Was hast du gesehen? fragte ihn _Omar._

Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich das wilde Keuchen

seiner Brust etwas besänftigt hatte, dann sprach er:

Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Träumender, der laute Donner der

zusammenspringenden Felsen weckte mich aus meinem Taumel. -- Ich tappte

unendliche kalte, feuchte Wände hinab, eine fürchterliche Stille ging

vor mir her, ich hörte in der entsetzlichsten Einsamkeit nichts als das

Wehen meines Athems, der sich die Mauer hinabschleifte und das Dröhnen

meiner Tritte. -- Meine Zähne klapperten vor kaltem Schauder, und

ein Grausen setzte mir die Hände in den Rücken und trieb mich weiter.

-- Plötzlich kam es mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und

Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath empfangen wird.

-- Donner wälzten sich durch die hallenden Gewölbe, Waldströme stürzten

sich rauschend herab, und ein Hohngelächter borst mir von allen Seiten

entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner Sinne betäubte und zu

neuen Schrecknissen wieder weckte. -- Oft schwieg es und wie Flöten

und Nachtigallengesänge flüsterte es über mir und weckte hämisch die

Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten Herzen, -- und

plötzlich brachen dann wieder die Donner und Siegestöne hervor, und

das Hohngelächter schallte von neuem und jagte meine Seele zur

Verzweiflung. --

Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher und die Einsamkeit und

Stille streckten sich wieder vor mir aus, tausend Schrecken flogen um

mich herum und saußten mit kaltem Fittig um mein Haupt. -- Eine nasse

Felsenwand stand vor mir, -- ich tappe zur Seite -- unerbittlich streckt

sich mir ein Fels entgegen, -- ich stürze rückwärts, -- auch dort der

Weg durch eine Klippe verriegelt.

Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht, mein Gebrüll sprang

fürchterlich von den Felsen zurück, ich verfluchte mich und dich und

betete von neuem in noch gräßlichern Verwünschungen. -- Plötzlich wehte

es wie ein Wind über mir hin, es flüsterte und zischte und aus dem Felsen

leuchteten sanfte Schimmer. -- In mannichfaltigen Verschränkungen webten

und flutheten sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen schossen

hin und her und leckten die Felsenmauer und rollten sich dann in eine

große Flamme. Aus der Flamme streckte sich langsam ein weißgebleichtes

Todtengebein hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger

einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein zurück. -- Itzt fuhr

das Feuer wüthend auf und ab und ein heller Sonnenschein sprang plötzlich

aufrecht und stieß mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt sah' ich

-- o wären meine Augen ewig verblindet! -- Hätte vor dieser Stunde mich

der Todesengel mit seinem Schwert geschlagen, -- ich sahe, -- o verflucht,

dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! -- den Leichnam meines

Vaters, fürchterlich geschwollen und mit entstellten Zügen und die

scheußliche Hand reckte sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn

hin. --

Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend auseinander und das

schauderhafte Getön kömmt mir wieder schneidend entgegen, wie ein Heer

von bösen Engeln, die in gräßlicher wüthender Schadenfreude mit den

Höllenpauken die Verdammten begrüßen, -- das Hohngelächter trat

mir wieder frech entgegen, ach! und hinter mir schleppte sich das

fürchterliche Bild meines gemordeten Vaters, als wenn es die Hand

ausstreckte, mich festzuhalten, -- ich flohe mit kalten Schweißtropfen

auf der Stirn, bis mir endlich das verworrene Getöse nur wie aus tiefer

ungewisser Ferne nachtönte. -- Ich ging durch hundert Gewölbe, ich drängte

mich durch unendliche Klüfte, wand mich durch tausend Felsenspalten kalt

und ohne Leben hindurch, -- und immer weiter dehnte sich mein Weg, ich

schrie um Hülfe, mein Geschrei erklang durch hundert gewundene Öffnungen

und verhallte wie der Wind in der Ferne, -- ich stürzte durch neue

Felsengemächer und alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zurück.

