Da geschah es, daß Jost Seydlin dreimal den Nagel auf den Kopf traf und
damit den Preis und zugleich Heinrichs Vase der Zufriedenheit gewann.
Jost Seydlin war ein schmucker Geselle, und die Mägdlein sahen heimlich
und offen auf ihn und lächelten ihm auch wohl zu; Heinrich aber war
verdrießlich.
Ein Tanz im Grünen folgte auf das Schießen, und da tat sich Jost auch
regsam hervor und war vergnügt.
Des anderen Tages öffnete Heinrich die Truhe und gab seinem Mitgesellen
das Gefäß, das jener gewonnen hatte, und dachte bei sich:
»Nun ist es mit der Zufriedenheit wieder aus! Meister Altfried, der
deutsche Herr, hat es gewiß gut mit mir gemeint. Doch sei es! ich bin
nicht geboren, um zufrieden zu sein.«
Jost Seydlin betrachtete das Ding eine Weile und hatte sein Behagen
daran; nach einiger Zeit aber sprach er: »Das wird einem schönen Weibe
besser in die Nase duften als mir;« und schenkte es der Meisterin.
Diese nahm es willig an, weil die Vase überaus zierlich war, und
stellte das Geschenk mit freundlichem Danke in ihren Almer zu Kräutern
und Heilsalben, die von Zeit zu Zeit für das Haus gebraucht wurden. So
besaß nun Frau Walburga das Gefäß, das Heinrich Harers Zufriedenheit
sollte sein. Sie aber sprach zu sich:
»Warum hat nicht er selber daran gedacht, mir das Riechtöpfchen
zu verehren, bevor er es an Jost Seydlin durch eine Wette beim
Gesellenschießen verloren hat, wie mir dieser erzählt hat? Er geht
halt andern Dingen nach, als sich mir gefällig zu zeigen, und daß ich
viel an ihn denke, dessen wird mir wohl guter Rat. Er will sich keine
Gunst von mir erwerben, darum soll sein Lob auch nicht von mir gemehrt
werden.«
Und ihr Antlitz, das unter dem blonden Haare heiter wie Tageslicht
scheinen konnte, wenn ihr Herz guten Mutes war, wurde wie von einem
Wölklein bedeckt, sobald sie Heinrich Harer erblickte. Dieser aber
sagte sich:
»Ich weiß nicht, was an der Sache ist; jedoch meine Zufriedenheit habe
ich verloren. Immer mehr wird es klar: Meister Altfried hat es redlich
mit mir gemeint, und nun habe ich freventlich mein Gut dahingegeben.
Das ist zur Zeit in einer Frauen Händen, deren Wille sich wenig
glimpflich zu mir neigt, was ich nicht um sie verdient hätte, der ich
mich ihres Dienstes fürsorglich angenommen habe. Aber das macht es,
weil meine Zufriedenheit nicht mehr bei mir, sondern bei ihr steht;
und darf ich verlangen, daß sie mir solche wiedergebe? Nein. Wie sollte
ich ihr mit diesem Ansinnen nahen dürfen? Ich will's auch nicht.«
So blieb er unmutig wie vorher, während Jost Seydlin fröhlich mit sich
und andern war. Frau Walburga hörte ihm auch freundlich zu, wenn er
erzählte, wie trefflich er die Armbrust geführt; auch durfte er mit Fug
den Zielbolzen rühmen, der ihm den Preis von drei Goldgulden gewonnen
hatte. Sie lachte wohl mit ihm, aber als er ihr einmal zu nahe ins Auge
blicken wollte, sprach sie als Meisterin:
»Geselle Jost, diese und jene Arbeit ist nicht getan; merk' auf den
Lehrjungen, der feiert, weil du plauderst. Auf mein Gewerk muß ich
sehen, daß meine Habe nicht schwinde. Wie sollte ich arme Witib mein
Leben fristen, wenn ich nicht darüber wachte, daß alles von statten
gehe und daß die Kundschaften zufrieden seien, wiederkommen, wenn sie
gegangen sind, und Braun- und Weißbrot der Rebenbäckerin loben! Dabei
wird die Habe gemehrt und ich darf mich sehen lassen. Wer hilfe mir
sonst! Eine alleinstehende Frau muß in allem zwiefach fürsorglich sein,
auf daß die Wirtschaft nicht den Krebsgang wandle. Dazu gehört aber,
daß die Knechte ihren Fleiß daran legen, die Arbeit zu fördern!«
»Meisterin,« frug Jost darauf, »müßt Ihr denn immer allein stehen?«
Und sein hübsches Gesicht ward noch lebendiger als zuvor.
