich werde ihr nacheilen und sie unterhalten, indem ich ihr

meinen Vortrag über die Freundschaft hersage.«

»Was hat er?« ward gefragt, als er fort war.

»Ich verstehe nicht --« stammelte Nello. Der Advokat bewegte den

Zeigefinger.

»Das gilt nicht Ihnen, mein Lieber; es gilt mir, dessen Freund Sie sind.

Vor mir aber hat dieser Elende Furcht, weil er sich in gewissen, an die

Bauern gerichteten Zirkularen, die mir zu Gesicht gekommen sind, schon

wieder des Advokatentitels bedient hat. Sie müssen wissen, daß dieser Sohn

eines Käseverkäufers, dem man seine Herkunft anriecht, auf der Tür seines

sogenannten Geschäftskabinetts sich den Namen Advokat gegeben hatte, und

daß ich ihm mit einer Anzeige drohen mußte, bevor er das Schild entfernte.

Drum können mich seine Kriechereien nicht darüber täuschen, daß er mich

beneidet und haßt.«

»Er ist ein junger Mann von großem Genie«, wandte Polli ein. Der Advokat

versuchte es zu leugnen, aber man hielt ihm die Erfolge Savezzos im Klub

vor. Darauf erwiderte er:

»Das schönste Genie kann durch gewisse Charakterfehler befleckt werden.«

»Meine Hochachtung der ganzen Gesellschaft«, sagte der Perückenmacher

Nonoggi und schleifte, bei seinem Kratzfuß, den Hut über den Boden.

»Mein Kompliment insbesondere dem Herrn Advokaten!«

Er dienerte immerfort vor Italia und grimassierte dabei, daß die blutigen

Rinnsel in seinem Gesicht umherflogen.

»Eh! eh!« machte der Advokat, und alles an ihm dehnte sich.

»Wenn ich gewußt hätte,« versicherte der Barbier und drückte die

Pickelflöte fester unter seinen Arm, »ich wäre gekommen und hätte den

Herrschaften ein Ständchen gebracht.«

»Auch Sie sind ein Künstler, Nonoggi?« fragte der Bariton Gaddi.

»Dem Herrn zu dienen. Hier üben alle die Kunst. Wären nur nicht Unwürdige

darunter! Ich weiß wohl, wen ich meine.«

»Ihr meint den Chiaralunzi«, sagte der Apotheker. »Aber wir alle wissen,

daß er ein sehr braver Mann ist.«

Der Barbier hüpfte auf.

»Der Schneider -- ein braver Mann? Ach ja! Wenn es sich darum handelt,

Rechnungen zu machen, ist er brav. Wenn es gilt, einen verschnittenen Rock

dem Besteller anzuprobieren, ist er brav. Aber Tenorhorn blasen, das lernt

sich nicht beim Wein.«

»Der Chiaralunzi ist der nüchternste von allen.«

»Er? In Spaldine wollen sie ihn nicht mehr zum Aufspielen, weil er mit

seiner Bande zu viel trinkt.«

»Da haben wirs«, bemerkte der Advokat. »Ihr neidet euch gegenseitig die

Dörfer, in denen ihr aufspielt. Darum seid ihr Feinde. Das ist nicht schön,

Nonoggi.«

Der Barbier breitete die Arme aus und krümmte sich zu Boden.

»Es wird nicht schön sein; aber der Schneider und ich, wir stehen so

miteinander, wie der Herr Advokat mit dem Herrn Gemeindesekretär.«

Der Advokat legte den Kopf zurück.

»Das ist etwas anderes, mein Freund. Bei uns ist es die Verschiedenheit der

Ideen! . . . Da kommt er, euer Feind. Um euch zu versöhnen, werden wir euch

beiden einen Vermouth anbieten.«

»Ohne die Herren beleidigen zu wollen, aber dieser Vermouth wäre mir zu

bitter. Meine Hochachtung der Gesellschaft! An der Ecke erwarten mich der

Tapezierer und mein Schwager Coccola. Wir gehen schon hinauf, Maestro!«

»Wie?« fragte der Kapellmeister aufschreckend.