-- Schon verließen mich meine Kräfte, schon wollt' ich mich verzweifelnd

niederwerfen und lebendig eingegraben ein Dasein enden, das mir nur

Qualen verhieß, -- als ein mächtiger Donner die Erde über mir auseinander

riß. -- Dem gräßlichsten aller Tode entronnen stürzte ich der Rettung

und dem Lichte entgegen und dankte.

Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. -- Omar! Omar! schrie

er plötzlich auf. -- Sieh! sieh! da liegt das bleiche, fürchterlich

verzerrte Bild und sieht mich mit den todten Augen an, -- o warum hast

du es nicht in die Kluft zurückgeschleudert, und sie dann auf ewig, auf

ewig verschlossen!

Omar antwortete nicht und sah ihn wehmüthig an. -- Abdallah stand lange

und starrte auf einen Punkt, dann fragte er ohne sich umzusehen: -- Nur

meines Vaters Tod kann mich glücklich machen?

Das Schicksal hat es ausgesprochen, das fürchterliche Wort, antwortete

_Omar._

Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zurück.

_Zehntes Kapitel._

Abdallah erwachte nur erst spät, fürchterliche Träume hatten ihn gequält

und seine Kräfte erschöpft, er fuhr schreiend aus dem Schlafe auf und

seine Augen suchten Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon früh

sein Gemach verlassen.

Er stand auf und brütete mit finstrer Seele über sein Unglück, er suchte

umsonst nach tröstenden Gedanken. -- Wenn er an Zulma dachte, so stellte

sich ihm der Fluch seines Vaters und das gräßliche unterirdische Bild

entgegen, der _Freund_ Omar war ihm entrissen und dafür ein fremdartiges

übermenschliches Wesen untergeschoben, in sich selber konnte er nicht

zurückfliehn, denn aus seinem Innern heulten ihm tausend Ungeheuer

entgegen, eine trostlose Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen

und dunkle Zauberdämonen grinzten ihn in seiner schwarzen Wüste an;

alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm gestohlen, seine Begeisterung,

die einst für das Große und Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen

Dämpfen erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten. Für

eine Freundesseele, der er sich hätte aufschließen können, hätte er die

Hälfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal stieg der Gedanke in ihm

auf, seinen Jammer in den Busen seines Vaters zu schütten und seinem hohen

eingebildeten Glück zu entsagen, in einer beschränkten Zufriedenheit zu

leben, und seine goldnen Träume zu verabschieden, aber dann fühlte er

wieder lebhaft, daß er die Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten,

nie wieder von sich abschütteln könnte, sein Elend hatte ihn so fest

verstrickt, daß seine Lebenszeit zu kurz schien, die verwickelten Fäden

auseinander zu lösen. Der Strudel hatte ihn ergriffen, er konnte nicht

rückwärts, sondern mußte sich den Wogen überlassen, die ihn dürren

Felsenmauern vorüberwälzten, Zulma war die einzige Blume, die in der

starren Wildniß ihn mit ihren lieblichen Farben erquickte.

»O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich in das Thal des

Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich jagt das Verhängniß hinter

mir her, nur das todte Opfer kann es versöhnen, der Abgrund gähnt

bereitwillig unter mir und hinter mir steht das Schicksal und läßt mich

nicht entrinnen, ich sträube mich vergebens, mein Wille ist zu schwach,

ich _muß_ hinunter. In der Sterblichkeit ist keine Rettung und Gott

-- o dieser Grundstein ist versunken, alles ist eingestürzt und die

wüsten Trümmern rufen mir wehmüthig zu: _es war!_«

Erst mit der Dämmerung kam _Omar_ zurück. Er fand Abdallah in

Gedanken versunken und den Ring betrachtend, den er in der Nacht aus

der unterirdischen Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und

Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und sagte: Omar, -- ja

ich erkenne noch jene Züge, die einst meinem Freunde zugehörten. -- Er

konnte sich nicht länger zurückhalten, er fiel ihm lautweinend in die

Arme, -- ja Omar, rief er aus, -- es war eine schöne Zeit!

Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du sprichst von ihr, als

wäre sie nicht mehr. Ich war und bin dein Freund, wandre durch das weite

Asien und du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger liebte

als ich. --

Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O gieb mir zurück, Omar,

was du mir genommen hast, sagte er mit klagender Stimme, als ich mit

kindlichem, leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen

Ahndungen ging ich der verschloßnen Welt vorüber, du hast sie mir

aufgethan und verächtlich liegt die häusliche Armseligkeit der innern

Natur vor mir. Die Brücke ist hinter mir eingestürzt, ich kann nicht

wieder rückwärts. Mit sicherm Fuße stand ich einst auf diesem Ufer, der

Triebsand schießt unter mir zusammen und versenkt mich in den Abgrund.

_Omar._ Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken zu, ergreife ihn und

rette dich.

_Abdallah._ Als ich noch auf deinen Knien ruhte, mit deinem Barte

spielte, und mich in deinen Augen lächelnd sah, -- o wie glücklich war

ich damals! Rufe jene Jahre zurück, Omar, und ich gebe dir freudig alles

wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die Liebe zurück, mit

der ich dich damals liebte, da gehörtest du mir, ich dir. -- Omar, ich

liebe dich noch, aber ein geheimes Grausen hält Wache um dich her und

läßt meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens dringen. -- Du

stehst mir verloren in den Wolken und ich seufze zu dir hinauf, der

Mensch kann nur den Menschen lieben, dem Gotte gebührt Anbetung.

_Omar._ Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin derselbe Freund, der ich

war, bleibe auch du derselbe.

_Abdallah._ Ich? -- O von _dem_ Abdallah ist nichts mehr als der Name

da, alles übrige gehört den bösen Geistern.

_Omar._ Ermanne dich Abdallah, und vergiß die Begebenheiten dieser

Nacht.

_Abdallah._ Vergessen? -- Er zeigte auf den magischen Ring, -- o sieh

den ernsten unermüdlichen Mahner, nein, ich werde sie nicht vergessen.

Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare magische

Charaktere eingegraben waren. -- Sieh, Omar! rief er aus, -- hier steht

in unverständlichen Zeichen mein Unglück geschrieben, dies ist der

Pfandbrief meines Elends, meines Vaters gräßliches Todesurtheil, der

schwarze Gränzstein meines Lebens; -- wie eine Blutschuld hängt dieser

Ring an meinem Finger.

_Omar._ Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn ich werde dich heut noch

verlassen. -- Du fährst zurück? Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. --

Nur höre meine Bitte: liebe mich stets, laß keine Verläumder sich

zwischen unsre Freundschaft drängen, ich bin dein auf ewig, dein Glück

ist der Endzweck meines Lebens. Laß keinen Wurm der Lästerung sich auf

die Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. -- Versprichst du mir

das?

_Abdallah._ Ja. -- Aber warum reisest du? -- Und warum gerade itzt?

Davon ein andermal, sagte _Omar_, und umarmte ihn. Abdallah hielt ihn

ängstlich fest umschlossen, er drückte ihn lange an seine Brust. -- Mir

ist, Omar, seufzte er, als würdest du mich lange nicht wiedersehn, oder

noch unglücklicher als itzt!

Bald und glücklich, sagte Omar und machte sich aus Abdallahs Umarmung

los, -- vergiß nicht meine Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht

verlassen, mein Schutz soll eine Rüstung um dich legen. Verfolgen dich

Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe diesen Ring und du bist gerettet.