Rasch erwiderte sie: »Habe ich dir darüber Rechenschaft abzulegen, ob
ich allein stehen mag oder nicht? Soll ich dich etwa um Rat fragen, mit
wem ich zur Kirche gehen und zu wem ich mich fügen soll! Du gütiger
Heiland, mit den Hauswirten hat es auch nicht lauter Trost, wie ich
an meinem Herrn Mennhart erfahren habe, der noch keiner von den
schlechtesten war und den Gott selig ruhen lasse! Da muß denn eine Frau
vorsichtig sein und nichts übereilen!«
»Meisterin, wenn aber einer käme, der das Handwerk auf fremdem Boden
schon gegrüßt hat; der zwar noch kein Altgeselle, aber es bald werden
kann; leidlich jung und frisch, aus ehrsamem einheimischem Hause,
dessen Vater ein gut Stück Geld in seine Hände zu legen vermöchte, um
die Wirtschaft zu mehren; einer, der Euch holden Mut trägt: was würdet
Ihr einem solchen zur Antwort geben?«
Da lachte sie hell auf und sprach: »Das weiß ich nicht. Müßte mir ihn
wohl eher genau ansehen.«
»Und dann --?«
»Dann möchte ich sagen: Kommt morgen wieder!«
»Und wenn er morgen wiederkäme?«
»Dann wollte ich ihm sagen: Kommt so lange morgen, bis ich Euch sage:
Morgen ist heute.«
»Das will ich mir merken,« sagte Jost Seydlin mit zarter Stimme.
Sie aber sprach mit köstlich hellem Lachen: »Geh', geh', Geselle. An
die Arbeit. In die Backstube! Da magst du dich erkühlen. Das sei dein
Lohn, weil du so mit mir redest.«
Und Jost Seydlin ging von dannen und war rot vor Freude, weil das Auge
der Frau ihm zugeglänzt hatte. Er verstand sich auch darunter alles
Gute und war mit sich zufrieden. Er dachte sich: »Du bist auf fremder
Erde gewandert, Jost, und dir ward sauer und süß bekannt; warum sollst
du nicht darauf denken, dir den eigenen Hausstand zu gründen mit einer
Frau, deren junger, stolzer Leib noch wie magdlich blüht? Das laß dir
gesagt sein, Jost.«
Und er machte einen Freudensprung, als er in die Backstube trat. Dort
lag ihm ob zu schaffen, wie es einem ehrlichen Gesellen in seinem
Gewerke geziemte: das Brot nach gutem Gewichte kräftig und nahrsam
reifen zu lassen, denn der Altgeselle Heinrich war diesmal abwesend und
in die Mühle nach Leuzendorf gegangen; weshalb Jost zu allem sehen,
überall Hand anlegen und alles überwachen mußte. Dabei war sein Sinnen
so wohlgemut und wonnesam in die Zukunft gerichtet, daß er seines
Werkes zur Stunde weniger sorglich achtete, als es sonst geschehen wäre.
Das wurde denn am nächsten Tage in unerfreulicher Weise ruchbar. Denn
als an einem Wochenmarkttage standen auf dem Platze vor der städtischen
Schranne die Bäcker in den Brotbänken und hielten feil. Auch Frau
Walburga waltete mit dem Lehrjungen Cyprian, der ihr zur Hand ging,
ihres Gewerkes und des Verkaufes.
