Die Rebenbäckerin.
Frau Walburga, Meisterin ihres Hauses und eine jugendliche Witwe,
war nicht ganz so schlank wie die Reben, die sich an ihrem Fenster
emporrankten, aber sie war blond, rosig, rundlich und ein hübsches
Weib. Sie hieß auch die Rebenbäckerin, und nahrhaftes braunes und
weißes Gebäck ging aus Stube und Laden hervor, die Käufer anzulocken
und die Nachbarschaft zu versorgen. Sie wohnte in der alten Stadt Graz,
nahe der südlichen Ringmauer und lebte unbeengt und ungekränkt, es sei
denn, daß ihr die Ermahnung der Zunftmeister, sich baldigst wieder
zu verehelichen, zuweilen Sorge schuf. Jedoch erkannte sie es selber
als billig und ordnungsgemäß, daß die ehrsame Bäckerinnung wieder
vervollständigt werde und daß sie, Frau Walburga, sich ein Haupt und
einen Meister in nicht zu ferner Zeit erwählen müsse. Zwar besaß sie
einen Altgesellen, der Heinrich Harer hieß und ihres Gewerkes redlich
und emsig pflog, und der ihr nicht übler dünkte als ein anderer Mann,
von dem es im Hinblick auf das Weib heißt: er soll dein Herr und
Meister sein. Allein dieser Geselle hatte unterschiedliche sonderbare
Eigenschaften, so daß sie sich nicht entschließen konnte, ihn zu einem
vertrauteren Umgange zu ermuntern. Denn er mochte weder seine eigenen
Guttaten ins rechte Licht setzen, noch die Vorzüge anderer nach Gebühr
würdigen und war infolgedessen unfreundlicher, als es sich in der Nähe
eines jungen Weibes geziemte, das von der Zunftobrigkeit verhalten
wurde, sich nach einem passenden Ehewirte umzusehen. Und da sie es als
den Brauch ihres Geschlechtes erkannte, dem Manne ein begehrtes Glück
zu spenden, und dieses Gesellen Herz nicht gläubig genug schien für
die Offenbarung eines solchen: so blieb sie die Meisterin und er der
Knecht. Sie zuckte die Achsel, wenn sie seiner in der einsamsten Stunde
gedachte, und schüttelte den Gedanken an ihn wieder ab. Das Gewerke
jedoch gewann unter seiner Obhut eine günstige Ausbreitung, und dessen
war sie wohl zufrieden.
Dann grüßte sie noch ein zweiter Geselle im Hause als Meisterin.
Dieser war um einige Jahre jünger als Heinrich Harer, gehabte sich
meistens wohlgemut, dankte dem lieben Herrgott für das Leben und alles
holdselige, was darin sprießt, gar herzlich und schätzte demgemäß alles
nach rechtem Verdienste; auch war er mit sich selber nicht unzufrieden.
Er hieß Jost Seydlin.
Die beiden Gesellen hielten gute Kameradschaft miteinander, und Frau
Walburga war auch damit wohl zufrieden.
Zuweilen dachte sie: »Wäre Jost, der wohlgemute Mann, mein Altgeselle,
so würde sich +das+ leichter fügen, was ich einmal zu tun verhalten
bin; denn er ist hellen Angesichts und klaren Gemütes und würde sich
leichtlich zu mir finden, sobald ihm nur mein Auge ein wenig zusprechen
wollte in aller Züchtigkeit und ihm sagen, daß seine Art mir nicht
zuwider sei; aber so ist er es nicht, sondern Altgeselle ist Heinrich
Harer, der weiß nicht zu schätzen, was ein braves Weib wert ist.«
Beide Gesellen waren von guter Herkunft und im Unterlande geboren,
Bürgersöhne, deren sich keine rechtschaffene Frau zu schämen brauchte,
um mit einem von ihnen nach abgelegtem Witwentuch im hellen Gewande
jugendlich und rosig zur Kirche zu gehen. So schaltete Frau Walburga
denn über beide und über alles andere Gesinde als Haupt im Hause und
mußte noch zur Zeit vergessen, daß über des Weibes Leib des Mannes
Haupt ragen soll.
Eines Tages ging sie eine weise Frau um Rat fragen. Diese wohnte im
Davidgäßchen und war kundig eines tiefen Blickes in verborgene Dinge.
