Gauting,
im September 1913.
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Das Kriegerfest in Wettorp.
Viele, viele Nachtsitzungen hatte das »Geschäftsführende und
Hauptkomitee für das zwanzigjährige Stiftungsfest des Kriegervereins
von Wettorp und Umgegend sowie die Enthüllung des Denkmals für Kaiser
Wilhelm den Großen« im Landhause abgehalten, viele Vornotizen und
Hinweise hatten in den »Wettorper Nachrichten« gestanden, und viele
eifrige Straßenunterhaltungen über das Fest und das Denkmal waren von
den patriotischen Bürgern Wettorps gepflogen worden. Ja, viel, viel war
geschehen, bis endlich der ersehnte Augusttag erschien, der Wettorp in
einen noch nie dagewesenen Rausch und Jubel versetzte. Schon am Abend
vorher, am Freitage, kamen die fremden Gäste, denn die ganze Umgegend
war eingeladen. Die Straßen waren schön geschmückt, Girlanden hingen
quer von Haus zu Haus, und unter ihrer Mitte schwankten bemalte Tafeln
mit sinnigen Kernsprüchen.
Am Sonnabend, morgens um 6 Uhr, zog der Ortsmusikus mit seinen
Trommlern, Bläsern und Klarinettisten durch die Straßen des
Ortes; das war der »Weckruf«, wie es im Programm hieß. Die braven
Kriegervereinsmitglieder ärgerten sich zwar über das frühe Getute, aber
ohne Reveille läßt sich ja nun einmal kein Kriegerfest feiern, und
deshalb beruhigten sie sich und schliefen wieder ein.
Um 9 Uhr gab es eine große Sehenswürdigkeit: der Neustädter
Militärverein hielt nämlich seinen Einzug. Er hatte seine eigene
Kapelle mitgebracht, die der Ortsmusikus allerdings als eine
Gesellschaft Bremer Stadtmusikanten bezeichnete; aber es war doch
etwas besonderes, was sich die Neustädter leisteten, und die
Militärvereinsmitglieder blickten stolz um sich herum, während sie
im strammen Takte vorwärts marschierten. Sie hatten wahrhaftig auch
alles Recht, stolz zu sein, denn außer der Musik trabten vor ihrem
Zuge noch drei feurige Rappen, auf denen Herolde saßen. Diese drei
Männer hatten sich großartig bunt kostümiert und wilde Bärte ins
Gesicht geklebt, die freilich immer herabfielen, weil sich der Gummi
vom Schwitzen auflöste. Aber wenn auch die Bärte so oft auf ihren
Sattel niedersanken, daß sie sie schließlich beiseite unter das Volk
warfen: Herolde waren sie deshalb doch mit ihren Heroldsstäben in der
Hand, den grauen Schlapphüten auf dem Kopfe, den Wappenwämsern um die
Brust und den hohen Stiefeln an den Beinen. Sie fühlten ihre Würde und
stützten ihre Stäbe in die Seiten, wie sie es wohl im illustrierten
Sonntagsblatte bei Bildern von Königen gesehen hatten.
Ihre Pferde waren nicht minder frohgemut, daß sie heute, anstatt den
Roggen einzufahren, als edle Araber durch Wettorps Straßen hindurch
angestaunt wurden. So achtunggebietend zog der Neustädter Militärverein
in den Festort ein.
Im Laufe des Sonnabendmorgens versammelten sich also wohl an die
vierhundert Krieger in Wettorp, alte und junge, und die alten trugen
ihre Zylinder vom Jahre 1848. -- Um 11 Uhr begann der »offizielle
Frühschoppen mit Musik« im Landhause. Der Ortsmusikus ließ blasen,
was die Trompeten halten konnten; er hatte ein außergewöhnlich
patriotisches Programm zusammengestellt, das denn auch von den Kriegern
vollauf gewürdigt wurde.
