Pilgrime.
Da sah ich kürzlich in einer Sammlung japanischer Beinschnitzereien
unter den vielen kunstvoll gearbeiteten Gegenständen auch ein
entzückend hübsches elfenbeinernes Figürchen, das den schlauen Meister
Reineke als Pilger darstellte, wie er, eingehüllt in einen Mantel
und die mit dem Pilgerstab versehenen Hände vor dem Leibe gekreuzt,
barfüßig auf dem Wanderwege Halt macht und sich eben wieder einmal
umsieht, ob keine Augen in der Nähe wachen.
Er wird, das merkt man seinen Mienen schon im voraus an, sich herzlich
satt lachen, wenn er sich unbehelligt weiß, oder er wird, sofern etwa
eine alte Frau oder eine junge, die sich an seiner Gottseligkeit
erbauen wollen, vorbeikommen, das Haupt noch tiefer herunterfallen
lassen und die Züge noch mehr verklären und mit schönen Lichtern
begießen.
Und jetzt fallen einem ganz von selber alle die alten Geschichten
wieder ein. Und man denkt wieder sofort daran, wie der Spitzbube
sich gar einmal als Beichtvater vermummte und im Dämmer der
Adventszeit einen Dom entheiligte und daselbst Männern und Frauen
und Kindern und Nonnen und Kapuzinern die Beichte abnahm und eines
jeden Gewissen erforschte und einem jeden seinen Zuspruch erteilte
und von allen Sünden lossprach und eine gehörige Buße auferlegte. Es
ist selbstverständlich, daß er so nebenzu auch an die eigene Seele
dachte und die gute Gelegenheit nicht ohne Nutzen gebrauchen wollte.
Befahl er doch einem bekannten Weinhändler, der immer den Wein
verbesserte, weil ihm der Regen unseres Herrgotts nicht genügte, zur
heilsamen Buße einen großen Korb Weintrauben bei Nacht und Nebel nach
einem stundenweit entfernten Walde zu tragen und dort am Fuße der
sogenannten Geistereiche niederzulegen. Auch forschte er einen reuigen
Rentner, der ihm bekannte, er hätte bei einem Gansessen des Guten ein
bißchen zu viel getan, so lange aus, bis er wußte, wieviel Gänse der
Geflügelstall noch beherbergte und wann die Magd des Abends schlösse
und des Morgens wieder öffnete. Es ist ja auch nichts Neues, daß er
dann beim Bekenntnisse einer schon angejahrten Jungfer laut auflachte
und die Füße unterm Rock vorstreckte und auf diese Weise entlarvt und
vom Meßner fortgeprügelt wurde. --
Das sind die alten Geschichten, die, wie die hübsche Elfenbeinfigur
bestätigt, auch den Japanern und wohl auch anderen Völkern nicht fremd
bleiben konnten. Solche Streiche hat nun der Schreinermeister Lorenz
Daisenrieder nie ausgeführt. Das leuchtet ohne weiteres in die Augen.
Aber Schloßverwalter des Schlosses zu Wittenberg hätte er doch einmal
gar zu gerne werden mögen und wäre es beinahe auch geworden, wenn
jene unglückselige Wallfahrt, die hier erzählt werden soll, nicht so
übel geendet hätte. Übrigens war wieder einmal seine Frau Mechthilde
an allem schuldig gewesen. Das war so die Regel. Und er hätte es
eigentlich wissen können.
»Lorenz,« hatte sie abends im Bett zu ihm gesagt, »wenn ich du wäre,
Lorenz, tät ich schon lieber meinen Kopf durch ein Schloßfenster
hinausstrecken als durch ein Schiebefenster, wo du ihn übrigens nicht
mal durchbringst, weil er zu dick ist.«
»Drum hab' ich mich ja bereits an den Laden gelegt,« versetzte er, sich
ein paarmal tüchtig rülpsend.
»Was heißt an den Laden gelegt? Mit dem An-den-Laden-gelegt ist noch
nichts getan. Regen mußt du dich, Lorenz, wenn du es zu was bringen
willst.«
»Petitioniert hab' ich,« sagte er darauf.