Der Schneider Chiaralunzi kam mit seinem Horn und einer Federboa. Auf

seiner großen Hand, die er offen hielt, um das zarte Ding nicht zu drücken,

und weit von sich streckte, damit es ihn nicht einmal streife, balancierte

er sie Schritt für Schritt. Von der Anstrengung war er außer Atem.

»Das Fräulein Flora Garlinda ist fortgegangen?« fragte er und setzte das

Horn auf das Pflaster, um den Hut zu ziehen. Die Boa ließ er nicht aus dem

Auge.

»Die Herren mögen entschuldigen, aber wohin ist das Fräulein gegangen?

Gewiß bleibt sie wieder lange aus; auch gestern tat sie es, und in der

Nachtluft wird sie sich erkälten. Ich will ihr etwas bringen, um wenigstens

den Hals zu schützen.«

»Und die Probe?« fragten sie ihn. Er bedachte und sah die Boa an.

»Ja, die Probe.«

»Sie muß schon ein gutes Stück Weg gemacht haben, Ihre Flora«, sagte der

Tabakhändler. Plötzlich stand der Kapellmeister auf. Er war rosig bewölkt

und streckte die Hand hin.

»Geben Sie sie mir, Chiaralunzi! Ich bringe sie ihr. Es macht nichts.

Ohnedies gehe ich ein wenig Luft schöpfen.«

»Aber -- die Probe? Sie sind der Maestro!«

Der Kapellmeister griff sich an die Stirn und setzte sich wieder.

»Ich vergaß . . . Ich dachte an etwas anderes . . . Es war nur ein

Einfall.«

Der Gevatter Achille erbot sich, die Boa in seinem Lokal aufzubewahren. Der

Schneider sprang entsetzt zurück.

»Im Café! Was denkt Ihr denn?«

Alle mußten ihm zureden. Endlich ging er selbst hinein, hängte seinen

Schatz an das Kleidergestell, trat davor von einem Fuß auf den anderen,

zerrte abwechselnd am linken und am rechten Ende seines rostroten,

baumelnden Schnurrbartes.

»Man wird sie anfassen. Hier kommen zu viele Leute«, entschied er endlich

und nahm sie herab. »Das beste wird sein, ich trage sie wieder nach Haus.

Entschuldigen die Herren!«

Sein Horn ließ er stehen, legte sich die Boa über beide Hände und trug sie

Schritt für Schritt die Gasse zurück, die er gekommen war. Hinter ihm

zuckten sie die Achseln.

»Verliebt, der Arme!«

»Die Orchesterpartitur«, sagte der Kapellmeister, »liegt noch in meiner

Wohnung, ich muß eilen.«

Der Cavaliere Giordano stand rasch auf.

»Wir haben denselben Weg, Maestro. Denn Sie kommen wohl am Gasthaus

vorbei?«

Aber schon, als sie den Corso erreichten, sagte er:

»Ich gehe noch nicht zum Essen. Ob jetzt oder später, ich werde dabei

allein sein. Die Italia bleibt sicher mit ihrem Advokaten zusammen, Gaddi

hat seine Familie, Flora Garlinda begnügt sich mit dem Diner der

Schneidersfrau, und Nello, ich weiß nicht, wo der Junge immer steckt. Ich

könnte zu meiner Hausfrau, der kleinen Camuzzi, gehen; aber, Maestro, es

kommen Zeiten, die Sie noch nicht begreifen, wo die Nähe junger Frauen voll

Bitternis ist. Wenn Sie wollen, werfe ich einen Blick in das Manuskript

Ihrer Oper.«

»Cavaliere . . . ich weiß nicht . . .«

Der Kapellmeister griff sich an den Hals.

»Sie wären der erste, der es zu sehen bekäme . . .«

Der alte Tenor lächelte mild.