Währenddessen war die kleine Mieze Stamm, des Landhauswirts Tochter,
die dazu auserkoren war, als Germania bei der Denkmalsenthüllung das
Festgedicht zu sprechen, in ihrem Stübchen sehr beschäftigt. Schon um
12 Uhr hüllte sie sich unter dem Beistande der Wirtschafterin in den
weißen Germania-Mantel, den sie sich selbst zurechtgeschneidert hatte;
sie ließ sich frisieren mit Locken an den Seiten, und die Flut des
lichten Haares fiel wellig über ihre Schultern. Dann wurden die bis zum
Ellenbogen freien Arme mit goldenen Armbändern aus poliertem Messing
geschmückt, und auf das Haupt drückte ihr die Wirtschafterin das Diadem
mit dem größten und buntesten Edelsteine, der aus der Maskengarderobe
zu entleihen gewesen war. Majestätisch sah die kleine Mieze aus, und
sie freute sich auch erst ihres Spiegelbildes; aber dann kam die Angst
über sie, und bleich und zitternd ging sie umher und murmelte immer und
immer wieder, daß nun der schöne Tag gekommen sei. Essen konnte sie
nichts.
Genau um ein Viertel vor drei Uhr fuhr der alte Kutscher Engel mit
seiner Kalesche vor, und tief aufseufzend, mit einem Stoßgebet an den
lieben, lieben Gott, stieg die Germania in den Karren, der sie zum
Richtplatze führen sollte. Sie kam auf dem Markte an, wo es schon
ganz voll von Leuten war, und wurde vom Ortsvorsteher sogar dem Herrn
Geh. Regierungsrat v. Zabrowski und dem Herrn Regierungsassessor v.
Schmidt vorgestellt, die die allergnädigste Miene machten, weil sie
doch bei der Denkmalsenthüllung die Vertreter der hohen Regierung und
des Kaisers bildeten. Der Regierungsassessor konnte es sich freilich
trotz seiner hohen Würde nicht versagen, nach Miezes rundem Arm zu
schielen. Der Geh. Regierungsrat indessen war ganz nur Vertreter Seiner
Majestät. Die hohen Herren, der Ortsvorsteher, die Gemeinderäte, die
Schulbehörde und die Geistlichkeit, die Herren vom Komitee und Mieze
Stamm stellten sich unter dem Thronhimmel auf, der dem noch verhüllten
Denkmal gegenüber erbaut war. Der Thronhimmel bestand aus vier Stangen,
über die oben Leinwand gezogen war, und das ganze hatte Gärtner Meyer
mit Laub bewunden.
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Der Ortsvorsteher blickte prüfend in die Runde, ob auch alles in
Ordnung sei. Rings auf dem Markte, in einiger Entfernung von dem
Denkmal, hatten sich die Kriegervereine aufgestellt, die Fahnen wehten
über den Zylindern der Kameraden. Links von dem Thronhimmel standen
die vereinigten Gesangvereine, und alles war so ruhig und feierlich,
daß es dem Ortsvorsteher ordentlich zu Herzen ging. Er hatte seinen
Hochzeitsfrack heute nicht umsonst angezogen, das fühlte er deutlich.
Er sah also in die Runde, und sein Blick fiel auch auf die zwei
Sitzreihen, rechts vom Denkmal, auf denen die Honoratiorenfrauen
des Ortes in ihrem besten Staate saßen, und auf den alten Orts- und
Polizeidiener Pilgerim, der da stand und die Schnur hielt, mit der
die Hülle des Denkmals nach oben zusammengerafft wurde. Alles war in
Ordnung. Der Ortsvorsteher nahm seinen Zylinder ab, rieb sich mit
dem Taschentuche die Tropfen von der Stirn, trat vor und verbeugte
sich nach der Seite, auf der sich die hohen Herren befanden. Der
Geh. Regierungsrat nickte, der Ortsvorsteher winkte den Sängern,
der Ortsmusikus, der alles einübte, was in Wettorp an Gesang- und
Orchesterkunst geleistet wurde, hob den Taktstock, und es ertönte
prachtvoll: »Seht den Sieger ...«
Alle waren ergriffen. -- Als der Gesang sein Ende gefunden hatte,
verbeugte sich der Ortsvorsteher wieder, wischte sich nochmals die
Stirn und begann seine Festrede: daß er die hohe Ehre habe, die
Vertreter Seiner Majestät unseres allergnädigsten Kaisers und einer
hohen Regierung untertänigst und ehrfurchtsvollst zu begrüßen, und daß
es eine hohe Ehre für den Ort sei, einen solchen Tag feiern zu können.