»Ach was, petitioniert,« sagte sie.
»Der Graf ist ein Esel. Ganz Wittenberg weiß es. Sonst tät er sich ein
sauberes Weib ein und ließe es sich mit ihr wohl sein.«
»Die alte Schloßverwalterin habe nach dem Tode ihres Mannes ein
Vermögen von dreißigtausend Mark fortgeschleppt, hört man,« erzählte
Frau Mechthilde.
Daisenrieder richtete sich im Bett auf und sagte: »Das finde ich nicht
'mal so viel. Es wird sich einer doch auch noch ein paar Groschen
ersparen dürfen, wenn er sich so und so lange abplagt.«
»Wieviel hast denn du schon erspart?« spottete sie, und es war gut, daß
er ihr Gesicht nicht sehen konnte.
»Drum hab' ich ja auch petitioniert,« versetzte er ärgerlich. »Davon
bist mir jetzt aber sofort still. Sag' lieber, auf welcher Geldbank
hast denn du deinen Profit aufgehoben? Und hast auch dein Papier gut
versorgt? Und bist auch Mitglied der Wach- und Schließgesellschaft,
damit dir niemand deinen Reichtum stiehlt?«
»Der Schloßpastor habe großen Einfluß auf den Grafen, heißt es,«
behauptete sie weiter.
»Der Domänenrat Mehltreter wird wohl auch ein Wort haben,« widersprach
er mit Fleiß.
»Davon hab' ich noch nichts gehört,« beharrte sie, richtete sich
ebenfalls auf und stützte den Rücken mit ihren beiden Kopfkissen. »Wenn
man nur mal den Kaplan für sich hätte, dann ginge es; verlaß dich
drauf.«
»Gestern bin ich dem Grafen begegnet,« erzählte er.
»Wo bist du ihm begegnet?« fragte sie angelegentlich.
»Im Sägewerk natürlich, wo er Tag für Tag aufpaßt und die Stämme zählt
und die Bretter zählt und acht gibt, daß der Wind keinen Splitter
fortweht. Und derweil kriegt sein Geld Füße und verschwindet zu allen
Hintertüren hinaus.«
»Hast ihn doch angesprochen?«
»Nein,« sagte er.
»Das hättest aber tun müssen, Lorenz. Wie kann man so was
vergleichgültigen?« tadelte sie und schlug mit den Händen auf das
bauschige Oberbett. »Guten Tag, Herr Graf, hätt' ich an deiner Stell'
gesagt, guten Tag, mit Verlaub und nichts für ungut, Herr Graf, aber
ich hätt' ein kleines Anliegen, Herr Graf. Nehmen es Seine Durchlaucht
nicht in übel, wenn ich halt so frei war und um die Verwaltersstell'
eingegeben hab', und wenn ich jetzt noch so beiläufig ein gutes Wort
für mich einlege, Herr Graf. So hätt' ich gesagt, wenn ich an deiner
Stell' gewesen wär. Und dann hätt' ich ihm den ganzen Fall gründlich
expliziert.«
»Wenn dir aber der Graf über die Eichenstämme weg davongesprungen wäre,
wie er es mir getan hat, wie hättest du dann gesagt?« foppte er.
»Es gibt nichts anderes, als man wendet sich noch extra an den Kaplan,«
sagte sie.
»Das darfst mich nicht lang' heißen. Das tu' ich schon. Aber das tun
die andern alle auch. Soweit wirst du die Welt kennen,« sagte er und
rülpste sich wieder.
»So meine ich es jetzt nicht, Lorenz,« erklärte sie zutulich und strich
mit den Handflächen über die Bettzieche weg. »Man müßte sich beim
Kaplan nur erst mal gut dranmachen, Lorenz, verstehst du mich, und ihn
für sich gewinnen. Verstehst du mich?«
Daisenrieder aber ließ sich wieder auf sein Kissen zurückfallen, schloß
die Lider und hörte der Frau Mechthilde zu, halb davon träumend, wie
schön es wäre, wenn er die Stelle bekäme, und halb neugierig darauf,
was seine Frau ihm nun wieder für Mittel vorschlüge. Er war übrigens
zum voraus sicher, daß er keines dieser Mittel anwenden würde, sondern
vielmehr ganz seinem eigenen Kopf folgen müsse, wenn er etwas erreichen
wollte.
