EINIGE: «Ich verberge das Glück»? Was für ein Glück?...
NICOMEDES: Das Wort ist dunkel.
PHARNACES (als ob er noch etwas sähe): Wartet! -- Da ... (Alle in
Erwartung.) Nein -- es ist alles. König Candaules, ich stecke diesen
rätselvollen Ring an Deinen Finger.
CANDAULES (hält mit einer Geste Pharnaces zurück): Koch! -- Woher kommt
der Fisch?
DER KOCH: Ein Mensch bracht' ihn vorhin. Der Fisch war schön, so kaufte
ich ihn.
CANDAULES: Wo ist der Mensch?
DER KOCH: Er ist heim.
CANDAULES: Weshalb hast Du ihn nicht zum Gelage in der Küche
zurückgehalten?
DER KOCH: Er wollte nicht.
CANDAULES: Ich seh's nicht gern, daß man zurückweist, was ich biete ...
Was für ein Mensch?
DER KOCH: Ein armer Fischer, weiter besond'res nichts.
CANDAULES: Und Du, Du gabst ihm für den Fisch?
DER KOCH: Vier Silberstücke.
CANDAULES: Gold verdiente er dafür.
DER KOCH: Er ist so unglücklich, daß Silber ihm genug ist.
CANDAULES: Es gibt nur Glückliche in meinem Reich, -- oder es ist, daß
ich ihn nicht kenne. Wie heißt er?
DER KOCH: Er hat, zu dienen, den Namen Gyges.
CANDAULES: Man suche ihn. Ich will ihn kennen. Ich schwöre es, kein
Finger kommt in diesen Ring, bevor ich nicht den Mann gesehn. Gyges
sagst Du?
DER KOCH: Ja, Gyges.
CANDAULES: Bevor ich nicht mit Gyges, dem Fischer, gesprochen. Geh!
Such' ihn!
DER KOCH (gibt einem Mann Befehle): Auf der Stelle.
(Ein ziemlich langes Schweigen begleitet das Schweigen des Königs.
Dann hört man):
SEBAS: Es ist luftiger hier als drinnen im Saal.
PHILEBOS: Und diese Stelle hier im Garten ist wundervoll zur Nacht.
NICOMEDES: Was für ein Blick! Ich hab' es gern, wenn man so bis aufs
Meer sieht: -- wo sich, da seht, der wachsende Mond heraufhebt.
NYSSIA: Was ist das für ein Leuchten?
PHILEBOS: Es ist der Mond, hohe Frau.
NYSSIA: Nein! Da, da unten, ganz am Rand der Küste.
PHARNACES: Man möchte sagen, eine Hütte brennt.
NICOMEDES: Es sieht sehr schön aus, so in der Nacht, das Brennen.
SEBAS: Diese Fasane sind vorzüglich.
ARCHELAOS: Ich habe eine Wachtel genommen.
SYPHAX: Candaules spricht kein Wort und scheint bekümmert.
CANDAULES: Man sieht fast nichts mehr ... bringt Fackeln, mehr Fackeln.
(Man bringt Fackeln.) -- Mein Becher ist leer. Der Eure auch. Philebos!
Pharnaces ... der Wein verdirbt.
(Philebos, dem man Wein eingießen will, weist zurück.) Und wenn Du schon
nicht trinkst, so sprich -- ich bin voll Unruh ... dies Wort im Ring ...
was denkst Du davon? Philebos? Ich kann mein Denken nicht davon wenden.
PHILEBOS: Weshalb, Candaules? Ich glaube, nichts weiter ist's als
solcher doppelsinniger Worte Spiel, wie sie im Brauche der Orakel. Was
sie Geheimnisvolles haben, ist nur der Glaube, den man ihnen gibt. Mit
vieler Mühe findet man am Ende nichts weiter in dem Rätsel als eine ganz
gemeine Alltagswahrheit.
PHARNACES: Und öfter noch findet man überhaupt nichts.
CANDAULES: So meint Ihr, die Worte wollen fast nichts sagen?
PHILEBOS: «Ich verberge das Glück» --? Nein ... nichts.
CANDAULES: So besser so. Ich hätte mich davon beunruhigen lassen.
NICOMEDES: Und dann, wenn Worte dieser Art schon einem nüchternen
Menschen widerspenstig scheinen, sind wir, der eine nicht und nicht der
andere, glaub' ich, jetzt im Stand, das Rätsel zu lösen.
SYPHAX: Du hast recht, Nicomedes! Trinken wir kurz und gut auf das Glück
des Candaules. Er macht es dem Ring nicht nach, er verbirgt sein Glück
nicht, im Gegenteil! --
PHARNACES (erhebt sich, um mit den Anderen anzustoßen): Es lebe
Candaules, der glücklichste Mensch der Erde!
CANDAULES (schlägt mit der Faust heftig auf den Tisch): Was! Mein Glück!
Was wißt ihr von meinem Glück!? Was!