Er wies hin auf die zusammengeströmten Scharen der ehemaligen Krieger,
und angesichts dieses Denkmals fordere er sie alle auf, den Treueschwur
zu erneuern für Kaiser und Reich. Er schloß damit, daß er die hohen
Vertreter einer hohen Regierung bat, Sr. Majestät den Ausdruck der
unwandelbarsten Liebe Wettorps zu überbringen.
Der Geh. Regierungsrat trat nach dieser Rede vor, nahm den feinen Hut
ab, steckte einen Augenblick den zweiten und den mittleren Finger
zwischen den obersten und den zweiten Frackknopf und fing nun an: »Mein
lieber Herr Ortsvorsteher! Verehrte Festgenossen und Kameraden! Als
Vertreter der Regierung Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers,
Königs und Herrn bin ich hierher gekommen, um an dem nationalen
Ereignisse, das dieser Tag für Wettorp darstellt, teilzunehmen. Es hat
die hohe Staatsregierung mit außerordentlicher Befriedigung erfüllt,
daß nun auch in Wettorp durch das einmütige Zusammengehen aller
gutgesinnten Bürger ein Denkmal für seine hochselige Majestät Kaiser
Wilhelm den Großen errichtet werden konnte. Der Opfersinn der Bürger
ist der beste Beweis dafür, daß der Geist des Umsturzes (er sprach das
Wort mit harter, erhobener Stimme, und der Regierungsassessor runzelte
finster die Stirn dabei), daß dieser Geist der Vaterlandslosigkeit
und der Verachtung alles Ehrwürdigen und Großen keine Stätte in Ihrer
blühenden Ortschaft gefunden hat. Möchte es so bleiben! Möchten Sie
sich stets bewußt sein des innigen Zusammenhanges zwischen der Krone
und dem Staatsbürger, jenes Zusammenhanges, der Preußen groß gemacht
hat und der jetzt auch diese Provinz mit seinem Segen überströmt. Ich
sehe hier die tapferen Veteranen, die in den Schlachten gestanden und
dem Tode getrotzt haben für die Freiheit Schleswig-Holsteins, ich
grüße diese Männer, die für die edelsten Güter ihres Vaterlandes alles
hinzugeben bereit waren. Wenn ich daher meiner leider notwendigen
frühen Abreise wegen schon jetzt dem festgebenden Vereine, dem
Kriegervereine für Wettorp und Umgegend, meine aufrichtigsten
Glückwünsche zu seiner zwanzigjährigen Stiftungsfeier ausspreche im
Namen einer hohen Staatsregierung, so bin ich mir bewußt, daß solche
Glückwünsche an keiner besseren Stätte zum Ausdruck gebracht werden
können, als an dieser, wo, jetzt noch verhüllt, bald aber als ein
glänzendes Wahrbild des Patriotismus, das Kaiserdenkmal aufragt.