»Der Herr Kaplan sei jeden Mittag um viere in der Schloßkirche und bete
sein Brevier, hab' ich sagen hören, und ich selber hab' ihn auch schon
dort angetroffen,« sagte sie weiter.
»Jawohl, und was willst du damit?« fragte er aus seinem Dunkel heraus.
»Man müßte die nächsten Tage z. B. mal -- eine Wallfahrt machen,«
rückte sie endlich heraus.
»Jetzt glaub' ich bald, du rappelst, Mechthild'!« rief er aus.
»Man könnte zum Beispiel ganz gut die Stationen beten, und wenn uns
dann noch zufällig jemand vom Schloß sehen tät, wär's auch kein Schaden
nicht. Jetzt, wo das Laub von den Bäumen weg ist, sieht man deutlich
vom Schloß auf den Kreuzweg hinüber,« redete sie aber unbekümmert
weiter. Er lachte immer nur und stieß den Atem so heftig durch die
Nase, als wollte er eine Dampfmaschine nachahmen.
»Und zum Schluß täte man die Aufopferung in der Schloßkirche abmachen.
Da brauchst gar nit lachen, Lorenz. Das wär' noch gar nichts
Einfältiges und auch gar nichts Unrechtes. Und wenn's was nützen tät,
wär's dir so lieb wie mir. Das ist nun mal so: wenn man Wasser will,
muß man zum Brunnen gehen. Auch ist das Wallfahrten noch nie eine Sünd'
gewesen. Und wenn man Gott darum bitten darf, daß man in Himmel kommt,
darf man ihn auch darum bitten, daß man Schloßverwalter wird,« sagte
sie allen Ernstes. »Daß du aber die Stellung so gut wie jeder andere
versehen kannst, wirst mir wohl noch glauben wollen,« schloß sie, an
seine schwache Seite sich wendend.
»Sicher mal so gut oder besser als der alte Schloßverwalter selig,«
sagte Daisenrieder nun ganz ernsthaft.
»Na also, was besinnst du dich dann noch lang?« predigte sie, indem sie
ihr vom hellen Übereifer locker gewordenes Kopftuch festband.
»Das erste wär', daß ich das Einfahrtstor anders anstreichen ließe oder
es selber anstriche. Es ist eine Schand', was das Tor für ein Gesicht
gegen die Straße hin macht,« sagte er. »Und auch die drei alten Eschen
im Hof müßten mir umgemacht werden.«
»Na also!« ermutigte sie ihn.
»Und inwendig im Schloß fehlt es auch da und dort. Eine Schand', solch'
ausgeschlorkte Fliesen, wie sie der untere Flur noch hat.«
»Na, also, siehst du, du hättest doch den Kopf dazu, Lorenz.«
»Was aber eben nicht anders sein könnte, ließe ich natürlich wie es
ist. Denn wenn ich mal Verwalter wär', wär' mir meine Ruh' eben wohl
was wert, verstehst mich? Das kann ich dir gleich zum voraus sagen.«
»Na, also!« rief sie zum vierten Male.
Er drehte sich um und legte sich auf die Seite, sein Antlitz der Frau
Mechthilde zuwendend. »Das Einfachste wär', man tät' die Sach' gleich
morgen nachmittag abmachen. Zur Hildegard oben, die ja doch alles
gewußt haben muß, tät man ganz einfach sagen, man müsse auf eine
Hochzeit oder zur Kindstauf' nach Moosheim. Was meinst?«
»Daß du ganz recht hast, mein' ich,« lobte sie ihn. »Ich sag's ja
immer, es kommt bloß darauf an, daß der Kaplan mal eine gewisse Ansicht
von dir kriegt, und die kann er nur kriegen, wenn er dich sieht. Ein
Kaplan ist in diesem Punkt auch ein Mensch wie wir andern. Und nachher
kannst du dann immer noch bei ihm vorstellig werden und beim Grafen
Besuch machen und beim Domänenrat oder wo du willst. Wenn's nur mal
erst richtig angefaßt ist, das andere kommt dann von selber; verlaß
dich darauf. Aber richtig anfassen muß man es.« Sie wiederholten noch
einigemal, was sie eben gesprochen hatten, und es blieb nun dabei, daß
sie morgen nach dem Mittagessen ihre Wallfahrt ausführen wollten.
