Abdallah unterbrach ihn: -- Kann ich es selbst begreifen? das Verhängniß
und Zulma, -- ich habe diesen Preis gewonnen, was ist es mehr, wenn ich
mich selbst dabei verspielte? -- Zulma, Zulma soll es mir alles ersetzen,
ha! oder ich will einst den Richter jenseit bitter anklagen, daß er mich
um mein Leben betrog, daß er mir hämisch einen großen Tausch anbot -- und
mich schadenfroh hinterging --
Halt ein! rief Ali, der Wahnsinn spricht aus dir! du lästerst den Herrn,
Elender! -- Was hilft es, daß du gegen die Last kämpfest, du wirst sie
niemals abwerfen. --
Ali sahe starr vor sich nieder, sein Gesicht ward milder, sein Auge
menschlicher. Er dachte über einen Gedanken nach, der ihn wehmüthig
machte.
Ha, Mehmed! sagte er endlich und wandte sich zu seinem Vezier. -- Wer
tadelt mich nun noch, daß ich die Menschheit verachte? Wer darf noch
murren, wenn ich ihren prahlenden Beglaubigungsschein nicht als gültig
anerkennen will? -- Sie selber sendet einen aus ihrer Mitte, der ihre
schwarze Verrätherei entdeckt, der den verächtlichen Betrug entlarvt. Bis
itzt hab' ich noch immer gefürchtet, an diesem Geschlecht zu irren, aber
nun sind meine Zweifel gehoben, ich bin überzeugt! Was hat Selim von mir
gewollt, da sein Sohn, den er liebt, der ihn liebt, selber gegen seine
Stimme schreit? -- Wo soll ich ehren, wo lieben, wenn Verächtlichkeit
und Meineid mir warnend auf der Gränze entgegenkommen? diesen Bothschafter
hier nennen sie selber tugendhaft und er schlägt das Vermögen unter,
das sie ihm anvertrauten und entläuft knechtisch mit seiner Beute. -- O
hinweg von mir, was sich mit dem Namen Mensch brüstet! Ihr Stolz ist
Niedrigkeit, ihre Tugenden sind nur unterdrückte Verbrechen, von itzt
sollen sie an mir einen unerbittlichen Richter finden, der sich durch
keinen blendenden Glanz bestechen läßt. Ich will ihren Stolz verfolgen,
bis er zur Demuth wird, sie verkaufen sich um eine Nichtswürdigkeit der
Hölle, ihre eignen Sinne sind die Angelhaken, die sie für die ewige
Verdammniß gefangen nehmen. Selim haßte mich, weil ich die Menschheit
haßte, weil ich sie nicht lieben konnte, wollte er das Band meines
Lebens zerreissen, diesen hat er für seine Menschheit erzogen und er
verläugnet sie auf ewig. -- Mit Selim will ich mein strenges Amt beginnen,
statt zu verachten will ich das Siegel itzt _verhöhnen_, auf das diese
Elenden so stolz sind. Es ist Tugend, diese Brut zu verfolgen, über ihre
allgemeine Vernichtung würde die Erde und der Himmel jauchzen. Selim ist
die erste Beute, die mir aus dieser schändlichen Rotte zugeworfen wird,
an ihm will ich dreist sündigen, an ihm sollen sie eine Probe ihrer
Verfolgung sehn und zittern. -- Kömmt er noch nicht? Ich schmachte nach
seinem Anblick, itzt will ich ihm mit Kühnheit entgegengehn, denn unser
großer Streit hat sich entschieden, ich habe meine Anklage gewonnen, er
soll zusammenfahren. Alle Quaalen will ich an ihm ermüden und ihn dann
erst des Spielwerks überdrüssig, in die Vernichtung werfen.
Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren da gestanden, er
hatte kaum Ali's Worte verstanden. Plötzlich brach wieder ein Ton durch
die taube stumme Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet
unter den flüchtigen Schatten, er wachte wie aus einem Rausche auf.
Mächte des Himmels! rief er plötzlich in lauter Angst, -- was, _was_
hab' ich gethan? Ha! wie bin ich hierhergekommen? -- Wer ist es, der aus
meinen Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst Abdallah
nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner Behausung geworfen und zerstört
seine Wohnung, o könnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! -- Nein, dies
hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen Brand im Innern meiner
Seele hat noch kein Sterblicher erduldet.
Er stürzte wüthend nieder.
Allmächtiger! rief er. -- _Was_ hab' ich gethan? -- Vernichte mich,
Gräßlicher, damit ich aus diesem Traum erwache! -- Nur einen, einen
Donner auf mein Haupt, laß ihn zerstörend durch mein Herz rollen und den
Blitz durch diese Brust flammen, -- wirf mich in die Hölle hinab, nur
rette mich von _diesem_ Gefühl, laß die Verdammniß mich nur von _dieser_
Quaal erlösen! -- Himmel! wie ein Nachtwandler wache ich plötzlich auf
und finde mich in eine Todtengruft verirrt. -- Reißt mit glühenden Ketten,
mit Feuerhaken diesen angeklammerten Drachen aus meinem Busen, der
wüthend mit scharfem Zahn in mein Eingeweide beißt! -- Beschützt mich
Geister der Hölle und schlagt diese Erinnerungen zurück, die zu mir
hinanspringen! -- O Ali, Ali, -- ruf deine Henker und laß mich vernichten,
wenn noch ein einziges Menschengefühl unter den vermoderten Ruinen
liegt, -- findest du nur noch eins, das letzte, o so laß mich sterben.
--
Ali sahe kalt auf ihn herab. -- Du sollst leben, sagte er.