»Ich habe schon andere zu sehen bekommen und, es ist lange her, sogar die

von ihm selbst geschriebenen Noten des großen Maestro Rossini, -- die er

mir geschenkt hat.«

Nach einem Schweigen murmelte der Kapellmeister:

»Sie sind ein berühmter Mann . . . Ich fühle mich geehrt.«

Vor der Unterpräfektur stand Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, und

sah erschreckt und glücklich dem Kapellmeister entgegen. Da er vorbeikam,

hob ihre kleine rote Hand sich wie von selbst ein wenig von der Schürze und

blieb, von ihm unbemerkt, in der Luft stehen. Der Cavaliere Giordano wandte

lange den Kopf nach ihr. Sie hatte die Zähne in die Lippe gedrückt und

starre, feuchte Augen.

Am Ende des Corso bogen sie nach dem steilen Platz ein, mit dem Wirtshaus

»zu den Verlobten« und der Schmiede. Über dem Bruchstück der alten

Stadtmauer, die zwischen den letzten Häusern stand wie ein großer

Efeustock, sah rauh der braune Berg herein. Der Kapellmeister zeigte auf

das Dach der Schmiede.

»Dort oben.«

Der Gipfel des Daches trug einen kurzen, breiten Aufsatz mit einer

geschwungenen Haube, Fenstern, beinahe so groß wie die Wände, und den

heitersten Arabesken aus Gips. Als sie das dunkle Haus erklommen hatten:

»Hier werden Sie sogleich wieder Atem erlangen, Cavaliere. An Luft fehlt es

hier nicht.«

Der Alte bat im Gegenteil, vor der Zugluft zu schließen.

»Sie haben recht, es bläst zu allen Seiten herein. Im Winter werde ich es

in meinem Bett ein wenig kalt haben. Aber das macht nichts. Tagsüber ist

mir oft fast zu warm von meinen Gedanken. Ich laufe durchs Zimmer, wie viel

tausendmal wohl; überall scheint der Himmel herein; mir ist, als laufe ich

durch den Himmel; -- und aus den Glockentönen, die mir darin

entgegenschweben, aus dem Gehämmer der Schmiede, aus allem wird Musik. Aber

vielleicht ist es schlechte?«

Er zog das Manuskript hervor, wog es in den Händen und, rosig bis unter die

Barthaare, lieferte er es aus. Der andere blätterte und bewegte die Lippen.

Der Kapellmeister hielt nicht stand.

»Ich spiele es Ihnen vor. Ich spiele Ihnen den zweiten Akt vor, wenigstens

den Schluß, wenigstens das Duett. Sie müssen es anhören!«

Er setzte sich vor das Klavier und sprang wieder auf.

»Nur ein einziger Stuhl! Was tun? O! Cavaliere, Sie wollen wirklich --?

Aufs Bett? . . .«

Nach dem letzten Akkord sah er noch auf die Tasten und regte sich nicht.

Der berühmte Sänger klatschte leicht in die Hände und sagte:

»Bravo, Maestro!«

Darauf atmete der Kapellmeister wieder.

»Es gefällt mir, ich möchte versuchen, die Partie des Tenors zu

improvisieren« -- und der Cavaliere stand schon da und schlug mit dem

Zeigefinger den ersten Ton an.

»Machen Sie den Bariton, Maestro! O! Ohne Komplimente. Es wird dunkel, aber

hier oben sieht man noch genug. Beginnen wir!«

Noch als es aus war, hatte der Kapellmeister die Miene des Lauschens.

Endlich sah er, rosig lächelnd, auf.

»Cavaliere, ich danke Ihnen, Sie haben mich heute glücklich gemacht.«

Die Stimme des Alten war nicht mehr hohl gewesen. Sie war stark: »Wo habe

ich heute morgen meine Ohren gehabt?« Nie hatte sie tremoliert. Der

Kapellmeister schüttelte noch immer die Hand seines Sängers.

»Niemand hat diese meine Musik gesungen wie Sie!«

Er hatte vergessen, daß überhaupt noch niemand sie gesungen hatte. Mit

immer neuem Entzücken:

»Das Crescendo, das Sie eingeführt haben, tut die beste Wirkung!«

Der alte Tenor lächelte klug.