Der Brotschreiber, Meister Niclas, kam und prüfte das Gewicht alles
ausgestellten Gebäckes nach Satzung auf der Wage und tat auch so mit
dem Brote der Rebenbäckerin. Da zog er seine Brauen plötzlich empor; er
nahm einen zweiten Laib und fand das nämliche wie vorher; er nahm einen
dritten Laib und das Ergebnis blieb das gleiche, worauf er verkündete:
»Nach Inhaltung und Ordnung der Brottafel allhiesiger Stadt Graz wird
das Gewicht eures Brotes, Frau Walburga Mennhartin, als ungenügend
und zu gering befunden; denn es fehlen satzungsgemäße sieben Lot auf
das Pfund; weshalb erstlich der Preis von vier Pfennigen auf die
Hälfte herabzusetzen ist und Ihr, Frau Walburga Mennhartin, sodann der
herkömmlichen Buße verfallen seid.«
Damit ging er und die Rebenbäckerin blieb bestürzt zurück. Ihr war der
Markt verdorben und sie dachte, daß sie entgelten müsse, was Spruch
und Forderung der Altmänner von ihr heischen würden. Da litt es sie
nicht länger zu verweilen, sie verließ den Markt und ging in das
Haus des Zunftmeisters, Adam Grasweins. Dieser hatte schon durch den
Brotschreiber von dem Ereignis vernommen und mochte gerne ein strenges
Antlitz zeigen, jedoch gelang ihm dies der jungen Rebenbäckerin
gegenüber nicht gänzlich, als er sie bestürzt in die Stube treten sah.
So sprach er denn freundlich:
»Ei, Frau Walburga, Ihr bringt mir böse Mär. Wahrlich, Ihr habt Euch
nicht guter Dinge beflissen, als Ihr Euer Brot mit unechtem Gewichte zu
Markte brachtet. Da müßt Ihr Buße leisten, wie es die Satzung heischt.
Und ist es mir leid, weil es Euch betrifft, eine junge, ehrsame Witib,
so vermag ich Euch doch nicht zu helfen. Setzt Euch hieher, liebe Frau!«
Und sie erwiderte: »Meister Graswein, ich habe bisher immer mein Gewerk
in Ehren geführt und noch weiß ich nicht, welch böser Zufall dies
zuwege gebracht hat, einen meiner Knechte also zu betören, daß er des
rechten Maßes und Gewichtes vergessen hat. Nun sagt mir, was soll die
Sühne sein?«
»Die Sühne, Frau Walburga! Ei, Ihr müßt ein Bad in der Mur nehmen, weil
Ihr so hübsch seid.«
»Ach, Herr Vater, wollt Ihr grobe Wolle spinnen?«
»Mit nichten, Fraue. Mit Euch wäre nur klare Seide zu spinnen. Doch
bin ich alt und nicht ledigen Standes; es kommt mir denn nicht mehr
zu, um Euch zu freien, was ich wohl noch täte, wenn es anders wäre.
Doch der Spruch, der die Sühne bestimmt, lautet: Welcher immer aus
der Bäckerinnung Brot mit unrechtem Gewichte in die Bänke bringt, der
soll gebüßt werden damit, daß sein Leib in das Wasser der Mur getaucht
werde einmalig, ohne daß es ihm weiter zum Schaden gereiche. -- Das
ist altes Recht, und niemand wird vermögen, Euch davon zu lösen. Nun,
werdet nicht herb, liebe Fraue! Ihr wählt Euch einen Stellvertreter,
einen Mann, der die Sühne auf sich nimmt, einen Eurer Knechte, der mit
seinem Leibe für Euch einsteht. Dann ist es wohl Zeit, daß Ihr ihm den
Dienst lohnet, wer es immer sei. Denn er hat auf sich genommen, was nur
Euer eigener Hauswirt, wenn er noch lebte, um Recht erduldet hätte. Ist
Euch ein solcher Geselle ansonst mit guten Sitten zu Gesichte gestanden
und ist er für die Meisterschaft reif, so mögt Ihr ihm wohl Holdes
gönnen und mit ihm in gegebener Zeit zur Kirche gehen. Denn seht, die
Altmänner rügen es schon lange, daß noch immer um Euretwillen ein Sitz
an der Zunftlade leer steht, weil Ihr bis nun Euch kein neues Ehehaupt
gewählt habt und keinen Mann, der Euch Meister sei, mit dem Ihr auch
Euer Leben in Ehren sänftlich vertreiben könntet. Und so Ihr jemandem
Gunst erweisen wolltet, lieblich als es Frauenart ist, das würde
Euch von jedem guten Manne freudiglich gedankt werden. Habt Ihr doch
zwei Gesellen aus ehrsamen Bürgerhäusern in Eurem Gewerke, die auch
Vaterserbe zu erwarten haben: der eine aus Leibnitz, der andere aus
Eibiswald; wer von diesen beiden die Sühne auf sich nimmt, der hat Eure
Sache vertreten, und sein Haupt hat für Euren Leib gegolten. Darum,
liebe Tochter, tu' dich deiner Sorgen ab und gib der Satzung und der
Ehe ihren Lauf.«
Also tröstete sie Meister Graswein, und sie schied von ihm sinnend und
ging in ihr Haus.