Halten Sie fest, das bitte ich Sie in dieser erhebenden Stunde, an
dem nationalen Gedanken, seien Sie eingedenk des hohen Berufes,
den die Kriegervereine zu erfüllen haben: ein Bollwerk zu bilden
wider die Macht eines unterminierenden, destruktiven Geistes (das
kam wieder mit erhobener Stimme heraus, und der Regierungsassessor,
der so lange auf Miezes Arme geblickt hatte, reckte sich hoch auf
und zog die Brauen drohend zusammen). Mögen Sie noch oft Ihr
Stiftungsfest im Kreise Ihrer anderen Kameraden von nah und fern so
schön und von allen Umständen so begünstigt begehen wie heute. Das
sind unsere Glückwünsche. -- Jetzt aber (er trat weiter vor, und der
Regierungsassessor blieb immer einen Schritt hinter ihm) lassen Sie
uns die Hülle von dem Denkmal gleiten sehen (Ortsdiener Pilgerim
faßte das Tau fester und sah unverwandt zu seinem Vorgesetzten,
dem Ortsvorsteher, hin), mit dem Gelöbnis, daß wir nie vergessen
wollen, was Kaiser Wilhelm der Große für uns und besonders für unsere
engere Heimat getan hat und gleich ihm sein erhabener Enkel, unser
allergnädigster Kaiser, König und Herr. Wir fassen daher alle unsere
Hoffnungen, alle unsere Gefühle, unsere ganze vaterländische Gesinnung
in dem Rufe zusammen (der Ortsvorsteher erhob den Zeigefinger,
Ortsdiener Pilgerim paßte mit allen Seelenkräften auf): Se. Majestät
unser allergnädigster Kaiser, König und Herr -- Hurra! Hurra! Hurra!«
Ortsdiener Pilgerim riß an der Schnur, so stark er nur konnte, die
Leinewand flog davon, und im Sonnenschein grüßte die eherne Büste mit
dem mildig ernsten Gesichte des alten guten Kaisers von dem blanken
granitenen Sockel herab. Die Musik blies Tusch auf Tusch, die alten und
jungen Männer riefen Hurra, die Hüte waren von den Köpfen gerissen.
Die Frauen waren aufgestanden und schwenkten ihre Tücher, die Fahnen
wehten.
Dann stimmte der Ortsmusikus an: Deutschland, Deutschland über alles,
und alle sangen voll wahrer Inbrunst mit; die Frauen weinten vor
Rührung. Und alle blickten auf zu dem neu enthüllten Bildwerk. Am
lautesten aber sangen hinter der festlichen Schar die Wettorper Jungen,
die vorhin schon ein ganz gewaltiges Hurrageschrei angestimmt hatten.
Der Ortsvorsteher atmete auf, daß alles so gut gegangen war. Er hatte
immer gefürchtet, Ortsdiener Pilgerim möge nicht schnell oder stark
genug ziehen oder das Tau möchte sich verwickeln, oder es möchte sonst
irgend etwas geschehen, was die Feier störte.
Als der Gesang verklungen war, trat die kleine Germania-Mieze, die
auch so gerührt war von den schönen Reden und von des alten Kaisers
freundlichem Gesichte, erst ein wenig zaghaft, dann aber tapfer vor
und deklamierte ihr Gedicht. Und es klang so brav, wie die Kleine es
hersagte in ihrer natürlichen, herzlichen Weise, und sie legte den Ton
auch immer auf die Hauptstellen, und andächtig lauschten alle rings
im Kreise auf Kaiser ... Reiser ... Gut und Blut ... Todesmut ...
Vaterland ... Herz und Hand. -- Mieze kam so in Begeisterung bei ihrem
Sprechen, daß ihre frischen Wangen glühten. -- Am Ende ihres Gedichtes
legte die Germania einen hübschen Lorbeerkranz mit blau-weiß-roter
Schleife am Fuße des Denkmals nieder und knickste zierlich, als
der Geh. Regierungsrat zu ihr kam und ihr die Hand gab, um sie zu
beglückwünschen zu ihrem schönen Erfolg. Auch der Regierungsassessor
bekam ein Patschhändchen ab.
»Gnädiges Fräulein,« sagte er, -- »geradezu tadellos, ein--fach
ta--del--los.«
Noch aber war nicht alles zu Ende. Der Geh. Regierungsrat winkte dem
gallonierten Diener, der sich so lange ganz beiseite gehalten hatte,
und der brachte ihm drei kleine Etuis. Der Regierungsrat, auf dessen
eigener Brust fünf Orden funkelten, hielt nun eine kurze Ansprache,
in der er betonte, wie sehr es ihn freue, auch der Überbringer
mehrerer allerhöchster Auszeichnungen zu sein. Und dann überreichte
er dem Ortsvorsteher den Kronenorden vierter Klasse und teilte ihm
gleichzeitig mit, daß ihm der Titel Bürgermeister verliehen sei; dem
Wettorper Kriegervereine hatte der Kaiser einen Fahnennagel gestiftet,
und Ortsdiener Pilgerim erhielt das allgemeine Ehrenzeichen in Gold.