»Ganz dasselbe sagte mir auch der Maestro Verdi, als ich mir im >Don

Carlos< das Crescendo erlaubte, das seither alle singen.«

»Ihm selbst haben Sie vorgesungen!«

»Ich war bei ihm in Busseto, ich stand neben ihm, der sein Werk für mich

spielte, wie nun Sie das Ihre, Maestro.«

»Ein Verdi!«

Der Kapellmeister sprang auf und lief durch das Zimmer. Der Cavaliere

Giordano trat an das Fenster.

»Hier hat man einen weiten Horizont«, bemerkte er. »Die vielen Dächer

bergab, und in der Dämmerung drunten, weithin verstreut, die Lichter. Sie

haben es gut, Maestro, Sie sind jung.«

»Wenn es nicht dunkel wäre, würden Sie sogar zwischen jenen blauen

Nebelwänden, die Berge sind, das Meer erkennen. Ich habe es bei meiner

Arbeit immer vor mir, als das Zeichen und das Versprechen meiner Zukunft,

eines weitreichenden Schicksals, der Unendlichkeit des Ruhmes!«

»Gewiß ist es Ihnen bestimmt, Maestro, über das Meer zu fahren und mit

Säcken voll Dollars zurückzukehren.«

»Sie waren drüben, Cavaliere.«

Der berühmte Tenor bewegte die Hand, als schöbe er dieses Erlebnis zu den

geringeren.

»Meine besten Jahre hatte ich in Rußland. Um mich in Petersburg singen zu

hören, bestellten die Leute telegraphisch Plätze von Moskau aus und von der

Krim. Während der >Gioconda< kam der Kaiser zu mir auf die Bühne; und am

Abend meiner letzten Vorstellung schickte er eine Militärkapelle vor mein

Haus und eine an den Eingang des Theaters. Das alles aber ist nichts, wenn

ich mich erinnere, wie es war, als ich zwanzig war. Zusammen mit dem

Mustafà und dem Rosati sang ich zu Rom in der Kirche Santa Maria in

Vallicella den Sant' Eustachio, ein Oratorium des Maestro Salvatore

Capocci: und wie ich fertig war, begannen die Gläubigen wütend zu klatschen

und >bis< zu schreien. Die bewaffnete Macht mußte eingreifen und sie

beruhigen.«

»Als Sie zwanzig waren«, wiederholte der Kapellmeister.

»Ja«, sagte der Alte; und als sei er allein:

»Es ist nun bald fünfzig Jahre her.«

Der Blick des jungen Mannes streifte hinüber, wo er so lange das Meer und

die große Ferne gewußt hatte. War es noch dort? Ihm schien auf einmal

unnütz, es zu suchen. Dieser Alte hatte es befahren; er war zurückgekehrt,

und was blieb ihm? Er sang hohl und zitternd, vorhin nicht anders als

sonst. »Nur das Glück, meine eigene Musik gesungen zu hören, bestach mein

Gehör, -- und vielleicht wollte ers bestechen?« Dem Kapellmeister kam der

Verdacht, der Cavaliere Giordano habe dieses Zusammensein in der Absicht

herbeigeführt, ihn sich milder zu stimmen. »Es ist wahr, ich habe ihn auf

der Probe bloßgestellt vor den andern. Welches Elend! Ich durfte das: ich,

ein Anfänger, -- und seinen Namen kannte eine Welt.« Er war froh der

Dunkelheit, die diesen alten Mann nicht sehen ließ, wie tief er errötet

war: über sich, über ihn, über den menschlichen Stolz.

»Ich muß eilen«, murmelte er. »Das Orchester wartet auf mich.«

Der Cavaliere Giordano stolperte auf der Treppe.

»Lassen Sie sich Zeit, Cavaliere, und entschuldigen Sie mich.«

Der Alte sputete sich, um mitzukommen, um noch einige Minuten lang nicht

allein zu sein. Aber er blieb zurück.