Bei _diesem_ Ringe soll ich an meinen Omar denken? fragte Abdallah mit

schwerem Schmerz. Omar sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte

gehen, er kehrte wieder zurück. -- Noch, sagte er, habe ich dir eine

Botschaft zu bringen, die dein Herz bis oben an mit Freuden erfüllen und

jeden Kummer ertränken muß, oder meine Freundschaft hat vergebens

gehandelt. Höre!

Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht.

Zulma liebt dich! rief Omar.

Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, -- o dann bin ich mit

mir selber wieder ausgesöhnt! -- Zulma? -- Unendliche Wonne kömmt mir in

diesem Ton entgegen! -- Zulma? -- Nicht möglich! -- So plötzlich kann

die feindselige Wirklichkeit nicht auf die andre Seite springen! -- O

Himmel! wie verächtlich liegen dann alle meine Klagen vor mir! -- Sie

liebt mich? -- O nun -- nun mag das Unglück gedrängt um mich wimmeln --

vor diesem Worte flieht alles rückwärts. -- Omar, dieser Talisman

schützt mehr als der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun

bin ich mehr als ein Mensch! -- _Dein Freund und Zulma's Geliebter!_ O

wo ist der Sterbliche, der mit mir um den Rang nach der Gottheit

stritte? -- Aber nicht möglich! -- Wie kann -- o du willst mich

täuschen, Omar, um mich wieder lächeln zu sehn, du grausam zärtlicher!

In eben so vielen Worten wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese

Seligkeit enthielten. -- Omar, sprich, schweige nicht, -- in einem Worte

Seligkeit oder Verdammniß, -- o auf Jammer bin ich nun ja schon gefaßt,

sprich es aus: sie liebt mich nicht!

_Omar._ Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, -- laß mich sprechen. Ich

sahe in die schwarze Tiefe deines Unglücks und suchte einen goldnen

Sonnenstrahl in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mußte die Rettung

sein, oder du warst verloren. -- Ich eilte zu Zulma, (wie ich die

hundert Schwierigkeiten überwand, das sei dir itzt gleichgültig) ich

sprach von dir, sie kannte dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt,

ohne von dir bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward

gerührt. -- Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten! Gehe mit dem

Geständniß zu ihm zurück, daß ich keinen als Abdallah liebe.

_Abdallah._ Keinen als Abdallah? -- O _nun_ erst ist mir dieser Name

theuer, von itzt an will ich stolz werden, Abdallah zu sein. -- O Omar,

wäre diese Empfindung nicht so übermenschlich, sie würde mich

unglücklich machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu wünschen übrig.

_Omar._ Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen?

_Abdallah._ Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur die Möglichkeit, und ich

muß, ich muß sie sehen! --

_Omar._ Abdallah, laß nur die Vorsicht neben deiner Liebe gehn und die

trunkene durch die Gefahren sicher geleiten. -- Sie selbst hat mir die

Möglichkeit gegeben. -- Dort, jenseit des Flusses siehst du die Mauer,

die sich um den Garten des Sultans zieht, eine alte Cipresse steht dort

am Ufer, nach jener Stelle fahre in der Nacht, in _dieser_ Nacht, du

wirst Gesang und die Töne einer Guitarre hören, antworte mit deiner

Laute und übersteige dort die Mauer des Gartens -- und du findest Zulma

allein, nur von einer vertrauten Sklavin begleitet.

Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor Wonne, und Thränen

erstickten seine Worte. -- Fort! rief er, ich kann nicht danken! --

Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten Abdallah noch

einmal an die Vorsicht zu erinnern, die bei seiner Liebe so

unentbehrlich war. -- Dann ging dieser allein mit großen Schritten auf

und ab, er küßte seine Laute und schlug mit brennendem Entzücken in ihre

Saiten. Er sahe nach dem Abend, ob er nicht bald heraufdämmern wollte

und der Nacht die Zügel der Welt übergeben, er hätte ungeduldig den

zögernden Himmel herumrollen mögen und die schwarze Seite mit dem Mond

und ihren Sternen heraufreißen. Dann sah er wieder nach der Mauer

hinüber, die ihm aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich,

wie oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinübergeschaut,

und wie sie itzt sein Glück und alle seine Wünsche umfasse. Aus allen

seinen Träumen herausgerissen tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm

her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und hinter ihm

untergegangen, diese Nacht war die einzige Heimath seiner Träume,

Wünsche und Gedanken.