Nun war es ganz still in der Kammer, und man hörte draußen einen Hund
dumpf vor sich hinbellen und dann wieder breit hinausheulen.
»Wenn das Viech mal still wär', hätt' ich nichts dagegen,« schalt er.
»Es ist dem Feilenhauer seiner. Wenn du recht nachguckst, hat der
Feilenhauer auch um die Verwalterstell' angehalten. Aber kriegen tut
sie halt bloß einer,« redete sie ihm zu, weil sie wußte, daß er nur
der Stelle wegen auf den Hund so bös war.
Jetzt klingelte das Ladenglöckchen beim Strumpfwirker drüben, und bald
darauf ließ der Nachbar den Rollladen herunter.
»Schon neune,« gähnte Frau Mechthilde in einem langgezogenen hellen
Schwung.
»Wär' wirklich nichts Dummes, die Schloßverwalterstelle,« murmelte er
nochmals, halb in Schlaf und Traum. -- -- --
Des andern Morgens ging Daisenrieder zunächst wie gewöhnlich seinen
Handwerkspflichten nach. Er schritt also, den Bleistift hinterm Ohr
und den gelben Maßstab in der ausgeschlitzten Rocktasche, durch die
Baldungsstraße und Goethestraße, rauchte seine Zigarre und überdachte,
wie er dem Kleiderschrank der Frau Stiegele wieder auf die Beine helfen
könnte. Jedenfalls mußte er sich den Kleiderschrank erst mal ansehen,
wenn er ihn aufrichten wollte. Vorher konnte er überhaupt nichts sagen.
Die Frau Stiegele hatte da merkwürdige Ansichten. So schnell ging das
Ding doch nicht ...
Mußte ein neuer Fuß eingesetzt werden. »Würde innerhalb der nächsten
acht Tage, spätestens aber bis zum Thomastag erledigt werden,«
versprach er der Frau Stiegele.
Nun wollte er heim, um den Kindersarg, der bereits vollendet in der
Werkstatt stand, zu Oberlehrers zu tragen, ward aber auf dem Weg
vom Rathausdiener aufgehalten, der ihm bekannt gab, daß die Tür zum
Sitzungssaal ripste. Nach einer halben Stunde war der Fehler behoben
und die Tür konnte nun ohne Ripsen auf- und zugemacht werden. Und
Daisenrieder entzündete die vierte Zigarre am Stummel der dritten und
wandelte heim zum Vesperbrot.
»Wär' schon recht schön, wenn er, statt so umherzuwalzen, zu einem
der schönen Schloßfenster über Wittenberg her und ins weite Tal
hinunterschauen dürfte.« -- -- --
Sein Frühtrunk in der Schwanenwirtschaft fiel heute reichlicher als
gewöhnlich aus. Dann sägte er vor dem Mittagessen noch eine Weile an
einem Brett herum. »Wär' doch recht schön, wenn -- --.«
* * * * *
Um die zweite Mittagsstunde verließen die beiden Pilgrime ihre kleine
Klause.