Der neue Bürgermeister machte bei seiner Auszeichnung ein ernstes
Gesicht und antwortete nur ein paar stotternde Worte: wäre sein Kaiser
dagewesen, so hätte er ihm stumm die Hand gedrückt, so mächtig wirkte
die Ehre auf den einfachen Mann. Der Vorsitzende des Kriegervereins
hielt den Fahnennagel in der Hand und zeigte ihn all seinen Nachbarn,
und Ortsdiener Pilgerim glänzte. Nun löste sich die strenge Ordnung,
und es gab ein großes Gratulieren und Händeschütteln. Der Herr Geh.
Regierungsrat und der Regierungsassessor verabschiedeten sich,
nachdem sie das Denkmal eingehend gemustert hatten, und fuhren, vom
Bürgermeister begleitet, zum Bahnhofe, denn sie mußten heute abend in
Kiel sein; Se. Exz. der Herr Kultusminister ~Dr.~ Bosse kam abends.
Damit war denn die Denkmalsenthüllung vorbei.
Auf dem Markte ordneten sich währenddessen die Vereine wieder und
zogen zum Landhause. Da war im Garten großes Konzert, die vereinigten
Gesangvereine trugen ihre Weisen vor, und die Kameraden saßen alle
beisammen mit Frauen und Kindern und waren so recht von Herzen vergnügt
und zufrieden. Damit ging der Nachmittag hin, und am Abend nach neun
Uhr, als es schon dunkel war, brannte Apotheker Juliussen das große
Extra-Brillantfeuerwerk ab. Wie die Feuerräder zischten und wirbelten,
wie die ~pots à feu~ knallten, wie die Schwärmer knatterten und die
Goldregenspringbrunnen funkelten. Nur mit den Raketen wollte es
nicht immer recht gehen, und jedesmal, wenn eine hochging, bliesen
die Musikanten mit verstärktem Pust, damit die Raketen mehr Schwung
bekämen. Und das Blasen half auch wirklich manchmal.
»Fihtz,« sagte die erste Rakete, und dann ging sie oben aus; »Ffiehtz,«
sagte die andere und stieß mit dem Kopfe gegen einen Baumast, daß es
knallte; »Ffi-i-htz,« sagte die dritte und richtig: »knatter, knatter,
knatter« hörte man in der Luft, und rote, grüne und weiße Leuchtkugeln
bubbelten heraus und sanken im Bogen langsam herab, bis sie verglommen.
-- »Oh,« sagten ringsum die Veteranen und die Veteranen-Frauen und
-Kinder, »wie herrlich!« -- Die Musik war stolz auf ihren Erfolg, denn
sie war es gewesen, die dieser Rakete gerade zur rechten Zeit den
nötigen Auftrieb verliehen hatte. Und deshalb paßte sie nun erst recht
auf.
»Fiehtz-z-z-tz,« sagte die vierte Rakete, und »tschinkte« machten die
Musiker gleichzeitig, und siehe da: das Wunderwerk zerteilte sich im
Äther, und eine goldene Flut rieselte hernieder. »Oh,« sagten die
Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder, »das war aber wirklich
wieder herrlich!«
»Fitzefitzefitz,« sagte die fünfte Rakete, und »tschumbdi« ließ die
Musik sich im rechten Augenblicke vernehmen, während die Pauke auch
noch ihr Besonderes tat und »plumm« machte, und wahrhaftig, es half
wieder, denn »sisisisi« tönte es von droben herab, und singende
Sternlein schwebten am Himmel.
»Nein doch!« sagten die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder.
