Wenn Thomas Mann der Dichter des niederdeutschen Patriziertums ist,
so ist +Ottomar Enking+ der berufene Schilderer des niederdeutschen
+Kleinbürgertumes+. Beide Gesellschaftsschichten umspinnt die leise
Tragik: stehen geblieben zu sein, überholt zu sein von einer Zeit der
lärmenden Maschinen, der konzentrierten Kräfte und des gesteigerten
und gehetzten Lebenstempos. Herrisch verfolgt diese Zeit ihr Ziel und
schreitet unerbittlich über die kleinen gedrückten oder verzweifelt
aufbegehrenden Existenzen hinweg: über verstörte Patriarchen, die
»die Welt nicht mehr verstehen«, und über sehnsüchtige Mädchenseelen,
die am Zwiespalt zwischen der beengenden Überlieferung und der
lockenden Freiheit zerbrechen. In die behagliche Selbstgenügsamkeit
und behäbige Selbstzufriedenheit, mit der sich die Gestalten der
Reuterzeit bewegten, kommt nun ein weher Ton wie von einer Glocke, die
zersprang. Denn das Gefühl des Überholtseins gibt Bitterkeit oder,
vom Betrachter aus, Ironie. Das Genrebild geht durch die Schule der
naturalistischen Impression, die Beobachtung wird exakter, schärfer,
unbeirrter, erreicht eine verblüffende Fertigkeit, Dinge, Geräusche
und Bewegungen sinnfällig zu machen, und stellt die Alltagstypen der
deutschen Kleinstadt greifbar nahe und unauslöschlich vor uns hin: mit
einem wehmütigen +Humor+, der zugleich mitfühlende Liebe und ironische
Überlegenheit ist und der ihren Untergang ohne jede Sentimentalität
verklärt. +Enking+, der früher Schauspieler, dann Redakteur war
und jetzt als freier Schriftsteller in Dresden lebt, ist seiner
Geburtsstadt nach Kieler (er wurde dort am 28. September 1867 geboren).
Einzelne seiner Werke, so der Roman »Johann Rolfs«, spielen sich auch
auf Kieler Boden ab; für seine Hauptwerke ist jedoch Wismar das, was
Lübeck für Manns »Buddenbrooks« ist: es ist das »Koggenstedt« jener
Romanfolge, als deren Meisterstück mit Fug und Recht die »+Familie P.
C. Behm+« gilt.