Daisenrieder hatte seinen schwarzen Flügelrock angezogen, den er seit
seiner Hochzeit bei allen wichtigen Gelegenheiten trug. So konnte
er auch die Ausrede, sie gingen zu einer Kindstaufe nach Moosheim,
leichter aufrechterhalten. Und die Frau Mechthilde hatte das schöne
rot und blau gestreifte Kopftuch auf, dessen lange Fransen so drollig
auf dem dunkeln Obermäntelchen hüpften, und hatte den blauen Rock an,
den sie nun sorgfältig hochhob, damit ihm kein Leides geschähe und
der rote, halbflanellene Unterrock auch zu seinem Rechte käme. An
der ersten Kreuzwegstation legte Daisenrieder seine Zigarre weg, auf
den Astwinkel eines nahen Birnbaumes. Alsdann nahm er den schwarzen
Filzhut vom Kopf und hielt ihn mit den Daumen der gefalteten Hände
dicht vor den Leib. Nun sah man auch seine helle Glatze, über die ein
paar einsame Fäden krochen, ins Ferne hineinstrahlen. Ein luftiges
Schweißwölkchen aber rauchte und wirbelte gen Himmel hinauf. Die runden
Wangen waren hochrot, und die drusige Nase ragte glanzblau aus der Glut
heraus. Vom fetten Nacken quoll ein dicker Wulst gegen den schwarzen
Flügelrock herunter. Die kühle Dezemberluft aber spielte mit den beiden
Rockschößen und machte es so der Frau Sonne möglich, sich hin und
wieder in dem breiten Hosenspiegel zu beschauen.
Wenn Daisenrieder oder die Frau Mechthilde jetzt um sich geblickt
hätten, hätten sie noch sehen müssen, wie der Schloßkaplan zum Tor
hinauswanderte und auf der andern Seite des Schloßberges den Staffelweg
hinunterstieg. Denn der Schreinermeister Daisenrieder hatte in der Tat
einige Aussicht auf den Verwalterposten. Seine Bewerbung hatte einen
ganz guten Eindruck gemacht. Und nun sollte der Herr Kaplan den Mann
aufsuchen und mit ihm reden und dann seinen Bericht erstatten. --
Die Frau Mechthilde aber begann jetzt das Stationengebet. Und dann
beteten beide zusammen und fügten das Vaterunser an.
Sie beteten recht und im Ernste, wie es sich geziemte, und machten
ihre Kniebeuge, wie es sich gehörte, und betrachteten die gemalte
Leidensgeschichte des Herrn und machten ihre Anmutungen dazu. Und
freilich, zwischen-hinein dachten sie auch an die Verwalterstelle.
Das war nur menschlich und natürlich. Und wenn sie die Stelle auf
dem Kreuzweg erbeten konnten, so war das nur löblich. -- -- In der
Nähe des Schlosses, wohin die Stationen führten, wurden ihre Stimmen
noch eindringlicher. Und das Rauchwölkchen über dem kahlen Haupte des
Schreinermeisters ward noch sehnlicher.
So aber etwa der Graf vom Schloß aus zusah oder zuhörte, so war da
gar nichts dabei. Das konnte einem im Gegenteil nur angenehm sein. Es
hatte ja ein jeder Mensch seinen freien Willen, zuzuschauen oder nicht
zuzuschauen, und es hatte ein jeder Christenmensch das Recht, sein
Licht auf den Scheffel zu stellen und leuchten zu lassen. Dies lehrte
schon die Heilige Schrift. -- --
Der Graf hatte indessen weder die Augen noch die Ohren an einem der
hohen Fenster, sondern weilte um diese Stunde oben in der Seitengalerie
der Kirche, die durch einen Gang mit dem Schlosse verbunden war. Hier
pflegte er täglich ziemlich lange zu verharren und dann auch sogar ein
Auge auf den Schloßkaplan, der im Chorgestühl unten seinen Platz hatte,
durchs Gitter zu werfen.
Auch diese Tatsache war in Wittenberg nicht unbekannt. Im
Herrenstübchen zum Hahnenkeller vollends wußte man ganz genau, daß der
Graf seine Frömmigkeit manchmal bis zum Äußersten trieb und selbst
seinem Schloßkaplan hin und wieder Schwierigkeiten bereitete.
»Er sollte sich eine Frau nehmen und auf die Jagd und in Gesellschaft
gehen und nicht bloß Bretter zählen,« sagte auch der Herr Kaplan, wenn
er im Hahnenkeller im Kreise seiner Freunde saß.
Merkwürdigerweise hatte die Frau Mechthilde, die doch sonst alles
wußte, nie davon erfahren.
Als unsere Pilgrime laut betend die Kirche betraten, war noch kein
Kaplan zu erblicken.
»Er wird schon kommen,« sagte Frau Mechthilde zwischen ihr Vaterunser
hinein und schritt auf die vorderste Stuhlreihe der Frauenseite zu,
während ihr Mann Daisenrieder rechts auf der Männerseite Platz nahm.