»Sag mir an, gute Frau,« sprach die Meisterin, »was du von meinen
künftigen Tagen zu wissen vermagst. Was mir zu Troste geschehen kann,
das will ich gerne von dir hören und dir's auch herzlich lohnen, wenn
es zutrifft.«
»Komm wieder am dritten Tage,« sprach die weise Frau.
Und als sie wiedergekommen war, empfing sie den Bescheid: »Du wirst,
ehe das Jahr sich neigt, mit einem Manne zur Kirche gehen.«
»Ein Mann! ist das alles?« lachte die Meisterin; »und wie beschaffen
ist er, mit dem ich zur Kirche gehen soll?«
»Wie einer, der sich alles holden zu seiner lieben Ehefrauen versehen
mag und ihr redlich vergilt, was sie ihm treulich gewährt: so daß du
dich ihm unterschmiegen und dein Haupt an seiner Brust bergen kannst.«
»Das soll mir nicht zum Untroste geschehen, Frau Monika,« sprach die
Meisterin mit Erröten, »wenn es in Züchten nach dem Gebote der heiligen
Kirche über mich erfüllt wird. Aber welcher Gestalt hast du ihn
gesehen? Ist er braun oder blond?«
»Ich habe sein Bildnis nur zu nächtiger Weile gesehen, und da war es
nicht zu erkennen, ob ihm brauner oder blonder Bart um die Lippen
sproßt; aber es ist ein stattlicher Mann, das kann ich dir höchlich
beteuern. Laß dir damit Genüge sein.«
»Das will ich,« sprach die Meisterin, lohnte der weisen Frau und
ging mit erleichtertem Herzen heim. Als sie über die Herrengasse
schritt, kam ihr die Stadtwache mit Pfeifen und Trommeln entgegen, und
es gab einen hellen und freudigen Schall. +Den+ nahm sie zur guten
Vorbedeutung und lächelte, so daß ihr Antlitz überschienen ward und die
Vorübergehenden sagten: »Seht, Frau Walburga, die Rebenbäckerin! Das
ist ein junges Weib, das manchem Manne guten Mut geben könnte.«
Sie aber schritt weiter und dachte: »Wen erblicke ich zuerst, wenn ich
ins Haus komme? Das will ich mir merken.«
Aber sie erblickte einen, bevor sie ins Haus kam. Denn vom Dache
schien etwas Weißes herab, wie eine Gestalt, und als sie nahe gekommen
war, blickte sie erstaunt hinan und rief: »Was tust du auf dem Dache,
Geselle Heinrich?«
Er antwortete von oben her: »Eine Krähe rupfte das Gras zwischen den
Schindeln aus, und einige morsche sind schon herabgefallen. Da rupfe
ich das Gras selber aus und lege neue Schindeln an die Stelle von
denen, die herabgefallen sind.«
»O du weiße Krähe!« sprach sie lachend, »wie du fürsorglich bist für
mein Hausdach!«
[Illustration]
Sie sah, wie sicher er sich auf seinem hohen Sitze gehabte, und
dachte bei sich: »Herr Mennhart, mein seliger Ehewirt, hätte das
Stücklein da oben nicht ausführen können, denn er keuchte schon, wenn
er die Treppe hinanstieg, und die Leiter hätte ihn nicht getragen. Ich
armes, junges Maidlein, als ich zu ihm mit dem Brautkranze kam, war er
schon ungefüge. Nun habe ihn Gott selig!«
Sie ging ins Haus und da kam ihr Jost Seydlin entgegen, grüßte sie
freundlich und sagte, daß er alles wohl verrichtet habe und daß das
Gebäck schön geraten sei.
Sie lobte ihn und sprach: »Du tust allezeit, wie es einem guten Knechte
geziemt, Jost!« und ging in ihre Stube. Dort sann sie darüber nach,
wie es sich wohl fügen möchte; denn sie hatte Heinrich Harer zwar
zuerst erblickt, aber nicht im Hause, und Jost Seydlin war ihr zwar
im Hause begegnet, aber sie hatte ihn nicht zuerst gesehen. Das schuf
ihr manches Bedenken den Tag hindurch, bis sie sich zur Ruhe legte. Da
wollte sie acht haben auf das, was sie träumen werde, und entschlief
mit einem kleinen Seufzer.
