DER KOCH: König, hier ist der Fischer.
CANDAULES (von der rechten Seite des Tisches, wo er sich
niedergelassen): Also Du bist Gyges?
GYGES: Ja, ich bin Gyges, König Candaules.
CANDAULES: Gyges, der Fischer.
GYGES: Ja, Gyges der Fischer.
CANDAULES: Gyges, der Arme.
GYGES: Gyges, der Arme, König Candaules.
ARCHELAOS: Er ist nicht sehr gesprächig.
SEBAS: Das hat er von den Fischen.
CANDAULES: Laß, Sebas, -- Komm näher, Gyges. Warum bist Du nicht beim
Gelage in den Küchen?
GYGES (antwortet nicht).
CANDAULES: Man reiche ihm einen Becher. Trinkst Du manchmal Wein?
GYGES: Sozusagen nie.
CANDAULES: Trink! (Er sieht einen Sklaven gewöhnlichen Wein eingießen.)
Nein! Nicht von dem! Bessern.
PHARNACES: He! Das schmeckt, Gyges!
CANDAULES: Laß, Pharnaces! Ist es wahr, daß Du so unglücklich bist,
Gyges?
GYGES: Nein, nicht unglücklich -- elend.
CANDAULES: Bist Du sehr arm?
GYGES: Ich habe, was ich brauche.
SYPHAX: Für einen Fischer ist er gar nicht so dumm.
CANDAULES: Was hast Du denn?
GYGES: Ich hatte ein kleines Haus. Aber mein Weib kam aus Deinen Küchen,
König, und hatte sich da ein wenig betrunken. Sie wollte das Herdfeuer
aufschüren, mir meine Suppe zu wärmen. Sie brachte Feuer an's Stroh und,
ich weiß nicht wie es kam, die Hütte war wohl ausgedörrt -- Alles
brannte nieder.
CANDAULES: Hattest Du sonst nichts, Gyges?
GYGES: Meine Netze -- sie verbrannten in der Hütte.
CANDAULES: Wie kann auf dieser selben Erde, neben einem Glück wie dem
meinen, wie kann ein solches Elend sein?... Ich will Dein Weib sehen
armer Gyges.
ARCHELAOS: Und ich auch.
GYGES: Sie sehen? -- Leicht, Candaules, sie ist nicht weit. Ich wollte
sie nicht allein lassen, denn sie ist betrunken, so nahm ich sie mit
mir. (Gyges ab.)
SEBAS (stößt Archelaos mit dem Ellenbogen, leise): Archelaos, das gibt
zu lachen! S' ist _die_! Du weißt, mein Schatz von gestern Nacht.
ARCHELAOS: Ich bin gespannt. (Zu Pharnaces.) Candaules hat da wahrhaftig
einen wunderbaren Einfall! (Zu Sebas.) Ist sie wenigstens schön?
SEBAS: Was willst Du! Ein Fischerweib!
PHARNACES: Na weißt Du, ich hab' schon Bäuerinnen gesehen, die nicht ...
PHEDROS (sieht Gyges mit seinem Weibe kommen; die ist wie eine Wilde,
das Haar wirr und schlecht gekleidet): O König, was Du tust, ist
gefährlich!
GYGES: Hier, werte Herren, ist das Weib des Gyges.
ARCHELAOS (lacht).
CANDAULES: Wie heißt sie?
GYGES: Ich ruf' sie Trydo.
SEBAS: Haha, hätt ich das gewußt! Trydo! Trydo!
CANDAULES: Gebt Frieden! (Leise.) Laßt mich gut zu diesem Menschen
sprechen. Nun, armer Gyges, das ist alles, was Du hast?
GYGES: Besser das Wenige, aber das für mich allein.
SEBAS (platzt heraus, zu Archelaos): Paß auf!
GYGES: Vier Dinge waren mein Eigen, ich hab' nur mehr zwei. Man hält
zwei Dinge besser in den Händen als vier.
CANDAULES: Was sind das für zwei Dinge, tapfrer Gyges?
GYGES: Das eine ist mein Weib.
SEBAS (kann sich nicht mehr halten): Ach, mein lieber Gyges, was das
Weib betrifft, da kannst Du sicher sein, daß Du es nicht allein
besitzest.
CANDAULES (entrüstet): Sebas!
SEBAS: Nein. Aber es darf doch dieses Schwein nicht kommen und sich
stolz vor mir machen und sagen, daß er das Weib da allein hat ...
CANDAULES: Sebas!
SEBAS: Wenn sie, während er seinen gehörnten Fisch fängt, (Archelaos
krümmt sich vor Lachen) nicht, Trydo, he? Gestern in der Küche ...
NYSSIA (zu Candaules): Aber, mein Gebieter, das ist ja fürchterlich ...
CANDAULES: Ich bitt' Euch, Nyssia. Ich werde es nicht dulden, daß man
diesen Mann beschimpft.
GYGES: Danke, Candaules. -- Und Du, Herr, dessen Namen ich gar nicht
kenne und den zu kennen mich wahrhaftig nicht verlangt -- Du vermagst
viel über mich, ich über Dich -- nichts. Aber ich vermag alles über die
da. Sie gehört mir, sag ich Dir. (Er reißt ein Messer vom Tisch und
sticht auf Trydo.) Sie gehört mir! -- (Bewegung.) Sie gehört mir!
NYSSIA: Haltet ihn doch!
NICOMEDES: Archelaos! Sebas! Haltet ihn doch!
SEBAS (der sich erhoben, verwickelt sich mit seinen Beinen in seine
Kleider und rollt, völlig betrunken, unter den Tisch).
NYSSIA (erhebt sich und will gehen).