Da tönte ein leiser Laut durch die dunkle Stube: »Frau Walburga!«

Sie schrak zusammen, so daß ihr Busen sich ungestüm hob und senkte, und

sie lauschte ängstlich.

Deutlich vernahm sie noch einmal den Ruf: »Frau Walburga!« und er tönte

vom Fenster her.

Sie raffte sich auf und schritt hoffend und zagend dahin und siehe!

draußen schmiegte sich ein Antlitz ans Gitter, und zwischen den

Blumenstöcken hindurch erkannte sie im Dämmerlichte der Nacht

Heinrich, der an dem Weinrebenstocke an der Giebelseite des Hauses

emporgeklettert war und sie mit Namen anrief.

Sie frug ihn mit unterdrücktem Jauchzen freudiglich: »Heinrich, bist du

es?«

»Ich bin's,« flüsterte er, »die Haustüre ist verschlossen, öffnet mir,

Meisterin.«

»Warte,« flüsterte auch sie, »ich komme hinab. Ach, es sieht dich wohl

niemand vor meinem Fenster?«

»Die Rebenblätter verbergen mich, Meisterin,« antwortete er.

»Laß dich wieder hinab, Heinrich, ich komme gleich.«

Sie zündete ein Lämpchen an, nahm den Hausschlüssel von der Wand und

ging leise auf den Zehen die Stiege hinunter, barg das Flämmchen mit

der Hand und öffnete die Türe. Er kam herein und sie verschloß wieder

die Haustüre, faßte ihn bei der Hand und sprach: »Komm, daß dich

niemand sehe!«

Das Gesinde schlief schon, nur aus dem hintern Gebäude, wo die

Backstube lag, drang ein Lichtschein in den Hausflur und sie führte ihn

hinauf in ihre Stube. Dort angelangt, stellte sie das Lämpchen auf den

Tisch und sprach: »Du hast dich in dem Murwasser erkältet, Heinrich.«

Sie öffnete rasch eine Spinde und gab ihm ein Kleid, das einst Herr

Mennhart getragen hatte, und gebot ihm, sich darein zu hüllen, daß er

sich erwärme, während sie sich abwandte.

Heinrich tat nach ihrem Geheiße, und dann kehrte sie ihm ihr

ängstliches und doch lachendes Antlitz zu und sprach: »Ach, wie hab'

ich mich um dich gesorgt! Wie warst du so verwegen, dem Strom zu

trauen! Doch es hat dir nicht geschadet, du lebst und bist da. Wie war

ich bekümmert! Ich hätte in meinem ganzen Leben keine frohe Stunde

mehr gehabt, wenn dir etwas zugestoßen wäre! Du Armer, hast mein Gebot

erfüllt und nur ich wäre schuld an deinem Untergange gewesen! Aber

nun ist's gut, und ich will es Gott und allen Heiligen herzinniglich

danken, daß dir kein Unheil widerfahren ist. Wie hast du es nur

angestellt, böser Knecht, mich so zu verwirren und auch alle Leute, die

nichts mehr von dir sahen, als du ins Wasser geschnellt wurdest. Man

erzählte mir's.«

»Hätte ich mich sollen dem Spott des Volkes aussetzen und nach Hause

rennen? dann wäre ich zeitlebens in törichter Weise umhergegangen.

Nein, ich schwamm unter dem Wasser, solange ich es vermochte, und

als ich wieder auftauchte, war ich auf einer dämmerigen Stelle des

Stromes angelangt, wo man mich nicht sehen konnte. Dann hab' ich

mich nach links in den Stadtgraben hinein gewendet; denn ich habe

gewußt, daß dort am südlichen Wehrturm ein Wasserpförtchen ist, welches

in Friedenszeiten immer offen steht und durch das man leichtlich

hereingelangen kann. Dort hab' ich mich nahe der Mauer so lange im

Schilfe geborgen, bis die Nacht gekommen ist, daß mich niemand sehen

konnte, und dann schlich ich mich behutsam hindurch und bin hierher

gekommen, wie Ihr seht, Meisterin.«

»So verwegen warst du, Heinrich! Und das kalte Gebirgswasser! Wie

leicht hättest du dich für dein Leben verkälten können! Und deine Hände

sind noch starr und kalt; ich will sie dir mit meinen eigenen wärmen.

Nein, laß nur! Du hast es um mich verdient. Doch warte, so wird es

besser sein.«

Sie nahm ein lindes Tuch und rieb ihm die Pulse an beiden Handgelenken

eifrig; dann trocknete sie ihm die noch immer feuchten Haare an den

Schläfen und richtete bald Worte des Bedauerns, bald des Vorwurfes an

ihn, so daß es Heinrich warm wurde.