_Selim_ und _Abubeker_ hatten indeß schon mehrmals ihre Freunde

versammelt, der Strom war hoch gegen seinen Damm angeschwollen und

erwartete noch die letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und über die

Flur seinen verderblichen Grimm auszugießen.

Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten und bewaffnet, jede

Art der Rüstungen in unterirdischen Gewölben verwahrt, heimliche Zeichen

unter den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide

verbanden. Ein mächtiges Feuer loderte in allen Herzen und brannte zur

Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt den geheimen Bund mit

unzerbrechlichen Fesseln zusammen. -- _Omar_ trat itzt zum letztenmal in

ihre Versammlung, dann nahm er Abschied und trat seine Reise an.

Zweites Buch.

Erstes Kapitel.

Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken über die Spitze eines fernen

Berges herüber und jagte einen freundlichen Schein über den Strom;

_Abdallah_ bestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit

auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und

wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen,

die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es

war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem

Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum goß sich

itzt der erste goldene Schimmer des süßen zauberischen Lichtes über den

Fluß aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder

und fuhr in den glatten Strom hinein. -- Er schwamm wie in einem Meere

von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen

Abendwinden geneckt, die um ihn säuselten. Der Fluß schien ein Becher

voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen

durcheinander und hüpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen

herum und schienen ihn zu küssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Fluß

und kleine schießende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die

gestirnte Wölbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und

nieder. Dem Liebenden tönte das Plätschern des Ruders und das Rauschen

des Kahns wie Flötengesang in die süße Wellenmelodie.

Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, das säuselnd seine

grünen Schwerter im Mondstrahle blitzen ließ und unaufhörlich gegen

Abendfliegen kämpfte, die summend am Ufer des Stromes schwärmten. -- Die

alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und streckte dem Jüngling

ihre Zweige wie Arme entgegen, er ging in ihren Schatten und harrte mit

klopfendem Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute Zulma's

losreißen würde, mit ängstlicher Furcht erwartete er diesen schönen

Augenblick; die höchste Sehnsucht erschrickt vor dem langerhofften

Gegenstand. -- Der Schall eines Fußtrittes kam längst dem Fluß herab,

er schloß sich dichter an den Baum; der Schall kam näher und Abdallah

erkannte das Gesicht _Raschids_, der traurig und gedankenvoll vorüberging,

ohne ihn zu bemerken. -- Denkend und träumend, hoffend und fürchtend

stand er an den schattigen Stamm des traulichen Baumes gelehnt und

lächelte seine Träume an, alles flüsterte so heimlich und liebevoll um

ihn her, ein stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers und

beschenkte die blauen Kinder des Frühlings mit hellen kristallenen

Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig auf ihren schwimmenden grünen

Blättern in dem Strom umher, bläuliche Wasserschmetterlinge haschten

sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall schallte aus Zulma's

Garten her und verhallte in immer leiseren Accenten und schwoll dann

wieder wollüstig in hohe silberne Töne hinein, die weithin durch das

Laub der Bäume zitterten. -- Itzt -- ein freudiger Schauder fiel mächtig

auf Abdallah herab und zuckte pochend bis in die kleinsten Adern,

-- itzt erklang eine leise Guitarre über die Mauer des Gartens und sang:

Mondschein winke,

Welle locke

Den Geliebten

In die Fluth. --

Und der Mond winkt,

Und die Welle lockt, --

Kömmt der Geliebte

Durch die goldnen Fluthen?

Sprich aus deiner hohen Palme,

Holde Sängerin der Nacht:

Kömmt er durch Wellengelispel?