Dort kam ihr Jost mit der Miene eines armen Sünders entgegen. Als sie
seiner ansichtig wurde, sprach sie zornig:
[Illustration]
»Was hast du mir angetan, böser Knecht? Ei, fürwahr, du hast gestern
zuviel des süßen Weines getrunken, und da ist dir ein solcher Rauch
und Nebel davon erwachsen, daß du Maß und Gewicht nicht mehr
unterscheiden konntest.«
»Besänftigt Euer Gemüt, Meisterin,« erwiderte Jost demütig. »Ich weiß
von keinem andern süßen Weine, als daß ich Euch zu tief in die hellen
Augen geblickt habe, und davon ist mir allerdings eine solche Wirrnis
im Haupte erwachsen, daß ich des rechten Gewichtes verfehlt habe. Auch
hat vielleicht die Katze am Backtroge gerochen, was alleweil Unheil
bringt, wie Ihr wißt, obgleich ich dem Lehrjungen Cyprian aufgetragen,
der Katzenwache zu pflegen.«
»Schweig mir davon, böser Schalk, und rede dich nicht auf die Katze
aus. Was du getan hast, das ist mir zum Schaden geschehen. Und soll ich
etwa schuld sein, daß du keine Augen im Kopfe hast?«
»Meisterin, eben weil ich Augen im Kopfe habe, die von Eurer
Holdseligkeit zu sehr erfüllt wurden, habe ich nicht klar gesehen.«
»Höre, Geselle! dieses Werkes, mich unnützerweile anzublicken, sollst
du ledig stehen und dich deiner redlichen Arbeit annehmen. Ach, ich
armes Weib, nun soll ich ihn gar verblendet haben, daß er Übles
schaffe!«
»Nein, Meisterin, Ihr könnt nur zu gutem Schaffen anregen.«
»Schweig still und bring mich nicht noch mehr auf! Deine sanfte Rede
achte ich keine Bohne wert, wenn du kein getreuer Knecht bist, der für
die Ehre der Wirtschaft sorgt. Was soll nun daraus werden? Kennst du
die Sühne, die auf unrechtes Brotgewicht steht?«
»Ich kenne sie, Meisterin; es ist die Bäckerschupfe. Doch nehme
ich die Strafe willig auf mich und gehe für Euch gerne ins Wasser,
der ich für Euch lieber durchs Feuer ginge. Was ist auch in dieser
Sommerzeit schlimmes um ein Bad in der Mur? ich lasse mich gerne da
hineinschnellen, und lachen die Leute, so lache ich mit. Weiß ich doch,
daß Euch damit alles wieder ins gleiche gebracht wird, was durch dieses
mein leidiges Versehen verschuldet wurde.«
»So? Du willst die Strafe für mich auf deinen Leib nehmen?«
»Das ist mir eben und recht, Meisterin.«
»Das mag nicht sein, Jost. Du könntest dich im Wasser erkälten, denn
du bist ein überaus zierlicher Geselle. Mir wäre leid um dich. Das muß
Heinrich Harer, der Altgeselle, tun, nicht du.«
»Aber, Meisterin, wenn ich mich der Sühne mit Herzenslust unterwinde
um Euretwillen und um meines eigenen Fehles willen, was habt Ihr
dawider? Ich bitte Euch, so Ihr mir Gunst erweisen wollt, einem, der
Euch immerdar getreulich zu dienen hofft, -- so laßt mich tun, wie ich
gesagt habe.«
»Nein, das mag nicht sein, Jost. Um dich wär' mir bange, daß du dich zu
rasch erkühlen könntest. Heinrich ist härter als du, und mag sich dem
billig unterwerfen. Laß es dir gesagt sein und widerrede mir in nichts,
soll ich dir fürder gut sein.«
Und ihre hellen Augen lachten ihn an, ob freundlich, ob spöttisch, daß
wußte er nicht zu deuten; doch war er zufrieden mit sich.