Dem Grafen in der Galerie oben gefiel der schlichte Sinn dieser Leute.
Neugierig guckte er durch eine Lücke des Gitters. Er erkannte die Leute
zwar nicht gleich genau und bei Namen, aber er erinnerte sich doch, daß
er schon in seiner Sägemühle mit dem Manne zu schaffen gehabt hatte.
Und nun kam ihm auch plötzlich der Name des Mannes wieder. Daisenrieder
hieß er, ganz richtig, derselbige, der sich auch um die Verwalterstelle
gemeldet hatte.
Mit hallender Stimme sprach Frau Mechthilde das Gebet zur vierzehnten
Station noch einmal vor. Daisenrieder aber hatte unterdessen den Kopf
nach links und rechts gedreht. Denn er war allmählich müde geworden.
Und als er sich überzeugt hatte, daß keine Seele zugegen war, sagte
er mißmutig: »Das haben wir doch schon gebetet. Ich werd' doch nicht
zweimal das Gleiche beten. Überhaupt fang' ich allmählich an, genug zu
kriegen.«
»Er kann alle Augenblicke kommen,« warnte Frau Mechthilde und erstach
ihn fast mit ihren Augen. Und dann wiederholte sie das Gebet.
»Jedenfalls möcht' ich mich jetzt ein bisserl verschnaufen,« brummte
er trotzig. Gleichzeitig ließ er sich auf das Sitzbrett fallen, daß es
krachte, holte sein rotes Sacktuch aus der hinteren Flügeltasche und
trocknete sich den Schweiß vom Haupt und vom Hals und vom Nacken und
blies die Hitze von sich weg.
»Geh, mach keine Dummheiten, Lorenz, nun kann er jeden Augenblick da
sein,« warnte sie inständig.
»Dann ist's immer noch Zeit. Ich sag' dir, ich bin hundsmüd',« warf er
ihr trotzig zu.
»Du verdummst noch die ganze Wallfahrt.«
»Aber der einzige Dumme bin ich, gottlob, ja nicht. Verstehst mich?«
lachte er beißend.
»Sei wenigstens jetzt ruhig! Wenn du schon nimmer mittun willst,
so verhalt' dich wenigstens ruhig,« keuchte sie, ihren Zorn
hinunterwürgend.
Und jetzt war es so still in dem Gotteshause, daß man einander atmen
hörte. Die Stille sang einem förmlich in den Ohren.
»Ich laß mich aufhängen, er kommt nicht,« sagte Daisenrieder nach einer
Weile wieder.
»Lorenz! Sei doch wenigstens ruhig.«
Die gemalten Fenster zu beiden Seiten des Hochaltars waren wirklich
wunderschön. Die Muttergottes mit dem Kinde und die Engel sahen einen
so traulich an, und ihre farbigen Kleider glänzten prächtig im Licht
der Sonne. Man konnte schon eine Zeit lang seine Augen unterhalten und
gute Gedanken im Kopfe haben, aber alles hatte seine Zeit und sein
Ende. Und beten konnte man ja nach all dem Ärger nicht!
[Illustration]
»Ich sag's nochmal, ich laß mich aufhängen, er kommt nicht.«
»Jetzt hab doch bloß ein bisserl Vernunft und Geduld, Lorenz!« flehte
sie.
Er holte noch einmal das Sacktuch aus der Flügeltasche hervor und
trocknete sich noch einmal umständlich ab. Dann entdeckte er einen
breiten Lichtstreifen, der durch eine Scheibe auf den Kirchengang
hereinfiel. Die unzähligen Sonnenstäubchen wogten darin auf und nieder
und hin und her und wirbelten im Kreise herum, wenn er nur das Haupt
bewegte oder den Unterarm aufhob und wieder sinken ließ. Das Spiel war
wie hergerichtet zum Betrachten und Beobachten. Doch eine Ewigkeit lang
konnte man auch das nicht betreiben.
»Weißt was? Jetzt mach' ich mein Kreuz und mach', daß ich hinkomm', von
wo ich herkommen bin,« fuhr er plötzlich auf.
