L. Adelt.

Der Herr Buchhalter.

Jeden Mittag und jeden Abend sitzt er in der Post. Er kennt kein

anderes Wirtshaus, hat den Fuß nie in ein anderes gesetzt. Nicht etwa,

weil sie schlechter sind, davon weiß er nichts; aber er ist ein Mann

von Charakter. Hat er einmal angefangen, sein Mittagmahl und sein

Abendessen in der Post zu nehmen, so bleibt's dabei, das gehört sich;

unnötige Veränderungen in der Lebensweise sind nur Schwächen, wert

eines Lächelns. Konsequent muß man sein!

Er hat seinen Stammtisch, seinen Stammplatz, sein Stammkrügel, sein

Stammglas, seinen Stammserviettenring und -- wehe der Kellnerin, die

ihm einmal im Drang der Geschäfte etwas anderes vorzustellen oder

vorzulegen wagte! Den Wechsel der Kellnerinnen hat er noch stets dem

Wirt als persönliche Beleidigung angerechnet, und so unbefangen ihm

jede »Neue« entgegentrat, so befangen war der Wirt, so befangen wurde

auch bald die Neue. Das war doch wohl die größte Rücksichtslosigkeit!

Hatte man so ein Frauenzimmer jahrelang erzogen, und wenn sie sich dem

Ideal nun etwas näherte, schickte man sie ihm vor der Nase fort.

In den zwölf Jahren, seit er hier aß, war das schon sechsmal geschehen.

Die immerhin freundschaftlichen Beziehungen, die er mit dem Wirt

unterhielt -- sie grüßten sich stets beim Kommen und Gehen --, wurden

dadurch erheblich getrübt, und es dauerte immer ein Vierteljahr, bis er

den Gruß des Wirtes wieder sah.

Draußen in der großen Kunstmühle, die der schnell rauschende Silberbach

trieb, war er seit zwölf Jahren Buchhalter, dort wohnte er, und nur

des Mittags, Sommer wie Winter, bei Schnee und Regen und Sonnenschein,

erschien er fünf Minuten nach zwölf auf der Post, und des Abends fünf

Minuten nach sieben.

Er war ehemaliger Soldat, -- er behauptete Leutnant, die Bauern

Feldwebel -- und hatte sich beim Manöver eine Verletzung zugezogen,

die ihn dienstuntauglich machte. Noch jetzt schleppte er den einen

Fuß etwas nach, und die Schmerzen, die ihm der Witterungswechsel

brachte, veranlaßten ihn immer zu lauten Ausbrüchen über die unsinnige

Soldatenschinderei, die nur den Preußen zu verdanken sei. An den alten

Soldaten erinnerte außer dem kleinen, etwas borstigen Schnurrbart,

der in zwei fest gezwirbelten Spitzen auslief, nichts als das

kurzgeschorene Haar und die rotbraune, etwas cholerische Gesichtsfarbe.

Er war mittelgroß und eher schmächtig, schwarz von Haar und Bart, mit

kleinen, etwas gewölbten, stechenden, dunkeln Augen.

Wenn er so am Kopfende seines Tisches saß, die Zigarre, die er stets

in einem Röhrchen rauchte, nach oben gestemmt, die Unterlippe vor- und

aufwärts geschoben, die beiden Arme aufgestützt, und über den Tisch

blickend, so sah er niederschmetternd selbstbewußt aus.

Mit ihm aßen ein paar Adspiranten[2] der kleinen Bahnstation, ein

junger Schreiber und der unverheiratete Bahnmeister. Doch stets blieben

die beiden Stühle rechts und links vom Herrn Buchhalter leer, das

war der Brauch von Anbeginn gewesen, und daran durfte nicht getippt

werden. Während der Mahlzeiten hatte der Tisch zu schweigen, das heißt,

+er+ sprach nicht und verbat sich auch nachdrücklich eine lautere

Unterhaltung. So wurde also am Tisch unten nur gewispert, man bot sich

mit stummem Nicken die Platten und begehrte säuselnd nach Brot und

Bier. Wie ein frischer Wind wehte in diese gedrückte Atmosphäre stets

die resche Art einer neuen Kellnerin herein, die mit voller Naivetät

und, der Pflichten ihres Amtes bewußt, die Herrn zum »Dischkriern«

animieren wollte, und voll Heiterkeit mit ihrer Unterhaltungsgabe wie

eine Fregatte mit vollen Segeln an dem Tisch landete. Zuerst legte er

die Zigarre weg; dann stemmte er den linken Arm ein, seine blanken,

kleinen Augen fuhren wie Blitze hin und her, und alsbald brach auch

schon das Donnerwetter los.