Sie aber dachte: »Wer gibt mir einen gesunden Rat, wie ich Heinrich
Harer dazu gewinnen möchte, daß er mir gehorsam sei?«
Und als dieser aus der Mühle heimkam, rief sie ihn freundlich in ihre
Stube und hieß ihn, sich nahe zu ihr setzen, weil sie um eine wichtige
Sache mit ihm Rat zu pflegen hätte. Sie teilte ihm zuvor das Ereignis
haarklein mit, um zu sehen, wie er sich dazu verhalten würde.
Heinrich sprach: »Das ist uns ein Schade und ein Spott. Wie konnte sich
Jost also vergessen? Was hat ihm so kläglich den Sinn verwirrt?«
»Was ihm den Sinn verwirrt hat, Heinrich, wie soll ich das wissen?
Doch ist geschehen, was nicht zu ändern ist. Aber wenn du mir hilfst,
so habe ich nimmer Sorge um mein Leben. Du sollst dich für mein Haus
und Gewerke der Sühne unterziehen, und alles wird wieder eben sein wie
vorher.«
»Ich? Was sagt Ihr? Das soll Jost tun. Wer kann mich des verübten
Fehlers zeihen?«
»Niemand. Aber wenn du die Strafe um meinetwillen auf dich nimmst, so
bist du mein Stellvertreter und gibst mir in meiner Bekümmernis ganze
Freude, Heinrich.«
»Meisterin, wie könnt Ihr verlangen, daß ich ins Wasser geschnellt
werde um etwas, was ich nicht begangen habe, und daß ich dann in
törichter Weise umhergehen soll? Das wäre mir leid.«
»Heinrich, mir liegt es am Herzen, daß ich kein Leid an dir sehe; aber
auch du sollst mich aus meiner Kümmernis erretten und mein Gewerk
wieder frei machen dadurch, daß du dich fügest. Laß dich den Spott
der Leute geringe achten; du bleibst nach wie vorher ehrlich und hast
meinen Dank gewonnen.«
»Nein, Meisterin.«
Da seufzte sie und sprach:
»Ach, ich armes Weib, wie freundlos und verlassen stehe ich in der
Welt, und niemand nimmt sich meiner an.«
Und eine Träne blinkte in ihrem Auge.
Da ward Heinrich bewegt und sagte:
»Meisterin, Ihr tut mir unrecht!«
»Nein; da hast du meine Hand, ich will nichts von dir begehren, was dir
unmöglich dünkt zu erfüllen.«
Sie reichte ihm die Hand, die sie lind in die seine schmiegte, und in
ihrem blauen Auge blinkte noch immer die Träne, als sie sich bekümmert
gegen ihn neigte, und er vermeinte das warme Blut ihres jungen Leibes
gegen sich rauschen zu hören; doch war es nur sein eigener Herzschlag,
der rascher ging. Und da geschah es, daß er plötzlich einen leisen,
feinen Duft einatmete, der ihm überaus köstlich schien; der kam
aus dem verschlossenen Kasten, in welchen Frau Walburga die Vase
gestellt hatte, die Heinrich vom Meister Spittler, dem Deutschherren,
bekommen hatte. Ohne daß er wußte woher, stieg es wie eine bezaubernde
Zufriedenheit in seinem Herzen auf; sein dunkler Blick, der noch immer
nach der Träne in der Meisterin Auge sah, erglänzte wärmer, und er
dachte:
»Wer mag ihr widerstehen, so sie bekümmert ist und holdselig wie nie
vorher! Sie wirrt mir beinahe den Sinn.«
Und er sprach: »Meisterin, sei es Torheit oder nicht: ich will tun, was
Ihr mich heißet.«
Da dankte sie ihm mit Lächeln und freundlichen Worten:
»Wohlan, du treuer Knecht, du hast es um mich verdient, daß ich dich
immer in Ehren halte. Nun geh an deine Arbeit! ich will es dem Meister
Graswein vermelden, daß du als mein Stellvertreter die Buße auf dich
nimmst.«
Heinrich ging, und als er aus dem Bereiche des jungen Weibes gekommen
war, sprach er: »Du hast dich in einen törichten Handel eingelassen,
Geselle; aber wer war noch nie ein Tor, so ihn ein Weib dazu machen
wollte? Das hörte ich immer sagen und habe es nun an mir selber
erfahren.«
Und er war wieder unzufrieden; denn das Gefäß der Zufriedenheit besaß
Frau Walburga.