PHEDROS: Nichts, Candaules.
CANDAULES (sich besinnend): Verzeiht, Ihr werten Herren -- ich weiß
nicht, was mich so bewegen konnte ... Und Ihr, Nyssia, die Ihr schweigt,
wenn man an Euch nicht ganz besonders das Wort richtet -- sagt, was
denkt Ihr von meinem Glück?
NYSSIA: Daß es ist wie ich, hoher Herr.
CANDAULES (von Neuem erregt): Rätsel! Wieder Rätsel! -- Was meint Ihr
damit? Sprecht!
NYSSIA: Ich wollte sagen, das Glück verwelkt, wird es entschleiert.
CANDAULES (in dem der Wein zu wirken beginnt): So bedeckt Euch! Es liegt
mir nichts mehr daran nun Jeder Euch gesehen hat.
NYSSIA (macht eine Bewegung traurigen Erstaunens).
CANDAULES: O, verzeiht, Nyssia!... Was habe ich sagen können? Ach
Schmerz ... ich will Euch keinen Schmerz antun. Doch weil mein Glück,
weil mir mein unverborg'nes Glück im Andern seine Kraft und seine
Heftigkeit zu schöpfen scheint, so kommt's mir vor, oft kommt's mir vor,
es existierte nur im Wissen, daß die Andern davon haben und daß ich's
erst besitze, wenn Andere wissen, daß ich es besitze. Dies schwör' ich
Euch, Ihr Freunde, wenig läg' mir daran, die Erde mein zu nennen, wär'
ich allein auf ihr und keiner da, der wüßte, daß die Erde _mein_ ist.
Glaubt mir dies: ich fühle meinen Reichtum nur, da Ihr ihn nützt. Ich
bin so reich ...! Kein Rausch ist stark genug, daß er mich dieses
übertreiben machte: ich bin sehr reich. Und da ich vorhin unwillig ward,
als Ihr mein Wohl, das Wohl des reichsten Menschen dieser Erde tranket,
so war es nur, weil Ihr ja gar nicht wißt, wie reich ich bin.
PHEDROS: Nicht auf Deinen Reichtum tranken wir, Candaules, wir tranken
auf Dein Glück.
CANDAULES (beugt sich vor, sich ereifernd): Das ist das Schlimm're! Was?
Was wißt Ihr von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon? Kann man sein
Glück denn ansehn, greifen? Man sieht nur das der Anderen. Das eigene
fühlt man nur, wenn man's nicht ansieht. -- Die Luft ist schwül heut
Nacht und ihre Wollust drückend ... Und dieser Gyges! Was ist's mit ihm!
(Er erhebt sich und schwankt ein wenig, aber ganz wenig.) Wenn Gyges
kommt, so wollen wir ihn betrunken machen. (Man gießt ihm ein. -- Er
nähert sich Phedros.) Und Du weißt nicht, Phedros, noch nicht weißt Du
-- ein Geheimnis ...
(Er setzt sich zwischen Phedros und Simmias. Die Tafel ist etwas in
Unordnung, wie bei unsern Mahlzeiten, wenn der Kaffee gereicht wird.
Nicomedes nähert sich der Königin und spricht zu ihr.)
CANDAULES (zu Phedros): Und dann -- was liegt mir, mir am Glück? Nicht
wahr, 's ist nur des Armen würdig, sich zu beschäftigen mit dem
Glücklichsein. Sag, verstehst Du mich, Phedros? Und Deine Weisheit,
unterschreibt sie, was ich nur Dir sagen kann? Jedes neue Gut, das man
besitzt, es schleppt sein neues Verlangen nach, es zu probieren, es zu
wagen ... Und Besitzen, das ist für mich Versuchen, Wagen. (Er schlägt
mit seinem Becher auf den Tisch und hört auf den Ton.) Warum sagst Du
nichts, Phedros? Hast Du nichts getrunken? Phedros, ist Dein Glück denn
in der Ruhe? Hab' ich mehr Weisheit, als Du Philosoph, um zu verstehen,
daß, nur wo das Leben überfließt, das Glück ist? O Phedros! Für mehr
Glück und mehr Leben verbraucht sich der Mensch, wenn er arm ist, im
Verlangen -- das ist die eine Art, verstehst Du? Aber nichts verlangen,
nein: Arbeiten für das, was man verlangt. Und wenn man es hat, es wagen.
Verstehst Du. Das Glück auf's Spiel setzen -- das ist die andere Art,
die Art der Reichen. Das ist die meine. Ich bin so reich, Phedros, und
des Lebens so voll ...
SIMMIAS: Wäre Dein Glück eine Freundschaft, Du sprächst nicht davon, mit
diesem Glück zu spielen, Candaules: aber eine Freundschaft, das ist es,
was Dir fehlt.
CANDAULES: Du hast recht. Um wieviel Schätze, schöner Simmias, kaufte
ich nicht die Deine!