»So was haben wir denn doch noch nicht gesehen!«
Dann sagten noch ein paar Raketen »fihtz«, und die Musiker bemühten
sich redlich, sie ordentlich hoch zu bringen mit tschumbdi, tschintata
und plumm, -- meist gelang es, bisweilen kamen sie aber mit ihrer
Aufmunterung auch etwas zu spät.
Schön war es aber eigentlich immer.
Und am nächtlichen Firmament blinkten traurig die armen natürlichen
Sternlein, die nicht gegen Apotheker Juliussens Feuerwerk aufkommen
konnten.
Den Schluß bildete die Erstürmung von Alexandria, -- die war ordentlich
beängstigend, denn es knallte und fauchte und zischte und sprühte
durcheinander, daß einem schier schwindelig wurde. Dann kamen drei
Kanonenschläge, bei denen die Veteranen von der Artillerie an ihre
alten Hinterlader dachten und die Frauen und Kinder »Uhch!« schrien,
und endlich wurde der ganze, durch Papierlaternen erhellte Garten mit
bengalischen Flammen in rotes und grünes Licht getaucht.
»Ah, nein doch! So furchtbar hell!« sagten die Veteranen und die
Veteranen-Frauen und -Kinder.
Dann ging es heim, nachdem die vereinigten Gesangvereine noch voll
tiefer Empfindung: »Gute Nacht, gute Nacht, mit Näglein bedacht«
gesungen hatten. Die Gäste begaben sich in ihr Freilogis bei den
Wettorper Kameraden oder zu den Massenquartieren, die im »Blauen Löwen«
und im »Landhause« hergerichtet waren.
Der neue Bürgermeister gab seiner Frau vor dem Zubettgehen einen
herzlichen Kuß und meinte: »Siehst du, Dora, -- unser Kaiser -- das is
'n +Mann+, den muß man +achten+.«
Und der Tag war so schön verlaufen, wie überhaupt nur das
zwanzigjährige Stiftungsfest eines Kriegervereins und eine
Denkmalsenthüllungsfeier verlaufen kann.
Am Sonntagmorgen fand Konzert auf dem Eichenberg bei Wettorp statt,
und nach dem Kirchgange wanderten die Kameraden erst ganz gemütlich
durch die Straßen. Die Musik, die am frühen Morgen vom Kirchturm herab
Choräle geblasen hatte, spielte von zwölf bis ein Uhr auf dem Markte
vor dem Denkmal, das weidlich angestaunt ward, und als sie geendet
hatte, da traten die Vereine zum Festzuge an. Knaben mit Tafeln, auf
denen die Ortschaften der verschiedenen Vereine geschrieben standen,
stellten sich in bestimmter Entfernung hintereinander auf, und bei
ihnen versammelten sich die Mitglieder. Bald war der ganze Markt
voll. Der Vorsitzende vom Wettorper Kriegervereine kommandierte:
»Stillgestanden!« und die Alten nahmen ihre Arme fest zusammen und
machten ein Dienstgesicht, so gut es noch anging. Der Vorsitzende
befahl: »Fahnensektionen -- vor! Fahnen holen!« und von jedem Vereine
schritten drei Männer ins Rathaus, um die Wahrzeichen an sich zu
nehmen. Der Ortsmusikus paßte mit erhobenem Taktstocke auf, und
sobald die erste Fahnenspitze sichtbar wurde, senkte er den Stab, und
»tra--tatata--diida« ging es los, während alle Veteranen und Kameraden
den Kopf entblößten, bis die Fahnen sich eingereiht hatten. Die Musik
stellte sich nun an die Spitze des Zuges. »Bataillon Marsch!« hieß das
Kommando, und der Festzug setzte sich in Bewegung. Die Kameraden hatten
alle ihre Orden und Ehrenzeichen angelegt, und die blinkerten goldig im
warmen, lustigen Sonnenscheine. So marschierten sie durch die Straßen;
aus den Fenstern warfen ihnen Frauen und Mädchen kleine Sträuße und
einzelne Blumen zu, die die Vorübergehenden mit ihren verarbeiteten
Händen auffangen sollten, aber sie waren zu ungeschickt dazu, und die
Blumen fielen zwischen den gespreizten Fingern hindurch zur Erde, um
von den Hinterleuten halb zertreten aufgehoben zu werden. So pilgerten
die Alten hinter der Musik und den wehenden Fahnen her und gaben sich
bisweilen einen Ruck, wenn der Ortsmusikus ein recht forsches Stück
spielen ließ, das sie wohl anno 1848 oder 1870 schon gehört hatten.