»Meisterin, wie sorgt Ihr so traulich um mich!« sprach er. »Mir ist

unter Euren linden Händen wärmer denn je geworden, und weil ich Euch

so nahe in die Augen sehe, vermeine ich schier, der lichte Mai sei

gekommen, der alle Herzen zur Freude bewegt. Ihr seid mir so nahe, daß

ich Euch umfassen kann, und da ist mir's, als blühte die Stube um mich

her.«

»Nein, laß mich, Heinrich. Und sieh, hier am Arme bist du verwundet, du

hast dich verletzt!«

»Geritzt. Das bedeutet nichts.«

»Wie du das weißt! Nein, ich habe ganz nahe eine Heilsalbe im Almer,

damit will ich deines Armes pflegen.«

Sie öffnete die Tür des Kastens und nahm, wie sie meinte, das Töpfchen

mit der gewünschten Salbe heraus; aber in aller Eile versah sie sich,

und es war ein anderes Gefäß, was sie in der Hand hielt. Und da geschah

es, daß ihr dasselbe zu Boden fiel und alsbald in Scherben zerbrach.

Ein wundersamer Duft erfüllte plötzlich die Stube.

»O weh!« klagte sie, »wie habe ich fehlgegriffen! Das ist das

Riechtöpfchen, welches du, Heinrich, vom Meister Spittler bekommen

hast, und nicht die Heilsalbe: das liegt nun in Scherben.«

Heinrich aber ward verwirrt und dachte: »Liegt nun meine Zufriedenheit

in Scherben, so muß die Fraue sie mir wiedergeben. War es mir doch

vorher, als blühte die Stube um mich her. Nun blüht es in der Tat

plötzlich wie von tausend Rosen; solch köstlicher Geist war in der Vase

verborgen, daß davon die Stube in einen Rosengarten verwandelt ist und

ich wie trunken bin.«

Dann sprach er: »Meisterin, als mir der deutsche Herr das Töpflein

geschenkt hat, da pries er es als gar wundersam. Es stammt aus grauen

Zeiten und ward aus dem heiligen Lande hierher getragen. Aber zum

Schatze soll es erst für dich werden, Heinrich -- so seine Worte --

durch das, was ich hineingeben will, nämlich etwas Geheimes und überaus

Holdes. Und solange du es besitzest, wirst du zufrieden sein. Also war

meine Zufriedenheit in dieser Vase verschlossen, die ist nun verloren.

Jetzt steht aber die Sache so, daß der Geist, der darin verschlossen

war, mein Herz trunken gemacht hat und unzufrieden, und nur wenn

Euer Herz, Meisterin, sich zu mir in Liebe gesellt, kann ich wieder

zufrieden werden. Und trunken wie ich bin, vermeine ich, daß sich

das Glück zu mir gewendet hat, und ich will es festhalten und nimmer

verlieren.«

Da vergaß er auf alles, begann das junge Weib zu trauten und wollte um

sein Mannesrecht mit ihr dingen.

Sie aber entrang sich bald ihrer Schwäche, hielt ihn fern und faltete

die Hände bittend:

»Nein, Herzensheinz! das sei dir verwehrt! Ich habe dich auch lieb,

aber so deine Treue mir unverloren bleiben soll, darfst du nicht

deinen Willen wider Gott vollbringen. Denn ich will früh und spät der

Zucht und Ehren pflegen und nur, wenn wir zueinander gebunden sind

durch das Wort des Priesters in der Kirche, dann will ich dich deiner

Treue genießen lassen und dir Macht über mich geben. Denn dann steht

es auch in meinem Willen, daß ich dir hold sei. Bis dahin aber bin ich

dir fremd, Herzensheinz, und du sollst mir gehorchen, wenn du mich lieb

hast. Dann will ich dir auch dereinst als dein Eheweib freudiglich

Gehorsam leisten. Nun aber sollst du gehen, weil es nicht gut ist, daß

wir länger beisammen bleiben.«

»Sei es denn!« sprach er leise. »Mein Wille und meine Zufriedenheit

stehen bei dir, und darf ich um dich freien und bist du mein

holdseliges Weib, so will ich Zeit meines Lebens der Unzufriedenheit

widersagen.«

Und also schied er von ihr.

Da hatte die weise Frau Monika und auch Meister Graswein, der Altmann,

doch recht behalten. Denn eine fröhliche Hochzeit ward am St.

Martinstage gefeiert, als Meister Heinrich Harer mit seinem angetrauten

Weibe aus der Pfarrkirche St. Egydi mit Festgeleite nach Hause kam. Das

wird ein zufriedener Mann werden, dachte sich mancher. Am Abend tanzte

auch Jost Seydlin fröhlich, und als er in die Nähe der jungen Ehefrau

kam, sagte er: »Heut ist morgen, nicht wahr, Meisterin?«

»Ja, heut ist morgen und das ganze Leben.«

Jost aber dachte sich: »Ist's nicht die, so wird es wohl eine andere

sein, die ich bekomme,« und war mit sich zufrieden.

Deutsche Humoristen, 7. Band (von 8) · 第 34 / 38 题