_Abdallah._ Leben? -- Ha! du geizest mit dem Tode! Selim soll sterben,
ich bin dieser Wohlthat nicht werth. O wenn du nur noch einen Klang von
der zerrissenen Harmonie in dir spürst, wenn meine Quaal dir denkbar
ist, -- o so laß ihn nicht sterben, gönne dir selber diesen ersten großen
Sieg, versuch es nur diesmal, nur dies einzigemal, -- und wenn dich dein
Gefühl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen.
_Ali._ Selim muß sterben. --
_Abdallah._ Sterben? -- O wie kalt du dies eine Wort aussprichst, an das
sich meine ganze Seligkeit gehängt hat. -- _Sterben?_ -- Fühlst du, was
ich in diesem einzigen Wort verliere? -- mehr, als mir tausend Kronen
ersetzen können, mehr als diese Erde werth ist. -- O Ali, denke den großen
Gedanken, durch _einen_ Hauch deines Mundes kannst du dich zu meinem
Gott emporschwingen, der mir mit freigebiger Güte den Himmel schenkt,
der großmüthig mich aus der Hölle nimmt und sie verschließt, -- o Ali,
_sterben_ kann mein Vater durch den Dolch eines jeden Sklaven, -- aber
dann steht die ganze Schöpfung da und kann den Hauch des Lebens nicht
wieder fesseln, der flüchtig den Körper verließ, -- nur die Allmacht
kann zu ihm wieder sagen: _lebe_! O Ali, du darfst itzt des Allmächtigen
Stelle vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei großmüthig,
sei menschlich. --
_Ali._ Er muß sterben. --
_Abdallah._ Nein, laß ihn den Wink des Ewigen erwarten. -- Du findest
ihn dort einst wieder: laß ihn dir als Freund entgegengehn. Wünsch' es,
daß du den heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet
findest.
_Ali._ Nein, er muß sterben, _heut_ sterben. -- Wer bist du mir? Und für
dich sollt' ich diese Freude verloren geben? --
_Abdallah._ Sterben? und unter Martern sterben? -- Nichts kann diesen
fürchterlichen Ausspruch vernichten? -- Unter Martern, die bis in die
fernsten Pulse der menschlichen Natur zucken? -- Nun so häufe Quaal auf
Quaal, sinne mit Henkersscharfsinn auf Schmerzen, trinke sein Blut und
laß dir seine Gebeine vorsetzen, fülle das Maaß meiner Verdammniß bis
oben an, daß auch keine Faser von mir der Hölle entrinne. -- Nun es
Flüche gilt, o so stürme die Unendlichkeit mit Millionen Flüchen auf
mich ein, -- nun bin ich einmal tief hinein in Raserei verirrt, nun mag
kommen was da will. -- Siehe, Gräßlicher, nun zittre ich nicht mehr, nun
scheu' ich nicht mehr den Blick deiner Augen, so verworfen ich bin, so
fühl' ich doch noch, daß _ich_ ihm verzeihen würde. -- Ich unternahm das
fürchterliche Spiel, um mein Glück, um Zulma zu gewinnen, -- du aber
stehst von deiner Felsenkälte gepanzert da -- und freust dich bloß der
Todesquaalen. Du gewinnst durch seine Schmerzen nichts und ich verliere
alles. -- O nun dränge sich Verderben auf Verderben, nun die Würfel einmal
gefallen sind, nun stürze der Himmel und die Erde zusammen und begrabe
alles in _eine_ Hölle und ich will dazu lachen. Sieh, du hast meine Geduld
verspottet und mich zur fürchterlichen Gränze des Wahnsinns gerissen und
nun trotz' ich dir und Gott. Was kann ich noch fürchten, da ich selbst
mein größtes Entsetzen bin? -- Ich könnte frech den Ewigen zum Zweikampf
fordern und fluchend niedersinken. --
Er stürzte zu Boden, brüllte laut und schlug heftig mit den Fäusten
seine Brust, der Vezier trat hinzu und wollte ihn hinwegreissen, aber
Ali hielt ihn zurück. --
Laß ihn, Mehmed, sagte er mit bitterm Lächeln, mich ergötzt die Ohnmacht
dieses Wurms. Er möchte sich selber entfliehen und unzerbrechlich ist sein
Bewußtsein an sein Verbrechen geschmiedet. -- Sieh, dies ist der Mensch,
der Wiederschein des Ewigen. -- Sieh, wie er in der Wuth sich wälzt und
wie ein Rasender brüllt, -- würdest du ihn dir als einen Edelstein unter
verächtlichen Gewürmen hervorlesen? Laß ihn liegen, -- o beklage mich,
daß ich zum _Menschen_ ward, ich schäme mich meiner selbst!
Abdallah's Bewußtsein kam zurück. -- Derselbe Leichnamsblick kömmt mir
wieder entgegen? sprach er matt und leise. -- Sieht so ein Mensch aus?
-- O dann will ich zu den Teufeln flehen und ich werde sie mitleidiger
finden, als dich.
_Ali._ Ich bedaure dich. --
_Abdallah._ Es ist nicht möglich, -- dann würde dein Auge eine andre
Sprache reden. _Ali._ Es thut mir weh, ein Wesen zu sein, das mit dir
einen Rang in der Schöpfung hat, ich bemitleide mich selbst und darum
bedaure ich dich. Weil ich euch verachte, will ich deinem Vater die
Quaalen erlassen, mir ekelt, das Auge auf die Menschheit zu werfen, auch
ihre Schmerzen können mich nicht vergnügen. Stehe auf, ich erlasse sie
ihm.
Abdallah stand langsam auf, er ging betäubt zurück und stand ohne
Bewußtsein und Gedanken an die marmorne Mauer gelehnt, Ali sahe starr
vor sich nieder.
Es erhob sich ein Geräusch im Hofe des Pallastes, der Vezier eilte an's
Fenster.