Zu beiden Seiten des Zuges aber standen die Wettorper, Frauen und
Männer, dichtgedrängt, ließen alles vorbeimarschieren und eilten dann
schnell durch eine Querstraße bis dahin, wo sie den Zug später wieder
sehen konnten.
»Tschingda tschingda dudeldudeldudel bumm,« machte die Ortskapelle und
so gelangten alle ins Landhaus, wo das Festessen stattfand. Das war
nun ein wahrer Hochgenuß. Königinnen-Kraftsuppe mit Fleischklößen und
Spargel gab es zwar nur wenig auf den Tellern, denn wenig Suppe geben
ist vornehm, die Butten mit der Mehlsauce waren schon kalt, aber das
kam nur daher, daß sich der Festzug um eine halbe Stunde verspätet
hatte und daß so viele mit essen wollten, die sich vorher nicht
angemeldet hatten. Das Roastbeef dagegen war nun wunderbar zart. --
»Ja,« sagten die Wettorper, »Fru Stamm weet, wo 'n Stück Ossenfleesch
bradn wardn mutt. Na, un de Sohs' de mugg man ja rein mit Lepeln eten.«
Und alles, was dann noch kam, Früchte, Brot, Butter und Käse, war gut
und reichlich, und das Eis war nicht zu kalt. Nein, für zwei Mark »das
trockene Kuvert« hatte man da ein herrliches Essen. Und der Wein war
auch so schön; je zwei Kameraden tranken meist eine Flasche.
»He +farvt+ örntlich, -- kick mal, wo rod min Glas is. Un denn is he
bannig stark, aber wenn man twee Mark föftig för so 'n Buddel utgifft,
denn will man em ock +marken+[1] können. Junge, wat markt man em!«
Und Reden wurden gehalten. Erst auf den Kaiser, dann auf die Gäste,
dann auf den Wettorper Verein, dann auf den Bürgermeister, dann auf
das Komitee, dann auf die Frauen, dann auf Deutschland, dann auf
Schleswig-Holstein, dann auf alle Kriegervereine, dann auf die deutsche
Flotte, dann auf die Kaiserin, dann auf Mieze, dann auf alles Mögliche
-- -- man konnte die Redner gar nicht mehr verstehen, so laut wurde es
mittlerweile im Saale und so dicht war der Zigarrendampf. Wenn aber
einer sein Glas erhob und hoch! hoch! hoch! rief zum Zeichen, daß er
mit seiner Ansprache zu Ende war, so erhoben sie alle die Gläser mit
und riefen alle mit hoch! hoch! hoch! -- Es war auch einerlei, meinten
sie, auf wen das Hoch ausgebracht wurde: zugute mußte es ihm ja unter
allen Umständen kommen, wenn sie nur kräftig mitschrieen. -- Die
Ortskapelle musizierte auf der Tribüne und spielte ein patriotisches
Potpourri nach dem andern, und sie sangen alle mit »lalala,« denn den
Text kannten sie nicht oder doch nur die erste Strophe jedes Liedes.
Natürlich waren hier nur die Herren versammelt; die Damen tranken
während des Festessens ihren Kaffee im Garten und blickten wohl einmal
durch die Saalfenster, ob ihre Männer es auch nicht zu arg trieben;
aber die fühlten sich sicher und ließen sich weder durch Winke noch
durch Blicke davon abbringen, sich noch eine Flasche Rotwein mit ihrem
Nachbar zu teilen.