Sie aber ging zu Meister Graswein und teilte ihm mit, daß Heinrich
Harer ihr Stellvertreter sei. Das lobte der Zunftmeister und hielt
Heinrich für den rechten Mann, Haus und Ehre zu behüten, welche
letztere nach vollzogener Sühne wieder hergestellt sein werde. Weil
Heinrich sich mit gutem Willen ihres Dienstes bisher immer beflissen
habe, so sei er es wert, Gunst von ihr zu empfangen. »Und ist er erst
dein trauter Ehewirt, so wird er noch deine Habe mehren, liebe Tochter,
obzwar dein Anwesen schon jetzt stattlich ist und du des guten Ackers
vor dem Tore und des Weingartens am Rosenberge nicht entbehrst, wie ich
weiß. Das sei dir auch herzlich gegönnt, daß du dich wieder mit einem
guten Meister deines Lebens freuen magst, denn dir jungem Weibe ziemt
solches gar lieblich, wenn auch deine Wange noch mehr erröten wird, als
wie jetzt, da ich dieses in Ehren sage.«
»Aber, Vater Graswein,« sprach sie, »wie denkt Ihr gleich so vieles!
Behüte mich Gott, daß ich etwas übereilen sollte, was noch lange nicht
so nötig ist, als Ihr meint. Habe ich gesagt, daß mein Knecht Heinrich
mir so zu Gesichte steht, daß ich nicht an ihm vorbeiblicken könnte?
Ach, da müßte ich verunehrt sein, und mein guter Ruf wäre geschmälert!
Das sollt Ihr nicht denken, Meister Graswein.«
»Nun, nun, Tochter!« begütigte er sie; »das wird sich alles zur Zeit
fügen, und ich gedenke bald fröhlich zu sein, nämlich, wenn du Hochzeit
hältst.«
»Das wird noch lange nicht sein,« sagte sie und lächelte dem Altmanne
freundlich zu, der ihr auch bedeutungsvoll zunickte, und so schieden
sie.
Heinrich aber wartete mißmutig auf den Tag, der ihm von den
Zunftältesten, die zur Frist Morgensprache an der Lade hielten, mit
Spruch und Forderung bestimmt wurde, für die Verletzung der Brottafel
in herkömmlicher Weise zu büßen. Es war der St. Jakobstag, und zwar
zur Zeit des Sonnenunterganges, da die Bäckerknechte, die an ihm das
Urteil vollstrecken sollten, Feierabend hatten.
Zur bestimmten Zeit bewegte sich denn der Zug mit dem armen Sünder in
der Mitte, von einem großen Haufen Volkes geleitet, vom Zunfthause
im Sacke aus durch das innere und äußere Murtor bis zur Brücke und
schwenkte nach rechts in den Wehrgang ab, der zwischen Strom und
Ringmauer lag. Dort war der Schneller errichtet, in dessen Korb sich
herkömmlicherweise der notdürftig bekleidete Büßer setzen mußte, um in
die Mur geschnellt zu werden. Dann wartete seiner ein Nachen im Wasser,
um ihn herauszufischen; und darauf kam der allerspöttlichste Schluß der
peinlichen Handlung, indem der getauchte Sünder durch die Gasse der
johlenden Volksmenge heimrennen mußte, um sich zu trocknen.
In solcher Weise begann denn auch jetzt das Schauspiel und nahm seinen
Verlauf.