* * * * *

An der Ecke beim Wirtshaus »zu den Verlobten« trat, als der Kapellmeister

heranstürmte, die kleine Rina aus dem Schatten und rief etwas. Er war schon

vorüber und rief zurück:

»Ein andermal. Ich bin aufs höchste beschäftigt.«

Er erreichte den Corso und zog im Laufen den Hut, denn in die Gasse drüben

bogen der Advokat Belotti, der Tabakhändler Polli und der Apotheker

Acquistapace ein. Sie drohten ihm mit dem Finger und stießen sich an.

»Ah! der Maestro. Wer weiß, von welchem Abenteuer er kommt.«

Sie selbst waren auf der Suche. Von Zeit zu Zeit blieben sie unter einem

Hause stehen, und einer von ihnen flüsterte:

»Dort oben wohnt eine.«

»Auch hier habe ich eine einquartiert«, bemerkte der Advokat ein Stück

weiter; und alle drei gaben ein angeregtes Glucksen von sich. Die Reihen

der alten, schwarzen, von seltenen Lichtern geröteten Häuser mit ihren

schweren und verzierten Portalen, aus denen es nach Gewürzen oder Handwerk

roch, mit ihren Balkonen, eng wie Kanzeln, ihren vergitterten Fenstern und

den weit vorstehenden Dächern, worunter in offenen Speichern Maiskolben und

Reisig trockneten: diese schmalen Steinläufe und ihre winklig umschatteten

Erweiterungen, die schon der Fuß der Bürger an den Schäden des Pflasters

wiedererkannt hätte, sie schienen ihnen verwandelt. Das alles machte sie

wieder neugierig, wie als Kinder. Sie hoben sich auf die Fußspitzen, um

über die rote Gardine hinweg in ein Schenkenzimmer zu spähen, wo

Choristinnen mit ihren Kameraden saßen, und sie berieten darüber, ob die

Paare, die zusammenwohnten, wirklich verheiratet seien. Als der Tischler

Vittorino Baccalà, im Arm ein ganz kleines, buntes Geschöpf, das Haus bei

der nächsten Laterne betrat, seufzte der Tabakhändler und sagte dann:

»Er hat recht.«

»Auch für andere ist noch etwas da«, erklärte der Advokat und klopfte ihn

auf die Schulter.

»Aber woher kommen sie alle?« setzte er hinzu, denn dort hinten schlüpften

schon wieder zwei durch einen Lichtstreif. »Man weiß doch, daß es nur

dreizehn sind, und die ganze Stadt scheint voll von ihnen.«

»Überall riecht es nach Puder«, sagte der Apotheker mit seiner biederen

Stimme. Die anderen beiden schnupperten.

»Sie verlieren ihn in der Luft,« sagte der Advokat, »wie Insekten ihren

Flügelstaub« -- und er sah sich um, denn ihm war, als schlüge über ihm ein

Flügel. Ja, wirklich, auf dem niederen Balkon des Hauses Filiberti fächelte

sich eine: eine große, -- und jetzt roch man sie auch. Hinter ihr aber

verschwand ins Dunkel ein Mann; wer war es? Der Tabakhändler hatte ihn

erkannt.

»He! Olindo! Willst du hervorkommen!« -- und er stieß mit dem Zeigefinger

nach dem Pflaster.

»Soll ich dich holen, du frecher Bengel?«

Der junge Polli zeigte sich am Gitter.

»Papa,« stotterte er, »das Fräulein wünschte Räucherkerzen gegen die

Mücken, und weil der Laden zu war, habe ich sie ihr gebracht.«

»Augenblicklich kommst du herunter!«

Der junge Mensch wand sich umher. Man sah seine roten Haare und das

verstörte Liderklappen in seinem kalkigen Gesicht. Die Choristin stieß ihn,

laut lachend, an.