»Vielleicht ist er heut verhindert und kommt ein bisserl später,« sagte
sie noch einmal in gutem.
»Geh, was kümmert mich überhaupt dein Kaplan,« ärgerte er sich immer
mehr.
»Schrei wenigstens nicht so!« flehte sie.
»Meinetwegen kann er es auch hören, wenn er Lust hat. Das schert mich
gar nicht. Verstehst mich? Eine recht einfältige Sach', die du da ins
Werk gesetzt hast, daß du's nur weißt!« warf er ihr hin, ohne seine
Stimme im mindesten zu sparen.
»Aber du bist doch mitgangen,« entgegnete sie jetzt stechend, und die
bunten Kopftuchfransen wehten aufgeregt um das dunkle Obermäntelchen.
»Man sollt' sich nie von einem Weibsbild was raten lassen! Ich hab' es
mir aber auch gleich gedacht,« schimpfte er aus dem Vollen.
»Aber mit bist doch!« versetzte sie noch spitziger. »Und wenn du
Schloßverwalter werden tätst, wär's dir auch recht, oder nicht? Das
wirst wohl nicht leugnen wollen.«
»Aber deine einfältige Wallfahrt brauchte man deswegen noch lang'
nicht! So eine Dummheit!« schrie er wütend ihr entgegen.
»Daß du dein Lebtag nie Schloßverwalter wirst, das kann ich dir nun
nächstens schwören! Dann läßt du halt einen andern auf den Platz sich
hinsetzen und trägst deine Kindssärge spazieren bis an dein seliges
Ende! Eine wirklich nette Aussicht!« rief sie voll Galle.
»Nun hörst mir aber auf! Verstanden?« schrie er und ging auf sie zu.
»Fällt mir gar nicht ein,« erklärte sie jedoch gleichmütig und schaute
ihm fest ins Gesicht.
»Gut, dann adjö, ich geh' jetzt heim. Tu, was du willst,« sagte er
in verändertem Tone. »Meinetwegen kannst du ja auch dableiben und auf
deinen Kaplan warten, so lange es dir nur beliebt, und ihn heiraten,
wenn es dir gefällig ist, und den Grafen dazu, wenn du Lust hast! Ich
hab' gar nichts dagegen! Ich geh' jetzt meiner Wege, adjö.«
»Du bist doch ein rechter Dummkopf, Lorenz!« platzte sie heraus. »Das
sag' ich dir aber jetzt, so oft du es nur haben willst!«
»Und wenn wir jetzt nicht in der Kirch' wären, tät ich dir jetzt eine
herunterhauen! Das sag' ich dir ebenfalls! Und jetzt machst gleich, daß
du mit heimkommst, oder ich sag' dir noch was andres! Verstehst mich?
Denn verlaß dich drauf, daß ich dir von jetzt ab um den Schloßverwalter
keinen Schritt mehr mache, und weder zum Kaplan noch zu Pilatus, noch
zum Grafen, noch sonst wohin gehe, sondern Kindssärge spazieren trage,
so lang es mir Spaß macht. Verstehst mich? Und schließlich ist das so
schön und so nützlich wie das einfältige Bretterzählen, das der Graf
besorgt. Und überhaupt, unter so einem Esel möcht' ich nicht 'mal
Verwalter sein. Verstehst mich? Nun wirst wohl keinen Zweifel mehr über
meine Gesinnung haben? Und jetzt machst sofort, daß du heimkommst!«
schrie er, alles Bessern vergessend.
»Wenn ich möcht,« entgegnete sie leise und grimmig. Und dann kniete
sie ihm zum Trotz wieder nieder und begann laut und klingend vor sich
hin zu beten.
Daisenrieder aber stand mit geballten Fäusten hinter ihr und fletschte
die Zähne. Und wer weiß, wohin ihn der nächste Augenblick noch gebracht
hätte, wenn nicht vom Galeriegitter oben plötzlich eine Stimme gerufen
hätte: »Es genügt jetzt schon, ihr frommen Leute, es genügt jetzt
schon.«
[Illustration]
Rudolf Greinz: