Ja, antwortete Selim, das strenge Schicksal hat es so gewollt.
_Ali._ Und du zitterst nicht?
_Selim._ Nein. --
_Ali._ Da du in meiner Gewalt bist? --
_Selim._ Was soll ich fürchten? Du hast die Gewalt mich zu tödten und
ich wünsche den Tod. --
_Ali._ Auch einen martervollen Tod?
_Selim._ Endlich muß doch die _letzte_ Marter zu mir kommen, die mich
mitleidig frei macht. Wie soll ich Martern fürchten, wenn sie nicht ewig
dauren? -- Wie kann ein Mann so kindisch ungeduldig einige schmerzvolle
Stunden scheuen? --
_Ali._ Du wünschest den Tod und dies könnte mich versuchen, dich nicht
zu tödten.
_Selim._ Seit mein Entwurf dahin ist, giebt es keine Freude, keine
Hoffnung mehr. Ich mag nicht in einer Welt leben, wo dein Wille,
dein Befehl alle Seelen lenkt. O versuch' es, ich werde mit größerer
Kaltblütigkeit sterben, als du Muth hast, meinen Tod auszusprechen.
-- Ich hatte auf diesen Fall gerechnet; daß ich sterben konnte, daß du
Sieger sein konntest, diese Möglichkeit hatte ich nicht vergessen und
darum bin ich darauf vorbereitet. Auf beides machte ich mich gefaßt,
entweder ich sprach dein Todesurtheil, oder du das meinige. --
_Ali._ Du hättest mich dem Tode übergeben?
_Selim._ Ja, denn du machst dein Volk unglücklich und es verdient
glücklich zu sein. --
_Ali._ Du hättest mich unter Martern sterben lassen.
_Selim._ Nein, für _dich_ wäre der Tod die größte Strafe gewesen.
_Ali._ Du verachtest mich?
_Selim._ Lehre mich, wie ich dich ehren kann. --
_Ali._ Du kannst mich hassen, nur verachten sollst du mich nicht. --
_Selim._ Nimm mir meine Meinung.
_Ali._ Du wirst zittern!
_Selim._ Vor dir? -- Niemals! -- dies ist also der Ali, vor dem Asien
bebt? das Schrecken des Volks, der Mann, mit dessen Namen Mütter ihre
Kinder zur Ruhe bringen? -- Ich hätte ihn schrecklicher geglaubt. -- Dies
ist der Blick, der Tausende bleich macht, dies die Hand, auf deren Wink
das Leben wie ein Hauch entflieht? -- O versperre dich, Sultan, in
deinem Pallaste, werde von Niemanden gesehen, sonst wird es bald dahin
kommen, daß keiner vor dir zittert.
_Ali._ Du wagst es, mich zu verspotten?
_Selim._ Was kann ich wagen? -- Das Leben hass' ich, so wie ich dich
hasse, deine Martern veracht' ich, wie ich dich verachte, -- nenne mir
ein Wort, das die Farbe von meinen Wangen jagte, einen Ton, der mich
erzittern macht; du kannst es nicht. -- Sieh, ich bin über dir und über
dem Schicksal erhaben. -- O sieh' mich nicht so drohend an, dein Blick
fällt vergebens so flammend auf mein Angesicht, ich bin kein Verbrecher,
ich darf mich nicht vor deinem Auge verkriechen; trüg' ich nicht diese
Ketten, o so müßtest du in _meiner_ Gegenwart zittern, ein Verräther hat
dir dies Zittern erspart, ein Verräther hat meinen Vorsatz vernichtet,
auf ihn komme das Elend des Volks, nicht über dich. --
_Ali._ Nicht über mich?
_Selim._ Nein, -- du verachtest die Menschheit, du verkennst ihren Werth,
Menschen gelten dir weniger als Pflanzen, durch Schätze kannst du sie
nur belohnen, durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung von
dem Gefühl, das den Menschen zum Menschen erhebt, -- und darum bemitleid'
ich dich, darum verzeih' ich dir.
_Ali._ Verworfner? du verzeihst mir? -- Welcher Stolz spricht aus diesem
Sklaven? -- Führt ihn hinweg!
Die Leibwache wollte ihn wegführen, als Selim sich noch einmal zu Ali
wandte: --
Und was gewinnst du mit meinem Tode? -- sprach er mit fester Stimme, wird
dein Zittern enden mit diesem Schlag? -- Wirst du weniger beim Schall des
Windes und vor deinem Schatten zurückschrecken? -- Die Tyrannen tragen ihre
Strafe in ihrem eigenen Busen. -- Dein Volk haßt dich und du weißt es, die
Welt verachtet dich und du verachtest dich selbst. -- Hartnäckig ringst
du mit dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelenträgheit
herauszureissen, -- aber du vermagst es nicht. -- Ich sterbe und du lebst,
-- aber beim Allmächtigen! ich möchte dein Schicksal nicht mit dem
meinigen vertauschen! -- Schon daß ich _dich_ im Tode verliere, ist ein
Gewinn, ein Leben, über das _du_ in jeder Stunde gebieten kannst, ist
kein Gut für mich, ein Glück, das von dir abhängt, kann kein Glück sein.
-- Und welches Leben, welches Glück bleibt _dir_ zurück? o sieh in die
Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden freudenleeren Wüste.
-- Ohne lieben zu können und ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du
jeder Stunde entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude vertilgt,
ein ewiger Durst, der nie eine löschende Quelle findet. -- Deine Brust
ist hohl, du schämst dich ein Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten,
treulos haben sie dich alle verlassen. -- So lebst du -- und stirbst
endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst stündlich Freuden und vertraust
dich unbefriedigt jedem neuen Tage, der letzte sinkt unter, -- du bist
nicht mehr und glaubst auch nicht gewesen zu sein, -- Und darum, weil
ich dich bemitleide, verzeih' ich dir!