»Jetz' schaugt's ma dö an! Na, frei' di' ner[3], Madl, i' werd' dir

Mores lehren! So a G'schroa machen! Du ungebildete Bersohn! Wos? --

Stad bist! Ball[4] i' red', hot a jed's stad[5] z' sein, verstanden?«

-- Eine einzige hatte es je gewagt, ihm sofort prompt zu erwidern,

+beide+ Arme einstemmend und ihn auch gehörig anblitzend: »Jö,

schaugt's den an, den z'widern Raunzer[6]! I' tua, wos i mog, und von

dir laß i' mir nix anschaffen.«

Aber sie wurde augenblicklich von der Strafe ereilt. Mit einem Satz war

er in der Höhe, und so sehr sich die im übrigen Handfeste wehrte, hatte

er sie mit einem einzigen Griff beim Halse gepackt und hinausgedreht.

Da er kleiner war als sie und bei der Prozedur verschiedene Tritte

und Püffe abkriegte, war es für die aller Pietät baren, frivolen

Adspiranten eine solche Wonne, daß sie die Füße auf die Stühle zogen

und sich in die Zunge bissen, um nicht gerade herauslachen zu müssen,

während der kleine Schreiber, der schon von Amts wegen darauf eingeübt

war, lautlos grinste, und der Bahnmeister, etwas schwerfälligeren

Temperaments, mit offenem Maul dem hochnotpeinlichen Halsgericht zusah.

Diese eine, die aller Tradition solchergestalt Hohn gesprochen,

mußte auf kategorischen Wunsch des Herrn Buchhalters entlassen

werden. Der Wirt leistete zu Anfang energischen Widerstand, denn alle

übrigen Eigenschaften der Hebe standen ganz im Einklang mit ihrer

Handfestigkeit und stempelten sie zum Ideal einer Kellnerin.

Aber der »Buachhalter« drohte, das Haus »nie mehr zu betreten« -- es

war eine der dramatischsten Szenen seines Lebens; schließlich war er

der älteste Stammgast, der Wirt unterlag also der Übermacht seiner

Persönlichkeit, achselzuckend und mit der Miene, wie man etwa einem

ungezogenen Kinde nachgibt.

Am Stammtisch hatte die Sache ein Nachspiel, als der »Buachhalter« um

die gewöhnliche Zeit verschwunden war. Alles ging da außer Rand und

Band, »es lösten sich alle Bande frommer Scheu«, es war die reinste

Meuterei.

Über den Wirt ging's her vorerst, denn die »Resche« hatte ihnen samt

und sonders den Eindruck gemacht, wie wenn man sie +unbedingt+ da

lassen müsse, und wenn's nur wäre, um ein Gegengewicht gegen »den da

oben« zu haben.

»So a Hanswurscht, der Wirt! Na, so 'was! Aber gar koan Kurasch. +Der+

hätt' i sein mög'n, i hätt' anderscht aufg'muckt. Herr di Gatti, +dem+

hätt' i 's zoagt! Was is denn dös iwerhaupt's für a Wirtschaft? Is denn

ner +der+ da? Zahl'n mir unser Zeig net grad a so wie der? Wenn mir

g'sagt hätten, mir möchten 's Madl b'halten, was er epper[7] da g'macht

hätt'!? Dös war' a Hetz' word'n! Mir derften uns schließli' nimmer z'

schnaufen trau'n. War uns scho' z' dumm! Mir san a so viel wia der

da herinnet, und mir leiden amal dös nimmer, jetz' muaß 's anderscht

geh'n!«

So schrien und schimpften und brüllten sie durcheinander, schauten sich

kampfmutig und mit roten Köpfen an und hieben auf den Tisch, daß die

Gläser sprangen.

Da tat sich die Türe auf, der Herr Buchhalter erschien aufs neue,

zwickte die Äuglein zusammen, und ein paar Hohnfalten liefen vom Mund

abwärts, als er die aufgeregten »Mander« sah.

»Ös scheint's enk[8] ja recht guat z' unterhalten!« sagte er in einem

Ton, der, oberflächlich gehört, ans Väterliche gemahnte, für die

Eingeweihten aber ein Sturmsignal barg.

Ruhig hängte er seinen Mantel an den Nagel, das Lodenhütl, das er immer

etwas links trug, dazu, rückte sich den Stuhl zurecht und -- setzte

sich.

»I' hab' ja d' Innsbrucker heut no' net g'lesen mit der saudummen

G'schicht',« sagte er.

Die »Mander« saßen stumm und stocherten in ihren Tellern weiter, die

Augen fest auf die Überreste ihrer Mahlzeit geheftet.

»I' hab' heut d' Innsbrucker no' net g'lesen,« wiederholte er mit

gehobener Stimme, und seine Gesichtsfarbe vertiefte sich um einige

Nüancen.