Heinrich setzte sich in den Korb, versuchte zu lächeln und blickte
finster. Die Stange des Schnellers stand schräg über den Strom geneigt;
die Seile, welche in den Rollen gingen, wurden angezogen und der Büßer
schwebte hinan; dann ließen die Knechte die Seile plötzlich fahren
und der Korb mit dem Insassen wurde dermaßen in die Flut geschnellt,
daß die Woge darüber hinwegrauschte und kein Haar am Kopfe des Büßers
sichtbar blieb.
Alsogleich begannen sie den Korb wieder emporzuwinden, der Nachen
war bereit, um den Getauchten aufzunehmen; aber da war das Unerhörte
geschehen: ein Schrei des Staunens und des Entsetzens erhob sich, denn
der Korb war leer. Hatte der Darinsitzende sich nicht an den beiden
Henkeln festgehalten, oder geschah es durch andere Ursache, genug, die
Woge hatte ihn mitgerissen, er war fortgespült worden: Heinrich Harer
war verschwunden.
Die Sonne war hinter dem Frauenkogel untergegangen, der Strom floß halb
im Dämmer, halb im Lichte des Abends dahin, und wie auch alle spähen
mochten, kein menschlicher Leib war fernab in der Flut zu erblicken.
Ausrufe des Bedauerns und der Klage erhoben sich laut und lauter: »Er
ist tot! er ist dahin, der wackere Heinrich ist verschwunden. Die Mur
trägt seinen toten Leib nach Wildon hinab!« Nur einige besonnene Männer
meinten, daß Heinrich unter dem Wasser davongeschwommen sei.
Dieses glaubte auch Jost Seydlin, dem es bekannt war, daß sein Geselle
trefflich schwimmen und auch eine beträchtliche Strecke unter dem
Wasser den Atem an sich halten konnte, wie er es gesehen hatte, wenn
jener in Leuzendorf an der Mühle zu baden pflegte. Freilich schien ihm
die Sache nicht geheuer, denn er dachte: Heinrich ist stark, aber die
Mur ist doch stärker; und da er sich die Schuld an dem ganzen Ereignis
zumessen mußte, so ward sein Herz bedrückt. Doch entschlug er sich
wieder bald der Sorge, indem er allen, die umherstanden, sagte: »Sorgt
nicht! Heinrich, der kühne Geselle, geht nicht unter. Das hat er mit
freiem Willen getan, um nicht gebadet wie eine Maus unter dem Spotte
des Volkes heimrennen zu müssen. Das glaubt mir!«
In gleicher Weise suchte Jost Frau Walburga zu beruhigen, die tödlich
erschrocken war, als sie zu Hause das Ereignis vernommen hatte,
und zunächst in Klagen ausbrach, dann Jost des ganzen Handels zu
beschuldigen anfing, so daß er zerknirscht von dannen schlich, jedoch
zwischen den Zähnen immer noch murmelte: »Ich verwette meinen Kopf, daß
Heinrich heil davongekommen ist.«
Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, die Bürger der Stadt hatten
den Fall sattsam besprochen und dann ihre Haustüren geschlossen und
sich zur Ruhe begeben. Frau Walburga jedoch konnte keinen Schlaf
finden; sie saß einsam in ihrer Stube und klagte und rang mit Angst
und Hoffnung. Es war dunkel um sie; kaum sandte von außen der halbe
Mond etwas Licht herein, der gegen Westen am Himmel stand, und dunkel
war ihr Herz und kaum von halber Hoffnung durchleuchtet.
Sie dachte: »Seh' ich Heinrich noch einmal in meinem Leben wieder, so
will ich ihm alles Gute, was ich vermag, erweisen, ich armes Weib!
Ist es aber, daß er gestorben ist, dann will ich keine Freude mehr im
Leben haben. Hilf mir, heilige Walburga, mit deiner Fürsprache, und
ich will dein Andenken mit zwei der schönsten Wachskerzen minnen, die
Meister Sebald, der Lebzelter, in seinem Laden hat! Auch will ich an
der Kirchtüre den Armen durch drei Wochen teilen, so viel ihrer dort
stehen, das gelobe ich dir!«