Ali stand nachdenkend. -- Noch dräut der Mordstahl in deiner Hand, fuhr
Selim fort, noch erzittert alles rund umher vor deinem Machtspruch,
-- aber eine freudige Aussicht thut sich mir auf. -- Unaufhaltsam bricht
der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer näher, armselig wird
deine Schreckensstimme in dem Brüllen der Orkane verwehen, dann, -- o
sie kann nicht fern sein, diese Zeit, -- dann fühlt die Menschheit ihre
große Kraft und fühlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen mit einem
furchtbaren Klang und du zitterst! -- Dann löscht kein Mord die hellen
Flammen aus, dann gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit
fordert ihre ewigen Rechte zurück; -- ich kann ruhig sterben, denn diese
Zukunft lacht mir entgegen.
Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen, Abdallah eilte
hervor und stürzte vor seinem Vater nieder. --
Du hier? fragte Selim freundlich; glücklich, daß ich dich gefunden habe,
mein Herz suchte dich schon auf dem Wege, aber doch wird mir der
Abschied von dir diese Reise erschweren. --
Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit dumpfer Stimme. Er
klammerte sich schmerzhaft um seine Kniee, alle seine Pulse schlugen
gewaltsam, seine Brust röchelte, sein Auge starrte brennend zum Vater
hinauf.
Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die Arme deines Vaters. -- Er
umarmte ihn. -- Mit diesem Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder
von dir, den ich voreilig über dich ausgesprochen habe, wenn ich _dir_
fluche, welche Seligkeit lasse ich dann auf dieser Welt zurück? -- Nein,
Abdallah, aller Segen des Himmels komme auf dein Haupt herab. -- O vergieb
dem Vater, der vom Zorne übereilt ward, vergieb ihm, geliebter Sohn! --
Vater! Vater! schrie Abdallah laut, -- dein Segen brennt glühend auf
meinem Haupte, gieb mir meinen Fluch zurück, er machte mich glücklich.
Fluche mir, Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz elend
machen willst. --
_Selim._ Du sprichst im Wahnsinn, Abdallah; hat dich mein Unglück in
diese Wuth gesetzt? -- o laß mich, ich sterbe freudig. Ehre das Andenken
deines Vaters und Abubekers Tochter werde deine Gattin.
_Abdallah._ Fluche mir, Vater, oder ich bin verloren! die Hölle ist mein
Paradies; Flüche sind meine Freude!
_Selim._ Ich mußte ja doch bald sterben, Abdallah, -- laß mich, du bist
nicht Schuld an meinem Tode, wir sehn uns einst wieder.
_Abdallah._ Nein, nein! du bist mir ewig, ewig verloren; wir sehn uns
nie wieder, ach! du weißt nicht --
_Selim._ Wir wollen Abschied nehmen, nur auf ein Menschenalter. Ich
lasse dir meinen besten Segen zurück, mein Geist wird über dir wachen,
meine Seele der Wächter deines Glücks sein. Ich will der Gehülfe deines
guten Engels werden, -- nur verzeih meine Härte, geliebter Sohn, mit der
ich heut am Morgen mit dir sprach, ich habe sie nachher tief bereut. --
Abdallah schloß sich ohne Bewußtsein krampfhaft an seinen Vater, Selim
hielt ihn in seinen Armen und sahe wehmüthig auf ihn hin. -- Komm zurück,
sagte er zärtlich, denn ich muß scheiden, von dir und von dieser Welt;
ich habe genug gelebt, bleibe du zurück, entfliehe von hier und suche dir
ein besseres Vaterland, hasse den Bösewicht und liebe den Tugendhaften,
ehre Gott und seine Gesetze, und das Elend wird vergebens gegen dich
anstürmen; du wirst in dir selber stets eine unversiegbare Quelle von
Glück entdecken, das dir kein Tyrann und kein Boshafter rauben kann; an
den Edlen reicht das Unglück nicht hinan, ihn erreicht keine Grausamkeit,
kein Bösewicht kann ihn niederdrücken, er lebt und geht aus dem Leben
hinaus ohne zu klagen, denn er weiß, daß er dort den Lohn seines
Edelmuths empfängt. --
Nimm mich mit dir! rief Abdallah. -- An deiner Seite wird man es nicht
wagen, mich vom Eingange des Paradieses zu verscheuchen. O laß mich mit
dir sterben!
_Selim._ Nein, Abdallah, du bleibst zurück, bis dich der Richter fordert,
bis die Jahre ihren Kreis gemacht haben, bis die Welle deines Lebens in
das große Meer der Ewigkeit fließt, -- bis dahin sei ruhig, wir sehn
uns wieder. -- Tröste dich mit dem schönen Augenblick, in welchem ich
freudig meinem Sohn entgegen gehen werde, wo die Ewigkeit unsre Liebe
unzertrennlich verbindet; wo wir uns mit Lächeln von den hiesigen
Träumen erzählen, -- o halte mich nicht länger von diesem schönen
Aufenthalt zurück, der Tod ist nur eine Brücke, die mich dorthin führt,
-- Lebe wohl! --
Er wollte sich von Abdallah losmachen, aber dieser hing sich fest
an seinen Vater. -- Ich lasse dich nicht, ich kann dich nicht lassen,
schrie er wüthend, fluche mir und ich gebe dich frei, übergieb mich der
Hölle und ich will dich dem Paradiese lassen. -- Vater, du weißt nicht,
wen du in deinen Armen hältst.