Ein leises Gebrumm ging unter den Verschworenen herum, ein Räuspern --

»Dort hängt s' ja, Sakrament!« schrie er und deutete an die Wand, wo

sie über dem Kopfe des jüngsten Adspiranten hing.

»Jessas, was hast d' denn? So gib's eahm doch!« Und mit Reden und

Stößen und Püffen wurde der Hartnäckige aufgemuntert, bis er sie

dem vor Zorn Blauroten, der mit seinen bösen Augen förmlich auf ihn

einstach, reichte.

So endete die so merkwürdige Verschwörung, und bis dato ist noch keiner

gekommen, der den Bann gebrochen hätte, dem Milieu nicht unterlegen

wäre.

Zwar gab es immer von Zeit zu Zeit einen neuen Adspiranten, und das war

immer eine »Gaudi«[9] für die Wissenden. Gewöhnlich setzte er sich auf

einen der leeren Stühle, fing als artiger Mann eine Konversation mit

dem Ältesten der Gesellschaft an, also mit ihm, dem k. k. Feldwebel in

Pension und jetzigen Buchhalter, ließ sich vielleicht durch sein erstes

Gegengrunzen nicht einmal abschrecken und redete weiter -- dann langte

der Gewaltige gewöhnlich die größte Zeitung, die über seinem Haupte

hing, herab, hielt sie vor sein Antlitz, daß oben nur das Ende seines

Haarschopfes und das Ende seiner Zigarre herausragte. War der Kerl

frech, so plapperte er weiter, bis ihm aus den Tiefen ein: »Halten's

jetzt Eahna Maul oder nöt?« entgegenscholl -- dann wagte er vielleicht

noch ein: »Sie, aber erlauben's!« -- »Nix erlaub' i, 's Maul habt's

z' halten.« -- War er nicht frech, so wandte er sich nach den ersten

deutlichen Winken an die unten Sitzenden, um dort Unterhaltung zu

suchen. Aber hier bekam er nur Kopfnicken, unartikulierte Laute und

Achselzucken als Antwort, und seine Verwirrung, sowie das Gesicht, das

über der Zeitung auftauchte und +einmal+ mit den andern gemeinsame

Sache machte, war ihre einzige Entschädigung und ihre einzige Rache.

Deshalb wurde keiner eingeweiht.

Mit den Zeitungen hatte es auch seinen Haken. Er las sie genau

der Reihe nach, und jedem Neuling passierte es, daß er in seiner

Verlegenheit gewöhnlich nach irgend einer dieser Zeitungen griff. Der

Buchhalter las die seine ruhig weiter, bis die andere an die Reihe

kam; dann sagte er gewöhnlich: »Erlauben's!« und nahm sie einfach dem

Lesenden aus der Hand.

Protestierte der, so fielen die anderen über ihn her: »Sie kommt jetzt

dran, lassen Sie's eahm doch, Sie können's ja später lesen!« Und der

Herr Buchhalter bekam sie jedesmal, klein gekriegt hatte er noch jeden.

Vom Beginn des Essens bis zum Schluß las er. Er löffelte hinter der

Zeitung seine Suppe, er stocherte mit der rechten Hand im Essen, links

hielt er sein »Bladl« -- er war kein großer Esser, aber Roten trank er

gern und viel.

Nicht etwa, daß er während des ganzen Mahles geschwiegen hätte! Er

liebte es, einige Pointen aus der Zeitung zuerst halblaut, dann

ganz laut zu lesen, mit Bemerkungen wie: »Dös is do' zu narrisch,

jetz' ham's im Landtag ...« und er heischte Repliken von der

Tischgesellschaft. Keinen Widerspruch, aber Anteilnahme. Fiel diese

zu lahm aus, so rief er wohl: »Schlaft's denn heut alle? San dös

Mannsbilder!« Auch die Neuigkeiten des kleinen Ortes stieß er unter dem

Lesen hinter der Zeitung heraus, kurz, bissig, mit einem eigentümlich

meckernden Lachen.