Am andern Morgen erwachte sie frisch und erzählte sich von ihrem Traume
nicht viel; aber sie sah in ihrem Handspiegel, daß die Wange rot war,
wie es sich für eine junge Frau geziemte. Dann ging sie hinab in ihrem
dunklen Kleide, über welches die blonden Haare aus dem Kopfbunde
hervorglänzten, rief Heinrich Harer und befahl ihm alles, was am Tage
zu schaffen war. So sagte sie auch: »Geh' hinaus zu den Deutschherren
am Leech und lege die Reitung[25] vor um das Brot, das wir ihnen die
Zeit her geschickt haben. Sie wollen nämlich die Abrechnung für das
vergangene Vierteljahr, und bringe das Geld heim. Aber von morgen an
schickst du mehr hinaus als bisher, wie dieser Zettel hier besagt, denn
sie sind zufrieden mit unserer Art und bestellen auch Weißgebäck für
Herrentisch und Siechensaal.«
Darauf ging Heinrich in seine Kammer, legte die Rechnung und zog seine
blaue Sonntagsjoppe an, strich sich das dunkle Haar zurecht und machte
sich auf den Weg. Bald schritt er durch das südliche Stadttor hinaus
und ließ sich die sonnige Luft um Stirn und Schläfen streichen. Wenig
acht hatte er der Blumen, die aus dem Grase lugten; doch als er auf
den grünen Anger kam, da war ein Teich und es flog ein Storch auf, der
erregte seine Aufmerksamkeit. Und wie das schon kommt, spann er seine
Gedanken fort, als er weiter schritt:
»Wer unter eigenem Dache sitzt, sprach er, hat es gut; er erfreut
sich an Weib und Kindern, ist Stadtbürger und die Leute schenken ihm
Achtung. Er legt seinen Fleiß daran, seine Habe redlich zu mehren, und
sein Wort gilt viel in der Zunft, wenn er zu reden anhebt. Wird er alt,
kann er eine Tochter aussteuern oder einen Sohn in die Fremde schicken,
auf daß er sich die Welt mit eigenen Augen betrachte. Kommt dann die
Zeit, so sagt er sich: ›Das ist ein gutes Tagewerk, wo das Leben mit
Arbeit vollbracht ward. Auch hab' ich leidlich gut Gemach all meine
Tage gehabt und meinen Leib mit Ehren gefristet. Das hat Gott immerdar
für mich gewaltet, weil ich seines Rates in Demut gepflegt habe nach
der Stimme des Gewissens!‹ Also möchte einer sagen und wäre zufrieden.
Ich aber bin ein solcher Mann nicht, weil ich mir nicht getraue, an
etwas mich herzlich zu freuen, aus Furcht, daß es nicht anhalten und
allzu rasch verschwinden werde. Täusche ich mich jedoch darin, so will
ich es meinem lieben Herrgott im Himmel immerdar danken.«
Und er blickte in den blauen Himmel hinauf und machte ein ernsthaft
Gesicht, das gar finster aussah. Das bemerkte der Pförtner noch, als
Heinrich am Leech angelangt war und in das Haus der Deutschherren
schritt; denn jener sprach:
»Geselle, schenkst du mir einen guten Tag, so mache keine bösen Falten
dazu. Du hast noch eine glatte Stirn; warte, bis die Zeit dir die
Jahre, die du ihr schuldest, in Kerben einschneidet. Das wird sie
getreulich tun, so dir wie mir, der ich alt bin. Doch ist mir ein
fröhlich Antlitz willkommener denn eines, worüber der Schatten eines
Raben geflogen ist.«
Da lächelte Heinrich ein wenig und erwiderte: »Bruder Stockald, Ihr
seht mehr, als ich Euch zusprechen kann; denn ich bin ein fröhlicher
Bursche, der immer sagt: Nimm's, wie du's findst. Und find' ich Euch
wohlgemut, so verdrießt es mich nicht, das weiß Gott.«
Und er schritt hinein zum Kastner, legte seine Rechnung und empfing das
Geld.
Als er wieder in den Hof kam, sah er durch das Gatter den Gartenmeister
in den Beeten schaffen und Pflänzlinge einsetzen. Dieser rief ihn zu
sich, und Heinrich ging in den Garten und gesellte sich auf eine Weile
dem freundlichen Manne und sprach: »Bruder Pilgram, Ihr schafft rüstig!«
»Wie sollte ich nicht, Geselle Heinrich! Scheint doch die Sonne, das
Erdreich ist warm und feucht, und der Brodem, der aufsteigt, duftet mir
ins Herz. Noch liegt der Schnee auf der Kuppe des Schöckels und die
Gleinalpe ist weiß, doch auf dem Rosenberge grünt es, und es blüht in
den Tälern. Arbeit schafft uns Zufriedenheit. Nimmt dich das wunder?
So lange du wirkst, lebst du: das sag einer dem andern.«
»Jawohl. Seid Ihr auch glücklich, Bruder Pilgram?«
»Was heißt das, glücklich, mein Geselle? Ich bin ein alter Mann und
tanze nicht mehr. Hab' auch wenig im Leben getanzt. Ich habe Genügen;
das ist alles. Beginnt es zu sprossen, so lebe ich jedes Frühjahr aufs
neue auf mit meinen Pflegekindern, den Pflanzen vielgestalteter Art.
Man sagt: der tanzt gut, dem das Glück aufspielt; aber der schreitet
geruhig, der den Tanzlärm weit im Rücken hat, wie ich, und mit keinem
wüsten Kopfe zu Bette geht, wenn das Spiel aus ist. Mit mir hat es in
all diesen Tagen keine Not mehr. Du aber, Geselle, magst noch tanzen.«
»Das ist wahr, Bruder Pilgram. Wo ich vor mich hinschaue, da wächst ein
Tanzboden heraus. Meint Ihr nicht?« Und er lächelte ein wenig.
Darauf sprach jener: »Sei nicht vorlaut, mein Geselle. Dein Kopf steht
immer zwischen den beiden Achseln, wo du auch hinschauen magst. Du
bleibst der gewisse Heinrich Harer. Und ist in deinem Kopfe klarer
Wein, so kannst du das Leben genießen. Sage nur niemals: Wann hab' ich
nicht gewollt, dann hab' ich gesollt; und alles ist gut.«
Er setzte den Fuß auf die Gartenschaufel, grub in die Erde und warf
die dunkle Scholle auf. Da splitterte etwas unter dem Grabscheite, und
es waren Scherben, die in der Erde lagen.
»Siehe da,« sprach er, »tönerne Scherben!«
Er bückte sich, las die Bruchstücke auf und warf sie zur Seite.
»Das mag lange in der Erde gelegen haben. Oftmals schon stieß meine
Schaufel auf solch irdenes Geräte, und viele solcher Gefäße stehen
unversehrt im Hause. Die hat der Spittler an sich genommen und verwahrt
darin allerlei, was er zu Heilmitteln für die Siechen zusammenstellt
oder braut. Siehe, da ist wieder so ein Ding!«
Er hob eine kleine Vase auf und reinigte sie von der feuchten Erde, die
daran klebte.
Das Ding mit dem schlanken Leibe und dem zierlichen Halse gefiel dem
Gesellen gar wohl, und er sprach: »Wenn ich es hätte, das Gefäßlein,
ich wollte es mir verwahren.«
Und der Gartenmeister erwiderte: »Trag es dem Bruder Spittler hinauf,
vielleicht schenkt er es dir, denn er hat schon viel davon auf dem
Gesimse seiner Arzneistube stehen.«
Das ließ sich Heinrich gesagt sein, nahm das fremdartige Ding und begab
sich damit zum Spittler hinauf. Dieser war ein leutseliger Herr und
hörte das Anliegen des Gesellen mit Vergunst an. Er sah ihm freundlich
ins Antlitz und sprach dann schalkhaft:
»Heinrich Harer, ich habe dir schon längst etwas Gutes zugedacht, weil
dein Gebäck uns ohne Tadel zu Hofe kommt. Dies nun hier ist ein gar
wundersames Gefäß, das du mir gebracht hast, und dein guter Geist hieß
es dich von mir begehren. Denn es stammt aus grauen Zeiten und ward aus
dem heiligen Lande nach der Stadt Rom getragen. Und da die Römer vor
vielen, vielen Jahren auch hier hausten, so haben sie es in der Erde
zurückgelassen und verborgen wie ein seltenes Gut. Aber zum Schatze
soll es erst für dich werden durch das, was ich hineingeben will,
nämlich etwas Geheimes, was ich aus dem heiligen Lande mitgebracht
habe: etwas von einem köstlichen Elixiere. Und so lange du es
besitzest, wirst du zufrieden sein. Das merke dir.«
Und er ließ den erstaunten Heinrich stehen, ging in ein Nebengemach und
kehrte nach einer Weile mit dem Gefäße zurück. Das war nun mit einem
dichten Stöpsel versehen, und etwas wie ein lieblicher Rosenduft stieg
daraus empor, trotzdem es sorglich verschlossen war.
»Da nimm, Heinz. Du trägst nun die +Zufriedenheit+ nach Hause, die ist
in diesem Gefäße verschlossen. Verwahre es wohl und öffne es niemals,
sonst fliegt sie dir davon.«
Er entzog sich dem Danke des Gesellen, der zufrieden mit seinem Schatze
in die Stadt zurückging. Zu Hause gab er das empfangene Geld der
Frau Walburga, stieg sodann in seine Stube hinauf und verwahrte das
wundersame Gut gar sorglich in der Truhe, und dachte noch viel darüber
nach, daß er nun die Zufriedenheit bei sich geborgen habe und allen
Übeln, die ihn sonst angefaßt, hinfürder stattlich begegnen könne.
Er spottete zwar selber über sich und sprach: »Herz, stelle dich
ungebärdig, wie du willst, du hast nun die Zufriedenheit!« betrachtete
jedoch das Ding mit Scheu, und der Wohlgeruch, der daraus emporstieg,
behagte ihm auf seltsam liebliche Weise.
Seinem Mitgesellen Jost Seydlin aber konnte es nicht lange verborgen
bleiben, daß etwas aus der Truhe heraus die Kammer durchduftete,
und Heinrich teilte ihm auch mit, daß er ein kleines Töpfchen von
Meister Altfried, dem Spittler bei den Deutschherren, bekommen habe
und daß er es niemals öffnen dürfe; aber von der geheimen Kraft der
Zufriedenheit, die darin verborgen war, berichtete er nichts, weil er
selber nicht ganz daran glaubte und doch sich scheute, seinen Unglauben
zu verlautbaren.
Dem Jost Seydlin gefiel das Ding, als er es ihm zeigte, gar wohl, und
er begehrte es selber zu besitzen. Doch um Geld war es nicht feil und
Jost Seydlin sprach mitleidig: »Das ist etwas für ein Weib, das eine
feine Nase hat; was willst du damit, Heinz?«
Worauf jener erwiderte: »Daß ich es besitze, dessen bin ich zufrieden.
Da sollst du nichts dawider haben, Geselle Jost. Ich will mich an
seinem Geruche so lange erlaben, als ich zufrieden bin.«
Und er lächelte ein wenig, als er so sprach.
Jost ließ es dabei bewenden, denn er war gutherzig und mochte sonst
auch jedem gönnen, was einer besaß.
Da geschah es aber, daß ein Gesellenschießen des Montags auf Pfingsten
stattfand und die Innungen auf die Morellenwiese mit Armbrust und
Zielbolzen hinauszogen. Heinrich Harer und Jost Seydlin waren
auch dabei und wurden in die Rotte der Bäcker, Müller und Metzger
eingeschrieben.
Es war ein gar festlich und fröhlich Treiben auf der Wiese, und viele
bewährten sich als gute Schießgesellen, die um die ausgestellten
Kleinode warben. In aufgeschlagenen Zelten saßen die Frauen und
Mägdlein wohlgeschmückt, in festlicher Tracht, und sie ergötzten sich
ehrsam und lobten jeden trefflichen Mann. Auch die alten Meister
saßen beim Pfingstbiere und Weine inmitten ihrer Sippe als Häupter,
lobten Sankt Martin, indem sie sich gütlich taten, und sprachen sich
zustimmend aus über jeden gelungenen Schuß; denn es war eine gute
Gesellenschaft zusammengeströmt, die mochte jedweder Innung zum Frommen
sich reichlich Lob verdienen.
Der Abstand von den Scheiben ward bis zu 140 Schritten abgemessen, und
jeder mußte ehrlich mit schwebendem Arm und aufgereckt schießen, wie es
die Satzung gebot. Heinrich Harer und Jost Seydlin hielten sich wacker:
die Zielbolzen, die mit ihren Namen bezeichnet waren, staken zumeist
im innersten Zirkel der Scheibe. Endlich traf Heinrich zweimal den
Nagel und war nahe daran, den ausgesetzten Preis von drei Goldgulden zu
gewinnen.
Da sprach Jost Seydlin zu ihm: »Geselle Heinz! wenn ich dreimal den
Nagel treffe unter den neun Schüssen, die mir noch bleiben und dir den
Preis entraffe, was wirst du dazu sagen?«