Naht er durch der spielenden Wogen Melodie?

Steht er silbern unter goldnen Schimmern,

Die in lichten Kreisen um ihn zucken,

Um die Locken eine Strahlenkrone weben?

Sprich ihm mit traulichem Geschwätz entgegen:

Wie ich harre,

Auf ihn hoffe,

Und die holde Nacht

Neben mir schlummert. --

Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im Geständniß der Liebenden.

Abdallah horchte noch und die ganze Natur schwieg, als horche sie mit

ihm auf neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der Himmel

umarmend um die Erde. -- Mit zitternder Hand ergriff Abdallah die Laute

und sang:

Sonne der Nacht!

Himmel meiner Seele!

Reizgeschmückte,

Schönheitgekrönte,

Ich nahe deiner Gottheit!

Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich der Mauer. -- Selbst

die leblose Natur schien ihn zu begünstigen, die Zeit hatte aus der

Mauer viele Steine herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er

leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit einem kühnen

Sprunge stand er dann in dem Garten.

Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander, Bäume

schienen in Bäume verschlungen. Die Winde wühlten in tausend Wohlgerüchen

und jagten und verließen sie wieder, und die Blumen schüttelten zutraulich

ihr Haupt gegeneinander. -- Abdallah eilt mit großem Schritt durch den

Garten, er hat vergessen wo und wer er ist, er fliegt zu einer blühenden

dunkeln Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma, in einer schönen

Stellung auf einen Rasensitz hingegossen und stürzt in namenlosen

Entzückungen ohne Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder. --

Zulma beugte sich schüchtern über ihn. -- Abdallah! flüsterte sie leise,

-- Abdallah!

Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es zitternd auf ihr Knie.

Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher.

Er gehorchte. -- Und es ist wahr, rief _Abdallah_, was mir noch der

kühnste Traum nicht gegeben hat? Es ist wahr, Zulma? -- O ich darf

_dich_ ja nicht fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen Wünschen

bestochen sein.

Zulma faßte seine Hand. -- Es ist kein Traum, Abdallah, nein, so schön

sind Träume nicht.

_Abdallah._ Nein, nein Zulma, denn wenn sie es ja sind, so muß uns das

hohe Entzücken aus dem Schlafe reissen, -- dies ist mein Trost, ja es

muß Wahrheit sein.

Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. -- Blätter säuselten,

die Blüthen dufteten, der Mondschein schlummerte süß auf dem grünen

Rasen, durch die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch.

_Abdallah._ O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick entgegengesehn!

-- Was hatt' ich dir zu sagen, -- und nun, -- meine Zunge ist stumm,

kaum bin ich mich meiner selbst bewußt.

_Zulma._ Wo findet die Liebe Worte? -- o Abdallah, wie glücklich machst

du mich, -- wie haben dich seit drei Monden meine Augen nun so oft

vergebens gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem Fenster

erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir nachgeflogen, -- und nun

sind alle meine Wünsche erfüllt!

_Abdallah._ O wie werd' ich mich von der Quaal dieser Wonne wieder

erholen können? Wie wird mir nun die Welt dort draussen leer und öde

sein! -- O Zulma, könnt' ich hier, hier zu deinen Füßen sterben, daß

mein Geist aus einem Paradiese in das andre schlüpfte!

Er warf sich nieder und bedeckte die Hände Zulma's mit Küssen. -- Zulma

beugte sich zärtlich auf ihn herab, eine Thräne, halb von Freude, halb

von Wehmuth glänzend, trat in ihr schwarzes Auge. »Liebst du mich

wirklich, Abdallah?« fragte sie mit der rührendsten Unschuld.

O laß mich schwören! rief der trunkene _Abdallah_ aus, bei dem Hauch der

Liebe, der durch den Garten wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel

mit tausend goldenen Augen auf uns herabsieht, --

Zulma ergriff seine Hand. -- Lügner, sagte sie leise, und dieser Ring,

-- sie hielt ihm den Zaubertalisman an der linken Hand entgegen.

Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust, es war ihm, als würden

furchtbare Gestalten aus den rauschenden Gebüschen hervortreten; er

verschloß die Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen.

Nein, sagte er betäubt, dies ist ein Geschenk der Freundschaft, ein

heiliges Versprechen meines Glücks, ein Unterpfand, das mich deines

Besitzes versichert. -- O Zulma mein, auf ewig mein!

_Zulma._ Auf ewig?

_Abdallah._ Es soll, es wird sein! -- warum würde sich alles so

wunderbar fürchterlich an einander reihen, wenn es nicht dazu wäre? O

das Schicksal häuft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend zu

machen; ich werde glücklich sein!

_Zulma._ Ich verstehe dich nicht, Abdallah.

_Abdallah._ Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich! o Thörichter, was willst du

mehr?

Er umarmte sie und drückte sich inniger an ihren Busen, sein Mund fiel

glühend auf den ihrigen; eine Stille der Mitternacht lag um sie her. Das

Herz sprach zum Herzen in verständlichen Schlägen, die Geister besprachen

sich in der hohen Entzückung, -- ein heiliger Hauch wehte wie ein

Schutzgeist um sie her, die Sterne glänzten goldener, die Natur lächelte

mütterlich auf ihre glücklichen Kinder hin.

Ein Händeklatschen aus dem nahen Busche. -- Wir müssen scheiden, sagte

Zulma seufzend; geh zuweilen dem Pallast meines Vaters vorüber, dann

sollen dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu mir kömmst.

Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum Unmöglichkeit, das

Veilchen vergebliches Hoffen, die Rose bist du, -- wenn diese auf der

Mitte des Altans steht, dann kömmst du wieder hieher, sobald dich meine

Laute gerufen hat. -- Sie drückte ihn noch einmal feurig an ihre Brust

und Abdallah ging wie im Traume taumelnd zurück. --

Als er in den Nachen stieg, tönte es ihm silbern aus dem Garten nach:

Walle sanft auf stillen Wellen,

Dich geleitet meine Seele

Säuselnd durch die blaue Fluth.

Er ließ das Schiff vom Strome forttreiben und sang leise zurück:

Doch bei dir weilt meine Seele;

Wie die abgerißne Blume

Schwimm' ich durch die blaue Fluth.

Die Töne verklangen in dem leisen Wogengeräusch. -- Der Nachen landete.

Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung, alle seine Gefühle

waren zu laut angeschlagen, in seine stille enge Wohnung konnte er itzt

nicht zurückkehren. Er eilte in's Freie, wo der Mond über das Gefilde

ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch kleine Spalten

blickte. -- Er überließ sich allen seinen Empfindungen, die durcheinander

strömten. -- Das Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus

seinen Träumen, er sahe auf und stand wieder in dem Felsenthal, wo

Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt hatte. Vom Berge rann im

Mondschein der Strom wie schäumendes Blut hinunter.

Ein Schauder verschlang alle seine süßen Empfindungen, mit kalter Hand

griff ein Grausen in seine Brust und zerriß das zarte Gewebe.

Welche dunkle Macht hat mich hierher geführt? rief er aus. -- Der

Jammer verfolgt mich ungestüm bis in die Wohnung der Seeligen. -- Alle

gräßlichen Erinnerungen steigen wieder von diesen Felsen herab, es kömmt

mir wild und zähnknirschend entgegen! -- Das Bild meines Vaters regt

sich unter meinen Füßen und will sich zu mir emporarbeiten. -- Hinweg!

hinweg! --

Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den Bergen hinter ihm

»Abdallah!« rief.

Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er stand. -- Ein Greis stieg

von dem Berge herab und eilte auf Abdallah zu.

Wer bist du? rief ihm der Jüngling entgegen.

Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band · 第 2 / 21 题