Er sah es als Beleidigung an, wenn der Tisch Neues wußte und nicht

verriet. Wußten die »Untern« etwas, so fing ein leises Gesäusel

am Tisch an, das ihn zuerst nicht irritierte, denn das kam, in

schicklichen Grenzen, hie und da vor; aber wenn es vernehmbarer wurde,

spitzte er die Ohren, und sein Schopf, das Ende der Zigarre und dann

die Äuglein kamen nach und nach hinter der Zeitung zum Vorschein. Das

war das Signal zum Ausbruch, und nun wollte jeder mit der Neuigkeit

herausplatzen, bis er endlich einen direkt darum anredete. Dann war's

aber immer noch kein leichtes; man mußte die richtige Form finden,

witzig sein, besonders wenn es Weibergeschichten waren. Trug man die

nicht gut vor, so raunzte er wohl: »Machen's an Spektakel wegen aner

solch'n Bagadelln!«

Er war ein ausgesprochener Weiberfeind und sprach nur mit äußerster

Verachtung von den Frauen. Zum Saubermachen, zum Putzen und

»Nah'n« kann man sie brauchen, meinte er, »aber net amal 's Kochen

verstehngen's -- i mog mi net ärgern!«

Und als einmal ein Vorwitziger rief: »Aber 's Kinderbringen!«

entgegnete er nicht ohne Würde: »O na, mei' Liaber, grad dös

verstehngen heutigen Tags die wenigsten; drum, i sag's net umasunst,

sie san verpfuscht um und um, und net der Müah wert, daß d' über sie

red'st.« Wußte er von einem der »Untern« etwa, daß er verliebt war,

so war der vor seinen bissigen Bemerkungen nicht sicher; ängstlich

hielten sie drum alles geheim, was mit der Liebe zusammenhing. Als der

Bahnmeister sich verlobte, blieb er lieber von der Post weg, anstatt

sich seinen Spötteleien auszusetzen, und ging in weitem Bogen um den

»Pascha von der Mühle«, wie sie ihn unter sich nannten, herum.

Da rieb er sich schmunzelnd die Hände. Feiner und größer war noch

keiner seiner Triumphe gewesen. »Secht's 'n?! -- und solche Mannsbilder

seid's allz'samm'!« Bei solchen Vorkommnissen liebte er es, weit über

seine Zeit sitzen zu bleiben, und weit über sein Maß zu trinken, das

immer sehr respektabel war. Der Zustand der Bärbeißigkeit schlug nach

zwölf Uhr in den der Jovialität um; er erzählte mit halb krähender,

halb kichernder Stimme, immer dabei die Zigarre mit der Spitze gen

Himmel streckend, dem ganzen, vor Vergnügen wiehernden Gastzimmer alle

möglichen Liebesgeschichten. Besonders die seiner Tischrunde. Es begann

etwa mit: »Da sitzt a aso Oaner[10]«, und endete mit: »werd scho' 'no

schaug'n, so a Gimpel, so a verliabter.«

In der Nacht hatte dann die Korona das Vergnügen, ihn nach Hause zu

geleiten, und es gehörte zur süßesten Erfüllung aller schlummernden

Rachegelüste, wenn sie den Lallenden, Schimpfenden und Wankenden durch

einen gelinden Stoß, den er in seinem Zustand nicht bemerkte, im Winter

in den Schnee, im Herbst und Frühjahr in den Schmutz und im Sommer in

den Staub werfen konnten. Niemals waren sie ausgesöhnter mit ihrem

Schicksal, und niemals fühlten sie sich dem Pascha überlegener.

Singend, pfeifend und laut lachend zogen sie durch die Gassen, und

sogar den nächsten Morgen hielt die Kampfstimmung noch an -- es war

beinah' wie zur Zeit der Saison, wo alle Bande auseinander gingen, wenn

die Fremden kamen: wo sich die Unterschiede verwischten, die beiden

Stühle nicht leer bleiben durften, wo sie alle eng gedrängt sitzen

mußten und laut reden durften, so wie ihnen der Schnabel gewachsen

war, denn in dem allgemeinen Geräusch ging das bißchen Lärm, das sie

machten, so wie so unter.

Dann saß er am Tisch, förmlich gekauert unter der Zeitung. Nie warf

er einen Blick vor, nie grüßte er jemanden, nie sprach er während der

Zeit. Der Ingrimm häufte sich so in ihm, daß er sichtbarlich magerer

wurde, nichts mehr aß und ganz gealtert aussah. O, wenn er sie alle

hätte vertilgen können! Alle, alle! Und jährlich wurden's mehr, und

keiner war unter ihnen, der sich auch nur um ihn kümmerte! Er sehnte

den September herbei, als die Zeit der Erlösung, und wenn der letzte

den Rücken gekehrt, so rief er aus: »Is 's jetz' endlich dahin, dös

G'sindel? Koan Respekt vor nix! Den anständigen Menschen d' Luft

verpesten, 'n Platz versitzen und d' Ohren doret schrei'n, daß an

andrer gar nimma aufkimmt! Und dös wollen gebildete Leut' sein? Pfui

Teifel! Da san mir scho' andere, da herinn in die Berg'!«

[Illustration]

Wilhelm Schussen:

Deutsche Humoristen, 7. Band (von 8) · 第 21 / 38 题