»So gehen Sie doch zu Ihrem Papa!«

Darauf verließ er den Balkon. Der Tabakhändler erklärte:

»Das denn doch nicht! Wenn diese Damen anfangen wollen, uns die Söhne zu

verführen, dann mag die Kunst zum Teufel gehen.«

Der Advokat warnte vor Übertreibungen; man reize die Instinkte der

Zwanzigjährigen, wenn man sie in die Kinderstube sperre. Da erschien

Olindo, vorsichtig abgewendet, unter der Tür und schlich dicht an der

bauchigen Rundung des Hauses hin.

»Ah! er will entwischen.«

Der Vater mußte aufhüpfen, um den Sohn an den Schultern zu packen. Aus

Ehrfurcht machte Olindo es ihm leichter, indem er sich bückte, -- und nun

schleppte Polli den Besiegten am Rockschoß herbei.

»Ein Hosenmatz, der den Frauen nachstellt! Ein neuer Typus! Jetzt kommen

mir auch Vermutungen darüber, weshalb heute die zehn Trabukos verschwunden

waren. Sie sind also doch verkauft, und das Geld war wohl für diese Dame

bestimmt. Da hast du, da hast du! -- und sage zu Hause deiner Mutter, ich

ließe sie bitten, dir von derselben Sorte zu geben.«

Mit einem Fußtritt, für den er ihn vorher zurechtstellte, schickte Polli

den Sohn von dannen. Erst beim Trocknen des vergossenen Schweißes bemerkte

er das Gelächter, das ihn umgab. In das Gebrüll des Apothekers und das

Keuchen des Advokaten stießen Kreischtöne vom Ballon. Dem Tabakhändler ward

angst.

»Seid vernünftig«, bat er, »und weckt nicht alle Weiber auf. Sie liegen

schon halbnackt in den Fenstern. Schickt solche Szene sich für Leute, wie

wir sind? Kommt fort!«

»Aber es ist geradezu die Schönste«, sagte der Advokat und war nicht vom

Fleck zu bringen. »Dein Sohn hat sich geradezu die Schönste ausgesucht: die

mit den gelben Haaren. Schon heute nachmittag sah ich ihn mit ihr auf dem

Platz. Du hast recht, Polli, daß das nichts für Hosenmätze ist. Aber mit

uns«, flüsterte er durchdringend hinauf, »wird das Fräulein vielleicht im

Gasthaus »zum Mond« ein kleines gutes Souper einnehmen wollen. Ich bin der

Vorsitzende des Theaterkomitees und kann Ihnen nützlich sein.«

»Dann bin ich sofort bei Ihnen, meine Herren«, erwiderte sie. Man sah sie

drinnen im Schein einer Kerze den Puderquast schwingen. Die Röcke raffend,

die raschelten, erschien sie auf der Schwelle und streckte die Hand

sogleich dem Tabakhändler hin.

»Ihr Sohn ist ein Kind«, sagte sie; »Sie aber, mein Herr, sind ein

wirklicher Mann.«

»Wir wollen es hoffen«, erwiderte er mit grober Stimme und einem Lächeln,

das sich unwiderstehlich entfaltete. Dann besann er sich darauf, ihr den

Arm zu bieten. Der Advokat mußte mit dem Apotheker hinterhergehen. Er

schnaufte.

»Dieser Polli hat mehr Glück, als ihm zukommt« -- und lauter:

»Fräulein, ich hatte schon von Ihnen gehört, denn Sie sind die Schönste,

und ich habe Ihr Engagement durchgesetzt.«

Sie wandte sich über die Schulter ihres Begleiters nach ihm um.

»Ah! der Herr ist der berühmte Advokat Belotti. Ich bin glücklich, mein

Herr, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Plötzlich streckte sie ihm die Zunge heraus, -- und rasch machte sie sich

wieder an Polli, zu dem sie sich achtungsvoll bückte, wie Olindo getan

hatte.

»Welch ein Weib!«

Der Advokat ward zu einer Geste hingerissen, für die kein Raum war; er

schlug heftig gegen die Mauer. »Au au! . . . Ich fühle, daß ich Tollheiten

für sie begehen könnte.«

Der Apotheker sagte vorwurfsvoll:

»Und dabei wirst du von einer Frau wie die Italia geliebt! Denn die Italia,

ich scheue mich nicht, es zu sagen, hat etwas Göttliches, das dieser hier

trotz ihren gelben Haaren fehlt.«

»Soll ich dir etwas sagen?«

Der Advokat drückte den Arm des alten Kriegers.

»Nimm dir die Italia! Ich lasse sie dir. Ich fühle, daß ich nicht werde

treu sein können, weder ihr noch einer andern. Mich verlocken sie alle, ich

schrecke vor dem Wort nicht zurück: alle. Die Beständigkeit des Bürgers hat

mich im Grunde immer gelangweilt; ich war zur Lebensweise des Künstlers

geboren, ich, und jetzt entdecke ich mein Temperament.«

Damit ließ er den Freund auf seinem Holzbein weiterstelzen, wie es ging,

und eilte dem gelben Schopf nach und den breiten schaukelnden Hüften, die

im Corso verschwinden wollten.

Als Polli und der Advokat, die Choristin zwischen sich, auf dem

strohbesäten Platz vor dem Gasthause anlangten, begannen beide zu schreien.

Polli schlug auf einen Tisch.

»Jemand soll kommen! Da sind Leute, die etwas trinken wollen.«

Der Advokat stellte die Hände um den Mund.

»Ah! Malandrini, es wird Zeit, daß du dich zeigst, denn wir brauchen ein

kleines feines Souper. Zuerst Salami und Schinken, dann eine gehörige

Schüssel voll Makkaroni, eine von den Schüsseln, worin du die ganzen Ferkel

aufträgst; dann Escaloppes in Madeira . . .«

»Sie werden zufriedengestellt werden«, sagte der Wirt und dienerte speckig.

»Meine Frau wird für eine solche Gesellschaft sogar Hühner à la Villeroy

machen, was eine schwierige, aber glänzende Sache ist.«

»Und Leber in Öl will ich«, erklärte das Mädchen.

»Leber in Öl, deine größte Pfanne, Malandrini!« empfahl der Advokat, als

der Wirt schon ins Haus lief, und Polli schrie hinterher:

»Sorge für den Zabajone!«

Der Apotheker hörte es von draußen und rief über den Hof:

»Ich werde die Eier schlagen und den Marsala hineinmischen. Niemand gibt

dem Zabajone die richtige Dicke als nur ich!«

* * * * *

»Was schreit er?« sagte hinten im Corso Italia Molesin zu Nello Gennari. Er

zuckte die Achseln.

»Sie werden sich betrinken wollen.«

»Und der Advokat schwänzelt um die gelbe Gina herum! Ist dieser Mann denn

unermüdlich?«

»Unsere Ankunft«, sagte Nello, »hat belebend gewirkt auf die Einwohner

dieser Stadt. Auf einmal ist ihnen der Mut gekommen, ihre Laster in

Freiheit zu setzen.«

»Ob das nicht abscheulich ist! Da glaubt man für sechs Wochen Ruhe gefunden

zu haben. Ich war entschlossen, ihm treu zu bleiben; und nun, am selben

Tage noch --«

Italia hatte eine feuchte Stimme.

»Diese Leute zwingen uns, ein unmoralisches Leben zu führen.«

»Wem sagst du es«, erwiderte der junge Mann mit geschlossenen Zähnen.

»Aber dich hat doch niemand betrogen?« fragte sie. Er murmelte:

»Nur ich selbst mich. Ich nahm mir ein zu hohes Ziel. Zu Großes mutete ich

mir zu. Ich hätte reiner sein müssen, als ich bin.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Ach, auch ich habe der Forderung einer dieser Bürgerfrauen nachkommen

müssen.«

»Als ob wir dafür engagiert wären!«

»Ja, wir sind da, sie lustig zu machen. Es ist ein Handwerk für Hunde.«

Die kleine Stadt: Roman · 第 5 / 18 题