Um sechs Uhr erst wurde der Saal geräumt, und in einer halben Stunde
war alles, was an das Essen erinnerte, beseitigt. Das Trompetensignal,
der Ruf zum Sammeln, ertönte, die Veteranen mit den Ihrigen strömten
wieder herein, wunderten sich, daß alles so schnell verändert war, und
setzten sich erwartungsvoll hin mit dem Gesichte zur Bühne gewandt, wo
das Festspiel aufgeführt wurde.
So schönes Theater hatten die Kriegsveteranen und Kameraden nie
gesehen. Als der Vorhang nach dem rührenden bengalischen Lichte und
nach dem herrlichen lebenden Bilde fiel, da klatschten sie, was sie nur
klatschen konnten.
Und dann begann der Kommers. An vier langen Tafeln, ebenso wie vorhin
beim Festessen, hatten die Kameraden Platz gefunden, und lustig flogen
die Worte hin und her.
Die Lieder waren alle in Reihenfolge, wie sie gesungen werden
sollten, auf ein Blatt gedruckt, und ganz zum Schlusse stand auch
»Schleswig-Holstein, meerumschlungen«. -- Und niemand wußte recht,
wie es eigentlich kam, -- eben war die Wacht am Rhein verbraust, und
es sollte nun »Wohlauf, ihr wackeren Kameraden« kommen, -- aber auf
einmal ertönte, als hätte man sich vorher dazu verabredet, außer der
Reihenfolge der Anfang des Schleswig-Holstein-Liedes, -- erst hier
und da -- ein paar alte schleswig-holsteinische Lehrer mochten damit
angefangen haben, dann fielen immer mehr und mehr ein, die Musik mußte
sich dem allgemeinen Willen fügen, die alten Kämpen erhoben sich von
ihren Plätzen, stützten die Hände auf den Tisch, blickten in die Höhe
mit begeisterten Augen und es klang:
»Schleswig-Holstein meerumschlungen --«
Und es kam eine Kraft über sie, wie damals, als sie für die Freiheit
ihrer Heimat ins Feld zogen, als die Hand den Säbel fest umfassen und
das Auge die Büchse scharf richten konnte.
»deutscher Sitte hohe Wacht --«
Ihre Stimme zitterte bei diesen Klängen; die hohe Wacht, die hatten sie
einst gehalten und deutsch waren sie gewesen bis in ihr innerstes Mark
hinein.
»wahre treu, was schwer errungen --«
Und sie dachten an alles Schwere, was sie durchgemacht hatten in Kampf
und Sturm, und an die Sorgen, die sie einst für die Ihren daheim im
Herzen getragen hatten. Und es war wie ein schmerzliches Zucken um ihre
Mundwinkel, als die Alten so da standen, die Blicke aufwärts und die
Hände auf den Tisch gestützt.
»bis ein schön'rer Morgen tagt --«
Ja, jetzt war alles ganz anders gekommen, als damals, wo sie um ihre
Freiheit streiten mußten. Freilich, ihr Herzog war ihnen genommen, aber
ihre Herzogstochter, die war jetzt deutsche Kaiserin. Es hatte schön
getagt auf die Nacht des Kampfes.
»Schleswig-Holstein stammverwandt --«
Alle fühlten sie sich als Brüder, so innig miteinander verwoben, und
sahen einander in die Augen, wie sie das sangen, und Tränen blinkten
darin, und sie nickten einander zu mit den braven, geraden Gesichtern.
»wanke nicht, mein Vaterland!«
Sie hoben die Gläser, die Alten und die Jungen, und stießen an und
schüttelten einander die Hände und waren einander gut und umarmten die
Kameraden. Und dann wiederholten sie die beiden letzten Zeilen:
»Schleswig-Holstein stammverwandt,
wanke nicht, mein Vaterland!«
Und als diese einfachen Veteranen das Wort »Vaterland« aussprachen,
so ernst begeistert, so innig trotz der Rauheit der Stimmen, da lag
für die Jungen im Saale das Geheimnis geoffenbart, warum wir jetzt ein
einiges Deutschland haben!
Das war das Kriegerfest in Wettorp.
Anna Croissant-Rust: